Magazinrundschau - Archiv

Aktuálně

17 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - Aktualne

Anlässlich des Prager Demokratie-Festivals "Forum 2000" führt Daniel Konrád ein langes Gespräch mit der polnischen Filmemacherin Agnieszka Holland, die sich zunehmend politisch äußert und derzeit entstehende Bürgervereinigungen unterstützt, die gegen die antidemokratischen Tendenzen der Regierung protestieren - was besonders in den polnischen Kleinstädten Mut erfordere. "Ich beobachte in den letzten Jahren in den postkommunistischen Ländern, dass, sobald die Regierung autoritärer wird, die Menschen sich sehr schnell zu fürchten beginnen", so Holland. "Da kommt in uns ein alter Reflex aus Normalisierungszeiten zum Vorschein, dieses ängstliche Buckeln. Wie ein Virus, den wir die ganze Zeit im Blut hatten und der jetzt wieder ausbricht." Holland, die nach 1968 auf der Prager Filmhochschule studierte, erinnert sich: "Nicht den Einzug der Panzer habe ich damals am einschneidensten erlebt, sondern die 'Normalisierung', als die Leute sofort dem neuen Regime zustimmten." Heute seien in Polen zwar keine Kommunisten an der Macht, sondern Rechte, Nationalisten, Katholiken, Populisten, "aber die Art, wie sie die Macht übernehmen, die Stimmen von Minderheiten sowie Menschenrechte ignorieren, erinnert an das kommunistische Denken". Auch die Kulturschaffenden selbst sieht Holland in der Verantwortung: "Die Kultur hat es nicht geschafft, den Kommunismus ausreichend zu verarbeiten. Wenn man jeweils die Anzahl von Filmen, Serien oder Büchern über die Verbrechen des Nationalsozialismus und des Kommunismus vergleicht, besteht da ein riesiges Missverhältnis."
Stichwörter: Holland, Agnieszka, Polen

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - Aktualne

Die Anti-Flüchtlings-Meinungsmache hat gewonnen: In Tschechien hat sich am Samstag der amtierende Staatspräsident und populistische Euroskeptiker Miloš Zeman in der Stichwahl gegen seinen Widersacher Jiří Drahoš durchgesetzt - aber doch so knapp, dass man sagen kann: Das Land ist gespalten. Während die Journalistin Sylvie Lauder in Respekt beschreibt, wie der politische Riss quer durch Familien geht (indem er meist die ältere und die jüngere Generation entzweit), erkennt der ehemalige Dissident und Ex-Premier Petr Pithart - hier im Video-Interview - ein gravierendes "gegenseitiges Unverständnis", eine sich "weiter vergrößernde Kluft" zwischen den Wählern vom Land und den "Pragern". (Nicht von ungefähr lautet das Schimpfwort der Populisten für großstädtische Intellektuelle "Pražská kavárna" - "Prager Kaffeehaus".) Nach Meinung Pitharts benötigt das Land dringend eine strukturelle Dezentralisierung, damit sich die Menschen in der Provinz nicht abgehängt fühlen. Zeman habe nun zwei Möglichkeiten: Entweder seine Haltung werde noch extremer, weil er in seiner letzten Amtszeit nichts mehr zu verlieren habe, oder aber (so Pitharts schwache Hoffnung), Zeman werde im Gegenteil "gemäßigter", da er es nun nach erfolgreicher Wiederwahl nicht mehr nötig habe, den Populisten zu geben.
Stichwörter: Tschechien, Zeman, Milos

Magazinrundschau vom 05.12.2017 - Aktualne

Beifall der tschechischen Rezensenten findet das soeben zu Ende gegangene 22. Prager Theaterfestival deutscher Sprache, bei dem deutschsprachige Bühnen Stücke von Elfriede Jelinek über Ilija Trojanow bis zur Eugen-Roth-Adaption präsentierten. Saša Hrbotický stellt fest, wie viel politischer das aktuelle deutsche oder österreichische Theater im Vergleich zur tschechischen Szene sei. Während auf tschechischen Bühnen politische Themen "meistens scheu oder im Kabarett-Ton" abgehandelt würden, hätten die deutschsprachigen Bühnen ganz explizit mit Themen wie der Flüchtlingswelle oder der Krise der Konsumgesellschaft gearbeitet - ein dem Rezensenten nach "inspirierender und für den tschechischen Zuschauer immer noch provokativer Zugang".
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Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Aktualne

Jaromír Nohavica, einer der größten tschechischen Liedermacher, ist einer, der in schwierigen Zeiten mit seinen menschlich klugen und ironischen Liedern Mut machte und auch in den letzten Jahrzehnten populär blieb. Umso ernüchternder für seine Fans sind neuere Berichte der Lidové noviny, dass Nohavica in den Achtzigern wiederholt der tschechischen Stasi Informationen aus Dissidentenkreisen übermittelt habe. Luděk Navara meint dazu: "Vielleicht ist das der Irrtum: Wir erwarten, dass der, der uns aus der Seele spricht, der mit Worten zu verzaubern vermag, auch all unsere Gefühle teilen wird. Aber was ist, wenn er uns nur scheinbar aus der Seele spricht? Wenn er die Worte und die Musik nur für sich selbst komponieren kann? Und überhaupt - erwarten wir womöglich von unseren Liedermachern, Schriftstellern und anderen Künstlern so viel mehr, als möglich ist? War es bei den Tschechen nicht immer so? Dass sie ihren Künstlern auch in dem vertrauten, was gar keine Kunst war, und deshalb zwangsläufig enttäuscht werden mussten?" Und Navara nennt die Beispiele von Karel Sabina, Milan Kundera, Pavel Kohout. "Jaromír Nohavicas Geschichte ist ein erstaunliches, nicht leicht zu verstehendes Lied, das sein bisheriges Schaffen nur ergänzt. Vielleicht sagen aber auch all diese Lieder (einschließlich seiner eigenen Biografie) etwas über uns selbst aus. Darüber, wie wir gelebt haben, wie wir leben und was wir für richtig halten. Und mit seinem Leben und Werk zwingt Nohavica uns, darüber nachzudenken, das ist alles."


Magazinrundschau vom 13.06.2017 - Aktualne

75 Jahre, nachdem die Nationalsozialisten das tschechische Dorf Lidice auslöschten, erinnern sich Kinder von damals zurück. Um das Attentat auf Heydrich zu rächen, erschossen die Nazis damals sämtliche Männer und Jungen über 15 Jahren, deportierten die Frauen ins KZ und verbrannten die Häuser. Die wenigen überlebenden Kinder wurden zur "Umerziehung" nach Deutschland geschickt, wo sie von - zum Teil sehr liebevollen - Pflegefamilien aufgenommen wurden. Mit dieser paradoxen Erfahrung - die Deutschen sowohl als Monster als auch als umsorgende Menschen zu erleben - standen sie nach dem Krieg völlig allein. Marie Šupíková erinnert sich, wie sie nach dem Krieg erstmals ihre schwerkranke leibliche Mutter traf (die vier Monate später starb) und sich nicht mit ihr verständigen konnte, weil Marie nur noch deutsch sprach. "Ich hatte ein Foto von der deutschen Familie zur Erinnerung mitbekommen. Meine Tante, die mich nach dem Tod der Mutter aufzog, nahm es mir weg und zerriss es. Das sind nicht deine Eltern, sagte sie. Dabei hatten sie es mir in der guten Absicht mitgegeben, dass meine Mutter sehen konnte, bei wem ich gelebt hatte." In der Heimat "konnten sie es einfach nicht glauben, dass der normale Deutsche auch ein Stück Menschlichkeit besaß".

Magazinrundschau vom 16.05.2017 - Aktualne

Zwei Jahre existiert nun schon das international nicht anerkannte Staatsgebilde Liberland an der Donau, im Niemandsland zwischen Kroatien und Serbien, das nach dem Gründer und "Staatspräsidenten", dem Tschechen Vít Jedlička, ein neues Monaco oder Liechtenstein werden soll, ein Mekka für Libertäre, mit geringstmöglichem Staatseinfluss und freiem Handel. Noch ist auf dem sieben Quadratkilometer großen Gebiet allerdings keine Bautätigkeit zu verzeichnen, wie Aktualne berichtet, lediglich ein etwas heruntergekommenes Häuschen ist dort zu sehen. Jedlička, der unermüdlich in diplomatischer Mission von Staat zu Staat reist, um um Anerkennung zu werben, bleibt optimistisch: Noch in diesem Sommer soll in Liberland gebaut werden, beginnend mit dem "schönen Projekt" Liberdom, das als Hotel dienen soll. Außerdem gebe es unter der Marke Liberland bereits Bier und Wein, zudem Fantreffen auf der ganzen Welt. "Wir haben ein Netz aus fast 90 Vertretungen auf dem ganzen Planeten und eine funktionierende Regierung", wirbt der Staatsgründer für sein Land. Immerhin gibt es weltweit bereits über 400.000 Interessenten und Unterstützer, die Staatsbürger von Liberland werden wollen. Wer allerdings den Ministaat (Motto: "Leben und leben lassen") betreten will, so Aktualne, muss auf der Donau anreisen, denn von kroatischer Seite aus sind Polizisten unterwegs, um gelegentlich einen Liberländer "Bürger" festzunehmen.

Magazinrundschau vom 09.05.2017 - Aktualne

Das gibt es noch: Die englische Band Temples lässt den psychedelischen Brit Pop der 60er-Jahre aufleben. Von Aktualne befragt, erklärt der Bassist Tom Walmsley, weshalb die Erweiterung des Bewusstseinszustands gerade heute nottut: "Bevor es die sozialen Medien und die digitalen Technologien gab, sind die Leute mehr rausgegangen und erlebten Dinge am eigenen Leib. Heute visualisieren sie alles viel zu sehr und haben dann keinen Raum mehr für die eigene Fantasie. Und dafür gibt es zum Beispiel psychedelische Konzerte. Psychedelik bedeutet auch Freiheit. Brauchst du zur Bewusstseinserweiterung Drogen? Das ist in Ordnung. Genauso wie es in Ordnung ist, keine zu nehmen."

Magazinrundschau vom 25.04.2017 - Aktualne

Mit seiner neuen Video-Reihe "Appell" will Aktualne Persönlichkeiten der Zeitgeschichte die Gelegenheit geben, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Den Auftakt macht der tschechische Philosoph und Theologe Tomáš Halík, der die Rolle der "unbequemen Intellektuellen" verteidigt, die derzeit wie im Totalitarismus als unberufene Elite und Kaffeehausgammler verunglimpft würden. "Mein Lehrer Jan Patočka unterschied zwischen dem Intellektuellen als Kulturarbeiter und dem geistigen Menschen." Letzterer sei durchaus nicht im Besitz der Wahrheit, sondern immer auf der Suche und bereit, die Vieldeutigkeit des Lebens auszuhalten, so wie auch die biblischen Propheten nicht die Zukunft voraussagen konnten, sondern die Gegenwart kritisch begleiteten. Halík mahnt an: "Steinigen wir nicht die Propheten - vielleicht werden wir sie mehr benötigen denn je."

Magazinrundschau vom 04.04.2017 - Aktualne

Wer die Filme des Regisseurs Emir Kusturica schätzt und liebt, wird von seinen politischen Ansichten wohl eher befremdet sein. Im 20-minütigen (englisch geführten) Video-Interview beteuert der serbische Filmemacher: "Ich bin nicht nur für Vladimir Putin, ich bin für ein Gleichgewicht in der Welt." Er würde jede Macht unterstützen, die den östlichen Ländern hilft, ihr Profil zu bewahren: "Wir erleben auf dem Balkan und im Nahen Osten eine brutale Einmischung oder einen Angriff auf souveräne Staaten." Kusturica ist entschieden gegen die Globalisierung, hält die Krim für russisch und die Amerikaner für schuld am Syrienkrieg. Die tschechische Reporterin Emma Smetaná rückt Kusturica mit ihren kritischen Fragen so zu Leibe, dass der Filmemacher sie verärgert fragt, ob sie von einem internationalen Tribunal geschickt worden sei, und das Interview mit den Worten schließt: "Sie sind nicht auf dem Laufenden. Sie sprechen über ein Russland wie in den 60er-Jahren. Russland ist ein neues Land."

Magazinrundschau vom 28.03.2017 - Aktualne

Im Video-Interview spricht Daniela Drtinová mit der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland über deren Film "Pokot" - in dem die Filmemacherin etwas von Tarantinos "Django" oder "Inglourious Basterds" sieht, nur mit einer älteren weiblichen Heldin als Rächerin - und über das Zeitalter der narzisstischen Männer. Was Kaczynski und Orban als "kulturelle Konterrevolution" bezeichnen, so Holland, soll die Frauen wieder zu Kinder, Küche und Kirche zurücktreiben. Und: "Wenn Politik der Stärke mit Narzissmus zusammenfällt, wird es gefährlich." Ferner gebraucht die Regisseurin ein interessantes Gleichnis: Während Politiker wie Trump, Erdogan, Putin das klassisch männliche Prinzip verkörpern, sei die Europäische Union mit ihrem Prinzip der Kooperation und Toleranz "gendermäßig eine Frau". Bleibt die spannende Frage, wie dieser Geschlechterkonflikt ausgeht.