Magazinrundschau - Archiv

Dekoder

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Magazinrundschau vom 20.10.2026 - Dekoder

Der Historiker Viktor Schadurski blickt auf die Ursprünge der belarussischen Nationalbewegung zurück, die im Dezember 1917 in den Allbelarussischen Kongress mündete. "Der Kongress mit 1.872 Delegierten (davon 1.167 stimmberechtigt) bildete das gesamte politische, soziale und territoriale Spektrum von Belarus ab und war die erste belarussische Versammlung dieses Ausmaßes. Sie spielte eine entscheidende Rolle für die darauffolgende Staatsgründung. Heute ist die offizielle Haltung zu diesem Kongress ambivalent: In 'milden' Zeiten konnten Regierungsmitglieder mit belarussischem Nationalbewusstsein sogar Lukaschenko von der historischen Bedeutung des Ersten Allbelarusischen Kongresses überzeugen. Zum hundertjährigen Jubiläum fand im Dezember 2017 in Minsk die Konferenz 'Die Ereignisse 1917 im Kontext der belarussischen Geschichte' statt, an die der Diktator ein Grußwort sandte. Darin war folgende These formuliert: 'Diese Volksversammlung demonstrierte die wichtigsten Werte, die für uns bis zum heutigen Tage von Bedeutung sind: ein eigener Staat mit einer sozialen Ausrichtung und die Tatsache, dass nur das Volk, sein Wille, die kollektive Vernunft und die richtigen Anführer für echte Unabhängigkeit sorgen können.' Seit 2022 gab es unter dem Einfluss der stärker werdenden Abhängigkeit vom Kreml keine offiziellen Verlautbarungen bezüglich des Kongresses mehr. Das zentrale Thema auf dem Kongress, dessen Delegierte hauptsächlich Sozialrevolutionäre oder Parteilose waren, war die belarussische Selbstbestimmung. Es wurde eine Rada (dt. Rat) aus 71 Vertretern verschiedener Parteien sowie ein Exekutivkomitee gewählt und beschlossen, die Entscheidung über das Schicksal des belarussischen Volkes auf eine Allbelarussische Gründungsversammlung zu vertagen, deren Zusammensetzung die Rada im Folgenden organisieren sollte. Doch dann kam alles anders: Obwohl die Bolschewiken die Durchführung des Kongresses genehmigt hatten, lösten sie ihn am 18. Dezember 1917 auf und nahmen die aktiven Teilnehmer fest."

Magazinrundschau vom 13.10.2026 - Dekoder

"Der Westen hat mit Staunen die Ukraine und Belarus entdeckt, die vorher für ihn nicht existierten", konstatiert der belarussische Schriftsteller Alhierd Bacharevič im Interview mit dem belarussischen online-Magazin Zerkalo (ins Deutsche übersetzt und gekürzt von Tina Wünschmann auf Dekoder). Und er berichtet auch vom Staunen derjenigen Russen, die nach Belarus kommen, um dort die Plätze der Exilanten einzunehmen. "Ich lese von ihren Eindrücken, Problemen, Träumen, von ihren Zielen und Motivationen … Und mir scheint, dass sie eine wichtige Tatsache nicht verstehen: Wie man es auch dreht, die massenweise Ansiedlung in einem Land, das aus politischen Gründen einen riesigen Bevölkerungsschwund erlebt, sieht nach einem böswilligen Ersetzen der 'Entlaufenen' durch 'Normale' aus - denn natürlich nehmen die Russen die Plätze jener hunderttausenden Belarusen ein, die das Land gezwungenermaßen verlassen haben. 'Gezwungen' ist in diesem Kontext ein wichtiges Wort. Die Mehrheit der Belarussen im Exil hat Belarus nicht auf eigenen Wunsch verlassen. Verstehen die Umsiedler aus Russland, wo sie sich da niederlassen? Jede Immigration verändert ja das Land, in dem die Menschen sich ansiedeln, und Belarus war auch vorher schon überschwemmt mit russischer Kultur, russischer Sprache, russischem Pop. Leider war und bleibt Russland für viele Belarussen das einzige Fenster zur Welt, ebenso die russische Sprache. Früher träumte ich davon, dass mein Belarus Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt sein könnte. Stattdessen ist etwas ganz anderes passiert: Belarus wird zu einer Art billigem, zugänglichen Europa für die Russen, zum Bungalow des Imperiums: Hübsch ist es dort im Sommer auf dem Land… Die Belarussen und Russen haben einen ähnlichen kulturellen Code, nicht denselben, aber leider ist er verwandt, denn das Imperium hatte hier ausreichende Wirkung - und so wird aus der Migration als sozialer Frage ein Problem von historischem, zivilisatorischem Ausmaß. (...) Auf die Frage, was man dagegen tun kann, wiederhole ich die alte Antwort: Belarussisch sprechen, Belarussisch schreiben, Belarussisch lesen, die eigene Andersartigkeit zeigen. Wir wiederholen ja nicht ohne Grund seit Jahrzehnten dieses gemarterte wie heilige Wort mova (belarus. für Sprache). Wir tun das nicht aus rituellen Gründen, sondern aus pragmatischen. Die Sprache ist tatsächlich das wirkmächtigste Mittel im Kampf gegen die Assimilation."
Stichwörter: Belarus, Bacharevic, Alhierd

Magazinrundschau vom 15.09.2026 - Dekoder

In der Ukraine findet vermehrt Kriegstraining für die Zivilbevölkerung und insbesondere in Schulen statt, schreiben Anna Subenko und Marija Lawriw für das ukrainische Online-Medium Frontliner (deutsche Übersetzung auf Dekoder von Simon Muschick). Dazu gibt es auch Trainingszentren, wie das Zentrum für national-patriotische Erziehung Wolja (Freiheit), in dem Schüler von Veteranen auf einen möglichen Kriegseinsatz vorbereitet werden. "'Am schwierigsten ist die Ungewissheit. Deshalb bringen wir Kindern bei, sich im Gelände zurechtzufinden, Schutz zu suchen und nicht in Panik zu geraten. Medizinische Kenntnisse werden nicht nur an der Front benötigt, sondern auch im Hinterland. Das alles vermitteln wir durch Spiele und Aufgaben. Das ist kein militärischer Drill, schließlich arbeiten wir mit Kindern. Die finden das interessant, und die Ausbilder und Assistenten sind selbst gute Vorbilder für national-patriotische Erziehung'", sagt der Leiter des Zentrums Olexii Sopilko. "'Ich möchte, dass die Kinder verstehen, was passiert. Es gibt heute viele Erwachsene, die nicht mitbekommen, was im Krieg gerade los ist, und mich zum Beispiel oft fragen, ob Luhansk wirklich schon seit 2014 besetzt ist. Die Kinder müssen, während sie älter werden, den Preis dessen verstehen, was passiert. Sie marschieren nicht und singen nicht Katjuscha, wie ich damals in der Schule, sondern lernen, sich selbst und ihren Liebsten zu helfen. Damit fördern wir ihr nationales Bewusstsein', sagt [die Ausbilderin] Wira Chrystoforowa. Am Nachmittag verwandelt sich der Schulhof in ein Kampfgebiet. Die Teilnehmer werden in zwei Teams aufgeteilt und spielen Lasertag. Dabei versuchen sie, einander mit Laserstrahlen zu treffen. Am wichtigsten sind dabei Teamarbeit und die Fähigkeit, einander zu unterstützen. Sopilko verfolgt das Spiel und registriert, wer 'verwundet' wurde. Die Betroffenen müssen dann ein Tourniquet anlegen oder eine Wunde tamponieren. Nach knapp einer halben Stunde intensiven Spiels werten Ausbilder und Assistentin mit den Teilnehmenden Fehler und die Qualität der Zusammenarbeit aus."
Stichwörter: Ukrainekrieg, Ukraine

Magazinrundschau vom 08.09.2026 - Dekoder

Was bedeutet es, belarusisch zu sein? Die seit 2020 abwechselnd in Österreich und Deutschland lebende belarusische Schriftstellerin Volha Hapeyeva beschreibt, wie sich ihre Identität im Schreiben formt und dabei die belarusische Sozialisation immer hochkommt  (deutsche Übersetzung auf Dekoder von Tina Wünschmann): "Meine belarusische Identität lebt nicht nur durch die Sprache in mir, sondern auch durch kulturelle Codes, die in der Mehrzahl aus literarischen Werken der Kindheit und aus dem Lehrplan erwachsen sind. Wenn ich an einer Kiefer vorbeispaziere, sage ich im Stillen 'Die Kiefer am Weg' oder 'Wind in den Kiefern', wenn etwas wehtut, lächele ich und murmele 'Tote haben keine Schmerzen', und wenn ich versuche, im Münchner Archiv eine unleserliche Handschrift zu entziffern, denke ich an die Zeilen von Jakub Kolas: 'ein solch Gekritzel mit dem Griffel, dass selbst der Hund es nicht entziffert'. So entsteht eine Erinnerungskette: Da ist die Großmutter, die mich für meine schiefe Handschrift tadelt und die Zeile aus dem Poem des Klassikers zitiert. Da stehen im Haus der Großeltern die gesammelten Werke der Schriftsteller hinter der Glastür des Bücherschrankes. Und da bin ich im Garten, betrachte, statt das Kürbisbeet zu jäten, einen blauen Schmetterling, der im Laub des Pflaumenbaums flattert und singe einen Vers von Bahdanovič: 'Über der Kirsche weißem Flaum'. Aus diesem Grund ist Literatur nicht nur 'schönes Schrifttum', sondern auch etwas, das Teil unserer Identität wird und mit uns reist, um gegen das Gefühl von Einsamkeit und Isolation zu helfen."

Magazinrundschau vom 25.08.2026 - Dekoder

Laut russischem Recht gibt es aller Sowjetisierungs- und Russifizierungsversuche zum Trotz 47 indigene Völker, schreibt Goworit Nemoskwa auf ihrem Blog (von Jennie Seitz und Ruth Altenhofer ins Deutsche für Dekoder übersetzt). Eines davon sind die Samen, die gegen alle Widerstände des gegenwärtigen Russlands ihre Kultur bewahren wollen. Die Samen leben als halb-nomadisches und transnationales Volk in vier Staaten: Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. "Ihre Geschichte ist geprägt von Kolonialisierung, in deren Folge die Samen immer weiter nach Norden zurückgedrängt wurden. Aber vor Alexander Newski", Fürst von Nowgorod und von Stalin als wahrer Imperialist verehrt, "konnten sie nicht fliehen. Im Jahr 1251 schloss Newski einen Pakt mit Norwegen, der es sowohl Weliki Nowgorod als auch dem Königreich Norwegen ermöglichte, einen festen Zoll von den 'Lappen' zu erheben - fünf Eichhörnchenfelle pro Jäger. 'Wir selbst bezeichnen uns als Samen, von anderen werden wir 'Lappen' genannt - ein abwertendes Wort für unser Volk. Als wären wir schmutzig und würden am Rande der Welt leben. Wir Samen haben keine Landesgrenzen. Wir sind ein Volk, das kraft historischer Ereignisse durch Grenzen getrennt wurde. Wir waren schon vor der Entstehung der Staaten hier und werden auch weiterhin als ein gemeinsames Volk in unserer Heimat leben, die wir Sápmi nennen. Und natürlich nicht Lappland'", erzählt der von vielen russischen Medien so genannte 'samische Navwalny' Andrej Danilow, der lange Zeit Aktivist für die Rechte von Samen in Russland war, bis er sich nach Beginn des Ukraine-Krieges 2022 dazu entschloss nach Norwegen ins Exil zu gehen. Die verbliebenen Samen in Russland sind jetzt Vorwürfen des Separatismus ausgesetzt. Danilow: "'Separatismus - so ein Unsinn. Ich sag's noch einmal: Wir sind ein friedliebendes Volk. Wir bestehen seit Jahrtausenden und werden noch Jahrtausende bestehen, weil wir unsere Strategie haben. Wir haben eine eigene Methode, unsere Rechte zu verteidigen, wir berufen uns auf die Gesetze des Staates, in dem wir leben. Auch wenn diese Gesetze und sogar die Staaten sich ändern. Das moderne Norwegen gibt es erst seit 1905, aber wir waren immer schon hier, ohne Abspaltung, ohne Kampf, haben nur unsere Rechte und Länder behauptet. Vielleicht gibt es uns deswegen noch, trotz unserer geringen Zahl hier im hohen Norden.'"

Magazinrundschau vom 18.08.2026 - Dekoder

Uladsimir Karatkewitsch (geboren 1930) gilt als einer der einflussreichsten belarussischen Schriftsteller des sowjetischen Belarus, schreibt Jakob Wunderwald. Mit seinen Werken erinnerte er nicht nur an die Aufstände gegen das russische Zarenreich im 19. Jahrhundert, sondern auch an die Besatzung durch die Nazis. 1984 stirbt er. "Seine Geschichtsvisionen bleiben indes zentrale Bezugspunkte für belarussische Nationaldiskurse. Erst heute werden sie in ihrer ganzen Fülle zugänglich. Aktuell erscheint eine fünfundzwanzigbändige Gesamtausgabe inklusive aller gekürzten Textstellen, die einst den Zensoren zum Opfer fielen. In Kyjiw, wo er studierte, trägt seit 2023 eine Straße seinen Namen - in der Ukraine, die ihr Territorium und ihr kulturelles Erbe gegen Russland verteidigt, wird Karatkewitsch für seinen Beitrag zur Popularisierung der Nationalkultur des nördlichen Nachbarlandes Belarus geehrt, das ja von russischer Seite wie die Ukraine als unablösbares 'Brudervolk' verstanden wird. In Minsk, der Hauptstadt des autoritär regierten Belarus, findet sich dagegen keine Karatkewitsch-Straße - und, wie eingangs beschrieben, wird das Werk des Schriftstellers zumindest teilweise aus den Schulen verbannt. Das heutige offizielle Belarus findet seine historischen Orientierungspunkte lieber in einem unkritischen Bezug auf sowjetische Geschichtsnarrative rund um den 'Großen Vaterländischen Krieg' und bietet keinen Raum für divergierende nationale Erzählungen. (...) Vielleicht hat es die Vergangenheit, von der er schreibt, nie genau so gegeben - doch seine romantischen Visionen etablieren Belarus, dessen Geschichte jahrhundertelang von imperialen Herrschern unterdrückt wurde, als widerständige Nation in Europa. Gleichzeitig sind sie so offen und verspielt, dass sie zum Weiterdenken einladen. Wie es der belarussische Schriftsteller Alhierd Bacharevič zusammenfasst: 'Er hat für uns den Ort erfunden, an dem wir leben.'" Karatkewitschs Opus Magnum "Kalassy pad sjarpom twaim" (Ähren unter deiner Sichel) wurde 2023 aus dem Literaturkanon der belarusischen Schulen verbannt.

Magazinrundschau vom 11.08.2026 - Dekoder

Szene aus "Pad scherym nebam" (Under the grey sky) von Mara Tamkovich


Im belarusischen Kino tobt ein Kampf um die Erinnerungskultur, schreibt Irena Kazjalowitsch für Reformation (deutsche Übersetzung von Tina Wünschmann bei Dekoder). Die staatlichen Filme sind sehr von russischen Narrativen abhängig, während die unabhängige Filmbranche Differenzierungen sucht: "Die staatliche Filmindustrie fördert aktuell offen die russische Perspektive und heroisiert die Sowjetära, was eher Russland nützt, das die Sowjetunion mit dem Russischen Imperium gleichsetzt und ihrem Zerfall nachtrauert. Durch die Zusammensetzung der Filmcrews, durch die Bezeichnung Belorusia im Abspann, durch ein positives, idealisiertes Bild der Sowjetmacht und der Sowjetarmee zieht das nationale Filmstudio zwischen den Zeilen Belarus an Russland und dessen Gefühlswelt heran. Dazu passt als trauriges Beispiel der Film 'Shisn posle shisni' (Das Leben nach dem Leben) des russischen Regisseurs Dmitri Astrachan, produziert von Belarusfilm, in dem der Protagonist auf Kosten unser aller Steuergelder nicht einmal korrekt [den Namen des Nationalschriftstellers - dek] Jakub Kolas aussprechen kann." Filme über den Zweiten Weltkrieg und nostalgische Erinnerungen dominieren die Produktionen des staatlichen Monopolisten Belarusfilm. "Die unabhängige Filmbranche zeigt dagegen ein ganz anderes Bild der belarusischen Sicherheitsstrukturen - statt edler Helden sehen wir die Auslöser von Terror und Angst. (...) Der unabhängige Film transportiert auch ein anderes Konzept des Heldentums, so frei von Pathos, dass man 'Heldentum' besser in Anführungsstriche setzt. Helden sind hier nicht die Vertreter der Macht und der Sicherheitskräfte, sondern alle, die sich gegen ihre Unterdrückung zur Wehr setzen. Der asketische Film 'Pad scherym nebam' (Under the grey sky) von Mara Tamkovich zeigt, wie eine Journalistin in politischer Gefangenschaft Entscheidungen treffen muss, getreu ihren Werten, aber auch unter den Bedingungen von Haft und psychologischem Druck."

Außerdem: Vor sechs Jahren klaute Alexander Lukaschenko 2020 die belarussischen Präsidentschaftswahlen und regiert seither das Land noch autoritärer als vor 2020, ist bei Dekoder zu lesen. Dort wird auch eine Bildstrecke mit den Wegmarken der belarusischen Opposition seither gezeigt und auf die Stärke der belarusischen Protestkultur verwiesen.
Stichwörter: Belarus, Belarusisches Kino

Magazinrundschau vom 04.08.2026 - Dekoder

In der Ukraine kommt es aktuell zu sogenannten "Papp-Protesten", die sich zuerst gegen Selenskis im Alleingang getroffene Entscheidung, den beliebten Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow zu entlassen, richteten, schreibt Olexandra Jefymenko für das Menschenrechtszentrum ZMINA (hier die deutsche Übersetzung auf Dekoder). Jetzt setzen sich die Demonstranten vor allem für allgemeine Verbesserungen im Militär ein. Jefymenko spricht zum Beispiel mit Tetjana Kopajhorodska und Marija Melnyk, Ehefrauen von Soldaten. Der Protest biete "eine gute Möglichkeit für einen gewaltfreien Austausch zwischen der Gesellschaft und der politischen Führung. Die Menschen kämen hierher, um einander zu sehen und zu begreifen, dass sie mit ihren Sorgen und ihrer Unzufriedenheit nicht allein sind, sagt Kopajhorodska: 'Vielen Menschen lag das Thema auf der Seele, und nun sehen wir, dass wir nicht allein sind, dass es viele Gleichgesinnte gibt und dass wir unsere Probleme und Ängste nicht für uns behalten müssen, sondern hierherbringen können, um unsere Führung zu ermutigen mit uns zu kommunizieren.' Marija Melnyk ist bereits zum zweiten Mal beim Protest: 'Der Hauptgrund hierherzukommen, ist die Entscheidung, meinen Mann zu unterstützen, denn er ist bereits seit zwei Jahren in der Armee. Zuletzt habe ich bei ihm eine gewisse Hoffnung und Zuversicht gespürt, denn er hat die Veränderungen gesehen. Als er von Fedorows Rücktritt erfuhr, fiel es ihm sehr schwer zu sprechen, hatte fast Tränen in der Stimme', erzählt Marija. (...) In Kyjiw, Charkiw, Odessa und anderen Städten sprechen die Menschen weiter über die Notwendigkeit systemischer Veränderungen: über die Arbeit des Parlaments, Transparenz bei Personalentscheidungen, die Rolle der Zivilgesellschaft und den Umgang mit Soldaten und Veteranen. Wer durch die russische Besatzung das Zuhause verloren hat, fordert, dass der Staat strategisch weiterhin dafür arbeite, dass sie eines Tages zurückkehren können. Das ist die ukrainische Gesellschaft: Menschen, die mit Pappschildern ihre Stimme erheben, wenn es ihnen wichtig ist, gehört zu werden."
Stichwörter: Ukraine, Ukrainekrieg

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - Dekoder

Wird Russlands territoriale Größe im Ukrainekrieg zum Nachteil, fragt sich der russische Historiker und Politologe Sergej Medwedew in einem Kommentar für Radio Svoboda (deutsche Übersetzung bei Dekoder durch Anselm Bühling). "Jahrhundertelang herrschte im Einklang mit den klassischen Militärtheorien und geopolitischen Vorstellungen die Überzeugung, dass gerade die ungeheuren territorialen Ausmaße und die strategische Tiefe des russischen Imperiums, das Land quasi unverwundbar machten. Verstärkt wurde diese Überzeugung der Unverwundbarkeit durch Faktoren wie das raue Klima, die Unwegsamkeit und Unterentwicklung des Raums sowie den Mangel an Straßen und Infrastruktur. Die Niederlagen der Armeen Napoleons und Hitlers galten als der beste Beweis dafür. Doch in Zeiten neuer Technologien wie Drohnen, autonomen Waffen, Satellitenkommunikation und künstlicher Intelligenz schrumpfen Entfernungen. Der Raum wird durchsichtig, durchlässig und verwundbar - und je weiter der Raum, desto verwundbarer ist er. Russlands riesiger, über einen Zeitraum von fünfhundert Jahren herangewachsener Territorialkörper, in dessen Namen unzählige Opfer gebracht wurden, ist nicht länger ein Vorteil, sondern wird zur Schwäche: Es lässt sich praktisch nicht schützen und verteidigen. Die über das ganze Land verteilte Öl- und Gasinfrastruktur, die langen Verkehrswege, inklusive dem schmalen Band der Transsibirischen Eisenbahn mit ihren hunderten von Brücken, die sich an der chinesischen Grenze entlangzieht, die verstreute Rüstungsindustrie (als Erbe der planwirtschaftlichen sowjetischen Produktionsverteilung), die Militärlager und Flugplätze, (die als Erbe der Konfrontation mit der gesamten übrigen Welt an entlegenen Orten errichtet wurden) - all das ist den Angriffen durch unauffällige, geräuschlose Drohnen, die überallhin vordringen können, praktisch schutzlos ausgeliefert. Und wie die jüngsten ukrainischen Angriffe gezeigt haben, sind selbst die besonders geschützten Gebiete wie Moskau und Petersburg nicht mehr unverwundbar."

Magazinrundschau vom 30.06.2026 - Dekoder

Viele Russen sind komplett apathisch, wenn es um Politik geht und treffen dabei vor allem bei Belarusen einen Nerv, meint Olga Loiko auf Plan B (deutsche Übersetzung bei Dekoder von Ruth Altenhofer). Denn genau diese Ausblendung politischer Entwicklungen führe dazu, dass Russen nicht verstehen würden, warum Belarusen und Ukrainer (und andere Bürger postsowjetischer Staaten) sie so hassen. "Und unterdessen staunen die Guten: Woher kommt dieser Hass? Warum erzählt die ukrainische Mama ihren Kindern so scheußliche Dinge über Putin? Was soll die Schadenfreude über Benzinmangel auf der besetzten Krim? Und nennenswertes Mitleid für 'eure Jungs', die sich an der Front eine goldene Nase verdienen wollten, haben nicht mal die Belarusen, die ihr für eure kleinen Brüder haltet. Was sie in Rage bringt. Genau wie die belarusische Sprache und dass man euch permanent an die korrekte Bezeichnung des Landes erinnern muss: Belarus." Spannungen gibt es auch zwischen Belarusen und Ukrainern, wofür Loiko Folgendes empfiehlt: "Das Gespräch (meistens auf Englisch) mit dem 'Glaubensbekenntnis' jedes vernünftigen Menschen zu beginnen, ist ein Anfang: Die Krim ist ukrainisch. Putin hat einen blutigen Krieg in der Ukraine begonnen und muss dafür die Verantwortung tragen. Ich unterstütze diesen Krieg nicht und weiß genau, wer ihn vom Zaun gebrochen hat. Mir ist bewusst, dass ich als belarussische Staatsbürgerin für die Mitwirkung meines Landes an diesem Krieg Verantwortung trage. Und ich weiß, von wo aus die russischen Truppen am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert und sie mit Raketen beschossen haben. Dann können wir zu Russisch wechseln, wenn sich alle Gesprächsteilnehmende damit wohlfühlen. Wir können auch auf Englisch weitersprechen, auf Ukrainisch und Belarusisch, wie es uns beliebt. Wir stehen auf derselben Seite. Auf der, wo man nicht seine Nachbarn bedroht, wo man nicht mit Oreschnik-Raketen herumwedelt, wo man sich nicht herausnimmt, seinem Nachbarland vorzuschreiben, ob es Mitglied der EU oder der Eurasischen Wirtschaftsunion sein darf. Wo man fremde Sprachen und die freie Wahl respektiert."
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