
Das Magazin
Respekt widmet seinen
Hauptartikel diese Woche "ganz normalen Gestapoleuten" und damit einer neuen wissenschaftlichen Publikation der Historiker
Jan Vajskebr und
Jan Rumr vom Institut für das Studium totalitärer Regime, die die Ergebnisse ihrer siebenjährigen Forschung in einem tausend Seiten starken
Buch zusammengefasst haben. Daraus geht laut Jan H. Vitvar hervor, dass der
nationalsozialistische Terror im Protektorat Böhmen und Mähren besonders
von deutschen Akademikern organisiert wurde, deren Methoden "selbst Berlin beunruhigten". "Man könnte meinen, dass wir bereits alles über die Gestapo wissen", so Vitvar, "doch das ist ein Irrtum." Dank dieser neuen Forschung "lernen wir erstmals nicht nur die Namen jener zweihundert Männer kennen, die bei uns die wichtigste NS-Institution zur Bekämpfung des Widerstands befehligten, sondern erfahren endlich auch etwas über ihr Leben". Es seien vor allem
gebildete Mittdreißiger gewesen, die eine Karriere anstrebten, für die sie bereit waren, alle Hemmungen abzulegen. Vajskebr und Zumr haben nicht nur über zwanzig Archive in der Tschechischen Republik und im Ausland besucht, sondern auch Telefonbücher und Organigramme des Gestapo-Kommandos entdeckt, "die in Prag in unzähligen Kisten mit Kriegsdokumenten versteckt waren und aus der Zeit stammen, als die Stadt mit mehr als achthundert Mitarbeitern die überhaupt
größte Gestapo-
Dienststelle im Reich hatte." (Nach Prag folgte Wien, dann die Berliner Zentrale, und an vierter Stelle lag Brünn mit fast siebenhundert Gestapo-Mitarbeitern.) Die bislang übersehenen zeitgenössischen Listen enthielten im Gegensatz zu den Ermittlungsunterlagen der Nachkriegszeit die
unverfälschten Namen des Gestapo-Kommandos. Auch das Berliner Bundesarchiv sei bei der Arbeit von großer Hilfe gewesen. Über 90 Prozent der Gestapo-Kommandanten des Protektorats hatten offenbar auch in der SS gedient. "Darunter auch der Gestapo-Chef in Hodonín,
Karel Weintz, der 2010 im gesegneten Alter von
101 Jahren in Deutschland starb und offenbar der überhaupt letzte Gestapo-Chef war. Der studierte Jurist, der 1929 der NSDAP beitrat und in der SS den Rang eines Sturmbannführers erreichte, wurde nach dem Krieg
nie vor Gericht gestellt. Er leitete bis Ende der 1990er Jahre eine
Anwaltskanzlei in Deutschland, gründete eine Stiftung für die Erforschung der Geschichte von Rheinland-Pfalz, und als die tschechischen Historiker unlängst eine Anfrage an das Archiv in Neustadt an der Weinstraße schickten (wo Weintz starb), erhielten sie per E-Mail die erstaunte Antwort, warum man sich denn im Zusammenhang mit der Gestapo nach einem so allgemein
anerkannten Philanthropen erkundige? "Sie wussten überhaupt nichts von seiner Kriegsvergangenheit", erzählt Jan H. Vitvar in seinem Artikel (der in seiner ganzen Vollständigkeit unter Bezahlschranke abrufbar ist).