Magazinrundschau

Finger weg von meinen Würstchen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
22.04.2008. In der Weltwoche plädiert Tom Ford für volles, natürliches Schamhaar. Vanity Fair gibt Bill Keller die Schuld an der schwindenden Timeshaftigkeit der Times. Im Espresso bedauert Umberto Eco die schwindende Bedeutung der Zeitungen insgesamt. Die Times streitet um das English Breakfast. In L'Express will der Werbefachmann Maurice Levy die Werbung von Grund auf revidieren. Die LRB erlebt das Glück französischer Malerei, Nepszabadsag  das Glück Leipziger Malerei, das TLS das Glück deutscher Romantik, der Economist das Glück japanischer Konzeptkunst, Al Ahram das Glück russischer Fotokunst. Und der New Yorker lernt Englisch mit Li Yang.

Weltwoche (Schweiz), 17.04.2008

Charlotte Roche steht mit ihrer Vorliebe für Körperbehaarung nicht allein! Bei der Eröffnung seiner Boutique für Luxus-Herrenbekleidung in Zürich denkt Tom Ford über unseren Umgang mit Körperhaaren nach: "Ich sprach mit meinem Vater darüber, er ist 76 Jahre alt. Und er versteht die Welt nicht mehr: Alle sind überall rasiert. Wenn eine Frau nackt ist, sollte man viel Haar sehen, findet er. Und er hat Recht. Das ist natürlich, pur, animalisch. Aber das ist mein persönlicher Geschmack. Eine Frage, die mich übrigens auch sehr beschäftigt. ... Wir haben eben Aufnahmen gemacht für ein Magazin mit vielen nackten Männern. Heterosexuelle, zwischen 19 und 60 Jahre alt. Die Älteren hatten volles, natürliches Schamhaar, die unter 40-Jährigen trugen es stark zurechtgeschnitten, ein paar hatten gar keines mehr. Ich fragte die Jungen, warum sie glattrasiert sind. Sie antworteten: Weil meine Freundin das so mag. ... Es ist eine haarlose Generation, ihre sexuelle Sozialisierung passierte mit Pornos, in denen kein Schamhaar vorkommt. Ich selber wurde in den siebziger Jahren groß, damals waren Pornofilme noch Pornofilme, es wurde geschwitzt, es war haarig."

Seit zehn Jahren wird nach einem Viagra für die Frau geforscht, hat aber bisher nichts gebracht, berichtet Kai Michel. "Tatsächlich sind die Dinge im Wandel. 'Früher kamen die Frauen wegen Orgasmusproblemen zu uns', erzählt Claus Buddeberg. Heute ist das kaum der Fall. 'Viele Frauen sind mittlerweile sexuell emanzipiert', sagt er, 'sie kennen die eigene Reaktionsfähigkeit. Und sie lassen sich weniger unter Druck setzen, einen Orgasmus erleben zu müssen.' Stattdessen klagen heute mehr als fünfzig Prozent seiner Patientinnen über mangelnde Lust auf Sex. ... Nach Buddeberg produzieren aber vor allem drei Faktoren Unlust: die Allgegenwart sexueller Reize in der Öffentlichkeit: Wenn überall perfekte Nackedeis prangen, ist Desinteresse eine Reaktion auf die manipulative Vermarktung erotischer Fantasien. Zweitens sind die individuellen Erfahrungen mit Sexualität prägend. Drittens spielt die Partnerschaft eine entscheidende Rolle: 'Dort sehen wir sehr oft eine Wüste', sagt Buddeberg."

Weiteres: David Rockefeller erinnert sich im Interview an Friedrich August von Hayek und Joseph A. Schumpeter. Julian Schütt rühmt J.M. Coetzees "Tagebuch eines schlimmen Jahres" als faszinierenden Versuch, politische Gegenwart mit literarischen Mitteln zu bannen.
Archiv: Weltwoche

The Times (UK), 21.04.2008

Drei-Sterne-Koch Heston Blumenthal soll die englische Kette "Little Chef" - berühmt für ihr "olympisches" Frühstück - menümäßig aufmöbeln. Das trieb kürzlich Michael Henderson im Telegraph auf die Palme, der ein Sinken seiner Cholesterinwerte fürchtet. Das English Breakfast ist ein Killer, ruft ihm nun Giles Coren in der Times zu. Kein Wunder, dass die "feckless British fatties" bei der Olympiade keine Goldmedaille mehr gewinnen. Das frittierte English breakfast mit all seinem Speck, seinen Würstchen und Spiegeleiern "ist in der Industriellen Revolution erfunden worden, als eine Art Energiestoß für eine Arbeiterklasse, die tatsächlich noch arbeitete. Sie aßen 3.000 Kalorien am Morgen, die Mittags schon wieder verbrannt waren. Oder sie starben, wenn die Mine einstürzte. Aber du verbrennst keine 3.000 Kalorien, wenn Du einen Gabelstapler fährst, oder wenn Du bei Argos an der Hotline sitzt, oder wenn du Deine Behindertenrente verzockst." Corens Frühstücksempfehlung: Porridge.

"Finger weg von meinen Würstchen, Coren", knurrt Ross Anderson etwas weiter unten zurück. "Der Restaurantkritiker der Times kann meisterhaft mit Worten umgehen, aber wenn das etymologische Feuerwerk abgebrannt ist, was bleibt? Eine Predigt, das ist alles, eine Predigt der schlimmsten Sorte, wie sie die Kontrollfreaks des Kindermädchenstaats halten, die dieses Land in ein freudloses puritanisches Höllenloch verwandeln, regiert von Fahrradfahrern, die ihr eigenes Tofu stricken, wo ein Glas Wein als Alkoholeinheit gilt und für das Anzünden einer Kippe die sofortige Todesstrafe wegen Babymord droht." Andersons Frühstücksempfehlung: An Werktagen zwei doppelte Espressi und eine Selbstgedrehte, am Wochenende dann "The Full English" - mit Zutaten vom Biobauern.
Archiv: The Times

Vanity Fair (USA), 18.04.2008

"Alle glücklichen Zeitungsfamilien ähneln einander; und wie es scheint, die unglücklichen auch: Am Ende verlieren sie alle ihre Zeitung", prophezeit Michael Wolff düster in seinem Text über New York Times, um deren Eigenständigkeit die Sulzberger-Familie recht verzweifelt und nicht immer glücklich kämpft. "Aber es geht nicht nur ums Geschäft. Eine Wiederbelebung der Zeitung selbst - ihres Einflusses, ihrer Statur und ihrer Autorität - würde sie sicherlich weniger angreifbar machen. Die Familie muss von der schwindenden Timeshaftigkeit der Times entmutigt sein. Bill Keller, der als zweitplatzierter Chefredakteur den Job bekommen hatte, steckte nie das gleiche Herzblut in die Zeitung wie Sulzbergers erste Wahl, der zum Rücktritt gezwungene Howell Raines. Kellers Zeitung ist eine weiche, zögerliche, oft seltsame, selten notwendige New York Times. Auf der anderen Seite scheint Keller Protektion zu genießen, allein schon, weil die Alternative, die Sulzberger wählen könnte, noch Besorgnis erregender sein könnten. In jedem Fall scheint eine Wiederbelebung - entweder durch steigenden Aktienkurse oder in Folge eines neuen journalistischen Selbstbewusstseins und Flairs - in der nächsten Zeit eher unwahrscheinlich."

Portfolio, Atlantic Monthly und der Rolling Stone haben Britney Spears in den letzten Wochen ihre Titelgeschichten gewidmet, was Matt Pressman auf der bange Frage bringt, ob sie vielleicht die wichtigste kulturelle Figur Amerikas sein könnte. (Wer sonst, möchte man zurückfragen.)
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Archiv: Vanity Fair

Nepszabadsag (Ungarn), 19.04.2008

"Es ist ein seltenes und hoffnungsvolles Ereignis: Eine bedeutende Erscheinung der zeitgenössischen Kunst wird in Budapest nicht mit jahrzehntelanger Verspätung, sondern als Teil der jüngsten Geschichte vorgestellt", freut sich der Medienwissenschaftler Peter György über die Ausstellung der Neuen Leipziger Schule in der Kunsthalle Budapest: "Zudem ist das Leipzig-Phänomen in einem nicht unbedeutenden Maße Teil jenes kulturellen Gebietes und Zusammenhangsystems, zu welchem im übrigen auch wir gehören: zu der aus Trümmern, Verdrängungen, Schrecken, Nostalgien und schwer entzifferbaren Erinnerungsspuren bestehenden Welt postkommunistischer Länder. Das ist jene virtuelle geografische Fläche, deren Verständnis die wohl wichtigste Aufgabe zeitgenössischer Kultur und Kunst ist. [...] Der Erfolg der Leipziger mag zahlreiche Gründe haben, von denen einer erwähnt werden muss, der in engem Zusammenhang mit der Marginalisierung der Budapester Kunstszene steht: Die heutige ungarische Kunst lässt nämlich die Analyse der Beziehung zwischen zeitgenössischer Kunst und gesellschaftlicher Identität vollkommen außer Acht. Diese Analyse bedeutet für die Leipziger - neben anderen Aspekten und archäologischen Schichten - die Beschäftigung mit der jüngsten Vergangenheit. Es geht dabei nicht um Vergangenheitsbewältigung, sondern um das ästhetische Programm, die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlicher Existenz und Malerei zu konstruieren."
Archiv: Nepszabadsag

Espresso (Italien), 18.04.2008

Die Zeitung ist zum Klatschorgan verkommen, schimpft Umberto Eco, von dem wegen des frühen Abgabetermins erst in der nächsten Woche etwas zur Wahl zu erwarten ist. "Die Zeitung ist zum Familienabend verkommen, an dem die Oma zum abertausendsten Mal von ihren Bombennächten erzählt und der Vater Allgemeinplätze zur Wirtschaftslage vor sich hin brummelt. Man spricht ein wenig über den gehörnten Nachbarn, oder man kommentiert das Fernsehprogramm. Nichts Schlimmes, eine wunderbare Gelegenheit zum sozialen Kontakt, aber das war es doch nicht, ganz am Anfang, für was die Zeitungen erfunden wurden. Die sollten eigentlich ein Fenster aufreißen, aus dem man jeden Morgen Überraschendes beobachten kann. Diese Veränderung des Journalismus muss man nicht moralinsauer bedauern, niemand hat Schuld daran, es ist einfach eine Tatsache wie auch das Ozonloch eine ist, bedingt durch den technologischen Fortschritt. Peinlich ist diese Tatsache aber trotzdem."
Archiv: Espresso
Stichwörter: Umberto Eco

Outlook India (Indien), 28.04.2008

Indien hat guten Grund, bei jeder China-Olympia-Kritik auch an die eigene Menschenrechtssituation zu denken, mahnen Rohit Mahajan und Ashish Kumar Sen in der sehr selbstkritischen Titelgeschichte - das ist umso relevanter, als das Land Austragungsort der Commonwealth-Spiele 2010 sein wird: "Sophie Richardson von der New Yorker Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch nimmt in ihrer Kritik an Indien kein Blatt vor den Mund. 'Indien hat seine eigenen, ausgesprochen ernst zu nehmenden Menschenrechtsprobleme. Zuallererst ist da die Kultur der Straflosigkeit zu nennen. Dass die Regierung es nicht fertigbringt, Beamte oder Sicherheitskräfte, die Menschenrechtsverletzungen begehen, zu bestrafen, sorgt für Unzufriedenheit und Wut. In Jammu und Kaschmir oder im Nordosten ist die Armee verantwortlich für massive Verbrechen wie Folter und Tötungen ohne Gerichtsurteil."

In einer gelegentlich unter die Gürtellinie zielenden Rezension beklagt Khushwant Singh die "verbale Diarrhoe" in Salman Rushdies neuem Roman "The Enchantress of Florence".

Times Literary Supplement (UK), 21.04.2008

Zweihundert Jahre hat es gedauert, bis nicht nur der "sentimentalisierte" Blaue-Blume-Novalis, sondern der Philosoph Novalis in der englischsprachigen Welt angekommen ist. Für Jeremy Adler, der eine Reihe von jetzt erschienene Übersetzungen vorstellt, eine kleine Offenbarung: "Der neue Novalis bestätigt nachdrücklich Thomas Carlyles Einschätzung des Autors als 'der deutsche Pascal'. Beide Männer hatten praktische Begabungen, waren zugleich aber auch Fanatiker einer Reinheit, die sie dazu trieb, das Unendliche als einzigen Maßstab zu akzeptieren und so das Denken ihrer Zeit neu zu definieren; darüber hinaus ähneln sie sich in ihrer Denkbewegung von der Mathematik zur Theologie und das mit einer Intensität, die vielleicht dazu führen musste, dass ihre frühreifen Anfänge nur in einem ebenfalls verfrühten Tod ihre Erfüllung finden konnten; während die Suche nach einer höheren, absoluten Wahrheit in fragmentarischen Äußerungen endeten. Wenn jedoch Pascals 'Pensees' das quälende Gewissen der Neoklassik waren, sind Novalis' Fragmente eher das faszinierende Bewusstsein der Moderne."

Und noch ein deutscher Klassiker wird gefeiert: Timothy Hyman bewundert die "brillante Intelligenz" von Lucas Cranach, dessen Werk erstmals in England in einer großen Ausstellung in der Royal Academy of Arts gezeigt wird. Nur im Print geht es außerdem um die Weimarer Republik und Stefan George.

Boston Globe (USA), 20.04.2008

Francie Latour stellt in einem ausführlichen Essay eine aufsehenerregende und unter amerikanischen Historikern bereits heftig diskutierte These eines jungen Forschers vor. Der Mann heißt Nathan Nunn (Harvard-Website), und er behauptet in einem Aufsatz im Quarterly Journal of Economics (hier als pdf), statistisch belegen zu können, dass heute jene afrikanischen Länder am ärmsten sind, die vor Jahrhunderten am stärksten unter dem Sklavenhandel gelitten hätten. Am schlimmsten habe dabei der transatlantische Sklavenhandel gewütet. "Schon heute zeigt die Forschung dass der Raub von Afrikanern durch Afrikaner bis heute tiefe ethnische Spaltungen, weit reichende Korruption und einen Kollaps staatlicher Systeme auslöst. Aber wenn tatsächlich die durch Nunn identifizierten Länder mit dem größten Sklavenexport eine Art tödlicher Dosis dieses Gifts verabreicht bekamen - und seine Studien weisen darauf hin -, dann eröffnet sich hier vielleicht auch ein Weg für eine neue Entwicklungspolitik..., die vor allem darin besteht, wirtschaftliche und politische Institutionen langfristig wieder aufzubauen."
Archiv: Boston Globe
Stichwörter: Die Räuber, Sklavenhandel

Express (Frankreich), 02.04.2008

In einem Gespräch erklärt Maurice Levy, eine der einflussreichsten Führungspersönlichkeiten in der Werbebranche, weshalb Kriterien und Funktionsweisen der Werbung von Grund auf revidiert werden müsse. Richtiges Gespür alleine genüge nicht mehr, der Konsument sei nicht mehr passiv und habe die Macht übernommen, deshalb gehe es um eine neue Ethik. "Die Marktwirtschaft kann zum Exzess führen, daher ist es notwendig, dass die Unternehmenswelt in der Lage ist, sich zu korrigieren und Kriterien Rechnung zu tragen, die nichts mit Ökonomie zu tun haben. Deshalb war ich sowohl Bürgerrechts- als auch ethischen Fragen gegenüber immer aufmerksam. Heute sind diese Fragen beherrschend geworden. (...) Es genügt nicht, zu verkünden, Produkte zu einem korrekten Preis zu verkaufen: Man muss sich vergewissern, dass sie auch unter besten Bedingungen hergestellt werden. Das heißt, weder den Beschäftigten noch die Umwelt zu zerstören. Ein Industrieller, der eine rein gewinnorientierte Haltung einnimmt, indem er sich nicht um nichts kümmert als seinen Profit, wird mit Sicherheit scheitern."
Archiv: Express
Stichwörter: Bürgerrechte

London Review of Books (UK), 24.04.2008

T.J. Clark hat das Glück der Malerei erlebt und ist noch immer fast sprachlos: "Nur einmal oder zweimal im Leben kann man, wenn man Glück hat, den ganzen Wahnsinn der Malerei vor seinen Augen vorüberziehen zu sehen. So erging es jedenfalls mir in diesem Frühling, im Metropolitan Museum, in dem zwei großartige Ausstellungen - eine zur Rolle Nicolas Poussins bei der Erfindung des Genres, das wir 'Landschaft' nennen, die andere eine stupende Retrospektive des Werks von Gustave Courbets - nur wenige Korridore voneinander getrennt laufen. Ich taumelte von hier nach da, tagelang, freudig erregt und desorientiert. Gemeinsam führen sie so viel - zu viel - von dem vor, dessen die Malerei in Europa fähig war... Hinter den funkelnden Weiden und den Jägern im Schnee ahnt man den Geruch der Autokratie und öffentlicher Verbrennungen, ständigen Kriegs und von Bankiers mit makellosem Geschmack."

Weitere Artikel: Perry Anderson gibt eine weiß Gott ausführliche Einführung in Geschichte und EU-Gegenwart Zyperns. Thomas Jones schreibt - noch vor der Wahl - über die politische Lage in Italien.

Besprochen werden eine Alexander-Rodchenko-Ausstellung in der Londoner Hayward Gallery und Adam Mars-Jones Roman "Pilcrow".

Und Slavoj Zizek schreibt einen längeren Brief, weil er die Berichterstattung über Tibet unterkomplex findet: "In den letzten Jahren hat China seine Tibet-Strategie geändert: Religion in einer entpolitisierten Form wird jetzt toleriert, oft sogar unterstützt. China stützt sich nun mehr auf ethnische und ökonomische Kolonialisierung als auf militärischen Zwang und verwandelt Lhasa in eine chinesische Version des Wilden Westens, in der Karaoke-Bars sich neben buddhistischen Themenparks für westliche Touristen befinden."

Gazeta Wyborcza (Polen), 19.04.2008

Feierlich wurde in Polen des 65. Jahrestags des Aufstandes im Warschauer Ghetto gedacht. In einem bewegenden Gespräch erzählt Marek Edelman, einer der Anführer des Aufstandes, von den (fast) vergessenen stillen Helden des Ghettos. "Janusz Korczak ist eine große Gestalt, ein Symbol all jener, die die Kinder nicht allein gelassen haben. Aber eine Hendusia Himelfarb - 21 Jahre alt und arisches Aussehen - konnte sich retten, und ging stattdessen mit den Kindern in den Transport. Das ist erst ein wahrer Mensch!"

Zu den spannendsten Projekten des Polnischen Kulturjahres in Israel gehörte ein Chopin-Konzert in Bethlehem. "Vor sechs Jahren belagerten israelische Truppen hier in der Geburtskirche versteckte Palästinenser, seit zwei Jahren ist die Stadt durch die Sicherheitsmauer abgeriegelt - wer wird da Chopins Mazurkas hören wollen?" schreibt Roman Pawlowski. Doch als nach dem Ausklingen eines traditionellen Weihnachtsliedes aus dem 16. Jahrhundert plötzlich der Muezzin zum Abendgebet ruft, "bleibt die Zeit stehen, die Kulturen kreuzen sich, und in die Musik vertieft merken wir nicht, wie eine ganze Stunde vergeht".

Außerdem: Der Historiker Andrzej Garlicki erinnert an das Internierungslager in Bereza Kartuska aus den Jahren 1934-1939, das er selbst als "polnisches Konzentrationslager" bezeichnet. Dort wurden vor allem politische Gegner des Pilsudski-Regimes bei "Verdacht auf Gefährdung der öffentlichen Ordnung, Ruhe und Sicherheit" ohne Prozess festgehalten und durch schwere Haftbedingungen eingeschüchtert.

Guardian (UK), 19.04.2008

Der Stückeschreiber David Edgar schreibt über eine ganze Welle neuer "Renegaten", die ihrer linken Vergangenheit abschwören. Dazu zählt er Martin Amis, Christopher Hitchens und David Mamet, der sich zuletzt in einem Artikel für Village Voice als Ex-Linker outete. Für viele war laut Edgar aber nicht mehr die Vergangenheit in einer linken Organisation Ursache der Abwendung, sondern die Diskussion über den Islam. Sie beschuldigten die Antikriegskoalition des Jahres 2003 "ein verstecktes antifeministisches, homophobes und theokratisches Programm zu verfolgen. Es scheint ihnen, dass die Linke von verschwörerischen Islamisten getäuscht wird und dass die unschuldigen Sozialisten, die Seite an Seite mit ihnen marschierten, die Betrogenen waren. So wie die 'nützlichen Idioten' der dreißiger Jahre." Edgar selbst will es aber nicht so sehen: "Die Attacke auf den Multikulturalismus - die so häufig als Wiederbelebung der Werte der Aufklärung verkauft wird - maskiert häufig eine ganz unaufgeklärte Wiederbelebung hierarchischen und traditionalistischen Denkens." (Gerade war er noch da, der Artikel, plötzlich ist er von der Website des Guardian verschwunden; auch die Ankündigungen - weg. Nur bei Islamophobia Watch findet man den Artikel noch.)

Außerdem im Guardian: George Steiner erklärt im Interview mit Christopher Tayler, warum er sich mit dem Anti-Intellektualismus der Briten versöhnt hat.
Archiv: Guardian

Elet es Irodalom (Ungarn), 18.04.2008

Als "Panikkapsel" kritisiert der Schriftsteller Bela Bodor das Videopamphlet "Fitna" des niederländischen Politikers Geert Wilders: "Das eigentliche Übel des Films ist, dass wir uns auf diese Weise in schematischem Denken üben, und dadurch eine Gruppe von etwa einer Milliarde Menschen als unseren Feind betrachten, statt in ihren Reihen nach Verbündeten zu suchen und mit diesen die einigen Tausend Gefährlichen zu bekämpfen. Wenn das so weitergeht, wird es unser Ende bedeuten, und nicht nur, weil sie eines Tages die Stärkeren sein könnten (heute ist das bei weitem noch nicht der Fall, soviel steht fest), sondern weil wir gezwungen wären, die leitenden Werte unserer Kultur aufzugeben, gerade jene, aus denen wir unsere Weisheit, unsere materielle und moralische Kraft schöpfen und geschöpft haben."
Stichwörter: Geert Wilders

Economist (UK), 17.04.2008

Takashi Murakami gilt als der Warhol Japans - und eine Ausstellung in New York macht dem Economist auch sehr klar, warum: "Unter den vielen Räumen dieser große Retrospektive des Werks von Takashi Murakami, dem bekanntesten zeitgenössischen Künstler Japans, ist einer ganz besonders provokant. Nicht die Galerie der großäugigen cartoonartigen Figuren in bizarren erotischen Posen. Nicht das Atrium mit seiner riesigen Skulptur eines bunten und grotesken spitzköpfigen Aliens, umgeben von zauberhaften marshmallowförmigen Wachposten. Am meisten Gerede gibt es um den Raum mitten im Zentrum der 1700 Quadratmeter großen Show im Brooklyn Museum: ein ganz normal operierender Louis-Vuitton-Laden, in dem die Besucher ihre eigene Luxus-Handtasche in spielerischen Murakami-Designs für 650 Dollar und aufwärts kaufen können."

Weiteres: Besprochen werden unter anderem Tony Judts Kritiken- und Essay-Sammlung "Neueinschätzungen" und drei neue Bücher über Basra, Irakkrieg, Großbritannien. In der Titelgeschichte geht es um den "stillen Tsunami" der zunehmenden weltweiten Lebensmittelknappheit.
Archiv: Economist
Stichwörter: Basra, Brooklyn, Irakkrieg, Luxus

Al Ahram Weekly (Ägypten), 17.04.2008

Rania Khallaf porträtiert die russische Fotografin Xenia Nikolskaya, die seit Jahren in Ägypten arbeitet: "Die Diagnose lautet Ägyptomanie, unübersehbares Symptom sind wunderbare Fotografien, aufgenommen in ganz Ägypten, die die umfassende Begeisterung für das Land verraten... 'Mir erschien Ägypten als ganz besonderer Ort, weil hier so viele Kulturen aufeinandertreffen und jede ihre eigene Schönheit und ihren Charakter bewahrt', sagt Nikolskaya. 'Es ist anders als alle anderen Länder. Es ist riesig und man kann als Fotografin nicht einfach mal kurz vorbeischauen, ein paar Aufnahmen machen und dann wieder gehen. Man muss sehr viel Zeit und Anstrengung investieren, um die Spuren der vergangenen und modernen Zivilisationen, die hier unter demselben Himmel existieren, zu begreifen. Ich versuche immer, diese unterschiedlichen Elemente auf einmal zu fassen zu bekommen.'" Hier eine Reihe von Nikolskayas Fotografien.

Weitere Artikel: Gamal Nkrumah stellt die von Indien und Rabindranath Tagore faszinierte ägyptische Malerin Anna Boghiguian vor (hier einige Bilder). Caroline Boin and Alec van Gelder erklären, warum steigende Lebensmittelpreise für die armen Länder durchaus positive Auswirkungen haben können. Sehr harte Urteile gegen führende Vertreter der islamistischen Muslimbrüderschaft vermeldet Sophia Ibrahim. Serene Assir hat ein Kairoer Konzert des gefeierten Komponisten, Sängers und Oud-Spielers Marcel Khalifa besucht (hier ein Video bei Youtube). Nehad Selaiha war begeistert von Nora Amins Stück "Happiness Here".

Point (Frankreich), 17.04.2008

In seinen Bloc-notes mahnt Bernard-Henri Levy erneut, über dem Engagement für Tibet nicht Darfur zu vergessen. "Dieser Solidaritätsschub, den die Freunde Tibets und der tibetischen Sache zu mobilisieren wussten, diese schöne Wut, die folgte und von den dumpfen und erinnerungslosen Bürokraten, die China regieren, unterschätzt wurde, in einem Wort das Bewusstwerden des Skandals, den, sofern sich nichts ändert, allein die Tatsache von Olympischen Spielen in Peking darstellt, sollte uns klarmachen, dass all das auch die vergessenen Märtyrer von Darfur betrifft. Es gibt zwei Bedingungen, die ein Demokrat, der diesen Namen verdient, stellen muss, bevor er diese neuen Spiele der Schande akzeptiert: die Beendigung der Repression in Lhasa und die Beendigung des Blutbads in Darfur. Ein freies Tibet - einverstanden. Aber vergesst bitte Darfur nicht."
Archiv: Point

New Yorker (USA), 28.04.2008

"Erobere die englische Sprache, um China stärker zu machen!" Dies ist das Motto von Li Yang, der den Chinesen rechtzeitig vor den Olympischen Spielen noch ordentliches Englisch beibringen soll. Evan Osnos stellt die Lehrmethoden Yangs vor, der seine Schüler englische Vokabeln skandieren lässt und für seine Fans weniger ein Lehrer als ein "Versprechen auf Selbstverwandlung" darstellt. "Seit er im Alter von neunzehn Jahren mit dem Unterrichten begann, trat er vor Millionen chinesischen Erwachsenen und Jugendlichen auf. Gewöhnlich unterrichtet er in Stadien Klassen von zehntausend Menschen oder mehr. (...) 'Ich kenne diese Art von Agitation', schrieb Wang Shuo, einer der einflussreichsten chinesischen Schriftsteller, in einem Essay über Li. 'Es ist eine Art alter Hexenkunst: Lass eine große Menschenmenge antreten, peitsche sie mit Worten auf und erzeuge eine Energie, die stark genug ist, Berge ins Wanken und die Meere zum Schäumen zu bringen', fährt er fort. 'Ich glaube, dass Li Yang das Land liebt. Aber seinen Patriotismus auf diese Weise auszuagieren, ist genauso eine Scheiße wie Rassismus.'" (Hier ein Beispiel von Yangs Methode bei Youtube.)

Weiteres: Patrick Radden Keefe schildert die Hintergründe eines Falls von unbefugtem Abhören der der Unterstützung von Al Qaida verdächtigen islamischen Wohltätigkeitsorganisation Al Haramain Islamic Foundation durch die amerikanische Regierung. Zu lesen sind außerdem die Erzählung "Bullfighting" von Roddy Doyle und Lyrik von Dora Malech und Franz Wright.

Daniel Mendelsohn stellt zwei neue Publikationen über den griechischen Geschichtsschreiber Herodot vor. Paul Schjeldahl führt durch eine Retrospektive von Olafur Eliasson im MoMA. Und Anthony Lane sah im Kino die Komödie "Baby Mama" von Michael McCullers, den Krimi "Roman de Gare" von Claude Lelouch und den Thriller "88 Minutes" von Jon Avnet.
Archiv: New Yorker