Heute in den Feuilletons - Archiv

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dezember, 2013

Die am wenigsten schreckliche Welt

31.12.2013. Im Spiegel enthüllen Jacob Applebaum und andere Neues über die NSA und ihre Art und Weise, Computer und Iphones anzuzapfen. Währenddessen spotten Netzautoren bei Twitter über ein CBS-Video, in dem ein EX-NSA-Chef Edward Snowden als Verräter bezeichnet - und das sich CBS von Microsoft sponsorn lässt. In der taz fragt Stephan Wackwitz: gibt es eine Coolness des Alterns? Die NZZ erzählt, wie die Kultur nach Perm kam. Die Welt sucht nach einem gemeinsamen Nenner für die Jugendunruhen in der ganzen Welt. Im kolumbianischen Magazin El Espectador traut sich Héctor Abad, ein Intellektueller und zugleich ein Optimist zu sein. Zu den wenigen Gründen, 2013 gute Laune zu haben, zählte unserer Meinung nach Pharell Williams. Guten Rutsch, also!

Mit Freunden zu einem Hunde-Essen

30.12.2013. Tobias Schwarz erinnert in den Netzpiloten an eine Niederlage der Öffentlichkeit im Jahr 2013 - die Verabschiedung des Leistungsschutzrechts. Für die taz porträtiert Gabriele Goettle Berlins berühmte Obdachlosenärztin Jenny De la Torre. Die Welt empfiehlt dringend einen Besuch bei Eva Hesse und Gertrud Goldschmidt in der Hamburger Kunsthalle. Die SZ ist empört über Europas schmutzige Flüchtlingspolitik. Und eine Insiderin wirft Martin Scorsese vor, dass er den Wolf der Wall Street glorifiziert.

Abend bei Grass. Nieren.

28.12.2013. In der FAZ beschreibt Hülya Özkan, wie Tayyip Erdogan seine frommen Anhänger gegen die Mächte der Finsternis in Stellung bringt, womit er aber nicht seine korrupten Minister meint. Nur zur Hälfte positiv bilanziert die SZ die Erfolge des investigativen Journalismus in diesem Jahr. Die taz findet in den Tiefen des Darknet Mittel und Wege zur digitalen Mündigkeit. Die Welt bricht eine Lanze für die Twitteratur. Die NZZ bringt Auszüge aus Max Frischs "Berliner Journal".

Die entscheidenden Diskursstellungen

27.12.2013. Der Economist erklärt, warum westliche Akademiker sich nicht trauen, den Namen Liu Xiaobo auszusprechen. Die NZZ weist uns in die Szene der ethnografischen Mp3-Blogger ein. Die taz guckt sakte-TV. Die SZ hat Lars von Triers Porno gesehen. Für die Welt ist Jonas Kaufmanns Tenor ein Instrument der Wahrheitsfindung. Nun ist es raus: Heidegger war Antisemit, meint die Zeit. Und der Tagesspiegel lernt im Iran, wie man gleichzeitig fromm sein und gut Geld verdienen kann. 

Sprung ins Absurde

24.12.2013. Die NZZ beschreibt, wie aus dem Gesinnungsterror von einst ein Verhaltensterror geworden ist. Die FAZ erkundet die Pläne Nadeschda Tolokonnikowas und Maria Aljochinas, die auch nach ihrer Amnestierung nicht brav werden. Die taz macht Schluss mit der Kritik am Konsum. Der Standard erinnert mit Kurt Flasch pünktlich daran, dass auch Christen kaum glauben, was sie glauben zu glauben. Der Perlentaucher aber glaubt an den Weihnachtsmann und wünscht all seinen Lesern freudige Feiertage!

Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapier

23.12.2013. Die taz findet, dass die Aufnahme Michail Chodorkowskis in Deutschland ein Vorbild für die Aufnahme Edward Snowdens sein sollte. Die NZZ teil Georg Büchners weihnachtliche Empfindungen. Die stets aufs Hippe scharfe SZ spürt den Puls der Zeit ausgerechnet in Berlin: in Form des kapitalismuskritischen Akzelerationismus. Außerdem: eine recht rockige Interpretation von Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 2.

Da steht ein vollkommen hoffmannsches Haus

21.12.2013. Die EU könnte sich das Parlament des Habsburger Reichs zum Vorbild nehmen, empfiehlt Timothy Snyder in der NZZ. In der Abendzeitung vergießt Joseph von Westphalen Tränen der Entscheidungsschwäche. Die taz hält Rückschau auf die Verblichenen der letzten zwölf Monate. Die SZ stößt bei einer Reportage über die Porno-Abmahnwelle auf mauernde Anwälte und Schweizer Briefkastenfirmen. In der FAZ erinnert Olga Martynova an Ossip Mandelstams Studienzeit in der Puppenstadt Heidelberg.

Etwas grobmotorisch

20.12.2013. Während Pussy Riot und Michail Chodorkowski auf Wink des Zaren amnestiert werden, werfen taz und SZ einen Blick auf die eher missliche Stimmungslage in Russland. Die Welt erlebte einen Super-GAU mit Waleri Gergijew. Der Guardian wirft einen ersten Blick auf das Projekt First Look Media, das von Pierre Omidyar finanziert und von Glenn Greenwald geleitet wird. Die FAZ erklärt, warum die Italiener mit Mistgabeln protestieren. Im Perlentaucher erschallt der Gesang der Tagtigall.

Retter der Leere

19.12.2013. Die NZZ sucht im Kopenhagener Louisiana-Museum nach einer Idee vom Norden und lässt sich dabei auch von Glenn Gould inspirieren. Die Welt sieht Abdellatif Kechiches Film "Blau ist eine warme Farbe" als Gegenentwurf zu Hollywood. Der Jurist David Cole kommt im NYRBlog zum Ergebnis, dass die NSA illegal operiert. In der Zeit fragt Clemens J. Setz, wie ein Gebärdendolmetscher gestikuliert, wenn er nichts sagt.

Diese allzu tapferen Krieger

18.12.2013. Die NZZ sucht in Ägypten vergeblich nach Neutralität. Die neue Bundesregierung will die NSA-Affäre aussitzen, ahnt Heise.de. Das Blog des Merkur startet eine Lektüre der Goncourt-Tagebücher. Die FAZ feiert Abellatif Kechiches Film "Blau ist eine warme Farbe" als Studie übers Erwachsenwerden. Außerdem prangert sie die Umtriebe der Islamisten in Syrien an. Das französische Filmgeschäft ist eine dynastische Angelegenheit, findet die Welt heraus. Die FR interviewt Hans-Ulrich Wehler zum Ersten Weltkrieg. In der SZ überreicht Fritz J. Raddatz seinem Kollegen Joachim Kaiser ein Blumensträußchen.

Das leicht Scheinende

17.12.2013. Die SZ protestiert gegen den Abriss der Esso-Häuser in Hamburg. Außerdem kann sie atheistischen Ägyptern nicht empfehlen, sich zu ihrem Nicht-Glauben zu bekennen. Die FAZ stellt schon mal eine to-do-Liste für Monika Grütters auf. Laut taz entlastet Franz Walter die Grünen weithin vom Pädophilie-Vorwurf, wenn auch nicht so ganz und gar. Die Welt befürwortet das Misstrauen gegenüber dem Bürger allenfalls im Namen der Freiheit. Der Guardian zitiert einen erfreuten Edward Snowden zum Statement eines amerikanischen Richters, der die NSA-Aktivitäten wohl als illegal verurteilen wird.

Schwer sentimentales Moll

16.12.2013. Die Berliner Zeitung hofft, dass die neue Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, verstanden hat, dass es das Internet gibt. Welches Ministerium ist nun eigentlich fürs Netz zuständig, fragt Netzpolitik. Die NZZ sucht in Bagdad nach neuem politischem Theater und findet es in Gestalt des Regisseurs Anas Abdul Samad. Die Welt untersucht Moritz von Oswalds Technomusik im Lichte von Jazz, Klassik und Krautrock. Ein Jahr nach dem Beschneidungsgesetz rufen einige Ärzteorganisationen laut Ärztezeitung zu seiner Revision auf. Außerdem: Peter O'Toole als unvergesslicher singender Don Quixote.

Kann man sich vor Maschinen schämen?

14.12.2013. In der FAZ fordert der Grünen-Europaabgeordnete Jan Philipp Albrecht einen digitalen New Deal, um die Macht des Silicon Valley zu brechen. Die taz mischt sich unter Cyborgs und Transhumanisten. In der Welt berichten ukrainische Schriftsteller vom Kampf um Europa in Kiew. Die NZZ zeichnet Aufstieg und Niedergang der Pressefotografie nach. Und die SZ erklärt das Jahr 2013 zum Cheeseburger unter den Jahren.

Kometenhaft aggressive Formgebärde

13.12.2013. In irights.info und FAZ führen Sascha Lobo und Constanze Kurz durchs Jahr der Spähkatastrophe. Die taz feiert Heino, der 75 wird, und Christian Semler, der 75 würde, und die informationelle Selbstbestimmung, die es sicher nicht wird. Der Tagesspiegel geißelt die Pampig- und Piefigkeit der Stadt Berlin gegenüber Sasha Waltz. Die Welt sieht die große Karl-Otto-Götz-Retro in der Nationalgalerie auch als Rehabilitation der deutschen Nachkriegs-Abstraktion. Die New York Times verliebt sich in die "Unbelievers". Und die NZZ stellt fest: Drei Viertel aller Briten beherrschen keine Fremdsprache mehr. Aber nun lernen sie Mandarin.

Irre ist nicht verboten

12.12.2013. Bei Spiegel Online erklärt der CDU-Europaabgeordnete Axel Voss, warum er Edward Snowden lieber nicht im Europa-Parlament hören möchte. Die NZZ begutachtet die Ergebnisse von Schönheits-OPs in Korea. Die Zeit freut sich über Intellektuelle, die unter deutschen Bürokratenärschen Feuer entfachen. Die SZ fordert Provenienzforschung jetzt auch bei Privatsammlungen. Die FAZ erkennt den Vorteil von alle zehn Jahre wechselnden Chefredakteuren.

Pflanzenfasern, Elchhaar und Stachelschweinborsten

11.12.2013. Die NZZ bewundert den Sinn der Irokesen für schöne Dinge, die FAZ die Tendenz des Textils zur Abstraktion. In der taz erklärt Eva Menasse, warum sie den Aufruf für Demokratie im digitalen Zeitalter mit initiiert hat: "Es ist das Ende der Meinungsfreiheit, wenn die Maschinen unsere Gedanken lesen können." Auch Sascha Lobo geißelt  in seiner Spiegel-Online-Kolumne den amtlichen Wahnsinn der totalen Vorratsdatenspeicherung. Alle trauern um den großen Übersetzer Peter Urban.

Dieses existenzielle Menschenrecht

10.12.2013. Juli Zeh und Ilija Trojanow lancieren einen internationalen Autoren-Appell, den die FAZ heute veröffentlicht: "Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter". Im Interview mit der FAZ wehren sie sich gegen den Eindruck, dass die NSA-Affäre nur die Deutschen aufregt: Unterzeichnet haben Dutzende von Autoren, von David Albahari über Don DeLillo bis Oksana Zabuzhko. Auch der Guardian berichtet groß. Die New York Times erzählt, wie sich die Wikipedia gegen Stephen Colbert wehrt. Die NZZ setzt sich mit Claude Lanzmanns Film "Le dernier des injustes" auseinander. in der taz schreibt der Historiker Alexander Kratochvil über die Proteste in Kiew.

Lichtstrahlen in das Raumdunkel

09.12.2013. Google, Apple und andere Internetkonzerne wenden sich mit einem offenen Brief gegen die Schädigung ihres Rufs durch die nun offen gelegten Überwachungsstrukturen, melden heute alle Medien. In der taz sieht Andrej Kurkow die ukrainischen Proteste als Beweis für die gesellschaftliche Reife des Landes, das allerdings politisch nicht Schritt hält, wie er zugleich in der FAS erläutert. In der LRB wirft Seymour Hersh Obama vor, in Bezug auf Syrien gelogen zu haben. Die Welt stellt den Comiczeichner und Munch-Biografen Steffen Kverneland vor. Die SZ protestiert gegen die Überalterung der Literaturnobelpreisträger. Und alle waren in der Scala und hörten Diana Damrau in der "Traviata".

Ein Gegengift zum Rummel

07.12.2013. In einem empörten Artikel für die Welt wirft Juri Andruchowytsch dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch vor, die Proteste für Europa mit brutaler Gewalt niederzuschlagen. In der NZZ erinnert der südafrikansiche Autor Zakes Mda daran, wie Nelson Mandela die Versöhnung auch gegen den ANC durchsetzte. Joseph von Westphalen erinnert sich in der Abendzeitung an ein Lächeln vor einem vornehmen Teeladen, das seiner Mutter einst große Erleichterung brachte. Die taz beleuchtet die Zeitenwende bei Hanser.

Radikale Publizität

06.12.2013. Nadine Gordimer schreibt auf der Website des New Yorker einen sehr persönlichen Nachruf auf Nelson Mandela. Wir verlinken außerdem Dossiers in der New York Times und ein Interview mit dem Mandela-Biografen John Carlin. In der Welt polemisiert Cora Stephan gegen Alice Schwarzer. Und Rüdiger Wischenbart antwortet auf Sibylle Lewitscharoffs Amazon-Kritik. Auch die FAZ greift die Diskussion über Prostitution auf. Lawblogger Thomas Stadler schreibt in Netzpolitik über "Geheimdienste und Bürgerrechte. Die SZ ist empört über den Kunstmarkt. In der taz rufen ehemalige DDR-Bürgerrechtler zum Protest gegen die Geheimdienste auf.

Eine Strategie der Blendung

05.12.2013. Die taz befasst sich mit der "Zeit der bösen Onkels", als erwachsene Spießer mit Lolita-Bildern an der sexuellen Befreiung teilhaben wollten. Und die Zeit stellt dazu die aktuelle Frage: Ist es korrekt, die Polaroids öffentlich zu machen, die Balthus von seinen Teenie-Modellen anfertigte? Die Washington Post und andere melden: Die NSA sammelt Milliarden von Handy-Standortdaten. Das betrifft sämtliche Ausländer weltweit und ist somit legal. Die SZ erklärt, warum sich Kino mit dem Zeitgeist arrangieren muss.

Unverfroren, aber diskret

04.12.2013. Während Alan Rusbridger den britischen Parlamentariern gestern erklärte, was Pressefreiheit ist, berichtet Reuters, dass gegen den Guardian wegen Unterstützung des Terrorismus ermittelt wird. Sascha Lobo beschreibt in Spiegel Online die drei Tricks der Überwachungslobby. In der Welt schildern die Gebrüder Coen den Einfluss John Goodmans auf ihre Künstlerfiguren. Die SZ fragt: Hat Alice Schwarzer einen frauenfeindlichen Begriff von Sexualität? Die FAZ begeht den 120. Mao-Geburtstag.

Niemand sprach mit mir

03.12.2013. In der FAZ verzweifelt Michael Kumpfmüller an den Franzosen. Die Welt staunt über die Lebensfreude des Honoré Fragonard. Die NZZ erklärt den Erfolg von Buzzfeed. Die SZ freut sich über eine Satire auf einen islamistischen Gottesstaat, für die sich aber nirgends ein Verleger findet. In Eurozine kritisiert Slavenka Drakulić das kroatische Gesetz gegen die Homoehe. Die taz warnt: 180 Gramm schwere Vinylplatten sind reine Angeberei.

Im Kellergeschoss ihres Soprans

02.12.2013. In Spiegel Online spricht Hamed Abdel-Samad darüber, wie es sich anfühlt, eine Pistole an der Schläfe zu haben. Die NZZ blickt auf die Lage der Aleviten in der Türkei. Die Welt stellt das panarabische Magazin The Outpost aus Beirut vor. Die taz erzählt, wie Joshua Oppenheimers Dokumentarfilm "The Act of Killing"  in Indonesien aufgenommen wird. In der NZZ erblickt Karl-Heinz Ott im Dezember "Tristesse, Horror und Panik", wohin man blickt. Goethe und Schubert seien schuld. Wir raten Ott: Ändern Sie Ihr Leben mit Pharrell Williams.