Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 05.12.2017 - Aktualne

Beifall der tschechischen Rezensenten findet das soeben zu Ende gegangene 22. Prager Theaterfestival deutscher Sprache, bei dem deutschsprachige Bühnen Stücke von Elfriede Jelinek über Ilija Trojanow bis zur Eugen-Roth-Adaption präsentierten. Saša Hrbotický stellt fest, wie viel politischer das aktuelle deutsche oder österreichische Theater im Vergleich zur tschechischen Szene sei. Während auf tschechischen Bühnen politische Themen "meistens scheu oder im Kabarett-Ton" abgehandelt würden, hätten die deutschsprachigen Bühnen ganz explizit mit Themen wie der Flüchtlingswelle oder der Krise der Konsumgesellschaft gearbeitet - ein dem Rezensenten nach "inspirierender und für den tschechischen Zuschauer immer noch provokativer Zugang".

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Aktualne

Jaromír Nohavica, einer der größten tschechischen Liedermacher, ist einer, der in schwierigen Zeiten mit seinen menschlich klugen und ironischen Liedern Mut machte und auch in den letzten Jahrzehnten populär blieb. Umso ernüchternder für seine Fans sind neuere Berichte der Lidové noviny, dass Nohavica in den Achtzigern wiederholt der tschechischen Stasi Informationen aus Dissidentenkreisen übermittelt habe. Luděk Navara meint dazu: "Vielleicht ist das der Irrtum: Wir erwarten, dass der, der uns aus der Seele spricht, der mit Worten zu verzaubern vermag, auch all unsere Gefühle teilen wird. Aber was ist, wenn er uns nur scheinbar aus der Seele spricht? Wenn er die Worte und die Musik nur für sich selbst komponieren kann? Und überhaupt - erwarten wir womöglich von unseren Liedermachern, Schriftstellern und anderen Künstlern so viel mehr, als möglich ist? War es bei den Tschechen nicht immer so? Dass sie ihren Künstlern auch in dem vertrauten, was gar keine Kunst war, und deshalb zwangsläufig enttäuscht werden mussten?" Und Navara nennt die Beispiele von Karel Sabina, Milan Kundera, Pavel Kohout. "Jaromír Nohavicas Geschichte ist ein erstaunliches, nicht leicht zu verstehendes Lied, das sein bisheriges Schaffen nur ergänzt. Vielleicht sagen aber auch all diese Lieder (einschließlich seiner eigenen Biografie) etwas über uns selbst aus. Darüber, wie wir gelebt haben, wie wir leben und was wir für richtig halten. Und mit seinem Leben und Werk zwingt Nohavica uns, darüber nachzudenken, das ist alles."


Magazinrundschau vom 13.06.2017 - Aktualne

75 Jahre, nachdem die Nationalsozialisten das tschechische Dorf Lidice auslöschten, erinnern sich Kinder von damals zurück. Um das Attentat auf Heydrich zu rächen, erschossen die Nazis damals sämtliche Männer und Jungen über 15 Jahren, deportierten die Frauen ins KZ und verbrannten die Häuser. Die wenigen überlebenden Kinder wurden zur "Umerziehung" nach Deutschland geschickt, wo sie von - zum Teil sehr liebevollen - Pflegefamilien aufgenommen wurden. Mit dieser paradoxen Erfahrung - die Deutschen sowohl als Monster als auch als umsorgende Menschen zu erleben - standen sie nach dem Krieg völlig allein. Marie Šupíková erinnert sich, wie sie nach dem Krieg erstmals ihre schwerkranke leibliche Mutter traf (die vier Monate später starb) und sich nicht mit ihr verständigen konnte, weil Marie nur noch deutsch sprach. "Ich hatte ein Foto von der deutschen Familie zur Erinnerung mitbekommen. Meine Tante, die mich nach dem Tod der Mutter aufzog, nahm es mir weg und zerriss es. Das sind nicht deine Eltern, sagte sie. Dabei hatten sie es mir in der guten Absicht mitgegeben, dass meine Mutter sehen konnte, bei wem ich gelebt hatte." In der Heimat "konnten sie es einfach nicht glauben, dass der normale Deutsche auch ein Stück Menschlichkeit besaß".

Magazinrundschau vom 16.05.2017 - Aktualne

Zwei Jahre existiert nun schon das international nicht anerkannte Staatsgebilde Liberland an der Donau, im Niemandsland zwischen Kroatien und Serbien, das nach dem Gründer und "Staatspräsidenten", dem Tschechen Vít Jedlička, ein neues Monaco oder Liechtenstein werden soll, ein Mekka für Libertäre, mit geringstmöglichem Staatseinfluss und freiem Handel. Noch ist auf dem sieben Quadratkilometer großen Gebiet allerdings keine Bautätigkeit zu verzeichnen, wie Aktualne berichtet, lediglich ein etwas heruntergekommenes Häuschen ist dort zu sehen. Jedlička, der unermüdlich in diplomatischer Mission von Staat zu Staat reist, um um Anerkennung zu werben, bleibt optimistisch: Noch in diesem Sommer soll in Liberland gebaut werden, beginnend mit dem "schönen Projekt" Liberdom, das als Hotel dienen soll. Außerdem gebe es unter der Marke Liberland bereits Bier und Wein, zudem Fantreffen auf der ganzen Welt. "Wir haben ein Netz aus fast 90 Vertretungen auf dem ganzen Planeten und eine funktionierende Regierung", wirbt der Staatsgründer für sein Land. Immerhin gibt es weltweit bereits über 400.000 Interessenten und Unterstützer, die Staatsbürger von Liberland werden wollen. Wer allerdings den Ministaat (Motto: "Leben und leben lassen") betreten will, so Aktualne, muss auf der Donau anreisen, denn von kroatischer Seite aus sind Polizisten unterwegs, um gelegentlich einen Liberländer "Bürger" festzunehmen.

Magazinrundschau vom 09.05.2017 - Aktualne

Das gibt es noch: Die englische Band Temples lässt den psychedelischen Brit Pop der 60er-Jahre aufleben. Von Aktualne befragt, erklärt der Bassist Tom Walmsley, weshalb die Erweiterung des Bewusstseinszustands gerade heute nottut: "Bevor es die sozialen Medien und die digitalen Technologien gab, sind die Leute mehr rausgegangen und erlebten Dinge am eigenen Leib. Heute visualisieren sie alles viel zu sehr und haben dann keinen Raum mehr für die eigene Fantasie. Und dafür gibt es zum Beispiel psychedelische Konzerte. Psychedelik bedeutet auch Freiheit. Brauchst du zur Bewusstseinserweiterung Drogen? Das ist in Ordnung. Genauso wie es in Ordnung ist, keine zu nehmen."

Magazinrundschau vom 25.04.2017 - Aktualne

Mit seiner neuen Video-Reihe "Appell" will Aktualne Persönlichkeiten der Zeitgeschichte die Gelegenheit geben, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Den Auftakt macht der tschechische Philosoph und Theologe Tomáš Halík, der die Rolle der "unbequemen Intellektuellen" verteidigt, die derzeit wie im Totalitarismus als unberufene Elite und Kaffeehausgammler verunglimpft würden. "Mein Lehrer Jan Patočka unterschied zwischen dem Intellektuellen als Kulturarbeiter und dem geistigen Menschen." Letzterer sei durchaus nicht im Besitz der Wahrheit, sondern immer auf der Suche und bereit, die Vieldeutigkeit des Lebens auszuhalten, so wie auch die biblischen Propheten nicht die Zukunft voraussagen konnten, sondern die Gegenwart kritisch begleiteten. Halík mahnt an: "Steinigen wir nicht die Propheten - vielleicht werden wir sie mehr benötigen denn je."

Magazinrundschau vom 04.04.2017 - Aktualne

Wer die Filme des Regisseurs Emir Kusturica schätzt und liebt, wird von seinen politischen Ansichten wohl eher befremdet sein. Im 20-minütigen (englisch geführten) Video-Interview beteuert der serbische Filmemacher: "Ich bin nicht nur für Vladimir Putin, ich bin für ein Gleichgewicht in der Welt." Er würde jede Macht unterstützen, die den östlichen Ländern hilft, ihr Profil zu bewahren: "Wir erleben auf dem Balkan und im Nahen Osten eine brutale Einmischung oder einen Angriff auf souveräne Staaten." Kusturica ist entschieden gegen die Globalisierung, hält die Krim für russisch und die Amerikaner für schuld am Syrienkrieg. Die tschechische Reporterin Emma Smetaná rückt Kusturica mit ihren kritischen Fragen so zu Leibe, dass der Filmemacher sie verärgert fragt, ob sie von einem internationalen Tribunal geschickt worden sei, und das Interview mit den Worten schließt: "Sie sind nicht auf dem Laufenden. Sie sprechen über ein Russland wie in den 60er-Jahren. Russland ist ein neues Land."

Magazinrundschau vom 28.03.2017 - Aktualne

Im Video-Interview spricht Daniela Drtinová mit der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland über deren Film "Pokot" - in dem die Filmemacherin etwas von Tarantinos "Django" oder "Inglourious Basterds" sieht, nur mit einer älteren weiblichen Heldin als Rächerin - und über das Zeitalter der narzisstischen Männer. Was Kaczynski und Orban als "kulturelle Konterrevolution" bezeichnen, so Holland, soll die Frauen wieder zu Kinder, Küche und Kirche zurücktreiben. Und: "Wenn Politik der Stärke mit Narzissmus zusammenfällt, wird es gefährlich." Ferner gebraucht die Regisseurin ein interessantes Gleichnis: Während Politiker wie Trump, Erdogan, Putin das klassisch männliche Prinzip verkörpern, sei die Europäische Union mit ihrem Prinzip der Kooperation und Toleranz "gendermäßig eine Frau". Bleibt die spannende Frage, wie dieser Geschlechterkonflikt ausgeht.

Magazinrundschau vom 21.03.2017 - Aktualne


Ai Weiwei, Law of the Journey, Installationsansicht. Bild courtesy Nationalgalerie Prag

Als Teil der Ausstellung "Law of the Journey" hat der chinesische Künstler Ai Weiwei im Prager Messepalast Veletržní palác ein 17 m langes schwarzes Schlauchboot installiert, das mit über 250 Flüchtlingsfiguren vollgepfercht ist. Martin Fendrych zeigt sich beeindruckt von dem erhöht im Raum schwebenden Boot (unter dem sich der Betrachter wie hilflos im Wasser fühlt) und erinnert daran, dass der funktionalistische Messepalast in den Jahren 1939 bis 1941 von den Nazis als Versammlungsort für Juden diente, die nach Theresienstadt deportiert wurden. "Es ist unmöglich, diesen höllischen Zusammenhang zu ignorieren, wo wir Tschechen uns gerade weigern, auch nur tausend Muslime aufzunehmen." Tatsächlich hat sich Weiwei gezielt Tschechien als Ausstellungsort ausgesucht, wie er im Interview sagt, ein Land, das selbst eine starke Migrationsgeschichte habe und sich in der Flüchtlingspolitik nun unglücklich verhalte. (Das Interview ist auf Englisch geführt und lässt sich am Ende des Artikels aufrufen.) Auf die Frage, wie der Westen auf die chinesische Politik Einfluss nehmen könnte, antwortet Weiwei recht dezidiert, der Westen solle sich nicht in China einmischen, sondern sich um seine "sogenannten westlichen Werte" und die Menschenrechte kümmern, die in vielen westlichen Ländern nicht konsequent eingehalten würden.

Magazinrundschau vom 24.01.2017 - Aktualne

Eigentlich sollte die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková im Februar auf einer Holocaust-Gedenkveranstaltung in Peking vortragen, die von der deutschen und der tschechischen Botschaft organisiert wird, doch dann wurde sie überraschend wieder ausgeladen - ihrer Ansicht nach auf Betreiben der deutschen Botschaft, da Denemarková nämlich die unterwürfige Haltung ihrer Regierung gegenüber China kritisiert hatte. Im tschechischen Außenministerium heißt es, man hätte einen geeigneteren Kandidaten gefunden, den deutschen Autor jüdischen Ursprungs Peter Finkelgruen, doch "laut Informationen aus diplomatischen Kreisen", so Aktualně, habe sich "die deutsche Seite gegen einen Auftritt Denemarkovás ausgesprochen. Das bestätigt die Korrespondenz zwischen deutschen und tschechischen Vertretern beider Botschaften, die der Redaktion vorliegt. Die Deutschen schreiben darin zunächst, die tschechische Schriftstellerin schreibe interessant und sei sicher für die geplante Veranstaltung geeignet. Anschließend fügen sie jedoch hinzu, dass Denemarková zusammen mit vielen anderen tschechischen Künstlern ein Dokument unterzeichnet habe, 'das mit China zu tun hat' und über das man bis zum Jahresende mehr zu erfahren versuche." Denemarková, die auch offen chinesische Dissidenten unterstützt, hatte in Tschechien einen Petition gegen die sogenannte "Erklärung der vier" unterzeichnet, in der im vergangenen Oktober die vier höchstrangigen Vertreter des Staates die guten Beziehungen zwischen Tschechien und China beschworen und sich vom Treffen einiger Politiker mit dem Dalai Lama distanzierten. Die Sinologin Kateřina Procházková vermutet, dass die chinesische Botschaft in Prag den Deutschen deswegen einen Hinweis gegeben habe.

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