Magazinrundschau
Auf die softe Tour
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
03.11.2020. Der New Yorker deckt eine Verschwörung von CIA und FBI gegen Whistleblower auf. Die London Review deckt eine Kabale zur Bereicherung an der Corona-Pandemie auf. Im Merkur fürchtet Philosoph Christoph Türcke mit Paritätsgesetzen einen Rückfall in die Steinzeit. En attendant Nadeau stellt den armenisch-französischen Dichter Armen Lubin vor. Magyar Narancs entdeckt eine neue Poetik der Armut. In Esprit/Eurozine sucht der kamerunische Philosoph Jean Godefroy Bidima einen Weg zum Wiederaufbau Afrikas jenseits postkolonialer Diskurse. Politico erzählt die Geschichte vom Treffen Malcolm X mit dem Ku Klux Klan. Himal beschreibt die Verwirrung, die die afrokaribische-tamil-brahmanische Herkunft von Kamala Harris stiftet.
London Review of Books (UK), 05.11.2020
Auf dem Höhepunkt der Coronakrise heuerte die britische Regierung die Beratungsfirma Deloitte an, um den zusammenbrechenden Gesundheitsdienst NHS bei seinem Test-and-Trace-Programm zu unterstützen, berichtet Peter Geoghegan. Tausende Berater sind seitdem im Einsatz, darunter auch vierzig von Boston Consulting, die 6.250 Pfund am Tag verdienen. Eine ihrer cleversten Ideen bestand in dem Versuch, wie der Guardian enthüllte, dem NHS ein privates Konkurrenz-Programm des Serco-Konzerns anzudrehen, für den Deloitte ebenfalls arbeitet: "Covid-19 hat das ganze Ausmaß der Vettern- und Günstlingswirtschaft enthüllt, die den öffentlichen Dienst erfasst hat. Mehr als jeder andere vergleichbare Staat hat Britannien - oder genauer gesagt England - weite Teile seiner Reaktion auf die Pandemie ausgelagert, oft an Firmen, mit engen Kontakten zu Tory-Politikern, aber ohne erkennbar relevanter Erfahrung. Eine Firma, die einem konservativen Spender mitgehört und Schönheitsprodukte an Ketten in den Fußgängerzone verkauft, bekam einem Auftrag über 65 Millionen Pfund zur Lieferung von Gesichtsmasken an das NHS. Ein kleines, Verluste einfahrendes Unternehmen, das medizinisches Gerät liefert und von einem konservativen Stadtrat in Stroud geführt wird, erhielt einen Vertrag über 270 Millionen Pfund für ärztliche Schutzausrüstung. Ayanda Capital, eine auf Devisengeschäfte, Offshore-Besitz und Private Equity spezialisierte Investmentfirma, bekam einen Vertrag über 252 Millionen Pfund für Atemmasken, von denen fünfzig Millionen nicht genutzt werden konnten, nachdem Bedenken aufkamen, ob sie fest genug im Gesicht sitzen. Der Deal wurde über das Handelsministerium eingefädelt, dessen Aufsichtskomitee von Liz Truss geführt wird, die auch im Aufsichtsrat von Ayanda sitzt. NHS-Daten wurden nicht nur Amazon und Google zugeschanzt, sondern auch Palantir Technologies, der von PayPal-Gründer und Republikaner-Spender Peter Thiel gegründeten Big-Data-Firma, und Faculty, einer kleinen KI-Firma, die zuvor für David Cummings Leave-Kampagne gearbeitet hatte."Weiteres: Patrick Cockburn sieht Syrien durch die von den USA verhängten Wirtschaftssanktionen tatsächlich kollabieren, betroffen seien aber vor allem die ärmere und mittleren Schichten, nicht die Stützen des Regimes. Sehr zu seinem Ärger: "Anders als Bombardements stellen sich Sanktionen als gewaltloser Weg dar, das Verhalten gefährlicher Regimes zum Besseren zu wenden. Doch in Wahrheit sind sie ein brutales Instrument, sie bestrafen unterschiedslos ganze Gesellschaften." Im Guardian recherchiert Martin Chulov noch einmal den Tod von James Le Mesurier, einem britischem Militär und Mitbegründer der Weißhelme, der sich in Istanbul das Leben genommen hat. Chulov gibt daran einer syrischen Desinformationskampagne die Schuld.
Himal (Nepal), 28.11.2020
Außerdem: Die indische Regierung hat im September die Bankkonten von Amnesty International in Indien eingefroren und damit die Arbeit dort unmöglich gemacht. Damit kann die Regierung jetzt ohne große Öffentlichkeit gegen unliebsame Journalisten, Intellektuelle, Wissenschaftler und Aktivisten vorgehen, berichtet Makepeace Sitlhou.
Merkur (Deutschland), 02.11.2020
Die Kluft zwischen rechtlicher Gleichheit und tatsächlicher Gleichstellung bleibt frustrierend, nicht nur für Frauen, sondern auch für Menschen dunklerer Hautfarbe, für Muslime und Juden. Dennoch hält der Philosoph Christoph Türcke Proporz- oder Paritätsgesetze für den falschen Weg, und das nicht nur, weil damit jeder Gedanke an Solidarität und Empathie negiert wird, demzufolge sich Angeordnete auch jenseits eigener Betroffenheit für die Belange anderer einsetzen können: "Das 'linke' Projekt der paritätischen Besetzung des Parlaments ist 'rechter' als beabsichtigt. Es befördert auf die softe Tour das Vordringen von Wirtschaftszwängen in die politische Sphäre. Der Lobbyismus hört dadurch, dass er durch Paragrafen und Proporzberechnungen verrechtlicht wird, ja nicht auf, ein Abkömmling des Wirtschaftslobbyismus zu sein. Absehbar, dass dieses Paritätskonzept weniger die Basisdemokratie vorantreiben als zu einer Lobbydemokratie führen wird, in der das Parlament wie in vorbürgerlicher Zeit wieder nach Proporz zusammengesetzt ist; freilich nicht als Vertretung von Ständen, sondern von vielen mobilen Gruppen, die allesamt ihre eigenen 'authentischen' Sprecher abordnen. Ein hochbewegliches Hightech-Parlament zeichnet sich ab, das strukturell gleichwohl eher einer archaischen Stammesversammlung als dem aktuellen deutschen Bundestag ähnelt."Die Autorin Anne Rabe erinnert sich an ihre Kindheit in den neunziger Jahren im Osten, zum Beispiel an ihre Grundschulzeit, als sie und die anderen Kinder auf dem Weg zum Hort an einem Kiosk vorbei kamen: "Vor diesem Kiosk stand häufig eine Gruppe von jugendlichen Neonazis rum, die sich freute, wenn wir an ihr vorbei mussten. Denn zu unserer Hortgruppe gehörte auch ein vietnamesisches Mädchen. Sie kreisten uns ein und begannen, das Mädchen zu beschimpfen. Unsere Versuche, sie zu verteidigen, belustigten die Kahlköpfe. Ich kann mich an kein einziges Mal erinnern, in dem ein erwachsener Passant auf die Idee gekommen wäre, uns Erstklässlern zu helfen."
Tablet (USA), 28.10.2020
Novinky.cz (Tschechien), 29.10.2020
Eurozine (Österreich), 30.10.2020
Der kamerunische Philosoph Jean Godefroy Bidima publiziert (im Original bei Esprit) eine Kritik der postkolonialen Ideologie aus afrikanischer Sicht. Statt einer Externalisierung aller afrikanischen Probleme - die selbstredend sehr stark durch externe Faktoren geprägt sind -, plädiert er für eine neue Selbstreflexion und Selbstkritik afrikanischer Eliten - auch gegen die Erwartungen der modischen Linken an westlichen Universitäten: "Der 'Postkolonialismus' ist zu einer Ware geworden, die vermarktet und verkauft werden muss. In der nordamerikanischen Hochschulmaschinerie dient er als Alibi, manchmal verwischt er die Grenzen zwischen Kritik und Ressentiment und drängt die Versäumnisse eines ungerechten Sozialsystems in den Hintergrund... Die afrikanischen Eliten - wie die der jüngsten Vergangenheit - werden keine poetische Aufgabe haben, solange sie nicht, wie die Büßer im Mittelalter, die den Beichtvater necken, lernen zu sagen: nescio ('Ich weiß nicht'). Erst dann werden sie den Entdeckungsdrang verspüren und sich auf einen echten symbolischen, politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Wiederaufbau Afrikas einlassen."Sehr lesenswert außerdem Marci Shores Eröffnungstext zum Eurozine-Forum über Sinn und Unsinn historischer Vergleiche: Shore, eine Osteuropahistorikerin, denkt vor allem darüber nach, ob "Faschismus" das richtige Wort für die Trump-Regierung ist.
Politico Magazine (USA), 24.10.2020
En attendant Nadeau (Frankreich), 28.10.2020
Paris, eine komplett auf sich selbst zentrierte Stadt mit Eliten, die sich gar nicht vorstellen können, dass es ein Leben außerhalb des Boulevard périphérique gibt, war auch immer eine Stadt der Diaspora. Unter anderem der armenischen - nirgends in Europa leben mehr Nachfahren von Überlebenden des Genozids als in Frankreich. Jean-Paul Champseix stellt zwei Bücher von beziehungsweise über Exil-Armenier vor, Jean-Luc Sahagians "L'éblouissement de la révolte" über die armenische Revolution von 2018, und vor allem Hélène Gesterns "Armen", die Biografie des armenischen Lyrikers Armen Lubin (Chahnour Kerestedjian, 1903-1974): "In der gespaltenen armenischen Community ist er ein Demokrat, Antikommunist, Antiklerikaler und Feind der Gewalt. In einem auf Armenisch verfassten Werk 'Rückzug ohne Fanfaren' kritisiert er die Tradition und zeichnet ein grausames Porträt seiner Leidensgenossen, die er als passiv und weinerlich schildert. Überdies macht er die Väter, die 'versagt haben', für den Genozid verantwortlich… Leicht verständlich, dass er schnell als 'Nihilist' betrachtet wird. Und er versucht sich in die französische Gesellschaft zu integrieren, spricht von den Millionen Francs, die seine schlechte Gesundheit die Franzosen gekostet hätten. Seine Lyrik schreibt er auf Französisch unter seinem Künstlernamen Armen Lubin. So teilt er sein Werk in ein französisch und armenisch Geschriebenes auf, das er nicht übersetzt sehen will."Auszug aus einem Gedicht über das Exil:
(...) C'était un exilé, et j'en connais de toutes sortes,
Ils ont tous, derrière eux, fermé une porte
Cette porte n'est visible qu'une fois franchie. (...)
("Er war ein Exilant, ich kenne alle Arten,
Sie haben alle hinter sich eine Tür geschlossen.
Diese Tür ist erst sichtbar nach Durchschreiten.")
Einige Informationen über seine Gedichte findet man auf Französisch hier.
Magyar Narancs (Ungarn), 01.10.2020
Anita Markó schreibt unter Bezugnahme auf den Literaturhistoriker István Margócsy über die Erscheinungsformen und Sprache der Armut in der zeitgenössischen ungarischen Prosa, die zur Zeit der Wende vom 20. zum 21. Jahrhunderts neue Darstellungsformen gefunden habe: "Romane von László Krasznahorkai (1985), Ádám Bodor (1992), Szilárd Borbély, László Szilasi und Tibor Noé Kiss (je 2014) gehen prinzipiell von der Unerlösbarkeit der Welt der Armut und von der Armut der Welt aus und stoßen wiederholt an diese Unerlösbarkeit. Diese Bücher zeigen die Armut nicht als positive, zusammenhaltende und die Gemeinschaft der Armut erhaltende Kraft, sondern im Gegenteil: sie behaupten, dass diese Welt jeden mit Zwang gefangen hält, der einmal mit ihr in Berührung kam. Doch es ist sehr wichtig zu betonen, dass es keine bestimmbare oder vorstellbare Form der Sprache über Armut gibt. Die Bücher über Armut der letzten Jahre unterscheiden sich literarisch und rhetorisch enorm voneinander, so sind sie auch kaum vergleichbar, denn außer der thematischen Berührung, gibt es zwischen ihnen keine literaturhistorische Beziehung. (...) Ebenfalls ist es aber auch wichtig zu sehen, dass Schriftsteller aus Ungarn über die Armut in Ungarn schreiben, während diese ein weltweites Phänomen ist und es ist absolut relativ, wo jenes existentielle Niveau in welchem Land liegt, das von der jeweiligen Gesellschaft für arm gehalten wird bzw. wie die Armen selbst dies erleben."Marianne (Frankreich), 03.11.2020
Pierre-André Taguieff ist ein großer Spezialist für die Geschichte des Antisemitismus. In seinem Buch "La Judéophobie des modernes" legte er die Wurzeln des modernen Antisemitismus in der extremen Rechten und Linken des 19. Jahrhunderts offen. In Marianne schreibt er über die große Rolle, die die "Protokolle der Weisen von Zion" für Adolf Hitler spielten, der sich das Machwerk schon gleich nach dem Ersten Weltkrieg zu eigen macht. Taguieff beschreibt am Beispiel der "Protokolle" sehr schön, wie die Logik von Verschwörungstheorien funktioniert: Schon "im August 1921 legt der britische Journalist Philip Graves in der Times dar, dass die 'Protokolle' eine Fälschung sind. Aber das ändert für Hitler und die Naziführers nichts an ihrem Glauben, dass das Dokument die Existenz der 'jüdischen Gefahr' beweise. Ob in Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder Italien - die Gegenargumentation der Verteidiger der Echtheit der Protokolle ist schlicht und funktioniert wie ein Argument 'ad hominem': Je heftiger die Juden, diese 'Großmeister der Lüge', das Dokument als Fälschung anklagen, desto mehr bestätigen sie, dass es echt ist. Ein schönes Beispiel für einen Denkfehler, der als 'Bestätigungsfehler' oder 'confirmation bias' bezeichnet wird."New Yorker (USA), 09.11.2020
In einem Artikel des aktuellen Hefts berichtet Ronan Farrow, wie die C.I.A. mit Whistleblowern umgeht, die die desaströsen Praktiken der Behörde aufdecken: "Staatsanwalt Mark McConnell hatte eine 'kriminelle Verschwörung' von C.I.A. und F.B.I. aufgedeckt. Jedes Jahr führten Einträge in die 'Helios'-Datenbank (zur Identifizierung von Drogenschmugglern, d. Red.) zu Hunderten Festnahmen und Verurteilungen. Die Einträge werden üblicherweise von der Drogenvollzugsbehörde, dem F.B.I. und einer Abteilung des Ministeriums für Innere Sicherheit vorgenommen. Aber McConnell fand heraus, dass über hundert Einträge, die mit dem Label F.B.I. versehen waren, eigentlich aus einem geheimen Überwachungsprogramm der C.I.A. stammten. Er erkannte, dass F.B.I. und C.I.A. jenseits aller Grundsätze und Gesetze gehandelt und der Staatsanwaltschaft wie auch den Anwälten der Verteidigung die Informationsquelle vorenthalten hatten. Dergleichen wird auch als Waschen geheimdienstlicher Informationen bezeichnet. In den 1970ern, als herauskam, dass CIA-Agenten an unwissenden Bürgern und Vietnam-Gegnern LSD-Experimente verübt hatten, gab es Restriktionen, die der CIA verboten, sich in Strafverfolgungsangelegenheiten einzumischen. Seit Gründung der USA wurde es Richtern, Juroren und Verteidigern zugestanden, über gerichtliche Beweisquellen informiert zu sein. 'Hier handelt es sich unbekannte Informationen von einer international tätigen Behörde mit eigenen Regeln und Standards', so Nancy Gertner, ehemalige Bundesrichterin und Professorin an der Rechtsfakultät in Havard. 'Das sollte alle Trump-Wähler aufschrecken, die immer vom Staat im Staat sprechen. Das ist der wahre Staat im Staat! Das sind Aktivitäten hinter unserem Rücken, die das Geschehen in unseren Gerichten fundamental berühren.'"Außerdem: Jane Mayer zeichnet ein düsteres Bild der juristischen Folgen, die Donald Trump im Falle seiner Abwahl befürchten müsste. James Somers erkundet das Raffinement, mit dem das Coronavirus unser Immunsystem attackiert. James Wood liest das Buch der Anthropologin T.M. Luhrman, "When God Talks Back". Amy Davidson Sorkin erfährt aus David Nasaws Buch "The Last Million", mit welchen Repressalien jüdische Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg in ihren Heimatländern zu kämpfen hatten. Anthony Lane sah im Kino Thomas Bezuchas Western "Let him go". Und Carrie Battan hört das neue Album der israelischen Metalband Salem.
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