Magazinrundschau

Adam Michnik: Macht die Stasi-Akten öffentlich

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
15.05.2007. In der Gazeta Wyborcza fordert Adam Michnik: Macht alle Stasi-Akten öffentlich. In Nepszabadsag erzählt Bela Tarr von seinem neuen Film "Homme de Londres". In der New York Review of Books freut sich Timothy Garton Ash anlässlich des "Lebens der anderen" über die brillanten Vergangenheitsbewältigungsstrategien der Deutschen. Al-Hayat beobachtet einen Linksruck bei islamistischen Gruppen. In Letras Libres verspricht uns Dariush Shayegan bald eine erstaunlich neue Welt im Iran. In Elet es Irodalom beklagt der japanische Unternehmer Morita Tsuneo die postsozialistische Mentalität der ungarischen Konservativen. Der New Statesmen porträtiert die Bewegung "militante Kunden", die New York Times den Künstler 2.0.

Gazeta Wyborcza (Polen), 14.05.2007

In der Montagsausgabe der Wyborcza eine Sensation! Chefredakteur Adam Michnik, der stets vehement gegen die Aufdeckung früherer Stasi-Mitarbeiter in Polen plädiert hat, sieht nur eine logische Konsequenz aus der Entscheidung des Verfassungsgerichts, die sog. Lustration zu stoppen: "Ich war immer der Ansicht, dass das Spektakel ums öffentliche Wühlen in den Geheimdienstarchiven eine Atmosphäre von Verdächtigungen und Angst hervor bringen wird. Und genau das machen heute die Leiter des Instituts für Nationales Gedenken. Man muss dieser albtraumhaften Erinnerungspolizei endlich ein Ende setzen. Heute müssen alle Unterlagen allen zugänglich gemacht werden - mit all den schrecklichen Konsequenzen. Wir müssen die Akten öffentlich machen, um ihre Herrschaft über uns zu beenden. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende."

In der Wochenendausgabe erinnert sich die Schriftstellerin Dubravka Ugresic daran, wie schwierig es war, ihren Studenten in Berlin den Kommunismus zu erklären: "Die ganze osteuropäische Kultur aus der Zeit des Kommunismus verschwindet in einem Abgrund des Vergessens." Schuld daran seien vor allem die Träger der kulturellen Vergangenheit. Ugresic schildert das am Beispiel eines kroatischen Dichters. "In Kroatien ist das Wort 'Jugoslawien' gewissermaßen verboten. Vor 15 Jahren wurden viele Bibliotheken des Landes von 'kommunistischen', 'serbischen', 'kyrillisch verfassten' und anderen 'inkorrekten' Büchern gesäubert. So wird mein zehnjähriger Neffe nie erfahren, wer Vladimir Nazor ist - Autor des klassischen kroatischen Zungenbrechers, der bis heute in der Schule gelehrt wird. In seinen späten Jahren schloss er sich 1941 Titos Partisanen an, und hat ein Gedicht auf Tito geschrieben. Das ist seine ganze Schuld... Ein hervorragendes Beispiel der Transformationsschizophrenie, der postkommunistischen Kultur".

Nepszabadsag (Ungarn), 14.05.2007

Neben Wong-Kar-Wai, den Coen-Brüdern, Emir Kusturica, Quentin Tarantino und Gus Van Sant zeigt auch der ungarische Filmemacher Bela Tarr seinen neuen Film "Homme de Londres" im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes. Der Film dreht sich um einen Leuchtturmwärter in einer kleinen französischen Stadt, erzählt Tarr im Interview. "Die meisten Schiffe kommen aus England, die Fahrgäste reisen ins Innere des Kontinents weiter. Die Geschichte beginnt damit, dass der Wärter Augenzeuge eines Mordes wird. Aber die Handlung ist nebensächlich, mich hat eher die Einsamkeit des Wärters interessiert, wie er in Versuchung gerät und gegen die Monotonie des Alltags revoltiert." Die Regisseure, deren Werke nächste Woche in Cannes ihre Weltpremiere erleben, "vertreten alle ein anderes Genre, einen anderen Stil, die Werke kann man eigentlich nicht miteinander vergleichen. Wettbewerbe von Kunstwerken sind unmöglich. Die Preise werden aus politischen oder kommerziellen Gründen verliehen. Große Filmverleihe machen Lobbyarbeit für ihre Regisseure." Auf die Frage, wer hinter ihm als Unterstützer steht, antwortet er: "Hinter mir stehen nur mein Film und das Team.?
Archiv: Nepszabadsag

New York Review of Books (USA), 31.05.2007

Mit Florian Henckel von Donnersmarcks Film "Das Leben der Anderen" hat die Welt nach Nazis, SS und Auschwitz mit der "Stasi" ein weiteres deutsches Synonym für das abgrundtief Böse in der Geschichte geschenkt bekommen, konstatiert Timothy Garton Ash. Er findet aber, dass die Deutschen selbst dran schuld sind: "Keine Nation war je brillanter, beharrlicher und innovativer in der Untersuchung, Behandlung und Wiedergabe seiner eigenen schrecklichen Vergangenheit." Ash erinnert sich aus seiner Zeit in Berlin während der siebziger Jahre noch gut daran, wie unkritisch viele Westler über die Verhältnisse in Ostdeutschland urteilten. "Einen Vergleich zwischen Nazi und Stasi auch nur anzudeuten galt bei vielen Westlern als altmodisch - als reaktionäre Kalter-Krieg-Hysterie, gefährlich für den Geist der detente. Der Korrespondent des Guardian, Jonathan Steele, erklärte 1977, die Deutsche Demokratische Republik sei 'ein präsentables Modell der Art von autoritärem Wohlfahrtsstaat, in den die osteuropäischen Staaten sich verwandelt haben'. Selbst sogenannte 'realistische' Konservative sprachen damals über das kommunistische Ostdeutschland ganz anders als heute. Das Wort 'Stasi' kam ihnen kaum jemals über die Lippen."

Abgedruckt wird eine Diskussion, in der Rory Stewart, Chef der NGO Turquoise Mountain Foundation von seiner - unerwarteten - Ernüchterung über die Entwicklung im Irak berichtet. Nachdem er jeden Monat 10 Millionen Dollar für Aufbau-Projekte ausgegeben hat, für die sich kein Iraker interessiert, plädiert er nun für den Rückzug der Truppen: "Unsere Anwesenheit infantilisiert das politische System des Irak. Wir sind wie ein falsches Antibiotikum."

Weiteres: Nicholas D. Kristof hat sich bei William T. Vollmanns Porträts der "Poor People" ein wenig gelangweilt. Aber eines kann er nach der Lektüre festhalten: "Das wahre Gesicht der Armut sind nicht der schmerzende Hunger und die demütigenden Lumpen, sondern die unmöglichen Entscheidungen. Wenn man die Schulgebühren nur für einige seiner Kinder aufbringen kann, welches schickt man?" Michael Tomasky stellt fest, dass Washingtons Demokraten sich mehr mit Taktik als mit Inhalten befassen. Besprochen werden Jerome Hortons Ärzte-Verteidigungsschrift von Ärzten "How Doctors Think" und Tom Stoppards Russland-Triologie "The Coast of Utopia".
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Al Hayat (Libanon), 13.05.2007

Die Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit sind für Walid Mahmud Abd al-Nasir Anlass zu einer überraschenden Beobachtung: das Interesse der islamistischen Bewegungen für die Bedürfnisse der Arbeiter. Ob in Ägypten, im Jemen oder im Iran, in der Vergangenheit sahen die Islamisten im Konzept des Klassenkampfes einen westlichen Import, der die Einheit der islamischen Umma beeinträchtige. Islamistische Strömungen in Ägypten "unterstützten sogar die Streiks, obwohl sie diese noch in der jüngeren Vergangenheit als schädlich für die Stabilität (des Landes) und die Interessen der Umma abgelehnt hatten. (?) Bereits zuvor hatte sich die Hisbollah im Libanon mit den Positionen der libanesischen Arbeiterbewegung gegen die Privatisierungsmaßnahmen der aktuellen Regierung solidarisch erklärt und deren Forderungen nach Rechten und Garantien für die libanesischen Arbeiter unterstützt." Gründe dafür gibt es mehrere: das Vakuum, das die arabische Linke hinterlassen hat, und die Hoffnung der Islamisten, in einem Bündnis mit den Arbeitern ihre Position gegenüber den Regimen zu festigen. Vor allem aber auch die "Ausbreitung einer traditionalistischen religiösen Kultur in den Schichten der arabischen Arbeiterschaft."
Archiv: Al Hayat
Stichwörter: Jemen, Klassenkampf, Libanon

Letras Libres (Spanien / Mexiko), 13.05.2007

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift hat sich den Iran zum Schwerpunktthema gewählt. Ist Teheran eine emblematische Stadt?, fragt in diesem Zusammenhang der Schriftsteller und Philosoph Dariush Shayegan (s. a. hier). In einem für diese Ausgabe übersetzten Vortrag aus dem letzten Jahr kommt er zu einem überraschend optimistischen Ergebnis: "Teheran steht vor einem grundlegenden Wandel; im Schatten dieser grauen und traurigen Stadt verbirgt sich eine erstaunliche neue Welt; wenn deren unterirdischen Kräfte eines Tages an die Oberfläche kommen, werden wir Zeugen eines radikalen Perspektivwechsels sein. Ihr laizistischer Charakter wird in aller Frische aus dem Inneren der sogenannten islamischen Gesellschaft auftauchen. Wir haben die Hoffnung, allmählich Licht am Ende des Tunnels zu erblicken, den andere islamische Länder, die sich noch etwas von einem Wandel hin zu einer religiös bestimmten Ordnung erhoffen, gerade in Gegenrichtung durchqueren. In nicht allzu ferner Zukunft wird Teheran das lebendige und eloquente Beispiel für diesen Wandel sein."

In einem sehr lesenswerten Interview mit Leon Krauze gelangt Newsweek-Herausgeber Fareed Zakaria zu einer ähnlichen Einschätzung: "In fünf oder zehn Jahren werden wir einen Iran sehen, der eine modernere Politik macht als die übrigen Länder des Nahen Ostens und die Religion wieder stärker in den privaten Bereich verweist. Es ist einfach so: das Leben drängt von selbst zur Modernisierung und die Religion gelangt dann auch irgendwann dorthin."

Weniger optimistisch fällt die Analyse der gegenwärtigen Situation aus israelischer Sicht aus. Der Soziologe Joseph Hodara von der Bar-Ilan Universität sieht als einzig praktikable Alternative zu einem möglichen Präventivschlag gegen iranische Atomanlagen weitere Verhandlungen "um wenigstens wie während des Kalten Krieges zu Vereinbarungen zu gelangen, die die Temperatur niedrig halten und für einen Großteil der israelischen Gesellschaft wie natürlich auch für ihre Gegner akzeptabel sind."

Foglio (Italien), 12.05.2007

Stefano di Michele denkt hier und hier über die alternde Priesterschaft und die Technik des 21. Jahrhunderts nach, deren prekäre Beziehung die gutgemeinte Internetberatung pretionline zeugte. "Dort sitzen Dutzende und Dutzende Experten, jeden Alters und aus allen möglichen Diözesen, die nur darauf warten, alle möglichen Fragen per Computer zu beantworten. 'Ist die Ampel grün, ist der Priester bereit zu antworten. Ist die Ampel gelb, steht der Priester zur Verfügung, ist aber möglicherweise gerade beschäftigt. Ist die Ampel rot, ist der Priester derzeit nur schlecht zu erreichen.' Falls sich nun ein theologischer Notfall ergibt, ein nagender Zweifel, eine bohrende Frage, bleibt einem allerdings doch nur der Gang in die Sakristei: auf die vor Tagen eingesandte Anfrage hat noch niemand reagiert."

Weiteres: Manuela Maddamma erklärt Joseph Sheridan Le Fanus "Carmilla" zur Urmutter aller Vampire. Francesco D'Agostino schreibt den Nachruf auf den Philosophen Sergio Cotta. Und Fabio dal Boni klagt über das Kreuz mit dem Telefon.
Archiv: Foglio
Stichwörter: Vampir

New Yorker (USA), 21.05.2007

"Was haben sie nur alle gegen Ihn?" überschreibt Economist-Redakteur Anthony Gottlieb seine Kritik zu Christopher Hitchens' neuem Buch "God Is Not Great: How Religion Poisons Everything" (Auszug), das er in eine ganze Reihe gegen Gott gerichteter Bestseller der letzten Jahre einreiht. Gottlieb nimmt sich viel Raum für Exkurse durch die Geschichte der Aufklärung, um in seiner ungnädigen Kritik Hitchens' Position zu den Weltreligionen folgendermaßen zu resümieren: "Kreationisten sind 'Tölpel', Pascals Theologie ist 'im Grunde schäbig', das Denken des christlichen Autors C.S. Lewis 'von kaum zu beschreibender Erbärmlichkeit'. Calvin war ein 'Sadist und Folterknecht und Mörder', buddhistische Sprüche sind 'dann doch allzu leicht zu parodieren', der geistliche Diskurs östlicher Religionen ist 'nicht mal falsch'. Der Islam ist 'eine ziemlich offensichtliche und schlecht zusammen gezimmerte Ansammlung von Plagiaten', Hanukkah ist ein 'fader und langweiliger Feiertag', und König David war ein 'skrupelloser Bandit'."

Weitere Artikel im neuen Heft: Jeffrey Goldberg schreibt in einem Brief aus Washington über Bob Woodwards Kritik am ehemaligen CIA-Chef George Tenet und dessen Antwort in einem eigenen Buch (Auszug). Anthony Lane schreibt in seiner Filmkolumne über den neuen Film von Hal Hartley. Judith Thurman bespricht eine Ausstellung mit Kleidern von Paul Poiret im Met - gezeigt werden hier auch einige Kleider, die das Museum jüngst ersteigerte und die seit hundert Jahren nicht mehr zu sehen waren (Bilder). Außerdem bringt das Magazin eine neue Erzählung von Nadine Gordimer.
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 11.05.2007

Der in Ungarn lebende japanische Unternehmer Morita Tsuneo beklagt die postsozialistische Mentalität der ungarischen Konservativen, in die auch die ungarischen Wähler gern zurückfallen. "Der Wirtschaftsboom stockt, weil viele Menschen an dieser alten Mentalität festhalten, die in der freien Marktwirtschaft nicht lebensfähig ist. Tagtäglich müssen wir immer bessere Qualität herstellen, aber diesen Antrieb haben die Ungarn im Sozialismus verloren, viele von ihnen sehnen sich nach ihrem angenehm faulen Leben in lauwarmem Wasser zurück... Die konservative Oppositionspartei Fidesz führt einen verbitterten, ideologischen, antikommunistischen Kampf, hält aber gleichzeitig an Strukturen fest, die aus dem Sozialismus geerbt wurden. Von allen ungarischen Parteien ist gerade die lautstark antikommunistische Fidesz der Partei Lenins und der Bolschewiken am ähnlichsten."

Ungarn leidet an einer "Freiheitsvergiftung", behauptete kürzlich Gyula Marfi, Erzbischof zu Veszprem: Individuelle Freiheitsrechte von Frauen würden übertrieben ausgelebt, Singles avancierten zu Kultfiguren der Gesellschaft. Zur Verteidigung der Singles schreibt Gusztav Megyesi: "Ein scharfer Geist, wie der Erzbischof, sollte seine Kenntnisse über Singles nicht nur aus 'Bridget Jones' beziehen. Ich würde ihm eher die Ergebnisse soziologischer Forschung empfehlen: Die ungarischen Singles sind nämlich überhaupt nicht egoistisch; 85 Prozent finden eine dauerhafte Beziehung ideal, Zweidrittel von ihnen wollen in einer Ehe leben und Kinder haben. Sie sind sozusagen Zwangssingles, weil es mit ihren bisherigen Beziehungen nicht klappte. Es wäre grundsätzlich falsch, eine Ideologie hinter diesem gesellschaftlichen Phänomen zu vermuten."
Stichwörter: Wasser

Times Literary Supplement (UK), 11.05.2007

Philip Longworth hat in Alena Ledenewas Buch "How Russia Really Works" erfahren, welche Praktiken heute Russlands Politik und Wirtschaft kennzeichen. Die sechs Todsünden sind schwarze Propaganda, der Gebrauch kompromittierender Informationen, mafiöse Geschäftsverbindungen, Geldwäsche, doppelte Buchführung - und die Privatisierung der Justiz: "In der Mitte der 90er Jahre ließen sich private Fixer, Sicherheitsfirmen oder kriminelle Banden informelle Aufträge geben, um mit alternativen Methoden konventionelle, rechtliche Angelegenheiten zu klären. Diese Methoden reichten von der Unterstützung der Behörden bei Firmen-Durchsuchungen bis zum Ausüben finanziellen Drucks, von der Erpressung und Gewaltandrohung bis zum Auftragsmord. Solche Taktiken verstärkten die Ineffizienz des Rechtsstaats, halfen aber, die Lücke zu füllen, die der ineffiziente postkommunistische Staat ließ. All die Praktiken, die Ledenewa beschreibt, hatten ebenso positive wie negative Effekte, sie halfen, die Wirtschaft und Gesellschaft aufrechtzuerhalten, während sie gleichzeitig die Demokratie unterminierten."

Weiteres: Benjamin Markovits liest die Briefe des jungen Henry James, Derek Mahon widmet dem "subversiven" Aidan Higgins eine Hommage, und Adam Thorpe begeistert sich für Martin Garretts Kulturgeschichte der "Provence".

Espresso (Italien), 17.05.2007

Nicht Zensoren bringen Bücher um, sondern Leser, die sich nicht für sie interessieren, stellt Umberto Eco in einer Bustina di Minerva fest. Aber "es gibt einen Weg, über das Verschwinden der Bücher hinwegzukommen. Man erfindet welche, die es nie gegeben hat. Alle (zumindest diejenigen, mit denen ich verkehre und die kein Mobiltelefon in die Hand nehemen) kennen die Bücherliste der Abtei von Sankt Viktor, die Rabelais beschreibt und die so faszinierende Titel wie 'Die sanfte Art zu Furzen' oder 'Über das Scheißen' umfasst. Diese Bücher haben nie existiert, sie könnten aber besser sein als manche, die es gibt oder einmal gab. Zu diesem literarischen Genre ist bei Palladino Paolo Albanis Buch 'Biblioteche immaginarie e roghi di libri' erschienen, mit historischen Texten zu dieser exquisiten Disziplin."
Archiv: Espresso
Stichwörter: Umberto Eco, Mobiltelefon

Wired (USA), 15.05.2007

Städtebauprojekte gibt es viele in China, schreibt Douglas McGray. Aber der chilenische Architekt Alejandro Gutierrez betreut für die riesige Londoner Ingenieurs- und Architekturfirma Arup vielleicht eines der interessantesten, eine "grüne Stadt" namens Dongtan für 500.000 Einwohner, die ganz und gar nach ökologischen Gesichtspunkten entworfen wird: "Die Pläne für die Stadt - Hunderte von Seiten mit Karten, Zeichnungen und Daten - haben kaum etwas über architektonischen Stil zu sagen. Statt dessen wird jeder einzelne Block als Antwort auf Chinas Umweltkrise entworfen. Es ist wie der Quellcode für ein städtisches Betriebssystem. 'Wir sind nicht auf die Form fixiert', erklärt Gutierrez. 'Wir sind auf die Leistung der Form fixiert.' Er und sein Team entwerfen eine Stadt, die mit lokaler, erneuerbarer Energie versorgt wird, mit supereffizienten Gebäuden in dichten Clustern und fußläufiger Entfernung, mit einem Recycling-System, das die Wiederverwendung von 90 Prozent des Abfalls erlaubt, einem Netzwerk von Hitech-Biofarmen und einem Verbot für alle Fahrzeuge, die CO2 ausstoßen."
Archiv: Wired
Stichwörter: Abfall, Cluster

Weltwoche (Schweiz), 10.05.2007

Peer Teuwsen entziffert das Erfolgsgeheimnis des unter Kitschverdacht stehenden, dafür aber in der Schweiz unerreicht erfolgreichen Schriftstellers Peter Bieri alias Pascal Mercier. "Tausende von Leserbriefen haben ihn erreicht, der Taxifahrer, die Krankenschwester, die Schauspielerin Senta Berger schreiben ihm, dieses Buch drücke aus, was sie seit langem fühlten. Peter Bieri bemüht sich, zu verstehen. Zu verstehen, was den Menschen bewegt, seine Zweifel, seine Unruhe, seine Sehnsucht nach einem anderen Leben, einer anderen Zeit, einem anderen Takt. Und dies macht er nicht, indem er seine Figuren unendliche Qualen erleiden lässt, sie bloßstellt, seziert, massakriert, nein, er lässt sie nach Wahrheit streben, eine Selbstfindung durchlaufen, seine Charaktere sind Menschen, deren Handeln nachvollziehbar ist und die man dafür gern hat. Und diese Art der Behutsamkeit, der plötzlichen Langsamkeit, die dem Berner Autor entspricht, trifft auf ein ungeheures Echo."

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit erklärt Roger Schwawinksi im Interview seine protestantische Haltung zum Partyfeiern. "Das Durchhalten ist überhaupt kein Problem. Damit muss ich leben. Wenn ich da nicht hingehe, kriege ich auch Ärger. Vielleicht ist es mein Fehler, dass ich den Leuten das Gefühl gebe, dass ich da gerne bin. Bei vielen bin ich auch gerne, bei manchen nicht. Das ist auch eine Dienstleistung."

Weiteres: Thomas Widmer hinterfragt die theologische Notwendigkeit der in der Schweiz geplanten "Bonsai-Minarette". Philipp Gut beobachtet ein Comeback der Hausfrauen.
Archiv: Weltwoche
Stichwörter: Klaus Wowereit

New Statesman (UK), 14.05.2007

Stephen Armstrong freut sich über die wachsende Zahl "militanter Kunden", die es sich zum Ziel gesetzt haben, schlechten Service zu vergelten. Die Initiative "More Trains Less Strain" hat etwa im Januar erfolgreich zum Fahrpreis-Streik bei einem Bahnunternehmen augerufen: "Die Gruppe überredete 2.000 Passagiere, auf der gesamten Fahrt von Bath nach Bristol gefälschte Tickets vorzuzeigen. Auf jedem Ticket stand in leuchtenden Buchstaben 'Fahrpreis-Streik', als Bahn-Logo 'Worst Great Western' und als Route 'Zur Hölle und zurück'. Die Reisenden, die ein solche Fake-Ticket zeigten, wurden durchgewinkt, das Personal zeigte den Streikenden in Bristol sogar, wie sie die Schranken passieren konnten. In den vergangenen zwölf Monaten haben mindestens zehn verschiedene Konsumentengruppen von Energieversorgern, Banken, Kreditkarten-Unternehmen, inkompetenten Behörden oder Software-Providern Geld zurückgehalten oder -gefordert. 'Das Problem ist, dass die Regierung in den letzten zwanzig Jahren rechtlich schlechten Service und die aggressive Missachtung ihrer Kunden sanktioniert hat, indem sie die Bildung großer Monopole zuließ und sich dann weigerte, deren Verhalten zu regulieren', sagt Gareth Coombs vom Cambridge Strategy Centre."
Stichwörter: Geld, Monopole, Western, Logo

Outlook India (Indien), 21.05.2007

Jairam Ramesh empfiehlt Ramachandra Guhas Summe und Synthese "India after Gandhi" (Auszug), ein tausendseitiges, aufwändig gestaltetes Geschichtswerk, das pünktlich zum 60. Jahrestag des unabhängigen Indien erscheint. Vor allem lobt er die narrative Kraft des Autors, der bereits eine "bahnbrechende Geschichte des Cricket" ("A Corner of a Foreign Field", Rezension) vorlegte: "Es hat andere Bücher gegeben, die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft des unabhängigen Indien getrennt voneinander behandelten, aber es gibt kaum etwas Vergleichbares zu Guhas Herangehensweise, die all diese Bereiche in eine große Erzählung integriert. Vor acht Jahren hat er dieses Glücksspiel begonnen. Es hat sich ganz klar gelohnt, und obwohl sein Terrain ausgesprochen politisch ist, gelingt Guha eine Synthese."

In einem jährlichen dem Bollywood-Kino gewidmeten Dossier stellt Outlook India eine bedenkliche Tendenz zum patriotischen Kino fest. Der bekannte Autor Mukul Kesavan lässt im Aufmacher-Essay 60 Jahre kinematischen Patriotismus Revue passieren. Neena Gopal schreibt über den Fall des großen alten Mannes der indischen Malerei, Husain, der heute freiwillig im Exil in Dubai lebt, weil er als Muslim freizügige Gemälde hinduistischer Gottheiten malte und hierfür von Hindu-Extremisten attackiert wird.

New York Times (USA), 13.05.2007

Im Magazin der New York Times erklärt Clive Thompson die Vorstellung vom zurückgezogen werkelnden Künstler für überholt. Der zeitgemäße Musiker etwa stelle seine Arbeiten zur Diskussion oder gemeinschaftlichen Vollendung längst schon ins Netz: "Dieser Online-Trend könnte Darwinistischen Druck erzeugen hin zu einer neuen Spezies - dem Künstler 2.0 - und das Ende des Künstlers als einer sensiblen unangepassten und scheuen Seele bedeuten ... Es könnte sich aber auch einfach um einen natürlichen Wendepunkt handeln, und die nächste Generation von Künstlern, die 'sensiblen' eingeschlossen, finden die Allgegenwart ihrer Fans dann völlig normal. Die psychologische Denkweise kippt bei den unter Zwanzigjährigen bereits in diese Richtung ... Es ist aber auch wahr, dass gerade die Einsiedler im Internet aufblühen, weil es ein Ort der Selbstentfaltung und Selbsterfindung sein kann."

Außerdem: Nir Rosen fragt nach der Verantwortung der USA für den größten Flüchtlingsstrom in Nahost seit 1948. Im Interview mit Deborah Solomon spricht die Dichterin und Pulitzerpreisträgerin Natasha Trethewey über historische Amnesie. Und der israelische Romancier David Grossman beschwört in einem Vortrag beim PEN-Festival in New York die einende Kraft des Schreibens: "Schreibend vermag ich die Leiden meines Feindes nachzuempfinden und seine berechtigten Ansprüche anzuerkennen, ohne auch nur ein Stück meiner Identität zu verlieren."

Und in der Sunday Book Review: Mit großer Spannung hat Michael Kinsley Christopher Hitchens Buch über Religion erwartet. Welche Volte würde der ideologische Überraschungskünstler diesmals schlagen? Seine Konversion zum Katholizismus bekanntegeben? Den Islam umarmen? Oder die Kirche von England verteidigen? Nun, Hitchens Buch heißt "God is not Great" und Kinsley ist wirklich überrascht: "Mit enormem Brio und großem Witz, aber auch echtem Zorn führt er einen Generalangriff gegen sämtliche Aspekte von Religion. Manchmal benutzt er nicht das Wort 'Religion', sondern spricht von 'Gottesanbetung'." (Hier das erste Kapitel)

Besprochen wird unter anderem auch John Stubbs John-Donne-Biografie "The Reformed Soul", die Donnes Weg "vom lustvollen katholischen Poeten zum leidenschaftlicher anglikanischen Prediger" bechreibt.