Fotolot

In der Weite des Felds

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
08.07.2026. Hans van der Meer sucht in seinem Fußballfotobuch "Torhüter - Von den Plätzen des europäischen Amateurfußballs" nicht die Athletik und Dynamik des Spiels, auch keine Legenden wie Maradona oder Zidane, sondern die Einsamkeit des Torhüters auf europäischen Bolzplätzen. Seine Arbeiten sind im Grunde Bilder einer spezifischen Form von europäischer Kulturlandschaft. Und der Sehnsucht nach sozialem Aufstieg.
Aus Anlass der Fußball-WM, die gerade in ihre entscheidende Phase geht, gibt es diesmal ein Fußball-Fotolot.

Die Fußball-WM in den USA hatte ihren ersten Eklat: Donald Trump hat bei FIFA-Chef Gianni Infantino darauf gedrängt, dass die Rote Karte, die der US-Spieler Folarin Balogun im Spiel gegen Bosnien-Herzegowina bekommen hat, für das Achtelfinalspiel des US-Teams gegen Belgien zurückgenommen wird. Was dann, zum Entsetzen von Kommentatoren von Jürgen Klopp bis Wayne Rooney, auch geschah.

Die Rote Karte für Balogun war bereits zuvor Thema einer heftigen Diskussion gewesen, da Superstar Lionel Messi für exakt dasselbe Vergehen im Spiel gegen Österreich nicht einmal gelb sah. Auch die Rote Karte, die Messis ewiger Widerpart Cristiano Ronaldo in der Qualifikation für die WM bekam, wurde entgegen dem FIFA-Reglement ersatzlos gestrichen, sodass Ronaldo im ersten Spiel für Portugal antreten konnte. 

Skandalöse Vorgänge, die den Fairness-Gedanken des Sports ad absurdum führen, und das Ausmaß der Korruption, die die FIFA unter Infantino erreicht hat, einer Weltöffentlichkeit wieder einmal vor Augen führen. Was vielleicht gar nicht mehr nötig ist, denn die FIFA steht in der öffentlichen Wahrnehmung schon lange für Korruption, und es gibt zahllose Bücher, TV-Dokumentationen (hier die neueste) und sogar eine Mini-Serie von Netflix zu dieser Thematik. 

Biharia, Rumänien © Hans van der Meer


In meinem fußballaffinen Umfeld gibt es unabhängig davon Ermüdungserscheinungen, die schlicht daher rühren, dass FIFA und UEFA die Anzahl der Turniere und Teilnehmer immer weiter aufgeblasen haben. Neben EM und WM gibt es jetzt noch die Nations League, und die UEFA verunstaltet seit letztem Jahr in der Sommerpause, die ursprünglich zur Regeneration der Spieler gedacht war, nun eine eigene Club-WM. All das führt zu einer gewissen Gleichgültigkeit und Austauschbarkeit, mit der ebenso unausweichlich eine gewisse Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Authentizität einhergeht.

Dieser Sehnsucht Rechnung getragen hat der niederländische Fotograf Hans van der Meer in seinem Buch "Torhüter. Von den Plätzen des europäischen Amateurfußballs", das passend zu Beginn der WM bei Hartmann Books erschienen ist.

1995 begann van Meer, Fußballspiele der niederländischen Amateurligen zu fotografieren. Der große Erfolg des daraus hervorgegangenen Fotobuchs "Dutch Fields" bewog ihn dazu, dieses Vorhaben auszuweiten. Von Finnland bis Portugal, von Spanien bis Polen, von Wales bis Rumänien - die Aufnahmen von Torhütern im Zeitraum 1995 bis 2012 stammen aus zweiundzwanzig europäischen Ländern.

Die Fotos huldigen dabei nicht, wie sie oft, der Athletik und Dynamik des Spiels. Auch keinen Legenden wie Maradona oder Zidane, Sie bieten keine biografischen Details oder psychologisch verwertbare Nahaufnahmen von Spielern abseits des Platzes oder Spielsituationen auf dem Feld.

Im Gegenteil. Van der Meer zeigt von einiger Entfernung mit Weitwinkel aufgenommene Torhüter, die auf einem leeren Spielfeld vor ihrem Tor im Strafraum stehen oder hocken. Sie sind eine verschwindende, gesichtslose Winzigkeit in der Weite des Felds, umgeben vom jeweiligen geographischen und architektonischen Raum, in den sie eingebettet sind.

Instinktiv denkt jemand wie ich an den Titel eines Romanklassikers von Alan Silitoe, verfilmt von Tony Richardson: "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers".

Unabhängig von der konkreten Handlung gibt der Titel einen Hinweis darauf, dass Spitzensport absolute Hingabe verlangt, eine gewisse Absonderung und Unterordnung aller Dinge des Lebens für ein einziges Ziel. Schlaf- und Essgewohnheiten, Freizeitunternehmungen, Zusammensein mit Familie und Freunden - alles fällt der einen, ehrgeizig verfolgten Leidenschaft zum Opfer, was vor allem in jungen Jahren bei aller Aussicht auf Geld und Ruhm einen bemerkenswerten Verzicht darstellt.

Marseille-Montredon © Hans van der Meer



Oliver Kahn
, der legendäre Torwart des FC Bayern München, der im Adrenalinrausch schon mal einem Spieler der gegnerischen  Mannschaft in den Hals gebissen hat, beschrieb es in einer Doku so, als würde man in einem Tunnel leben, an dessen Ende man nie ankommt, weil es nach einem Sieg immer schon das nächste Spiel gibt, das von Neuem zwischen Sieg und Niederlage entscheidet. Würde man am Ende des Tunnels angelangen und ins Freie treten, wäre es mit der absoluten Hingabe und dem Verzicht auf die selbstverständlichen Annehmlichkeiten eines normalen Lebens vorüber.

Ich kenne das insofern, als dass, wenn ich gerade intensiv an einem künstlerischen Projekt arbeite, ich mich auch in einer Art Tunnel befinde, in dem die Interaktion mit der Außenwelt weniger wird, man dafür jedoch mit einer ganz eigenen Art von Intensität belohnt wird, die eine solche, großteils lustvoll, manchmal auch qualvoll erlebte Fokussierung mit sich bringt.

Auf van der Meers Fotografien geht es jedoch nicht um die einsamen, dabei hoch dotierten Exerzitien des Spitzensports, sondern um den Amateursport, in der sich eine Person neben Arbeit und Familie ein Quantum an nötiger Zeit freischaufelt, um ihrer Leidenschaft für den Fußball zu frönen. Wer jedoch glaubt, dass es dabei weniger leidenschaftlich zu Sache geht, irrt.

Im Augenblick gibt es in Regional- und Kreisligen nämlich ein veritables Schiedsrichterproblem. Die Sitten sind, wie in vielen Teilen der Gesellschaft, auch dort verroht, und die Schiedsrichter sehen sich bei Entscheidungen, die sie treffen, mit einem zunehmend aggressiven Verhalten konfrontiert, das auch vor Tätlichkeiten nicht zurückschreckt, sodass immer weniger Menschen diese Funktion übernehmen wollen.

Van der Meers Arbeiten sind im Grunde Bilder einer spezifischen Form von europäischer Kulturlandschaft

Dublin © Hans van der Meer

Ob der inmitten von Feldern gelegene, gepflegte Acker im polnischen Bartowko; der staubig-rote Sandplatz in unmittelbarer Nähe des Mittelmeers von Marseille-Montredon; oder der vor grauer Kleinbürgerarchitektur gelegene, von schlammigen Furchen durchzogene Bolzplatz in Consett im Nordosten Englands: die Fotos verweisen auf eine, Völker und Nationen einigende Leidenschaft, die nicht nur mit der Ablenkung von den Problemen des Alltags, sondern auch von der Möglichkeit des sozialen Aufstiegs erzählen.

Viele englische Nationalspieler, wie der eingangs erwähnte Rooney, entstammen der Unterschicht. Einige Spieler von Frankreich, das mit seiner Art, Fußball zu zelebrieren, gerade bei der WM begeistert, haben Migrationshintergrund, und das Fußballspielen in sogenannten "Käfigen" in den Banlieues gelernt, allen voran der französische Superstar Kylian Mbappé

So wird van der Meers Buch am Ende (und wahrscheinlich nicht unbeabsichtigt) zu einer Huldigung an Europa und einer Feier dessen, was alle über jedes Grenzziehungs- und Sprachgewirr emotional verbindet: ein Gegenentwurf zu den von Gier und Machtstreben angetriebenen Verbindlichkeiten, die das Wirken der FIFA stiftet. 

Wie in jedem spannenden Spiel ist noch offen, welches Konzept am Ende als Sieger vom Platz geht. 

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de







Hans van der Meer
: Torhüter. 168 Seiten, 22 x 23 cm, Softcover. Hartmann Books, Stuttgart 2026, 34 Euro. ISBN: 978-3960701422 Zu erwerben über eichendorff21, den Fotobuchladen des Perlentaucher.

 
©

Beliebte Bücher

Robert Seethaler. Die Straße - Roman . Claassen Verlag, Berlin, 2026.Robert Seethaler: Die Straße
Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in…
Petra Morsbach. Orion - Roman . Penguin Verlag, München, 2026.Petra Morsbach: Orion
Nora lernt bei einem Studentenjob ihren späteren Mann kennen, einen Archivar. Sie wird Lehrerin für Deutsch und Geschichte in einem oberbayerischen Gymnasium, zieht einen…
Nelio Biedermann. Lázár - Roman . Rowohlt Berlin Verlag, Berlin, 2025.Nelio Biedermann: Lázár
Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als…