Magazinrundschau

In die Provinz!

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.01.2010. Das Magazin beschreibt in einer Reportage die zunehmenden Amokdrohungen von Schülern. Der Spectator warnt die Londoner City vor den mörderischen Dominas in der Schweiz. In Sinn und Form erinnert Marc Fumaroli an einen, dessen Name nicht genannt werden darf: Mario Praz. Im New Humanist erinnert sich Laurie Taylor an die heiligen Männer, die ihn als Kind missbrauchten. Der Guardian fragt, warum Piet Mondrian so viel bekannter ist als Theo von Doesburg. Und in der NYRB fragt Garri Kasparow die Schachprogrammierer: Warum seid ihr so uninspiriert?

Das Magazin (Schweiz), 24.01.2010

In der Schweiz haben sich die Amokdrohungen von Schülern 2009 im Vergleich zu 2008 verdoppelt, berichtet Rico Czerwinski in einer Reportage. Interessant ist, dass sich viele dieser "Droher" nicht als Täter, sondern als Opfer begreifen. Und ihre Eltern sehen das oft genauso. Als der St. Gallener Bedrohungspsychologe Hermann Blöchlinger die Mutter eines 14jährigen Jungen trifft, der in einem Chat gedroht hatte, seine Mitschülerin zu erschießen, "beschuldigt sie ihn, Hermann Blöchlinger. Er bedrohe die Zukunft ihres Sohnes. Einsicht in eigene Schuld oder ins Fehlverhalten ihres Sohnes zeigt Frau H. nicht. Sie rückt stattdessen die Schuld anderer in den Vordergrund. Natürlich habe es Konflikte gegeben, natürlich habe sich Michi wehren müssen, die anderen hätten ihn ja immer geplagt, gemobbt, schließlich hätten ihn sogar die Lehrer von der Schule verwiesen. Und ernst zu nehmen sei diese Drohung ja nicht. 'Die Mutter verstand nicht, dass solche Drohungen Konsequenzen haben müssten. Sie schien auch die Wirkung solcher Drohungen auf andere nicht zu verstehen. Mir fällt einfach auf, dass vielen dieser Drohungen typische Charakterzüge zugrunde liegen, die interessanterweise auch oft bei den Eltern anzutreffen sind', sagt Hermann Blöchlinger."

Und: Georg Diez porträtiert die 17jährige Helene Hegemann, die gerade mit ihrem Roman "Axolotl Roadkill" Furore macht.
Archiv: Das Magazin

Spectator (UK), 22.01.2010

Wegen Gordon Browns Steuerplänen bereitet sich die halbe Londoner City auf einen Umzug nach Genf oder Zürich vor, wie Martin Vander Weyer meldet. "Wenn ihre Pläne schon so weit gediehen sind, dass sie sich tatsächlich zwischen einem der beiden schweizerischen Finanzzentren entscheiden müssen, hier ein schneller Lehrgang: Beide Städte sind erschreckend klein gegenüber London, und in beiden sind Büroflächen knapp. Die Memoiren des Privatbankiers Hans J. Baer 'It's not all about money' ist ein nützlicher Führer zu der fremdenfeindlichen Dumpfheit der Zwergenstadt Zürich. Genf ist kosmopolitischer, und es gibt ein gutes Steak im Cafe de Paris in der Rue du Mont Blanc - aber dann gibt es da auch das Risiko, von seiner Domina im Latexanzug erschossen zu werden, wie es dem Finanzier Edouard Stern in seinem Appartement in der Rue de Villereuse im Jahr 2005 passiert ist. Alles in allem würde ich empfehlen, doch in Mayfair zu bleiben." Mit einer Orange im Mund?
Archiv: Spectator

Sinn und Form (Deutschland), 25.01.2010

Der Literaturwissenschaftler Marc Fumaroli schreibt über den italienischen Komparatisten Mario Praz, Verfasser eines berühmten Werks über die "schwarze Romantik" (mehr hier). Praz starb 1982, aber noch heute bekreuzigen sich einige Wissenschaftler, wenn sie seinen Namen hören. Einen Auszug aus dem Essay kann man online lesen, hier der Anfang: "Mario Praz. Bis vor kurzem (obwohl er bereits 1982 starb) geschah es mitunter schon bei der Andeutung seines Namens, daß ein italienischer Gesprächspartner Ihnen mit einer Hand den Mund zuhielt und die Finger der anderen beschwörend kreuzte. L'Innominabile! Und dann überhäufte man den Ausländer, der ahnungslos, unbedacht oder dumm genug gewesen war, auf Okkultes anzuspielen, zur Erbauung mit mehr oder weniger tragischen Geschichten, um die verhängnisvolle Macht des 'Unnennbaren' zu beweisen, dessen Name noch immer Furcht einflößte. Nomen, numen. Das ging vom völligen Stromausfall bei einem Fest, das der Professor soeben verlassen hatte, bis zum Unfall eines Unglücklichen, der dem schrecklichen jettatore über den Weg gelaufen war."

Außerdem lesen kann man einen Auszug aus einem Essay des George-Biografen Thomas Karlauf, der sich mit der Frage auseinandersetzt, was George, Stauffenberg und Hitler verbindet, und einen Auszug aus den Erinnerungen des Komponisten Rudolf Wagner-Regeny an das Ende des Zweiten Weltkriegs.
Anzeige
Stichwörter: Thomas Karlauf

New Humanist (UK), 01.01.2010

Kritik am Islam reicht nicht aus. Kritik an Religion ist besser, wie die irische Auseinandersetzung um massenhaften Missbrauch von Jugendlichen (meist Jungen) durch Priester und Kirchenangestellte in irischen Heimen zeigt (die in deutschen Medien nicht so intensiv aufgegriffen wird). Laurie Taylor liest für den New Humanist die erschütternden offiziellen Berichte zum Phänomen - und erinnert sich an seine eigene Zeit in einem britischen katholischen Internat, wo er selbst missbraucht wurde. Er hatte einen Freund, dem es noch schlimmer erging, weil er hübscher war: "Wir sprachen darüber. Wir wussten, es war nicht recht. Aber wir saßen in der Falle, die von so vielen Opfern katholischer Priester beschrieben worden ist. Unser zutiefst verinnerlichter religiöser Glaube machte es fast unmöglich anzunehmen, dass Priester etwas anderes als heilige Männer sei könnten. Irgendwie mussten wir die Sünder sein."

Außerdem unterhält sich der Philosoph AC Grayling mit seinem Kollegen Tzvetan Todorov, der eine Verteidigung der Aufklärung geschrieben hat (englische Ausgabe), aber nicht so weit gehen will, auch den westlichen Begriff der Menschenrechte zu verteidigen: "Ich beobachte - und das ist der Grund, warum ich skeptisch bin - dass Menschenrechte heute benutzt werden, um eine westliche Überlegenheit zu rechtfertigen. Und sobald wir sehen, dass die Rechte irgendwo anders nicht genauso respektiert werden wie bei uns, dann sehen wir diese Länder als unter uns stehend an und glauben vielleicht gar, dass sie Strafe verdienen." Auch der große Dunkelmann John Gray hat das Buch besprochen und beschuldigt Todorov doch glatt des "Fundamentalismus der Aufklärung"!
Archiv: New Humanist
Stichwörter: John Gray

ResetDoc (Italien), 15.01.2010

Resetdoc hat in einem Offenen Brief die Generaldirektorin der Unesco, Irina Bokova, aufgefordert, den Weltphilosophentag nicht ausgerechnet im Iran abzuhalten. "Unserer Meinung nach sollte Irans Kandidatur für die nächste Sitzung nicht als normale Rotation in Betracht gezogen werden, da wir mit den jüngsten Vorkommnissen schmerzlich erfahren haben, wie Menschen im Iran für ihre Ideen eingesperrt werden können und ihr Leben riskieren. Die junge Frau, die im Juni zum Symbol der Proteste nach den Wahlen wurde, Neda Agha Soltan, besaß Abschlüsse in Theologie und Philosophie."

Hier die Liste der bisherigen Unterzeichner.
Archiv: ResetDoc
Stichwörter: Theologie

Eurozine (Österreich), 21.01.2010

James Hawes singt ein melancholisches Liebeslied auf Prag, eine der schönsten historischen Städte Europas und gleichzeitig die Las Vegas ähnlichste. Dessen Geschichte so komplex ist, dass Verdrängung zum Überleben gehört. "Von allen Symbolen der verdrängten tschechisch-deutsch-jüdischen Geschichte ist eines der bemerkenswertesten das Heim für nervenkranke Soldaten, das Kafka zwischen 1916 und 17 mitbegründete und das mehr oder weniger vollständig erhalten ist, an einem Ort, der in Kafkas Tagen den wundervollen Namen 'Frankenstein' trug. Man könnte meinen, dass 'Dr. Kafkas Heim für nervenkranke Soldaten in Frankenstein' ein unwiderstehlicher Magnet für junge Filmregisseure ist. Tatsächlich ist es den Touristen vollkommen unbekannt und kaum besser bekannt bei Wissenschaftlern, obwohl es das einzige Relikt aus Kafkas Leben ist, das seinen fast heiligenmäßigen Ruf wirklich bestätigt. (...) Warum wird dieser Ort so ignoriert? Ich glaube die Antwort ist einfach: weil dies bis 1945 deutschsprachiges Gebiet war, und Kafkas Nervenanstalt war (wie er ausdrücklich bekundete) ausschließlich für deutschsprachige Soldaten gegründet worden. Der brave Soldat Schwejk, wie traumatisiert auch immer, hätte Kafkas sprachliche Hürde schlicht nicht überwunden."

Weitere Artikel: Kazys Varnelis zitiert sich durch die jüngere Theoriegeschichte von Deleuze bis Castells, von Habermas bis Jameson und versucht dabei zu erklären, was der Anbruch der Netzwerkkultur zu bedeuten hat.
Archiv: Eurozine

Elet es Irodalom (Ungarn), 15.01.2010

Angesichts des Minarettentscheids in der Schweiz erinnert der Schriftsteller Attila Sausic an ähnliche Konflikte in Deutschland wie das Kopftuch-Urteil oder den Streit um den Bau der Kölner Moschee, gegen sich etwa der Publizist Ralph Giordano mit grundsätzlich islamkritischen Argumenten ausgesprochen hatte. Sausic rekapituliert die Ansichten Giordanos und kritisiert sie als stellenweise überzogen und "nicht gerade glücklich": "Die Ausführungen Giordanos zeigen, auf welch schmalen und wackeligen Steg sich die liberalen Menschenrechtler hinauswagen, wenn sie eine Minderheit nicht beschützen, sondern kritisieren wollen. Dennoch können sie auf diesem Weg weiter gelangen als der Linksliberalismus, der es sich im politisch Korrekten bequem gemacht hat und der die Ausbreitung der Rechtspopulisten in Europa zwar nervös beobachtet, der aber, außer deren modernisierten Rassismus' bloßzustellen, nicht bereit ist, sich im Wesentlichen und ganz konkret damit auseinander zu setzen, weshalb die Popularität des neuen Rechtsextremismus zunimmt."

Open Democracy (UK), 21.01.2010

Johnny Ryan und Stefan Halper sehen den Streit Google vs. China als säkularen Streit zwischen einem Kapitalismus der Nerds mit seinen Freiheitsidealen und einem autoritären Staatskapitalismus a la chinoise. Und es ist keineswegs so, dass Google hier leichthin einen Markt aufgibt, auf dem das Unternehmen erfolglos war, meinen die Autoren: "Wenn Google China aufgibt, wird Baidu mit höchster Wahrscheinlichkeit profitieren und könnte in kommenden Dekaden auch eine Bedrohung jenseits chinesischer Grenzen bedeuten. Der Sprung der Baidu-Aktie um 14 Prozent nach oben am 13. Januar, dem Tag nach der Google-Erklärung, könnte ein früher Keim kommender Trends sein."

Außerdem bringt OpenDemocracy ein angenehm optimistisches Gespräch über die Chancen Russlands, zur Demokratie zu werden. Gesprächspartner sind Boris Dolgin vom Magazin polit.ru und der außenpolitische Experte Dmitry Trenin, der sich eine enge Beziehung Russlands zur EU wünscht: "In ökonomischen, sozialen, humanitären und allen anderen Aspekten. Es sollte in Sicherheitsfragen auch mit den Vereinigten Staaten kooperieren. Es sollte eine reale Partnerschaft entwickeln, eine, die ihres Namens würdig ist, meine ich. Das heißt nicht, dass wir nicht auch mit mit China, Japan oder Korea zusammenarbeiten. Aber eine Zusammenarbeit mit Europa wird der Motor dieses Prozesses sein."
Stichwörter: Korea

Tygodnik Powszechny (Polen), 24.01.2010

Was brachte die Freiheit den Schriftstellern? Nur Bedeutungsverlust und Kommerz, wie oft behauptet wird. Nach 1989 profitierte die Literatur von ungeheuren neuen Ausdrucksmöglichkeiten, findet die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Inga Iwasiow. "Ich kann nicht alle Tendenzen, Themen, Ästhetiken und Rituale der letzten zwanzig Jahre aufzählen. So schwierig es ist, diesen Katalog zu erstellen, so unmöglich ist es zu behaupten, dass wir nur mit der Vorrangstellung der Medien ringen und Schriftsteller ihre Rolle als Experten für Werte, Politik und die Seele eingebüßt haben. Es passiert tatsächlich viel mehr, Errungenschaften und Niederlagen gehen Hand in Hand. Es passiert viel mehr, als wir sehen wollen, wenn wir über den Verlust des Ansehens und die Marginalisierung in der Welt des Marktes, der leichten Unterhaltung und der Medien sprechen." Statt über fehlende Anerkennung zu klagen, schlägt Iwasiow Schriftstellern vor, in die Provinz zu gehen, wo sie noch die Möglichkeit hätten, mit interessierten Lesern in Kontakt zu treten, statt um die Gunst der Fernsehzuschauer zu buhlen.

The Nation (USA), 08.02.2010

Die Kolumnistin und Dichterin Katha Pollitt beschreibt die Notlage der 24jährigen Nazia Quazi, IT-Spezialistin mit indischer und kanadischer Staatsangehörigkeit, die seit zwei Jahren in Saudi Arabien festsitzt. Nach saudischem Recht braucht sie für die Ausreise die Zustimmung ihres Vaters und der weigert sich. Am meisten empört sich Pollitt über die kanadischen Behörden, die auf taub geschaltet haben. "Mehrere Personen, mit denen ich gesprochen habe, deuteten an, dass es für den Fall relevant ist, dass die Quazis Muslime sind: die [kanadische] Botschaft in Riyadh will sich nicht in etwas einmischen, was sie als muslimischen Familienstreit betrachtet." Für die Familie Quazi "ist es irrelevant, dass Nazia eine 24jährige Collegeabsolventin ist. Ihre Gefühle, Ängste, Wünsche und Rechte sind bedeutungslos. Was zählt ist, dass der Vater Nazias Freund missbilligt. Aber das ist das Problem der Quazis. Es ist kein Grund für Kanada zuzulassen, dass Nazia ihrer Rechte beraubt wird. Wie weit haben es Frauen gebracht, wenn ein demokratisches säkulares Land wie Kanada es einem Vater erlaubt, seine erwachsene Tochter im Käfig saudischer Gesetze einzusperren?" Hier erzählt Nazia ihre Geschichte selbst.
Archiv: The Nation
Stichwörter: Kanada, Saudi-Arabien

London Review of Books (UK), 28.01.2010

Die Schriftstellerin Anne Enright versucht sich an einem Psychogramm von Iris Robinson, der Politikerin, die Nordirland (und möglicherweise auch ihren Ehemann, den Premierminister) erst mit ihren Äußerungen zur Homosexualität ("eine Schande") und dann mit ihrer Affäre mit einem 19jährigen - sowie den diesem dabei gewährten Vergünstigungen - verstörte: "Wie weit darf es eine Frau nach oben schaffen? Ist es verrückt für eine Frau, die in Sozialwohnungen aufwuchs, ihre neue Villa mit handgemalten Wandfresken zu schmücken und jeden einzelnen Raum thematisch unterschiedlich zu dekorieren (orientalisch, schottisch, italienisch)? Ist es ein wenig gaga, im Arbeitszimmer einen handgemeißelten, drei Meter hohen, drei Tonnen schweren Kamin zu haben, entworfen und eingerichtet ganz nach den eigenen Vorstellungen? Ist es plemplem, wenn man sich eine Tapete kauft mit der handgedruckten Aufschrift 'Non magni pendis quia contigit' ('Man weiß das leicht Erworbene nicht zu schätzen.') - oder ist das alles einfach nur kontraproduktiv, weil es so klar zeigt, dass man die Schule schon mit sechzehn verlassen hat?"

Weitere Artikel: Daniel Soar denkt über den geheimdienstlichen Datenbank-Fehler nach, der dazu führte, dass der Unterhosenbomber Umar Farouk Abdul Mutallab an Bord eines Flugzeugs gelangte. Michael Hofmann nutzt die Lektüre der Übersetzung von Stefan Zweigs "Die Welt von gestern" für ein Porträt des Autors. Perry Anderson liest neue Bücher über den aktuellen Stand von Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Gleich über zwei neue Bücher zur Jahrhunderflut in Paris im Jahr 1910 schreibt Jeremy Harding. In Maßen beeindruckt zeigt sich Michael Wood von James Camerons Fantasyfilm "Avatar".

Nepszabadsag (Ungarn), 23.01.2010

Die Ungarn sind enttäuscht von der Demokratie, weil sie sie falsch verstehen, glaubt der Verhaltensforscher Vilmos Csanyi und schlägt vor, sich mit diesem Begriff bis zu den Parlamentswahlen im April noch verstärkt auseinander zu setzen: "Die meisten halten die Demokratie für einen institutionalisierten Wohltäter, der Rechte verteilt, die Bedürftigen unterstützt und den Menschen den Weg zum allgemein gültigen Guten weist. [...] Dabei ist die Demokratie nichts anderes als eine hoch entwickelte kulturelle Institution zur Regelung der biologischen Aggression und somit die vielleicht wichtigste Erfindung der menschlichen Kultur."
Archiv: Nepszabadsag

Guardian (UK), 23.01.2010

Anlässlich einer bevorstehenden Ausstellung in der Londoner Tate Modern überlegt Simon Mawer, warum ein Künstler, der so einflussreich und brillant war wie Theo van Doesburg am Ende nur eine Fußnote in der Geschichte der Avantgarde geblieben ist. Doesburg war ein enger Freund Mondrians. Die beiden produzierten eine zeitlang fast identische Gemälde, bis van Doesburg es wagte, in seinen Bildern die Diagonale einzuführen und so einen Bruch zwischen den beiden auslöste. "Beide Künstler kamen aus der holländischen gegenständliche Malerei und fanden genau zur selben Zeit zur vollkommenen Abstraktion. Aber während Mondrian sein Leben lang bei seinen freudlosen geometrischen Gemälden blieb, hatte van Doesburg andere Ideen, dutzende sogar. Was findet man, wenn man Mondrian zu verstehen versucht? Einen abstrakten Maler, ziemlich eigenbrötlerisch, ziemlich streng. Versucht man das gleiche bei van Doesburg, ist er glitschig wie ein Aal. Maler, Dichter, Kunstkritiker, Designer, Typograf, Architekt, Performance-Künstler - er war all diese Dinge und mehr. Prometheus selbst. Ein Fuchs zum Igel Mondrian."

Außerdem: Der Autor Chinua Achebe beschreibt seine komplizierte Beziehung zu Nigeria. Sarah Crown spricht mit E.L. Doctorow über dessen neuen Roman "Homer and Langley". Martin Amis schreibt über das Schreiben an seinem Roman "Time's Arrow". Nick Fraser hat "Four Lions" gesehen, Chris Morris' Filmsatire über "Dschihadisten". Und Julian Barnes schickt eine Kurzgeschichte mit dem Titel: "Sleeping with John Updike".
Archiv: Guardian

Osteuropa (Deutschland), 27.01.2010

Die Zeitschrift Osteuropa fragt in einem Themenheft, was von der slawischen Idee nach dem Panslawismus geblieben ist. Der Historiker Stefan Troebst freut sich in einem jetzt online gestellten Text zwar über die neue Slawisierung der Europäischen Union, macht aber deutlich, dass der Slawismus eine Konstruktion ist: "Die Annahme eines sämtliche Slaw(ischsprachig)en in Raum und Zeit verbindenden kulturellen, gar biologistischen Elements hat viele Gesichter: Periodisch fungiert sie als politisch wirksames transnationales Identifikationsmuster; sie stellt einen Bezugsrahmen kulturwissenschaftlicher Forschung dar; und sie ist bis heute ein höchst produktiver Mythos in Kunst und Literatur. Die essentialistische Vorstellung einer ethnogenetischen 'Verwandtschaft' aller Slawen, der Existenz einer slawischen Urheimat ('Allslawien') samt slawischer Ursprache, gar der Herausbildung einer natio slavica sind dabei frühneuzeitlichen Ursprungs."
Archiv: Osteuropa
Stichwörter: Europäische Union

Al Ahram Weekly (Ägypten), 21.01.2010

Aijaz Zaka Syed von der Khaleej Times verurteilt mit deutlichen Worten Selbstmordattentate und weist darauf hin, dass in Mekka der Großmufti Scheik Abdel-Aziz Al-Sheikh gerade "eine ungewöhnlich starke Sprache" benutzt habe, um Selbstmordattentate zu verurteilen: "Muslime auf der ganzen Welt vor Extremisten warnend, bezeichnete der Großmufti das Gespenst des Terrors und der Selbstmordattentate als 'Fluch der muslimischen Länder'. Er nannte den Extremismus und den Todeskult der Selbstmordattentate 'das ernsteste Problem' der muslimischen Gemeinschaften."

Außerdem: Weihnachten waren in Nagaa Hamadi sechs Kopten vor ihrer Kirche erschossen worden (mehr hier). Muqtedar Khan erinnert daran, dass Mohammed 628 n.Chr. einer Delegation von Christen aus dem St. Katherinen-Kloster in einem Schutzbrief versprochen habe, bis zum jüngsten Tag alle Christen zu beschützen.

New York Review of Books (USA), 11.02.2010

Schachweltmeister Garri Kasparow gibt gern zu, dass er die Niederlage gegen Deep Blue 1997 nicht leicht verkraftet hat. Aber was hat IBM der Sieg genutzt? Was haben die Programmierer daraus gemacht? "Den Traum, künstliche Intelligenz zu schaffen, die sich am menschlichen Denken orientiert, haben wir aufgegeben. Stattdessen bekommen wir jedes Jahr neue Schachprogramme und neue Versionen von alten, die alle auf dem gleichen in den sechziger und siebziger Jahren entwickelten Programmierkonzept beruhen: einen Zug auszuwählen, nachdem Millionen von Möglichkeiten durchgerechnet wurden. Wie so vieles andere auch in unserer an Technologie reichen und an Innovationen armen Welt, sind die Schachprogramme dem Markt und der Logik der kleinen Draufgabe zum Opfer gefallen. Brute-Force-Programme spielen das beste Schach, warum sich also mit etwas anderem aufhalten? Warum Zeit und Geld vergeuden, um mit neuen und innovativen Ideen zu experimentieren, wenn wir wissen, was klappt? Solches Denken sollte jeden entsetzen, der sich einen Wissenschaftler nennt, doch es scheint tragischerweise die Norm zu sein. Unsere besten Köpfe sind in die Finanzentwicklung statt in die reelle Programmierung gegangen - mit katastrophalen Folgen für beide Seiten."

Anne Applebaum lobt Michael Scammells bereits oft besprochene Biografie Arthur Koestlers ein und ist sehr dankbar für Scammells Hinweis auf Koestlers recht unbekannte Reportagen "Scum of the Earth" über Flüchtlinge in Frankreich: "Sie waren eine Offenbarung: erstaunlich frisch, klar und relevant erklären sie Frankreichs schnellen Kollaps 1940, sondern beleuchten auch die Schwierigkeiten, die Frankreich und andere europäische Länder bei der Integration von 'Ausländern' sogar heute noch haben."

Weiteres: Ahmed Rashid fragt, wann die USA und ihre Verbündeten bereit sein werden, mit den Taliban zu verhandeln. "Denn ein militärischer Sieg ist nicht in Sicht, und einen anderen Weg, den Krieg zu beenden, der bereits seit 30 Jahren andauert, gibt es nicht." Jerome Groopman klärt, ob und wie die offenbar gerade in Mode gekommene Verhaltensökonomie das Gesundheitssystem verbessern kann.