
"Der Westen hat mit Staunen die
Ukraine und Belarus entdeckt, die vorher für ihn nicht existierten",
konstatiert der belarussische
Schriftsteller Alhierd Bacharevič im Interview mit dem belarussischen online-Magazin
Zerkalo (
ins Deutsche übersetzt und gekürzt von Tina Wünschmann auf
Dekoder). Und er berichtet auch vom Staunen
derjenigen Russen, die nach Belarus kommen, um dort die
Plätze der Exilanten einzunehmen. "Ich lese von ihren Eindrücken, Problemen, Träumen, von ihren Zielen und Motivationen … Und mir scheint, dass sie eine wichtige Tatsache nicht verstehen: Wie man es auch dreht, die massenweise Ansiedlung in einem Land, das aus politischen Gründen einen riesigen Bevölkerungsschwund erlebt, sieht nach einem böswilligen Ersetzen der 'Entlaufenen' durch 'Normale' aus - denn natürlich nehmen die Russen die Plätze jener hunderttausenden Belarusen ein, die das Land
gezwungenermaßen verlassen haben. 'Gezwungen' ist in diesem Kontext ein wichtiges Wort. Die Mehrheit der Belarussen im Exil hat Belarus nicht auf eigenen Wunsch verlassen. Verstehen die Umsiedler aus Russland, wo sie sich da niederlassen? Jede Immigration verändert ja das Land, in dem die Menschen sich ansiedeln, und Belarus war auch vorher schon
überschwemmt mit russischer Kultur, russischer Sprache, russischem Pop. Leider war und bleibt Russland für viele Belarussen das einzige Fenster zur Welt, ebenso die russische Sprache. Früher träumte ich davon, dass mein Belarus Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt sein könnte. Stattdessen ist etwas ganz anderes passiert: Belarus wird zu einer Art billigem, zugänglichen Europa für die Russen, zum
Bungalow des Imperiums: Hübsch ist es dort im Sommer auf dem Land… Die Belarussen und Russen haben einen ähnlichen kulturellen Code, nicht denselben, aber leider ist er verwandt, denn das Imperium hatte hier ausreichende Wirkung - und so wird aus der Migration als sozialer Frage ein Problem von historischem, zivilisatorischem Ausmaß. (...) Auf die Frage, was man dagegen tun kann, wiederhole ich die alte Antwort: Belarussisch sprechen, Belarussisch schreiben, Belarussisch lesen, die
eigene Andersartigkeit zeigen. Wir wiederholen ja nicht ohne Grund seit Jahrzehnten dieses gemarterte wie heilige Wort
mova (belarus. für Sprache). Wir tun das nicht aus rituellen Gründen, sondern aus pragmatischen. Die Sprache ist tatsächlich das wirkmächtigste Mittel im Kampf gegen die Assimilation."