Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
15.09.2003. Im Nouvel Obs schildert Isabel Allende den letzten Augenblick mit ihrem Vater. Die Literaturnaja Gazeta fürchtet die russische Demographie. Der New Yorker singt ein Loblied auf das Kaufhaus. Im Espresso plädiert Umberto Eco für ein Europa mit Göttern jeder Rasse. Der Economist untersucht das Verhältnis des Islams zum Westen. Die London Review of Books verfällt der Dichtkunst Robert Lowells. Die New York Times Book Review rehabilitiert Kapitän William Bligh.

New York Review of Books (USA), 25.09.2003

Keine Massenvernichtungswaffen, keine Neuordnung der Region, dafür täglicher Terror: Die USA sind nicht nur weit davon entfernt, ihre Kriegsziele im Irak zu erreichen, befindet Mark Danner, sie haben den Krieg noch nicht einmal gewonnen: "Der Krieg im Irak - in den Straßen von Bagdad nicht weniger als in den Hallen des Kongress' - ist in seinem Wesen politisch, nicht militärisch... Am Ende werden Sieg oder Niederlage im Irak nicht danach beurteilt werden, wer Bagdad kontrolliert, sondern ob der Krieg den Amerikanern größere Sicherheit gebracht hat. All die klingenden 'Mission erfüllt'-Verkündungen des Präsidenten werden nichts an der Realität ändern: Amerika kann diesen Krieg immer noch verlieren."

Timothy Garton Ash verzeiht George Orwell die Liste von "Krypto-Kommunisten", die dieser 1949 über Celia Kriwan an das britische Außenministerium geliefert hat, sucht aber noch nach Gründen: "Einsam, gefangen im Cotswold Sanatorium, voller Abscheu gegenüber dem Gedanken, dass er im Alter von 45 Jahren körperlich am Ende ist, sehnte er sich da, den nahenden Tod durch die Liebe zu einer schönen Frau zu bekämpfen?"

Weiteres: Im Irak werden weiterhin antike Kunstschätze geraubt, berichtet Timothy Potts, Direktor des Kimbell Art Museum in Fort Worth - und zwar in weitaus größerem Umfang als am Ende des Krieges. Nur treffe es jetzt nicht die Museen, sondern unbewachte Ausgrabungsstätten, die von "Kalaschnikows-schwingenden Banden" geplündert werden. H.D.S. Greenway erinnert an den CIA-gesteuerten Putsch des Shahs von Persien im Jahr 1953 - eben auch so ein Versuch, amerikanische Interessen im Mittleren Osten zu schützen. Überfällig sei David Garlands Studie "The Culture of Control" zur Verbrechensbekämpfung in den USA gewesen, lobt Jerome S. Bruner, die im wesentlichen aus harten Urteilen sowie schnellen und langen Haftstrafen besteht - mit dem Ergebnis, dass 500 von 100.000 Amerikaner hinter Gittern sitzen, "vier- bis zehnmal mehr als in jedem anderen zivilisierten Land dieser Welt".

Lewis B. Cullman rechnet mit dem hier als so vorbildlich angesehenen amerikanischen Stiftungswesen ab, das Stiftungen lediglich dazu verpflichtet, ihre Gewinne karitativen Zwecken zur Verfügung zu stellen, aber keinen einzigen Cent des Grundkapitals, wofür es ja eigentlich den Steuererlass gibt. John Golding würdigt mit der gleichnamigen Biografie von Hayden Herrera das Leben und Werk des verkannten Arshile Gorky (mehr hier), den immerhin Andre Breton zum "bedeutendsten Maler der amerikanischen Geschichte" erklärt hat.

New Yorker (USA), 22.09.2003

In einem wunderbaren Artikel singt Adam Gopnik ein Loblied auf die großen Kaufhäuser, denen die Rezession und andere Unbilden zusetzen und die allmählich unterzugehen drohen. "Alles unter einem Dach: Die große Frage in der Theorie des Einzelhandels ist nicht 'Warum etwas kaufen?' diese Frage gehört wie überall zur Theorie des Lebens. Es geht vielmehr um die Frage 'Warum etwas hier kaufen?'. (...) Die meisten Luxusläden versuchen Sympathie zu erringen, indem sie an die Unsicherheit der Kunden appellieren (Kaufen Sie hier, und man wird Sie beneiden und bewundern). Die Billigläden tun es, indem sie an die Intelligenz appellieren (Kaufen Sie hier, und Sie sind cleverer als Ihr Nachbar). Allein das Kaufhaus tut oder tat es, indem es an das Vertrauensgefühl der Kunden appelliert, an einen umfassenden Kreislauf der Sicherheit. Man findet alles und kann alles wieder zurückgeben. Man kauft nicht bei Bergdorf's ein, weil es cool ist, sondern weil es sein Laden ist."

Simon Shama stellt ein schwergewichtiges Projekt des britischen Landschaftskünstlers Andy Goldsworthy (mehr hier) für das Museum of Jewish Heritage in Battery Park, Manhattan vor. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Vicious Circle" von Thomas McGuane.

Ziemlich launisch rezensiert Anthony Lane die Autobiografie von Helmut Newton, aus der er gelernt hat, dass dessen Fotografien "preußischer" Nackter verglichen mit seinem "explosiven Leben nur Schatten an der Wand" seien. John Updike hat eine neue Biografie über John O'Hara gelesen, und wie immer gibt es Kurzbesprechungen, darunter einer Art soziologischer Autobiografie von Joan Didion, die sich dem Rezensenten zufolge bereits als eine ausgewiesene "Meisterin" in der Beschreibung der Widersprüche der kalifornischen Kultur profiliert hat.

Nancy Franklin inspiziert zwei neue TV-Sendungen: "Carnivale" und eine tägliche Talkshow von Ellen DeGeneres. Und Anthony Lane sah im Kino "Matchstick Men" von Ridley Scott mit Nicholas Cage ("streckenweise uninspiriert") und "In This World" des britischen Regisseurs Michael Winterbottom ("überwältigend").

Nur in der Printausgabe: viele Porträts in dieser Woche, darunter eines Baritons, der zum "Opernidol" wurde, sowie des Modeschöpfers John Galliano und der Marchesa Luisa Casati, außerdem Lyrik von Henri Cole, Vijay Seshadri und Katha Pollitt.
Archiv: New Yorker

Espresso (Italien), 18.09.2003

Von den Philippinen bis Russland, von Israel über China bis nach Spanien: Der Krieg gegen den Terror globalisiert sich, stellt Naomi Klein (mehr) in ihrer Anklageschrift gegen die Regierungen der halben Welt fest. "Mehr noch als nur eine Doktrin für die Beherrschung der Welt, wird der WoT - War on Terror (Trademark) - erfunden von Bush, nun zu einem willkommenen Slogan für jedes kleine Reich dieser Erde, seine Gegner zu liquidieren und die eigene Macht auszuweiten."

Warum, fragt Umberto Eco in seiner Bustina, sollten wir in einer europäischen Verfassung (Entwurf) unsere griechisch-römischen wie jüdisch-christlichen Wurzeln verschweigen? Natürlich nur "zusammen mit der Bekräftigung, dass - in Übereinstimmung mit diesen Wurzeln, so wie Rom das Pantheon Göttern jeder Rasse geöffnet und auf den imperialen Thron Menschen schwarzer Hautfarbe gesetzt hat (nicht vergessen: Augustinus wurde in Afrika geboren) - der Kontinent gemäß dieser Tradition für jede kulturelle und ethnische Gruppe geöffnet bleibt, weil eben diese Offenheit eines seiner charakteristischen Merkmale ist."

Ansonsten recht dürftig diese Woche: Giacomo Leso fragt die Schriftstellerin Amelie Nothomb (mehr) unter anderem auch, ob sie denn nicht mal eine Pause mache? "Das wäre das Ende. Es ist wie wenn man vom Pferd herunterfällt. Man muss sofort wieder aufsteigen, sonst kommt man nie mehr hoch." Francesca Reboli verewigt die Fahrradboten dieser Erde als globale Subkultur, mit eigenen Versammlungen, eigener Kleidung und halsbrecherischen Spielereien.
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Archiv: Espresso

Outlook India (Indien), 22.09.2003

Outlook hat eine Untersuchung durchgeführt und präsentiert schockierende Ergebnisse: Der indische Medikamentenmarkt ist von falschen Präparaten verseucht - jedes vierte Medikament ist nicht, was es scheint, und oft handelt es sich um teure, lebenswichtige Mittel, etwa gegen Krebs oder Tuberkulose. "Die Massenvernichtungswaffen sind vor unserer Nase!" warnt Arindam Mukherjee. "Wer und wo Sie auch sind - in Srinagar oder Kanyakumari, Mumbai oder Muzaffarnagar, in einer Metropole, einer Kleinstadt oder auf dem Dorf - Sie könnten in Gefahr sein. Bei jedem Besuch in ihrer Apotheke könnten Sie 'Todesmedizin' erstehen." Denn in Indien, hat die Untersuchung ergeben, wird ein Drittel der weltweit verkauften falschen Medikamente produziert.

Anita Pratap legt den Finger in tiefe Wunden: Schon möglich, dass Indien in bestimmte Bereichen, besonders der Technologie, eine führende Nation ist, das sei aber noch kein Grund für wohlige Gefühle. Denn da wären noch: "Armut, Korruption, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Ausbeutung, Ungerechtigkeit." Schuld, so Pratap, ist die Politik: Einflussreiche Kriminelle beeinflussen Politiker, das Justizsystem sorgt nicht für Gerechtigkeit, die Verwaltungsorgane sind mit politischen Günstlingen besetzt, behördliche Verfahren sind undurchsichtig, und statt nach Lösungen zu suchen, halte man sich mit kleinkrämerischen und sektiererischen Angelegenheiten auf. Die Probleme scheinen übermächtig, doch eine erster Schritt zur Besserung, meint Pratap, wäre ein Premierminister mit Visionen und Führungsqualitäten und eine behördliche Neuordnung, so dass "die richtigen Leute die richtigen Jobs machen".

Prem Shankar Jha blickt auf zwei Jahre "Krieg gegen den Terror" zurück, der Stunden nach dem Anschlägen des 11. Septembers erklärt wurde. Seine Bilanz: "Die USA sind in zwei Länder eingedrungen, haben zwei Regime bezwungen, bis zu 30.000 Zivilisten getötet, und zwei Länder in Schutt und Asche gelegt." Während Al Qaida weiter unbezwungen bleibt.

Außerdem: Murali Krishnan erstellt ein Profil vom neuen Typus des Kaschmir-Terroristen, dem "Jihadi der Cyber-Ära". Und Sheela Reddy hat im engen Gedränge der Touristen das Indira-Gandhi-Haus besucht und berichtet von der ungebrochen großen Popularität der vor fast zwei Jahrzehnten ermordeten Politikerin - mit der jetzt die Filmindustrie große Kasse machen will.

Economist (UK), 12.09.2003

Dem schwierigen Verhältnis des Islams zum Westen widmet der Economist in dieser Ausgabe ein ganzes Dossier. Genauer genommen geht es ihm allerdings nicht in erster Linie um den Islam als Religion, sondern um den politischen Umgang damit, wie Peter David betont: "Viele Muslime mögen das Etikett 'islamischer Terrorismus' nicht, das den von Osama Bin Laden und seiner Organisation Al-Quaida verübten Massenmorden verpasst wird. Der Islam, sagen sie, ist eine Religion des Friedens, eine befriedeter Glaube, der nicht mehr mit Bin Ladens Terrorismus zu tun hat als das Christentum mit dem Terrorismus der siebziger Jahre, sagen wir mit der Baader-Meinhof-Gruppe in Deutschland oder mit den Roten Brigaden in Italien. Nennt es doch einfach Terrorismus, sagen sie, und haltet den Islam da raus. Doch so einfach ist das nicht. Wenn Leute versuchen, dich umzubringen, und darin sogar gut sind, ist es klüger, sich die Gründe anzuhören, die sie dafür nennen. Und Osama Bin Laden hat seinen 'Krieg' ausdrücklich im Namen des Islams erklärt."

Weitere Artikel: Normalerweise geht es bei Wahlen darum zu gewinnen, aber die marokkanischen Islamisten der PDJ-Partei versuchen gerade das mit allen Mitteln zu verhindern, berichtet ein leicht perplexer Economist. In Großbritannien, so der Economist weiter, wird über ein neues Kinder-Fürsorge-System nachgedacht, das allerdings eher einem Überwachungssystem ähnlich sieht. Italiener sind bekanntlich leidenschaftlich, so der Economist, doch kommen sich ärgerlicherweise zwei ihrer Leidenschaften zunehmend in die Quere: Handy und Fremdgehen. Und auch zwei Jahre nach dem Terrorattentat auf das World Trade Center lebt New York in einer nur scheinbar wiedergekehrten Normalität.

Hochgelobt wird Stephen Schlesingers Buch über die Gründung der UNO ("Act of Creation, The Founding of the United Nations"), das der Frage, ob die UNO angesichts der amerikanischen Übermacht nicht nutzlos geworden ist, ihre Schärfe nimmt. Für den Economist ist es unter anderem auch die Liebe zur Symbolik, die die chinesische Regierung dazu bewogen hat, das für Hong-Kong geplante Antisubversionsgesetz zurückzuziehen. Und schließlich ist ein herrlicher Nachruf auf die umstrittene Hollywood-Legende Charles Bronson zu lesen, von dem der Regisseur Michael Winner sagte: "Das Besondere an Bronson war diese unterdrückte Wut, das anhaltende Gefühl, dass, wenn du den Bildschirm auch nur eine Sekunde aus den Augen verlierst, du den Ausbruch verpasst."

Nur im Print zu lesen: warum die DDR trendy ist.
Archiv: Economist

Nouvel Observateur (Frankreich), 11.09.2003

Zum 11. September erinnert sich Isabel Allende in einem Gespräch mit dem Pariser Magazin an den letzten Augenblick mit ihrem Vater, bevor er beim Putsch in Chile vor dreißig Jahren ermordet wurde: "Sein letzter Augenblick mit mir und Beatriz, meiner älteren Schwester, war ohne Worte. Ich war mir der Bedeutung der Situation nicht bewusst. Da er vom Volk das höchste Mandat hatte, war er nicht gewillt, sich den Putschisten zu beugen oder zu demissionieren. Aber er forderte er, dass seine Töchter, die anderen Frauen und Zivilisten den Palast verlassen. Keine unnützen Toten, vor der Welt Zeugnis ablegen, das war sein Anliegen. Nach einer letzten schweigenden Umarmung öffnete er uns die Tür. In diesem Moment wusste ich nicht, dass er bereit war, seine Loyalität zum chilenischen Volk mit seinem Leben zu bezahlen und dass ich ihn niemals wiedersehen würde."

Im Debattenteil sind Auszüge aus dem Vorwort zu einem Buch des ehemaligen französischen Außenministers Hubert Vedrine zu lesen, in dem er versucht, die Frage zu beantworten, was "Europa und Frankreich angesichts des amerikanischen Imperiums" tun könne ("Face a l?hyperpuissance", Fayard). Das Dossier erkundet dazu passend, wie sich das Denken seit dem 11. September verändert habe. Unter anderem geht es um das "Ende der europäischen Vision" (hier), "die Perversitäten der Hyperpermissivität" (hier) und "die Illusion des globalen Dorfs" (hier).

Lange habe man geglaubt, sie seien völlig aus der Mode gekommen, jetzt "kehren sie mit Macht zurück" und liefern sich dem Rezensenten zufolge regelrechte "Straßenkämpfe": die Literaturzeitschriften. Vorgestellt werden - von der alteingesessenen NRF bis zu Neugründung wie L'imbecile de Paris - sieben Hefte nebst Auflage, Ausrichtung und Glaubensbekenntnis. Auch Bernard-Henri Levy bringt seine Regle du jeu neu heraus. Wir verlinken aber auf Frederic Beigbegers Zeitschrift mit dem schönen Titel Bordel, auch wenn es sich idiotischerweise um eine Flash-Adresse handelt.

Und sonst: Benoit Pivert erinnert anlässlich des Schulbeginns an den "zeitlosen" Roman "Die Klasse" des Kafka-Zeitgenossen Hermann Ungar aus dem Jahre 1927 (mehr hier). Empfohlen wird schließlich eine Kassette mit den zehn schönsten Aufnahmen von Rudolf Serkin, die anlässlich des 100. Geburtstags des "moralischen Pianisten" zusammengestellt wurde.

Times Literary Supplement (UK), 12.09.2003

Sarah Churchwell stellt gleich zwei neue Biografie zu Patricia Highsmith vor, "Beautiful Shadow" von Andrew Wilson und "Highsmith" von Marijane Meaker, denen sie ein paar hübsche Zitate entnommen hat. Etwa: "Ich fand die allgemeine Leidenschaft für Gerechtigkeit immer ziemlich langweilig." Oder: "Es gibt keine Moral in meinem Leben. Ich habe keine außer: 'Steh auf und nimm's Dir' ("Stand up and take it)". "Harte Worte", meint Churchwell, "dabei war Highsmith eine verkappte Romantikerin, die in die Liebe und mit der Regelmäßigkeit desjenigen auch wieder hinausstolperte, der die Fantasie sicherer findet als Menschen."

Weiteres: Leider nur in wenig hilfreichen Auszügen zu lesen ist Nadine Gordimers Auseinandersetzung mit Albert Memmis Soziologie des Kolonialismus, (mehr hier) die unwiderlegbar die "unerschöpfliche Fähigkeit des Menschen zur Unmenschlichkeit" bewiesen habe. Angela Leighton freut sich über das neue Interesse an der sechzig Jahre lang vernachlässigten Vernon Lee, wovon zwei neue Biografien der viktorianischen Schriftstellerin und Feministin zeugen: Christa Zorns "Vernon Lee" und Vineta Colbys "Vernon Lee: A Literary Biography". Keith Miller zeigt sich zufrieden mit Scott Bergs Katherine Hepburn-Biografie, "Kate Remembered".

Literaturnaja Gazeta (Russland), 10.09.2003

Die Ergebnisse der letzten Volkszählung in Russland im Jahr 2002 bringen es an den Tag: "Das Aussterben der russischen Bevölkerung schreitet in atemberaubendem Tempo voran." Die Zahl der Tötungsdelikte in Russland und die exzessive Selbstmordrate sind, wenn man Sergej Gromow Glauben schenken darf, nur zwei Gründe für den Aderlass und für die geringe Lebenserwartung der Russen. Der beunruhigendste demographische Parameter für die "Entvölkerung" ist der dramatische Rückgang der Geburtenrate, der "unter anderem auf knapp acht Millionen Abtreibungen pro Jahr" zurückzuführen ist. Auch wenn infolge von "Migrationsbewegungen aus der Kaukasusregion und Zentralasien in den letzten 15 Jahren die Zahl der Immigranten auf 25 Millionen gestiegen ist, so wurde die russische Bevölkerung im selben Zeitraum um 25 Millionen dezimiert." Mittelfristige, eher düstere Prognosen gehen von einem anhaltenden Bevölkerungsschwund aus. Demnach wird die russische Bevölkerung, die im Jahr 2001 noch 144 Millionen Einwohner zählte, im Jahr 2035 voraussichtlich auf 137 Millionen geschrumpft sein.

Auf der dieser Tage in Moskau stattfindenden internationalen Buchmesse meldet sich nach einem Bericht der Gazeta fünfjähriger Abstinenz der russische "Held der Postmoderne", Viktor Pelewin, zurück. Mit einer groß angelegten Werbekampagne für seinen Erzählband mit dem kryptischen Titel "Dialektik der Übergangszeit" verabschiedet sich Pelewin endgültig von seinem Image als introvertierter "Einsiedler ohne Biografie hinter dunklen Brillengläsern".

Stichwörter: Abtreibung

London Review of Books (UK), 11.09.2003

Michael Hofmann ist Robert Lowells Dichtung so hoffnungslos verfallen, dass er die von Frank Bidart herausgegebene Gesamtausgabe gleichzeitig lieben und hassen muss. Denn das Beste fehle einfach, nämlich das poetologisch wesentliche "Notebook". Doch bei aller Trauer darüber überwiegt dann doch die Freude, schließlich spenden 1.200 Seiten Lowell ausreichend Trost. Und auch Bidarts eher persönliche und liebevolle Herausgeberarbeit erscheint Hofmann angemessen und erhellend: "Ich mag auch diese eine Begebenheit, an die sich Bidart in einem Interview mit dem Atlantic Monthly erinnert. Bidart fragte Lowell etwas, und bereute es sofort, weil er meinte, dabei etwas aufdringlich gewesen zu sein, etwas persönlich. Die Antwort gab Lowell: 'Wir sind persönlich.' "

Im Londoner ICA (Institute of Contemporary Arts) läuft die Ausstellung "Video Acts", die den Besucher in die Kindertage der Video-Kunst zurückversetzt, und bei der Peter Campbell gelernt hat, dass auch im Video nicht immer Geschichten erzählt werden. Wie zum Beispiel in Bill Violas "The Reflecting Pool": "Es zeigt nur dies: einen rechteckigen Pool im Wald, direkt vor dem Betrachter. Die Position der Kamera ändert sich nicht. Ein Mann kommt und steht am gegenüberliegenden Rand. Er springt in die Luft, aber anstatt ins Wasser zu platschen, bleibt er, in der Zeit gefroren, darüber hängen. Er verblasst langsam, während auf dem Pool - sozusagen in einem anderen Zeitrahmen - Wellen auftauchen und verschwinden. Ein schattenhaftes Paar geht durchs Bild. Ein nackter Mann taucht unerwartet aus dem Wasser auf und geht in den Wald. Das Bild - es ist an eine Wand projiziert - ist eher weich. Das Ganze wirkt so ruhig und schattig wie ein später Corot mit Badenden unter Bäumen. Einem Bild näher als einer Geschichte."

Weitere Artikel: Früher war alles besser. Zumindest Martin Amis, findet Christopher Tayler nach der Lektüre von "Yellow Dog". Und gleich noch einmal Amis: In Short Cuts bemerkt Thomas Jones trocken, dass es sich mit ihm wie mit Instant-Suppen verhält: "Für literarische Instant-Neuigkeiten, einfach Wasser hinzugeben." Dies bezeugt auch unsere jüngste Post aus London über die Amis-Kontroverse, mit dem kleinen Unterschied, dass hier scheinbar eher Öl ins Feuer gegossen wurde. Schließlich erklärt Peter Clarke, warum Tony Blair gehen sollte.

Leider nur in der Printausgabe: John Sturrock bespricht ein Buch über Akzente, und Michael Wood hat etwas über Katherine Hepburns "Mmms" zu sagen.

Spiegel (Deutschland), 15.09.2003

Online erfahren wir diesmal, dass nach der Studie einer Marketingagentur mehr als die Hälfte der 14- bis 49-jährigen, der Haupt-Zielgruppe der Werbung also, deren englisch gehaltene Botschaften nur so ungefähr verstehen. Zum Beleg angeführt wird, dass viele den Slogan "Powered by Emotion" mit "Kraft durch Freude" übersetzt haben. Vielleicht haben die Befragten die Umfrage einfach nicht besonders ernst genommen?

Ansonsten: Thomas Hüetlin beschreibt die Hysterie um David Beckham und deren Vermarktung in Spanien.

Nur im Print: wie ein Sängerwettstreit nach westlichem Vorbild "zum wohl erfolgreichsten TV-Ereignis der arabischen Welt" wurde - und "der Orient" dabei das Wählen übte. Ein kurzes Interview mit Jonathan Franzen , dessen erster Roman "Die 27ste Stadt" demnächst in Deutschland erscheint. ("Als ich den Roman schrieb, studierte ich Germanistik. Ich war sehr von der deutschen Literatur beeinflusst, speziell von Franz Kafka und Karl Kraus.") Ein Interview mit Innenminister Otto Schily über "die amerikanische Art der Terrorbekämpfung". Und ein kurzes Interview mit Michael Frayn über sein "Willy-Brandt-Stück" mit dem Titel "Democracy".
Archiv: Spiegel

Angel (Mexiko), 14.09.2003

"Cambiar de patria" ist das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe von El Angel, der Kulturbeilage der mexikanischen Tageszeitung Reforma. Die in Chicago als Tochter mexikanischer Migranten geborene Autorin Sandra Cisneros (mehr hier), derzeit Star der nordamerikanischen chicano-Literaturszene - von ihrem Erzählungsband "The House on Mango Street" wurden über zwei Millionen Exemplare verkauft -, erzählt von ihrer Angst, nach Mexiko zu reisen: "Wir, die Kinder von Einwanderern, haben uns ein Land erfunden, das nicht existiert. Es ist nicht das Mexiko von heute, sondern eine Vorstellung des Landes, die wir von unseren Eltern übernommen haben. Und aus alten Schwarzweißfilmen, aus den Kalendern von Jesus Helguera , den Fotos von Flor Garduno, den Bildern von Diego Rivera und Frida Kahlo."
Archiv: Angel

New York Times (USA), 14.09.2003

Begeisterung auf allen Rängen: Kein Verriss, kein Mittelmaß, nur Lobpreisungen sind diese Woche aus der Redaktion der Book Review zu vernehmen: "Reisen ist für Leute, die nicht wissen, wie man glücklich wird", lässt Nell Freudenberger (eine Lesung mit ihr zum Anhören) einen indischen Hausbesitzer in einer ihrer Geschichten sagen. Jennifer Schuessler hat die Erzählsammlung "Lucky Girls" rund um Amerikaner im Ausland auf jeden Fall glücklich gemacht. "Junge Autoren, die so ehrgeizig - und dabei so gut - sind wie Nell Freudenberger, geben uns Grund zur Hoffnung." Die Lorbeeren habe sich Freudenberger nicht nur durch ihren "hinreißenden" Stil verdient, meint die Rezensentin, sondern vor allem durch ihren sezierenden Blick auf die weltreisenden Landsleute. "Ob sie in AIDS-Waisenhäusern in Bangkok arbeiten, den Hippie-Trails durch den Hindukusch folgen oder einfach hinter den blumengeschmückten Mauern der luxuriösen Ghettos irgendwelcher Aussteiger herumhängen, diese Menschen sind einsame Ein-Mann-Territorien. Freudenbergers Geschichten sind voller Mütter (üblicherweise abwesend), Väter (üblicherweise geistig abwesend) und Liebender, aber ihre Charaktere geben nicht viel auf soziales Miteinander."

Großes Lob heimst auch Richard A. Posners Traktat "Law, Pragmatism and Democracy" ein. Alan Ryan schätzt nicht nur Posners außergewöhnliches Flair und sein fundiertes Wissen, sondern glaubt auch, dass Posner ein paar bedenkenswerte Vorschläge macht, wie die amerikanische Demokratie leistungsfähiger werden kann.

Die Titelbesprechung widmet sich Caroline Alexanders "The Bounty", in der sie den Kapitän William Bligh als gar nicht so grausam rehabilitiert und die meuternden Matrosen einer ungewöhnlichen Dünnhäutigkeit bezichtigt. Abraham Verghese findet Tracy Kidders Porträt (erstes Kapitel) des Arztes und Albert-Schweitzer-Nachfolgers Paul Farmer "inspirierend, verstörend, mutig und völlig fesselnd". Ebenfalls angetan ist Eric Weinberger von Charles Baxters Roman "Saul and Patsy". Baxter erinnert ihn manchmal an Jonathan Franzen, "aber der Vergleich ist ein wenig unfair für Baxter, der ja schon ein wenig länger im Spiel ist".

Das New York Times Magazine widmet seine Titelgeschichte Diane Arbus, deren Fotografien (Buch) ab 25. Oktober in einer großen Retrospektive im San Francisco Museum of Modern Art gezeigt werden.