Magazinrundschau - Archiv

New Humanist

12 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 02.12.2014 - New Humanist

Samira Shackle interviewt für den New Humanist den Journalisten Brian Whitaker, der ein Buch über "Arabs Without God" (Auszug) geschrieben hat (dessen Übersetzung ins Arabische übrigens mit einer Kickstarter-Kampagne finanziert wird). Er ist trotz allem guter Dinge: "Die Zahl der Atheisten scheint zu wachsen. Das mag erstaunen angesichts der Aufmerksamkeit, die Al Qaida und ISIS auf sich ziehen, und angesichts des riesigen Aufschwungs der Religion in den letzten Jahrzehnten. Arabische Regierungen haben das Sektierertum für ihre eigenen politischen Zwecke angefacht, aber der "neue" arabische Atheismus in der jungen Generation ist gerade eine Antwort darauf und auch auf die reaktionären Ansichten muslimischer Kleriker, besonders in Saudi Arabien. Ein anderer Faktor ist, dass die Volksaufstände den Leuten Mut gemacht haben, mehr Dinge in Frage zu stellen, auch die Religion, den Religion und Politik sind in der arabischen Welt eng verbunden."

Magazinrundschau vom 22.07.2014 - New Humanist

Teju Cole ist jemand, der alle Stereotypen unterläuft, schreibt anerkennend Fatema Ahmed in einem kurzen Porträt des amerikanisch-nigerianischen Autors. Das betrifft sowohl den Inhalt also auch die Form seiner Werke: "Man sieht selten jemand in Echtzeit neue Formen erschaffen und für diese Formen neue und mächtige Verwendungszwecke zu finden. Während er an einem - noch unveröffentlichten - Sachbuch über Lagos schrieb, kam die "Small Fates"-Serie, die auf nigerianischen Zeitungsberichten basierte, ein Update von Félix Fénéons berühmter Vermischtes-Kolumne für die Zeitung Le Matin. Ein Beispiel von Fénéon: "Scheid, aus Dünkirchen, feuerte drei Mal auf seine Frau. Als er sie jedesmal verfehlte, entschied er sich, auf seine Schwiegermutter zu zielen und traf." Ein Beispiel von Cole: "Niemand erschoss irgend jemanden, bestätigte ein Sprecher der Polizei von Abuja, nachdem der Fahrer Stephen, 35, von der Polizei angeschossen, beinahe gestorben wäre." Seit "Small Fates" Anfang 2013 endete, hat Cole andere Serie geschaffen, darunter "Short Stories about Drones", in denen die Anfänge klassischer Romane von einem Drohnenangriff abgebrochen werden. Zum Beispiel: "Mrs Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen. Schade. Ein Drohnenangriff machte den Blumenladen platt." Cole hat jetzt @_kill_list angelegt ("all the kills in the Holy Bible, remixed by @tejucole"), der an Alice Oswalds "Memorial" erinnert, eine Wiedergabe der Ilias als Liste der Toten im Gedicht."

Magazinrundschau vom 21.02.2014 - New Humanist

In einem längeren Essay zum 25. Jahrestag der der Morddrohung gegen Rushdie zieht Kenan Malik die Konsequenzen: "Dank der Fatwa wurde die Rushdie-Affäre zum wichtigsten Streit über Meinungsfreiheit der modernen Zeit. Sie wurde zu einer Wasserscheide in Bezug auf unsere Einstellung zu diesem Wert. Rushdies Kritiker verloren eine Schlacht - die 'Satanischen Verse' sind nach wie vor in Umlauf. Aber sie gewannen einen Krieg. Das innerste Argument des Rushdie-Falls - dass es moralisch inakzeptabel ist, andere Kulturen zu beleidigen - ist nun weithin verinnerlicht." Sein Beispiel ist der Rückzug von Wendy Donigers Buch "The Hindus: An Alternative History" nach Protesten in Indien (hier unser Linkdossier zum Thema).
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Magazinrundschau vom 14.02.2014 - New Humanist

Dina Mohammad (Pseudonym) erzählt, warum es ihr so schwer fiel, den Islam zu verlassen, nachdem sie den Glauben verloren hatte: "Ich gehörte nicht zur Kultur meiner Eltern, und ich schien nicht in das Mainstream-Amerika zu passen. Aber zum Islam schien ich ganz und gar zu gehören. Min zunehmenden Alter fand ich meine Stimme, ich lernte den muslimischen Feminismus kennen, der gegen Frauenfeindlichkeit im Islam kämpft. Eine gläubige Muslimin in Amerika zu sein, war vor allem nach dem 11. September die einzige Identität, die ich kannte, auch wenn Meditation und Gebet nie wichtig für mich waren. Bei der Vorstellung, diese Identität aufzugeben, fühlte ich mich nackt und verloren. Ich wusste nicht, wer ich ohne diese Identität sein würde."

Magazinrundschau vom 04.09.2012 - New Humanist

Außerordentlich unterhaltsam, persönlich und ausgewogen meditiert Toby Lichtig (Jude und selbst beschnitten) über die durch das Kölner Urteil ausgelöste Debatte um die Rechtmäßigkeit der religiös motivierten Beschneidung. Nach Ausflügen in die diskursorischen Abgründe der eigenen Familie und Vergleichen zur internationalen Praxis schließt er: "Es ist zur Zeit unwahrscheinlich, dass irgendein Land die Praxis der Beschneidung komplett verbieten wird. Das wäre auch nicht unbedingt wünschenswert. Trotz allem, was ich gerade geschrieben habe, wäre mir bei einer solchen Einschränkung kultureller Freiheit nicht wohl. Es gibt eine Menge Dinge, die wir sehr gerne abschaffen würden, wenn wir sie einfach in der Luft zerreißen und neu anfangen könnten. Aber Revolution ist nicht immer der richtige Weg. Der Zorn, den ein Verbot auslösen würde, würde eher schaden. Und wie uns die Erfahrung mit allem, von Prostitution über Abtreibung bis zu Drogenmissbrauch, lehrt: Kriminalisierung stoppt eine Praxis nicht, sondern macht sie nur gefährlicher. Doch ist es für uns an der Zeit, endlich eine erwachsene Debatte darüber zu führen, wohin wir wollen. Und dazu gehört als erstes die Frage, ob die Beschneidung unserer Söhne wirklich notwendig ist."

Magazinrundschau vom 08.05.2012 - New Humanist

Republikanischer Präsidentschaftskandidat kann man schon gar nicht mehr werden, wenn man nicht religiöser Fundamentalist ist, aber auch Barack Obama ist nicht gerade ein Befürworter der Trennung von Staat und Kirche. Was ist in den USA mit dem Säkularismus passiert, fragt Jacques Berlinerblau und antwortet: Die religiöse Rechte ist ihm passiert."Seit den siebziger Jahren ist diese Bewegung zu einem immensen, vielfältigen, gut finanzierten politischen und kulturellen Moloch angewachsen. Ihre Aktivisten sind überall - von den Elternverbänden über die Regierungen der Bundesstaaten bis nach Washington D.C.. Ihre Weltsicht wird von einer ganzen Horde von Experten und Intellektuellen verfochten. Ihre ideologischen Anliegen (Abtreibung, Ablehnung der Schwulenehe und überhaupt alles Schwulen) diktieren große Teile der republikanischen Politik. Und ihre Überzeugung, dass Amerika eine 'Nation unter Gott' oder eine 'Christliche Nation' sei, findet Anhänger bis hin zum Obersten Gerichtshof."

Alom Shaha, Autor des Buchs "The Young Atheist's Handbook", ruft säkulare Organisationen auf, auch Muslimen auf dem Weg in den Atheismus zu helfen. Sehr anschaulich schildert er, wie schwer es für einen jungen Muslim ist, seinen Unglauben zu bekennen - weil es immer auch ein Bruch mit Tradition und Community bedeutet: "Warum bekenne ich meine Atheismus also so offen? Weil ich so mutig bin? Nein. Der einfache Grund ist, das meine Eltern tot sind... Hätte meine Mutter länger gelebt, so mein Verdacht, wäre ich weniger offen gewesen. Ich liebte meine Mutter, und hätte sie es so gewollt, dann hätte ich mich auch mehr bemüht, ein guter Muslim zu sein."

Magazinrundschau vom 10.05.2011 - New Humanist

Es reicht nicht, Atheist zu sein, man muss auch gute Argumente haben. Mit einer kräftigen Handbewegung wischt Kenan Malik das Buch "The Moral Landscape: How Science Can Determine Human Values" (Auszug) des Populär- und Naturwissenschaftlers Sam Harris vom Tisch, der behauptet unter Umgehung aller Werke von Philosophen oder Soziologen menschliche Werte naturwissenschaftlich ableiten zu können. Harris will es aus der bloßen Anschauung schließen. Jeder weiß, dass Vergewaltigung böse ist. Jeder weiß ein erfülltes Leben zu schätzen, also müssen das objektive Werte sein. Malik schreibt dazu: "Ebenso plausibel wäre das Argument: Es gibt Lücken in der Fossilienkette, also muss Gott Adam und Eva geschaffen haben." Und Szientismus ist auch nur eine Religion: "Wissenschaft hat große Autorität in der modernen Welt, zurecht. Aber so wichtig es ist, ihre Autorität im Faktischen zu verteidigen, so wichtig ist es, Versuche zu bekämpfen, diese Wissenschaft in Gebieten auszuspielen, die über das bloß Faktische hinausgehen. Es gibt eine lange Geschichte des Missbrauchs von Wissenschaft zur Zementierung von Vorurteilen."

Magazinrundschau vom 14.09.2010 - New Humanist

Soll Großbritannien - wie Frankreich - die Burka verbieten? Ja, findet die Publizistin Yasmin Alibhai-Brown: "Die Burka ist nicht ein Kampf zwischen Antirassisten und Rassisten oder Freiheit und Unterdrückung. Es ist ein Kampf zwischen einem offenen, egalitären Islam und Obskurantismus, Menschenrechten und unmenschlichen Ausnahmen, Integration und Apartheid. Wahabis verbreiten eine einzigartige freudlose Version des Islams, sie löschen die Vielfalt aus und unsere verschiedenartige Historie. Sie benutzen Wahlmöglichkeiten und Freiheit als Waffen um beide zu zerstören. Muslimische Verteidiger der Burka unterstützen niemals das Recht einer Frau, sich nicht zu bedecken. Statt dessen brandmarken sie Frauen wie mich als 'westliche Huren', die in der Hölle brennen werden."

Der Autor Kenan Malik widerspricht: Nein, in Ländern wie Saudi-Arabien oder Jemen haben Frauen keine Wahl, sie müssen die Burka tragen. In Europa dagegen würden die meisten sie freiwillig tragen. Im übrigen ist das Burka-Verbot für Malik vor allem ein Ablenkungsmanöver: "Es ist inzwischen ein Symbol für die Identitätskrise, die die westlichen Staaten befallen hat. Unfähig, klar zu definieren, was genau es bedeutet, britisch oder französisch zu sein, gehen Politiker gern den leichten Weg, indem sie gegen Symbole des 'Fremden' wettern. Das Burka-Verbot ist nichts als ein Versuch, 'westliche Werte' zu definieren, indem man man zeigt, was diesen Werten oder Traditionen nicht entspricht, während Politiker es gleichzeitig sehr schwer finden zu sagen, was diese Werte und Traditionen sind."

Einen wenig schmeichelhaften Empfang bereiten britische Intellektuelle dem Papst. Richard Dawkins ruft: "Go home to your tinpot Mussolini-concocted principality, and don't come back." Francis Wheen und Johann Hari wollen ihn gleich verhaften. Nick Doody stellt sich wenigstens erst mal vor: "Anyway, you're probably wondering what this is. It's a condom - don't panic, my intentions are honourable."

Magazinrundschau vom 26.01.2010 - New Humanist

Kritik am Islam reicht nicht aus. Kritik an Religion ist besser, wie die irische Auseinandersetzung um massenhaften Missbrauch von Jugendlichen (meist Jungen) durch Priester und Kirchenangestellte in irischen Heimen zeigt (die in deutschen Medien nicht so intensiv aufgegriffen wird). Laurie Taylor liest für den New Humanist die erschütternden offiziellen Berichte zum Phänomen - und erinnert sich an seine eigene Zeit in einem britischen katholischen Internat, wo er selbst missbraucht wurde. Er hatte einen Freund, dem es noch schlimmer erging, weil er hübscher war: "Wir sprachen darüber. Wir wussten, es war nicht recht. Aber wir saßen in der Falle, die von so vielen Opfern katholischer Priester beschrieben worden ist. Unser zutiefst verinnerlichter religiöser Glaube machte es fast unmöglich anzunehmen, dass Priester etwas anderes als heilige Männer sei könnten. Irgendwie mussten wir die Sünder sein."

Außerdem unterhält sich der Philosoph AC Grayling mit seinem Kollegen Tzvetan Todorov, der eine Verteidigung der Aufklärung geschrieben hat (englische Ausgabe), aber nicht so weit gehen will, auch den westlichen Begriff der Menschenrechte zu verteidigen: "Ich beobachte - und das ist der Grund, warum ich skeptisch bin - dass Menschenrechte heute benutzt werden, um eine westliche Überlegenheit zu rechtfertigen. Und sobald wir sehen, dass die Rechte irgendwo anders nicht genauso respektiert werden wie bei uns, dann sehen wir diese Länder als unter uns stehend an und glauben vielleicht gar, dass sie Strafe verdienen." Auch der große Dunkelmann John Gray hat das Buch besprochen und beschuldigt Todorov doch glatt des "Fundamentalismus der Aufklärung"!
Stichwörter: Gray, John, Humanisten

Magazinrundschau vom 17.03.2009 - New Humanist

Eliane Glaser ist genervt, dass Naturwissenschaftler noch immer so abwertend über Geisteswissenschaftler reden, obwohl die ihre Disziplinen seit den 50er Jahren so schön weiterentwickelt haben. Dabei sind sie doch so nützlich: "Naturwissenschaften haben nicht die konzeptuelle Sprache, um Religion zu dekonstruieren. So wie Religion nicht das methodologische Werkzeug hat, um Naturwissenschaften zu kritisieren ... Die wirksamsten Widersacher der Religion sind nicht die Natur- sondern die Geisteswissenschaften. Sie können uns helfen, über die redundante Debatte hinwegzukommen, weil sie die Konzepte von Sprache, Diskurs und Genre verstehen und in der Lage sind, die beiden konkurrierenden Unternehmen philosophisch zu vergleichen. Sie haben die analytischen Mittel um das Wachstum der biblischen Buchstabentreue und des naturwissenschaftlichen Fundamentalismus zu erklären. Die Geisteswissenschaften sind machtvolle Alliierte des Säkularismus, mit ihrer Fähigkeit, den Aufstieg der Religionen historisch, politisch und kulturell zu kritisieren."

Außerdem: Caspar Melville lässt sich vom russischen Philosophen Michail Ryklin erklären, warum der Kommunismus eine Religion ist. Besprochen wird Kenan Maliks Buch "From Fatwa to Jihad".