Magazinrundschau - Archiv

Dekoder

6 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 09.06.2026 - Dekoder

Die russische Gesellschaft soll so früh wie möglich militarisiert werden. Um das zu erreichen werden im ganzen Land Trainingslager mit den Namen "Avantgarde" oder "Woin" (Krieger) errichtet, in denen 16-17-Jährige ausgebildet werden, die möglichst früh an die Front gehen sollen, schreibt Andrej Satirko bei Vot Tak (Dekoder-Übersetzung ins Deutsche durch Jennie Seitz und Ruth Altenhofer). Die Zentren dienen aber auch dazu, ukrainische Kinder aus den besetzten Gebieten frühstmöglich in die russische Armee zu integrieren. "Die ukrainischen Regionen stehen bei Woin besonders im Fokus. Im besetzten Mariupol wird die 'russlandweit größte' Filiale aufgebaut. Vorstandsvorsitzender des Zentrums ist Wiktor Wodolazki, Abgeordneter der Staatsduma, der allein in den Jahren 2022 und 2023 mindestens 40 Mal dort war - das weiß Vot Tak aus Datenlecks des Grenzschutzes. Die ukrainischen Kinder werden bei Woin nicht nur in den besetzten Gebieten innerhalb der Ukraine trainiert, sondern auch nach Russland verschleppt. Zwölf Mal seien im Jahr 2025 ukrainische Kinder zu militär-patriotischen Trainingslagern in die RF gebracht worden, teilt die Juristin Xenija Kornijenko Vot Tak mit." Wieviele es genau waren, wisse man nicht, doch "allein das Wolgograder 'Avantgarde' habe seit 2024 bereits mehr als 5500 Kinder trainiert, die aus ukrainischen Regionen stammen wie aus den Oblasten Wolgograd und Belgorod, teilte im März 2026 Wiktor Wodolazki mit. Was die Russen über diese Trainingslager denken, lässt sich nicht sagen, Satirko lässt aber die russische Mutter Tatjana Jarowaja zu Wort kommen. "'Wir brauchen Trainingslager wie 'Avantgarde', um die Jugendlichen auf den richtigen Weg zu bringen. Weil es ja alle möglichen Organisationen gibt und sie so oder so unter irgendeinen Einfluss geraten. Da sollen sie lieber in diesen Lagern eine patriotische Prägung erfahren, als auf der Straße und keine Ahnung für was …', meint heute Tatjana Jarowaja, die zwei ihrer vier Söhne im Krieg verloren hat."
Stichwörter: Ukrainekrieg, Russland

Magazinrundschau vom 02.06.2026 - Dekoder

Humor war für die Belarussen schon in der Sowjetunion wichtig, unter Alexander Lukaschenko ist er zurzeit eine der beliebtesten und einer der letzten verbliebenen Protestformen, konstatiert Iryna Chalip für Nowaja Gazeta Europe (deutsche Übersetzung von Jenny Seitz auf Dekoder). "Seit 2020 sprießen in Belarus satirische Telegram-Kanäle: zum Beispiel Grustny Kolenka (dt. Armer kleiner Kolja), der von Lukaschenkos jüngstem Sohn Nikolai geführt wird (Ein Beispiel: 'Offizielle Meldung! Papa hat Prigoshin angerufen, der hat persönlich bestätigt, dass er bei dem Absturz ums Leben gekommen ist!') - oder der Kanal Sowjetisches Belarus, der die Propagandamedien parodiert. Erst kürzlich, am 13. März 2026, wurde Letzterer vom Bezirksgericht der Stadt Miory in der Oblast Witebsk als 'extremistisch' eingestuft. Daraufhin tauchte in dem Kanal ein reumütiger Brief des Herausgebers an das Gericht auf, ganz im Stil des Kanals: 'Als ich nach der Einstufung unseres Mediums als extremistisch halluzinierte, erschien mir mehrfach das Bild des jungen A. G. Lukaschenko. Er kam auf mich zu und sagte: 'Was hast du da nur angerichtet, Edelfeder? Ich werde dem Gericht in Miory sagen, es soll dir vergeben!' Es war so real, dass ich buchstäblich aufsprang und einen Freudentanz aufführte! So sehr vermischte sich bei mir die Realität mit dem Wahn!' In Belarus vermischt sich die Realität mit dem Wahn derweil nicht nur in satirischen Telegram-Kanälen. Aber es gibt Dinge, die unerschütterlich bleiben, und dazu gehört der Humor. Ein Tyrann kann einen oder eine halbe Million Menschen aus dem Land vertreiben. Er kann sie alle ins Gefängnis stecken, sie töten. Aber er kann ihnen nicht die Fähigkeit zu lachen nehmen. Und solange die Belarussen über den Tyrannen lachen, sind sie unsterblich. Im Gegensatz zu ihm, auch wenn er schon seit über 30 Jahren an der Macht ist."

Magazinrundschau vom 19.05.2026 - Dekoder

Das Theater in der Ukraine befindet sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Wandel, konstatiert die ukrainische Theaterwissenschaftlerin Hanna Veselovska bei Dekoder. "Das gesellschaftliche Verständnis des Russisch-Ukrainischen Krieges als existenzielle Gefahr wies auch dem Theater einen Ausweg aus der Schaffenskrise, von der es nach der ersten Flut dokumentarischer Stücke im Jahr 2022 eingeholt worden war. Unter ständigem Druck lebend, wollten die Zuschauer keine Geschichten mehr sehen, die ihre tragische Gegenwart widerspiegelten. Als wollte man sich vor zusätzlichem Stress schützen, distanzierte sich das Publikum zunehmend von Erzählungen über die Schrecken des Krieges auf der Bühne. Gekränkt mussten dies beispielsweise die Autoren des eindringlichen und auch im Ausland gespielten Stücks 'Mariupol-Drama' durch das Akademische Dramentheater der Region Donezk aus Mariupol zur Kenntnis nehmen. Stattdessen wandten sich die Zuschauer als 'Schutzreaktion' wieder ukrainischen Klassikern zu, von denen sie sich Antworten auf die existenzielle Herausforderung erhofften. Die Wiederentdeckung der eigenen Geschichte, Literatur und Biografien weltbekannter Ukrainer - wie etwa des Bildhauers Alexander Archipenko, der Malerin Alexandra Exter, oder des Luftfahrtpioniers Igor Sikorsky verstärkte das Interesse an den Neufassungen von Werken, die vielen noch aus dem Schulunterricht bekannt waren. So verband beispielsweise der Regisseur Rostyslav Derzhypilsky Lesja Ukrajinkas Feenmärchen 'Das Waldlied auf dem Blutacker' mit ihrem lakonischen Poem über Judas Iskariot und das Wesen des Verrats. Doch auch im von der Front weit entfernten Iwano-Frankiwsk wird das Stück, bei dem die Zuschauer einem Ritual gleich an einem langen Tisch wie mit einer Kette miteinander verbunden sind, in einem improvisierten Schutzraum unter der Theaterbühne aufgeführt, als wolle es an die allgegenwärtige Gefahr erinnern."
Stichwörter: Ukraine, Ukrainisches Theater

Magazinrundschau vom 09.09.2025 - Dekoder

Dekoder veröffentlicht einen Briefwechsel des russischen Publizisten Andrej Archangelski und des russischen Historikers Sergej Medwedew, die versuchen herauszufinden, welche Denkmuster die russische Führung und russische Gesellschaft derart kriegerisch werden lässt, wie wir es heute in der Ukraine sehen. So schreibt Medwedew, die russische Propaganda hätte "den Mythos von der Größe Russlands und den Mythos vom Opfer des 9. Mai" kombiniert und miteinander verschränkt. "Herausgekommen ist eine explosive, atemberaubende Mischung: der Mythos vom Sieg als Hauptparadigma der russischen Geschichte. Oder noch weiter gefasst - der Mythos des Krieges als Basisontologie des russischen Lebens. (...)  Archangelski:  Aus dem von dir beschriebenen Mythos des 'Krieges als Religion' ergeben sich meiner Meinung nach zwei weitere wichtige Denkmuster: einerseits der Mythos, der uns zu Sowjetzeiten eingetrichtert wurde und der jetzt wiederkehrt - dass die UdSSR den Faschismus ganz allein besiegt habe (vor allem ohne Großbritannien und die USA). Was dem heutigen Russland und seiner Bevölkerung quasi das absolute moralische Recht für die Zukunft verleiht: 'Wir haben das Böse in der Welt besiegt, darum steht die ganze Welt für immer in unserer Schuld. Also dürfen wir alles.' Wohlgemerkt fehlt diesem 'Wir' der elementare Anstand allein schon dem früheren 'Wir' gegenüber, zu dem ja auch die Bürger der anderen Sowjetrepubliken gehörten. Und das zweite Denkmuster betrifft, was genau 'wir' als 'Unseres' betrachten: 'Uns gehört alles, wo wir jemals Blut vergossen haben' (und wir haben fast schon überall gekämpft). Wie der Dichter Boris Sluzki schrieb: 'In fünf Nachbarländern liegen unsere Leichen verscharrt.' Das entspricht Putins Formel: 'Russland hat kein Ende.' Die Verluste in den zahlreichen Kriegen über mehrere Jahrhunderte - enorme, unnötige und, wie die Geschichte oft gezeigt hat, sinnlose Opfer - werden jetzt zu einem blutigen, symbolischen Kapital des Putin-Regimes. Je mehr Tote, desto größere das moralisches Recht auf neue Eroberungen! Es ist zynisch, funktioniert aber."

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - Dekoder

Foto © Max Sher


Die Stadt Kars wurde als Schauplatz in Orhan Pamuks Roman "Schnee" berühmt: In der langen Geschichte der heutigen ostanatolischen Provinz war Kars mal osmanisch, dann russisch und heute türkisch, lesen wir bei Dekoder. Der russische Fotograf Max Sher geht der Geschichte von Kars in einem neuen Bildband fotografisch nach, Dekoder zeigt eine Auswahl von Bilder, wie dies oben: Es zeigt "einen Gedenkmarsch anlässlich des 95. Jahrestags der Schlacht von Sarıkamış in den Allahuekber-Bergen. Diese Schlacht zwischen osmanischen und russischen Truppen im Ersten Weltkrieg forderte zwischen Dezember 1914 und Januar 1915 auf beiden Seiten zehntausende Todesopfer. Sie begann mit einer Offensive unter der Führung des osmanischen Oberbefehlshabers Enver Paşa, der versuchte, das Gebiet um Kars von Russland zurückzuerobern. Die Aktion endete in einer verheerenden Niederlage der türkischen Armee - verursacht durch strategische Fehlentscheidungen, schlechte Kommunikation zwischen den Truppenteilen und fehlende Vorbereitung auf winterliche Kämpfe im Gebirge. Allein am 13. Dezember 1914 erfroren tausende türkische Soldaten bei dem Versuch, die Berge auf dem Weg zur russisch kontrollierten Grenzstadt Sarıkamış zu überqueren. Auf russischer Seite kämpften auch mehrere tausend armenische Freiwillige, was Enver Paşa dazu veranlasste, seine Niederlage allein ihnen zuzuschreiben. Historikern zufolge führte dies zu Deportationen und Massakern an osmanischen Armeniern - geplant und durchgeführt durch Enver Paşa und seine Verbündeten - und mündete schließlich im Völkermord an den Armeniern von 1915."

Magazinrundschau vom 11.03.2025 - Dekoder

Auf Dekoder übersetzt Irina Bondas einen Text der belarussischen Autorin Mariya Lappo ins Deutsche, der im Original 2014 in ihrem Erzählband "Kontinuum" erschien. Darin versucht die Autorin das gesellschaftliche Klima, noch vor dem großen Wahlbetrug am 9. August 2020, im Land der Kartoffeln (so die ironische Selbstbezeichnung der Belarusen) zu ergründen. Hier der Anfang: "Sollen doch muslimische Frauen in Paris in Burkas herumlaufen und ihre Gesichter dahinter verbergen, wir brauchen uns nicht in Burkas zu verstecken, schließlich haben wir wunderbare geräumige Kartoffelsäcke, die sich außerordentlich bequem über den Kopf ziehen lassen. Und während Burkas diejenigen, die sie tragen, kein bisschen glücklicher machen, bringen unsere Säcke ihren Besitzerinnen und Besitzern ausnahmslos Glückseligkeit. Nicht nur, weil es ein kultiger Modetrend ist oder Sie unabhängig vom Modell, keinen einzigen Rubel ausgeben müssen (findet sich doch in jedem Haushalt ein Kartoffelsack), sondern vor allem, weil ein Kartoffelsack wesentlich besser schützt als eine Burka. Lässt doch eine Burka die Augen frei, 
durch die alles Mögliche nach innen gelangen,  
direkt ins Herz fallen  
und es so aufwühlen kann,  
dass es sinkt..."
Stichwörter: Lappo, Mariya, Belarus