Magazinrundschau

Feuer in der Wildnis

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
28.03.2017. Niemand will mehr Revolution, wundert sich die LRB.  Der Guardian feiert die feministische Science-Fiction. El Pais Semanal schildert die komplizierten Wege der Kuria-Frauen, sich ein Erbe zu sichern. Slate.fr untersucht das Wunder des Populismus am Beispiel Narendra Modis. Wozu brauchen die Ungarn eigentlich Janos Ader, fragt HVG. In Respekt prangert Claire Denis den neuen Kolonialismus an. Leute, wollt ihr ewig leben? Darauf erhält der New Yorker eine überraschende Antwort.

El Pais Semanal (Spanien), 25.03.2017

"Frauen heiraten Frauen, um ihr Erbe zu retten". Monika Rebala stellt die Institution der "Nyumba Ntobhu" vor, derzufolge eine ältere Frau eine jüngere heiraten kann: "Dies ist eine lokale Tradition des etwa 700.000 Personen umfassenden Stamms der Kuria aus der Umgebung des Victoria-Sees. Die Frauen haben keine andere Wahl - die Stammesgesetze verbieten ihnen jegliches Erbe, auch das ihrer verstorbenen Ehemänner. Wenn sie keine Söhne haben, dürfen die männlichen Verwandten ihren gesamten Besitz untereinander aufteilen. Eine Witwe, die ihr Haus und Land behalten will, muss eine andere Frau heiraten, die einen Sohn hat. Die Regierung von Tansania toleriert diese Tradition, weil sie keine sexuellen Beziehungen mit einschließt. Auch für alleinerziehende junge Frauen ist die Myumba Ntobhu oft die einzige Möglichkeit, ihr Überleben zu sichern. Die älteren Frauen zahlen heutzutage durchschnittlich zehn bis zwanzig Rinder für eine Gattin. Auf die Kinder dieser neuen Verbindung haben Männer keinerlei Ansprüche. Sie erhalten den Nachnamen der älteren und gehören ihr." (Mehr dazu bei den Netzfrauen.)
Stichwörter: Kuria, Heirat

Guardian (UK), 25.03.2017

In einem sehr schönen Text erzählt Naomi Alderman die Geschichte der feministischen Science Fiction, und ihr fällt auf, dass die meisten Autorinnen schon früh mit echtem Entdeckergeist infiziert wurden: Ursula Le Guin zum Beispiel war die Tochter des Anthropologen Alfred Kroeber, der die Überlieferungen des letzten Überlebenden der Yahi, des berühmten Ishi, bewahrte: "Ihr Roman 'Die linke Hand der Dunkelheit' erschien 1969, am Beginn der revolutionären Frauenbewegung und war eines der frühesten Stücke feministischer SciFi. Es geht um einen Mann, der von der Erde zum Planeten Gethen reist, wo die Menschen geschlechtlich nicht festgelegt sind. Er ist mal fasziniert, mal abgestoßen und unerträglich einsam. Die Normalität des einen, ist die Wildnis des anderen. Die Verbindung zur Wildnis ist bei etlichen feministischen SciFi-Autorinnen überraschend stark. Margaret Atwood verbrachte in ihrer Kindheit einen Großteil des Jahres in den Wäldern Quebecs. Ihr Vater war ein auf solitäre Bienen spezialisierter Insektenkundler, der nach Wegen suchten, die kanadische Fortwirtschaft vor Insektenschäden zu schützen. Atwood verbrachte in ihrer Kindheit Frühling, Sommer und Herbst in einer Hütte ohne Elektrizität, sie paddelte im Kanu über klare Waldseen und kochte auf offenem Feuer. Alice Sheldon - die unter dem Pseudonym James Tiptree schrieb und nach der auch der Tiptree Award für genderkritische Science Fiction und Fantasy benannt ist - verbrachte als Kind viel Zeit unter afrikanischen Völkern, etwa den Kikuyu. Ihr Vater war Forscher, ihre Mutter Autorin und Kriegskorrespondentin. Nicht jeder Autorin feministischer Science Fiction wurde von ihren Eltern beigebracht, wie man Feuer in der Wildnis macht. Doch viele Geschichten verbindet, dass sie als junge Menschen mit der Vorstellung konfrontiert waren, dass es andere Arten zu leben gibt, die ebenso wertvoll und respektabel sind, schön oder verstörend."

Weiteres: Howard French zeichnet in einem ellenlangen Report nach, wie Hongkong die Hoffnung aufgibt, auch nur einen Rest seiner Freiheit gegenüber Peking zu verteidigen: "Wir erleben gerade etwas Ähnliches wie die Nach-Tienanmen-Generation in China', sagt ein junger Aktivist namens Xeron Chen. 'Man kann ein gutes Leben haben, aber wenn man sich um die Demokratie kümmert, wird man nur deprimiert." Paul Collier und Alexander Betts überlegen, ob und wie man für Flüchtlingslager etwa in Jordanien Sonderwirtschaftszonen errichten kann. Tariy Ali wirft einen Blick auf Lenins Lektüren.
Archiv: Guardian

Respekt (Tschechien), 24.03.2017

Jindřiška Blahová unterhält sich mit der französischen Filmregisseurin Claire Denis über ihre Assistenzzeit bei Jim Jarmusch und Wim Wenders ("Mit ihm war alles Musik."), über weibliches Filmemachen und über Afrika, wo Denis in verschiedenen Ländern aufwuchs. Über die postkoloniale Ära sagt Denis: "Für mich ist die staatenübergreifende Wirtschaft der neue Kolonialismus. Während Unternehmen das Recht haben, in Tasmanien oder Namibia Gold oder Diamanten oder in Nigeria Erdöl abzubauen, haben die dortigen Einwohner nicht genug Geld fürs tägliche Leben. Es ist umso gefährlicher, als sie keinen Namen haben. Niemand erkennt sie als kolonisiertes Volk. Als Britannien oder Frankreich ihre Kolonien verwalteten, bemühten sie sich wenigstens, zum Beispiel Schulen zu bauen. Sie hatten einen Namen und eine Verantwortung. Die großen Ölfirmen haben keine solche Verantwortung. Sie sind bis zu einem gewissen Grad anonym. Sie existieren irgendwo, aber es ist, als würden sie eigentlich nicht existieren."
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Archiv: Respekt

Aktualne (Tschechien), 27.03.2017

Im Video-Interview spricht Daniela Drtinová mit der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland über deren Film "Pokot" - in dem die Filmemacherin etwas von Tarantinos "Django" oder "Inglourious Basterds" sieht, nur mit einer älteren weiblichen Heldin als Rächerin - und über das Zeitalter der narzisstischen Männer. Was Kaczynski und Orban als "kulturelle Konterrevolution" bezeichnen, so Holland, soll die Frauen wieder zu Kinder, Küche und Kirche zurücktreiben. Und: "Wenn Politik der Stärke mit Narzissmus zusammenfällt, wird es gefährlich." Ferner gebraucht die Regisseurin ein interessantes Gleichnis: Während Politiker wie Trump, Erdogan, Putin das klassisch männliche Prinzip verkörpern, sei die Europäische Union mit ihrem Prinzip der Kooperation und Toleranz "gendermäßig eine Frau". Bleibt die spannende Frage, wie dieser Geschlechterkonflikt ausgeht.
Archiv: Aktualne

London Review of Books (UK), 30.03.2017

Sheila Fitzpatrick, die in den siebziger Jahren eine Geschichte der Russischen Revolution geschrieben hat, wundert sich, wie wenig Bedeutung diese heute noch hat. Schwer vorstellbar, dass Eric Hobsbawm die Russische Revolution noch in den achtziger Jahren als wichtigsten Ereignis des 20. Jahrhundert bezeichnen konnte - und von Marxisten ebenso wie Revisionisten Recht bekam. Und heute? "Nichts scheitert wie das Scheitern. In den Unmengen neuer Bücher über die Revolution behaupten nur wenige ihre anhaltende Bedeutung und wenn, dann klingt es wie eine Entschuldigung. Tony Brenton repäsentiert wahrscheinlich den neuen Konsens, wenn er sie als 'eine der großen Sackgassen der Geschichte' bezeichnet, 'dem Inkareich ähnlich'. Vor allem aber sieht die Revolution, der alten marxistischen Größe historischer Notwendigkeit entkleidet, mittlerweile aus wie ein Unfall. Arbeiter  - Erinnert sich jemand daran, dass die Leute einst leidenschaftlich darüber stritten, ob es eine Arbeiter-Revolution war? - wurden von von der Bühne gestoßen, von Frauen und den Nicht-Russen aus den Grenzgebieten des Reiches. Sozialismus ist so sehr zu einer Fata Morgana geworden, dass es höflicher erscheint, ihn nicht zu erwähnen. Und wenn es eine Lehre zu zu ziehen gälte, dann die deprimierende, dass Revolutionen alles nur noch schlimmer machen, besondern in Russland, denn hier führen sie zu Stalinismus."

Weiteres: Daniel Soar stellt die teuerste Waffe der Welt vor: Der Joint Strike Fighter ist so gut getarnt, dass selbst Abwehrsysteme glauben, es seien Raketen abgefeuert worden. Israel hat ihn gerade erfolgreich in Syrien getestet. Susan Mckay erkundet das irisch-nordirische Grenzgebiet, das mit Bangen dem Brexit und der Einführung von Kontrollen entgegensieht. Außerdem zu lesen ist Iain Sinclairs große LRB-Lecture "The Last London". Und: Alice Spawls besucht die Cy-Twombly-Ausstellung im Centre Pompidou.

Slate.fr (Frankreich), 23.03.2017

Frappierende Parallelen zieht Patrick de Jacquelot zwischen den uns bekannteren populistischen Führern wie Erdogan und Putin und Narendra Modi in Indien und zitiert etwa den Autor T N Ninan, der diese Parallele - besonders zu Erdogan - im Business Standard länger ausgeführt hat (auch Amitav Ghosh hat zu diesem Thema geschrieben). Wie dieser Populismus in Indien funktioniert, zeigt Jacquelot am Beispiel eines massiven Rückzugs von Geldscheinen aus der Zirkulation, einer Maßnahme Modis, die zu viel Aufruhr geführt hat: "Modi erklärte, es gehe darum 'die korrupten Eliten' zu bestrafen, erklärt Ninan: 'Er diabolisiert die Reichen.' Eine Strategie, die ihm einen großen Erfolg eingetragen hat, wie es der überwältigende Wahlsieg im Bundesstaat Uttar Pradesh mit seinen 200 Millionenn Einwohnern gezeigt hat. 'Mit seiner Botschaft 'ich lasse die Reichen leiden' hat Modi den Rückhalt der Armen gewonnen, obwohl es die Armen waren, die viel stärker vom temporären Verschwinden des Bargelds betroffen waren, sagt man in diplomatischen Kreisen in der indischen Hauptstadt. 'Das ist das Wunder des Populismus."'

Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf das Buch des Indien-Korrespondenten der New York Times, Basharat Peer, "A Question of Order - India, Turkey, and the Return of Strongmen". Mehr dazu bei hurriyetdailynews.com. Paralölelen sieht er unter anderem in der Kaschmir- und Kurdenfrage.
Archiv: Slate.fr

HVG (Ungarn), 14.03.2017

Am 13. März wurde Staatspräsident János Áder von der Mehrheit der Regierungspartei Fidesz für weitere fünf Jahre in seinem Amt bestätigt. András Hont ist nicht froh über diese  Wiederwahl: "Der Präsident erhob keinerlei Bedenken bei großen Rechtseinschränkungen, etwa bei der Änderung des Wahl- oder Informationsgesetz. Er schwieg bei wichtigen gesellschaftlichen Fragen und blieb bei der vom Staat forcierten Kampagne gegen Flüchtlinge ebenso stumm wie bei den Angriffen auf Vertreter der Zivilgesellschaft und NGOs. Er zog sich auch aus anderen Bereichen der Öffentlichkeit zurück, verglichen mit seinen Vorgängern und anderen hohen Amtsträgern trat er viel seltener auf. Das Amt wird jedoch inhaltlich gerade mit Stellungnahmen und Wegweisungen gefüllt. (...) Die politische und institutionelle Bedeutungslosigkeit des Präsidenten ist nun durchgesetzt und wie es aussieht, gibt es keine Absicht daran etwas zu ändern."
Archiv: HVG
Stichwörter: Janos Ader, Ungarn

En attendant Nadeau (Frankreich), 14.03.2017

Im Mittelalter wurde anders geträumt als heute - das geht aus einem aus dem Lateinischen übersetzten Buch hervor, das Dominique Goy-Blanquet vorstellt: "Rêves de soi: Les songes autobiographiques au Moyen Âge", herausgegeben von Gisèle Besson und Jean-Claude Schmitt. Während unsere Träume verschüttete Relikte von Vergangenem sind, habe der mittelalterliche Traum Schlüssel zum Zukünftigen gesucht, einer Zukunft, die vom Horizont des Jenseits und der quälenden Angst vor der Verdammnis beherrscht war, so Goy-Blanquet. "Mit dem Christentum betritt der Teufel die Bühne. Der Traum beunruhigt, weil er sich dem bewussten Willen entzieht … Diese nächtlichen, anscheinend so realen Bilder kommen aus dem Jenseits - nur aus welchem? Mutatis mutandis, sie stellen die Christen vor das Dilemma …: Was ist die Beschaffenheit dieses 'gestörten Geistes', kann man ihm bei klarem Verstand trauen, läuft die Seele nicht Gefahr, sich ins Verderben zu stürzen, indem sie seinen Weisungen folgt? Einige ziehen sich durch eine Art Tautologie aus der Klemme: Die günstigen Wahrheiten verdanken sich demnach der Vermittlung von Engeln, Abträgliches oder Unkeusches sind Schurkereien von Dämonen."
Stichwörter: Mittelalter

New Yorker (USA), 03.04.2017

Die neue Ausgabe des New Yorker sorgt sich um unsere Gesundheit. Tad Friend fährt ins Silicon Valley, wo längst fleißig an unserer Unsterblichkeit gearbeitet wird, bloß, um am Ende festzustellen, dass wir gar nicht bereit für sie sind: "Nach der Aufführung einer Dokumentation über Langlebigkeit fragte der Genetiker Nir Barzilai das Publikum, ob es lieber ewig leben würde für den Preis, dass es keine Reproduktion mehr gibt, keine Schwangerschaft, keinen ersten Geburtstag, keine erste Liebe usw. oder 85 Jahre alt werden, ohne einen Tag krank zu sein, aber eines Tages einfach nicht mehr aufzuwachen. Die allermeisten entschieden sich für Letzteres. Der Wunsch, das Leben zu erhalten, wie wir es kennen, selbst um den Preis des Todes, ist zutiefst menschlich. Wir sind von der Vorstellung beseelt, dass der Tod die Mutter aller Schönheit ist, aber auch davon, dass wir so bleiben, wie wir sind, für immer oder wenigstens etwas länger, bevor wir schließlich gehen müssen."

Außerdem: David Owen berichtet über Fortschritte in der Audiologie, die Schwerhörigen das Leben erleichtern könnten. Siddhartha Mukherjee fragt sich, was geschieht, wenn medizinische Diagnostik automatisiert wird. Und Rachel Aviv dokumentiert das Trauma von Flüchtlingskindern in Schweden, die das Bewusstsein verloren, nachdem sie von ihrer Ausweisung erfuhren.
Archiv: New Yorker