Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
25.08.2003. Die London Review weiß, wo Chruschtschow lernte "Buh!" zu sagen: in London. Im Nouvel Obs verteidigt der iranische Philosoph Dariush Shayegan die Vernunft. Outlook India bewundert den Mantel der Oppositionsführerin Sonia Ghandi. Jean Francois Revel beschämt George Washingtons Mutter, findet der New Yorker. Was macht das VW-Logo auf einem Hamlet-Bühnenbild, fragt die Literaturnaja Gazeta. Im Spiegel schildert Günter Grass eine segensreiche Wirkung der Literatur: Man onaniert viel fröhlicher.

London Review of Books (UK), 21.08.2003

Neal Ascherson ist hellauf begeistert von William Taubmans Chruschtschow-Biografie ("Khrushchev: The Man and His Era"), die ihn in der Vermutung bestätigt, Chruschtschows Ruf als ungehobelter Bauernsohn werde langsam revidiert. "Seine Persönlichkeit war furchtbar verzerrt; seine Untaten waren unverzeihlich. Und doch hatte seine Lust auf Neues etwas Entwaffnendes. Ich werde nie diese eine Geschichte vergessen, die Taubman über seinen London-Besuch im Jahr 1956 erzählt. Er fragte seine Begleiter aus dem Außenministerium, was diese komischen 'Uh-uh!'-Geräusch seien, die aus der Menschenmenge zu hören waren. Der Diplomat erklärte, dass die Leute buhten und dass dies ein Ausdruck der Missbilligung sei. Chruschtschow wurde nachdenklich. Im Auto sagte er versuchsweise zu sich selbst: 'Buh!' Und dann nochmal: 'Buh!' Er mochte es. Den restlichen Tag lief er herum und machte 'Buh!' zu allen möglichen verwunderten Menschen. Er hatte etwas gelernt."

Vor knapp einem Jahr hatte der Harvard-Präsident Lawrence Summers zu umsichtiger Israel-Kritik aufgefordert und zwischen antisemitischer Wirkung und antisemitischer Absicht unterschieden. Judith Butler schreibt dazu: "Selbst wenn man glaubt, dass Kritik an Israel mehr oder weniger als antisemitisch gehört wird (von Juden, Antisemiten oder Menschen, die weder als das eine noch das andere gelten können), läge es in unser aller Verantwortung, die Rezeptionsbedingungen zu verändern, so dass die Öffentlichkeit in der Lage wäre, zwischen Kritik an Israel und Judenhass zu unterscheiden." Es lohnt vielleicht mehr, dass große Summers-Porträt von James Traub im New York Times Magazine zu lesen.

Weitere Artikel: James Lasdun ist hocherfreut über Marina Warners "kurze, aber dichte" Studie "Fantastic Metamorphoses, Others Worlds", die sich mit den verschiedenen Arten der Verwandlung beschäftigt, und hatte beim Lesen den Eindruck, er befinde sich in einer kleinen Kathedrale: "hochkomplex" und "kompakt gewunden". In den Shorts Cuts erfreut sich Andrew O'Hagan am erfinderischen Slang der amerikanischen TV-Serie "Buffy the Vampire Slayer" und lacht über die mühsamen Versuchen der großen englischsprachigen Wörterbücher, mit den neuesten Trends der Umgangssprache mitzuhalten. Und Peter Campbell schreibt über die Ausstellung, die das Londoner V&A-Museum dem Modezeichner Ossie Clark gewidmet hat.

Nur im Print zu lesen: Christian Schütze denkt über die Bombenangriffe auf Deutschland am Ende des Zweiten Weltkrieges nach.

Nouvel Observateur (Frankreich), 21.08.2003

Viel zu lesen in dieser Woche. In einem Debattenbeitrag verteidigt der iranische Philosoph Dariush Shayegan die Existenz universeller Werte. Im Extremfall, so Shayegan, tendiere der Multikulturalismus dazu, sich zu einer Art "Identitätspolitik" zu entwickeln, in der sich "der Begriff der Kultur unfehlbar mit einer stark reduzierten ethnischen Identität vermischt." Gegen den Multikulturalismus, der dem Westen "Ethnozentrismus" vorwirft, sagt Shayegan: "Im Grunde sind alle Zivilisationen ethnozentrisch, auch der Islam, trotz seiner Toleranzlehren. Erst sehr spät entstand im Westen dank der beginnenden Moderne ein neuer Blick auf die Welt. Man begann am exklusiven Gleichheitszeichen zu zweifeln, das die Tugend in eins setzte mit den Qualitäten der eigenen Ethnie oder Religion. Und man interessierte sich dafür, was jenseits von Besonderheiten und traditionellen Atavismen, allen Menschen gemein ist. Und dies dank einer Eigenschaft, die von allen Menschen gleich welcher Rasse, Sprache oder ethnischen Eigenschaften geteilt wird: der Vernunft." Das letzte Buch des Autors heißt "La lumiere vient de l'occident" (Das Licht kommt aus dem Westen, Editions de l'Aube) und hat laut NouvelObs im Iran für große Aufmerksamkeit gesorgt.

Ebenfalls im Debattenteil diskutieren der Philosoph Michel Onfray (mehr hier) und der Essayist und Journalist Jean-Claude Guillebaud (mehr hier)die Frage, ob man als Linker Nietzscheaner sein könne.

In einem teilweise ziemlich kontroversen Gespräch erörtern die Schriftsteller Frederic Beigbeder und Luc Lang (mehr hier und hier) ihre unterschiedlichen Ansätze, mit denen sie den 11. September in neuen Büchern verarbeitet haben. Es geht vor allem um die Statthaftigkeit der Fiktionalisierung des Ereignisses, aber auch um divergierende Meinungen zu Amerika und zur amerikanischen Politik. ("Windows on the World? von Frederic Beigbeder, Grasset; "11 Septembre mon amour? von Luc Lang, Stock)

Des weiteren beschäftigt sich das Magazin aus Anlass des bevorstehenden Bücherherbsts mit der Frage nach Sinn, Zweck und Ursachen der gigantischen Überproduktion in der Buchbranche. "691 Romane in einem Monat: Heute wird zweimal so viel veröffentlicht wie vor zehn Jahren. Warum eine solche Inflation, obwohl der Absatz ständig weitersinkt und die Zahl der schon totgeborenen Bücher sich häuft?" Zu Wort kommen Verleger, Buchhändler und Autoren, die alle unterschiedliche Erklärungen haben. Claude Cherki vom Großverlag Seuil etwa meint: "Wir sind Neinsagermaschinen. Wir verbringen unsere Zeit damit, Manuskripte abzulehnen, auf die die Kleinverlage scharf sind. Und es dann nicht schaffen, sie zu verkaufen."

Ergänzend dazu gibt es einen kleinen Überblick über Empfehlungen, Neuerscheinungen, Thementrends etc. und Überlegungen, an wen wohl der 100. Prix Goncourt gehen wird.

Vorgestellt wird schließlich Claude Millers (mehr hier) Tschechow-Adaption "La Petite Lili", die in Cannes lief.