Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
25.10.2005. Prospect beklagt den Niedergang der Theaterkritik. In Reportajes lobt Mario Vargas Llosa die Spendierhosen im bankrotten Berlin. Im Espresso erklärt Umberto Eco den Unterschied zwischen Bullshit und Stuss. Der New Yorker porträtiert den Architekten Santiago Calatrava. In Plus-Minus erzählt Adam Zagajewski, wie es sich als Dichter in Paris lebte. Im Guardian fürchtet der Dramatiker Dave Edgar die Folgen des Rufs "Feuer!" Al-Ahram hofft, dass der Nobelpreis für Harold Pinter ägyptischen Intellektuellen Mut macht. Der Spectator betrachtet die Todeszuckungen Russlands. Nichts als Psychosen und Perversionen im Theater, klagt Regis Debray in Le Point.

Prospect (UK), 01.11.2005

Michael Coveney beklagt in einem langen Essay den schleichenden Niedergang der Theaterkritik. Wer hätte es heute noch verdient, einen solchen Brief zu bekommen wie ihn Orson Welles an den jungen Kenneth Tynan schrieb, um ihn von der Schauspielerei fernzuhalten und zur Kritikerlaufbahn zu ermutigen? "Sie, mit ihrer schönen Fähigkeit zur schneidenden Meinung, werden an der Front benötigt? Sie wissen, wie man jubelt, Sie haben keine Angst davor, zu buhen, Sie sind hörbar (gelinde ausgedrückt), und unmissverständlich verliebt." Schuld an der traurigen Situation treffe dabei vor allem die Herausgeber der Tagespresse: "Große Kritiker sind seltene Vögel. Seltene Vögel brauchen jedoch eine ihnen wohlgesonnene Umgebung, und die Zoodirektoren sind nicht mehr auf der Suche nach solch speziellen - und spezialisierten - Arten von Gefieder."

Die Leser von Prospect und Foreign Policies haben sich entschieden: Weltberühmtester Intellektueller ist - mit Abstand - Noam Chomsky. Prospect reagiert dialektisch: Während Robin Blackburn Chomskys Talent zur fundierten Vereinfachung von Wissenschaft und Politik rühmt, sieht Oliver Kamm darin nur eine pathologische Manipulation von Fakten. (Die vollständigen Ergebnisse der Wahl sind hier einzusehen.)

Weitere Artikel: Rory Stewart, ehemaliger Gouverneur zweier Provinzen im Südirak, klärt uns über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei islamistischen Parteien auf und macht aus seiner Enttäuschung über die politische Entwicklung im Irak keinen Hehl. Was für die asiatischen Tiger galt, gilt auch für Afrika, behauptet Matthew Lockwood: Nicht finanzielle Hilfe ist entscheidend für das Vorankommen eines Entwicklungslandes, sondern ein funktionierender Staat. Soziale Mobilität ist zwar in aller Munde, doch was genau, fragt John Goldthorpe, ist darunter zu verstehen? Zweierlei, wie Goldthorpe anhand des Modells von "Schumpeters Hotel" deutlich macht.
Archiv: Prospect

Plus - Minus (Polen), 22.10.2005

Ein sehr lesenwertes Interview mit dem polnischen Dichter Adam Zagajewski bringt das Magazin der Tageszeitung Rzeczpospolita. Zagajewski erzählt, wie er 1982 nach Frankreich emigrierte, weil er nicht der "Barde der Opposition" gegen die Kommunisten werden wollte - auch wenn er ihre Ziele unterstützte. In Frankreich angekommen, stellte er dann fest, dass ihn niemand ernst nahm. "Einmal sollte ich im Radio ein Interview geben. Ich stellte mich vor: Ich bin Dichter, woraufhin die Sprecherin erwiderte: Na gut, aber was machen Sie wirklich im Leben? Ich begriff, dass man in Frankreich nicht einfach nur Poet sein kann, das reicht nicht." Sein Leben in Paris, so Zagajewski, glich "der Tragikomödie vieler Exilanten aus Osteuropa. Sie kamen nach Paris mit dem Gefühl einer großen Mission, oft als Helden, und wurden mit der Trivialität des westlichen Alltags konfrontiert: Arbeitslosigkeit, Inflation, Korruption, Modeschauen, Filmpremieren und der Ölpreis."
Archiv: Plus - Minus

New Yorker (USA), 31.10.2005

Paul Goldberger porträtiert den Architekten Santiago Calatrava, der in Chicago am Michigansee den höchsten Wolkenkratzer der USA bauen wird: einen korkenzieherförmigen Turm mit 115 Stockwerken, in dem Eigentumswohnungen und ein Hotel untergebracht werden sollen. Am Beispiel von Calatravas erstem Wohnturm, dem "Turning Torso? in Malmö, skizziert Goldberger die Vision des spanischen Architekten: "Von Wolkenkratzern erwartet man eigentlich nicht, dass sie tanzen, der 'Turning Torso' neigt allerdings dazu. Anders als die meisten Wolkenkratzer, die auf Unbeweglichkeit hin entworfen werden, unabhängig davon, wie stark sie doch schwanken mögen, hat dieser Turm etwas seltsam Kinetisches - als ob er versuchte, in die Horizontale zu gelangen. Normalerweise haben Wolkenkratzer eine vertikale Achse: gekrönt von originellen Spitzen ähneln sie Schlössern oder Raketen. Die meisten Wolkenkratzerarchitekten konzentrieren sich dabei auf zwei ästhetische Probleme: wie sie dem Erdboden und dem Himmel gleichermaßen gerecht werden. Calatrava dagegen interessiert sich einzig und allein für die Mitte. Für ihn ist ein Wolkenkratzer keine Säule mit einem Sockel, einem Pfeiler und einem Kapitell. Er ist nur Pfeiler - wodurch er ihm Dynamik und Energie verleiht."

Weiteres: Jeffrey Toobin porträtiert Stephen Breyer, Richter am Obersten Gerichtshof, und seine Ideen zu einer "progressiven Belebung" dieser Institution. George Packer kommentiert den Prozess gegen Saddam Hussein. Kate Julian berichtet über eine Massenhochzeit, die eine ledige, kinderlose Buchautorin für zehn Paare mit Kindern ausrichtete. Paul Slansky veranstaltet ein Bush-Quiz. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Children" von William Trevor.

George Packer bespricht ein Buch von Stephen Koch über die gemeinsame Zeit von Hemingway und Dos Passos im spanischen Bürgerkrieg ("The Breaking Point: Hemingway, Dos Passos, and the Murder of Jose Robles", Counterpoint). Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem der Studie "The Moral Consequences of Economic Growth" des Reagan-kritischen Ökonomen Benjamin N. Friedman. John Lahr stellt Neuinszenierungen von "A Soldier?s Play", Charles Fullers Melodram, das 1981 den Pulitzer Prize gewann, und von Alan Ayckbourns Erfolg von 1973 "Absurd Person Singular" vor. Anthony Lane sah im Kino "Kiss Kiss, Bang Bang" von Shane Black mit Robert Downey jr. und "North Country? von Niki Caro mit Charlize Theron, Sissy Spacek und Frances McDormand.

Nur in der Printausgabe: ein Essay von Oliver Sacks über das, was nach einem Sprachverlust noch bleibt, ein Porträt von Brent Scowcroft, dem ehemaligen Nationalen Sicherheitsberater von George Bush senior, sowie das Porträt eines nicht näher genannten amerikanischen Künstlers; außerdem Lyrik von Robert Bly, Elizabeth Spires und Elizabeth Macklin.
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Archiv: New Yorker

Outlook India (Indien), 31.10.2005

T. R. Vivek berichtet von einem Vorfall, der vor kurzem eine Woche lang auf Blogs weltweit häufiger debattiert wurde als "Apples neue Video-iPod- Serie": Eine indische Business School forderte von Bloggern Schadenersatz für die Veröffentlichung angeblich rufschädigender Informationen und eröffnete damit eine Diskussion über den rechtlichen Status von Veröffentlichungen im Netz und die Rechenschaftspflicht von Bloggern. Vivek findet Blogs zwar grundsätzlich gut für die demokratische Meinungsbildung, für die konkreten Blogger hat er eher harsche Worte: "Die indische Gemeinde von Bloggern, ist in erster Linie ein nörgelndes, maßloses und beinahe inzestuöses Netzwerk von Journalisten, Möchtegern-Schriftstellern und einer ganzen Armee von Geeks, die ihren kreativen Ambitionen im Internet freien Lauf lassen."

In der Titelgeschichte fragt Mariana Baabar, ob das Erdbeben in Kaschmir die verfeindeten Konfliktparteien wirklich einander angenähert hat.
Stichwörter: Erdbeben, Ipod

Reportajes (Chile), 23.10.2005

Nach einem Kurzbesuch in Berlin, wo ihm die Humboldt-Universität am 13. Oktober die Ehrendoktorwürde verlieh, bedankt sich Mario Vargas Llosa mit einem Bericht, der wie Honig in den Ohren krisengeplagter Hauptstädter klingen muss: "Ich komme alle paar Monate nach Berlin und jedes Mal finde ich neue Galerien, Museen, Inszenierungen vor, alle möglichen künstlerischen Initiativen, Symposien, Werkstätten, Vorträge - Künstler, Denker, Kreative aus allen fünf Erdteilen, die Zen-Buddhismus und Modern Dance zusammenführen oder über die Beziehungen zwischen Jazz und Philosophie diskutieren. Diese Unternehmungen gehen nicht nur von öffentlichen Institutionen aus, viele sind das Ergebnis privater Initiative, wie etwa das Internationale Literaturfestival. Meine Berliner Freunde sagen, die Stadt sei eigentlich bankrott, aber das bringt die Berliner - zumal weder Städte noch Länder je gänzlich bankrott gehen können - nur dazu, sich umso begieriger auf die andere Wirklichkeit der Kunst und Literatur zu stürzen." (Sein Wort im Ohr des Bundesrechnungshofs!)

Pablo Marin hat den Schriftsteller Ian McEwan interviewt, dessen neuer Roman "Saturday" auch in der spanischen Übersetzung viel gelesen und diskutiert wird: "Es ging mir vor allem um die Darstellung der seltsam widersprüchlichen Gefühle der Bewohner westlicher Großstädte: Einerseits genießen sie große Privilegien und relativen Frieden, auf der anderen Seite steht die Furcht vor dem Terrorismus. Viele Dinge betrachten wir als selbstverständlich gegeben, und zugleich bedrückt uns das Wissen, dass wir soviel zu verlieren haben."
Archiv: Reportajes

Guardian (UK), 22.10.2005

Der Dramatiker Dave Edgar macht sich in einem Essay Gedanken darüber, wie die Vermischung von Fakten und Fiktion - bei Romanen, Theaterstücken, Drehbüchern, Kunst - vor allem eins provoziert: Zensur: "Heute ist es nicht mehr nur verboten, 'Feuer!' in einem überfüllten Theater zu rufen, weil man Angst vor einer Panik hat. Heute kann der Ruf 'Feuer' kritisiert werden, weil er die Rechte von Feuerwehrmännern verletzt, weil er die Gefühle von Menschen verletzt, die Angehörige in einem Feuer verloren haben, weil er die religiösen Gefühle derer verletzt, für die Feuer ein heiliges Objekt ist oder weil er Brandstiftung feiert. All diese Möglichkeiten resultieren aus der Vorstellung, ganz tief, ganz unten, dass der Ruf 'Feuer!' eins entfachen könnte."

Der Schriftsteller Ian McEwan freut sich über die Neuausgabe von Peter Schneiders (mehr) Erzählung "Die Mauerspringer". In Bezug auf psychologische Genauigkeit gebe es zu der 28 Jahre andauernden Ära des antifaschistischen Schutzwalls nichts Vergleichbares. "Im Jahr 1987 war ich in Berlin, um für den Hintergrund eines Romans zu recherchieren, den ich in der Stadt spielen lassen wollte. Ich fragte einige Freunde, wer von den westdeutschen Autoren denn gute Romane über die Mauer geschrieben habe. Es war das perfekte Thema - eine fast komische Monströsität, ein weltweites politisches Schisma, das sich in Beton und Stacheldraht verwandelt hatte und durch Hinterhöfe und sogar Wohnzimmer schnitt, Familien, Liebende teilte und zwei Staaten in einer andauernden Umarmung voller Liebe und Hass festhielt. Nur Schneiders Name wurde genannt."

Und Tariq Ali lobt Reza Aslans moderate und differenzierte Darstellung des Islam in "No God But God" als besonders benutzerfreundlich für westliche Leser. Nur die Darstellung der Schiiten ist ihm zu unkritisch geraten. "Ein iranisches Pendant zu Monty Pythons 'Life of Brian' (mehr) wird das alles eines Tages auseinanderpflücken."
Archiv: Guardian

Nepszabadsag (Ungarn), 22.10.2005

Anlässlich des Jahrestags des ungarischen Aufstandes von 1956 macht Peter Szigeti darauf aufmerksam, dass seine Generation "aus oppositionellen Foren der so genannten 'zweiten Öffentlichkeit' und aus den Mythenfabriken der Eltern und Großeltern nichts mehr, und aus den Schulbüchern noch nichts über die Revolution erfahren konnte." Es fehle immer noch an der historischen Distanz, aus der heraus man ein Ereignis objektiv betrachten könne: "1956 ist und bleibt solange ein primär politisches Thema, wie jene, die die Revolution so oder so erlebten, politisch aktiv sind. Die heute Zwanzig- oder Dreißigjährigen interessieren sich wenig für Politik. Solange jedes Jahr am 23. Oktober in diesem oder jenem Politiker der schlummernde Revolutionär erwacht, wird meine Generation mit der echten Interpretation nicht beginnen."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Schulbücher

Espresso (Italien), 21.10.2005

Umberto Eco nimmt die nun auf Italienisch erschienene Tirade "On Bullshit" des amerikanischen Philosophenkollegen Harry G. Frankfurt gegen den Unsinn, der seiner Meinung nach heutzutage in Medien und Politiker grassiert, zum willkommenen Anlass, in knapp sechzig Zeilen mindestens zwei Dutzend Mal "Bullshit" zu schreiben. "Den Bullshit unterscheidet vom Stuss, dass er eine auf jeden Fall falsche Behauptung ist, die uns glaubhaft gemacht werden soll. Wer Bullshit redet, kümmert sich in Wahrheit nicht darum, ob das, was er sagt, richtig oder falsch ist."

Gianni Perelli besucht den arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera, der ab April 2006 mit einem englischsprachigen Programm auf Sendung gehen will. Die Absicht? "Zehn Millionen neue Zuschauer im ersten Jahr und die Revolution des weltweiten Nachrichtenwesens. Das vorrangige Ziel sind die USA, wo unsere Website schon heute die meisten Aufrufe verzeichnet", sagt Nigel Parsons, der designierte Chef des internationalen Ablegers. Und Cesare Balbo empfiehlt Alex Gibreys Dokumentarfilm über den Fall "Enron".

Im Titel feiert Edmondo Berselli Romano "Tsunami" Prodi, der vor einer Woche mit großer Mehrheit von Mitgliedern und Anhängern zum Spitzenkandidaten des linken Oppositionsbündnisses bei der Parlamentswahl im kommenden Mai gekürt worden ist. Leider nur im Print gibt es eine Geschichte über die leisen Reformen des neuen Papstes innerhalb des Vatikans.
Archiv: Espresso
Stichwörter: Umberto Eco, Vatikan

Spectator (UK), 21.10.2005

"In seinen Todeszuckungen könnte Russland die Welt mit einigen neuen muslimischen Staaten, einem nuklearen Mittleren Osten und einem stärkeren China beglücken." Mark Steyn sieht mit dem andauernden Niedergang der ehemaligen Sowjetunion ernste Schwierigkeiten auf den Westen zukommen. "Was würden Sie tun wenn Sie Putin wären? Was haben Sie in der Hand, um Ihre verrottende Leiche von einem Land irgendwie im Spiel zu halten? Sie haben nukleares Know-How - für das sich sehr viele Ayatollahs und Diktatoren interessieren. Sie haben ein entvölkertes aber ressourcenreiches östliches Hinterland - das sich die Chinesen auf die eine oder andere Weise aneignen werden. (...) Mit der Aussicht, dass sogar ein alkoholabhängiger Slawe mit einer Lebenserwartung von 56 Jahren es noch erleben wird, dass Wladiwostok wieder seinen alten Namen Haishenwei erhält, könnte Moskau es genausogut an Peking verscherbeln, anstatt zu warten, bis es ihnen unter den Fingern weggeschnappt wird."

Rod Liddle freut sich schon allein aus patriotischen Gründen über den Literaturnobelpreis für Harold Pinter, seiner Ansicht nach der wichtigste englische Literat der vergangenen fünfzig Jahre. Doch wird Pinter wirklich für sein Werk ausgezeichnet? "Pinter hat seit 1960 gute Sachen geschrieben, aber nie mehr ähnlich gute wie in den Jahren davor. Sein letztes wichtiges Stück war 'No Man's Land' von 1974 - vor dreißig Jahren - aber er hat den Preis jetzt bekommen. Lehnt man sich also zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass die Nobelleute eher von Pinters jüngsten, unerbittlichen und scharfen Attacken gegen die amerikanische Außenpolitik beeindruckt waren?" Wie etwa folgendem launigen Vierzeiler:

"There's no escape,
The big pricks are out,
They'll fuck everything in sight,
Watch your back."
Archiv: Spectator

Point (Frankreich), 21.10.2005

In einem als "Schmähschrift" apostrophierten Essay ("Sur le pont d?Avignon", Flammarion) rechnet der französische Intellektuelle Regis Debray mit dem diesjährigen Festival von Avignon und seinem Leiter Jan Fabre ab. Es sei "mehr als ein Skandal" gewesen, nämlich der "Beweis eines kulturellen Zusammenbruchs". In den Auszügen, die Le Point veröffentlicht, erinnert sich Debray zunächst an die thematische und stilistische Ausgewogenheit des Festivals, das er 1956 nach seinem Abitur erstmals besucht hatte. "Gleichermaßen leichtbeschwingt und ernst" sei es damals zugegangen, die Aufführungen seien "karg und schön" gewesen. 2005 dagegen sei es an "Härte und Aggressivität" kaum noch zu überbieten gewesen. "Es wird gepöbelt, zerstückelt, gemetzelt. Und das Ganze live. Die Autoren haben es uns hundertfach vorgebetet: 'Die Welt ist gewalttätig. Diese Vorstellungen ebenfalls. Sie wollen witzige Einfälle? Schön, aber rechnen Sie nicht damit, dass wir Ihnen die bittere Pille versüßen. Konfrontieren Sie sich mit unseren harten Zeiten oder verlassen Sie den Saal.' Das Argument reicht nicht weit. Gibt es wirklich keine anderen Nöte als Psychosen und Perversionen?"
Archiv: Point

Przekroj (Polen), 20.10.2005

Repräsentiert Tariq Ramadan den "Islam mit menschlichem Antlitz"? Ist er gar die letzte Chance des Euroislams? Jakub Kumoch porträtiert den heftig umstrittenen (mehr) Islamwissenschaftler als tragische Figur. "Ramadan ist heute der einflussreichste islamische Denker im Westen, ein Götze der muslimischen Eliten in Westeuropa, angepriesen als 'Martin Luther King' des Islam und wichtigster Reformator des 21. Jahrhunderts. Gleichzeitig wird ihm oft Antisemitismus, Unterstützung des islamistischen Terrors und Verrat am Westen vorgeworfen. Für einige ist er die einzige Hoffnung auf Frieden zwischen Muslimen und der europäischen Mehrheitsgesellschaft, für andere ein Al-Qaida-Agent." Für Kumoch ist diese Ambivalenz auch der Grund dafür, dass Ramadan immer resignierter wirkt: "Für die Traditionalisten ist er zu fortschrittlich, für die assimilierten Muslime zu konservativ. Er wollte zur Verständigung beitragen, jetzt wird er der Zwiespältigkeit bezichtigt. Auf beiden Seiten des Grabens."

Zwei Publizisten, Jacek Zakowski und Piotr Najsztub, sprechen über die Präsidentschaftswahl in Polen: "Wenn ich könnte, würde ich aus Donald Tusk und Lech Kaczynski einen Präsidenten, einen 'Donald Duck' (kaczka heißt Ente) basteln. Bei Kaczynski wissen wir ziemlich genau, was uns erwartet und was für ein Mensch er ist, bei Tusk besteht noch die Chance, dass nach der Wahl etwas Besseres entsteht. Es gibt Stimmen, wie die von Lech Walesa, dass man Kaczynski wählen sollte, nur um die Brüder endlich regieren und sich kompromittieren zu lassen. Dann wäre endlich diese Epoche vorbei - wie eine Krankheit, die wir durchleben müssen, damit es später besser wird."
Archiv: Przekroj

Al Ahram Weekly (Ägypten), 20.10.2005

"Sehr wenig öffentliche Ereignisse sind derzeit dazu angetan, einem Intellektuellen Mut zu machen", schreibt Mona Anis und erklärt, warum sie sich gerade als Ägypterin über den Nobelpreis für Harold Pinter freut. Sie erinnert sich an ein Interview, in dem Pinter darüber sprach, wie obszön es sei, sich nicht politisch zu engagieren, wenn so viele Menschen leiden. "Gut zwanzig Jahre, nachdem ich erstmals mit Pinters Werk in Berührung kam, wurde ich wieder süchtig nach ihm, denn er gab mir die Gewissheit, dass große Künstler im Kampf gegen die Grausamkeit in der Welt eine Rolle spielen müssen und dass sie dabei bessere Künstler werden, auch wenn viele, die vom Status quo profitieren, das Gegenteil behaupten. Für die Auszeichnung Pinters geht mein tiefempfundener Dank an das Nobel-Kommittee, das mir gezeigt hat, dass andere diesen Standpunkt teilen. Vor allem weil viele Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler in Ägypten sich organisieren in einem Versuch, ein kulturelles Establishment zu verändern, das von Korruption und Schwindel durchsetzt ist, das Intellektuelle als Apologeten des Regimes engagiert und das nichts fördert außer verkrüppelte Propaganda."

Homer wird zu Omar, Bart zu Badr, Marge zu Mona - und die Simpsons werden als Familie Al-Shamshoon auf den ägyptischen Fernsehbildschirmen zu sehen sein, allerdings in einer arabisierten Version, wie Hicham Safieddine informiert: mit den Stimmen bekannter ägyptischer Schauspieler, und ohne Anspielungen auf Sex und Alkohol.

Die neue Ausgabe der Cairo Review of Books widmet sich vor allem politischen Büchern: David Tresilian bespricht Thomas Deltombes gründliche Studie über die Repräsentation des Islam in den französischen Medien (L'Islam imaginaire, la construction mediatique de l'islamophobie en France, 1975-2005). Rania Khallaf lobt und kritisiert Mervat Abdel-Nassers Liebeserklärung an die ägyptische Zivilisation und ihr Denken. Imam Hamam begrüßt Beth Barons Untersuchung der Rolle von Frauen in der jüngeren ägyptischen Geschichte (Egypt as a Woman: Nationalism, Gender, Politics).

Außerdem berichtet Fayza Hassan von einem Überraschungserfolg auf dem amerikanischen Buchmarkt: die englische Übersetzung einer Auswahl ägyptischer Folktales mit dem populären Antihelden und "weisen Narren" Goha. Eine davon steht hier.

Weltwoche (Schweiz), 20.10.2005

Im dritten und letzten Teil der Serie über Abu Mussab al-Sarkawi widmet sich Urs Gehriger dem modernen Propagandakrieg des Terroristen im Internet. "Al-Qaida ist die erste Terrororganisation, die den Kampf vom Boden in den Cyberspace ausgeweitet hat. Und an der Spitze steht Abu Mussab al-Sarkawi. Die Soldaten, die er in den digitalen Kampf schickt, sind jung, wenig über zwanzig. Während ihre Väter in den achtziger Jahren in den Dschihad nach Afghanistan reisten, sitzen sie bequem im Internetcafe. Statt der Kalaschnikow tragen sie Laptops, Handycams und DVDs. Kaum ein größerer Anschlag im Irak, der nicht von einer Kamera aufgezeichnet wird. Wenig später steht die 'Reportage' bereits im Netz. Der Kämpfer rennt mit dem Film zu einem Computer und lädt ihn auf eine der Dutzenden von Dschihad-Websites. 'Für einen Clip von 15 Sekunden dauert der ganze Ladeprozess eine halbe Stunde', sagt Kohlmann, 'mehr nicht.'" Evan Kohlmann ist 26 Jahre alt und mit seinem Büro Globalterroralert in kürzester Zeit zu einem gefragten Berater für alle geworden, die genaueres über islamistische Websites wissen wollen.

Margrit Sprecher porträtiert den Chef der Deutschen Bank, den Schweizer Josef Ackermann, der in Deutschland wegen seinen radikalen Maßnahmen immer mehr unter Beschuss gerät. "Doch Josef Ackermann sieht aus wie immer: heiter. Die volle Tolle über der Stirn ist frisch geföhnt, der Rücken scheint breiter denn je. Und neben den schmalschädligen, schmallippigen und schmalnasigen Vorstandsherren der Deutschen Bank wirkt er wie ein Bonvivant, der darauf wartet, dass endlich der gemütliche Teil beginnt. Das, allerdings, dauert lange."
Archiv: Weltwoche
Stichwörter: Josef Ackermann, Dschihad, Irak

Economist (UK), 23.10.2005

"Gib mir, was deine Seele dir sagt." Solches und Ähnliches, so der Economist, hört man in Russland, wenn es ums Bestechen geht. Und man höre es ständig, denn die Korruption habe sich in den letzten Jahren zu Russlands größtem Problem entwickelt. "Korruption herrscht in Russland überall. Oftmals scheint es nicht ein Nebeneffekt der Politik und der Ereignisse zu sein, sondern geradezu deren treibende Kraft, stärker noch als der wieder aufkommende Nationalismus." So sehr, dass nur aufsteigt, wer korrupt ist. Denn, wie die Russland-Beauftragte von "Transpareny International" Elena Panfilowa es ausdrückt, "ein korrupter Beamter ist ein loyalerer Beamter".

Weitere Artikel: Geradezu ehrfurchtsvoll schreibt der Economist über "Wasser", den dritten Teil der Film-Trilogie von Deepa Mehta, in dem sich die indische Regisseurin kritisch mit dem Schicksal der indischen Witwen (die nach dem Tod ihres Ehemannes als halb tot gelten und genötigt werden, unter Verschluss zu leben) auseinandersetzt. Und noch einmal Indien: Schlichtweg gefährlich nennt der Economist die Zugeständnisse, die George Bush entgegen dem Nichtverbreitungs-Vertrag für Nuklearwaffen an Indien gemacht hat. Weiter trauert der Economist um Arthur Seldon, der als Ideengeber des IEA (Institute of Economic Affairs) die wirtschaftspolitische Kultur Großbritanniens entscheidend geprägt hat. Aus vier mach drei - AOL steht zum Verkauf und der Economist spekuliert über den letztendlichen Käufer: Yahoo!, Google oder Microsoft? Und: Viel Lärm um Nichts? - Der Economist berichtet von einer kontroversen Studie, die bewiesen haben will, dass es doch keine "Dunkle Materie" gibt.

Und schließlich: Im Dossier geht es um Patente und die Auswirkungen, die eine Reform des Patentrechts auf die Entwicklung der Wirtschaft haben könnte.
Archiv: Economist

Literaturen (Deutschland), 01.11.2005

Literaturen holt die Literatur auf den Boden der Tatsache zurück, oder genauer auf die Tatsache des Bodens, und schreitet zur Wiederentdeckung des Ortes. Mit Freuden sieht Niels Werber einen "topographical turn" am Werk, der dem Hype des "ortlosen" Cyberspace ein Ende bereitet. Renate Klett wird dann konkret: Sie hat auf Thomas Stangls Worte Taten folgen lassen und ist nach Timbuktu gereist, um Vorstellung (Stangl schrieb einen Timbuktu-Roman, "Der einzige Ort", ohne jemals dort gewesen zu sein) und Wirklichkeit abzugleichen.

Sigrid Löffler porträtiert den mit "Weltgier" geschlagenen Reiseschriftsteller Cees Noteboom als Kartografen und Geschichtsschreiber, der in seinen Notizbüchern - seinem "externen Gedächtnis" - die Ungleichzeitigkeiten dieser Welt einfängt. "Die Kladden sind die Essenz seines Reise-Universums. Zweimal sind ihm seine Notizbücher gestohlen worden - einmal mitsamt der Reisetasche auf der Insel La Gomera, das andere Mal in einem überfüllten Stadtbus in Buenos Aires. Weil in diesen Kladden aufgehoben ist, was sonst vom großen Vergessen zermalmt würde, erlebte er ihren Diebstahl wie eine Amputation - ein unwiderbringlicher und schwer behindernder Verlust."

Weitere Artikel: Franz Schuh rät zu Andrea Camilleris sizilianischem Maigret "Der falsche Liebreiz der Vergeltung", auch wenn diesem das A und O des Kriminalromans fehlt: das Mordopfer. Sybille Berg versucht sich an alltäglicher Sinnstiftung und scheitert. Henning Klüver sinniert über das italienische Verhältnis zwischen Wein und Literatur. Eigentlich war es schon abgegrast, das Leben des Charles Bukowski, meint Manuela Reichart. Doch Bent Hamers Filmbiografie ist "eine einfache, fast stille, jede Minute überzeugende Geschichte: Ein Mann will schreiben und dafür überleben". Und in der Netzkarte stellt Aram Lintzel das "conference hunting" vor, eine globale Schnitzeljagd, die in ihrer mathematischen Formalisierung das erlebnisfreie Reisen auf die Spitze treibt.
Archiv: Literaturen

Elet es Irodalom (Ungarn), 21.10.2005

Das ES-Magazin druckt mehrere Nachrufe auf Istvan Eörsi (mehr hier): "Ein draufgängerischer Intellektueller, ein intellektueller Draufgänger, der es liebte, zu widersprechen. Er liebte Situationen, Entscheidungen und Begründungen des Dennoch und Trotzdem" - schreibt Andras B. Vagvölgyi. "Es war gut, dass er Veränderungen wollte und an ihnen teilnahm. ... Es war gut, dass er sich durch die Jahre im Gefängnis lachte und seine Wächter in den Wahnsinn trieb. Es war nicht gut, dass die ungarische Gesellschaft auf den ersten Ruf mit Janos Kadar ins Bett stieg, aber es war gut, dass Eörsi auch dazu eine andere Meinung hatte. Gleich am Tag seiner Freilassung. Es war gut, dass die Demokratische Opposition, die Samisdat-Zeitschriften, die Menschenrechte, die Forderung nach einer demokratischen Gesellschaftsordnung, das Verlangen nach dem freien Leben ohne Istvan Eörsi damals unvorstellbar war."

"Er war einer der Begründer der neuen Ordnung, aber das wird meistens nicht anerkannt - wer hat schon über einen ironischen Gründungsvater gehört? Gründungsväter grinsen nicht. Eörsi war einer der größten ungarischen Satiriker, weil er nicht alles auslachte. Nur fast alles" - meint der Philosoph Miklos Gaspar Tamas.

Weiteres: Zwei Beiträge feiern den Nobelpreis von Harold Pinter (hier und hier) und György Konrad feiert den von den Nazis ermordeten und zu Unrecht in Vergessenheit geratenen ungarischen Maler Istvan Farkas.