Heute in den Feuilletons - Archiv

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Oktober, 2013

Aufständische Macht der Außenstehenden

31.10.2013. NSA und GCHQ greifen unsere Mails nun doch bei Google und Yahoo ab, berichtet die Washington Post. Die SZ nimmt die Heuchelei europäischer Staatschefs aufs Korn, die sich über die NSA empören, während sie fleißig mit ihr kooperieren. In der FAZ möchte der Historiker Thomas Stamm-Kuhlmann die amerikanische Verfassung beim Wort nehmen. In der Welt gibt Ian Buruma dem Internet die Schuld an allem. Außerdem heute: Die taz beschreibt Warschau als globale Stadt. Die NZZ begutachtet die postrevolutionäre Literatur in China. Die Zeit huldigt der athenehaften Kühle Cate Blanchetts. Und Glenn Greenwald vermisst die Distanz heutiger Journalisten zu den Mächtigen.

Märchenton und Orgelschwall

30.10.2013. In Spiegel Online fordert Sascha Lobo die Abschaffung des Verfassungsschutzes. Der Guardian und faz.net versuchen aus den neuesten Äußerungen des NSA-Chefs Keith Alexander schlau zu werden. Die taz erklärt, wer alles von den Five Eyes eigentlich gar nichts wissen darf. Die NZZ besucht Stalins fernöstliches Jerusalem und Petros Markaris' Athen. Laut Telepolis will die VG Wort ihre von Gerichten als illegal befundenen Ausschüttungen an Verlage jetzt von der Politik legalisieren lassen.  Die FAZ recherchiert zur Lage der Billeteure im Burgtheater. Und sie rudert im Streit mit den Buchverlagen um Blurbs zurück, meldet Carta. Die Welt erliegt heute Neo Rauchs unironischem Zauber.

Die Genauigkeit ist unmenschlich

29.10.2013. David Cameron droht den britischen Zeitungen inzwischen offen mit Zensurmaßnahmen, falls sie die Berichte über die Geheimdienste fortsetzen, meldet der Guardian. Nicht der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe der Moderne, sondern das Trauma der napoleonischen Kriege, meint Götz Aly in der Berliner Zeitung. Open Culture präsentiert einen Dokumentarfilm, den Lou Reed über seine hundertjährige Kusine Red Shirley gemacht hat. Für die FAZ lässt sich Ranga Yogeshwar abhören. Außerdem verlinken wir das einzige Interview mit Robert Capa.

Von Strömungen geformt

28.10.2013. In der taz erzählt die Atomforscherin Inge Schmitz-Feuerhake der Reporterin Gabriele Goettle, wie sie die Atomkraft hassen lernte. turi2 meldet, dass die Zeitungsverleger im Kampf gegen den Mindestlohn zur Not das Bundesverfassungsgericht einschalten wollen. In der FAZ fordert Christian Lindner eine deutliche Antwort auf die Abhöraffäre und stellt sogar das Freihandelsabkommen mit den USA zur Disposition. Und einige Links zu Lou Reed.

Sono una stacanovista

26.10.2013. Der Guardian bringt neue Papiere, die belegen, dass der GCHQ nicht aus Sicherheitssgründen gegen die Geheimdienst-Debatte kämpft, sondern weil er illegal gehandelt hat. Außerdem haben die Telekomkonzerne offenbar weit intensiver kooperiert, als sie zugeben. Die Welt steht weiter fest zum Überwachungsstaat. Die taz freut sich über das möglicherweise bevorstehende Ende des Suhrkamp-Dramas. Sämtliche Zeitungen hatten das exklusive Privileg, Robert Harris zu seinem Dreyfus-Roman "Intrige" interviewen zu dürfen - in der FAZ erklärt er, warum er gegen Regulierung der Presse ist. Und die Washington Post fragt: Wird es neuen Streit um die Verlängerung von Copyrights geben?

Zerfallen lautlos

25.10.2013. Die ganze Welt und neuerdings sogar die Welt interessieren sich für Angela Merkels Handy, nur die ARD nicht, hat Stefan Niggemeier herausgefunden. In Zeit online erklärt der Historiker Josef Foschepoth, warum es legal ist, die Kanzlerin abzuhören. In der FAZ erklärt Michael Naumann, warum Theodor Eschenburg als einer der wenigen SSler kein Nazi war, und wenn, dann höchstens im weiteren Sinne. Die Welt findet den Armutskult des neuen Papstes moralisch bedenklich. Die taz sucht mit Toni Negri und Byung-Chul Han nach einem Notausgang aus dem Kapitalismus.

Die sexuelle Ökonomie des unteren Mittelstands

24.10.2013. Angela Merkel wurde abgehört. Nun hat sie Obama ihre Meinung auch einmal direkt gesagt. Wir bringen eine Blütenlese aus vielen Medien. Alle amüsieren sich mit Asterix bei den Pikten. In der Zeit beklagt Sibylle Lewitscharoff den Niedergang Italiens. Aber Durs Grünbein braucht es trotzdem. Laut Welt will Hans Barlach sich mit seiner Rolle als Suhrkamp-Aktionär abfinden. Und Bunuel mixt den perfekten Martini.

Wir suchen die Auseinandersetzung

23.10.2013. Die taz hält fest: Wer im Museum der bildenden Künste Leipzig Tiernamen ruft, kriegt sein Tiananmen. Die gesamte Presse kommentiert die neueste Peripetie im Suhrkamp-Drama als entscheidenen Etappensieg Ulla Unseld-Berkéwicz'. In der Welt spricht der Historiker Krisztián Ungváry über die Ursachen des ungarischen Antisemitismus. Die NZZ ist nicht zufrieden mit der Theophil Hansen-Schau in Wien. Die SZ bewundert die in Frankreich grassierende rebellische Ungeduld.

Wenn es sich um Zorn handelt

22.10.2013. Die NZZ ergründet das Geheimnis von Catherine Deneuves Reserviertheit. Nicht nur manche Parteien, auch die Journalisten haben den Bundestagswahlkampf verloren, findet Max Thomas Mehr in Dradio Kultur. Zeit online ruft der Bundesregierung nach den Enthüllungen über die NSA-Bespitzelung der Franzosen zu: Empört euch! Die Welt entscheidet sich mit Albrecht Dürer für die Wahrheit und gegen das Ideal. Die taz berichtet über einen historischen Streit im Hause C.H. Beck. Die SZ verliert im dänischen Seefahrtsmuseum den Boden unter den Füßen. Und Slavoj Zizek rappt jetzt auch.

Es gibt keinen Theatergott

21.10.2013. In Libération beklagt sich Filmregisseur Olivier Dahan bitter über die Weinsteins, die seinen Film neu geschnitten haben. Die NZZ besucht die Hutterer in Montana. Die FAZ beklagt sich über den Mangel an Anstand im Netz. In der SZ lehnt der Filmproduzent Martin Moszkowicz ein Zwangslizenzsystem für Filme im Netz ab. Die Feuilletons trauern um den Theatermacher Dimiter Gotscheff.

Geiles atonales Nichts

19.10.2013. Die NZZ erzählt, wem Büchner seinen physiologischen Blick auf die Welt verdankt. In der Welt rühmt Ian McEwan die großen Agentinnen. Die taz verfällt dem akustischen Klöterkram von Dino Valente. Die SZ stellt die Phantastische Bibliothek in Wetzlar vor. In der FAZ erinnert sich Monika Maron an Gert von der ZAD.

Nullprozentige Chance

18.10.2013. In der Welt spricht Ben Urwand über die Kollaboration der Hollywood-Majors mit den Nazis. Die NZZ entdeckt Facebook und ist schockiert. Edward Snowden beteuert in der New York Times, dass er Russen und Chinesen keine Dokumente gegeben hat. Laut Spiegel Online bewegt sich die EU in Sachen Datenschutz. Zwei unterschiedliche Perspektiven auf Theater und Wirklichkeit und die mindestens ebenso schnöde Wirklichkeit im Theater bietet Nachtkritik. Zeit online ruft BND-Mitarbeiter zum Whistleblowing auf. Die SZ belegt, dass Konversationskompetenz kein Ausweis für Intelligenz ist, zumindest nicht künstliche.

Wir sind solche Schoßhunde

17.10.2013. Jay Rosen hat mit Pierre Omidyar über dessen neues Medienprojekt gesprochen, für das der Ebay-Gründer Glenn Greenwald und Laura Poitras engagiert hat (und für das er so viel ausgeben will wie Jeff Bezos für die Washington Post). Die taz fragt: War denn die Leipziger Völkerschlacht wirklich ein Allerlei? Die NZZ erklärt, warum die Briten über den neuen Booker-Preis sauer sind. Der Freitag erzählt vom Einfluss goldener Schuhe auf die Völkerverständigung. Und Alain Badiou überlegt schon mal, wessen Freiheit er im Kommunismus zerstören würde. Beim Blick auf die Kirche fällt die Zeit doch noch vom Glauben ab. Alle feiern Georg Büchner.

Künftig nur noch gegen Rechnung

16.10.2013. Warum regen sich Künstler nicht über Prism auf, fragt der Kunstjournalist Jörg Heiser in der FAZ und vermutet eine geheime Komplizenschaft. Der Prism-Enthüller Glenn Greenwald verlässt den Guardian und gründet etwas Neues, meldet reuters. Die taz erinnert an die Rettung der dänischen Juden. Carta und Tagesspiegel fragen, ob Zitieren jetzt endgültig kostenpflichtig wird. Um gut zu bauen, nahm die katholische Kirche sogar schon die Reformation in Kauf, meint die Berliner Zeitung. Quallen übernehmen die Weltmeere, berichtet Atlantic. Und Eminem hat eine Menge zu sagen.

Magmatischer Granit, den Feinschliff glitzern lässt

15.10.2013. In Creativetimereports.com klagt David Byrne: New York ist stinklangweilig geworden. Die taz begleitet den 1. FC Lampedusa zum 1. FC Sankt Pauli. Rue89 macht sich Sorgen über französische Schlachthöfe, die immer öfter nach religiösen Vorschriften ohne Betäubung schlachten und mit diesem Fleisch auch normale Supermärkte beliefern. Glenn Greenwald rauft sich im Guardian die Haare über einen Kollegen vom Independent. In der FAZ schildert Mohsin Hamid die Dynamik des Sicherheitsstaats. Und viel Harmonie zu Scharouns Philharmonie!

Das Böse ist nie chemisch rein

14.10.2013. Swetlana Alexijewitsch erzählt auch in ihrer Friedenspreisrede Geschichten, zum Beispiel die von der schönen Tante Olja. Interessante Copyright-Probleme stellen sich bei den Hardcore-Sexszenen in Lars von Triers neuem Film, erläutert die Welt. Die NZZ ist zufrieden mit dem Brasilien-Schwerpunkt der Buchmesse. In der SZ erklärt Filmproduzent Fred Breinersdorfer, warum er sich seine Internetrechte vom Staat abnehmen lassen will. Die New York Times heißt jetzt auch international so. Und Google will mit dir werben.

Höchsten Heiles Wunder

12.10.2013. Evgeny Morozov sieht uns in der FAZ auf dem Weg in die dystopische Zukunft des präemptiven Regierens. In der Welt verneigt sich Sonja Margolina vor Swetlana Alexijewitsch, die morgen den Friedenspreis erhält. Die NZZ stellt mit Sigismund Krshishanowski einen unbekannten russischen Autor vom Rang Vladimir Nabokovs vor. Die Golfstaaten wollen Immigranten künftig maximalinvasiven Untersuchungen auf Homosexualität unterziehen, meldet Spon. Und die SZ berichtet von Attacken auf Luiz Ruffatos Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse.

Lesen Sie Munro! Lesen Sie Munro!

11.10.2013. Alle Zeitungen freuen sich über den Literaturnobelpreis für Alice Munro. Es war ein weiter Weg für die Autorin, der Anfang der Sechziger noch vorgeworfen wurde, nicht attraktiv genug zu sein, erzählt Margaret Atwood im Guardian. Die NZZ war dabei, als Japans höchste Gottheit Amaterasu Omikami ihren neuen Schrein bezog. Die Welt erstarrt vor dem späten Braque im Pariser Grand Palais. In der FAZ erklärt Roberto Saviano, warum er sein Buch "Gomorrah" heute nicht mehr schreiben würde.

So viele coole Sachen mit Daten

10.10.2013. Die NZZ schildert die gefährliche Lage syrischer Christen. Der Tagesspiegel untersucht das Phänomen Crowdfunding auf dem Buchmarkt. In der Welt verzweifelt der ägyptische Journalist Hani Shukrallah an seinen Kollegen. In der SZ erklärt Ladar Levison, warum er seinen Emaildienst lieber eingestellt als dem FBI offengelegt hat. In der Zeit feiert Obama-Berater Harper Reed Big Data. Eva Menasse kann dagegen nicht fassen, wie gleichgültig die Deutschen auf die Überwachung reagieren.

Jagd, Hetze und amour fou

09.10.2013. Die taz fordert: Mehr Anerkennung für die lateinamerikanische Kunst. Der Reporter Gay Talese erklärt im  Nieman Storyboard, wie er seine berühmte Reportage "Frank Sinatra has a cold" schrieb. Die NZZ klagt Google, GPS und Twitter an: Wir können uns nicht mehr verirren. FAZ, SZ und alle anderen Zeitungen trauern um Patrice Chéreau.

Phrasenmitschreiber

08.10.2013. Die taz begibt sich auf einen historischen Strandlauf an der Copacabana: Hier entstand das Anthropophagische Manifest. Die Welt fragt: Techcrunch meldet: Amazon baut die Wolke für die CIA und NSA. Netzpolitik lauscht dem Schweigen der Bundesregierung zu den Fragen der Grünen betreffs Geheimdienste. Und auch der BND hört fleißig mit, wahrscheinlich rechtswidrig, so der Anwalt Thomas Stadler. Der Tagesspiegel ist überzeugt: Die Buchpreisentscheidung für Terézia Mora ist der stärkste, bestmögliche Kompromiss. Die SZ und FAZ staunen weiter über Jonathan Franzens Liebe zu Karl Kraus. Zu spät für die deutschen Zeitungen kam die Meldung vom Tod Patrice Chéreaus.

Das Ich, lesbar gemacht

07.10.2013. Die NZZ besteht auf dem Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Der Blogger Frank Zimmer will die Aufregung um die kostenlosen Gastbeiträge der Huffington Post (die in der FAS von Stefan Niggemeier angeprangert werden) nicht teilen. Der Naturwissenschaftler Neil deGrasse Tyson staunt auf Twitter über einige Naturwunder in dem Film "Gravity". Die FAZ fürchtet: Italien ist auch ohne Berlusconi marode. Der SZ graut vor einem Lampenfieber-Detektor, der Terroristen aufspüren soll. Und: die Tonschönheit, Phrasierungskunst, Charakterisierungslust Kim Kashkashians.

Im Maschinenraum der Sprache

05.10.2013. In der NZZ beschreibt der Schriftsteller Luiz Ruffato die institutionalisierte Barbarei in Brasilien. Die FR würdigt Diderot als Netizen im Geiste. Die taz fragt, wer eigentlich die antirassistischen Sprachregeln festlegt. In der SZ klagt Christopher Schmidt den deutschen Literaturbetrieb an: Er sei eine Konformismusmaschine. FAZ und NZZ haben heute ihre Buchmessenbeilage in der Zeitung, beide machen mit nicht-literarischen Titeln auf.

Sport und Gemüse

04.10.2013. In der FAZ freut sich Constanze Kurz: Drei britische Organisationen klagen vor dem Europäschen Gerichtshof gegen Tempora. John Lanchester fordert im Guardian eine Digital Bill of Rights. Jonathan Franzen ist dem FAZ-Redakteur Dietmar Dath nicht kommunistisch genug, weil er das Netz zwar verdammt, aber nicht mit Haut und Haar. taz und SZ interpretieren die allerneueste Suhrkamp-Gerichtsentscheidung als Sieg für Ulla Unseld-Berkéwicz. Eine in Cision präsentierte Umfrage zeigt: Deutschlands Journalisten können Facebook und Twitter nicht. Die NZZ steht vor Munch und kann nur staunen.

Das bildfüllende Schweigen am Esstisch

02.10.2013. In der FAZ fragt Ilija Trojanow, warum er nicht in die USA einreisen darf. Keine Antwort. Die NZZ hat das attraktivste Stadtmuseum Europas entdeckt. Es steht in Barcelona. Bei den Netzpiloten erklärt Gerard Ryle vom Recherchenetzwerk ICIJ, warum Journalismus international wird. Im Atlantic erklärt Jonathan Franzen, warum er das Internet nicht mag, und was Karl Kraus damit zu tun hat. Wie lernt man Demokratie als Erwachsener, fragt Inga Pylypchuk in der Welt. Die SZ klammert sich an Deleuzes Luftwurzeln, da sie sonst die Gravity verliert. Die Zeit feiert Yasmine Hamdan und mit ihr Asmahan und wir mit ihr und ihr und ihr.

Ein ebensolcher Daheimbleiber

01.10.2013. Edward Snowden fordert in einem Statement, das im EU-Parlament verlesen wurde, dass die Bürger selbst über ihren Datenschutz entscheiden. Die Welt versucht herauszufinden, was Jonathan Franzen mit Karl Kraus macht. In der taz konstatiert Ilija Trojanow: Niemand liest in Brasilien. In der FAZ verschafft Sascha Lobo Botho Strauß intellektuellen Zugang zum Netz. SZ und FAZ feiern Edgar Reitz. Zeit.de debattiert über Big Data. Das New York Times Magazine bringt einen Vorabdruck aus Dave Eggers' neuem Roman "The Circle", in dem es um Überwachung in Unternehmen geht.