Intervention
Für ein Protektorat auf Zeit
Von Daniele Dell'Agli
18.09.2025. Israel wird von den meisten Regierungen der Welt die alleinige Last der Befriedung des Gazastreifens auferlegt. Statt selbst Vorschläge zu machen, ist es ihnen wichtiger, dem Antisemitismus in ihren Ländern ungeniert wieder freien Lauf zu lassen und neue geopolitische Allianzen auf Kosten Israels zu schmieden. Dabei wäre das Eingreifen einer multinationalen Streitmacht die einzige für Israel und die Palästinenser akzeptable Option. Dass so etwas möglich ist, zeigte das Eingreifen eine UNO-Truppe unter amerikanischer Führung 1990 in Kuwait."Enough", mahnte in Cannes die tunesische Filmregisseurin und Gewinnerin des Spezialpreis der Jury für ihr Dokudrama "The Voice of Hind Rajab". Genug ist genug. Das Publikum klatschte erwartungsgemäß Beifall. Ja, zwei Jahre Krieg, Bombenterror, Vertreibung und Elend sind mehr als genug. Aber was sollen die Israelis sagen, die seit ihrer Staatsgründung am 14. Mai 1948 nicht einen einzigen Tag in Frieden leben durften? 77 Jahre arabisch-palästinensischer Kriege und Terroranschläge, 21.500 Raketen allein seit dem 7. Oktober, davon 3.000 am Tag des Massakers, Vorwarnzeit 15 bis 60 Sekunden: ist das nicht längst mehr als genug? Offenbar nicht, wenn es nach der einseitigen Parteinahme der überwältigenden Mehrheit der unvereinten Nationen geht.
Seit bald zwei Jahren wird über den Gaza-Krieg der israelischen Armee gegen die Hamas berichtet, Berichte werden analysiert, Analysen kommentiert, Kommentare angefochten. Fast immer steht das Vorgehen der Israelischen Armee (IDF), ihr angeblicher Genozid an der palästinensischen Bevölkerung im Vordergrund, während der Überfall der Hamas, der den Angriff Israels ursächlich auslöste und ihre Guerillataktik, bei der nicht nur Schulen und Krankenhäuser als Stützpunkte und Zivilisten als Schutzschilde missbraucht werden, sondern die sogenannten Kämpfer, durchweg feige Meuchelmörder, sich unkenntlich unter die Zivilisten mischen, allenfalls am Rande diskutiert wird. Ebenso ausgeblendet wird, dass es die Untertunnelung des gesamten Gaza-Streifens zu militärischen Zwecken ist, die eine systematische Zerstörung der Infrastruktur und eines Großteils der Wohnanlagen zwingend erforderlich für die nachhaltige Zerstörung der Terrororganisation macht.
Unverdrossen wird dafür die Dauer der Kämpfe und die Rücksichtslosigkeit der israelischen Kriegsführung gegenüber der Zivilbevölkerung tribunalisiert, obwohl allgemein bekannt ist, dass die IDF, hätte sie nur ihre enorme Überlegenheit ausgespielt, ihre Offensive innerhalb weniger Monate hätte beenden können, wäre sie nicht stets auf die Schonung der Zivilisten bedacht gewesen. Dass diese nur bedingt möglich war und ist, wenn der Feind die Grenze zwischen Kombattant und Händler, Bauer, Journalist et cetera permanent verwischt, war so nicht vorauszusehen. Dass unter Schulen und Krankenhäusern Waffendepots und Tunneleingänge ohne Wissen und Mithilfe des Personals (Lehrer und Ärzte) eingerichtet wurden, ist denkbar unwahrscheinlich. Und auch wenn es stimmt, dass die Hamas leichtes Spiel hat, verzweifelte und von den Kriegswirren desorientierte Jugendliche zu rekrutieren, so sollten wir nicht vergessen, dass es von der UN und von Brüssel bezahlte Lehrer waren, die ihnen zuvor jahrelang eingetrichtert haben, in der Vernichtung Israels ihren obersten Daseinszweck zu erkennen. Vermutlich werden wir nie erfahren, wieviele "unschuldige" Palästinenser, sieht man von den Kindern ab, wirklich zu den Opfern zu zählen sind.
Nun stimmen selbst die schärfsten Israel-Kritiker der Einschätzung zu, dass es mit der Hamas keine Zukunft für Gaza und seinen Bewohnern geben wird; auch macht die Terrororganisation keine Anzeichen - außer taktischen Täuschungsmanövern - die Waffen niederzulegen, die Geiseln freizulassen und ihre Waffendepots aufzugeben. Dann aber fragt man sich, was das Mantra vom angeblichen Fehlen eines strategischen Ziels der israelischen Kriegsführung bedeuten soll, die doch vom ersten Tag an keinen Zweifel daran gelassen hat, dass es darum geht, die Hamas vollständig zu beseitigen, ein Ziel für das es das stille Einverständnis der internationale Gemeinschaft gibt. Diese dürfte sich auch der Implikationen dieses Vorhabens bewusst sein, dass nämlich Israel keine andere Wahl bleibt, als ganz Gaza, ober- wie unterirdisch, einzunehmen und zu verwüsten, selbst wenn sich der Krieg noch ein weiteres halbes Jahr hinziehen und weitere zigtausend Palästinensern das Leben kosten sollte.
Absehbar ist ferner, dass Gaza unbewohnbar sein wird, zwei Millionen Menschen werden versuchen, in die Nachbarstaaten auszuweichen, die Lage im Westjordanland wird sich noch einmal dramatisch zuspitzen. Während die Europäer immer noch hoffen, dass die inneren Spannungen Israels und die Proteste der Zivilbevölkerung entweder die Regierung Netanjahu zu Fall bringen oder ihre Kriegsmaschinerie stoppen, wartet die arabische Liga darauf, dass die Israelis die Kastanien für sie aus dem Feuer holen und sich dabei die Finger verbrennen (hier ist Friedrich Merz' Rede von der "Drecksarbeit" erst recht angebracht), denn auch ihr allgemein konsensfähiger Wiederaufbauplan setzt zwar das Verschwinden der Hamas voraus, bietet aber keinen Vorschlag für die Eliminierung der Terrororganisation. Und die UNO?
Die Vereinten Nationen, die noch nie so uneins waren wie heute, haben in den vergangenen anderthalb Jahren nicht einen einzigen konstruktiven Vorschlag zur Lösung oder Entschärfung des Konflikts gemacht. Stattdessen haben sie sich schnell - wie schon zig Mal zuvor in der jüngeren Geschichte - darauf geeinigt, Israel als den Hauptschuldigen zu brandmarken, haben sich in symbolpolitischem Aktionismus überschlagen: Beschwörungen des Völkerrechts, Verurteilungen Israels, Sanktionen, Boykotte, Embargos, Resolutionen und nicht zuletzt die Anerkennung eines faktisch inexistenten Staates Palästina. Von Anbeginn wurden Hamas-Versionen und Opferzahlen übernommen, bereits eine Woche (!) nach Kriegsbeginn von Genozid gefaselt, und die vermeintlich mutwillige Aushungerung der Gaza-Bewohner, deren Hilfslieferungen nicht nur von der Hamas gezielt torpediert wurden, erweist sich, wie die differenzierten Untersuchungen von Mena-Watch beweisen, ebenfalls als infame antiisraelische Propaganda. Dabei hätte die UNO durchaus die Möglichkeit (gehabt), dem Desaster ein Ende zu setzen und mehr noch: sie hätte auf eine Blaupause für ein solches Projekt zurückgreifen können. Über die zahlreichen Kriegswirren der letzten Jahrzehnte ist eine Sternstunde der Vereinten Nationen in Vergessenheit geraten, in der sie so entschieden und erfolgreich wie nie zuvor und nie danach gehandelt haben.
Zur Erinnerung: am 2. August 1990 war Kuwait von Irak überfallen worden, innerhalb weniger Stunden hatte Saddam Husseins Republikanische Garde alle strategisch relevanten Ziele erobert und eine Marionettenregierung eingesetzt. Noch am selben Tag verurteilte der UN-Sicherheitsrat (Resolution Nr. 660) die Annexion, die Organisation der Islamischen Konferenz forderte im Oktober Saddam Hussein ebenfalls auf, seine Truppen abzuziehen und die Souveränität des Landes wiederherzustellen. Nachdem alle diplomatischen Bemühungen gescheitert waren, wurden die Mitglieder der Vereinten Nationen, die sich unter Führung der Amerikaner bereits zu einer Koalition zusammengeschlossen hatten - 34 Staaten, darunter viele europäische und die meisten arabischen (Deutschland war mit Logistik und Übernahme eines erheblichen Teils der Kosten beteiligt) - mit der Resolution Nr. 678 des UN-Sicherheitsrates vom 29. November 1990 ermächtigt, alle notwendigen, auch militärischen Schritte zu unternehmen, die Besetzung Kuwaits rückgängig zu machen. Ende Januar 1991 begann die Operation "Desert Storm" mit einem Bombardement der irakischen Stellungen, Ende Februar folgte die Bodenoffensive der alliierten Truppen, keine zehn Tage später kapitulierte das irakische Oberkommando und zog sich aus Kuwait zurück. Auch in dieser Krise bewährte sich übrigens die eherne Logik falscher Entscheidungen palästinensischer Führungen: weil sie dem Aufruf Arafats gefolgt waren, an der Seite Saddam Husseins zu kämpfen, mussten 400.000 Palästinenser nach dem Krieg Kuwait verlassen.
Vier Monate hatte es also gedauert, diesen gefährlichen Brandherd, der eine ganze Weltregion zu destabilisieren drohte, zumindest politisch zu löschen; weitere neun Monate dauerte die Eindämmung der ökologischen Katastrophe, nachdem die irakischen Truppen bei ihrem Rückzug sämtliche Ölfelder in Brand gesetzt hatten.
Wer nach dieser stark verkürzten Schilderung (die ausführliche, sehr detailfreudige kann man auf Wikipedia nachlesen) immer noch behauptet, die Vereinten Nationen könnten in Gaza nicht einschreiten, hat offenbar nicht verstanden, dass sie es nicht wollen. Die Palästinenser sind ihnen egal, ihr Territorium ist geostrategisch irrelevant, Bodenschätze gibt es dort auch nicht zu holen, das Prinzip der Schutzverantwortung, das die UNO als ganze bindet und auf das sie sich - wie 2011 für Libyen - für eine Intervention berufen könnte, überlässt sie perfiderweise Israel, das die Zivilisten in Gaza nicht nur vor der Hamas schützen, sondern auch humanitär versorgen soll - und für die teilweise misslingende Erfüllung dieses paradoxen Anspruchs, man staune, obendrein des "Genozids" beschuldigt wird. Der Verzicht auf eine konstruktive, lösungsorientierte Resolution verrät auch das: dass es den meisten Regierungen der Welt wichtiger ist, dem mehr oder weniger gut kaschierten Antisemitismus ihrer Länder ungeniert, sprich guten Gewissens, wieder freien Lauf zu lassen und neue geopolitische Allianzen auf Kosten Israels zu schmieden.
Dabei wäre das Eingreifen einer multinationalen Streitmacht die einzige für Israel und die Palästinenser akzeptable Option, selbst die Netanjahu-Regierung könnte sich ihr nicht lange verweigern, wenn die USA die Federführung übernähmen. Ein vergleichsweise bescheidenes Kontingent von 200.000 Mann ("Desert Storm": 660.000) würde die IDF ablösen, die sich aus Gaza zurückziehen und die Bombardements einstellen müsste. Die UN-Truppen und nicht die Israelis würden die Angehörigen der Terrororganisation entwaffnen und gefangen nehmen, die Geiseln befreien, alle Tunnels sprengen und eine Übergangsregierung mit internationalen Sicherheitskräften zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung einsetzen. Eine maßgebliche arabische Beteiligung an dieser Operation würde die Hamas, vor die Alternative gestellt, sich zu ergeben oder gegen ihre Glaubensbrüder und langjährigen Förderer zu kämpfen, unter peinlichem Zugzwang bringen.
Die Arabischen Staaten haben immerhin die Hamas verurteilt und ihre Entwaffnung gefordert. Jetzt müssten sie nur einen Schritt weitergehen und das Existenzrecht Israels anerkennen und nach rund achtzig Jahren sinnloser Feindseligkeiten, die einzig das Erstarken der Rechtsextremen in Israel befördert und das Elend der Palästinenser perpetuiert haben, sich endlich ihrer Verantwortung stellen, indem sie Gaza als Protektorat auf Zeit übernehmen. Doch selbst im Fall dieses günstigsten Szenarios sollte man sich keinen Illusionen hingegeben: die sogar für abgebrühte Kriegsreporter jedes Maß an Erträglichkeit sprengenden, ungeheuerlichen Bestialitäten des 7. Oktober sind von der überwältigenden Mehrheit der Palästinenser als Heldentaten bejubelt worden: das werden ihnen die Israelis niemals vergessen; auch nach einer gründlichen (und alternativlosen) Säuberung Gazas von den islamistischen Schlächtern wird es ein Zusammenleben und sei es in kooperativer Nachbarschaft auf unabsehbare Zeit nicht geben.
Daniele Dell'Agli
Seit bald zwei Jahren wird über den Gaza-Krieg der israelischen Armee gegen die Hamas berichtet, Berichte werden analysiert, Analysen kommentiert, Kommentare angefochten. Fast immer steht das Vorgehen der Israelischen Armee (IDF), ihr angeblicher Genozid an der palästinensischen Bevölkerung im Vordergrund, während der Überfall der Hamas, der den Angriff Israels ursächlich auslöste und ihre Guerillataktik, bei der nicht nur Schulen und Krankenhäuser als Stützpunkte und Zivilisten als Schutzschilde missbraucht werden, sondern die sogenannten Kämpfer, durchweg feige Meuchelmörder, sich unkenntlich unter die Zivilisten mischen, allenfalls am Rande diskutiert wird. Ebenso ausgeblendet wird, dass es die Untertunnelung des gesamten Gaza-Streifens zu militärischen Zwecken ist, die eine systematische Zerstörung der Infrastruktur und eines Großteils der Wohnanlagen zwingend erforderlich für die nachhaltige Zerstörung der Terrororganisation macht.
Unverdrossen wird dafür die Dauer der Kämpfe und die Rücksichtslosigkeit der israelischen Kriegsführung gegenüber der Zivilbevölkerung tribunalisiert, obwohl allgemein bekannt ist, dass die IDF, hätte sie nur ihre enorme Überlegenheit ausgespielt, ihre Offensive innerhalb weniger Monate hätte beenden können, wäre sie nicht stets auf die Schonung der Zivilisten bedacht gewesen. Dass diese nur bedingt möglich war und ist, wenn der Feind die Grenze zwischen Kombattant und Händler, Bauer, Journalist et cetera permanent verwischt, war so nicht vorauszusehen. Dass unter Schulen und Krankenhäusern Waffendepots und Tunneleingänge ohne Wissen und Mithilfe des Personals (Lehrer und Ärzte) eingerichtet wurden, ist denkbar unwahrscheinlich. Und auch wenn es stimmt, dass die Hamas leichtes Spiel hat, verzweifelte und von den Kriegswirren desorientierte Jugendliche zu rekrutieren, so sollten wir nicht vergessen, dass es von der UN und von Brüssel bezahlte Lehrer waren, die ihnen zuvor jahrelang eingetrichtert haben, in der Vernichtung Israels ihren obersten Daseinszweck zu erkennen. Vermutlich werden wir nie erfahren, wieviele "unschuldige" Palästinenser, sieht man von den Kindern ab, wirklich zu den Opfern zu zählen sind.
Nun stimmen selbst die schärfsten Israel-Kritiker der Einschätzung zu, dass es mit der Hamas keine Zukunft für Gaza und seinen Bewohnern geben wird; auch macht die Terrororganisation keine Anzeichen - außer taktischen Täuschungsmanövern - die Waffen niederzulegen, die Geiseln freizulassen und ihre Waffendepots aufzugeben. Dann aber fragt man sich, was das Mantra vom angeblichen Fehlen eines strategischen Ziels der israelischen Kriegsführung bedeuten soll, die doch vom ersten Tag an keinen Zweifel daran gelassen hat, dass es darum geht, die Hamas vollständig zu beseitigen, ein Ziel für das es das stille Einverständnis der internationale Gemeinschaft gibt. Diese dürfte sich auch der Implikationen dieses Vorhabens bewusst sein, dass nämlich Israel keine andere Wahl bleibt, als ganz Gaza, ober- wie unterirdisch, einzunehmen und zu verwüsten, selbst wenn sich der Krieg noch ein weiteres halbes Jahr hinziehen und weitere zigtausend Palästinensern das Leben kosten sollte.
Absehbar ist ferner, dass Gaza unbewohnbar sein wird, zwei Millionen Menschen werden versuchen, in die Nachbarstaaten auszuweichen, die Lage im Westjordanland wird sich noch einmal dramatisch zuspitzen. Während die Europäer immer noch hoffen, dass die inneren Spannungen Israels und die Proteste der Zivilbevölkerung entweder die Regierung Netanjahu zu Fall bringen oder ihre Kriegsmaschinerie stoppen, wartet die arabische Liga darauf, dass die Israelis die Kastanien für sie aus dem Feuer holen und sich dabei die Finger verbrennen (hier ist Friedrich Merz' Rede von der "Drecksarbeit" erst recht angebracht), denn auch ihr allgemein konsensfähiger Wiederaufbauplan setzt zwar das Verschwinden der Hamas voraus, bietet aber keinen Vorschlag für die Eliminierung der Terrororganisation. Und die UNO?
Die Vereinten Nationen, die noch nie so uneins waren wie heute, haben in den vergangenen anderthalb Jahren nicht einen einzigen konstruktiven Vorschlag zur Lösung oder Entschärfung des Konflikts gemacht. Stattdessen haben sie sich schnell - wie schon zig Mal zuvor in der jüngeren Geschichte - darauf geeinigt, Israel als den Hauptschuldigen zu brandmarken, haben sich in symbolpolitischem Aktionismus überschlagen: Beschwörungen des Völkerrechts, Verurteilungen Israels, Sanktionen, Boykotte, Embargos, Resolutionen und nicht zuletzt die Anerkennung eines faktisch inexistenten Staates Palästina. Von Anbeginn wurden Hamas-Versionen und Opferzahlen übernommen, bereits eine Woche (!) nach Kriegsbeginn von Genozid gefaselt, und die vermeintlich mutwillige Aushungerung der Gaza-Bewohner, deren Hilfslieferungen nicht nur von der Hamas gezielt torpediert wurden, erweist sich, wie die differenzierten Untersuchungen von Mena-Watch beweisen, ebenfalls als infame antiisraelische Propaganda. Dabei hätte die UNO durchaus die Möglichkeit (gehabt), dem Desaster ein Ende zu setzen und mehr noch: sie hätte auf eine Blaupause für ein solches Projekt zurückgreifen können. Über die zahlreichen Kriegswirren der letzten Jahrzehnte ist eine Sternstunde der Vereinten Nationen in Vergessenheit geraten, in der sie so entschieden und erfolgreich wie nie zuvor und nie danach gehandelt haben.
Zur Erinnerung: am 2. August 1990 war Kuwait von Irak überfallen worden, innerhalb weniger Stunden hatte Saddam Husseins Republikanische Garde alle strategisch relevanten Ziele erobert und eine Marionettenregierung eingesetzt. Noch am selben Tag verurteilte der UN-Sicherheitsrat (Resolution Nr. 660) die Annexion, die Organisation der Islamischen Konferenz forderte im Oktober Saddam Hussein ebenfalls auf, seine Truppen abzuziehen und die Souveränität des Landes wiederherzustellen. Nachdem alle diplomatischen Bemühungen gescheitert waren, wurden die Mitglieder der Vereinten Nationen, die sich unter Führung der Amerikaner bereits zu einer Koalition zusammengeschlossen hatten - 34 Staaten, darunter viele europäische und die meisten arabischen (Deutschland war mit Logistik und Übernahme eines erheblichen Teils der Kosten beteiligt) - mit der Resolution Nr. 678 des UN-Sicherheitsrates vom 29. November 1990 ermächtigt, alle notwendigen, auch militärischen Schritte zu unternehmen, die Besetzung Kuwaits rückgängig zu machen. Ende Januar 1991 begann die Operation "Desert Storm" mit einem Bombardement der irakischen Stellungen, Ende Februar folgte die Bodenoffensive der alliierten Truppen, keine zehn Tage später kapitulierte das irakische Oberkommando und zog sich aus Kuwait zurück. Auch in dieser Krise bewährte sich übrigens die eherne Logik falscher Entscheidungen palästinensischer Führungen: weil sie dem Aufruf Arafats gefolgt waren, an der Seite Saddam Husseins zu kämpfen, mussten 400.000 Palästinenser nach dem Krieg Kuwait verlassen.
Vier Monate hatte es also gedauert, diesen gefährlichen Brandherd, der eine ganze Weltregion zu destabilisieren drohte, zumindest politisch zu löschen; weitere neun Monate dauerte die Eindämmung der ökologischen Katastrophe, nachdem die irakischen Truppen bei ihrem Rückzug sämtliche Ölfelder in Brand gesetzt hatten.
Wer nach dieser stark verkürzten Schilderung (die ausführliche, sehr detailfreudige kann man auf Wikipedia nachlesen) immer noch behauptet, die Vereinten Nationen könnten in Gaza nicht einschreiten, hat offenbar nicht verstanden, dass sie es nicht wollen. Die Palästinenser sind ihnen egal, ihr Territorium ist geostrategisch irrelevant, Bodenschätze gibt es dort auch nicht zu holen, das Prinzip der Schutzverantwortung, das die UNO als ganze bindet und auf das sie sich - wie 2011 für Libyen - für eine Intervention berufen könnte, überlässt sie perfiderweise Israel, das die Zivilisten in Gaza nicht nur vor der Hamas schützen, sondern auch humanitär versorgen soll - und für die teilweise misslingende Erfüllung dieses paradoxen Anspruchs, man staune, obendrein des "Genozids" beschuldigt wird. Der Verzicht auf eine konstruktive, lösungsorientierte Resolution verrät auch das: dass es den meisten Regierungen der Welt wichtiger ist, dem mehr oder weniger gut kaschierten Antisemitismus ihrer Länder ungeniert, sprich guten Gewissens, wieder freien Lauf zu lassen und neue geopolitische Allianzen auf Kosten Israels zu schmieden.
Dabei wäre das Eingreifen einer multinationalen Streitmacht die einzige für Israel und die Palästinenser akzeptable Option, selbst die Netanjahu-Regierung könnte sich ihr nicht lange verweigern, wenn die USA die Federführung übernähmen. Ein vergleichsweise bescheidenes Kontingent von 200.000 Mann ("Desert Storm": 660.000) würde die IDF ablösen, die sich aus Gaza zurückziehen und die Bombardements einstellen müsste. Die UN-Truppen und nicht die Israelis würden die Angehörigen der Terrororganisation entwaffnen und gefangen nehmen, die Geiseln befreien, alle Tunnels sprengen und eine Übergangsregierung mit internationalen Sicherheitskräften zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung einsetzen. Eine maßgebliche arabische Beteiligung an dieser Operation würde die Hamas, vor die Alternative gestellt, sich zu ergeben oder gegen ihre Glaubensbrüder und langjährigen Förderer zu kämpfen, unter peinlichem Zugzwang bringen.
Die Arabischen Staaten haben immerhin die Hamas verurteilt und ihre Entwaffnung gefordert. Jetzt müssten sie nur einen Schritt weitergehen und das Existenzrecht Israels anerkennen und nach rund achtzig Jahren sinnloser Feindseligkeiten, die einzig das Erstarken der Rechtsextremen in Israel befördert und das Elend der Palästinenser perpetuiert haben, sich endlich ihrer Verantwortung stellen, indem sie Gaza als Protektorat auf Zeit übernehmen. Doch selbst im Fall dieses günstigsten Szenarios sollte man sich keinen Illusionen hingegeben: die sogar für abgebrühte Kriegsreporter jedes Maß an Erträglichkeit sprengenden, ungeheuerlichen Bestialitäten des 7. Oktober sind von der überwältigenden Mehrheit der Palästinenser als Heldentaten bejubelt worden: das werden ihnen die Israelis niemals vergessen; auch nach einer gründlichen (und alternativlosen) Säuberung Gazas von den islamistischen Schlächtern wird es ein Zusammenleben und sei es in kooperativer Nachbarschaft auf unabsehbare Zeit nicht geben.
Daniele Dell'Agli
9 Kommentare



