Magazinrundschau - Archiv

Aktuálně

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Magazinrundschau vom 01.10.2019 - Aktualne

Im Gespräch mit Tomáš Maca sinniert der tschechische, in Berlin und Prag lebende Schriftsteller Jaroslav Rudiš über ostdeutsche und tschechische Unterschiede und Gemeinsamkeiten, besonders was die Desillusionierung nach 1989 betrifft: "Ich glaube, viele Tschechen verbanden Demokratie mit Konsum. Nicht wenige stellten sich die Freiheit so vor, dass sie endlich alles haben können, was es im Westen gibt. Ab den 90er-Jahren kursierte hier oft das Versprechen, wir würden die gleichen Gehälter wie in Westdeutschland haben. Das hat sich aber nicht einmal in Ostdeutschland bewahrheitet. (…) Ich frage mich also, woher die Frustration kommt, denn im Großen und Ganzen geht es uns recht gut. Auch bei uns im Böhmischen Paradies [Region im Nordosten Tschechiens] sind die Gasthäuser voll, die Leute leben Kultur, fahren in Urlaub oder gehen in die Sauna. Vielleicht gehört das ewige Nörgeln einfach zu unserem Wesen, und deshalb lohnt es sich, ab und zu einmal ein ärmeres Land zu besuchen, um sich bewusst zu machen, dass wir nicht so schlecht dran sind. (…) Mir scheint, dass sich für manche deutschen Bundesländer der Regierungswechsel nach dem Fall der Mauer womöglich radikaler ausgewirkt hat als bei uns. In Deutschland hat man zwar nicht das Problem der Oligarchen, das Tschechien belastet, aber wenn man einmal in Sachsen auf dem Land unterwegs ist, stellt man fest, dass dort ein Ort der Größe von Lomnice nad Popelkou [Rudiš' Heimatort] halb tot wirkt. Die Hälfte der Einwohner hat ihn verlassen, sodass man gerade mal ein Wirtshaus und einen Supermarkt findet, aber weder Kino noch Autobusse noch eine Eisenbahnverbindung, was in Lomnice etwas völlig Normales ist." Rudiš ist dafür bekannt, dass er seine Geschichten aus den Alltagsgesprächen in der Provinz, in Kneipen und in der Sauna schöpft. Auf die Frage des Interviewers, was denn Rudiš' Saunakumpel mit seinen Auslassungen über die große weite Welt anfangen können, antwortet dieser: "Vorsicht, in diese Sauna kommen eine Menge Leser. Unterschätzen Sie die nur nicht … Zuerst diskutieren wir über das Derby Sparta gegen Prag vom Vortag, dann über Kafkas Schloss und zum Schluss kommen wir darauf zu sprechen, wo das beste Bier gezapft wird."

Magazinrundschau vom 08.10.2019 - Aktualne

Gott ist tot - zumindest Karel. Der tschechische Nationalbarde des Schlagerpops, Karel Gott, dem die Tschechen sogar seine mehr als konforme Haltung während des kommunistischen Regimes verziehen, lässt auch die tschechische Presse nicht ruhen. Während die Lidové Noviny in den letzten Tagen sage und schreibe 27 Artikel zum Tod Karel Gotts brachte, gibt es aber auch kritische Stimmen: Nachdem Premier Babiš im ersten Überschwang ein Staatsbegräbnis vorgeschlagen hatte, war der "Geist aus der Flasche", meint Petr Viziana in Aktuálne, auch wenn Babiš auf die Kritik hin wieder zurückgerudert war. Denn nun diskutiere ein "Volkstribunal" in den sozialen Medien über die moralischen Qualitäten des Sängers, dem böswillige Menschen offenbar keinen würdigen Abschied gönnen wollten, dabei beiseite lassend, dass Gott kein Staatsmann war. Viziana kritisiert auch die Wortwahl der Medien: Das Ableben eines Menschen im gesegneten Alter von 80 Jahren hätte man früher niemals als "Tragödie" bezeichnet, ein Begriff, der einen ungelösten Konflikt mit dem Schicksal kennzeichne. "Wie werden wir dann noch eine wirkliche Tragödie nennen können?"
Stichwörter: Gott, Karel, Tschechien

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - Aktualne

Im Oktober startet in den tschechischen Kinos der Film "Die Prager Orgie" der tschechischen Regisseurin Irena Pavlásková (Trailer) nach dem Roman von Philip Roth, der darin seine Tschechoslowakei-Besuche in den kommunistischen 70er Jahren verarbeitete. Pavlásková, die sich vor seinem Tod mit Roth traf, erzählt im Interview mit Tomáš Maca: "Philip Roth hat die Situation in unserem Land sehr feinfühlig wahrgenommen. Er sah, wie die tschechoslowakische Gesellschaft nach dem Schock von '68 in die Resignation rutschte und wie die Leute jeweils unterschiedlich mit der Situation umgingen. Einige zogen sich in sich selbst zurück, manche kollaborierten und andere besuchten ausschweifende Feiern, mit denen sie die gestohlene Freiheit kompensierten (…) Von Zeitzeugen erfuhr ich, dass die Partys in der 'Prager Orgie' inspiriert waren von einer Gesellschaft, die sich bei dem Schriftsteller Jiří Mucha traf, dem Sohn des Malers Alfons Mucha. Dorthin kamen aber weniger Dissidenten als Künstler (einschließlich der regimekritischen) und Diplomaten." Die unverbindlichen erotischen Beziehungen jener Zeit sieht Plavásková nachträglich als Ausdruck der Frustration angesichts der Totalität. Philip Roth betreffend, ging sie in den Archiven der Staatssicherheit nachschauen, ob über ihn eine Akte geführt wurde. "Tatsächlich hatten sie einige Leute auf ihn angesetzt, die in dieser schauerlichen Amtssprache Bericht erstatteten: 'Das Objekt wurde beobachtet und suchte das Haus eines anderen beobachteten Objekts auf. Wir werden fürs Erste nicht reagieren.' Eine unklare Rolle spielte in der Vergangenheit auch eine Dame, die nach Meinung von Zeitgenossen das Vorbild für die zweitwichtigste Figur des Romans, der klugen, aber eigenwilligen Olga, war. Es ist möglich, dass man sie wegen ihrer regimekritischen Ausfälle und Partys zur Mitarbeit und zum Aushorchen von Roth zwang. Mir fiel auf, dass der StB ihre Materialien gleich Anfang Dezember 1989 vernichtet hat. Ich muss allerdings betonen, dass ich mit Philip Roth nicht darüber gesprochen habe, wer ihn zu der Figur der provokativen Olga inspiriert hat."
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Magazinrundschau vom 24.06.2019 - Aktualne

Noch ganz benommen sind die tschechischen Kommentatoren von den Hunderttausenden, die in Prag für den Rücktritt von Premier Andrej Babiš demonstrierten - eine Kundgebung, so groß wie seit der Samtenen Revolution nicht mehr. "Eine Kraft zeigt sich da, von deren Existenz wir nicht wussten", schreibt Marek Švehla in Respekt, und Martin Fendrych spricht in Aktuálně von der "aufgewachten Bürgergesellschaft". 1989 seien die Menschen auf der riesigen Letná-Ebene zusammengekommen, um sich die Freiheit zurückzuholen, diesmal, um sie zu verteidigen. "Babiš behauptet, er wüsste nicht, was die Demonstranten wollen, dabei ist es klar: Sie wollen Demokratie, gleiche Bedingungen für jeden, die gleiche Justiz für Babiš wie für Jedermann. Sie wollen einen Premier, gegen den kein Strafverfahren läuft und der nicht mit dem StB zusammengearbeitet hat. Der im Treuhandfonds keine Holdings besitzt, die EU- und Tschechien-Gelder beziehen. Sie wollen keinen Präsidenten, der seine Wähler und den Rest des Landes gegeneinander aufhetzt und zu den Regimen Russlands und Chinas aufblickt. Und sie wollen keine Justizministerin, die nicht für uns da ist, sondern für diese beiden Politiker." Auch wenn Babiš so schnell nicht zurücktreten möchte - diesen Protest "kann er nicht mehr ignorieren."
Stichwörter: Babis, Andrej, Tschechien

Magazinrundschau vom 21.05.2019 - Aktualne

Zuzana Hronová erinnert daran, dass nach dem kommunistischen Umsturz 1948 in der Tschechoslowakei tschechische Pfadfinderorganisationen sich am Versuch des antikommunistischen Gegenputsches beteiligten, und zitiert dazu eine neue Publikation von Jiří Zachariáš: "Der Beitrag der Pfadfinder am geplanten antikommunistischen Aufstand, dessen Ziel die Wiederherstellung der Demokratie und der bürgerlichen Freiheiten war, lag vor allem in der Kommunikation, der Lebensmittel- und medizinischen Versorgung. Viele Pfadfinder waren jedoch über das Wesen der Aktion detaillierter informiert und auch mit eigenen Waffen ausgerüstet." Am 7. Mai 1949 warteten über zweihundert ältere Pfadfinder in verschiedenen Prager Klubhäusern auf ein Zeichen, um sich dem Staatsumsturz anzuschließen. Allerdings ahnten sie nicht, dass sie längst von kommunistischen Geheimagenten unterwandert waren, und so kam es statt zu dem erwarteten Befehl zu zahlreichen Verhaftungen. Die beherzten Pfadfinder ließen sich in der Haft nicht so leicht brechen: "Es gelang ihnen, per Morsezeichen ihre Aussagen miteinander abzusprechen, sodass sie alle dasselbe behaupteten: Sie hätten nichts von einer antistaatlichen Aktion gewusst und lediglich geglaubt, an einem nächtlichen Spiel der Prager Junák-Gruppe teilzunehmen." Heldenhaft verhielt sich damals die Gruppenleiterin Dagmar Skálová. Im Wissen, damit die Hinrichtung zu riskieren, nahm sie alle Schuld auf sich, stellte sich als Hauptorganisatorin der Aktion dar, bestätigte die Ahnungslosigkeitsversion der Mitglieder und bewahrte damit Dutzende von ihnen vor der Gefangenschaft oder Schlimmerem. Sie hoffte darauf, dass das kommunistische Regime eine Frau nicht hinrichten würde. (Worin sie sich täuschte: Schon ein Jahr später erhängten die Kommunisten in einem Schauprozess die tschechische Politikerin und Juristin Milada Horáková.) Dagmar Skálová erhielt für "Hochverrat" lebenslänglich und wurde erst 1965 per Amnestie freigelassen. "Insgesamt wurden während des kommunistischen Totalitarismus rund 600 Pfadfinder und Pfadfinderinnen verurteilt, Tausende waren der Schikane ausgesetzt und elf bezahlten mit ihrem Leben."
Stichwörter: Tschechien, Pfadfinder

Magazinrundschau vom 22.01.2019 - Aktualne

Der tschechische Regisseur Petr Zelenka stört sich an der unkritischen Haltung der Tschechen gegenüber dem Kapitalismus. Sie hätten nur die unbegründete Angst vor Einwanderern und die begründete Angst vor Russland, aber keine Angst, dass der Kapitalismus etwa zur Klimakatastrophe führe. "Die tschechische Gesellschaft war immer sehr passiv und ist es immer noch. Sie hat passiv den Sozialismus über sich ergehen lassen, und so erlebt sie auch die Gegenwart. Freiheit begreift sie eher als die Freiheit, nichts zu tun, denn als die Freiheit, etwas aktiv zu gestalten. Der Kapitalismus stellt sich als gottgegebenes System dar, das naturgemäß keine Alternative besitzt. Er behauptet von sich, er sei untrennbar mit den Werten der Demokratie und der Menschenrechte verbunden, was aber eine Lüge ist. Es hat sich gezeigt, dass es dem Kapitalismus am besten geht in Ländern, die nicht demokratisch sind, wie etwa China, und dass er sich besonders in Zeiten diverser Krisen festigt."

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - Aktualne

Anlässlich des Prager Demokratie-Festivals "Forum 2000" führt Daniel Konrád ein langes Gespräch mit der polnischen Filmemacherin Agnieszka Holland, die sich zunehmend politisch äußert und derzeit entstehende Bürgervereinigungen unterstützt, die gegen die antidemokratischen Tendenzen der Regierung protestieren - was besonders in den polnischen Kleinstädten Mut erfordere. "Ich beobachte in den letzten Jahren in den postkommunistischen Ländern, dass, sobald die Regierung autoritärer wird, die Menschen sich sehr schnell zu fürchten beginnen", so Holland. "Da kommt in uns ein alter Reflex aus Normalisierungszeiten zum Vorschein, dieses ängstliche Buckeln. Wie ein Virus, den wir die ganze Zeit im Blut hatten und der jetzt wieder ausbricht." Holland, die nach 1968 auf der Prager Filmhochschule studierte, erinnert sich: "Nicht den Einzug der Panzer habe ich damals am einschneidensten erlebt, sondern die 'Normalisierung', als die Leute sofort dem neuen Regime zustimmten." Heute seien in Polen zwar keine Kommunisten an der Macht, sondern Rechte, Nationalisten, Katholiken, Populisten, "aber die Art, wie sie die Macht übernehmen, die Stimmen von Minderheiten sowie Menschenrechte ignorieren, erinnert an das kommunistische Denken". Auch die Kulturschaffenden selbst sieht Holland in der Verantwortung: "Die Kultur hat es nicht geschafft, den Kommunismus ausreichend zu verarbeiten. Wenn man jeweils die Anzahl von Filmen, Serien oder Büchern über die Verbrechen des Nationalsozialismus und des Kommunismus vergleicht, besteht da ein riesiges Missverhältnis."

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - Aktualne

Die Anti-Flüchtlings-Meinungsmache hat gewonnen: In Tschechien hat sich am Samstag der amtierende Staatspräsident und populistische Euroskeptiker Miloš Zeman in der Stichwahl gegen seinen Widersacher Jiří Drahoš durchgesetzt - aber doch so knapp, dass man sagen kann: Das Land ist gespalten. Während die Journalistin Sylvie Lauder in Respekt beschreibt, wie der politische Riss quer durch Familien geht (indem er meist die ältere und die jüngere Generation entzweit), erkennt der ehemalige Dissident und Ex-Premier Petr Pithart - hier im Video-Interview - ein gravierendes "gegenseitiges Unverständnis", eine sich "weiter vergrößernde Kluft" zwischen den Wählern vom Land und den "Pragern". (Nicht von ungefähr lautet das Schimpfwort der Populisten für großstädtische Intellektuelle "Pražská kavárna" - "Prager Kaffeehaus".) Nach Meinung Pitharts benötigt das Land dringend eine strukturelle Dezentralisierung, damit sich die Menschen in der Provinz nicht abgehängt fühlen. Zeman habe nun zwei Möglichkeiten: Entweder seine Haltung werde noch extremer, weil er in seiner letzten Amtszeit nichts mehr zu verlieren habe, oder aber (so Pitharts schwache Hoffnung), Zeman werde im Gegenteil "gemäßigter", da er es nun nach erfolgreicher Wiederwahl nicht mehr nötig habe, den Populisten zu geben.
Stichwörter: Tschechien, Zeman, Milos, Riss

Magazinrundschau vom 05.12.2017 - Aktualne

Beifall der tschechischen Rezensenten findet das soeben zu Ende gegangene 22. Prager Theaterfestival deutscher Sprache, bei dem deutschsprachige Bühnen Stücke von Elfriede Jelinek über Ilija Trojanow bis zur Eugen-Roth-Adaption präsentierten. Saša Hrbotický stellt fest, wie viel politischer das aktuelle deutsche oder österreichische Theater im Vergleich zur tschechischen Szene sei. Während auf tschechischen Bühnen politische Themen "meistens scheu oder im Kabarett-Ton" abgehandelt würden, hätten die deutschsprachigen Bühnen ganz explizit mit Themen wie der Flüchtlingswelle oder der Krise der Konsumgesellschaft gearbeitet - ein dem Rezensenten nach "inspirierender und für den tschechischen Zuschauer immer noch provokativer Zugang".

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Aktualne

Jaromír Nohavica, einer der größten tschechischen Liedermacher, ist einer, der in schwierigen Zeiten mit seinen menschlich klugen und ironischen Liedern Mut machte und auch in den letzten Jahrzehnten populär blieb. Umso ernüchternder für seine Fans sind neuere Berichte der Lidové noviny, dass Nohavica in den Achtzigern wiederholt der tschechischen Stasi Informationen aus Dissidentenkreisen übermittelt habe. Luděk Navara meint dazu: "Vielleicht ist das der Irrtum: Wir erwarten, dass der, der uns aus der Seele spricht, der mit Worten zu verzaubern vermag, auch all unsere Gefühle teilen wird. Aber was ist, wenn er uns nur scheinbar aus der Seele spricht? Wenn er die Worte und die Musik nur für sich selbst komponieren kann? Und überhaupt - erwarten wir womöglich von unseren Liedermachern, Schriftstellern und anderen Künstlern so viel mehr, als möglich ist? War es bei den Tschechen nicht immer so? Dass sie ihren Künstlern auch in dem vertrauten, was gar keine Kunst war, und deshalb zwangsläufig enttäuscht werden mussten?" Und Navara nennt die Beispiele von Karel Sabina, Milan Kundera, Pavel Kohout. "Jaromír Nohavicas Geschichte ist ein erstaunliches, nicht leicht zu verstehendes Lied, das sein bisheriges Schaffen nur ergänzt. Vielleicht sagen aber auch all diese Lieder (einschließlich seiner eigenen Biografie) etwas über uns selbst aus. Darüber, wie wir gelebt haben, wie wir leben und was wir für richtig halten. Und mit seinem Leben und Werk zwingt Nohavica uns, darüber nachzudenken, das ist alles."