Magazinrundschau

Sigrid Löffler: Martin Mosebachs Secondhand-Charme

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
02.10.2007. Literaturen konstatiert: Nur einem Feuilleton, das "aus dem Denkerstübchen in den bürgerlichen Salon umgezogen ist", konnte Martin Mosebach zum Repräsentanten werden. Die New York Review of Books erklärt den Iran zum Sieger des Irak-Kriegs. NZZ Folio freut sich auf das 2.000-Dollar-Auto. In Telerama bekennen belgische Künstler ihre Sorge vor einer Spaltung des Landes. Elet es Irodalom analysiert populistische Tendenzen in Ungarn und Polen. Der Spectator empfiehlt Facebook als das MySpace der Upper Class. Al Ahram debattiert über das Für und Wider der Fatwas.

Literaturen (Deutschland), 01.10.2007

Das aktuelle Heft zeigt den diesjährigen Büchner-Preisträger Martin Mosebach auf dem Cover. Sigrid Löffler denkt allerdings in der erfreulicherweise online verfügbaren Titelgeschichte gar nicht daran, ihn zu feiern. Vielmehr führt sie aus, wie im gepflegten Reaktionär Mosebach ein rückwärts gewandter Zeitgeist seinen Repräsentanten findet: "Seit das Feuilleton aus dem Denkerstübchen in den bürgerlichen Salon umgezogen ist und es sich dort biedermeierlich bequem macht, sind auch Mosebachs antimoderne Affekte salonfähig geworden. Seine Bewunderer erblicken darin die gefällige Darstellung dessen, was sie für bürgerliche Werte von einst halten. (...) Auf Mosebachs Literatur trifft ein Aphorismus seines philosophischen Abgotts, des kolumbianischen Erzreaktionärs Nicolas Gomez Davila (mehr hier), leider nur allzu genau zu: 'Am schlechtesten schreibt, wer den, der gut schreibt, nachahmt.' Das soll nun nicht heißen, dass solcher Imitationsprosa nicht durchaus ein gewisser Secondhand-Charme anhaften kann, etwa der delikate Reiz einer leicht angestaubten, vornehmen Mattigkeit - geschmackvoll, mürbe und demode, dabei mit Ironie versilbert."

Weitere Artikel: Frauke-Meyer Gosau porträtiert die französische Krimiautorin Fred Vargas. Manfred Schneider lobt, dass aus Rüdiger Safranskis "Romantik"-Buch die von ihm beschriebene Geistesepoche "lebendig und in eindrucksvollen Portraits hervortritt". Im Kriminal schreibt Franz Schuh über Veit Heinichens neuen Triest-Krimi "Totentanz". In der Abteilung "Literatur im Kino" bespricht Daniel Kothenschulte die Stephen-King-Verfilmung "Zimmer 1408". In Sebastian Molls "Mitten aus...New York" geht es um Henry Louis Gates' und Steven Pinkers Kampf gegen neuerdings wieder angesagte Essenzialismen.
Archiv: Literaturen

New York Review of Books (USA), 11.10.2007

Mit Blick auf die große Teile des Iraks beherrschende Mahdi-Armee des radikalen Schiiten Muktada el Sadr erklärt Peter W. Galbraith den Iran, ihren größten Förderer, zum großen Sieger des Krieges: "1639 legte der Vertrag von Qasr-i-Shirin die Grenzen zwischen dem Osmanischen und dem Persischen Reich fest und markierte damit auch die Grenzen zwischen sunnitisch und schiitisch beherrschtem Land. In einem brutalen achtjährigen Krieg versuchte der Iran in den achtziger Jahren vergeblich, diese Linie zu überschreiten. (Und die Regierung Ronald Reagans unterstützte genau deshalb Saddam Hussein, denn sie fürchtete die strategischen Konsequenzen eines von Irans Alliierten kontrollierten Iraks.) Die amerikanische Invasion hat erreicht, was die Armee des Ayatollah Khomeini nicht geschafft hat: Heute erstreckt sich das schiitisch kontrollierte Land bis zu den Grenzen Kuweits und Saudi-Arabiens. Bahrein, das Königreich am Persischen Golf mit schiitischer Mehrheit und einem sunnitischen Monarchen, ist von diesen Entwicklungen am stärksten betroffen, aber auch Saudi-Arabiens östliche Provinz, in der die meisten Schiiten des Landes leben. Die US Navy hat ihre wichtigste Basis im Persischen Golf in Bahrein, während der größte Teil des saudischen Öls unter der östlichen Provinz liegt."

Weiteres: Brian Urquhart fragt, ob wir überhaupt Diplomaten brauchen. Bill McKibben eruiert, ob und wie sich der Klimawandel aufhalten ließe. Caroline Moorehead widmet sich dem Frauen- und Mädchenhandel in Südosteuropa. Besprochen werden die Ausstellung "Dutch Portraits" im Mauritshuis in Den Haag sowie Henry James' Gesammelte Briefe.

Lettre International (Deutschland), 01.10.2007

Der Komponist Wolfgang Rihm denkt im Interview über das Hören nach, das nicht nur auf "atavistische Regungen" im Hörer angewiesen sei. "Für die meisten emotionalen Reaktionen auf das Hören bedarf es außerdem eines kulturellen Vorentscheids. Der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht sprach davon: Man hatte einem afrikanischen Stamm den Trauermarsch aus Beethovens Eroica vorgespielt. Und dort nahm man diese Musik als lustig wahr. Das zeigt: Man braucht die kulturelle Übereinkunft, dass das, was wir gerade hören, 'pathetisch' sei. Es muss irgendwann als solches beschriftet worden sein: 'Vorsicht, Pathos!' Oder: 'Endlich! Pathos!' Ohne dieses Korsett scheint die Musik nicht zu funktionieren. Den Hörer, der von nichts weiß, der völlig unvorbereitet ist, gibt es nicht. Der Hörer, der unser Wunsch als Musiker ist, der offen und rein kommt, um zuzuhören, was wir ihm sagen, ist eine schöne Vision. Hörer sind immer vorbereitet. Manchmal aber nicht auf das Gehörte."

Auszüge lesen dürfen wir außerdem u.a. aus einem Artikel des schwedischen Publizisten Göran Rosenberg, der auf einer Reise zur Beerdigung seiner Tante Bluma in Israel über das Ghetto nachdenkt - das polnische Ghetto seiner Vorfahren und das Ghetto, in das Israel sich verwandelt hat. Klaus Heinrich schickt eine Heine-Freud-Miniatur. Christian Linder schreibt über Böll. Und Freeman Dyson schickt Visionen von einer grünen Technik.

Nur im Print schreibt Wolfgang Storch über Viscontis Deutschland. Und der bulgarische Schriftsteller Haralampi G. Oroschakoff fragt sich, ob die "alte 'Orientalische Frage' nach einem hundertjährigen Winterschlaf wieder zum Leben erwacht".
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Folio (Schweiz), 01.10.2007

In dieser Ausgabe geht um des Deutschen liebstes Kind, das Auto. Umweltfreundlich soll es werden, wie die Mehrzahl der Artikel beweist. Bernard Imhasly aber berichtet über das geplante 2000-Dollar-Auto von Tata Motors, dass in Indien eine Motorisierungswelle auslösen und die globalen grünen Bestrebungen gehörig eintrüben könnte. "Auf die Frage nach dem idealen Kundenprofil für das neue Auto öffnet Debasis Roy, der Sprecher von Tata Motors in Bombay, wortlos die Morgenzeitung und weist auf ein Foto, das eine junge Familie auf einem Motorroller zeigt, die Frau auf dem Begleitsitz, das kleine Mädchen vorne zwischen den Knien des Vaters stehend. Es die Zeit des Monsuns, Gischt spritzt auf, die drei sind völlig durchnässt und halten ihre Köpfe steif in den peitschenden Regen. 'Das sind unsere Kunden', sagt Roy. 'Hat diese Familie nicht auch das Recht, im Trockenen zu sitzen? Ist es richtig, wenn das Kind mit nassen Kleidern die Schulbank drückt?'"

Weitere Artikel: Andreas Hirstein erklärt Elektro-Benzin-Hybride zur Hoffnung der grünen Autozukunft, die aber derzeit noch von der Explosionsfreudigkeit der Lithium-Ionen-Akkus getrübt wird. Hirstein gibt auch einen Überblick über die derzeit möglichen Antriebsformen. In dem kalifornischen Elektrosportwagen Tesla ist eine Lithium-Ionen-Batterie verbaut, sorgt wegen der aufwendigen Sicherheitskühlung aber für ein Drittel des Gesamtgewichts, wie Peter Haffner informiert. Der Wirtschaftsanalyst Helmut Becker kürt den Respekt, das Pflichtbewusstsein, die Sparsamkeit und den Fleiß der Mitarbeiter zum Erfolgsgeheimnis des weltgrößten Autobauers Toyota. Mobil zu sein wird wichtiger als ein Auto zu haben, prophezeit der frühere VW-Vorstand Daniel Goeudevert im Interview.

In seiner Duftkolumne erklärt Luca Turin den Unterscheid zwischen Duft- und Effektstoffen. "Für sich genommen, besitzt Moschus den nicht sonderlich gefälligen Geruch von ungewaschener Unterwäsche. Tragen Sie es auf eines Ihrer Handgelenke auf, und legen Sie ein bekanntes Parfum darüber; dann benetzen Sie das andere Handgelenk mit dem Parfum allein. Ohne Moschus ist es, als blickten Sie durch eine 3-D-Brille und hielten sich ein Auge zu. Die Szenerie ist dieselbe, aber die Tiefe ist weg."
Archiv: Folio
Stichwörter: Duft, Geruch, Parfum, Unterwäsche, VW

Telerama (Frankreich), 01.10.2007

Einigermaßen fassungslos verfolgen belgische Intellektuelle und Künstler aus allen Gewerken die Krise in ihrem Land. In Telerama äußern sich einige von ihnen zu den Konflikten und zu einer drohenden Spaltung Belgiens, darunter der Sänger Arno, der Comiczeichner Francois Schuiten und die Regisseurin Marion Hänsel. Der Künstler, Theatermacher und Choreograf Jan Fabre, der nach eigener Auskunft schon seit 20 Jahren auf der Schwarzen Liste extremistischer Flamen steht, meint: "Ich mag den Straßenslang und bin auch sehr stolz auf das kulturelle Erbe von Antwerpen, besonders auf seine Maler Van Dyck und Rubens. Aber zwischen der Liebe zu einer Sprache oder Kultur und flämischem Nationalismus liegen Welten. (...) So weit ist es mit uns gekommen, ich hege noch Hoffnung: Ich hoffe, dass dieses Land zusammen bleibt, dass sich die Flamen daran erinnern, wie sie von den vierziger bis zu den sechziger Jahren von den Frankophonen unterstützt wurden, und vor allem, dass die extreme Rechte sie nicht mitreißt. Mir ist eigentlich egal, wer Belgien regiert: die Sozialisten, die Liberalen, die Katholiken ... alles, nur nicht die extreme Rechte!"
Archiv: Telerama

Elet es Irodalom (Ungarn), 27.09.2007

Andras Palyi analysiert die Rolle von Radio Maryja, dem Sender des polnischen Redemptoristen-Paters und Medienunternehmers Tadeusz Rydzyk, im aktuellen Wahlkampf. "Radio Maryja und der Fernsehsender Trwam - dessen Namen bedeutet etwa 'ich halte durch, ich gebe nicht auf' - erfüllen eine doppelte Mission: die von einer sentimentalen und naiven Frömmigkeit geprägten Sendungen sollen die Zuschauer im 'apostolischen' Sinne beeinflussen. Sendungen 'über die Gesellschaft' stehen dagegen im Dienste der radikalen Rechte. Diese zwei Missionen stehen in Wechselwirkung: Die Religiosität der Polen ist in ganz Europa einmalig, und so überrascht es nicht, dass gering gebildete Menschen von den anspruchlosen, rührseligen, religiösen Sendungen angetan sind, aber dem Illusionismus der politischen Sendungen genauso glauben. Der zweiten, sich eher für die antisemitischen, homophoben, fremdenfeindlichen Sendungen interessierenden Zielgruppe bringt Radio Maryja die frömmlerische Wortwahl bei..."

Noch interessant aus der letzten Ausgabe, die verspätet online ging: Politiker des konservativen Lagers sind dabei, mit der rechtsextremen Szene zusammenarbeiten und antidemokratische Entgleisungen salonfähig machen, schreibt die Medienwissenschaftlerin Maria Vasarhelyi: "Der Rassismus wird zu einer echten Bedrohung, wenn eine Wirtschaftskrise und rassistische Vorurteile in einen kausalen Zusammenhang gebracht werden. In den letzten Jahren hat eine Schicht mit bedeutendem Einfluss in Politik und Medien dafür gesorgt, dass die sogenannte Hassrede bei uns alltäglich wird. Sie geben - mal offen, mal durch die Blume - antisemitische und rassistische Erklärungen für die größten gesellschaftlichen Probleme und machen eine Minderheit für die Krise verantwortlich. ... Von einer einzigen Zeitung - der Heti Valasz - abgesehen, gibt es zwischen der konservativen und der rechtsradikalen Presse im Tonfall schlicht und ergreifend keinen Unterschied mehr."

Al Hayat (Libanon), 30.09.2007

Der syrische Journalist Yasin al-Haj Salih beschreibt das Paradox, in dem sich die Kritiker des syrischen Regimes befinden: "Es geht immer noch schlimmer - und die Angst vor dem Schlimmeren führt all jene zusammen, die auf internationaler, regionaler oder lokaler Ebene mit dem Regime zu tun haben. Keiner hegt freundschaftliche Gefühle gegenüber dem Regime, aber niemand wünscht sich, dass es verschwindet. Das ist die wichtigste Karte, die das Regime heute noch besitzt. Der verstorbene (Publizist) George Samaha schrieb vor fast zwei Jahren in der libanesischen Tageszeitung al-Safir einen Artikel mit der Schlagzeile: ,Die Stärke des Regimes liegt in seiner Schwäche'. In diesem Artikel wies Samaha daraufhin, dass das Regime seinen Feinden damit drohe, dass es zusammenstürzen könnte."
Archiv: Al Hayat

Spectator (UK), 29.09.2007

Der Spectator hat seine Internetpräsenz generalüberholt und freundlicher gemacht. Vorbild, wie James Forsyth in seiner Einführung behauptet, ist das Kaffeehaus des 18. Jahrhunderts.

Auch in den sozialen Netzwerken des Internets hat die Klassengesellschaft Einzug gehalten, berichtet Toby Young in dem nun "High Life & Low Life" genannten Gesellschaftsressort. MySpace ist für unten, Facebook für oben. "Das Tolle an Facebook ist, dass es fast eine endlose Anzahl an Möglichkeiten gibt, die eigene Überlegenheit anzuzeigen - auf so etwas stehen Upper-Class-Typen nach meiner Erfahrung. Ich meine damit nicht nur, dass man ein Bild von sich neben einem VIP hochlädt - das haben wir wahrlich schon alle mal gemacht - oder dass man sich mit der Mitgliedschaft in entsprechenden Foren wie 'Ich geh dann mal jagen' (Es gibt sogar eine 'Ich sage Abort und nicht Toilette'). Nein, ich rede von dem 'Udate your status' Knopf, der es einem erlaubt, den eigenen Freunden in jedem Augenblick mitzuteilen, was man gerade macht. Es ist vor allem diese Funktion, die es den Benutzern von Facebook erlaubt, mit ihrem Erfolg anzugeben."
Archiv: Spectator
Stichwörter: Soziale Netzwerke

Economist (UK), 28.09.2007

In der Türkei machen sich die Liberalen Sorgen über eine mögliche Islamisierung des Landes. Das hält der Economist für übertrieben - "aber sogar liberale Intellektuelle klingen inzwischen nervös. Yesim Arat, Politologin an der Bosporus-Universität (mehr hier und hier), die selbst nichts vom Kopftuch-Verbot hält, sieht den Versuch, es in der neuen Verfassung zurückzunehmen, kritisch. Das Kopftuch wird in Übereinstimmung mit den Gesetzen des Islam getragen. 'Wenn es in die Verfassung aufgenommen wird, schafft man Gesetze auf der Grundlage religiöser Vorschriften', sagt Arat. 'Das ist sehr problematisch'. "

In weiteren Artikeln geht es unter anderem um den Fall der "Jena Six" und den Rassimus in den USA, die nicht ganz einfache Lage der Zeitschriftenverlage in Zeiten des Internet, die linke Bewegung MoveOn.org (Website), die gerade wegen einer allzu günstigen New-York-Times-Anzeige in den Schlagzeilen ist, und den Einfluss der "Israel-Lobby" auf die aktuelle US-Politik. Besprochen werden unter anderem Sophie Gees historischer Roman "The Scandal of the Season" und Greg Behrmans Geschichte des Marshall-Plans.
Archiv: Economist

Al Ahram Weekly (Ägypten), 27.09.2007

Ägypten debattiert über den Sinn und Unsinn von Fatwas. Gamal Qotb, ehemals Leiter des Fatwa-Rates der Al Azhar-Universität, hat begreiflicherweise eine recht gute Meinung über dieses traditionelle Instrument der Rechtsfindung: "Die Fatwa ist ein exzellentes Instrument, um soziale Krisen zu bewältigen. Aber wer sie ausspricht, darf nicht unabhängig handeln. Denn andere müssen einbezogen werden, besonders Spezialisten in den Feldern, um die es in der betreffenden Fatwa geht, ob es sich nun um wirtschaftliche, soziale oder politische Fragen handelt, so dass am Ende die beste Lösung steht."

Der Al-Ahram-Redakteur Azmi Ashour äußert sich dagegen wesentlich skeptischer: "In der Moderne hat die Fatwa ein Comeback erlebt, aber in neuer Verkleidung. Radikale islamische Gruppen bringen Fatwas heraus, um neue Gefolgleute anzuziehen, besonders in der Jugend, und um die Macht des Staates und der ihm nahestehenden religiösen Institutionen zu untergraben. Fatwas von Fundamentalisten sollen oft nur die Fatwas traditioneller und offizieller Organe ausstechen und haben eine klare politische Botschaft."
Stichwörter: Fatwa

London Review of Books (UK), 04.10.2007

Der Schriftsteller Julian Barnes bespricht Felix Feneons "Novels in Three Lines", nutzt die Rezension aber vor allem für ein Porträt des wenig bekannten Verfassers: "In der Literatur- und Kunstgeschichte erscheint er nur in Scherben, kaleidoskopartig. Luc Sante beschreibt ihn in seiner Einführung zu den 'Romanen in drei Zeilen' als 'unsichtbar berühmt'... Kunstkritiker, Kunsthändler, Besitzer des besten Auges im Paris der Jahrhundertwende, Propagator Seurats, der einzige Galerist, dem Matisse je vertraut hat; Journalist, Ghostwriter für Colettes 'Willy', literarischer Berater, dann Chefredakteur der Zeitschrift Revue Blanche; Freund Verlaines, Huysmans und Mallarmes... Verleger von Joyce und Übersetzer von 'Northanger Abbey'. Er war unsichtbar zum Teil deshalb, weil er ein Ermöglicher eher als ein Schöpfer war, aber auch seiner Art wegen: elliptisch, ironisch, schweigsam."

Weitere Artikel: In ihrem "Tagebuch" gehen der Schriftstellerin Anne Enright allerlei Gedanken zum Fall der verschwundenen Maddie McCann durch den Kopf. Ross McKibbin erwartet von Gordon Brown keinen Kurswechsel, er hält ihn ganz im Gegenteil für "die Reinform von New Labour". In den "Short Cuts" outet sich Andrew O'Hagan als telekommunikativer "Erreichbarkeitsoholiker". Peter Campbell schreibt über eine Installation der Künstlerin Sarah Sze in der Victoria Miro Galerie in Islington.

Espresso (Italien), 28.09.2007

Der Kabarettist Beppe Grillo benutzt das Internet erfolgreich als Bühne für seine Version der Außerparlamentarischen Opposition. Auf seinem Blog hatte er zum Leck-mich-Tag und virtuellen Demonstration gegen vorbestrafte Politiker aufgerufen. Der Protest schwappte auf die Straße über, es gab Märsche in mehreren Städten. Nun wollen die "Grillini" mit Bürgerlisten sogar an den Kommunalwahlen teilnehmen, die etablierten Parteien sind zunehmend beunruhigt. Im Aufmacher untersucht Alessandro Gilioli die demokratischen Qualitäten des Netzes und Grillos Pläne damit. "Vereinfacht gesagt betrachtet er das Internet als einziges Informationsmittel der Zukunft ('Ihr Journalisten seid alle tot!') und kündigt an, seine zukünftigen Schlachten vor allem auf dem Terrain der Massenmedien zu schlagen. (...) 'Wenn Du im Netz Märchen auftischst, dann bekommst Du nach 24 Stunden zweitausend Kommentare, die Dich als Lump bezichtigen', meint Grillo. 'Das kann man nicht vertuschen, und das ist Demokratie. Wenn man sich dagegen im Fernsehen oder den Zeitungen äußert, gibt es keinen Widerspruch. Im Web schon.'"

Die guten Zeiten in China sind vorbei, jetzt beginnen die Probleme, prophezeit der Politikwissenschaftler Minxin Pei vom Carnegie Endowment for International Peace. Die Umwelt wird immer giftiger, und auch die Wirtschaft schwächelt. "Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 60 sind die chinesischen Aktien die teuersten der Welt. Ein spektakulärer Crash, wie er von vielen für den Herbst 2008 prophezeit wird (nach den Olympischen Spielen in Peking), wird die Ersparnisse von Dutzenden Millionen Kleinanleger vernichten, Bürger der städtischen Mittelschicht, deren Unterstützung von existenzieller Bedeutung ist für die Partei. Wenn der Markt zusammenbricht, werden die chinesischen Kleinanleger mit dem Finger Richtung Peking zeigen. Die Proteste werden Millionen von Menschen umfassen, sie könnten sehr schnell ausarten und Unruhen in allen Städten hervorrufen, die sich schließlich auf die ganze Nation ausbreiten."
Archiv: Espresso

Times Literary Supplement (UK), 28.09.2007

Anlässlich einer Sammlung von Schriften, die als "The Jewish Writings" neu herausgegeben wurden, zeichnet Steven Aschheim Hannah Arendt als Rebellin, die instinktiv gegen formalistische Links- oder Rechtspositionen oder mitleidig liberales Getue Stellung bezog. "Wie zum Beispiel ordnen wir ihre 1959 veröffentlichten 'Reflections on Little Rock' ein, die, in ihrer Befürwortung von Landesrecht, die Sache der Rassentrennung zu unterstützen schienen (sie argumentierte, dass nicht Schulen und Kinder die Last einer vom Bund erzwungenenen Integration tragen sollten). Ihre instinktive Neigung trieb sie dazu, gegen konventionelle Haltungen zu opponieren, gegen den Strom zu schwimmen, Wellen zu schlagen und Unbehagen, sogar Wut auszulösen. Bis heute finden ihre Bewunderer das erfrischend, ihre Kritiker dagegen geradezu dämonisch. Arendt war sich dieser Reaktionen natürlich bewusst. Das - endlos umstrittene - 'Eichmann in Jerusalem' zu schreiben, war, sagte sie zu Mary McCarthy, 'moralisch berauschend ... ein Triumph der Transzendenz ... Sie waren die einzige Leserin, die verstand, was ich niemals zugegeben hätte - nämlich dass ich dieses Buch in einem seltsamen Zustand der Euphorie schrieb. Und dass ich seitdem erleichtert über die Sache bin. Erzählen Sie das niemandem; ist es nicht der positive Beweis, dass ich keine 'Seele' habe?'"

Merkur (Deutschland), 01.10.2007

Unglaublich bieder findet Christian Demand die aus den Feuilletons erschallenden Rufe nach mehr Übersichtlichkeit in der Kunst. Ebenso die immergleichen Parcours in den Tempeln der Moderne: Egal ob im Centre Pompidou, in der Tate Modern oder im Moma - Picasso hängt neben Matisse, Pollock neben Newman, Warhol neben Rauschenberg und schließlich Stella neben Beuys und Richter. "Mir kommt diese Einförmigkeit nicht nur merkwürdig, sie kommt mir geradezu aberwitzig vor. Da erzählen die Theoretiker der Moderne seit Malraux mit volkspädagogischem Tremolo vom ästhetischen Ausnahmezustand, von Revolution in Permanenz, von der vollkommenen Autonomie des künstlerischen Individuums, von Provokation, Kompromisslosigkeit, Subversion, vom totalen Bruch mit jeder Tradition, vom grundsätzlichen Misstrauen gegen jede Form der Vereinnahmung, vom endgültigen Abschied von jeglichem Kanon, von der erbarmungslosen Schleifung aller Akademien und Regelsysteme - und was kommt dabei heraus? Eine so harmlos übersichtliche wie vorhersehbare Reihung der immergleichen Werke und Namen."

Heinrich Detering hat 52 Stunden lang und recht verzückt Bob Dylans an die alten Radio Days erinnernder Show "Theme Time Radio Hour" gelauscht: "Es ist die Avantgarde, die hier die Vergangenheit inszeniert." Und Egon Flaig schreibt zunächst recht allgemein gegen vermeintliche Vergleichsverbote und Intelligenzbegrenzungen, um dann recht rüde mit der Sprache herauszurücken: "Nichts ist unvergleichlich. Keine Supernova, kein Husten, keine galaktischen Katastrophen, nicht die Schoah, nicht mein Räuspern in dieser Sekunde, nicht der Schleim in meinem Halse."
Archiv: Merkur

Prospect (UK), 01.10.2007

Vor drei Monaten hat Premier Gordon Brown hat in einer Grundsatzerklärung (hier, ganz am Ende, ab Punkt 212) zur Suche nach britischen Werten aufgerufen. Prospect hat fünfzig Prominente zu ihrer Meinung befragt, darunter den Historiker Timothy Garton Ash, der - da spricht er wohl für die meisten der Befragten - skeptisch meint: "Ich finde: Weniger wäre mehr. Eine Erklärung der Rechte und Pflichten der britischen Bürger in einfachem Englisch ist alles, was wir brauchen. Juristen und Dichter sollten sich zusammentun, um sie zu schreiben. Statt uns in den Sumpf der Wertedefinition oder den Dschungel nationaler Identität zu begeben, wäre es genug, diese Erklärung mit einem Abschnitt einzuführen, der einfach feststellt, dass die britischen Bürger lange stolz darauf waren, friedlich zusammenzuleben. Diese Freiheit in Frieden, so selten auf der Welt, hatte ihre Grundlage in Gewohnheiten wie Toleranz, Anständigkeit, Achtung vor dem Gesetz, dem Instinkt für Fairness, gute Nachbarschhaft, einer Tendenz, den underdog zu unterstützen, der Liebe zum Sport, der weit verbreiteten Klage über das Wetter und, last but not least, einem hoch entwickelten nationalen Sinn für Humor." Antworten gaben unter vielen anderen auch Brian Eno, Eric Hobsbawm, Josef Joffe und Ziauddin Sardar.

Weitere Artikel: Bartle Bull findet, dass "die meisten der großen Probleme im Irak inzwischen gelöst sind" - auch die Gewalt werde in absehbarer Zeit keine bedeutende Rolle mehr spielen. Ian Jack bespricht V.S. Naipauls neues Buch "A Writer's People" und hebt besonders den sehr persönlichen Essay über Naipauls Freundschaft mit dem Schriftsteller Anthony Powell hervor.

Nur im Print: Die walisische Dichterin Gwyneth Lewis (homepage) erzählt von ihrem Besuch im Kernforschungszentrum Cern.
Archiv: Prospect

ResetDoc (Italien), 02.10.2007

Bei den Wahlen in Marokko am 7. September hat die islamische "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (PJD) entgegen aller Erwartung nicht gewonnen. Die Wahlbeteiligung lag allerdings auch nur bei 37 Prozent. Reset.doc hat den Wahlen ein Dossier gewidmet, das sich mit der Frage beschäftigt, ob Tayyip Erdogans AKP in der Türkei für andere islamische Länder ein Modell sein kann. Samir Mustafa bezweifelt das für Marokko: "Die zentrale Rolle der Religion in der Verfassung und die Wiedereinführung einer strittigen, aber sicher interessanten Balance zwischen einer Rechtsordnung, die fundamental säkular und zivil ist, und dem Respekt vor dem Islam als höchster Quelle und als Quelle der Inspiration für den Gesetzgeber, gibt Marokko - ausgenommen Tunesien und die Türkei, die sich für die vollständige Trennung von Staat und Kirche entschieden haben - eine avantgardistische Stellung unter den Ländern mit einer muslimischen Mehrheit. Aus dieser Synthese ist ein Modell der islamischen Gesellschaft entstanden, das pazifistisch und zurückhaltend ist angesichts extremistischer Aktivitäten. Zugleich ist Marokko damit ein schwieriges Terrain geworden für Parteien, die sich auf die islamische Moral berufen. (...) Ein großer Teil der einfachen Leute fragt sich, wozu man eine politische Gruppe für islamische Inspiration braucht, wenn der Islam doch vom Prinz der Gläubigen, Mohammed VI. geschützt wird."

Weitere Artikel: Für den Schriftsteller Tahar Ben Jelloun wäre Marokkos Aufnahme in die EU der größte Garant für eine demokratische Entwicklung, wie er im Interview erklärt. Der Politikwissenschaftler Driss Lagrini ist vor allem besorgt über die geringe Wahlbeteiligung. Federica Zoja vergleicht die Situation der PJD mit den Muslimbrüdern in Ägypten. Und Daniele Cristallini fasst die Reaktionen in der arabischen Presse auf die Wahlen in Marokko zusammen.
Archiv: ResetDoc

New Yorker (USA), 08.10.2007

Unter der Überschrift "Wechselnde Ziele" beschreibt Seymour M. Hersh die jüngste Umdefinierung der Bedrohung durch den Iran durch die Bush-Administration zu einem strategischen Kampf zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran. "Was ursprünglich als Eindämmungsmission präsentiert wurde, wird nun als Terrorismusbekämpfung bewertet. Die Zielverlagerung spiegelt drei Entwicklungen: Erstens haben der Präsident und seine Berater den Schluss gezogen, dass ihre Kampagne, die amerikanische Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Iran eine unmittelbare nukleare Bedrohung darstellt, gescheitert ist (im Gegensatz zu einer ähnlichen Kampagne vor dem Irak-Krieg), weshalb es nicht genügend öffentliche Unterstützung für einen vorrangigen Bombardierungseinsatz gibt. Zweitens stimmt das Weiße Haus im Vertrauen mit dem allgemeinen Konsens der amerikanischen Geheimdienste überein, wonach der Iran noch mindestens fünf Jahre von einer Bombe entfernt ist. Und schließlich wächst in Washington und im Mittleren Osten die Erkenntnis, dass der Iran als geopolitischer Gewinner aus dem Irak-Krieg hervorgeht."

Weitere Artikel: Rebecca Mead porträtiert den Restaurantbesitzers Robert Egan, der seit 15 Jahren als eine Art inoffizieller Botschafter für das nordkoreanische Regime Nordkoreas fungiert und als "Kim Jong Ils Kumpel in New Jersey" seine "Barbecue-Diplomatie" betreibt. Joan Acocella rezensiert die Biografie "Nurejev: The Life" (Pantheon) von Julie Kavanagh. Peter Schjeldahl berichtet über die Kunstbiennale Istanbul. Und David Denby sah im Kino den Thriller "Michael Clayton" von Tony Gilroy und das Biografie-Drama "Into the Wild" von Sean Penn nach dem Buch von Jon Krakauer. Zu lesen sind außerdem die Erzählung "Married Love" von Tessa Hadley und Lyrik von Adam Zagajewski und Cornelius Eady.

Nur im Print: Jane Kramer über die "Hamlet"-Inszenierung von Elizabeth LeCompte und ihrer Wooster-Group und Hilton Als über eine Kara Walker-Retrospektive im New Yorker Whitney Museum of American Art.
Archiv: New Yorker

Internationale Politik (Deutschland), 01.10.2007

Als einen Fall von "provokativem Partikularismus" und Paternalismus wertet der EU-Berater des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, Marek Cichocki, die Vorstellung, die Geschichte der EU allein auf westeuropäische Erfahrungen begründen zu können. "Die vermeintlich durch den Westfälischen Frieden etablierte Logik - der Übergang vom vormodernen, christlichen Europa über das moderne Europa souveräner Nationalstaaten bis hin zum unvermeidlichen Aufkommen eines postmodernen und vereinten Europas - greift in Polen nicht. Denn das neuzeitliche Modell des Territorialstaats mit einer souveränen zentralen Macht und einer strikten Trennung von Kirche und Staat hat hier nie Fuß gefasst. Als nach dem Dreißigjährigen Krieg in Westeuropa eine neue Ordnung gestaltet wurde, hielten in Mittel- und Osteuropa die Polen, Ruthenen, Ukrainer, Litauer und die in Ostpreußen lebenden Deutschen an ihrem eigenen Modell fest: friedliche Föderalisierung der Völker, multinationales Konzept der Staatsbürgerschaft und Präsenz von Religion im öffentlichen Leben."

New York Times (USA), 30.09.2007

Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ist ganz einverstanden mit den Theorien, die die Globalisierungsgegnerin Naomi Klein in ihrem neuen Buch "Die Schock-Strategie - Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus" entwickelt: "Klein bringt eine eindrucksvolle Beschreibung der politischen Intrigen und des menschlichen Preises, die gefordert sind, um widerstrebenden Ländern eine unanständige Wirtschaftspolitik aufzudrängen. Sie malt ein bestürzendes Porträt nicht allein Milton Friedmans, sondern all jener, die seine Doktrinen aufgriffen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Bestürzend ist auch zu sehen, wie viele der Protagonisten des Irak-Kriegs zuvor schon in schändlichen Episoden der amerikanischen Außenpolitik engagiert waren. Sie zieht eine klare Linie von der Folter in Lateinamerika in den siebziger Jahren bis zu Abu Ghraib und Guantanomo Bay."

Außerdem in der Book Review: Der Reiseschrifter Paul Theroux feiert Tim Jeals große Biografie über den Afrika-Eroberer Stanley (erstes Kapitel). Und Stephen King denkt in einem Essay über Kurzgeschichten nach, die für Redakteure, Verleger oder andere Schriftsteller geschrieben zu werden scheinen - nur nicht für Leser.

Das Magazine bringt eine Spezialnummer zu Beginn der College-Saison.