Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
01.06.2004. Den aktuellsten Text bringt der Merkur: Die Zeitschrift veröffentlicht online noch einmal den berühmten Essay von Jean Amery über "Die Tortur". Der New Yorker portärtiert den Mann, der Bush zur Mär von den Massenvernichtungswaffen verführte: Ahmad Chalabi. Al Ahram sieht Chancen für die Demokratie in Arabien. In Cicero erklärt Hans-Hermann Tiedje, warum der Spiegel nicht links sein kann. Im Express backt Jean-Paul Gaultier Kleider aus Brot. Outlook India ist sicher: New Bollywood kommt. Und das TLS fragt sich bis heute, wie Amerika einer frankophilen Manie für abstruses Denken verfallen konnte.

Merkur (Deutschland), 01.06.2004

Den aktuellsten Text versteckt der Merkur unter dem unauffälligen Link "Hintergrund". Hier publiziert man als pdf noch einmal Jean Amerys berühmten Essay über die Folter aus dem Merkur vom Juli 1965: "Wer von der Tortur spricht, muss sich hüten, den Mund voll zu nehmen. Was mir in dem unsäglichen Gewölbe in Breendonk zugefügt wurde, war bei weitem nicht die schlimmste Form der Folter. Man hat mir keine glühenden Nadeln unter die Fingernägel getrieben, noch brennende Zigarren auf meiner nackten Brust ausgedrückt. Was mir dort zustieß, war vergleichsweise gutartig, und es hat keine auffälligen Narben an meinem Körper zurückgelassen. Und doch wage ich, zweiundzwanzig Jahre später, auf Grund einer Erfahrung, die das Maß des Möglichen keineswegs auslotete, die Behauptung: die Tortur ist das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann."

"Kann man einer Region das demokratische Herrschaftssystem von außen mit Gewalt überstülpen?", fragt der Konfliktforscher Ernst-Otto Czempiel und erklärt uns als Antwort Gesetz eines gewissen Seeleys, nach dem "der Grad der Freiheit in einem Land umgekehrt proportional zu dem Druck" ist, "der auf seinen Grenzen lastet". "Nach Seeleys Gesetz können sich die Freiheitsräume der Bürger in den Staaten eines internationalen Systems nur erweitern, wenn der Spannungsgrad niedrig ist. In einer Zone aktueller gewaltsam ausgetragener Konflikte kann sich keine Demokratie entfalten, werden vorhandene demokratische Strukturen eher reduziert."

Außerdem online zu lesen ist die Ästhetikkolumne, in der Wolfgang Kemp die superkalifragilistisch-expealigorischen Sprachgepflogenheiten der aktuellen Kunstszene zerpflückt.

Nur im Print untersucht Stefan Weidner vom Online-Kulturmagazin "Art & Thought" die Tauglichkeit "harter" und "weicher" Islamdeutungen, die sich grundsätzlich in der Frage unterscheiden, ob der Islam demokratisierbar ist. "Was auch immer man dazu dekretiert, forscht oder meint, es ist einerlei. Denn selbst gesetzt, diese Vereinbarkeit bestünde nachweislich nicht, wäre es sehr wohl möglich, sie neu zu begründen und zu diesem Zweck alle widersprechenden Dogmen nach Art einer radikalen Reformation über Bord zu werfen... Es genügt, sie zu wollen."

Weiteres: Der Publizist Peter Bender ("Weltmacht Amerika") denkt über Nutzen und Nachteile eines Imperiums nach. John Brewer feiert James Buchans Buch "Capital of the Mind" über die schottische Aufklärung, die mit David Hume und Adam Smith an der Spitze von Edinburgh aus die Welt veränderte. Und Hans-Olaf Wiesemann hält es für höchste Zeit, dass sich Ökonomen an den Gesundheitsbereich machen, um "das dichte Geflecht aus egalitären Gerechtigkeitsvorstellungen, wohlorganisierten Partikularinteressen und gutgemeinter Verschwendung zu verstehen und bessere Alternativen anzubieten".
Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 07.06.2004

Als großen "Manipulator" porträtiert Jane Mayer den wohlhabenden irakischen Bankier und Schiiten Ahmad Chalabi, der seit Jahren an Saddam Husseins Sturz gearbeitet hat. Mayer trägt noch einmal jene "faulen Geschichten" etwa über irakische Massenvernichtungswaffen und eine Verbindung Saddams zu Al Qaeda zusammen, mit denen Chalabi die amerikanische Regierung beliefert hat und die schließlich zur offiziellen Begründung für den Irakkrieg wurden. Die politische Zukunft des inzwischen unbequem gewordenen Informanten, schreibt sie, sei derzeit indes mehr als ungewiss.

In einem Essay denkt Roger Angell über familiäre Erinnerungen nach und erzählt dabei Teile seiner Familiengeschichte ("Erinnerungen sind Fiktion - anekdotische Versionen bestimmter Szenen oder vergangener Ereignisse, die wir für den aktuellen oder zukünftigen Gebrauch speichern"). In einer Glosse macht sich Evan Eisenberg über Bush als "Ohrensesselkrieger" lustig ("Der Ohrensesselkrieger hat keine Angst vor dem Tod, vor allem nicht vor dem anderer Leute"). Henry Hertzberg kommentiert die Rolle des Glaubens im Präsidentenamt. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Suckers" von V.S.Naipaul (mehr).

Besprechungen: Jonathan Rosen beschreibt anlässlich von Veröffentlichungen zum 100.Geburtstag von Isaak B. Singer am 14. Juli wunderbar detail- und kenntnisreich, wie der jiddische Schriftsteller sich in die amerikanische Literatur einführte. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Buch über das "mörderische Meer". Peter Schjeldahl stellt zwei Ausstellungen mit Arbeiten der inzwischen 92-jährigen amerikanischen Malerin Agnes Martin (mehr hier) vor. Alex Ross schreibt über ein einwöchiges Festival, das anlässlich seines 50. Todestags den Komponisten Charles Ives feierte. John Lahr freut sich über die Wiederaufnahme des "subtilen und brillanten" Stücks "Sight Unseen" von Donald Margulies. Und Anthony Lane widmet seine Filmbesprechung heute ausschließlich Roland Emmerichs "The Day After Tomorrow". "Dieser Film beschert uns fraglos das Vergnügen, das Empire State Building in das weltgrößte Eis am Stiel verwandelt zu sehen und lässt uns dann für dieses Vergnügen zahlen, indem er uns belehrt, was für verantwortungslose Bürger wir gewesen sind. Das lasse ich mir vielleicht gerade noch Politikern sagen, nicht aber, fürchte ich, von dem Mann, der ‚Stargate’ gemacht hat."

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über mögliche Veränderungen beim amerikanischen Fernsehsender PBS durch Bemühungen um mehr "Balance" und Lyrik von Jack Gilbert und Maxine Kumin.
Archiv: New Yorker

Prospect (UK), 01.06.2004

Niall Ferguson wittert die große Chance des Euro, zur weltweiten Reservewährung zu werden. Was dies bedeuten würde, hat de Gaulle 1965 anhand des Dollars, der damaligen (und heutigen) Reservewährung, erklärt - und kritisiert: "Die Vereinbarung, die dem Dollar ein transzendenter Wert als internationale Währung verleiht, hat seine ursprüngliche Daseinsberechtigung verloren. (?) Die Tatsache, dass viele Staaten Dollars akzeptieren, um Amerikas Zahlungsdefizite aufzuwiegen, hat es den USA ermöglicht, sich bei fremden Ländern gratis zu verschulden. In der Tat zahlen sie die Länder, denen sie etwas schulden, in Dollar aus - und Dollarnoten können sie so viele drucken, wie es ihnen beliebt. (?) Diese einseitige Vergünstigung, die Amerika zugebilligt wurde, hat die Vorstellung hervorgerufen, dass der Dollar ein unparteiisches Tauschmittel darstellt, wo es eigentlich ein auf einen einzigen Staat zugeschnittenes Kreditmittel ist." Ausführlich erklärt Ferguson, inwiefern der Euro dem Dollar bald den Rang ablaufen könnte. Aber - "ob das so wichtig ist? Darauf können Sie Gift nehmen."

Weitere Artikel: Der Prinz von Wales hat traditionnell keine festgelegten Aufgaben, und meistens sucht er sich auch keine und wartet auf das Königsein, erläutert Tristram Hunt. Prinz Charles allerdings ist da anders: Ohne einer politischen Richtung verpflichtet zu sein, engagiert er sich politisch - doch auf eher rückwärtig-esoterisch-angehauchte Weise und somit nicht immer zur Freude aller Beteiligten. David Herman denkt darüber nach, warum die neue Art der Geschichtsschreibung dermaßen blutrünstig und gewaltlastig ist. "Könnten Sie die BBC leiten?" Politjournalist David Dimbledy hat zwar den Posten des BBC-Chefs nicht bekommen, doch gibt er Michael Grade, dem neuen Chef, seine Einschätzung der Lage mit auf den Weg. Wie Deyan Sudjic berichtet, wird das schottische Parlamentsgebäude in Edinburgh mehr und mehr zur Finanzkatastrophe (anstatt ursprünglich 40 Millionen Pfund wird es wohl über 400 Millionen kosten). Soviel zu den Kosten - der Wert des von Enric Miralles ersonnenen Meisterwerks sei dagegen unschätzbar. Und schließlich erklärt Jason Burke alles, was man über Al-Quaida wissen muss.

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Archiv: Prospect

Al Ahram Weekly (Ägypten), 27.05.2004

Hala Mustafa sieht zwar vielfältige Probleme in den politischen Systemen der arabischen Welt, widerspricht aber entschieden der Annahme, arabische Länder könnten in der Zukunft keine Demokratien werden: "Die Distanz zwischen dem was wir haben und dem was wir wollen mag groß sein. Der Weg mag steinig sein, gepflastert mit dem Schutt zerstörter Hoffnung, aber wir geben nicht auf. Es gibt keine Nationen, die zum Fortschritt und andere, die zur Rückschrittlichkeit verdammt sind. Wenn es so wäre, hätte die Geschichte längst angehalten."

Weitere Artikel: Azmi Bishara fürchtet, dass der israelischen Linken die Ideen ausgegangen sind und sie zur "rechten Hand" Sharons werden könnte. Dass der palästinensischen "intellektuellen Klasse, der Zivilgesellschaft und einigen Führeren der PLO klar wird, dass eine komplette Umstrukturierung des politischen Systems notwendig ist" hofft Mohamed El-Sayed Said. Unterschiedliche Meinungen gibt es über die Politik der arabischen Liga: Den Gipfel in Tunis interpretiert Ibrahim Nafie als Fortschritt für eine gemeinsame arabische Diplomatie, während Nayef Hawatmeh darauf hinweist, dass den wohlklingenden Resolutionen jetzt auch Taten folgen müssen. Salama a Salama sieht ihn vollends als Zeichen für die Unentschlossenheit und fehlende Einheit der arabischen Welt.

Außerdem: Nachdem Ägypten bei der Wahl des Austragungsortes für die Fußball-WM 2010 keine einzige Stimme bekommen hat, beginnt die Suche nach den Schuldigen. Abdel Raouf El-Reedy bespricht ausführlich das Buch "Disarming Iraq" des ehemaligen Waffeninspekteurs Hans Blix und empfiehlt es nachdrücklich. Ganz kurz äußert Nagib Machfus (mehr hier) seine Wertschätzung für die Frankfurter Buchmesse. Nehad Selaiha ist begeistert von dem Theaterprojekt "Shakespeare: An Encounter" des seit einem Jahr bestehenden Bibliotheca Alexandrina Resident Theatre (homepage), und die ägyptische Musikgruppe Qithara will der arabischen Popmusik traditionellere Klänge entgegen setzen.

Cicero (Deutschland), 01.06.2004

Ex-Bild-Chef, Ex-Kohl-Berater Hans-Hermann Tiedje macht sich Gedanken darüber, wie links der Spiegel unter Aust noch ist. Gar nicht eigentlich, meint er, und überhaupt: "Heute sind nur noch links: das PDS-Blatt Neues Deutschland, ein paar marodierende Alt-68er-Reste im WDR, Teile der taz und die SPD-Parteizeitung Frankfurter Rundschau. Und an guten Tagen Jürgen Trittin." Daher meint Recht Tiedje auch: Recht so - wo wäre denn die Zielgruppe eines linken Spiegel: "Da die SPD bei 25 Prozent dümpelt, verkaufte sich ein linker Spiegel auch ziemlich schlecht. Mehr noch: Wo die politische Linke unablässig an Glaubwürdigkeit verliert, wäre es dumm, einen linken Spiegel zu machen. Und: Für die alten Befindlichkeiten reichen ja immer noch Hinweise auf die bösen Amerikaner."

Von einem Fotoessay mit Kommentaren von Tilman Spengler sind im Netz (mit Ausnahme eines sehr vertrauten Bildes) nur die Kommentare zu sehen. Das macht den kulturgeschichtlich weit ausgreifenden Text natürlich ein wenig kontextlos, aber das geht sehr eindeutig an die Adresse der bösen Amerikaner: "Man wird den amerikanischen Aufsehern im Abu-Ghraib-Gefängnis, die sich jetzt juristisch verantworten müssen, vielleicht glauben, dass sie von ihren Vorgesetzten noch nie mit den Regeln eines menschenwürdigen Umgangs mit Gefangenen vertraut gemacht worden sind. Dass sie genauso unvertraut im Umgang mit Pornografie sind, wird ihnen niemand glauben."

Außerdem: Martina Fietz sucht nach einem Kabinetts-Job für Fritz Kuhn. Norbert Blüm diagnostiziert bei den deutschen Wirtschaftseliten galoppierenden "Autismus".
Archiv: Cicero

Express (Frankreich), 01.06.2004

Jean-Paul Gaultier stellt in der Fondation Cartier aus. Und die Austellung ist dem Brot, genauer, der Baguette gewidmet, die Gaultier zu Kleidern und Korsetten inspirierte: Diese Ausstellung, sagt der Modeschöpfer im Inteview, "schließt an meinen ersten Kindheitswunsch an. Als ich ganz klein war, lange bevor ich davon träumte, Kostüme zuu schneidern, lange bevor ich meinen Teddy als Tänzerin der Folie-Bergeres verkleidete, träumte ich davon, Bäcker zu werden. Und dann ist die Baguette auch Symbol der Stadt Paris und des Parisers, der ich bin." Nebenbei erfahren wir, dass die Filmemacherin Tonie Marshall einen Dokumentarfilm über Gaultier gedreht hat.
Archiv: Express

Economist (UK), 29.05.2004

Der Economist stellt Hu Shuli vor, Chinas berühmt-berüchtigte Wirtschaftsjournalistin und Herausgeberin der Zeitschrift Caijing, deren wohl größte Stärke es ist, genau zu wissen, wie weit sie angesichts der Regierungs-Zensur gehen kann. Und "diese Begabung wird sie zunehmend brauchen können, jetzt wo sie Caijing über Finanzskandale hinaus auf gefährlicheres Terrain führt - die Regierungspolitik zu kommentieren. Die Falun-Gong-Sekte und die Demonstrationen auf dem Platz des Himmlichen Friedens sind jenseits der Grenzen, sagt sie. Meistens könne sie 'bloß spüren', ob ein Bericht zu kontrovers sein wird. Letztes Jahr berichtete sie zum Beispiel über Pekings Vertuschung der SARS- Epidemie. Diese Berichte brachten ihr viel Zuspruch ein - doch sie hob sich ihre schärfste Kritik für den Zeitpunkt auf, als die Regierung ihre Fehler öffentlich zugab und sowohl den Gesundheitsminister als auch Pekings Bürgermeister feuerte."

Weitere Artikel: Ärgerlich findet der Economist, dass wirtschaftliche Wachstums- oder Umsatzwerte allzu oft nicht auf ihre Erhebungsmethode hin hinterfragt werden. So müssten gerade politische Entscheidungen (genannt wird das Beispiel des Intergovernmental Panel on Climate Change) eher aufgrund einer Kaufkraft-Paritäten-Analyse (in der Werte sich aus dem Verhältnis von Preisen und Kaufkraft ergeben) gefällt werden als aufgrund der oft verwendeten Umrechnungskurs-Analyse (die lediglich Preise umrechnet, als wäre der Weltmarkt einheitlich), die eher in der Business-Welt von Bedeutung ist. Der Economist analysiert die (fatalen) Folgen für die Ölversorgung, die eine (mögliche) terroristische Attacke auf Saudiarabiens Öl-Produktionsstätten hätte.

Außerdem: Was Dubai zu einer der wichtigen Metropolen des Mittleren Ostens gemacht hat, warum die arabische Berichterstattung über den Gipfel der arabischen Staaten mehr verheißt als der Gipfel selbst, und warum der neue indische Premier nicht korrupt genug ist.

Leider nur im Print zu lesen: der Aufmacher über George Bushs Umgang mit dem Wahlkampfthema Irak, ein Bericht über zeitgenössische deutsche Literatur und ein Artikel über den internationalen Scheidungsmarkt.
Archiv: Economist

New York Times (USA), 29.05.2004

Es scheint wenig Gründe zu geben, Pauline Kael (mehr) und Susan Sontag (mehr und mehr) zu vergleichen", schreibt Michael Wood über Craig Seligmans ungewöhnlichen Versuch "Sontag & Kael". Anfangs (erstes Kapitel) weiß keiner, worauf der "eloquente Zweifler" Seligman hinaus will, er springt von einer zur anderen, und scheint nur die Konversation am Laufen halten zu wollen. "Doch dann werden die Umrisse einer echten Diskussion zwischen Sontag und Kael sichtbar, auch wenn sie nie eine geführt haben: Kael meint, wir lieben die Ernsthaftigkeit viel zu sehr, weshalb wir in die Abgründe unser Liebe zum Trash hinabtauchen müssen, um dieser Feierlichkeit zu entkommen", notiert Wood. "Aber es ist auch möglich, mit Sontag zu argumentieren, dass der Feind etwas anderes ist: Frivolität, die Bedrohung der Ernsthaftigkeit, die mit unserem Verlangen nach Schnelligkeit und Neuem einhergeht." Die anfängliche Skepsis des Rezensenten löst sich in Bewunderung auf. "Seligmans Offenheit und Gewandtheit, seine Bereitschaft, seine Zweifel ernst zu nehmen und seine Meinung zu ändern, führt uns zu Orten, die wir ohne ihn nicht hätten erreichen können."

Weitere Besprechungen: Verlyn Klinkenborg leistet Roland Emmerich Flankenschutz und stellt eine Reihe von alarmierenden Büchern vor, die die Klimadebatte ein für alle Mal entscheiden könnten, "wenn sie nur jemand lesen würde". Die Medien gedeihen am besten, wenn sie verantwortungsvoll kontrolliert werden, weiß James Fallows nach der Lektüre von Paul Starrs "detail- wie nuancenreicher" Untersuchung "The Creation of the Media"(erstes Kapitel). Außerdem preist Stephen Metcalf eine Neuausgabe der Gedichte von Philip Larkin, in die nur jene Meisterwerke aufgenommen wurde, die auch der Poet selbst für würdig befunden hat.


Für das New York Times Magazine besucht Ilan Greenberg Georgiens neuen Präsidenten Mikhail Saakashvili, und hält ihn für fähig, das Land trotz tiefverwurzelter Gesetzlosigkeit zum Licht zu führen. "134 Tage nach der samtenen Revolution nahm Saakashvili einen Anruf seines Generalstaatsanwalts entgegen. Ein persönlicher Freund und finanzieller Unterstützer seiner Präsidentschaftskampagne hatte einen Regierungshubschrauber beschädigt, den er für seinen persönlichen Gebrauch gemietet hatte. Dieser Freund hatte das Steuer übernommen, seinen Sohn auf den Schoß genommen und war prompt abgestürzt. Der Schaden belief sich auf eine Million Dollar. der Generalstaatsanwalt erzählte Saakashvili, dass sich der Mann weigerte, den Schaden zu bezahlen, und herumschrie, er sei ein Freund des Präsidenten. [...] Saakashvili zögerte einen kurzen Moment, befahl 'Ins Gefängnis!' und knallte den Hörer auf die Gabel."

Weitere Artikel: Stephen Rodrick wundert sich, wie Schauspieler Christopher Walken trotz seines Hangs zu schlechten Filmen immer begehrter wird. Elizabeth Weil sieht sich die unbeugsamen Rentner genauer an, die in einem Akt zivilen Ungehorsams illegal billige Medikamente aus Kanada importieren (allein das Foto der Senioren in Rebellenpose lohnt die Lektüre). Benoit Denizet-Lewis taucht ab in die Liebeswelt der Minderjährigen und sieht sexuelle Befreiung, Online-Chats und Chauvinismus munter nebeneinander.

Haaretz (Israel), 28.05.2004

In einer längeren Titelgeschichte beschreibt Ari Shavit "David Appels Paralleluniversum": Der 54jährige Israeli, über dessen Korruptionsaffären beinahe auch Premier Sharon gestürzt wäre, hält sich aber für das Opfer einer Verschwörung. Das nimmt ihm der Autor zwar nicht ab. Etwas seltsam findet er aber den Aufwand, mit dem die Angeklage in Israel betrieben wird. Insgesamt 85.000 abgehörte Telefongespräche im "Fall Appel" seien etwas dick aufgetragen angesichts der Tatsache, dass der Beschuldighte zwar ein geborenener Machtmensch, aber "kein Don Corleone, kein Lucky Luciano, noch nicht mal ein Meyer Lansky" sei. "David Appels Geschichte ist wie ein Film, da gibt es keinen Zweifel. Und die hat absolutes Hollywoodformat. Aber die Frage ist, um was für einen Film es sich handelt. Reden wir über den ?Paten' oder von ?Citizen Kane'?"

In der israelisch-arabischen Stadt Lod hat die israelische Polizei Straßensperren errichtet, angeblich um den Drogenhandel zu bekämpfen. Aber die Einwohner fragen sich: Sind das Barrieren gegen die Drogen oder gegen die arabischen Einwohner? Außerdem: Chaim Karmon, "der Mann der die tiefsten Geheimnisse Israel kannte", gibt das erste Interview seit Jahren. Arik Glasner besucht einschlägige "Abschlepp-Bars" in Tel Aviv und fragt sich, warum der Mythos von schnellem Sex und wilden Nächten gerade jetzt in Israel so populär ist. In der Gallerie Genia Schreiber an der Universität Tel Aviv dokumentiert eine neue Ausstellung das Werk des Künstlers Danny Zakhems und thematisiert auch dessen lange Zeit verschwiegene AIDS-Krankheit. Schließlich das Familienportrait der Woche: Die Leibzons aus Rosh Ha'ayin.
Archiv: Haaretz

Point (Frankreich), 28.05.2004

"Die Barbarei kennt keine Zeit", schreibt Bernard-Henri Levy in seiner Kolumne, in der er sich mit den Folterbildern aus Abu Ghraib und mit dem Essay von Susan Sontag dazu auseinandersetzt. Gegen ihr Argument, dass die Aufnahmen und ihre weltweite Verbreitung der Postmoderne mit ihrer "Verrücktheit nach Bildern und dem Virtuellen" geschuldet seien, führt Levy die Dokumente der Wehrmachtsausstellung als eine Art "Präzedenzfall" ins Feld: Schon hier sah man Soldaten, die schäklernd mit ihren Opfern fürs Familienalbum posierten. Obgleich die Situationen nicht vergleichbar seien, wiesen "beide Fälle doch unzweifelhaft eine strukturelle Ähnlichkeit" auf. "Denn die Bilder der Soldaten Jeremy Sivits oder Lynndie England erinnern an die dieser Muschkoten, die keineswegs Mitglieder der SS gewesen sind, sondern es bereits nicht nur für normal, sondern für wichtig gehalten haben, ihre Jagdszenen in Polen zu verewigen, um sie eines Tages ihren Familien und Freunden als Beweis zu schicken."
Archiv: Point

Moskowskije Novosti (Russland), 28.05.2004

Moskowskije Novosti bespricht in dieser Woche in einem sehr differenzierten Artikel über die soeben in Russland erschienene Biografie Kasimir Malewitsch, den Begründer des Suprematismus. Irina Wakar und Tatjana Michienko, die Autoren des zweibändigen "hoch spannenden, akademischen Monumentalwerkes" mit dem Titel "Malewitsch über sich - Zeitgenossen über Malewitsch", haben Briefe, Tagebücher, Zeitungsartikel sowie bislang geheim gehaltenes Archivmaterial ausgewertet. Nach den neuesten Quellen zu urteilen "war Malewitsch noch viel radikaler als Trotzki oder Lenin", die "im Vergleich zu ihm harmlose Lausbuben" gewesen seien. Über den inzwischen "in derselben Preisklasse wie Rembrandt oder Tizian gehandelten" exzentrischen Maler heißt es weiter: "Malewitsch war der erste Sektenanführer einer totalitären Sekte im 20. Jahrhundert, dem unzählige Anhänger unter dem Banner der nebulösen, magischen Symbolik gefolgt sind, mit dem Ziel, die Welt zu verändern". Berühmte zeitgenössische Kollegen wie etwa "den einfühlsamen Romantiker Marc Chagall" und einige andere habe Malewitsch damit allerdings in die Flucht getrieben.

Revista de Libros (Chile), 28.05.2004

Die Literaturbeilage der chilenischen Tageszeitung El Mercurio hat den hier schon mehrfach zu Wort gekommenen argentinischen Schriftsteller und Journalisten Rodrigo Fresan interviewt. Anlass ist sein neuer, von der spanischen Kritik hochgelobte Roman "Jardines de Kensington", der im Herbst unter dem englischen Titel "Kensington Gardens" bei Fischer auch in Deutschland erscheinen wird. Darin geht es, auf über 500 Seiten, um die Geschichte von James Matthew Barrie, dem Schöpfer von Peter Pan. "Sagen wir, dass Barrie einer dieser Menschen war, die dem verfielen, was Henry James den "Wahn der Kunst" nannte: von seiner eigenen Schöpfung verschlungen zu werden. Für Schriftsteller ist das eine Art Berufsrisiko. Dickens und Hemingway und Fitzgerald und Kerouac sind daran gestorben. Salinger hat es kommen sehen und daher vorgezogen, zu verschwinden. Peter Pan ist nichts anderes als die ideale Sublimierung eines perfekten Albtraumes", erzählt Fresan seinem Interviewer Juan Pablo Meneses. Übrigens lebt er schon seit 1999 nicht mehr in Argentinien. Wie auch sein vor gut einem Jahr verstorbener chilenischer Freund Roberto Bolano hat er sich in der Nähe von Barcelona niedergelassen, von wo aus der Vielschreiber spanischsprachige Kulturbeilagen und Zeitungen mit "mindestens zwanzig monatlichen Artikeln" versorgt . Barrie scheint aktuell zu sein. Das TLS (siehe dort) berichtet, dass auch Andrew Birkin erin Buch über ihn geschrieben hat.

Aus dem Nachlass einer der ganz Großen der lateinamerikanischen Literatur, Manuel Puig, ist indes ein neues Buch erschienen, "Un destino melodramatico", "Ein melodramatisches Schicksal" . Gabriela Goldchluk hat diverse Drehbücher und Roman-Vorarbeiten des Autors von "Der Kuss der Spinnenfrau" zusammengestellt. "Der Frust Manuel Puigs war es, nie so glamourös geohrfeigt worden zu sein wie Rita Hayworth, und auch nicht Lara Turner zu heißen, die so wunderbar weinen konnte. Wie auch Susan Hayward mochte er nicht sterben. Aber wir Menschen sind ein sich wandelnder Widerspruch und Puig musste sich jeden Tag rasieren, wie ein wahrer Macho", befindet Rezensent Vera-Meiggs über den bekennenden Homosexuellen Puig..

Ebenso in Revista de Libros: eine Besprechung von "Cosa de Negros", einem Band mit zwei Kurzgeschichten und zwei Novellen des bislang eher als Dichter und Agitator bekannten Argentiniers Washington Cucurto, im wirklichen Leben Santiago Vega. Die Kritiker der argentischen Tageszeitung Pagina 12 haben dieses Buch zu einer der wichtigsten literarischen Veröffentlichungen des vergangenen Jahres gekürt. In einer oralen, derben, aber gleichwohl barocken Sprache geht es um zumeist illegale lateinamerikanische Einwanderer in Argentinien. Manche davon sind Schwarze. Cucurto malt sich beispielsweise aus, wie sich die Tochter Evita Perons in einen von ihnen unsterblich verliebt. Veranschaulicht werden hier die "Überbleibsel des neoliberalen Albtraumes der neunziger Jahre", meint Rezensent Milton Aguilar. Cucurto ist übrigens Mitbegründer eines bemerkenswerten Verlages, Eloisa Cartonera, der für drei argentinische Pesos ganz besondere Bücher herstellt: Schächtelchen mit Fotokopien, die von Altpapiersammlern aus recyceltem Karton hergestellt werden. Für das Projekt haben schon so namhafte Autoren wie Ricardo Piglia und Cesar Aira unveröffentlichte Texte beigesteuert.

Outlook India (Indien), 07.06.2004

Titelthema mal wieder: "The New Bollywood". Ein Riesendossier informiert uns über neue Stars, über den neuen Regisseur Main Bhi Quentin, über Style, Finance, Music und sogar über "Adult cinema" ("A new promiscuousness swamps our screens as Bollywood goes on testosterone mode"). Sandipan Dep schreibt unter dem Titel "Convergent Cinema": "Natürlich, es ist noch eine Minderheit, aber es gibt einen neuen, immer stärker sichtbaren, wilden Pulk von Dissidenten."
Stichwörter: Bollywood, Dissidenten

Espresso (Italien), 27.05.2004

Wie tragisch aktuell doch die Klassiker sind, seufzt Umberto Eco in seiner Bustina. Von den Griechen ist ein Disput über internationale Gerechtigkeit und das Recht zum Präventivkrieg überliefert, der nach zweitausend Jahren immer noch so geführt werden könnte. Die Griechen erklären den im Krieg gegen Sparta neutralen Bewohnern von Melo, warum sie sterben müssen. "'Eure Feindschaft schadet uns nicht so sehr wie Eure Freundschaft. Eure Freundschaft wäre ein Beweis für unsere Schwäche, wohingegen Euer Hass unsere Stärke ist.' In anderen Worten: Entschuldigt vielmals, aber uns passt es besser, Euch zu unterwerfen als Euch in Ruhe zu lassen, denn so werden wird von allen gefürchtet." Gesagt, getan. Die zivilisierten Griechen erobern Melo und töten alle Männer der Insel.

Im mageren Kulturteil kündigt Cesare Balbo Wim Wenders' neuen amerikakritischen Film an, "The Land of Plenty", während Graziarosa Villani sich dem CD-Sharing widmet. Nach gebrauchten Büchern werden nun auch Tonträger dem anonymen Tausch überlassen. Moses Naim, Chefredakteur von Foreign Policy, macht in einem Rundumschlag alle für das Desaster im Irak verantwortlich: Bush, Blair, Berlusconi, aber auch Chirac, Schröder oder NGOs wie Amnesty International. Im Titel wertet Antonio Carlucci eine Umfrage aus, die in Erfahrung gebracht hat, was die Italiener von Bush&Co halten. Offensichtlich nicht sehr viel, obwohl auch Nicht-Leser des Espresso befragt wurden. So ziehen 71 Prozentder Italiener Bill Clinton vor (die Espresso-Leser), immerhin 17 Prozent favorisieren den jetzigen Amtsinhaber.
Archiv: Espresso

Times Literary Supplement (UK), 27.05.2004

Mit großem Interesse hat der Literaturwissenschaftler Peter Brooks gelesen, wie Francois Cusset den Siegeszug des französischen Dekonstruktivismus in Amerika beschreibt ("Foucault, Derrida, Deleuze et les mutations de la vie intellectuelle aux Etats-Unis"). Vor allem, weil dies nicht hätte überraschender kommen können. "Die Landung auf amerikanischen Küsten von Leuten wie Derrida und Foucault, Deleuze und Baudrillard, war eher nicht vorhersehbar. Hier war ein Land, das traditionnell nichts mit Metaphysik am Hut hatte - ein Land, das eher dafür bekannt war, Pragmatismus und rechtlichen Realismus hervorzubringen als philosophische Positionen. Und plötzlich verfiel es einer frankophilen Manie für ein abstruses Denken, das weitgehend aus der - in den USA wenig bekannten - Tradition der europäischen Phänomenologie hervorging und sich einer anstrengend undurchsichtigen Sprache bediente."

Ingrid Wassenaar, die aus ihrer sonstigen Bewunderung für die Literatur- und Sprachtheoretikerin Julia Kristeva keinen Hehl macht, zeigt sich eher enttäuscht von deren Detektivgeschichte "Meurtre a Byzance" (Mord in Byzanz). "Das Problem ist, dass Kristeva in ihrer Fiktion die wissende Sicht derer, die schon alles gesehen haben, bevorzugt. Die Erzählung bewegt sich zwischen den Köpfen ihrer hart gesottenen Protagonisten, die alle mehr über Psychoanalyse wissen als gut für sie ist, und langatmige historische oder literarische Anspielungen. Während das in der polyphonischen Welt von 'Les Samourais' noch bezauberte, ist es hier einfach albern. Jeder Satz erklärt ein kaum aufkeimendes Rätsel."

Weitere Artikel: Auf dem Cover leuchtet uns Beethovens genial-düsteres Antlitz entgegen, und Leon Plantinga feiert das "admirable new book" von Maynard Solomon "Late Beethoven - Music, thought, imagination" (erstes Kapitel). Solomon geht darin unter anderem der Frage nach freimaurerischen Einflüssen in Beethovens Spätwerk nach. An den Memoiren ("Vixi") des emeritierten Harvard-Professors für russische Geschichte Richard Pipes hat Amy Knight besonders fasziniert, wie Pipes die zwei Jahre schildert, die er in Ronald Reagans nationalem Sicherheits-Team verbrachte. Und schließlich lobt Peter Parker Andrew Birkins tiefgehende Biografie des Peter-Pan-Erfinders J. M. Barrie ("J. M. Barrie and The Lost Boys").

Spiegel (Deutschland), 29.05.2004

Aus einem Bericht von Matthias Matussek über die Versteigerung des Nachlasses von Sherlock-Holmes-Schöpfer Sir Arthur Conan Doyle erfährt man: "Der Holmes-Zyklus begann überhaupt erst mit dem Arzt Dr. Watson, der, zerschossen im Afghanistan-Krieg, versucht, sich im grausamen Dschungel Londons über Wasser zu halten." Und über Nina Hoss, die für ihre Rolle in "Wolfsburg" für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde, schreibt Georg Diez einen ganzen Haufen arg verliebter Sätze - die aber wahrscheinlich alle irgendwie zutreffen: "Nina Hoss ist Glamour im Wollpullover, eine Diva mit politischem Gewissen."
Archiv: Spiegel