Magazinrundschau

Wie ein Frühling im Winter

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
25.01.2011. Im Blog von Farrar, Straus und Giroux denkt die Lyrikerin Gjertrud Schnackenberg über Pentameter, Bach und Carl Sagan nach. In der Literary Review liest Simon Sebag Montefiore fasziniert die Erinnerungen eines Gulagkommandanten. In Salon.eu.sk analysiert Laszlo Földenyi die antidemokratische Mentalität der Ungarn. In Eurozine diskutieren Kenan Malik und Fero Sebej über den Multikulturalismus. Al Ahram, Newsweek, Nation, Le Monde und der New Yorker denken über Tunesien nach. The New Republic liest eine Dietrich-Bonhoeffer-Biografie.

Work in Progress (USA), 16.01.2011

Tolle Idee! Der amerikanische Verlag Farrar, Straus and Giroux hat ein Blog für seine Lektoren und Autoren eröffnet: Work in Progress. Hier führt Jonathan Galssi, Präsident von FSG, ein wirklich sehr schönes Gespräch mit der Lyrikerin Gjertrud Schnackenberg über ihren neuen Gedichtband "Heavenly Questions" und darüber, warum sie am liebsten in iambischen Pentametern dichtet (der Tetrameter steckt ja drin, und Hexameter zerfallen in zwei Hälften), über Bach, über Wissenschaft und über diesen ergreifenden Satz des Astronomen Carl Sagan: "Wir sind das Mittel des Kosmos zur Erkenntnis seiner selbst." Dazu sagt sie: "Die Seltsamkeit dieser Einsicht geht mir durch den Kopf, seit ich diesen Satz vor zwei Jahrzehnten zuerst las - dass Bewusstsein eine latente Eigenschaft von Materie ist... Was noch mehr an Sagans Satz erstaunt, ist die Implikation, dass der Kosmos den Wunsch hat, sich zu erkennen, dass er einen Weg, sich selbst zu erkennen, gesucht und gefunden hat, dass das Wissen und Gewusstwerden der Materie eingebaut, in ihr verkörpert und gefühlt ist." Hier liest Gjertrud Schnackenberg ihr Gedicht "Paperweight".
Stichwörter: Lektor, Wissenschaft

Espresso (Italien), 21.01.2011

Umberto Eco nimmt den Diskussionsfaden auf, den Alex Ross vom New Yorker gedreht und den Alessandro Baricco vor zwei Wochen in der Repubblica weitergesponnen hat. Es geht um die Frage, warum zum Teufel der unverständliche Joyce gelesen und der unbegreifliche Pollock bewundert, der gute Arnold Schoenberg aber von allen verschmäht wird. Ist atonale Musik inkompatibel zum menschlichen Gehirn? Nein, sagt Eco, das ästhetische Empfinden ist ziemlich biegsam. "Ein Kind aus der westlichen Hemisphäre, das von Beginn an mit gegenständlicher Kunst aufgewachsen ist, wird, falls ein mutiger Lehrer ihm im Alter von sieben Jahren einen Pollock zeigt, trotzdem in der Lage sein, ihn zu schätzen und sogar nachzuahmen (Ich habe den Beweis). Warum? Weil es nicht stimmt, dass wir von Natur aus figürlich denken, wir sehen Beispiele abstrakter Darstellungen auf den Tischdecken oder auf mütterlichen Schürzen und Kopftüchern, und deshalb sind wir von Kind an in der Lage, Mondrian zu schätzen. Und Pollock? Er machte genau das, was Kinder liebend gerne machen, ein Kind liebt das zu tun, was er tat. Und warum sollte das gleiche Kind nicht Schönberg mögen? Eine Antwort ist, dass unser Gehirn nur die tonale Musik als natürlich empfindet. Aber in diesem Fall wären die meisten außereuropäischen Kinder und vor allem die Schotten falsch verdrahtet."
Archiv: Espresso

Literary Review (UK), 01.02.2011

"Absolut faszinierende und wichtige Lektüre", meint der Historiker Simon Sebag Montefiore über "Hell frozen over", die Erinnerungen des Gulagkommandanten Fjodor Wasilewitsch Mochulsky. Als der 22-jährige Mochulski, Ingenieur, Manager und überzeugter Kommunist, 1940 im Lager von Pechorlag ankam, fand er ein unglaublich brutales System vor, in dem die kriminellen Häftlinge die politischen mit Zustimmung der Lagerleitung terrorisierten. "Die Berufsverbrecher spielten in dämonischen Kartenspielen um das Recht, einen unschuldigen politischen Gefangenen zu töten, indem sie ihm einen Nagel ins Hirn schlugen. Mochulsky erzählt, wie er mit den kriminellen Gangstern fertig wurde, die das Lager führten. Er machte Deals mit den Arbeitsbrigaden und log sogar manchmal seine Vorgesetzten an. Er zeichnet auf, wie Frauen brutal vergewaltigt, korrumpiert und zu Sexsklavinnen gemacht wurden - von Männern und lesbischen Gangsterbossen. Mochulsky stellte auch fest, dass Gefangene sich zu Tode arbeiten mussten ... Tausende starben unter dem unbarmherzigen Druck, aber Mochulsky erzählt seine Geschichte mit der Kühle eines Ingenieurs, der eine Reihe von komplizierten menschlichen und mechanischen Herausforderungen bewältigen muss."
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Salon.eu.sk (Slowakei), 18.01.2011

In der englischen Übersetzung eines im Original in Elet es Irodalom erschienenen großen Aufsatzes stellt der Essayist Laszlo Földenyi die von Liberalismus und Demokratie weit entfernte Gegenwart Ungarns vor den finsteren Horizont von Jahrzehnten Diktatur, Korruption und Antisemitismus: "Nach 1945 nannte das kommunistische Regime die Juden nicht beim Namen, schwieg zur bereitwilligen Kooperation Ungarns mit der nazistischen Vernichtungsmaschinerie und kehrte alles unter den Teppich, statt sich den Fakten zu stellen. Die Horthy-Periode war charakterisiert durch eine antidemokratische Mentalität, die zynische Umgehung des Justiz- und Institutionensystems, die Unterdrückung individueller Initiative und die komplette Verachtung für alle Spielregeln. Und Kadar und seine Kameraden machten genau da weiter und setzten das manipulative Spiel sehr geschickt fort. Die Kultur der Verantwortungslosigkeit und Amnesie hat sich als mächtiger denn alles andere erwiesen. Ja, ich glaube, wir befinden uns noch immer mitten darin. Es sieht ganz so aus, als hätte diese jahrhundertealte Mentalität die Veränderungen von 1989 unbeschadet überlebt. Es hat den Anschein, als sollte sie - angereichert mit einem Rassismus, der manchmal offen, manchmal verdeckt in eine politische Kraft verwandelt auftritt - weiterhin dafür sorgen, dass sämtliche Voraussetzungen einer liberalen Demokratie im Keim erstickt werden."
Archiv: Salon.eu.sk

Prospect (UK), 15.12.2010

In einem Denkstück zur Aktualität des Marxismus plädiert James Purnell auf nicht sonderlich originelle Weise für die Erneuerung der Sozialdemokratie. Interessanter ist seine Deutung der Finanzkrise, die er keineswegs als Krise des Kapitalismus per se begreift: "Die jüngste Kreditkrise war keine Krise des Kapitalismus; sie war eine Krise der westlichen Finanzmärkte. Dem Kapitalismus geht es bestens in China, Indien, Brasilien und Deutschland. Außerdem war der Totalitarismus eine genauso wichtige Ursache der Krise wie der Kapitalismus. Es war das Demokratiedefizit in China und anderswo, das die Ersparnisschwemme verursachte, die als Tornado durch den US-Eigentumsmarkt jagte. Wäre China eine Demokratie, könnten die Arbeiter ihren gerechten Anteil an ihrer Produktivität einfordern; der chinesische Konsum würde steigen und die Sparquote würde fallen. Wäre das von Singapur bis Dubai genauso, dann hätte es diese gewaltige Cash-Menge gar nicht gegeben, die die westlichen Banken in die von den subprime-gestützten Phantom-Finanzguthaben eingespeist und so die Krise ausgelöst haben."
Archiv: Prospect

Eurozine (Österreich), 18.01.2011

Der Multikulturalismus-Kritiker Kenan Malik und der konservative slowakische Politiker Fero Sebej trafen sich Ende September in Bratislava zum Gespräch über die Fallstricke des Multikulturalismus. Sebej erklärt, warum er die slowakische Gesellschaft zwar für multi-ethnisch, aber nicht für multikulturell hält. Malik hält - viel grundsätzlicher - dagegen, dass jede Gesellschaft plural sei, dass man das mit dem Begriff "multikulturell" aber viel zu eindimensional beschreibe: "Es gibt diesen Mythos, dass europäische Gesellschaften einst homogen gewesen seien und dann aufgrund von massiver Immigration, insbesondere von muslimischen Immigranten, plural geworden seien. Wenn man sich das 19. Jahrhundert aber ansieht, stellt man fest, dass Europa wahrscheinlich pluraler war als es heute ist: die kulturellen Differenzen zwischen einem Fabrikbesitzer und einem Fabrikarbeiter in Großbritannien oder irgendwo in Europa waren weit größer als die kulturellen Differenzen heute zwischen einem 16-Jährigen nordafrikanischer oder pakistanischer Herkunft und einem 16-Jährigen slowakischer oder britischer Abkunft. ... Wir tendieren heute dazu, soziale Konflikte in einem sehr engen Deutungsrahmen zu sehen, in Begriffen von Religion, Glauben und Kultur, weil wir Identität heute in sehr enger Weise verstehen. Die Debatte über Multikulturalismus ist eine Debatte, in der bestimmte Unterschiede - Kultur, Ethnizität und Glauben - als wichtig betrachtet werden, während andere - wie Klassen- oder Generationszugehörigkeit - als weniger relevant gelten.
Archiv: Eurozine

Times Literary Supplement (UK), 05.01.2011

Kate Merkel-Haas liest eine Studie von Yunte Huang über die einst höchst erfolgreiche Kriminalroman- und Film-Serie um den chinesischstämmigen Ermittler Charlie Chan. Wie rassistisch diese Erfindung, im Film von einem Schweden dargestellt, war, steht zur Debatte. Und dass Charlie Chan eine uramerikanische Figur war, hält Merkel-Haas mit Huang für evident. Umso interessanter die Reaktionen in seiner angeblichen Heimat: "Huangs Analyse von Chans Filmkarriere schließt mit einem Kapitel über die Aufnahme der Figur in China selbst. Anders als Anna May Wong, eine chinesisch-amerikanische Schauspielerin, die vom chinesischen Publikum wenig Zuneigung erfuhr (weil sie als indezent galt), war der schwedische Schauspieler Warner Oland, der Chan spielte, in China so populär, dass Filmstudios in China und Hongkong ihre eigenen Versionen der Filme zu produzieren begannen. Wie Huang schreibt, war das 'der letzte Schritt des 'Yellowface' [also des Umschminkens von westlichen Darstellern, Anm. PT]: Ein tatsächlicher Chinese imitiert die Chinesen-Imitation eines Schweden.'"

Und im neuen TLS werden besprochen die Geschichte einer Familie aus der irakischen Oberschicht, die englische Übersetzung von Roland Barthes' "Die Vorbereitung des Romans" und fünf neue Anthologien zu Borges.

Al Ahram Weekly (Ägypten), 20.01.2011

Kann das, was in Tunesien passiert ist, auch in anderen arabischen Staaten geschehen? Ayman El-Amir hat da keinen Zweifel: "Einige arabische Regime haben auf die tunesische Revolution mit Senkung der Lebensmittel- und Benzinpreise reagiert. Oder mit der Verschiebung von Maßnahmen, die die Lebenshaltungskosten erhöht hätten. Das sind nur Beruhigungspillen, die nicht an die eigentlichen Probleme rühren. Autokratische Regime leben im Selbstbetrug, sie vertrauen darauf, dass ihre Polizeimacht jede Revolte zerschlagen kann und dass die Armee auf ihrer Seite ist. Doch der Auslöser für eine Revolution könnte jenseits dieser Kalkulation liegen, sogar jenseits der Vorstellungen einer scheinbar allmächtigen Oligarchie. Das ist im stabilen, friedlichen, zufriedenen Tunesien geschehen. Und es kann - mit einigen Änderungen - überall wiederholt werden. Ein irakischer Flüchtling, der den tunesischen Volksaufstand kommentierte, fragte sich: 'Warum haben wir nicht Saddam Hussein verjagt?'"

Außerdem: Dina Ezzat hat einige Reaktionen von Diplomaten auf die Ereignisse in Tunesien gesammelt: Bei uns wird das nicht passieren, sagen die arabischen Diplomaten. Das natürlich, so ein westlicher Diplomat, dachte Bin Ali vor vier Wochen auch. Und auch sonst war niemand vorbereitet: "nicht die Franzosen, nicht die Amerikaner, niemand".
Stichwörter: Saddam Hussein, Tunesien

Newsweek (USA), 23.01.2011

Wird der Funke des Aufstands in Tunesien auf andere Staaten überspringen? Das wird sich heute in Ägypten zeigen, meint Mike Giglio. Denn in Kairo soll es an diesem Dienstag einen Protestmarsch geben, der an die Ermordung des ägyptischen Händlers Khaled Said durch Polizisten im letzten Sommer erinnert. Said hatte in seinem Blog ein Video veröffentlicht, auf dem Polizisten beschlagnahmte Drogen unter sich aufteilten. Kurz nach seiner Ermordung entstand die Facebook-Seite "We Are All Khaled Said", die sich schnell zum Sammelbecken für Menschenrechtsaktivisten entwickelte. "Nachdem die Demonstranten in Tunesien den autokratischen Präsidenten des Landes vertrieben hatten, schlug 'We Are All Khaled Said' einen agressiveren Ton an. Innerhalb von Tagen rief die Webseite zu einer großen Demonstration am heutigen Dienstag in Kairo auf. Die Forderungen reichen von der Beendigung der Polizeibrutalität über die Erhöhung des Mindestlohns auf 180 Dollar monatlich bis zur Auflösung des Parlaments. Der Administrator der Seite ... erklärte Newsweek: Die Ereignisse in Tunesien 'haben uns alle mit Hoffnung erfüllt, dass die Dinge sich ändern können.'"
Archiv: Newsweek
Stichwörter: Tunesien

The Nation (USA), 07.02.2011

Drei Lektionen haben die Tunesier der Welt erteilt: "An die arabischen Diktatoren: Ihr seid nicht unsichtbar. An den Westen: Ihr werdet nicht gebraucht. Und an die arabische Bevölkerung: Ihr seid nicht machtlos", schreibt Laila Lalami. Das sei sehr viel wichtiger, als sich über die Heuchelei der westlichen Staaten aufzuregen. Und die gab's ja reichlich: "Während Tunesien, das vorbildlich 'bescheidene arabische Land', gegen die Tyrannei rebellierte, schlug die französische Außenministerin Michele Alliot-Marie der Nationalversammlung vor - als Teil der Kooperation zwischen den beiden Ländern - französische Truppen nach Tunesien zu schicken, um die Proteste unterdrücken zu helfen. Der Kulturminister Frederic Mitterand erklärte, Tunesien als Diktatur zu bezeichnen, sei eine 'Übertreibung'. Nachdem Ben Ali vertrieben war, weigerte sich Präsident Nicolas Sarkozy allerdings, ihn nach Frankreich einreisen zu lassen. In einer letzten ironischen Wendung musste der Diktator, der vom Westen als Bollwerk gegen den islamischen Extremismus gefeiert wurde, nach Saudiarabien flüchten. Währenddessen belehrte Außenministerin Hillary Clinton, gerade auf einer Tour durch die Golfstaaten, die arabischen Staaten über die Notwendigkeit demokratischer Reformen, vermied aber peinlich genau jede Erwähnung der tunesischen Proteste."
Archiv: The Nation

Monde (Frankreich), 23.01.2011

Die Revolution in Tunesien ist das beherrschende Thema dieser Tage in den französischen Medien. In Le Monde beklagt die tunesische Regisseurin Myriam Marzouki zwanzig Jahre des Schweigens und der Lügen über das Regime von Ben Ali. Ausführlich zitiert sie aus tunesischen Medien, die das Land zu einem "modernen, glaubwürdigen" Staat hochgejubelt hätten. "Diese absurde und hohle Sprache aus einem geschlossenen Land wurde unterstützt durch ihr Echo im Ausland, ganz besonders in Frankreich, durch den Diskurs zahlreicher politischer Verantwortlicher, Medien und einflussreicher Leitartikler. ... Die Geschichte der französischen Beziehungen zu Tunesien in den letzten zwanzig Jahren ist die einer vorsätzlichen Blindheit, einer Akzeptanz all der kitschigen Zeichen einer Ramsch-Demokratie. Das Ende der tunesischen Diktatur spiegelt eine Groteske wider, die man als 'Operetten-Diktatur' bezeichnen könnte, wenn nicht so viele Männer und Frauen ein viertel Jahrhundert lang den Preis einer wahrhaftigen Unterdrückung gezahlt hätten."

Der Schriftsteller Tahar Ben Jelloun wirft in seinem Beitrag auch einen Blick auf die Länder Ägypten, Algerien und Lybien, in denen ähnliche Zustände herrschen wie bis vor kurzem in Tunesien. "Man könnte sagen, Gott habe diese Länder verflucht und sie brutalen und grausamen Puppenspielern überlassen, bis zu dem Tag, an dem das Feuer der Gerechtigkeit auf den Straßen ausbricht, wie ein Frühling im Winter."

Noch ein Hinweis: In Telerama untersucht Jean-Baptiste Roch, ob in Tunesien ein Cyber-Krieg ausgebrochen ist, in dem sich Regierungsstellen und aktivistische Hacker mit der Sperrung und Blockierung von Webseiten bekämpfen.
Archiv: Monde

New Yorker (USA), 31.01.2011

Auch im New Yorker überlegt man, welche Lektionen sich aus der tunesischen Revolution ziehen lassen. Steve Coll schreibt: "Der Sturz von Ben Ali mag sich als Einzelereignis erweisen - jedes unglückliche Land ist auf seine Weise unglücklich. Dennoch verfügen auch Ägypten, Lybien, Algerien, Syrien, Jordanien und Saudi Arabien über ähnliche politische und demographische Ingredienzien, die mindestens ebenso gefährlich sind wie jene, die Tunesien in Flammen aufgehen ließen: jugendliche Bevölkerungen, hohe Arbeitslosigkeit, bizarre soziale Ungleichheit, Polizeiwillkür, verschmähte Führer und autoritäre Systeme, die die freie Meinung unterdrücken. Das sind reichlich Gründe für die Führer dieser Staaten, sich Sorgen zu machen."

Weiteres: Al Dschasira hat in diesem Monat seine eigene Wikileaksseite eingerichtet, Transparency Unit, und schon den ersten Hit gelandet: die sogenannten Palästina-Papiere (mehr dazu im Guardian), berichtet Raffi Khatchadourian, der sich fragt, was es für Wikileaks bedeutet, wenn Medien jetzt eigene Angebote für Whistleblower haben. Ben McGrath überlegt, ob Football angesichts seiner immer unakzeptabler erscheinenden Brutalität noch eine Zukunft hat. Elizabeth Kolbert bespricht Amy Chuas stark diskutiertes Buch "Battle Hymn of the Tiger Mother" über die Vorteile einer strengen Erziehung. Und Anthony Lane sah im Kino Peter Weirs Drama "The Way Back" über eine Gruppe Häftlinge, die im Zweiten Weltkrieg aus einem sibirischen Lager fliehen, und "Biutiful?, den neuen Film von Gonzales Inarritu.
Archiv: New Yorker

Polityka (Polen), 21.01.2011

In seinem neuen Buch "Goldene Beute" wirft der polnisch-amerikanische Historiker Jan T. Gross den Polen vor, viele von ihnen hätten vom Holocaust materiell profitiert, indem sie sich jüdischen Besitz angeeignet hätten (mehr hier). Im Interview widerspricht der Historiker Andrzej Zbikowski: Das waren "Randerscheinungen". Aber einigen Vorwürfen kann er auch nicht widersprechen, zum Beispiel Gross' Klage über das Schweigen der Katholischen Kirche: "Das ist wirklich ein Problem. Bis auf einen kirchlichen Bericht aus dem Gebiet um Kielce - ohne Unterschrift, wie das in der Besatzungszeit üblich war, also schwer zuzuordnen -, der in Gänze die ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen der Vernichtung akzeptiert, haben wir es nur mit dumpfem Schweigen zu tun. Es ist keine einzige Predigt bekannt oder Vorgehensweisen, die die Juden verteidigen oder sich gegen das Verhalten der Polen richten würden. Zwar gibt es den berühmten Text von Zofia Kossak-Szczucka und natürlich lobenswertes Verhalten einzelner Menschen, die zuweilen vor dem Krieg Antisemiten waren, auch vereinzelter Priester, dennoch ist das Schweigen der Kirche als Institution sehr laut zu hören."
Archiv: Polityka

Point (Frankreich), 20.01.2011

Marion Cocquet berichtet über eine Entscheidung des französischen Kulturministers Frederic Mitterrand, die derzeit Literaturwissenschaftler und Schriftsteller in zwei Lager spaltet: Er hat den Schriftsteller Celine von der Liste derjenigen Franzosen verbannt, die in diesem Jahr in einem Festakt nationalen Gedenkens geehrt werden sollen. Er folgte damit einem Antrag von Serge Klarsfeld, dem Vorsitzenden des Verbands Fils et Filles des deportes juifs de France, der Celine seine antisemitischen Schriften vorhält. "Hier geht es nicht um Literatur. Und auch nicht darum in Abrede zu stellen, dass er ein hochtalentierter Schriftsteller ist ... Aber gerade weil er so talentiert ist, sind seine Schriften allgemeinschädigend. Und es verdankt sich auch seinem großen Talent, dass er einen Aufruf zur Ermordung der Juden verbreitet hat."

In seinen Bloc-notes bewundert Bernard-Henri Levy auch die formale Schönheit der tunesischen Revolution: "Dreiunddreißig Tage Demonstrationen für dreiundzwanzig Jahre Terror: Das ist nicht, wie es heißt, ein Wunder; es ist logisch; ein Mechanismus; und schön wie der reinste, der unerbittlichste Mechanismus."
Archiv: Point

New Republic (USA), 03.02.2011

Alan Wolfe hat sehr beeindruckt Eric Metaxas' Biografie des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer gelesen, "Bonhoeffer: Pastor, Martyr, Prophet, Spy", die über Wochen auf der Beststeller-Liste der New York Times stand, fragt aber: Belegt Bonhoeffers Größe auch, dass er recht hatte? Woran Wolfe zweifelt, ist Bonhoeffers Diktum, dass beim Kampf gegen das Böse nicht Tugend zählt, sondern fester Glaube: "Es ist in gewissen religiösen Kreisen populär geworden, Hitlers Hass auf das Christentum zu betonen und damit den Holocaust für unvermeidbar zu zu erklären, wenn Menschen zu säkular werden und sich von Jesus abwenden. In dieser Sicht fehlt dem Liberalismus, tatsächlich der gesamten Aufklärung, der er entspringt, die Hingabe und der Sinn für das Tragische, der nötig ist, mit dem radikalen Bösen in seiner brutalsten Form fertig zu werden ... Im liberalen Säkularismus sei nichts gefestigt - das liege in seiner Natur. Aus diesem Grund hätten weder Liberalismus noch Säkularismus eine Lösung für das Problem des Bösen. Im Angesicht von Monstern wolle der Liberale instinktiv mit ihnen diskutieren."

Bisher hat sich Nicholas Carr immer gefragt, ob Marshall McLuhan "ein Genie war oder eine Schraube locker hatte", besonders bizarr findet er diese Fernsehdebatte mit Norman Mailer. Seit Douglas Couplands Biografie weiß er jetzt: Beides ist nicht von der Hand zu weisen: "McLuhans Gehirn muss wohl am milden Ende des Autismus-Spektrums angesiedelt werden. Er litt auch an einer Reihe größerer Gehirntraumata. 1960 erlitt er einen so schweren Gehirnschlag, dass ihm die letzte Ölung gegeben wurde. 1967, nur wenige Monate vor der Debatte mit Mailer, entfernten Chirurgen aus seinem Gehirn einen Tumor von der Größe eines Apfels."
Archiv: New Republic

HVG (Ungarn), 15.01.2011

Der Geschichtslehrer und Publizist Laszlo Lörinc nimmt die über Ungarn gedrehten Image-Filme unter die Lupe und stellt dabei fest, dass weniger das Genre des Image-Films als vielmehr das Land problematisch ist, für das geworben werden soll. Denn Image-Filme über Ungarn operieren bevorzugt mit den (manchmal übertriebenen) intellektuellen Leistungen "großer Ungarn" - und zeigen dabei ein Land, das - getrieben von Minderwertigkeitskomplexen und Legitimationszwang - sich selbst bemitleidet, weil die undankbare Welt seine Genies nicht anerkennen will: "Ich weiß nicht, welche Botschaft diese Filme einem ausländischen Betrachter vermitteln, doch auch für das eigene Land haben sie eine Botschaft. Wir, die wir zahlreichen Umfragen zufolge zermürbend kleingläubig und pessimistisch sind, brauchen kaum etwas so dringend wie ein gesundes, reales, auf festen Grundlagen fußendes Selbstvertrauen."
Archiv: HVG

New York Review of Books (USA), 10.02.2011

Hussein Agha and Robert Malley betrachten ausführlich die verfahrene Lage im Nahen Osten: "Israelis fühlen sich durch die Palästinenser weniger bedroht als jemals zuvor. Sie sind gesichert durch Sperranlagen, geschützt von einer aggressiven Militärmacht und unterstützt von den Sicherheitsdiensten der Palästinensischen Autonomiebehörde. Die Palästinenser sind erschöpft, sie wollen ausruhen, nicht kämpfen. Für Fatah und Hamas scheint das vorrangige Ziel, sich gegenseitig zu befehden, anstatt den Kampf gegen Israel zu koordinieren. Sollten die Verhandlungen zwischen den Palästinensern und den Israelis Fortschritte machen und sich die Hamas an den Rand gedrängt fühlen, könnte sie versucht sein, die Angriffe wieder aufzunehmen."

Weiteres: In einem aus dem Buch "Justice for Hedgehogs" übernommenen Essay denkt Ronald Dworkin über das gute Leben nach. Orhan Pamuk hadert in einem kurzen Artikel mit Europa. Besprochen werden Tony Judts Essaysammlung "Memory Chalet" und James Kaplans Sinatra-Roman "Frank: The Voice".