Magazinrundschau - Archiv

Dekoder

3 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 09.09.2025 - Dekoder

Dekoder veröffentlicht einen Briefwechsel des russischen Publizisten Andrej Archangelski und des russischen Historikers Sergej Medwedew, die versuchen herauszufinden, welche Denkmuster die russische Führung und russische Gesellschaft derart kriegerisch werden lässt, wie wir es heute in der Ukraine sehen. So schreibt Medwedew, die russische Propaganda hätte "den Mythos von der Größe Russlands und den Mythos vom Opfer des 9. Mai" kombiniert und miteinander verschränkt. "Herausgekommen ist eine explosive, atemberaubende Mischung: der Mythos vom Sieg als Hauptparadigma der russischen Geschichte. Oder noch weiter gefasst - der Mythos des Krieges als Basisontologie des russischen Lebens. (...)  Archangelski:  Aus dem von dir beschriebenen Mythos des 'Krieges als Religion' ergeben sich meiner Meinung nach zwei weitere wichtige Denkmuster: einerseits der Mythos, der uns zu Sowjetzeiten eingetrichtert wurde und der jetzt wiederkehrt - dass die UdSSR den Faschismus ganz allein besiegt habe (vor allem ohne Großbritannien und die USA). Was dem heutigen Russland und seiner Bevölkerung quasi das absolute moralische Recht für die Zukunft verleiht: 'Wir haben das Böse in der Welt besiegt, darum steht die ganze Welt für immer in unserer Schuld. Also dürfen wir alles.' Wohlgemerkt fehlt diesem 'Wir' der elementare Anstand allein schon dem früheren 'Wir' gegenüber, zu dem ja auch die Bürger der anderen Sowjetrepubliken gehörten. Und das zweite Denkmuster betrifft, was genau 'wir' als 'Unseres' betrachten: 'Uns gehört alles, wo wir jemals Blut vergossen haben' (und wir haben fast schon überall gekämpft). Wie der Dichter Boris Sluzki schrieb: 'In fünf Nachbarländern liegen unsere Leichen verscharrt.' Das entspricht Putins Formel: 'Russland hat kein Ende.' Die Verluste in den zahlreichen Kriegen über mehrere Jahrhunderte - enorme, unnötige und, wie die Geschichte oft gezeigt hat, sinnlose Opfer - werden jetzt zu einem blutigen, symbolischen Kapital des Putin-Regimes. Je mehr Tote, desto größere das moralisches Recht auf neue Eroberungen! Es ist zynisch, funktioniert aber."

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - Dekoder

Foto © Max Sher


Die Stadt Kars wurde als Schauplatz in Orhan Pamuks Roman "Schnee" berühmt: In der langen Geschichte der heutigen ostanatolischen Provinz war Kars mal osmanisch, dann russisch und heute türkisch, lesen wir bei Dekoder. Der russische Fotograf Max Sher geht der Geschichte von Kars in einem neuen Bildband fotografisch nach, Dekoder zeigt eine Auswahl von Bilder, wie dies oben: Es zeigt "einen Gedenkmarsch anlässlich des 95. Jahrestags der Schlacht von Sarıkamış in den Allahuekber-Bergen. Diese Schlacht zwischen osmanischen und russischen Truppen im Ersten Weltkrieg forderte zwischen Dezember 1914 und Januar 1915 auf beiden Seiten zehntausende Todesopfer. Sie begann mit einer Offensive unter der Führung des osmanischen Oberbefehlshabers Enver Paşa, der versuchte, das Gebiet um Kars von Russland zurückzuerobern. Die Aktion endete in einer verheerenden Niederlage der türkischen Armee - verursacht durch strategische Fehlentscheidungen, schlechte Kommunikation zwischen den Truppenteilen und fehlende Vorbereitung auf winterliche Kämpfe im Gebirge. Allein am 13. Dezember 1914 erfroren tausende türkische Soldaten bei dem Versuch, die Berge auf dem Weg zur russisch kontrollierten Grenzstadt Sarıkamış zu überqueren. Auf russischer Seite kämpften auch mehrere tausend armenische Freiwillige, was Enver Paşa dazu veranlasste, seine Niederlage allein ihnen zuzuschreiben. Historikern zufolge führte dies zu Deportationen und Massakern an osmanischen Armeniern - geplant und durchgeführt durch Enver Paşa und seine Verbündeten - und mündete schließlich im Völkermord an den Armeniern von 1915."

Magazinrundschau vom 11.03.2025 - Dekoder

Auf Dekoder übersetzt Irina Bondas einen Text der belarussischen Autorin Mariya Lappo ins Deutsche, der im Original 2014 in ihrem Erzählband "Kontinuum" erschien. Darin versucht die Autorin das gesellschaftliche Klima, noch vor dem großen Wahlbetrug am 9. August 2020, im Land der Kartoffeln (so die ironische Selbstbezeichnung der Belarusen) zu ergründen. Hier der Anfang: "Sollen doch muslimische Frauen in Paris in Burkas herumlaufen und ihre Gesichter dahinter verbergen, wir brauchen uns nicht in Burkas zu verstecken, schließlich haben wir wunderbare geräumige Kartoffelsäcke, die sich außerordentlich bequem über den Kopf ziehen lassen. Und während Burkas diejenigen, die sie tragen, kein bisschen glücklicher machen, bringen unsere Säcke ihren Besitzerinnen und Besitzern ausnahmslos Glückseligkeit. Nicht nur, weil es ein kultiger Modetrend ist oder Sie unabhängig vom Modell, keinen einzigen Rubel ausgeben müssen (findet sich doch in jedem Haushalt ein Kartoffelsack), sondern vor allem, weil ein Kartoffelsack wesentlich besser schützt als eine Burka. Lässt doch eine Burka die Augen frei, 
durch die alles Mögliche nach innen gelangen,  
direkt ins Herz fallen  
und es so aufwühlen kann,  
dass es sinkt..."
Stichwörter: Lappo, Mariya, Belarus