Heute in den Feuilletons

Ich bin nicht Kemal. Monsieur Flaubert, c'est moi

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.10.2008. In der Welt streiten Gottfried Honnefelder und Helge Malchow über Sinn und Unsinn von Gastländern der Buchmesse. Die Türkei entdeckt ihr multikulturelles Erbe, schreibt die NZZ. In Eren Güvercins Blog bekennt Feridun Zaimoglu: Ich gehöre der Gegenaufklärung an. Im Tagesspiegel findet die Pianistin Mitsuko Uchida das Gute und Reine nicht bei Mozart. In der FR beschreibt Noam Chomsky den Neoliberalismus als effektive Waffe gegen Demokratie. Die FAZ starrt entgeistert auf einen somnambul stierenden, bemalten Strizzi. Die SZ lauscht Kent Naganos naturgetreuer Imitation einer Schlittenhundenmeute.

Welt, 11.10.2008

Der österreichische Politiker Jörg Haider ist heute morgen bei einem Autounfall gestorben, lesen wir in einer Meldung.

Die Literarische Welt bietet heute 16 Seiten mit Buchbesprechungen. Im Aufmacher streiten sich Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder und Kiepenheuer und Witsch Verleger Helge Malchow über Sinn und Unsinn von Gastländern der Buchmesse. Während Honnefelder stolz auf 350 neue Bücher aus der Türkei verweist, sieht Malchow genau darin das Problem: "Kaum einer - selbst in den Medien - vermag mehr den Überblick zu behalten, welches denn nun die starken und herausragenden Bücher aus dem jeweiligen Land sind und welche bloß schiere Gastlandpflichterfüllung." Wegen des schieren Überangebots "setzt sich meistens nicht etwa das Unbekannte, die Entdeckung durch, sondern das Altbekannte. Am Ende gewinnen doch wieder nur die Krokodile."

Im Feuilleton erzählt Hanns Georg Rodek aus dem Drehbuch von Quentin Tarantinos neuem Film "Inglorious Bastards", der gerade in Hertigswalde gedreht wird. Angela Merkel und Nicolas Sarkozy weihen heute das "Memorial Charles de Gaulle" ein, berichtet Johannes Wetzel. Der Eisvogel ist der Vogel des Jahres 2009, meldet Florian Stark. Um alle deutschen Filme zu archivieren, bräuchte es jährlich 16 Millionen Euro, rechnet Katharina Dockhorn vor. Besprochen wird eine Gursky-Ausstellung im Goslaer Mönchehaus Museum für moderne Kunst.

Aus den Blogs, 11.10.2008

Im Interview auf Eren Güvercins Blog wendet sich Feridun Zaimoglu gegen "Selbsterklärte Feministinnen und Islam-Skeptikerinnen" und bekennt sich als Reaktionär: "Ich bin ein Unterschichtler, ich vergesse es nicht. Aber eins vergesse ich auch nicht: Ich gehöre der Gegenaufklärung an. Ich bin kein Anhänger der Aufklärung." Und weiter: "Ich bin nicht geneigt, wie man aus dem Gesagten schon heraushört, den Pinschern der Moderne irgendeine Leistung zuzubilligen. Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht. Sie haben die Träume zerstört. Sie haben versucht, den Glauben zu zerstören. Einige haben Gott für verrückt erklärt, sind aber selber verrückt geworden. (lacht)"
Stichwörter: Feridun Zaimoglu

NZZ, 11.10.2008

Die Türkei ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, weshalb die NZZ nicht nur die Bücherbeilage am Montag, sondern auch schon ihre Wochenendbeilage Literatur und Kunst entsprechend ausrichtet. In Frankfurt wird die Türkei ihre Diversität feiern, notiert Angela Schader. Und eine Pluralisierung findet tatsächlich statt, bemerkt Günter Seufert mit Erleichterung: "Langsam, aber sicher vollzieht sich ein Wandel. In den 1990er Jahren entdeckten konservative Intellektuelle das 'multikulturelle Erbe' der osmanischen Zeit, und säkulare Denker postulierten nun eine 'Zweite Republik', welche die Kinderkrankheiten des Nationalismus - erzwungene Gleichmacherei und Autoritarismus - überwindet. Begriffe wie Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte, Staatsbürgerschaft und kulturelle sowie religiöse Freiheit finden heute zunehmend Resonanz. Erstmals wird politisch das Ideal einer vielfältigen Türkei gedacht, die allen Luft zum Atmen bietet."

Der kurdisch-türkische Autor Murathan Mungan beschreibt seine west-östlichen Rezipier-Erfahrungen: "Als Schriftsteller aus der Türkei jedoch, der im Westen Fuß zu fassen sucht, ist man allein, ist schattenlos. Dem westlichen Leser nämlich ist unbekannt, aus welcher Vergangenheit, welchem kulturellen Erbe man schöpft, und die gesellschaftlichen und geschichtlichen Bezüge sowie die Schatten der alten Meister sind ihm fremd."

Weitere Artikel: Martin Zähringer zeigt am Beispiel von vier gerade ins Deutsche übersetzten Romanen - Yakup Kadris "Der Fremdling", Murathan Mungans "Tschador", Izzet Celasins "Schwarzer Himmel, schwarzes Meer" und Murat Uyurkulaks "Zorn" - wie Politik und Geschichte in der türkischen Literatur verarbeitet werden. Der jüdisch-türkische Schriftsteller Mario Levi hört Stimmen in Istanbul. Die armenische Türkin Karin Karakas grübelt über multiple Identitäten in der modernen Türkei. Die deutsch-türkische Autorin Emine Sevgi Özdamar erzählt von ihrer Emigration in die deutsche Sprache. Monika Carbe untersucht das Frauenbild in der neueren türkischen Literatur. Klaus Kreiser erzählt von Minderheiten in der alten Türkei.

Im Feuilleton sammelt Marc Zitzmann die selbstredend überwiegend positiven Reaktionen in Frankreich auf die Nobilitierung von J.-M. G. Le Clezio (mehr bei uns). Auf die samstägliche Frage nach dem typisch Schweizerischen fallen dem Kunsthistoriker Jean-Christophe Ammann die regelmäßigen Wehrübungen ein.

Besprochen werden die Auftritte von Alfred Brendel und dem Tonhalle-Orchester Zürich in Paris und Amsterdam, Carlos Reygadas' Film "Stellet Licht" und Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Tagesspiegel, 11.10.2008

Die Pianistin Mitsuko Uchida, derzeit Pianist-in-Residence bei den Berliner Philharmonikern, spricht im Interview über Musik, Kunst und das Gute und Reine: "Das kann man nicht suchen, entweder es ist da oder nicht. Bei Mozart ist es zum Beispiel nicht da, dafür hatte er die Gabe, Dummheit in ein transzendentales Ereignis umzuwandeln - das konnte außer ihm nur noch Shakespeare. Beethoven war regelrecht böse darüber, dass Mozart mit 'Cosi fan tutte' eine Oper über die menschliche Dummheit geschrieben hat."

TAZ, 11.10.2008

Die Existenz des Journalisten in Russland ist fragil, wie Xenia Maximova im Magazin aus eigener Erfahrung berichten kann. "Nachdem Anna Politkowskaja erschossen worden war, geriet die Redaktion, in der ich seinerzeit tätig war, regelrecht in Panik: Im Internet war ein langes 'Verzeichnis der Nächsten' veröffentlicht worden. Einige Größen unseres Verlages waren auch dabei (...) Hünenhaftes Wachpersonal vor der Tür, für Besucher extra vorbereitete provisorische Ausweise, die nur mit dem Pass zusammen gültig sind, Metallsuchgerät und persönliche Durchsuchung - so sieht es am Eingang einer Moskauer Zeitung aus. Aus Sicherheitsgründen parkt der Chefredakteur, zusammen mit seinem Begleitfahrzeug, nicht vor dem Redaktionsgebäude, sondern nutzt über den Hinterhof den Nebeneingang. Zu diesem Zeitpunkt wird die Haupttür geschlossen, damit keiner der Besucher erkennen kann, wer gerade das Büro betreten hat."

Weitere Artikel: Russen greifen selbst oft auf die Außenperspektive zurück, um sich selbst zu beschreiben, wie Klaus-Helge Donath bemerkt. Jadranka Kursar und Gina Bucher befragen Orlando Figes, der mit seinem Buch "Der Flüsterer" die Art des Erinnerns in Sowjetrussland beschreibt.

Im Kulturteil spricht Tim Stüttgen bei der Vorstellung der lesbischen Hip-Hop-Band Yo! Majesty mehr über Genderpolitik als über Gitarrenriffs. Dirk Hagen gefällt es, wie die zweite diesjährige europäische Kulturhauptstadt Stavanger (in Norwegen) auf nachhaltige Entwicklung setzt.

Besprochen werden zwei Ausstellungen mit Fotografien von Rudy Burckhardt und Catherine Opie in New York, Silvio Soldinis Film "Tage und Wolken", und Bücher wie Richard Starks Krimi "Fragen Sie den Papagei" und Corry Guttstads Studie "Die Türkei, die Juden und der Holocaust" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Den Friedensnobelpreisträger Martti Ahtisaari würdigt die taz auf den vorderen Seiten nur widerwillig: Reinhard Wolff erwähnt das "glanzlose" Karriereende als finnischer Ministerpräsident, Erich Rathfelder rügt seine Nationalisten-freundliche Politik im Kosovo, und Sven Hansen spricht den Vermittlungserfolg in der indonesischen Provinz Aceh eher dem Tsunami zu. Im Meinungsteil hofft der georgische Menschenrechtler Sozar Subari im Gespräch mit Barbara Oertel, dass der Westen seine Hilfe für das kriegsgebeutelte Land an Demokratisierungsversprechen Saakaschwilis knüpft.

Und Tom.

FR, 11.10.2008

Das Feuilleton der FR wirft sich lustvoll in die Krise hinein, die Finanzkrise. Noam Chomsky geißelt in einem Artikel, der im Original in der Irish Times erschien und hier online zu lesen ist, die Liberalisierung der Märkte als Gefahr für die Demokratie. "Die Liberalisierung der Finanzmärkte hat Auswirkungen, die weit über das Wirtschaftssystems hinausreichen. Sie ist seit langem eine effektive Waffe gegen Demokratie. Der freie Kapitalfluss schafft etwas, das manche als 'virtuelles Parlament' bezeichnet haben, in dem Investoren und Geldgeber sitzen. Sie beobachten die Entscheidungen von Regierungen sehr genau und 'stimmen ab', wenn sie den Eindruck haben, dass dieses Handeln irrational ist; dann nämlich, wenn es sich eher am Nutzen aller ausrichtet statt am Nutzen des privaten Kapitals (private power)."

Weiteres: Peter Michalzik veranstaltet eine Umfrage unter drei Bankern seines Vertrauens und muss mit Erschrecken feststellen, dass keiner so richtig erklären kann, was gerade passiert. Der Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt erklärt aus gegebenem Anlass die These seines neuen Buchs "Der Ich-Effekt des Geldes". Harry Nutt erstellt ein kleines Wörterbuch der Finanzkrise. Arno Widmann gibt Oskar Lafontaine recht. Marcia Pally hofft auf die Blödheit der US-Republikaner. Gemeldet wird, dass einige gut informierte Zocker unmittelbar vor der Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers offenbar massiv auf Le Clezio setzten.

FAZ, 11.10.2008

Dieter Bartetzko ist absolut baff angesichts der Reproduktion farbiger antiker Skulpturen, die zur Zeit im Frankfurter Liebighaus zu sehen sind. Zum damaligen Versuch, Menschen zu Göttern und Götter zu Menschen zu machen "zählte zwingend die Farbe, so wie es der römische Historiker Plinius d. Ä. überliefert, den Brinkmann zitiert. Der legendäre Bildhauer Praxiteles, so Plinius, habe auf Lobeshymnen erwidert, den Erfolg seiner Statuen verdanke er nur ihrer farbigen Fassung durch den Maler Nikias. Von Plinius' Anekdote aufgeklärt, steht man vor dem Marmorkopf (40 n. Chr.) des jungen Kaisers Caligula, sieht einen schmallippigen Neurotiker, dessen jugendlich füllige Wangen Vorzeichen späterer Verhärmung tragen - und vergleicht ihn mit der Farbrekonstruktion, die einen pausbäckigen, somnambul stierenden Strizzi mit krakelig gestrichelten Wimpern, schweinchenrosa Teint und Unterbiss zeigt."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg staunt über die unangebrachte Gemütsruhe der Schweizer angesichts der Finanzkrise. In Russland begegnet man der Krise mit "Informationsabschnürung", berichtet Kerstin Holm. Auch Frank Schirrmacher macht sich (auf der Seite 1) Gedanken zur Finanzkrise. Jürgen Dollase kostet Sphäre in Jörg Sackmanns Hotel Sackmann in Baiersbronn. Jürg Altwegg fasst kurz internationale Reaktionen auf den Literaturnobelpreis für den französischen Romancier Le Clezio zusammen. Don Alphonso stellt Andrea Diener vor, die neue Bloggerin der FAZ, die unter eigenem Namen ein "feines, kluges Tagebuch" im Internet führt. Swantje Karich las die Widmungen von MRR in Büchern, die Fritz Raddatz gerade versteigern ließ. Auf der letzten Seite protokolliert Jordan Mejias die Gedanken eines ungenannten Bankers: "Ich habe nichts gegen den Staat, wenn er den Patienten am Leben hält. Aber ist der Patient gerettet, muss sich der Arzt wieder zurückziehen." (Klar, nur: Wer bezahlt die Rechnung?)

Eine Meldung informiert uns, dass das Erscheinen der britischen Ausgabe des Romans "Das Juwel von Medina" über Aisha, die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed, nach einem Brandanschlag auf das Haus des Verlegers verschoben wurde (mehr zu dem Fall hier).

Am 11. September wäre Adorno Hundert geworden. Henning Ritter überlegt in Bilder und Zeiten, was von Adorno bleibt: Die Sprache zum Beispiel, ein heute völlig unverständlicher kritischer Furor, aber auch eine biedermeierliche Meisterschaft des Schrecklichen: "Seine Polemik gegen die Kulturindustrie ist ja auch eine Ermunterung, es sich in den Nischen der Nichtbeachtung einzurichten und dabei das Gefühl zu entwickeln, man ziehe sich um des Überlebens des Ganzen willen zurück. Das ist politisches Biedermeier: 'Kein Kunstwerk, kein Gedanke hat eine Chance zu überleben, dem nicht die Absage an den falschen Reichtum die erstklassige Produktion, an Farbenfilm und Fernsehen, an Millionärmagazine und Toscanini innewohnte.' Der Philosophie wird deswegen empfohlen, den Blick aufs Entlegene zu richten."

Außerdem: Wolfgang Günter Lerch ermuntert nachdrücklich und mit vielen Hinweisen dazu, den literarischen Kosmos der Türkei - Ehrengast der Frankfurter Buchmesse - zu entdecken. Swantje Karich besucht das erste Museum für zeitgenössische Kunst in Kiew, aufgebaut von dem 49-jährige Oligarchen und Kutschma-Schwiegersohn Victor Pinchuk. Diogenes-Verleger Daniel Keel erklärt im Interview: "Manchmal hasse ich die Bücher. Wenn Arbeit adelt, bleibe ich lieber bürgerlich."

Auf der Medienseite berichtet Sabine Pamperrien kurz über einen Offenen Brief von neunundvierzig Professoren und Publizisten, die gegen den Offenen Brief des Autorenkreises der Bundesrepublik protestieren, im dem eine Überprüfung des chinesischen Programms der Deutschen Welle gefordert wurde.

Besprochen werden Aufführungen beim Verdi-Festival in Parma, ein Konzert von Gianmaria Testa und Paolo Fresu beim "Enjoy Jazz"-Festival in Mannheim und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Wolfgang Koeppen und seiner Ehefrau Marion (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phonoseite geht's um den türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun, der neuen CD von Oasis, das von Anne-Sophie Mutter eingespielte und ihr gewidmete neue Violinkonzert von Sofia Gubaidulina, eine Einspielung von Marin Marais' Oper "Semele und eine CD von Monotekktoni.

In der Frankfurter Anthologie stellt Peter von Matt ein Gedicht Gottfried Benns vor:

"Restaurant

Der Herr drüben bestellt sich noch ein Bier,
das ist mir angenehm, dann brauche ich mir keinen Vorwurf zu machen
daß ich auch gelegentlich einen zische.
Man denkt immer gleich, man ist süchtig,
..."

SZ, 11.10.2008

Bettina Ehrhardt war dabei, als Kent Nagano mit seinem Orchestre Symphonique de Montreal die Inuit besuchte. Als Gastgeschenk hatte man eine Komposition - und Hommage an die Inuit - von Alexina Louie im Gepäck, die offenbar großen Anklang fand: "In acht Tableaus beschwört Alexina Louie eine archaische Welt, und wie in Kadenzen fließt der Kehlgesang in die Komposition ein. Evie Mark und Tagralik Partridge stehen einander gegenüber, halten sich an den Unterarmen, wiegen sich hin und her. Ihr hechelnder, grunzender Wechselgesang ist eine Mischung aus rhythmischen Atemgeräuschen und kehligen, knurrenden Tönen, die vom Zwerchfell und der hoch virtuosen Verengung der Kehle gesteuert werden. ... Im Schlussteil steuert ein Crescendo aus jazzigen Rhythmen auf die naturgetreue Imitation einer ganzen Schlittenhundenmeute zu."

Hier eine Probe:


Zur Zeit wird gern F.D. Roosevelts New Deal als leuchtendes Beispiel für den Umgang mit Weltwirtschaftskrisen hervor gehoben. Vorsicht, meint Stephan Speicher: "Wolfgang Schivelbusch hat in einem gedankenreichen Buch vor einigen Jahren die Ähnlichkeiten zwischen New Deal, Faschismus und Nationalsozialismus beschrieben: 'Entfernte Verwandtschaft'. Über die moralischen Unterschiede braucht man nicht zu reden, sie verstehen sich von selbst. Aber interessant sind Ähnlichkeiten, die die Tiefe der Krise des liberalen Weltbildes zeigen."

Weitere Artikel: Die Kulturpolitiker Augsburgs haben dem Dichter Albert Ostermaier vorgeworfen, sein vielgerühmtes Brecht-Festival sei zu teuer, berichtet Mike Szymanski, jetzt soll ein Lokaler die Chose übernehmen. Die Literaturnobelpreis-Entscheidung ist durch ein Leck so früh bekannt geworden, das die Wetteinsätze manipuliert wurden, berichtet jsl. und zitiert dazu Horace Engdahl von der Schwedischen Akademie, der alle Schuld von sich weist: "Inkontinenz ist in unseren eigenen Reihen ungewöhnlich". Ach ja? Alex Rühle stellt das Projekt "Kultur für alle" von Götz Wörner vor (mehr hier). Der Juraprofessor Martin Kretschmer erklärt im Interview mit Matthias Spielkamp, warum er gegen eine von der EU geplante Verlängerung des Urheberrechtsschutzs auf Musikaufnahmen ist: "Längst schützt das Urheberrecht die Verwerter, nicht die Urheber." (Das ganze Interview kann man oline in Spielkamps Blog lesen.) Dem Theater in Oberhausen könnte trotz seines aufregenden neuen Intendanten Peter Carp die Schließung drohen, berichtet Vasco Boenisch. Marc Felix Serrao meldet die neuesten Entwicklungen im Streit um den Verkauf von Schloss Salem. Auf der Literaturseite schließt Orhan Pamuk seinen Streifzug durch die Inspirationsquellen seines neuen Romans "Das Museum der Unschuld" mit dem Satz: "Ich bin nicht Kemal. Monsieur Flaubert, c'est moi."

Besprochen werden die Ausstellung "Andreas Gursky. Werke. 80-08" in den Museen Haus Lange und Haus Esters in Krefeld, ein Kammermusikkonzert von Evgeny Kissin und Dmitri Hvorostovsky in München und Hans Steinbichlers Filmexperiment "Autistic Disco".

In der SZ am Wochenende schreibt Malte Herwig unter dem irreführenden Titel "No Porn" über die Bildungspolitik in Deutschland. Harald Hordych erzählt vom einsamen Kampf des Dokumentarfilmers Dietmar Höss um Geld und Sendeplätze. Alex Rühle ackert sich durch die Adjektive der Verlagskataloge. Johannes Thumfart schreibt über den schwindenden Zauber der Pret-a-Porter-Schauen im Zeitalter des Internets. Und Uwe Timm erzählt im Interview, was er als Kürschner von seinem Meister gelernt hat: "Er hatte mir ein Verfahren verraten, das noch aus dem Mittelalter kam. Er strich eine Tinktur über die Nutria- und Bibermäntel, die dann glänzten wie flüssiges Gold! Ein jahrhundertelang weitergegebenes, alchemistisches Geheimwissen war das!"