Magazinrundschau
Visuelle Hacker
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
07.07.2026. New Lines beobachtet die Demontage des offenen Internets im Iran. Eurozine diagnostiziert eine Feminisierung der politischen Verfolgung in Russland. Russlands territoriale Größe könnte im Ukrainekrieg erstmals sein Verderben werden, meint der Historiker Sergej Medwedew in Dekoder. Die London Review liest Nicolas Sarkozys Gefängnistagebuch. Aktualne berichtet vom Internationalen Bohemistenkongress in Prag. Im MIT Press Reader erklären der Philosoph Roberto Casati und der Psychologe Patrick Cavanagh, warum Künstler seit Jahrhunderten die Schatten falsch malen.
New Lines Magazine (USA), 06.07.2026
Die Blockade des offenen Internets im Iran hat sich lange angebahnt, weiß die iranische Journalistin Fateme Karimkhan. 88 Tage dauerte der Internet-Blackout, der einen Großteil der iranischen Bevölkerung vom Rest der Welt abschnitt. Aber die Bemühungen um ein "nationales Internet", das nach chinesischem und russischem Vorbild vom Regime kontrolliert wird, sind schon alt, erklärt die Autorin. Schon nach der Präsidentschaftswahl 2009 sperrte das Regime eine Zeit lang soziale Netzwerke für iranische Nutzer, in den Folgejahren wurden die Einschränkungen immer weiter ausgebaut, wenn es zu Protesten gegen die Regierung kam. Spätestens seit der Gründung des "Obersten Rates für den Cyberspace" im Jahr 2011 ist die Internetstrategie der Islamischen Republik offensichtlich: "Der Grundgedanke hinter der Entwicklung eines 'nationalen Internets' war, dass der Iran einen Großteil der von seinen Bürgern benötigten digitalen Dienste ohne Abhängigkeit vom globalen Internet bereitstellen könnte. Investitionen und der Druck von Institutionen wie dem Obersten Rat für den Cyberspace förderten den schrittweisen Aufbau heimischer Rechenzentren, lokaler Suchmaschinen, inländischer Messaging-Plattformen und interner Knotenpunkte für den Datenaustausch. Ziel war es sicherzustellen, dass für jeden Dienst oder jedes Netzwerk, das entfernt oder gefiltert wurde, eine inländische Alternative bereitstand, die den umgeleiteten Datenverkehr bewältigen und die entstandene Nachfrage decken konnte. Für den Ausbau dieses Netzwerks, das unter der Oberfläche des globalen Internets wuchs, standen ausreichende Mittel zur Verfügung. Das technische Modell hierfür war bereits in China und teilweise in Russland entwickelt worden." In der "Praxis bedeutete dies, dass iranische Nutzer sich gleichzeitig in zwei Netzwerken bewegten: dem globalen Internet und dem nationalen Netzwerk des Iran. Unter normalen Bedingungen funktionierten beide parallel. In Krisenzeiten konnte das Land jedoch den Zugang zum globalen Internet einschränken und gleichzeitig das nationale Netzwerk aufrechterhalten, sodass Banken, staatliche Systeme und zugelassene Dienste weiterhin erreichbar blieben."Charles Cuau besucht die wenigen syrischen Familien, die sich noch einer Profession mit langer Tradition in Syrien widmen: der Seidenraupenzucht. Bis zu den sechziger Jahren florierte in Syrien die Seidenherstellung, doch wo einst jährlich 300 Tonnen Seide hergestellt wurden, ist es heute weniger als eine Tonne am Tag: "Zunächst kam die ausländische Konkurrenz, insbesondere aus Asien, sowie der Aufstieg der Kunstseide, die sich als kostengünstiger in der Herstellung erwies. Auch die Verstaatlichung der Spinnereien und die mangelnde Unterstützung der Branche durch das Assad-Regime versetzten ihr einen schweren Schlag. Schließlich brachte der Bürgerkrieg die syrische Seidenraupenzucht fast vollständig zum Erliegen. Zwischen 2011 und 2014 wurde die Produktion komplett eingestellt und ist seither nur in geringem Umfang wieder angelaufen."
Le Grand Continent (Frankreich), 05.07.2026
Ebenfalls in Le Grand continent spricht die Historikerin Françoise Melonio über die Frage, wie Alexis de Tocqueville, Autor des berühmtesten aller Bücher über Amerika, wohl über die Vereinigten Staaten unter Trump denken würde: "Tocqueville war von der Entwicklung der Vereinigten Staaten nach den 1850er Jahren zutiefst bestürzt. Er erkannte sehr deutlich das Aufkommen einer gewalttätigen politischen Klasse, eine Folge dessen, was er als die 'unheilbare Wunde' der Sklaverei bezeichnete, und der Zustrom europäischer Einwanderer, denen die über Generationen hinweg erworbene umfassende Erziehung zur Freiheit fehlte, bereitete ihm ebenfalls Sorge. Mir gefällt sehr seine Formulierung, dass Amerika der 'puer robustus' von Hobbes sei. Der 'puer robustus' bei Hobbes hat die Kraft eines Erwachsenen mit der Vernunft eines Kindes. Es ist eine Kraft, die schneller wächst als die Weisheit. Das ist keine schlechte Beschreibung des derzeitigen US-Präsidenten… Tocqueville bewahrte jedoch einen echten Optimismus hinsichtlich der Zukunft der Vereinigten Staaten, einen Optimismus, den die Amerikaner von heute nicht mehr teilen: Viele zweifeln laut den jüngsten Umfragen am Fortbestand ihres Modells."
Dekoder (Deutschland), 02.07.2026
Wird Russlands territoriale Größe im Ukrainekrieg zum Nachteil, fragt sich der russische Historiker und Politologe Sergej Medwedew in einem Kommentar für Radio Svoboda (deutsche Übersetzung bei Dekoder durch Anselm Bühling). "Jahrhundertelang herrschte im Einklang mit den klassischen Militärtheorien und geopolitischen Vorstellungen die Überzeugung, dass gerade die ungeheuren territorialen Ausmaße und die strategische Tiefe des russischen Imperiums, das Land quasi unverwundbar machten. Verstärkt wurde diese Überzeugung der Unverwundbarkeit durch Faktoren wie das raue Klima, die Unwegsamkeit und Unterentwicklung des Raums sowie den Mangel an Straßen und Infrastruktur. Die Niederlagen der Armeen Napoleons und Hitlers galten als der beste Beweis dafür. Doch in Zeiten neuer Technologien wie Drohnen, autonomen Waffen, Satellitenkommunikation und künstlicher Intelligenz schrumpfen Entfernungen. Der Raum wird durchsichtig, durchlässig und verwundbar - und je weiter der Raum, desto verwundbarer ist er. Russlands riesiger, über einen Zeitraum von fünfhundert Jahren herangewachsener Territorialkörper, in dessen Namen unzählige Opfer gebracht wurden, ist nicht länger ein Vorteil, sondern wird zur Schwäche: Es lässt sich praktisch nicht schützen und verteidigen. Die über das ganze Land verteilte Öl- und Gasinfrastruktur, die langen Verkehrswege, inklusive dem schmalen Band der Transsibirischen Eisenbahn mit ihren hunderten von Brücken, die sich an der chinesischen Grenze entlangzieht, die verstreute Rüstungsindustrie (als Erbe der planwirtschaftlichen sowjetischen Produktionsverteilung), die Militärlager und Flugplätze, (die als Erbe der Konfrontation mit der gesamten übrigen Welt an entlegenen Orten errichtet wurden) - all das ist den Angriffen durch unauffällige, geräuschlose Drohnen, die überallhin vordringen können, praktisch schutzlos ausgeliefert. Und wie die jüngsten ukrainischen Angriffe gezeigt haben, sind selbst die besonders geschützten Gebiete wie Moskau und Petersburg nicht mehr unverwundbar."London Review of Books (UK), 09.07.2026
Jeremy Harding beschäftigt sich mit Nicolas Sarkozys Gefängnistagebuch. "Le Journal d'un prisonnier" entstand im Anschluss an eine Haftstrafe, die womöglich nicht die letzte sein wird, die der ehemalige französische Präsident absitzen muss. Harding rekonstruiert ausführlich die Ermittlungen in der Korruptionsaffäre um Sarkozy, die sich insbesondere um Kontakte des Politikers nach Libyen drehen - der Verdacht steht im Raum, dass Sarkozys Präsidentschaftswahlkampf 2007 teilweise von Gaddafi finanziert worden war. Beziehungsweise - der Fall ist kompliziert -, dass Sarkozy sich zumindest mit unlauteren Mitteln um Gelder aus Libyen bemühte. Was hat es nun mit dem Gefängnistagebuch auf sich? "'Le Journal d'un prisonnier' erschien nur drei Wochen nach Sarkozys Freilassung - vermutlich die kürzeste Veröffentlichungszeit in der Geschichte der Gefängnismemoiren. Das Buch wurde vom Verlag Fayard in Auftrag gegeben, der heute dem französischen Medienmogul Vincent Bolloré gehört - dessen Vermögen auf 10 Milliarden Dollar geschätzt wird und weiter wächst, der die Partei von Marine Le Pen unterstützt und derzeit die letzten Überreste republikanischer Pressefreiheit beseitigt, während er Redakteure und Mitarbeiter austauscht, die dagegen protestieren. Bolloré ist außerhalb des Gerichtssaals ein einflussreicher Fürsprecher Sarkozys." Sarkozy sucht nun seinerseits den Schulterschluss mit Rechtsaussen: "Er erhielt Unterstützung von Chiracs Ehefrau sowie tröstende Worte am Telefon von Marine Le Pen und einem Vertrauten Javier Mileis in der Pariser Botschaft Argentiniens. Dass Macron die Entscheidung, Sarkozy die Ehrenlegion abzuerkennen, an einen nachrangigen Würdenträger des Ordens delegierte, ist für Sarkozy eine Quelle der Verbitterung, obwohl er sich selbst als einen ausgesprochen sanftmütigen Menschen beschreibt. 'Verbitterung war nie ein Wesenszug meines Charakters und wird es niemals sein.' Oder: 'Ich gehöre nicht zu den Menschen, die gern klagen … und werde es auch nie tun.' Dennoch enthält das Buch eine schonungslose Abrechnung mit Freunden und Feinden. Zu den Freunden zählt er das Rassemblement national von Le Pen, das, wie er seinen Lesern erklärt, zur politischen Familie der Rechten gehöre. Er fordert die Anhänger seiner einstigen Mitte-rechts-Partei auf, für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr die größtmögliche Allianz zu schmieden - 'ohne Ausgrenzung und ohne Verdammung'. Mit anderen Worten: ein deutlicher Aufruf, sich hinter Jordan Bardella zu versammeln - oder hinter Le Pen, falls ihre Berufung gegen die Verurteilung wegen Veruntreuung von Geldern des Europäischen Parlaments Erfolg haben sollte und sie erneut kandidieren darf."Aktualne (Tschechien), 01.07.2026
Eurozine (Österreich), 06.07.2026
Genaue Zahlen, wie viele Frauen derzeit in russischen Gefängnissen sitzen, gibt es nicht, erklärt Eilish Hart in einem Artikel, der ursprünglich in New Eastern Europe erschienen ist. Experten sind sich allerdings sicher, dass die Anzahl weiblicher Gefangener steigt, dafür spricht auch die Zahl der gegen Frauen verhängten Urteile, die laut Hart in den letzten fünf Jahren stetig gestiegen ist: "Im Jahr 2025 machten diese ein Fünftel (87.000) aller Verurteilungen aus - ein Rekordwert für das moderne Russland, wie aus Daten der Justizabteilung des Obersten Gerichtshofs hervorgeht, die von dem unabhängigen Medium Verstka veröffentlicht wurden. Die Partnerzeitschrift von Eurozine, New Eastern Europe, konnte diese Zahlen nicht unabhängig überprüfen; Ende April entfernte die Justizabteilung sämtliche Statistiken zu Verurteilungen von ihrer Website." Seit dem Krieg gegen die Ukraine hat sich der Kurs des Kremls auch gegen Mütter verschärft, Frauen, denen politische Dissidenz vorgeworfen wird, konnten früher mit mildernden Umständen rechnen, wenn sie beispielsweise ein minderjähriges Kind großzogen. Das hat sich geändert, so Hart, gleichzeitig steigt der Anteil von Straftaten, die aus wirtschaftlicher Not begangen werden: "Laut der Soziologin Olga Zeveleva von der Universität Utrecht deutet dies auf zwei gleichzeitige Entwicklungen im Russland der Kriegszeit hin: die Feminisierung der politischen Verfolgung und der Armut. 'Auch wenn es in Russland viele politische Gefangene gibt, sind die Gefängnisse im Grunde Verwahrorte für Arme; das Gefängnis dient als Mittel zur Kontrolle von Armut', erklärt sie. 'Es gibt zahlreiche Verurteilungen, die auf wirtschaftliche Not zurückzuführen sind', fährt sie fort und nennt Diebstahl und Kleinkriminalität als Beispiele (...) Während offizielle Statistiken zum russischen Gefängnissystem entweder unzuverlässig, unvollständig oder nur eingeschränkt zugänglich sind, ist dies nicht der einzige Grund, warum so wenig über die inhaftierten Frauen bekannt ist. 'Es hat auch damit zu tun, , wie sehr die inhaftierten Frauen abgeschottet sind", erklärt Zeveleva. Russische Frauengefängnisse gelten als strenger reglementiert als Männergefängnisse, die bisweilen faktisch von Gefängnisgangs oder kriminellen Netzwerken kontrolliert werden. Da die Gefängnisverwaltung die volle Kontrolle ausübt, leben die Frauen unter ständiger Überwachung und strengen Vorschriften. 'Viele ehemalige Häftlinge berichten, dass ein durchschnittliches russisches Frauengefängnis ebenso streng geführt wird wie die Männergefängnisse mit den härtesten Haftbedingungen', sagt Zeveleva."The Insider (Russland), 03.07.2026
Elet es Irodalom (Ungarn), 03.07.2026
Seit der Abwahl der Orbán-Regierung im April ist es ein wesentliches Anliegen der neuen Regierung Péter Magyars, die mit dem Versprechen einer Systemwende antrat, die Abwahl und Abberufung von leitenden Persönlichkeiten der Orbán-Regierung u.a. in den Bereichen Wirtschaft, Medien, Kultur und Bildung, bis hin zu Verfassungsrichtern, sowie des Staatspräsidenten zu ermöglichen. Die nunmehr oppositionelle Fidesz-Partei ruft lautstark das Ende der Rechtstaatlichkeit in Ungarn aus und bezichtigt die neue Regierung des Autoritarismus. Zwar wurde die Ausarbeitung einer neuen Verfassung und ihre Bestätigung durch einen Volksentscheid angekündigt, bis dahin jedoch stellt sich die Frage der Legalität einzelner Schritte und wie diese mit rechtstaatlichen Prinzipien in Einklang gebracht werden können, wenn es auch gegenwärtig eine robuste Unterstützung in der Gesellschaft von Magyars Plänen gibt. Derzeit wird überall eine Diskussion über das Legale, Legitime und das Moralische geführt, notiert Zoltán Kovács, Chefredakteur von Élet és Irodalom. "Ein Teil des Volkes will zweifellos Blut trinken, was schlecht ist. Er will Köpfe auf den Fahnenmasten sehen, was ebenfalls schlecht ist, aber eine direkte Folge der fünfzehn immer schlechter werdenden Jahre ist, des dem Volk aufgezwungenen verstaubten Denkens, mit all den Lasten des Kádár-Paternalismus, von dem jeder dachte, wir hätten ihn längst überwunden. ... Das möchte nun ein Großteil des Landes Orbán vorhalten. Die Forderung ist zweifellos berechtigt, aber es ist eben nicht gleichgültig, wie dies geschieht. Der Abbau der Orbán-Welt, die sich nach den von ihnen selbst geschaffenen Gesetzen rechtmäßig, nach gesundem Menschenverstand jedoch ungerecht und unter Missbrauch ihrer Macht etabliert hat, ist nur innerhalb eines gesetzlichen Rahmens möglich; Tatsache ist jedoch, dass diejenigen, die dieses schreckliche System betrieben haben - Orbán und seine Komplizen -, kaum ungeschoren davonkommen werden. Aus dieser Pfütze sollte keine einzige ehemalige leitende Person mit trockenen Schuhen heraustreten können."MIT Press Reader (USA), 07.07.2026

New York Times (USA), 06.07.2026
Guardian (UK), 02.07.2026

New Yorker (USA), 13.07.2026
Die Gynäkologin Sally Greenwald bietet im Silicon Valley Concierge-Medizin für Frauen an, die sich die Mitgliedschaft im "Billionaires Vagina Club" für mehrere zehntausend Dollar im Jahr leisten können, bringt Melanie Thernstrom für den New Yorker in Erfahrung. Greenwald scheint alles über den weiblichen Körper zu wissen und kann neueste Erkenntnisse zu Menopause und Sexleben anschaulich an Greenwald und deren Patientin Lily vermitteln: "Mit ihren routinierten Erklärungen und Gesten könnte sie auch Flugbegleiterin sein, die vor dem Start die Sicherheitshinweise erklärt. Nur eine von fünf Frauen kommt allein durch interne Stimulation zum Höhepunkt, so Greenwald. Viele finden den mysteriösen G-Punkt nie. Aber der G-Punkt wird im mittleren Alter zunehmend wichtiger, weil sich Frauen nicht darauf verlassen können, dass ihre sexuellen Empfindungen die gleichen bleiben. 'Der Klitorisnerv hat zwei verschiedene Nervenfasern', so Greenwald weiter, Lily und ich nicken unwissend. Diese Nervenwurzel verläuft sowohl innerlich als auch extern, endet in der Klitoriseichel und besteht aus zwei verschiedenen Nervenfasern, von denen eine auf leichte Berührung und Wärme anspricht und die andere Vibration und Druck spürt. Aber wenn wir altern, fügt sie hinzu, degeneriert die wärme- und berührungsempfindliche Nervenfaser, während die, die auf Vibration und Druck reagiert, ihre Empfindsamkeit behält. Nach der Menopause, mit nicht mehr ausreichendem Östrogen, um das Gewebe zu nähren und den Blutfluss zu erleichtern, fängt die Klitoris an, ihre Sensibilität einzubüßen, sodass es zu Orgasmen mit niedriger Qualität kommt (Ich hatte noch nie von solchen Orgasmen gehört)."bioGraphic (USA), 30.06.2026
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