
Die italienische Regierung unter Giorgia Meloni weist jedes Jahr Tausende von
Visumsanträgen aus Tunesien ab, darunter viele von Studenten, die an italienischen Universitäten zugelassen sind - diese Haltung "übersieht einen unbequemen, unerwähnten Teil der Geschichte",
erinnert Stefania D'Ignoti: "Vor etwas mehr als einem Jahrhundert waren es Sizilianer, die
dieselben Migrationsrouten nutzten - nur in umgekehrter Richtung." So wanderten "Ende des 19. Jahrhunderts Italiener, insbesondere Sizilianer, in Scharen nach Tunesien aus. Ihr Einfluss sollte über Generationen hinweg in der Küche, der Architektur und sogar der Sprache des Landes, das sie aufnahm, spürbar sein. Die meisten waren
Handwerker,
Bauern und Mechaniker, die nach der italienischen Einigung aus Sizilien flohen, um der zunehmenden Armut und der Herrschaft der Mafia zu entkommen (...) Die Konsolidierung hinterließ ein politisches Vakuum im Süden, was zu Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Landraub durch die Regierung und extrem hohen Steuern führte. Dies löste eine
Massenauswanderung an die damals reichere und aufstrebende Südküste des Mittelmeers aus. Bis 1925 waren
fast 80.000 der rund 130.000 Italiener in Tunesien Sizilianer, die hauptsächlich aus den westlichen Provinzen Trapani und Palermo stammten." Aber auch in Tunesien interessiert man sich kaum für diese Geschichte, erzählt Ben Ahmed, Gründer des tunesischen Vereins "La Piccola Sicilia". "Dabei wäre es wichtig zu zeigen, dass einst wir diejenigen waren, die Einwanderer, die vor der Armut flohen, willkommen hießen und ihnen ein Zuhause und Arbeitsmöglichkeiten boten, während wir heute nicht dieselbe Behandlung erfahren." Eine der berühmtesten italienischen Auswandererfamilien waren übrigens
die Cardinales, deren Tochter
Claudia im tunesischen La Goulette geboren wurde.
In
Schweden werden Migranten inzwischen für fast jeden Missstand verantwortlich gemacht,
klagt Nora Adin Fares. Zwar ist die Gewalt infolge der Bandenrivalitäten in der stark von Einwanderern dominierten
organisierten Kriminalität in den letzten Jahren regelrecht explodiert, aber vielleicht würde eine fairere Sozial- und vor allem Steuerpolitik besser dagegen helfen als die pauschale Diskriminierung von Einwanderern, die Fares insbesondere den
Schwedendemokraten (SD) vorwirft: "Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts schaffte die
Regierung die Erbschaftssteuer, die Vermögenssteuer und schließlich auch die Grundsteuer ab. Heute ist es in Schweden einfacher als in jedem anderen europäischen Land, Vermögen anzuhäufen und zu vererben. Die Auswirkungen sind enorm. 1996 gab es in Schweden lediglich
28 Kronen-
Milliardäre (Personen mit einem Vermögen von rund 91 Millionen US-Dollar), die meisten davon Erben. Bis 2019 stieg ihre Zahl auf 206. Zwei Jahre später waren es
bereits 542. Ihr Anteil am schwedischen Gesamtvermögen ist ebenso rasant gestiegen: von umgerechnet
6 Prozent des BIP im Jahr 1996 auf 34 Prozent im Jahr 2019 und bemerkenswerte
68 Prozent im Jahr 2021. Schweden, mit seinen mittlerweile 10 Millionen Einwohnern, hat weltweit die höchste Dichte an Dollar-Milliardären pro Kopf. Im Jahr 2024 führte das Forbes Magazine 43 Schweden mit einem Vermögen von einer Milliarde US-Dollar oder mehr in seiner jährlichen Liste der Reichsten auf. Dieser fiskalische Wohlstand ist im umgekehrten Verhältnis zur sozialen Gerechtigkeit des Landes gestiegen. In den letzten zwei Jahrzehnten verzeichnete Schweden einen der größten Anstiege der
Einkommensungleichheit innerhalb der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)."