Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
08.09.2003. Der Merkur feiert die revolutionäre Kraft des Kapitalismus. Der Economist erinnert George Bush daran, dass es die "bescheidenen Knechtarbeiten" sind, die einen im Amt halten. Im Nouvel Observateur wünscht sich Tzvetan Todorov ein Europa der "ruhigen Kraft". Outlook India sieht am Irak vorexerziert, wie aus einem "unglücklichen Land" ein "gescheiterter Staat" wird. Das TLS führt uns in die Geheimnisse des Kannibalismus ein. Und im Spiegel will Leander Haußmann nicht für die Ostalgie-Welle verantwortlich sein.

Merkur (Deutschland), 01.09.2003

"Dass der Sozialismus sich als barbarisch erwiesen hat, hat den Kapitalismus bei den westlichen Intellektuellen nicht beliebter gemacht", stellt der Merkur im Editorial seiner Doppelausgabe fest und würdigt deshalb unter dem Banner "Kapitalismus oder Barbarei" ausführlichst die "revolutionäre Rolle" und die "zivilisatorische Mission" des Kapitalismus.

Online zu lesen sind zwei Artikel des insgesamt 240-Seiten-starken Konvoluts: Zum einen Rainer Hanks gepfefferte Abrechnung mit den Gegnern der Globalisierung, die noch immer das Vorurteil pflegen, diese mache die Welt ungleicher, also Arme ärmer, Reiche reicher. Nachdem Hank dargestellt hat, dass an diesem Irrglauben nichts daran sei, stellt er fest: "Globalisierungskritik, welche die Moral auf ihre Seite zieht, ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Verteidigungsstrategie leidlich begüterter Mittelschichten der reichen Welt, die im Wettbewerb mit den Entwicklungsländern in einer globalisierten Weltwirtschaft ihren Einkommensstatus nicht mehr halten können. Denn der Preis ihrer Arbeit, bezogen auf die Produktivität, fällt angesichts des wachsenden Arbeitsangebots der Entwicklungsländer auf offenen Märkten. Gerade deswegen muss die Globalisierungskritik ihre wahren Absichten aber camouflieren. Sie ist in Wirklichkeit eine Strategie zur Wahrung von Besitzständen der Ersten Welt. Westliche Gewerkschaften und linke Parteien tun sich zusammen, um im moralischen Gewand der armen Welt Sozial- und Umweltstandards zu empfehlen."

Zum anderen Richard Herzingers Klarstellung, dass es sich bei den großen kapitalistischen Theoretikern - von Adam Smith und David Ricardo, selbst über die Manchesterkapitalisten Richard Cobden und John Bright, bis Friedrich August von Hayek und Milton Friedman - um leidenschaftliche Verfechter der menschlichen Würde und Selbstbestimmung gehandelt hat. "Wenn wir hier von großen Prokapitalisten sprechen, so sind damit jene Denker gemeint, die den Kapitalismus als ein Ideal, als eine emanzipatorische Idee begriffen haben. Wir sprechen nicht von jenen, die den Kapitalismus aus Phantasielosigkeit als eine nun einmal gegebene beste aller schlechten Welten hinnehmen oder ihn zynisch als Ausdruck einer natürlichen Auslese der Stärkeren verstehen. Im Grunde haben sich die Enthusiasten des kapitalistischen Marktes als letzte treue Kinder der Aufklärung ein unverwüstliches Vertrauen in die positive Veränderbarkeit der Welt erhalten. Den Kapitalismus feiern sie als Motor dieser Veränderung - ähnlich wie es Karl Marx und Friedrich Engels taten."

In der Print-Ausgabe schreiben unter anderen Thomas E. Schmidt, Mariam Lau, Christian von Weizsäcker zur neuen politischen Ökonomie von, sowie von Michael Rutschky, Guido Graf, Harry Nutt und Hans Ulrich Gumbrecht zum weiten Feld des kulturellen Kapitals.

Sehr schön auch Jörg Laus "Lob der Entfremdung", das (entgegen der allseits bemühten Chiffre vom "Masturbieren unter Schmerzen") in eben dieser die Antriebskraft von Freiheit, Kreativität und Individualität entdeckt. "Schlimmer als die Entfremdung ist nur ihre Abwesenheit, die Herrschaft des authentischen, ehrlichen, 'einfachen Bewusstseins des Wahren und Guten'".
Archiv: Merkur

Economist (UK), 06.09.2003

Schon in der vergangenen Woche hatte der Economist die zwei Stolpersteine identifiziert, die George Bush um seine Wiederwahl bringen könnten: das Debakel im Nachkriegs-Irak und die wirtschaftliche Flaute Amerikas. Nun zeige sich, dass es durchaus Parallelen zwischen den beiden Problemzonen gebe. "Es existiert eine seltsame Symmetrie zwischen den Herausforderungen, den sich George Bush zuhause und im Ausland stellen muss. In beiden Fällen entschloss er sich zu einem mutigen, entscheidenden Schritt - indem er zum Einen den Irak besetzte und zum Anderen Steuersenkungen vornahm. Doch dann ist es ihm nicht gelungen, den langweiligen Kram anzugehen, der unweigerlich folgen muss: zum Beispiel das Abwassersystem in Mosul funktionstüchtig zu machen, oder die Energiepolitik von verschwenderischen Zuschüssen zu befreien. Derlei Anstrengungen sorgen nur mäßig für Titelseiten, keine Frage, doch mit solchen bescheidenen Knechtarbeiten stehen und fallen... Präsidentschaften. Diese wird da keine Ausnahme sein."

Mit Alastair Campbells Ausscheiden ist die britische Regierungskrise keineswegs aus der Welt, warnt der Economist. Tony Blair habe zwar das willkommene Versprechen gegeben, es werde in der Downing Street zukünftig weniger "chaotisch" zugehen, doch seine Ankündigung, dem "spin" endgültig den Garaus zu machen, treffe den Kern der Sache nicht: "Das Problem mit dem "spin" ist nicht, dass es zuviel "spin" gibt - eine Regierung darf ihre Politik in jedem Fall so schimmernd wie möglich darstellen, solange sie dabei nicht lügt - sondern dass es vielleicht nichts gibt, das man be-"spinnen" könne."

Weitere Artikel: Jetzt wo der amerikanische Präsidentensessel wieder zu haben scheint, wird auch die Vorentscheidung um den demokratischen Kandidaten interessant, meint der Economist und erstellt ein Panorama der demokratischen Möglichkeiten. Wie der Economist weiß, wird Mariano Rajoy vielleicht Nachfolger von Spaniens Premierminister Jose Maria Aznar. Nicht dass es da einen großen politischen Unterschied gäbe, aber zumindest einen etwas weltmännisch-jovialeren Stil, und das könnte in einem emotionalen Land wie Spanien schon etwas ausmachen, vermutet das britisch kühle Blatt. Colin Powell, so der Economist, hat mit dem amerikanischen Resolutionsantrag einen Sieg über den Zivilfalken Donald Rumsfeld errungen.

Weiterhin zu lesen ist die erste Folge eines Dreiteilers über Chile, Argentinien und Peru, in der es um "jenen anderen 11. September" vor dreißig Jahren geht, als Pinochets Staatsstreich den chilenischen Präsidenten Salvador Allende zu Fall brachte. Schließlich ein Nachruf auf den französischen Populisten Pierre Poujade und eine kurze Hommage an den prophetischen Komponisten Hector Berlioz, der in seinem eigenen Lande immer noch nicht angemessen gewürdigt werde, dessen Genie die Briten aber gleich erkannt haben (wie könnte es auch anders sein).

Leider nur im Print zu lesen: wie Design und Protest zueinander stehen.
Archiv: Economist

Nouvel Observateur (Frankreich), 04.09.2003

Im Debattenteil ist ein Vorabdruck aus einem Essay von Tzvetan Todorov über die "neue Weltunordnung" zu lesen. Darin plädiert er für ein Europa als "ruhige Kraft", dessen Pazifismus sich aber nicht einfach in einer "unzureichenden Selbstentwaffnung" erschöpfen und sich damit zur "leichten Beute" für militante Gegner machen dürfe. "Es handelt sich nicht einfach um die Wahl zwischen 'Idealismus' und 'Realismus': keine gute Politik kann es sich erlauben, auf eines von beiden zu verzichten... Europa könnte den Weg zu einem ruhigen Umgang mit der Macht öffnen, dessen Vorteile man nicht außer Acht lassen kann."

Anlässlich eines Essaybandes über Schriftsteller von Proust über Borges und Wilde bis hin zu Nerval ("De la Litterature") erläutert Umberto Eco in einem Interview das fruchtbare Verhältnis zwischen dem Essayisten und dem Schriftsteller Eco. Zupass kommt ihm dabei offensichtlich die beim "romanischen Menschen ausgeprägtere Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu können". Wenn er etwa zwei Sachen zu erledigen habe, von denen eine dringender sei, fange er grundsätzlich mit der anderen an. "Wenn ich etwas für die Universität machen muss, ist das genau der Moment, aufs Land zu fahren und einen Roman zu schreiben. Das gibt mir das Gefühl, ein Ehebrecher zu sein." Sollte man vielleicht auch mal probieren.

Ansonsten viele Buchbesprechungen in dieser Woche, darunter ein gründlicher Verriss von Denis Bertholets Biografie über Claude Levi-Strauss ("langweilig und überflüssig"), ein Roman von Philippe Claudel, ein Debütroman von Cyril Montana und ein Roman über das Leben des Jazztrompeters Chet Baker von Alain Gerber. Und Jacques-Pierre Amette erklärt, weshalb er sich Bertold Brecht zur Hauptfigur seines neuen Romans "La Maitresse de Brecht" auserkoren hat ("Ich fände es schön, wenn der Leser nach der Lektüre meines Buchs Lust hätte, Brecht wiederzulesen").

Anlässlich seines Films "Raja", der die Geschichte eines Mädchens aus Marrakesch erzählt, erklärt Regisseur Jacques Doillon (mehr hier), weshalb dies sein vermutlich letzter Film sein werde. Besprochen wird schließlich "Good Bye Lenin", der jetzt in Frankreich anläuft.
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Outlook India (Indien), 15.09.2003

Zwei Artikel beschäftigen sich mit dem Scheitern amerikanischer Politik: Prem Shankar Jha kommentiert den Entschluss der USA, die Verwaltung des Irak teilweise der UNO zu übergeben: zu wenig, zu spät, zu unwillig. "Es wird nicht verhindern, dass aus diesem unglücklichen Land der nächste gescheiterte Staat dieser Welt wird." Die Weichen dorthin seien von den Amerikanern gestellt worden: Die Infrastruktur funktioniert gerade soweit, dass die Besatzungstruppen versorgt sind, während die Irakis Hunger leiden und sterben. Der gewaltsame Widerstand wächst. "Staat, Verwaltung und Gesellschaft zerfallen" und Bush wisse nicht mehr weiter - deshalb der Ruf an die UNO, um zu retten, was fast nicht mehr zu retten sei.

Seema Sirohi nimmt zwei Jahre nach den Anschlägen des 11. September den Stand der Dinge in Sachen Terrorismusbekämpfung unter die Lupe: Die Amerikaner büßen Bürgerrechte ein, ohne sich sicherer zu fühlen, der Patriot Act wird selbst von Konservativen als Grundstein für einen Polizeistaat gesehen, der Krieg im Irak hat neuen Terror hervorgebracht, anstatt irgendeinen Teil der Welt sicherer zu machen. Und währenddessen formieren sich im Afghanistan die Taliban neu.

Knapp zwei Wochen nach dem Bombenanschlägen in Bombay gibt Priyanka Kakodkar den Stand der Ermittlungen wieder: Vier Personen, darunter zwei Frauen, wurden verhaftet und haben die Tat gestanden. Sie gehören einer Gruppe namens Gujarat Muslim Revenge Force an. Während ein in Dubai lebender Inder dem Anschein nach die Fäden gezogen hat, sind die vier Täter relativ mittellose Durchschnittsbürger und entsprechen in keinster Weise dem Stereotyp des "jungen, gebildeten Terroristen" - ein Fingerzeig auf die Existenz anderer einheimischer Terrorzellen, entstanden aus der Wut der Verzweiflung.

V. Krishnaswamy porträtiert die Weitspringerin Anju Bobby George, die für Indien die erste Medaille bei einer Leichtathletik-WM holte.

Und Ira Pande ist begeistert von "Ambrosia For Afters", dem "sensationell" guten Roman von Kalpana Swaminathan.

Espresso (Italien), 11.09.2003

Immer wieder schön, wie der Espresso seine Hassliebe zu Silvio Berlusconi pflegt. Diesmal fragt sich Edmondo Berselli in der Ttielgeschichte, ob der privat-hemdsärmlige Stil des Treffens zwischen Putin und Berlusconi am Strand von Sardinien den Maßstab dafür setzt, wie künftig Politik gemacht wird. "Sicher, am Grunde des alten Europas hält sich die stilistische Distanz gegenüber Berlusconi, wie sie von Jacques Chirac vertreten wird, oder die Kühle, die Gerhard Schröder an den Tag legt. Von der russischen Seite aber gibt es keine Bedenken gegenüber der Qualität der Unterhaltung und keinen ästhetischen Aufschrei ob der tragisch-billigen Seite der Abende in der Strandvilla." Eugenio Scalfari dagegen würdigt Berlusconi in seiner Kolumne als großen Illusionisten, der eine Menge Tricks parat hat, um sein Publikum zu "magnetisieren" und zu verzaubern.

Der Kulturteil macht stolz mit einem Exklusivinterview mit Carlos Santana auf, in dem dieser sein Desinteresse an weiteren Grammys zeigt und wieder einmal gesteht, dass er an himmlische Wesen glaubt. Monica Maggi reflektiert die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der naturverbundenen Liebe und will tatsächlich herausgefunden haben, dass Greenpeace eine Broschüre für ökologisch korrekten Sex herausbringen will. Erster Tipp: Licht ausmachen. Und Arianna Dagnino informiert uns, dass das Internet die letzte Ecke der menschlichen Kultur erreicht hat und man sich jetzt auch online auf Friedhöfen tummeln kann.
Archiv: Espresso

Literaturnaja Gazeta (Russland), 03.09.2003

In dem Artikel "Russland gleitet ab" beschäftigt sich Juri Poljakow mit den gesellschaftlichen Problemen in Russland und sieht einen Grund für die stagnierende Modernisierung und den von ihm konstatierten moralischen Verfall in "dem beinahe vollständigen Verlust sozialer Disziplin". Ein wichtiger Aspekt sei "die geringe Schmerzempfindlichkeit der Russen, die der Staat in der Illusion wiegt, den richtigen Weg hin zu Stabilität und Rechtmäßigkeit gewählt zu haben". Poljakow glaubt, dass Verantwortungslosigkeit und Straffreiheit den inneren Zersetzungsprozess beschleunigen. Das russische Rechtssystem sei "ein surreales Netz, in dessen Maschen nur kleine Fische hängen bleiben, während die großen entkommen".

"Goldrausch" ist die Überschrift eines Artikels von Waleri Fatajew, in dem das Phänomen Beutekunst von einer neuen Seite beleuchtet wird. Seit einiger Zeit tauchen in Russland vermehrt Amerikaner auf, "die auf der Suche nach verschwundenen Besitztümern von Holocaust-Opfern sind und nun Ansprüche geltend machen". Allerdings sei das Unterfangen aussichtslos, "da die USA kein Anrecht auf im Umlauf befindliche Kulturgüter Russlands und anderer Länder haben".

Wer hätte gedacht, dass der berühmte russische Schriftsteller Lew Tolstoj Orientalist war und eine große Affinität zu Indien hatte? "Nur wenige wissen, dass er eine ganze Reihe indischer Gleichnisse und Aphorismen ins Russische übersetzt hat". In Walentin Osipows demnächst auf Russisch erscheinendem Buch "Tolstoi und Indien" wird der geneigte Leser mehr darüber erfahren. Fürs erste müssen wir uns mit einigen in der Literaturnaja Gazeta veröffentlichten Aphorismen und einem zweiten Artikel über den "genialen, aber nicht unbedingt klugen Tolstoj" begnügen, der sich vor allem "für den Irrgarten der menschlichen Psyche" interessierte. Aleksej Warlamow würdigt darin Tolstojs "umfangreiche, aber dennoch präzise Romane, (?) in denen nichts Überflüssiges oder Zufälliges zu finden ist, in denen große Wahrheiten und kleine Details gleichermaßen zu ihrem Recht kommen."

New Yorker (USA), 15.09.2003

In einem ausführlichen Porträt würdigt Louis Menand den Schriftsteller Richard Condon. Nach dessen Bestseller - den das Time-Magazine im Erscheinungsjahr 1959 auf seiner Liste der "Zehn besten schlechten Romane" setzte - entstand 1962 John Frankenheimers zunächst gefloppter, später berühmt gewordener Film "The Manchurian Candidate" mit Frank Sinatra und Janet Leigh. Buch und Film gelten als Herzstücke der "Kultur des Kalten Krieges"; Menand begibt sich in seinem Text auf Spurensuche und rekonstruiert minutiös ihre Rezeptionsgeschichte. Über Condon schreibt er: "Condon war ein Zyniker der fröhlichen Sorte, Tom Wolfe nicht unähnlich: Seine Überzeugung, dass alles im Grunde Mist sei, stand seinem Vergnügen, sich darüber lustig zu machen, nicht im Wege."

Außerdem zu lesen: die Erzählung "The Surrogate" von Tessa Hadley und das Resümee eines schwierigen Kinosommers von Noah Baumbach.

Wer hat den Boom auf dem Gewissen? John Cassidy stellt zwei Bücher vor, in denen Paul Krugman and Joseph Stiglitz, zwei führenden amerikanische Wirtschaftswissenschaftler, eine Antwort auf diese Frage versuchen. Außerdem gibt es Kurzbesprechungen, darunter einer "faszinierenden Kuriosiät": "Penelopeia" von Jane Rawlings, eine an Richmond Lattimores Homer-Übersetzungen angelehnte Erzählung der Odyssee aus der Perspektive Penelopes.

Hilton Als stellt ein Theaterstück über Dalton Trumbo vor, einen "Intellektuellen in Drehbuchautorkleidern", der unter anderem die Drehbücher für "Spartacus" und "Papillon" geschrieben hat. Das Zweipersonenstück seines Sohnes Christopher erzählt anhand von Briefen aus der Zeit zwischen 1947 und 1960, als Trumbo als einer der "Hollywood Ten" wegen "kommunistischer Umtriebe" seine Arbeit verlor und für zehn Monate ins Gefängnis wanderte. David Denby bespricht die Filme "Lost in Translation" von Sofia Coppola mit Bill Murray und "Dirty Pretty Things" von Stephen Frears.

Nur in der Printausgabe: Victor Erofeyev schickt "schmutzige Wörter" per Brief aus Moskau, zwei Reportagen über einen "Jesus-Krieg" und "urbane Krieger" sowie Lyrik von David Ferry, Deborah Garrison und Robert Pinsky.
Archiv: New Yorker

New York Times (USA), 07.09.2003

Zwei gingen fort, einer kam zurück. Jason Kersten bleibt in seinem gelungenen Erstling "Journal of the Dead" (erstes Kapitel) bei den Fakten, wenn er die wahre Geschichte zweier Freunde erzählt, deren Wandertour im Süden der USA für den einen mit dem Messer des anderen im Rücken endet. Die nachdenkliche Unaufgeregtheit imponiert Bruce Barcott, der das Journal der Toten ohne Bedenken empfehlen kann. "Kersten erzählt diese traurige Geschichte in einem spärlichen, zurückgenommenen Stil, der perfekt zu den Sekundärcharakteren des Buches passt. Eine der unerwarteten Freuden des Buches ist die Beschreibung des Lebens in den staubigen Wüstenstädten New Mexicos. Die Polizeibeamten und Rechtsanwälte werden als ungewöhnlich anständige Menschen beschrieben, die eine bizarre Situation zu lösen versuchen."

In ihrer Last-Word-Kolumne wehrt sich Laura Miller gegen den verbreiteten Irrglauben, Lesen sei gut für den Menschen. "Einige der eifrigsten Leser, die ich kenne, sind auch die engstirnigsten Denker. Jemand kann bemerkenswert unsensibel anderen gegenüber sein, obwohl er Berge von Klassikern studiert hat. Und Lesen kann einem, wie im Fall von Emma Bovary, sogar den Appetit auf das richtige Leben verderben."

Aus den weiteren Besprechungen: Ein zweites Debüt, "Brick Lane" (eine Lesung mit der Autorin zum Anhören hier), hat es sogar bis auf den Titel geschafft. Nicht ohne Grund, wenn man Michael Gorra glauben darf, der Monica Alis Selbstfindungsgeschichte in Londons Bangladeshi-Immigrantenszene, "wirklich lohnenswert" fand. Benedict Nightingale hält Helen Sheehys Biografie der Stummfilmschauspielerin Eleonora Duse (erstes Kapitel) für fesselnd, lustig, bewegend - mit einem Wort: vorbildlich. Ebenfalls in höchsten Tönen lobt Will Blythe Sena Jeter Naslunds "Four Spirits" (erstes Kapitel), Roman rund um den Bombenanschlag in der Baptistenkirche im amerikanischen Birmingham, bei dem 1963 vier schwarze Mädchen getötet wurden. "Als wenn Virginia Woolf nach Birmingham gekommen wäre, um für die Bloomsbury Times über die Bürgerrechtsbewegung zu berichten."

Radar (Argentinien), 08.09.2003

Eindeutig interessanteste lateinamerikanische Kulturbeilage dieser Woche ist Radar, die zusammen mit der Tageszeitung Pagina 12 in Buenos Aires erscheint. Darin ein bislang unveröffentlichtes Interview mit Jorge Luis Borges (mehr hier) über den Tod. "Ich werde sterben und ich werde nicht mehr sein, und was kann ich mir mehr wünschen als das, was kann es angenehmeres geben als den Tod, der doch so dem vielleicht Angenehmsten im Leben ähnelt, dem Traum", sagte der altehrwürdige Dichter seiner Interviewerin Liliana Hecker. Das war 1980, sechs Jahre vor seinem Tod. Heckers Gesprächsband "Dialoge über das Leben und den Tod" wurde schon damals gedruckt, aber nie ausgeliefert, weil der Verleger Pleite ging.

Außerdem erinnert Maria Gainza an den argentinischen Künstler Federico Peralta Ramos, "eine Art lokaler Marcel Duchamp, der die Möglichkeiten der Konzeptkunst erahnte, Jahre bevor sie Form anzunehmen begann" und auch nicht davor zurückschreckte, seine Bilder zu zersägen, um sie durch die Tür einer Galerie bugsieren. Das Museum für Moderne Kunst in Buenos Aires widmet ihm derzeit eine Retrospektive. In einem weiteren Text freut sich Rodrigo Fresan, dass der todkranke Rockmusiker Warren Zevon noch ein Album aufgenommen hat, "The Wind". Fresan ist in Deutschland weitgehend unbekannt und noch nicht übersetzt, im spanischsprachigen Raum jedoch gilt der Autor von "Historia Argentina" und "La velocidad de las cosas" als eines der großen Nachwuchstalente.
Archiv: Radar

Spiegel (Deutschland), 08.09.2003

Regisseur Leander Haußmann macht sich sichtlich Sorgen darüber, dass am Ende vor allem sein Film 'Sonnenallee' für die aktuell rollende Ostalgie-Welle verantwortlich gemacht werden könnte. Und so erklärt er erst mal, was seines Erachtens auf die 'Sonnenallee' folgte: "Die DDR geriet mehr und mehr zu einem Produkt der Künstlichkeit. Sie wurde ein originelles Label für jugendliche Freaks und Puristen auf der Suche nach dem verlorenen Kick, eine Spielwiese für Romantiker zwischen Kitsch und Revolution. Das freute mich, weil es einer heiteren, selbstironischen Kommunikation zwischen Ost und West zu verdanken schien, die wir auch mit unserem Film herbeiführen wollten." Während das, was gegenwärtig geschieht, damit nun gar nichts mehr gemein habe: "Es ist die Lust am straffreien Vorzeigen und Verwenden der Embleme verfassungsfeindlicher Organisationen, die in den aktuellen Ostalgie-Shows deutlich wird; die Schwamm-drüber-Mentalität vieler Westdeutscher und die Selbstzufriedenheit jener Täter und Mitläufer von einst, die glauben, dass die Zeit der Scham nun endgültig vorbei sei." Ob das aber nun den von Haußmann erhofften Unterschied macht?

Außerdem: Hilmar Schmundt erklärt, warum die Welt der Computerspiele immer mehr der realen Welt zu gleichen beginnt - die Schnellrestaurants im Paralleluniversum des Electronic-Arts-Spiels 'Sims' also beispielsweise neuerdings 'McDonald's' heißen: "Dass die Markenwelt machtvoll in die Phantasiewelt drängt, kann nicht überraschen. Während ein Großteil der Wirtschaft lahmt, expandieren viele Daddelkonzerne unbeirrt weiter. Mittlerweile geben die deutschen Kunden mehr Geld für Computer- und Videospiele aus als für Kinokarten - kaum vorstellbar, dass solch ein Riesenmarkt werbefreie Zone bliebe." Zugleich ruft dann im Internet aber auch schon, wie man erfährt, der Aktivist Tony Walsh etwa "zum virtuellen Protest vor den McDonald's-Filialen in der Spielwelt auf. Und Harrison Ford versichert im Interview, dass er keine Filme mache und jemals gemacht habe, "die zeigen wollen, dass die amerikanische Kultur dem Rest der Welt überlegen ist." Sondern, und das ist dann ja schon bemerkenswert: "Im Gegenteil".

Im Print: Ein Gespräch mit Christa Wolf "über ihr Leben in der DDR" und "ihre Aufzeichnungen aus 41 Jahren".

Und der Titel schließlich beschäftigt sich mit der Attraktivität von Verschwörungstheorien zum 11. September - denn, so will jedenfalls der Spiegel wissen, "schon ein Fünftel der Deutschen glaubt ihren Halbwahrheiten".
Archiv: Spiegel

Times Literary Supplement (UK), 05.09.2003

Der bemerkenswerteste Artikel ist diesmal definitv Deborah L. Manzolillos Besprechung von Dale Petersens "Eating Apes". In dem Buch erklärt Petersen, warum man zwar die Kulturen anderer Völker achten, aber dennoch - aus toximologischen und ethischen Gründen - keine Primaten essen sollte. Klingt bekannt, aber Manzolillos Bestätigung hat es in sich: "Ich selbst verbrachte einen Teil meiner Kindheit unter Menschen, die seit Menschengedenken und nicht nur gelegentlich Kannibalismus praktizieren. Aber sie halten Grenzen ein: Sie würden niemals Menschen essen, die die gleiche Sprache sprachen."

Im nur auszugsweise zu lesenden Aufmacher schmettert Theo Tait den neuen Roman von Martin Amis, "Yellow Dog", als heillos "überartikuliert" ab (mehr zur gegenwärtigen Beststeller-Schlacht hier). Nicht J.G. Ballards (mehr hier) bester Roman, aber immer noch schön schräg findet Bharat Tandon "Millennium People". Darin spürt ein Psychologe den Mördern seiner Ex-Frau nach und stößt dabei auf eine Art marxistischer Matrix-Organisation, für die die britische Mittelklasse mit ihrer liberalen Erziehung und zivilen Verantwortung die ultimative Form des falschen Bewusstseins ist. Außerdem besprochen werden Stephen Fox' Geschichte der atlantischen Dampfschifffahrt "The Ocean Railway" und die Monet-Ausstellung in der Royal Scottish Academy von Edinburgh.
Stichwörter: Martin Amis