Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
01.11.2004. In der New York Review of Books bespricht J. M. Coetzee den neuen Roman von Philip Roth. In Le Point geißelt Andre Glucksmann den zur Ideologie gewordenen Antiamerikanismus. Al Ahram wünscht sich eine rationale Analyse der arabischen Welt. Im ungarischen Magazin ES erklärt Istvan Eörsi, warum er sich nicht von den Islamisten "befreiten" lassen möchte. In der London Review trauert Judith Butler um Jacques Derrida. Die polnischen Magazine Plus-Minus und Gazeta Wyborcza widmen sich den ukrainischen Wahlen. Die katalanische Culturas feiert den Müßiggang. Das TLS feiert Luthers Medienmogul. Die New York Times besucht Tom Wolfe.

New York Review of Books (USA), 18.11.2004

Garry Wills feiert Michael Walzers neues Buch "Arguing About War", dessen größtes Verdienst er darin sieht, dass Walzer die Debatte neu eröffnet hat, wer eigentlich die Autorität besitzt, einen gerechten oder wenigstens gerechtfertigten Krieg zu erklären - und wie demokratisch diese Entscheidung sein muss: "Walzer beschreibt, dass die amerikanische Regierung, wohlwissend um den Widerstand gegen einen nicht notwendigen Krieg, versucht hat, die Kriegsführung vom demokratischen Prozess zu isolieren. Indem sie die Einberufungen abschaffte, erreichte sie, dass sich einflussreiche Bürger weniger um Einsätze im Ausland sorgten. Luftangriffe mit geringem Risiko und 'intelligente' Kriegsführung sollen die Sterberate reduzieren und den Anteil der Menschen an den Kriegen minimieren, für die sich ihre Herrscher entscheiden. Walzer findet es abstoßend, andere zu töten, wenn man selbst nur ein geringes Risiko eingeht - das entspreche mehr der Rolle eines Heckenschützers oder Attentäters als der eines Kämpfers."

Nobelpreisträger J.M.Coetzee schreibt über Philip Roth' neuen Roman, in dem Charles Lindbergh als Marionette der Nazis ins Weiße Haus zieht. Er zumindest konnte darin keinen Schlüsselroman erkennen: "In jeder sinnvollen Lesart handelt 'The Plot Against America' nur im alleräußersten Sinne von George W. Bushs Präsidentschaft. Es braucht schone einen paranoiden Leser, um das Buch in einen Schlüsselroman der Gegenwart zu verwandeln. Aber schließlich geht es hier ja genau darum: Paranoia." Allerdings meldet Coetzee auch Kritik an: "Roth schreibt einen realistischen Roman über erdachte Ereignisse. Nach Plausibilitätsstandards, denen er sich selbst unterwirft, ist der historische Rahmen mehr als nur ein wenig wackelig."

Weiteres: David Cole trägt zusammen, wie die amerikanische Regierung seit dem 11. September die Bürgerrechte eingeschränkt hat. Russell Baker hat die wiederaufgelegten Bücher des großen Reporters A.J. Liebling gelesen und erinnert sich wehmütig an die Zeit, als Journalisten noch bescheiden waren: "Danach wurden aus der Presse die Medien". Joyce Carol Oates stellt die ultimative Biografie des Boxers Jack Johnson vor, Geoffrey C. Wards "Unforgivable Blackness". Und Richard C. Lewontin bespricht zwei Bücher, die sich mit der Integrität von Wissenschaftlern und der Frage beschäftigen, warum wir ihnen überhaupt glauben sollen.

Point (Frankreich), 01.11.2004

In seinem jüngsten Buch "Le discours de la haine" (Plon) führt der Philosoph Andre Glucksmann (mehr) aus, dass "zerstörerische Kräfte" für die Zukunft der Menschheit noch nie so bedrohlich waren wie heutzutage. In einem Gespräch mit dem Philosophen und Journalisten Roger-Pol Droit erläutert er seine These, wonach die USA "eines der Hauptziele des Hasses unserer Zeit" geworden seien: "Der Antiamerikanismus ist zur Ideologie geworden, der einzigen, die weltumspannend vorherrscht. In meiner verrückten Jungendzeit waren wir gegen den Vietnamkrieg, aber die Filme, die Lyrik, die Musik und die Literatur aus Übersee haben wir rückhaltlos bewundert. Über die derzeit gängige Vorstellung von 'zwei Weltanschauungen', also dass die europäische Kultur aus einem anderen Holz und der amerikanischen überlegen sei, hätten wir gelacht. (...) Der Hass auf Amerika ist ein Selbsthass, blind und selbstmörderisch. Er ist eine antiwestliche, vom Westen selbst erzeugte Ideologie wie zuvor andere. Der nihilistische Geist der Zerstörung und Selbstzerstörung ist im 19. und 20. Jahrhundert oft über Europa hinweggefegt."

Bernard-Henri Levy hat eigentlich nur ein Buch gelesen, nämlich "Frere Tariq", die gründliche Recherche von Caroline Fourest über den vermeintlich gemäßigten, in Genf residierenden Islamisten Tariq Ramadan (vgl. auch den in der letzten Magazinrundschau verlinkten Artikel in Al-Ahram). Aus dem Referat der in diesem Buch vorgebrachten Fakten macht Levy allerdings eine flammende Anklage gegen Ramadan, dem offenbar keine Regung des islamistischen Terrors fremd ist: Das reicht von Verbindungen zur Al-Qaida über Zustimmung zur Rushdie-Fatwa bis hin zur Unterstützung von Hamas-Selbstmordanschlägen. Levys Attacke mündet in Vorwürfe an die Linke, die das Bündnis mit dem Islamisten Ramadan suche: "Das Bild vervollständigt sich, wenn man sieht, wie dieser Mensch Bündnisse mit einem Teil der extremen europäischen Linken sucht - und zwar auf der Grundlage des Antizionismus und Antiamerikanismus. Es vervollständigt sich dadurch, dass Organisationen wie die Liga der Menschenrechte oder das Europäische Sozialforum in die Falle getappt sind und Ramadans Plädoyer für eine Anpassung des Laizismus an den Islam mit einem authentischen Laizismus verwechseln."
Archiv: Point

Al Ahram Weekly (Ägypten), 28.10.2004

Die spanische Soziologin Gema Martin Munoz ist eine "vehemente Kritikerin der falschen Darstellung des Islam in der westlichen Welt" - doch es geht, erklärt sie im Gespräch mit Omayma Abdel-Latif, nicht um kulturelle Richtigstellungen, sondern um die Möglichkeit politischer Einflussnahme. Die Medien, so Munoz, betonen das Besondere und verschweigen das Gemeinsame, sie fokussieren auf Kultur und Religion und ignorieren Politik und Ökonomie - sie handeln, anders gesagt, mit Differenz und zeichnen ein Standbild unüberwindbarer Distanz, anstatt nach Anknüpfungspunkten zu suchen. Distanz schafft Phantasien und Phobien und lässt nur den Weg des bewaffneten Rückzugs frei. Dem, argumentiert sie, wäre entgegenzuwirken, wenn die obsessive Beschäftigung mit Kultur zugunsten einer rationalen Hinwendung zur politischen Analyse der arabischen Welt aufgegeben würde.

In einem anderen Artikel geht es nicht um Wahrnehmungsfehler auf europäischer, sondern um Repräsentationsfehler auf arabischer Seite. Denn Stereotypen "arabischer Kultur", so Nehad Selaiha, kommt man nicht bei, wenn man ihnen "arabische Kultur" en bloc entgegenstellt, egal in welchem Gewand - zum Glück hat Selaiha, nachdem er bei der Frankfurter Buchmesse in die Sackgasse des uniformen Gegendiskurses geraten war, beim Festival "Theaterlandschaften Seidenstraße" Mülheim/Ruhr erlebt, wie kultureller Dialog tatsächlich funktioniert.

Und schließlich: noch ein Zünglein an der einen Waage - Khaled Dawoud berichtet von einem Umschwenken der arabischen Amerikaner, die eigentlich traditionell republikanisch wählen und 2000 achtzig Prozent ihrer Stimmen für Bush abgaben; dieses Mal schlagen sie sich wohl auf die andere Seite.
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New Yorker (USA), 08.11.2004

In einem Essay denkt Malcolm Gladwell über Formen der Verarbeitung von Unglück oder schrecklicher Erfahrungen nach. Unter Einbeziehung neuerer psychologischer Studien vergleicht er in einem literaturwissenschaftlichen Exkurs zwei Romane, deren Protagonisten denkbar unterschiedliche mit ihren Problemen umgehen: Sloan Wilsons Roman "The Man in the Gray Flannel Suit" von 1955 über das Leben der amerikanischen Mittelklasse in den Vorstädten ("verblüffend aktuell") und Tim O'Briens Vietnam-Roman "In the Lake of the Woods" von 1994. Gladwells Fazit: Der Unterschied zwischen den Romanen liege darin, dass wir heute nicht begriffen, "dass die Wirklichkeit den Befürchtungen nie entspricht". Wilsons Buch "stammt aus einer Zeit und einer Kultur, die das Vertrauen und die Klugheit besaß, diese Wahrheit zu verstehen". Den Schlusssatz von Wilsons Held - "Ich liebe dich mehr als ich sagen kann" - würde heute wohl niemand mehr schreiben, "aber nur deshalb, weil wir für die Tatsache blind geworden sind, dass die Vergangenheit früher oder später verblasst". Vierzig Jahre später, in O'Briens Roman, zerbricht der Held an seinem Kriegstrauma.

Weitere Artikel: David Remnick schreibt über einen Besuch bei Amos Oz (mehr) in Israel. Meghan O'Rourke porträtiert den bekanntesten Jugendbuchautor des USA, Edward Stratemeyer (1862-1930, mehr), der so populäre Bücherserien wie die "Hardy Boys" und "Nancy Drew" begründete. In einer Kolumne beschreibt Ian Frazier mehrere Fälle heikler Urteile bei Konflikten mit Kindern ("Das Gericht entschied, dass es ganz egal sei, was für ein Tier Dumbo ist, und dass jetzt geschlafen wird"). Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Breakup Stories" von Jonathan Franzen (mehr).

Buchbesprechungen: Louis Menand rezensiert eine Studie über die nationale Bedeutung von John F. Kennedys Rede von 1961 anlässlich seiner Amtseinführung ("Ask Not: The Inauguration of John F. Kennedy and the Speech That Changed America", Holt). Peter Schjeldahl verreißt eine "fette" Biografie über den englischen Kunsthändler Joseph Duveen vor (1869-1939), der Anfang des letzten Jahrhunderts "die amerikanischen Millionäre in Kunstliebhaber verwandelte" (Meryle Secrest: "Duveen: A Life in Art", Knopf); dafür lobt er eine "kleine, eher skizzenhafte Studie", die der Dramatiker S. N. Behrmann bereits 1951 im New Yorker veröffentlicht hatte.

Alex Ross durchstreift die New Yorker Downtown Musikszene. John Lahr bespricht das Ein-Personen-Stück "9 Parts of Desire", das sich mit der Unterdrückung irakischer Frauen auseinandersetzt, und eine Inszenierung des Gerichtsdramas "Twelve Angry Men". Joan Acocella porträtiert den argentinischen Tänzer Herman Cornejo ("derzeit wohl der technisch vollkommenste Tänzer der USA"). Und David Denby sah im Kino "Ray", eine Verfilmung der Karriere von Ray Charles, und das Wiedergeburtsdrama "Birth" des britischen Regisseurs Jonathan Glazer mit Nicole Kidman, den "inzwischen dritten Film in den vergangenen sechs Monaten, in dem sich eine schöne Frau in einen Jungen verliebt, der sie an jemanden erinnert".

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über eine das FBI aufmischende Mitarbeiterin und die Ausbildung zum Spion, die Geschichte eines Mannes, der das Meisterwerk eines befreundeten Schriftstellers zerstörte, sowie Lyrik von Gerald Stern und Derek Walcott.
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.10.2004

Der Schriftsteller Peter Nadas denkt über das Geheimnis der ungarischen Fotografie nach. An Laszlo Moholy-Nagy (mehr hier), Andre Kertesz (mehr hier) oder Eva Besnyo (mehr hier) findet er vor allem faszinierend, "mit welcher enormen Kraft und Erfindungsgabe sie ihre metaphysische Bestürzung in Lebensfreude, ihre Mutlosigkeit und Melancholie in sozialkritische Lebenskraft umzuwandeln wussten." Nadas ruft einige "Bilder der Zerstörung" aus seiner eigenen Kindheit hervor. Seine allererste Erinnerung ist die Flucht aus einem Treppenhaus während der Bombardierung Budapests: "wir fliegen gegen eine kalt aufflammende Wand und stürzen hinein." Die Aufgabe des Fotografen ist es, so Nadas, "in die dichteste Dunkelheit hineinblicken zu können. Es reicht nicht, den Unterschied zwischen hell und dunkel zu erkennen, man soll zwischen schwarz und schwarz unterscheiden können. Wenn es Gott gibt, dann findet man ihn vielleicht in den kleinsten Mengen des Lichtes und im auf das Minimalste reduzierte Kompositionsprinzip." Nadas, selbst auch Fotograf, ist Kurator einer Ausstellung über die ungarische Fotografie des 20. Jahrhunderts, die bis zum 3. Januar 2005 in Den Haag zu sehen ist.

Für Istvan Eörsi (mehr hiersind Antiamerikanismus und Antisemitismus die größten Gefahren, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Menschheit bedrohen. "Den Antisemitismus erzeugt nicht Sharon, und den Antiamerikanismus erzeugt nicht Bush. Die Klischees beider Strömungen kann man ja seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Israel, in den USA und in der ganzen Welt beobachten. Sharon und Bush verleihen jedoch diesen - auch ohne sie existierenden - Klischees ein geisterhaftes Dasein. Es erweckt den Anschein, als ob der islamische Fanatismus - als Anführer der Unterdrückten der Dritten Welt sowie der in schlimmster Armut lebenden Menschen in der ganzen Welt - die Menschheit von der Hölle der US-amerikanischen und israelischen Aggression befreien könnte. Diese 'Befreiung' würde die Welt aufgrund von meinem, auf der Aufklärung basierenden, europäischen Wertesystem unbewohnbar machen."

London Review of Books (UK), 04.11.2004

"Wie steht man letzten Endes für sein Leben und seinen Namen ein?" Diese Frage, die Jacques Derrida in seinem letzten Interview mit der Zeitung Le Monde stellte, gibt Judith Butler ihm nun zurück und hat in Derridas eigener Beschäftigung mit verstorbenen Freunden und Denkern erkannt, wie man um ihn trauern sollte: indem man seinen Namen nennt. Hier ein Zitat für Liebhaber: "Der Akt des Trauerns wird so zum einem fortgesetzen Gespräch mit dem anderen, der gegangen ist, obwohl er gegangen ist, und gerade weil er gegangen ist. Wir müssen jetzt 'Jacques' sagen, um denjenigen zu nennen, den wir verloren haben, und in diesem Sinne wird 'Jacques Derrida' der Name unseres Verlusts. Und doch müssen wir damit fortfahren, seinen Namen zu sagen, nicht nur um uns sein Hinscheiden zu vergegenwärtigen, sondern weil er derjenige ist, an den wir uns mit dem, was wir schreiben, richten; weil es für viele von uns unmöglich ist zu schreiben, ohne uns auf ihn zu berufen, ohne mit ihm und durch ihn zu denken. 'Jacques Derrida' als Name für die Zukunft unseres Schreibens."

Weitere Artikel: Michael Wood zeigt sich zutiefst erstaunt von Philip Roths wilder Gegengeschichte "The Plot against America", in der erschütterte jüdische Familien in einem nicht ausreichend erschütterten Amerika bestehen müssen. Theo Tait lobt V. S. Naipauls "Magic Seeds" als schreckliches Buch, das dem Leser sogar physische Leiden bereitet, ihn aber dafür mit "schwingenden Bildern, heimtückischer Klugheit und dem entfernten Cousin eines Sinns für Humor" entlohnt. Jacqueline Rose vergleicht zwei sehr unterschiedliche Bücher über Selbstmordattentäter: eine moderne Historie (Christoph Reuters "My Life Is a Weapon") und einen reichlich romantisierten Erzählband (Barbara Victors "Army of Roses"). Thomas Jones besieht sich das gefallene TV-Idol Robert Kilroy-Silk, der Ambitionen auf den Vorsitz der britischen EU-Gegnerpartei Ukip hegt. Und Peter Campbell stellt voller Verwunderung fest, dass Bruce Nauman es mit "Raw Materials" geschafft hat, aus der Turbinenhalle der Tate Modern einen Ort des Lauschens zu machen.

Plus - Minus (Polen), 30.10.2004

"Es sind dreizehn Jahre vergangen seit dem Zerfall der UdSSR, und Russland hat keinen demokratischen Staat aufgebaut, sondern ein System des feudalen Kapitalismus. Die Gesellschaft versteht nicht, dass der Staat keine imperiale Politik führen kann, die Bürger interessieren sich nicht für die Politik, die Politik interessiert sich nicht für die Bürger". Der polnische Russland-Kenner und Chefredakteur der Zeitschrift "Novaja Polscha", Jerzy Pomianowski, spricht im Interview mit dem polnischen Magazin Rzeczpospolita über Russlands Dilemma: "Sowohl diejenigen, die den Russen nur nachsichtig mit einem Ohr zuhören, als auch diejenigen, die nach jedem Wort in Entzückung geraten, wollen nicht wahrnehmen, dass ein Großteil der Konzepte, die in Russlands Gedankenwelten herum geistern, von außen herein geschleppt wurde. Nachdem die hiesige Marxismus-Atrappe das Feld räumen musste, blieb eine Brache zurück, die an eine radioaktive Müllhalde erinnert".

In einem gemeinsamen Artikel plädieren Kai-Olaf Lang von der "Stiftung Wissenschaft und Politik" und Mateusz Falkowski vom "Insitut für öffentliche Angelegenheiten" für eine aktivere, von Deutschland und Polen gestaltete Politik der EU gegenüber der Ukraine. Trotz der Meinungsunterschiede, was die Position des Landes in Europa, seine Beitrittsperspektiven und die Rolle Russlands angeht, könne eine deutsch-polnische Initiative für die Ukraine für alle Seiten Gewinn bringend sein. Schließlich sei sie "das einzige Land auf postsowjetischem Gebiet, in dem ein paar Tage vor der Präsidenschaftswahl der Sieger noch nicht fest steht".
Archiv: Plus - Minus
Stichwörter: Marxismus, Wissenschaft

Gazeta Wyborcza (Polen), 30.10.2004

"Die Wahlen in der Ukraine werden nicht durch die abgegebenen Stimmen entschieden, und auch nicht - wie Stalin es einst formulierte - durch diejenigen, die sie zählen. Entscheidend wird sein, inwieweit die Wähler bereits sind, für ihre Rechte zu kämpfen". Waclaw Radziwinowicz berichtet in der Wochenendbeilage der polnischen Gazeta Wyborcza von der Stimmung in der Ukraine kurz vor der wichtigen Abstimmung und sieht Anzeichen für eine "Revolution der Kastanien" (in Anlehnung an die "Revolution der Rosen" in Georgien), falls die Wahlen manipuliert werden. Zu welchen Mitteln die Regierung des Kremlfavoriten Wiktor Janukowitsch greift, um sich den Sieg zu sichern, illustriert Radziwinowicz am Beispiel einer Umfrage: Einen Vorsprung Janukowitschs meldete als erste die russische Stiftung 'Öffentliche Meinung', die - wie sich heraus gestellt hat - gar keine Umfragen durchgeführt hatte.

Der Oppositionsführer Wiktor Juschtschenko spricht im Interview über die europäischen Ambitionen seines Landes: "Wir sind Teil Europas, unsere Kultur und Identität sind mit den europäischen Werten verbunden. Europa ist unser Haus. Wir sind davon überzeugt, dass der europäische Einigungsprozess ohne die Ukraine nicht vollendet ist."

Wlodzimerz Kalicki fragt, warum es Polen seit 1989 eigentlich nicht geschafft hat, das Problem möglicher Vermögensansprüche der Vertriebenen international oder bilateral zu lösen. "Es ist schwer zu verstehen, warum in den letzten fünfzehn Jahren keine juristischen und politischen Analysen dieses Problems angestellt wurden. Die Konsequenz ist, dass die durch die Forderungen der Vertriebenen und der Preußischen Treuhand überrumpelte rechte Opposition von heute auf morgen Rechtsexpertisen erstellen lässt, um dann blindlings, ohne die Möglichkeiten und Konsequenzen abzuwägen, einen Parlamentsbeschluss mit gewichtigen internationalen Folgen zu erlassen." Und was jetzt? "Sollen wir Berlin mit den von der Bundeswehr geschenkten Leopard-Panzern erobern? Oder eher vor Scham im Boden versinken?"
Stichwörter: Georgien, Stalin, Bundeswehr

Culturas (Spanien), 27.10.2004

Ausgerechnet jetzt, wo der Herbst begonnen hat und alle arbeiten - oder wenigstens wählen - gehen sollen, singt Culturas, das Kulturmagazin der katalanischen Zeitung La Vanguardia, dankenswerterweise einmal mehr das Lob des Müßiggangs: Jordi Ibanez Fanes klassifiziert die Energieleistung der großen Philosophen - "Stünden Descartes und Wittgenstein angesichts der gegenwärtigen akademischen Hyperaktivität nicht als totale Schlafmützen da, die den Mund nicht aufkriegen, geschweige denn jemals all das publiziert bekämen, was man heutzutage zu publizieren hat?" Gloria Soler untersucht die Geschichte der Sommerfrische am Sonderfall des (katalanischen) Großbürgertums, insbesondere dessen "Kultur des Zweitwohnsitzes" in ländlicher Abgeschiedenheit, die durch zunehmende Verstädterung vor dem Verschwinden steht. Und Enric Soria kommt mit der Bibel zu dem Ergebnis: "Wir hatten die paradiesische Muße nicht verdient."

Passend hierzu eine ausführliche Rezension von "Memorias de mis putas tristes", dem neuen Roman von Gabriel Garcia Marquez, in dem ein Neunzigjähriger seine Mußestunden mit der Betrachtung einer schlafenden Schönen verbringt. Offensichtlich sehr zufrieden mit der Lektüre lobt J. A. Masoliver Rodenas insbesondere die Melancholie, Delikatesse und Abgeklärtheit von Autor und Erzähler. Voll des Lobes über die Sprache, Feinfühligkeit und Erzählkunst von Altmeister Garcia Marquez zeigt sich auch der Schriftsteller Marcelo Birmajer in seiner Rezension für das argentinische Magazin Radar - Birmajer rät, das kunstvolle kleine Werk keinesfalls in einer (Liebes)Nacht durchzufetzen, sondern häppchenweise zu genießen -, und selbst die "argentinische F.A.Z.", die strenge La Nacion aus Buenos Aires, rühmt "die lächelnde und verspielte Melancholie" des Buches. Die hymnische Besprechung aus El Pais ist dagegen leider nicht im Netz nachzulesen.
Archiv: Culturas

Economist (UK), 29.10.2004

Nicht direkt zwischen Pest und Cholera, aber immerhin nur zwischen Inkompetenz und Inkoherenz haben die Amerikaner am Dienstag die Wahl, meint der Economist und empfiehlt seinen 450.000 amerikanischen Lesern schweren Herzens, das kleinere Übel zu wählen: John Kerry. Denn um innen- wie außenpolitisch zu bestehen "braucht Amerika einen Präsidenten, der in der Lage ist, Fehler einzugestehen und aus ihnen zu lernen. George W. Bush hat sich durchweg geweigert, auch nur das Geringste zuzugeben, sogar nach Abu Ghraib, als er die perfekte Gelegenheit dazu hatte, Verteidgungssekretär Donald Rumsfeld zu entlassen und einen Neuanfang auszurufen, hat er es vorgezogen, nichts zu tun." Seiner Empfehlung entsprechend fragt sich der Economist in einem weiteren Artikel, wie es nach einer Wahlniederlage um die politische Zukunft George W. Bushs bestellt sein könnte.

Weitere Artikel: Endlich! Das demokratische Leben ist in das technokratische Grau der EU eingebrochen, freut sich der Economist angesichts der massiven - und erfolgreichen - Proteste gegen die Ernennung Rocco Buttigliones zum EU-Justiz-Kommissar. Daran werde deutlich, dass sich auch die europäische Öffentlichkeit für die Brüsseler Entscheidungen interessiere, sobald es um Werte, und nicht mehr um dröge Handelsrichtlinien gehe. Wie der Economist einigermaßen befriedigt feststellt, hat sich das Diktum "Sex sells" überlebt. Begeistert stellt der Economist zwei Exemplare eines neuen Genres vor: die grafischen Romane von Art Spiegelman ("In the Shadow of No Towers") und Marjane Satrapi ("Persepolis 2"). Nostalgisch verabschiedet sich der Economist vom lange gejagten und nun erlegten indischen Robin Hood, dem Banditen Veerappan.

Ein ganzes Dossier widmet der Economist der hoffentlich bevorstehenden Revolution im IT-Bereich - weg von kostspieliger und benutzerfeindlicher Komplexität, hin zu mehr Menschenfreundlichkeit. Und schließlich lesen wir, wie die Musikindustrie sich das Internet nutzbar machen könnte, welche Art Verwandter der jüngst entdeckte homo floresiensis ist, und dass auch die Sahara ihre Westbank hat.
Archiv: Economist

Outlook India (Indien), 08.11.2004

William Dalrymple hat ein "umfangreiches, ungewöhnliches, schwieriges und ambitioniertes Buch gelesen, eine Mischung aus Memoiren, Reisebeschreibung, philosophischer Studie und spiritueller Suche" - Pankaj Mishras "An End to Suffering: The Buddha in the World". Mishra will, schreibt Dalrymple, "nicht nur eine Einführung in den Buddhismus geben und die Geschichte seiner eigenen Suche nach Bedeutung erzählen, sondern zeigen, warum Buddhas Philosophie, die in einer Phase drastischer Veränderungen und sozialen Aufruhrs entstand, auch in unserer schwierigen Gegenwart relevant ist, wie sie Antworten auf Fragen persönlicher Identität, Entfremdung und vor allem Leiden liefern kann." Wer, wenn nicht Mishra, der kluge Essayist, renommierte politische Kommentator und ausgezeichnete Prosaist, sollte das schaffen, fragt Dalrymple und ist traurig, vermelden zu müssen, dass es dennoch nicht gelungen ist - trotz einer thematischen Breite, die von Hobbes bis bin Laden reicht und alles von den Veden bis zu Borges einschließt. Möglicherweise gerade deshalb: zu viele Namen, zu wenig Ordnung.

Ansonsten ist es eine Ausgabe der leichten Lektüre: Smita Guptas Titelgeschichte ist erstklassischer Tratsch, der nach einem Schlüsselroman über die kulturelle und politische Elite Indiens schreit. Denn seit 1987 sind der mächtigste politische Clan - die Gandhis - und die Familie von Amitabh Bachchan, dem größten Filmstar des Subkontinents, verfeindet, nachdem sie vorher eine bis in die vierziger Jahre zurückreichende Freundschaft verband. Das wissen die Inder natürlich längst, doch was genau die Gründe waren, darüber wurde immer nur gemunkelt. Kürzlich ist die Fehde erneut aufgeflammt - Grund genug für Outlook, die höchst komplizierte Geschichte der Feindschaft noch einmal aufzurollen.

Weitere Artikel: In den vergangenen Monaten gab es einige Ereignisse, die unter indischen Filmschaffenden eine Debatte pro und contra Zensur ausgelöst hat. Die meisten, berichtet Sanghamitra Chakraborty, sind dagegen, aber so einfach ist es nicht: Es geht nicht allein um Redefreiheit vs. politische Zensur, sondern auch um hate speech und Gewalt. Sugata Srinivasaraju schreibt über den Tod des Banditen Koose Munisamy Veerappan, der auf vier Jahrzehnte krimineller Karriere zurückblicken konnte, als er vor zwei Wochen erschossen wurde. Und Hari Menon hat interessante Neuigkeiten für Himalaya-Fans: Der Fall des geheimnisvollen Skelette von Roopkund, einem See in 5054 Meter Höhe, ist aufgeklärt - ein Hagelsturm hat den massenhaften Tod verursacht, und zwar im 9. Jahrhundert.

Times Literary Supplement (UK), 29.10.2004

Alexander Murray feiert im Aufmacher Joseph Leo Koerners kunsthistorisches Buch "The Reformation of the Image" über "Luthers Medienmogul" Lucas Cranach den Älteren. Endlich, jubelt Murray, räumt jemand mit dem seit Erasmus verbreiteten Irrglauben auf, die Reformation sei eine Tragödie für die Kunst gewesen. "Niemand behauptet, Wittenberg sei ein Florenz gewesen oder hätte es sein können. Doch in gewissem Sinne hatte Wittenberg sogar mehr Kunst als Florenz... Das lutherische Deutschland produzierte Gemälde zu Tausenden, Drucke sogar zu Zehntausenden und hinterließ einen ganz speziellen Korpus, der für Betrachter, die mit seiner Ideologie nicht vertraut sind, irritierend sein kann, der aber heute nach Interpretation schreit."

"Mit Daniel Libeskind hat auch die neue Gegen-Reformation ihren Bernini gefunden", konstatiert Keith Miller, der einige Neuerscheinungen über den "ground-zero"-Entwurf des Stararchitekten nutzt, um mit dessen theatralisch-pathetischer Geste ins Gericht zu gehen: "Wie Amerika gerade seine Gründungsprinzipien der Aufklärung für einen emotionalen Absolutismus und religiösen Eifer aufgibt, so betäuben auch Libeskinds Bauten anstatt zu erklären, provozieren Emotionen anstatt Reflektionen hervorrufen."

Weiteres: Matthew Cobb stellt ein ausgesprochen interessantes Buch über die Lernfähigkeit von Primaten vor: "Original Intelligence" von David und Ann Premack, beide Pioniere auf diesem Gebiet. Besprochen werden außerdem Edward McPhersons informative, vergnügliche und in ihrem Enthusiasmus ansteckende Buster-Keaton-Biografie sowie Sue Townsends neues Buch "Adrian Mole and the Weapons of Mass Destruction".

Espresso (Italien), 04.11.2004

Umberto Eco rühmt die anastatische Reproduktion (mehr), mit der seltene alte Manuskripte und Handschriften auch Normalmenschen zugänglich gemacht werden, die sich keine Bücher "zum Preis eines Jaguars" leisten können. Einen "Schlag in die Magengrube" gibt es zur aktuellen Printausgabe in Gestalt von Michael Moores "Fahrenheit 451" umsonst mit dazu, informiert Lorenzo Soria und verrät, dass sich Moores nächster Streich "Sick" mit dem amerikanischen Gesundheitssystem befassen wird. Cesare Balbo kündigt die bitterböse Satire Team America - World Police an, deshalb vielversprechend, weil vom South-Park-Team produziert. Und Monica Maggi wird durch die Mailänder Erotikmesse angeregt, die respektabele Größe der einschlägigen Filmindustrie in Italien zu beschreiben.

Das exklusive Tagebuch der berühmten italienischen Exgeiseln im Irak, Simona Pari und Simona Torretta, ist eigentlich nur für Abonnenten zugänglich, mit einem kleinen Trick aber für alle zu lesen. Auf der Artikelseite einfach die Druckversion anklicken.
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New York Times (USA), 31.10.2004

Für das New York Times Magazine besucht Charles McGrath Tom Wolfe in dessen immer noch angemieteten Haus in Southampton und verarbeitet seine Eindrücke des wild an "I Am Charlotte Simmons" (erstes Kapitel) arbeitenden Schriftstellers in einem ebenso schnell fließenden Bewusstseinsstrom. Beeindruckend findet er zunächst einmal Wolfes Sammlung von mechanischen Schreibmaschinen. "Da gibt es die 1966 Underwood, das Arbeitspferd der Flotte, auch wenn man langsam ihr Alter sieht, und wo verdammt soll er eine andere herbekommen?" (bei Ebay!) "Dann gibt es die Adler, eine deutsche Maschine, und obwohl wir uns von Stereotypen jedweder Art fernhalten wollen, hat diese Maschine nun mal, Vorurteile hin oder her, einige nationale Eigenschaften. Sie ist ein wenig steif, ein bisschen teutonisch, aber sehr effizient. Jawohl! Die elektrische Smith Corona wollen wir gar nicht erwähnen, sie geht einem auf die Nerven, wie sie da sitzt und summt, als würde sie sagen: 'Also, großer Junge, auf geht's!'"

Im Aufmacher fragt sich Russell Shorto, ob die Religion nach der Sexualität das nächste große Diskussionsthema am Arbeitsplatz wird. In den USA werden Glaube und Geschäft zunehmend verbunden, etwa beim Beten für einen guten Kredit. Deborah Solomon fragt die National Book Award Finalistin Christine Schutt, ob 100 verkaufte Ausgaben auch für eine Qualitätsautorin nicht doch zu wenig sind. Und Mary Beth Pfeiffer erzählt, warum eine Frau mit psychischen Problemen im Bestrafungstrakt der Bedford Hills Correctional Facility Selbstmord begangen hat.

Die New York Times Book Review: Fragt man Anthony Quinn, hat Alan Hollinghurst den Booker Prize vollauf verdient. "The Line of Beauty" preist er als "herausragendes" Stück Literatur mit einem großartigen Aufgebot an Charakteren, in dem zum ersten Mal auch Frauen prominent vertreten sind. "Außerordentlich tollkühn ist Hollinghursts Vorstellung der 'Lady', auch bekannt unter dem Namen Margaret Thatcher, die über das ganze Buch hinweg präsent ist, aber, wie Kurtz in 'Das Herz der Finsternis', bis zum Schluss unsichtbar bleibt. Als sie auf einer Party bei Fedden auftaucht, wird sie von ihren Höflingen belästigt bis Nick, durch Kokain wagemutig geworden, seinen Augenblick gekommen sieht."

John Updikes (mehr hier und hier) 21. Roman "Villages" erinnert Walter Kirn mit seinen expliziten Sexszenen an Updikes erste, erstaunlich sichere Schritte auf der Weltbühne der Literatur. Mit langen Beschreibungen des Beischlafs kehre Updike, der sich damals "den Ruf als Amerikas möglicherweise redegewandtester und gynäkologisch gründlichster Schmutzfink" erwarb, wieder zu seinen Wurzeln zurück, wenn auch in einer weicheren, reflektierteren Tonlage: "Beim frühen und mittleren Updike hatte jedes menschliche Genital seine eigene Körperlichkeit, oftmals mit klinischer Präzision und lebendiger Individualität beschrieben." Hier das erste Kapitel.

Weitere Besprechungen: Nancy Reagan war weniger machiavellistisch als gedacht, aber auch einflussreicher als vermutet, hat Walter Isaacson aus Bob Colacellos "Ronnie and Nancy" erfahren, einer "respektvollen, aber nicht schleimigen" Doppelbiografie der beiden (erstes Kapitel). Bei der Gelegenheit bespricht Isaacson auch gleich einen Band mit gesammelten Reden und Manuskripten Ronald Reagans (erstes Kapitel). John James Audubons Vogelzeichnungen (mehr) sind so menschlich, staunt Jonathan Rosen - "sein weißer Pelikan schaut aus, als würde er vor dem Losfliegen seine Taschenuhr konsultieren" -, und Richard Rhodes habe diesen Aspekt in seiner Biografie des Künstlers (erstes Kapitel) sehr gut verstanden. In einem kleinen Rezensionsessay lernt Eric Weissbard aus drei neuen Bänden, dass der moderne Pop auf sehr vielen verschiedenen Beinen steht.