Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
21.10.2002. Atlantic Monthly probt mit Turkmenistans Präsident Saparmurat Niyazov und amerikanischen Snobs den Größenwahn. Die New York Review of Books fand Korane und Betkappen in Guantanamo Bay. L'Express gibt sich francophon. Outlook India fragt, was indische Frauen wollen. Der Economist denkt in einem Special über den Krieg gegen den Terror nach. Das Times Literary Supplement bespricht eine Philosophie des Bösen.

New Yorker (USA), 21.10.2002

Schön viel Lesestoff mal wieder, zu wirklich hinreißenden Themen. So beschreibt Mark Singer einen Streit zwischen Einwohnern der Stadt Wilmington, Vermont und - unter anderen - Phil Markham. Anlass: letzterer, Anhänger einer Gruppe von "Gesundheitsschwimmern", betreibt regelmäßig an einem entlegenen Badesee der Stadt so genanntes "skinny-dipping" - nackt, was auf amerikanisch sehr dezent mit "clothing-optional" umschrieben wird, aber deshalb noch keineswegs von jedem goutiert wird. So bemängelt etwa die Nackten-Gegnerin Margaret Frost: "If you use the lake you can't help but see it. There is no escaping it. (?) We must not allow these people to jam nudity down our throats. I for one am choking on it!!!"

Weitere Artikel: Der Mediziner Jerome Groopman berichtet über die heikle Herausforderung, Patienten schlechte Nachrichten vermitteln zu müssen. Jane Mayer stellt eine Essay-Sammlung mit dem Titel "Know Thy Enemy" vor, in der amerikanische Spezialisten für das Verteidigungsministerium und das FBI psycholgische Profile von Despoten erstellten; untersucht wurde auch die "geistige Gesundheit" von Saddam Hussein: "He may be a psychopath, but he's very sane", urteilt Dr. Jerrold Post, gesteht aber auch: "If Saddam Hussein was in my office, I'd run." Jesse Lichtenstein spielt genüsslich den Vorschlag eines irakischen Vizepräsidenten durch, Bush und Saddam sollten sich einfach duellieren. Außerdem zu lesen: die Erzählung "Travis, B." von Maile Meloy.

Besprechungen: Jim Holt stellt eine neue Biografie über die DNA-Forscherin Rosalind Franklin vor, die "Sylvia Plath der Molekularbiologie", Daniel Mendelsohn bespricht einen neuen Roman von Donna Tart, außerdem gibt es Kurzkritiken. Alex Ross lobt eine Inszenierung der "größten Oper seit Wagners Parzival", Olivier Messiaens "Der heilige Franziskus von Assisi" in San Francisco. Virginia Heffernan resümiert die Erfolge der TV-Ikone Jerry Seinfeld und stellt seinen "Nachfolger" Larry David und dessen neue Kult-Serie "Curb Your Enthusiasm" vor. John Lahr kritisiert drei Theaterstücke, und David Denby sah im Kino neue Filme: "Auto Focus" von Paul Schrader mit Greg Kinnear und Willem Dafoe und "Bowling for Columbine" von Michael Moore, der in diesem Frühjahr in Cannes lief.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über die Hisbollah, ein Artikel über einen wieder entdeckten Meister des 17. Jahrhunderts sowie Lyrik von John Ashbery, Louise Glück und Dan Chiasson.
Archiv: New Yorker

The Atlantic (USA), 01.11.2002

Atlantic Monthly probt diesen Monat den Größenwahn und bewundert sich im Spiegel!

Turkmenistans Präsident Saparmurat Niyazov (mehr hier) leidet an Größenwahn, verkündet Cullen Murphy. Er hat sich selbst den Ehrentitel "Turkmenbashi" verliehen - "Großer Führer aller Turkmenen" - und sein Porträt erscheint auf der nationalen Währung, auf Wodkaflaschen und Teepackungen. Er hat sogar den Monat Januar nach sich umbenannt. Aber nun mal ehrlich: "Wir alle besitzen einen inneren Turkmenbashi. Das ist der Teil von uns, der sich danach verzehrt, der absolute Herrscher eines souveränen Staates zu sein, und sei er noch so mitleiderregend." Leider könne man nur den Kopf schütteln über den "kitschigen Exzess" der tatsächlichen Führer und die Abwesenheit jeglicher "sozialer Veränderung, die einen wirklich visionären Führer gereizt hätte. Und so verkündet Murphy feierlich: "Wenn ich in den Schuhen des Großen Führers stecken würde, und die Kalenderreform wäre vollbracht, ich würde mir eine ambitioniertere Agenda ausdenken."

David Brooks erklärt, dass die USA "Elitismus" demokratisiert haben, und dass nun "jeder ein Snob sein kann". Welche Probleme das mit sich bringt, liegt für Brooks auf der Hand: eine große Unwissenheit über die eigenen Mitbürger, ein "lässiger Relativismus" und eine "nationale Stagnation". "Auf der anderen Seite ist es eine Wonne, sich als 'Gott, der Schöpfer' seiner eigenen kleinen Gemeinschaft zu fühlen. Und so ist es vielleicht unvermeidlich, dass wir uns einfach zurücklehnen und der fortschreitenden Segmentierung unserer Gesellschaft zusehen werden. Für diesen Fall schlage ich ein neues Denkmal für die Mall in Washington vor: eine riesige kreisförmige Struktur, außen mit strahlendem Marmor und mit vergrößernden Spiegeln, die die inneren Wände bedecken. Man könnte hineingehen und das eigene Spiegelbild aus allen Winkeln bewundern. Und wenn man die Mitte erreicht hätte, würde eine große Neonschrift angehen und der Welt das Kredo dieser Ära verkünden: 'Ich gefalle mir.' "

Das Herzstück dieser Ausgabe: Gerne wären wir mitgeflogen, aber während in der Printausgabe Mark Bowden im Cockpit eines amerikanischen Kampffliegers über Afghanistan hinwegschießt, bleibt den Internet-Lesern nur ihre Phantasie.

Weitere Artikel: "Was nun?", fragt Michael Kelly und meint damit den bevorstehenden Irak-Krieg und die Zeit danach. James Fallows antwortet gewissermaßen auf diese Frage und entwirft ein langfristiges Szenario für den 51. amerikanischen Bundesstaat - den Irak. Dass es sich empfiehlt über ein solches Nachkriegsszenario nachzudenken, bevor man in den Krieg zieht, erklärt Fallows auch in einem E-Mail-Interview mit Katie Bacon (nur im Netz). Auch Robert D. Kaplan plant die irakische Zukunft - nach Saddam Hussein, natürlich aus amerikanischer Perspektive. Charles A. Kupchan vermutet, dass der nächste anstehende "Krieg der Zivilisationen" zwischen den Vereinigten Staaten und Europa ausgetragen wird, und dass sich die USA darüber noch nicht einmal im Klaren sind.

In "Varieties of Religious Experience" setzt John Updike ein Kaleidoskop des 11. Septembers zusammen.

Nur im Print zu lesen, unter anderem, ein Ranking der Kino-Präsidenten und eine Zeichnung mit dem schmackhaftem Titel "The Four Holidays of the Apocalypse" von Edward Sorel.
Archiv: The Atlantic

Profil (Österreich), 20.10.2002

Der November steht vor der Tür, und vom "Tot sein und es nicht zu wissen" spricht Österreichs zur Zeit wohl bekannteste und wichtigste Autorin Elfriede Jelinek in einem Interview im neuesten profil-Heft. Anlass des Gespräches ist die Aufhebung ihres selbst verfügten Aufführungsverbotes ihrer Stücke und die Herbst-Premiere ihres neuen Stücks "Der Tod und das Mädchen I-III". In ihrem neuen Stück ist Österreich "das willig sich hingebende, dicke, hübsche Dornröschen, das der narzisstische Prinz ins Leben zurückküsst: eine sexuelle Eroberung als politischer Akt der Aneignung". Jelinek hält die Begeisterung für eine rechtsextreme Partei und die Trauer über die Zeiten, als Österreich Teil des Großdeutschen Reichs war, für "einen quasi sexuellen, sadomasochistischen Akt": "Man liefert sich willig, geradezu geil dem aus, was einen zerstören, auslöschen will, indem es vorgibt, für die einzigen? wahren und echten Österreicher zu agieren."

Ferner bringt profil drei Kommentare zur Affäre um den "Nestroy" an Claus Peymann und Andre Hellers Laudatio auf den ehemaligen Burgtheaterchef. Dazu gehört ein Dramolett von Peter Turrini!
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Archiv: Profil

New York Review of Books (USA), 07.11.2002

"Was ist Präsident Bushs eigentliches Ziel im Irak?" Für Anthony Lewis gibt es zwei Möglichkeiten: entweder will George Bush tatsächlich nur dafür sorgen, dass Saddam Hussein keine Massenvernichtungswaffen besitzt - und dann hätte er dieses Anliegen durch seine "aggressive Rhetorik" erheblich erschwert - oder aber "dieser Präsident will die Regeln mit Füßen treten, die in den letzten Jahren das internationale Leben gelenkt haben". Leider habe sich gerade dieser letzte Verdacht zunehmend bestätigt und hierbei handele es sich geradezu um eine Ideologie: Denn auch wenn Bushs Chef-Ideologe Wolfowitz "es gut meint" - "Er und seine Kollegen gehören zum gefährlichsten Menschenschlag, den Utopisten. Sie denken, dass sie die unordentliche Welt aufräumen können, und sie wissen, dass sie recht haben. Anderen erscheint diese Gewissheit als Arroganz. Für sie ist George W. Bush ein Ungebildeter, der an die Wahrheit der amerikanischen Güte und Macht glaubt. Tatsache ist, dass Bush so oder so zu einem Krieg gegen den Irak drängen wird. Er sieht dies vermutlich als den Anfang einer großen und neuen Möglichkeit für die Vereinigten Staaten, der Welt ihre Sicht aufzuzwingen: die Bush-Doktrin."

Joseph Lelyveld macht sich Gedanken über die 598 Gefangenen von Guantanamo Bay. Die amerikanische Regierung sei "allergisch" gegen Erklärungen und habe sich, obwohl sie sicher über legale Argumente verfüge, einfach nicht die Mühe gemacht, sich mit dem Genfer Abkommen zu beschäftigen. Auch wie lange die Insassen von Camp Delta noch gefangen gehalten werden, sei unklar. Anstatt dessen gebe es jetzt "Korane, die in jeder Zelle plaziert wurden wie Gideon-Bibeln in Hotelzimmern. Betkappen gehören jetzt auch zum Standard sowie Betteppiche aus Schaumgummi."

"Diese Griechen und ihre Zwitter!" Daniel Mendelsohn ist begeistert von Jeffrey Eugenides' Geschichte um den emigrierten griechischen Familienklan der Stephanides. Doch dies sei leider nur eines der beiden Themen, von denen der Roman "Middlesex" handele. Dem anderen, das Leben eines sich als Zwitter herausstellenden Menschen, werde Eugenides einfach nicht gerecht und lebe zu sehr von der spektakulären Thematik. "Und so strandet 'Middlesex' letztlich selbst in der Mitte, irgendwo zwischen jedem der beiden Bücher, die es hätte sein können. Oder vielleicht hat es Extreme aber keine 'wirkliche' Mitte, keinen Ort, an dem die zwei Teile sich verbinden. Wie diese Statue in den Offizien, ist es mit mit verschiedenen Charakteristika übersättigt, die eigentlich zu verschiedenen Bereichen gehören. Eugenides' ehrgeiziger aber missgebildeter Roman wirft kein Licht darauf, was es bedeutet, in dieser Mitte zu stehen, aber zweifellos ist er selbst eine Art Zwitter."

Weitere Artikel: Marshall Frady beschäftigt sich, im ersten von zwei Artikeln zu Lyndon B. Johnson, unter anderem mit dem dritten Teil von Robert A. Caros Johnson-Biografie, der dessen mysteriöse Seite nur zwischen den Zeilen beleuchtet. Michael Kimmelmann hat die kürzlich entdeckten Briefe von Arturo Toscanini gelesen und amüsiert sich, dass Toscanini auch dort den "großen Maestro" gibt. Für Jared Diamond hat sich bei der Lektüre von David Sloan Wilsons Buch über Darwin gezeigt, dass es möglich ist, auch hochkontroverse Themen wie Religion und Wissenschaft "ehrlich" zu behandeln.

Nur im Print zu lesen: Unter dem Stichwort "der moderne Machiavelli" bespricht Paul Kennedy eine Reihe von politischen Büchern und Gabriele Annan hat sich mit Büchern über das Überleben beschäftigt.

Express (Frankreich), 21.10.2002

Ein Francophonie-Spezial in der heutigen Ausgabe: "Wir haben bereits auf einem Treffen im Jahr 2000 zu dem Thema 'Frankreich und die arabische Welt' feststellen müssen, dass es eine große Ungleichheit gibt, denn es wird in sehr wenigen französischen Schulen arabisch unterrichtet, wohingegen die Mehrzahl der Schulen in der arabischen Welt französisch unterrichten. Das gleiche gilt auch für Bücher: Es gibt wenige arabische Bücher, die ins Französische übersetzt werden, aber viele französische Bücher, die ins Arabische übersetzt werden", sagt Boutros Boutros-Ghali in einem Interview mit dem Express anlässlich des Francophonie-Gipfels, der das erste mal in einer Stadt im Nahen Osten, in Beirut, abgehalten wird. Organisiert wird der Gipfel von der "Organisation internationale de la francophonie". Im Zuge der Globalisierung solle das Französische nicht nur zum kulturellen Austausch, sondern auch zur Erhaltung der nationalen Identität dienen. Ah bon, das haben wir uns fast gedacht.

Weitere Artikel blicken nach Quebec: Isabelle Gregoire schildert in einer Reportage, wie es Einwanderern in Quebec ergeht, die dort noch einmal die Schulbank drücken. Auch wenn sie nicht das Französisch von Moliere lernen, sieht es in diesem Einwanderungsland für die französische Sprache rosig aus. In einem Gespräch bekennt sich der kanadische Sänger Gilles Vigneault, der 74jährige Patriarch der Francophonie, wie Jean Michel Demetz schreibt, zum schönsten Wort im Französischen: "Femme nue".

Um französische Staatsangehörige an der Elfenbeinküste vor dem bewaffneten Aufständen im Norden des Landes zu schützen, interveniert Frankreich in der ehemaligen Kolonie, berichtet Vincent Hugeux. Tiken Jah Fakoly, ein Reagge-Sänger aus Westafrika, fordert in einem Gespräch mit dem Express Neuwahlen. Zur Haltung Frankreichs sagt er: "Ich habe in der französischen Präsenz in Afrika schon immer eine Gefahr für die Unabhängigkeit gesehen. Frankreich hat seine Staatsangehörigen evakuiert. Das ist passiert. Frankreich soll seine Rolle als Vermittler spielen, aber das keineswegs in Uniform.

Außerdem: Die "Titeufmania" ist ausgebrochen. Laurence Liban lobt Stephane Braunschweig, dass er Heinrich von Kleist für die französische Bühne entdeckt hat. Noch zu sehen im TNS: "Die Familie Schroffenstein" und "Paradis verouille" frei nach Aufsätzen von Kleist. Buchbesprechungen beschäftigen sich Woche vor allem mit amerikanischen Romanen.
Archiv: Express

Economist (UK), 18.10.2002

Der neue Economist wartet mit starkem Tobak in Sachen Terrorismus auf. Nicht nur die Titelgeschichte ("A world of terror") ist diesem Thema gewidmet sondern auch ein Special Report, - und alle Zeichen stehen auf Alarm! Die Kernaussage ist in diversen Artikeln: Nein, Amerika hat sich nicht der Vernachlässigung von Bin Laden und Al Qaeda schuldig gemacht, seit er sich auf Saddam Hussein und den Irak konzentriert, wie es beispielsweise der britische Guardian mit seiner Schlagzeile "America's obsession with Iraq leaves others free to kill" behauptet hat. Und: Ja, die Gefahr ist groß, und an allen Ecken und Enden muss der Drache Terrorismus bekämpft werden. Was Bali angeht, heißt es: "If all goes well, in other words, the horror of Bali may in time strengthen the East Asian front of the war against terrorism in two ways: by jolting a supine government into belated counter-terrorist action, and by driving a wedge between al-Qaeda's fellow travellers and the moderate, non-violent Islamic parties of Indonesia.? Auch der Economist weiß natürlich, dass die Entwicklung einer effektiven Strategie durch solche Eindeutigkeit der Aussage nicht einfacher - oder sagen wir: simpler - geworden ist, und zeigt dies in einem Satz wie "The war against Islamic terrorism must in large part be a war for the hearts and minds of Muslims. That is uncontroversial. The hard question is how to win this part of the war. "

Teil des Special Report ist auch ein Artikel zur Einschätzung von Australiens Reaktion auf das Attentat in Bali, - und wieder taucht die Frage der Prioritäten im Kampf gegen den Terror auf: Saddam Hussein oder Bin Laden. Es könnte sein, meint der Economist, dass die australische Bevölkerung, "angry and confused", jetzt fordern wird, "that Australia should pour its energy and resources not into helping America fight distant Iraq, but into helping its neighbours fight terror.? In dem Artikel "Al Qaeda changes ist ways" heißt es zur Strategie-Veränderung der Terrororganisation, dass sie nach der Zerschlagung der Zentrale in Afghanistan jetzt in kleinen, unabhängig voneinander arbeitenden Zellen funktioniert. Die Strategie des amerikanischen Präsidenten Bush allerdings wird mit einem Zitat charakterisiert, das die Mächte des Bösen zu einer Macht zusammenschweißt, und die heißt Saddam Hussein: "'We need to think', he said on Monday, expanding his unproven theme, 'about Saddam Hussein using al-Qaeda to do his dirty work, to not leave fingerprints behind.'"

Weitere Artikel sind on-line zu lesen über die neue deutsche Regierung ("Mr Schröder has described his plans for the next four years as 'ambitious and realistic'. They are neither.?) und über eine Aufführung am Theatre de la Ville in Paris, wo Michel Bouquet als "Minetti? im gleichnamigen Stück von Thomas Bernhard zu sehen ist ("As he sits at the end alone and abandoned under falling snow, his final line, 'Partir vite', is the devastating completion of a great tragicomic performance.?)

Nur im Druck: über Manager als Zeitarbeiter, deutsche Banken und Aids ("Aids gets worse and worse").
Archiv: Economist

Outlook India (Indien), 28.10.2002

In dieser Ausgabe geht's fast nur um eins: Die indische Frau von heute. "What Women Want" lautet der Titel - und hier gibt es die Informationen. Eine Umfrage in zehn indischen Städten, unter Frauen aus allen Schichten, ergibt Folgendes: Auf die Frage "Brauchen Frauen Männer?" antworteten 78 % mit Ja. Und wozu? Hilfe im Haushalt erwarten 80 %, guten Sex halten 75 % für sehr wichtig. Zum Thema Affären: 58 % würden sie ihren Männern beichten, 43 % würden ihn verlassen, wenn er eine hat (20 % würden dann selbst eine suchen). Und nicht weniger als 55 % der Frauen erwarten, dass ihr Mann noch Jungfrau ist bei der Hochzeit.

Frau sucht Rollenmodelle in der Mythologie. Wie wäre es mit Drapaudi, die fünf Ehemänner hatte? Einen, der alles hat, was man braucht, findet man auch heute kaum: "A man with brains, brawn and a liberated feminine side just didn't exist. One who could fix the fuse and discuss Foucault-and, yes, be a good lover and an even better father." Oder ein Epochenvergleich: Deepa Gahlot untersucht die Figur der Paro in drei berühmten Verfilmungen der im 19. Jahrhundert spielenden Devdas-Geschichte, ein emanzipatorischer Fortschritt ist in der neuesten Version aus diesem Jahr auszumachen: "When she is married to a much older zamindar with grown-up children, this Paro is the only one who does not fall into 'wifely' submission easily."

Ein weiterer Artikel stellt Schriftstellerinnen vor, die vielfach noch mit den Vorurteilen der literarischen Welt zu kämpfen haben. Außerdem gibt es Überlegungen zum aktuellen Modedesign, ein New-Age-Guru feiert Shakti als das weibliche göttliche Prinzip des Universums. Zu guter letzt gibt es noch eine Galerie der Frauentypen von heute: von der Hausfrau bis zur Intellektuellen.

Espresso (Italien), 24.10.2002

Fast nichts im Angebot diese Woche, aber immerhin: Umberto Eco ist zurück und sinniert in seiner Bustina über folgenden denkwürdigen Satz von George Bush: "Die Entwicklung hin zur Demokratie ist unumgänglich. Aber die Dinge können sich ändern." Denkwürdige Sätze wie diesen hat Eco jedoch viele gefunden, und das stimmt ihn nachdenklich: "Heute behauptet niemand, dass, wie Platon es wollte, die Staaten von Philosophen regiert werden sollen, aber es wäre gut, wenn sie in den Händen von Menschen mit Verstand wären." Gefunden hat Eco seine Bush-Zitate auf der mittlerweile legendären Seite www.bushisms.com .

Weitere Artikel: Michel Houellebecq (mehr hier) und Catherine Millet (mehr hier) haben dem Porno den Weg in die französische Literatur bereitet, und alle folgen ihren Spuren, wie Fabio Gambari aus Paris meldet. Das ruft die Gerichte auf den Plan, so muss sich gerade Nicolas Jones-Gorlin für die pädophilen Szenen in seinen Debütroman "Rose bonbon" vor Gericht verantworten. Peter Gomez stellt den zwielichtigen Melchiore Cirami vor, der als Abgeordneter und Senator in Sizilien ein Gesetz zur Straferleichterung der Mafiosi vorgeschlagen hat und dafür gesorgt hat, dass Hunderte Angeklagte der großen Korruptionsprozesse der Neunziger ohne Strafe davongekommen sind. Sein neuestes Werk ist das umstrittenen Gesetz, dass sich alle Angeklagten ihren Richter aussuchen dürfen. Anthony Hopkins spricht über seinen neuen Film Red Dragon, den dritten Teil der "Schweigen der Lämmer"-Reihe. Besprochen wird Zhang Yimous Film "La locanda della felicita" (mehr hier), eine chinesisch-amerikanische Koproduktion.
Archiv: Espresso

Spiegel (Deutschland), 21.10.2002

Der Anfang war das Wort, lautet - nicht ganz bibelfest - die Titelschlagzeile. Es geht um die Entstehung der menschlichen Sprache und die neuesten Erkenntnisse zu ihrer physiologischen Verortung im menschlichen Gehirn. Im Internet ist das Paket, wie stets, nur für Geld zu haben.

Gratis dagegen ist das Interview mit Rudolf Augstein, der sich zum 40jährigen Jubiläum der SPIEGEL-Affäre äußert, sich an Franz-Josef Strauß erinnert und an dessen minder liebenswerte Charaktereigenschaften: "Draufhauen, Verschwörungsbesessenheit, Geheimdienst-Anbeterei, Rechtsverachtung, Skrupellosigkeit, Unfähigkeit zu jeder Selbstkritik, dazu eine außergewöhnliche Fähigkeit, sich und anderen in die Tasche zu lügen." Ganz anders dagegen Adenauer: "Und Adenauer durfte ich kurz vor seinem Tod besuchen. Er war der beeindruckendste Politiker, dem ich je begegnet bin. Wir haben uns umarmt und versöhnt. Ich war sehr bewegt, sentimental sogar, aber er auch."

Außerdem gibt es Neues von und zu Kurt Cobain (mehr hier). Auf einer jetzt erscheinenden Best-of-Nirvana-Compilation gibt es einen bisher unveröffentlichten - wenngleich schon seit einiger Zeit durchs Internet schwirrenden - Song. Der geht so: "Dann kracht es ungeheuer, und der Mann schreit nur noch: 'Pain, pain, pain, pain'. Extrem gedehnt: 'Paaaiiin'. Nach dreieinhalb Minuten ist der Spuk vorbei." Vorgestellt werden auch die neuesten Versuche, dem wahrscheinlich schlimmsten Übel des Internets beizukommen: Spam.

Nur im Print: ein Interview mit Joschka Fischer über Staatsschulden und Reformpläne. Amy Pascal, Chefin des Hollywood-Studios Columbia, spricht über die Berechenbarkeit von Kinohits. Peter Homann (mehr hier) schreibt über den Märtyrerwahn der RAF. Und ein Interview mit Wladyslaw Szpilman, dem realen Vorbild von Roman Polanskis "Der Pianist" .
Archiv: Spiegel

Times Literary Supplement (UK), 18.10.2002

Warum interessiert sich die Philosophie nur für die Guten?, fragt sich Jonathan Ree. Weil das viel einfacher ist. "Das Gute mag von einem praktischen Standpunkt aus schwer fassbar sein, aber konzeptuell ist es vergleichsweise leicht zu handhaben. Platon behauptete, dass es nur in einer Form erscheinen kann, und selbst wenn er sich darin irrte, ist es sicher einfacher als die zahllosen Spielarten der Schlechtigkeit. Wenn gute Dinge besser werden, sind sie am Ende sehr gut, doch wenn schlechte Dinge sich verschlechtern, sind sie am Ende schlimmer als schlecht. Sie drücken den Diskurs in eine Zone von nicht-verhandelbaren Wörtern mit altmodischer Ausstrahlung, wie Sünde, Bosheit und das Böse." All das habe die Philosophie eher vom Bösen ferngehalten, doch Susan Neimans Buch "Evil in Modern Thought. An alternative history of philosophy" springe in diese Bresche. Für sie stelle das Böse die Frage nach der Erfassbarkeit von Welt, an sich sei es jedoch letztlich ein Oberflächenphänomen, "keine gewaltige Eiche, sondern ein lumpiger und wurzelloser Pilz, der sich mit befremdlicher Geschwindigkeit ausbreitet und dann genauso schnell wieder verschwindet."

Weitere Artikel: James Hall findet, dass E. H. Gombrichs kunstwissenschaftlichen Thesen in ihrer Deutlichkeit auch immer etwas Magerheit anhaftet. Isobel Armstrong bespricht eine Biografie des ersten Erzviktorianers Philip Henry Gosse (mehr hier). Und schließlich misst Maria Margaronis die Londoner Aufführung von Tennessee Williams' "Streetcar Named Desire" an Elia Kazans legendärer Verfilmung und trauert Williams' sehnsuchtvollem Himmel nach.

Nur im Print zu lesen sind unter anderem "Dart" von Richard O'Brien, Hew Strachans "The Hunt for Zerzura - The lost oasis and the desert war" und M. John Harrisons "The Bat Tattoo".

New York Times (USA), 20.10.2002

Endlich ein Buch über den 11. September, bei dem es - wie in den 150 Büchern davor - nicht nur von Helden wimmelt", schreibt Jeffrey Goldberg über William Langewiesches "American Ground". Langewiesche, Starreporter des Atlantic Monthly, hat die Aufräumarbeiten an Ground Zero vom ersten bis zum letzten Tag an mitverfolgt und in gewohnt herausragender journalistischer Qualität geschildert, jubelt Goldberg: "It is a work of original reporting, and its pages are filled with astonishing observations. There are too many arresting passages to recount here, but let me note two: Langewiesche's walk through the ghost world of the Bankers Trust building, which was damaged in the attack but did not fall, is postapocalyptic in its loneliness; and his reconstruction of the last minutes of the planes that slammed into the towers - American Flight 11 and United Flight 175 - is terrifying in its exactness." (Auszüge aus der in drei Teilen veröffentlichte Reportage in Atlantic Monthly finden Sie hier und hier und hier).

Gute Gründe für einen Krieg gegen den Irak findet Jack F. Matlock Jr. in Kenneth M. Pollacks "The Threatening Storm" (Leseprobe). Der frühere Geheimdienstmitarbeiter Pollack verfüge über ein umfangreiches Detailwissen und liefere präzise Analysen, meint der Rezensent. Wie etwa diese: "The idea that opposition groups could lead an invasion and prevail with the support of American air strikes and some special forces, as happened in Afghanistan, is an illusion, he believes. No neighboring states would back such an effort and it would probably fail even if they did. The only sure course is a blitzkrieg by American ground troops."

Weitere Artikel: In ihrem Close Reader folgt Judith Shulevitz Hillel Halkin in das Grenzgebiet zwischen Tibet und Burma, wo ein Volk behauptet, direkt von einem der zehn Stämme Israels abzustammen. Nach der Lektüre von David Rockefellers Memoiren (Leseprobe) sehnt sich David Brooks nach der Zeit zurück, als die Prominenten sich - wie Rockefeller - durch gepflegte Umgangsformen auszeichneten und nicht nur durch ihr monströses Ego. Joyce Carol Oates' 38. Roman "I?ll take you there" (Leseprobe) würdigt Jennifer Egan zwar als bezaubernd, als Oates' Meisterwerk möchte sie es aber nicht bezeichnen. Einen Meister des internationalen Thrillers nennt Richard Eder Martin Cruz Smith, und auch dessen neuestes Werk "December 6" sei ein könnerhaft und fehlerlos inszenierter Krimi im Japan des Zweiten Weltkriegs.

Kurz besprochen werden Sachbücher, darunter eines über Juden in Deutschland, und Kinderbücher, über Hühner und Scheunen. In der Krimi-Ecke geht es etwa um Verbrechen in Florenz, Maryland, Los Angeles und England. Zu guter letzt ein Herbsgedicht von Judy Katz.