Heute in den Feuilletons

Die graue Maus der Antike

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2008. Alle sind sehr aufgeregt: Marcel Reich-Ranicki hat bei der Verleihung des Fernsehpreises einen Eklat ausgelöst. Wir bringen das Video. Elke Heidenreich stellt in der FAZ ihren Job zur Disposition: "Von mir aus schmeißt mich jetzt raus." Die FR plädiert für das afrikanische Kino. Die NZZ befasst sich mit Sklaverei im Islam. In der Welt plädiert Burkhard Spinnen für die Verhaftung der Banken. In der Financial Times erklärt der deutsch-isländische Schriftsteller Kristof Magnusson, wie es in Island zur Krise kam.

NZZ, 13.10.2008

Beat Stauffer wirft einen Blick auf die Sklaverei in der islamischen Welt, die lange tabuisiert oder beschönigt wurde und erst seit kurzem von Wissenschaftlern wie dem Anthropologen Malek Chebel erforscht wird: "Die in den Anfängen des Islam durchaus spürbare emanzipatorische Tendenz hat sich in den folgenden Jahrhunderten nie durchsetzen können, sondern einer weitgehenden Akzeptanz der Sklaverei Platz gemacht. Es sei eines der 'ernüchterndsten und traurigsten Resultate' seiner Recherche gewesen, dass selbst herausragende islamische Gelehrte sich dazu hergegeben hätten, die Sklaverei zu kodifizieren. 'Das bedeutet, dass die Moschee gegenüber diesem Übel nicht neutral war', schreibt Chebel."

Weiteres: Aus New York berichtet Andrea Köhler, wie die "Depressionsdepression" die Broker in Scharen zu Therapeuten treibt - und in die Nachtklubs. Besprochen werden die Ausstellung "Deutsche Grammatik" von Christoph Büchel im Fridericianum in Kassel, Christof Loys "phänomenale" Inszenierung von Gustave Charpentiers Oper "Louise" in Duisburg sowie die Filmwerke-Schau "Rooms look back" in der Kunsthalle Basel.

Die Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse eröffnet Martin Meyer mit einer Besprechung von Aharon Appelfelds Roman "Blumen der Finsternis".

Welt, 13.10.2008

Thomas Lindemann interviewt den Schriftsteller Christian Kracht, der jetzt in Buenos Aires lebt: "Ich bin überrascht, wie interessant es dort ist. Der Philosoph Slavoj Zizek ist auch dort hingezogen, ein argentinisches Model heiratend. Ihr Vater ist Lacanscher Psychoanalytiker und die Dame trägt den Vornamen 'Analia'." (Links ein hier gefundenes Hochzeitsfoto der beiden.)

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen fragt, ob man angesichts der Verstaatlichung von Banken von Revolution sprechen müsse und beantwortet seine Frage mit einem prorevolutionären Plädoyer: "Ich wünschte mir eine Verhaftung der Banken als Aufforderung, die Haftung zwischen Geld und Wert wiederherzustellen. Ich wünschte mir eine Entmachtung der Börse, ein Ende der Digitalisierung der Ökonomie als Nivellierung menschlicher Leistung und Energie. Spekulieren hieß einmal, die Dinge als sie selbst erkennen; jetzt heißt es: zocken. Dagegen wünschte ich mir eine Revolution. Einen Aufstand gegen ein Denken und eine Sprache, die den Kontakt zu ihren Gegenständen längst verloren haben."

Weitere Artikel: Uwe Wittstock begrüßt den von Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung des Fernsehpreises ausgelösten Eklat. Stefan Keim stellt den Dramatiker Kristo Sagor vor, der fünf Monate lang im Keller des Bochumer Schauspielhauses arbeite und lebe. Ulrich Weinzierl porträtiert Christiane Hörbiger, die im Fernsehen die Alte Dame aus Dürrenmatts bekanntem Stück gibt. Hebert Kremp gratuliert dem Philosoph Günter Zehm zum 75. Hendrik Werner schreibt über die Italien Debatten die durch Spike Lees historisch nicht ganz akkuraten Film "Das Wunder von Sant'Anna" ausgelöst wurden. Besprochen wird eine "Rienzi"-Inszenierung der designierten Bayreuth-Prinzipalin Katharina Wagner in Bremen.

TAZ, 13.10.2008

Es wäre schön, wenn Schriftsteller nicht von Marketinginstrumenten abhingen, aber solange wir in der Wirklichkeit leben, meint Dirk Knipphals vor der heutigen Verleihung, gehe der Deutsche Buchpreis in Ordnung: "Das Argument, der Buchpreis würde das Geschäft vereinheitlichen, trägt nicht. Als Gegenargument nur zwei Namen und eine Berufsbezeichnung: Marcel Reich-Ranicki, Elke Heidenreich und Deutschlehrer. Bevor es den Buchpreis gab, hat nämlich nur das Fernsehen Bestseller produziert, am verlässlichsten dabei: unsere Lautesten. Wenn MRR und, nachdem das "Literarische Quartett" eingestellt wurde, EH ein Buch nur in die Hand nahmen, konnte der jeweilige Verlag schon mal Neuauflagen ordern. So richtig uneinheitlich war das auch nicht."

Artur Solomonow unterhält sich mit Alexej Weizen, einem der letzten Überlebenden des Aufstands von Sobibor am 14. Oktober 1943: "Jeden Tag kamen neue Viehwaggons voll mit Menschen im Lager an. Die Deutschen griffen sich fünf bis zehn Gesunde aus jedem Viehwaggon, die anderen trieben sie sofort in den Vergasungswagen. Immer beobachtete einer der Aufseher das Sterben durch ein Fensterchen in der Tür. Und dann haben wir uns gewehrt. Ich war einer der Aufständischen. Denn für uns war der Tod die bessere Option, besser als das Lagerdasein mit dieser ständigen Angst."

Weiteres: Deniz Yücel stellt die Geschichte der Karikatur in der Türkei "Die Nase des Sultans" vor. Auf der Meinungsseite befürchtet der amerikanische Soziologe Norman Birnbaum, dass auch Barack Obama die immensen Probleme der USA nicht wird lösen können. Auf der Medienseite berichtet Marika Dresselhaus über die Gala des Grauen zum ZDF-Fernsehpreis.

Und Tom.
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Weitere Medien, 13.10.2008

Wie konnte Island sich so verspekulieren, dass es auf einen Staatsbankrott zusteuerte? Der deutsch-isländische Schriftsteller Kristof Magnusson nennt in der Financial Times ein paar Gründe. Einer davon: "Ein Land, das 300.000 Einwohner hat und trotzdem alle Aufgaben einer modernen arbeitsteiligen Nation übernehmen muss, hat ein Problem. Im Gegensatz zu Deutschland, wo oft das Fachidiotentum beklagt wird, hat Island ein Problem mit dem Dilettantismus. Die Menschen sind fleißig und tatkräftig, übernehmen aber manchmal Aufgaben, von denen sie einfach nichts verstehen. Der jetzige Ministerpräsident war früher Außenminister und auch mal Finanzminister - zu der Zeit, als der Notenbankchef, der zwischendurch auch mal Außenminister war, Ministerpräsident war und der jetzige Finanzminister das Amt des Fischereiministers bekleidete. Diese nun wirklich ländliche Art von Vetternwirtschaft war der Aufsicht von international agierenden Banken nicht gewachsen."

Aus den Blogs, 13.10.2008

Richard Wagner meint in der Achse des Guten zum MRR-Eklat: "Im übrigen ist niemand verpflichtet fernzusehen, auch Ranicki nicht. Und einen Preis lehnt man grundsätzlich vor der Verleihung ab, es sei denn, man setzt auf den Auftritt."
Stichwörter: Richard Wagner

FR, 13.10.2008

Mit "African Screens" erlangt das afrikanische Kino endlich mehr Aufmerksamkeit in Deutschland, freut sich Tanja Runow über das Filmfestival im Haus der Kulturen der Welt. Und in einem Interview kommentiert der Kurator Manthia Diawara: "Ich möchte das afrikanische Kino aus seinem Ghetto herausholen und zeigen, wie vielfältig es heutzutage ist - an Stilen, an Geschichten und an gesellschaftlichen Visionen. In Europa assoziiert man afrikanischen Film häufig noch mit dem sozialen Realismus eines Ousmane Sembene (1923-2007). Aber dieses Bild stimmt längst nicht mehr. Die jungen Filmemacher widmen sich der Realität in ihren Ländern mit viel differenzierterem Blick. Es gibt Spielarten eines afrikanischen Humanismus zu entdecken, der in Deutschland noch nicht sehr bekannt ist."

In Antwort auf Arno Widmanns Artikel zur Rolle der Deutschen in Afghanistan warnt der Bundestagsabgeordnete der Grünen, Omid Nouripour, vor einem Truppenabzug: Eine "zivile Aufbau-Offensive Hand in Hand mit den Afghanen" sei jetzt wichtiger. Werner Girgert beschreibt das sich rasant verändernde Stadtbild Istanbuls. Und Christian Schlüter verkündet in Times Mager gute Nachrichten über Christen in China.

Besprochen werden eine "Ödipus"-Aufführung am Staatstheater Mainz, eine außergewöhnliche "Mitmachtheater"-Aktion im Johanneum in Graz und die Ausstellung "Reconsidered" im Städel Museum Frankfurt.

FAZ, 13.10.2008

Kerstin Holm berichtet, dass der einstige russische Oligarch Michail Chodorkowski als Strafe für ein ausführliches, staatskritisches Esquire-Interview in Einzelhaft gesteckt wurde. Unterdessen waren die russischen Fernsehanstalten "instruiert worden, bei Berichten über das Finanzdrama Vokabeln wie 'Krise' nicht zu benutzen, verriet der stellvertretende Chefredakteur des Radiosenders Echo Moskwy, Wladimir Warfolomejew. Solche Eingriffe seien im allgemeinen Interesse, erklärt der Vorsitzende der LEFF-Gruppe für Öffentlichkeitsarbeit, Wladimir Frolow."

Abgedruckt wird Elke Heidenreichs zunächst online veröffentlichter Wutausbrauch zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises - nur zu recht habe Marcel Reich-Ranicki mit seiner spontanen Ablehnung des ihm zugedachten Ehrenpreises wegen Niveaulosigkeit des Abends gehabt: "Wo waren die Programmdirektoren und Intendanten in diesem Augenblick, warum kam keiner von ihnen auf die Bühne, um etwas zu sagen? Weil es verknöcherte Bürokarrieristen sind, die das Spontane längst verlernt haben, das Menschliche auch, Kultur schon sowieso. Man schämt sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten. Von mir aus schmeißt mich jetzt raus, ich bin des Kampfes eh müde."

Hier das Ereignis bei Youtube:


Auf der Medienseite wird dann auch noch Reich-Ranicki persönlich zum Vorfall befragt und meint, dass er noch mehr hätte sagen sollen: "Leider bin ich dann auf einen Skandal nicht weiter eingegangen, auf den Skandal nämlich, dass Kultur und Bildung an diesem Abend kaum erwähnt wurden." Online kommentiert Martin Wittmann unter der Überschrift "Reich-Ranicki macht den Handke" den Vorfall.

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Michael Lentz wirft sich für Albert Ostermaier und sein vom Kulturreferenten der Stadt in Frage gestelltes Augsburger Brecht-Festival in die Bresche. Gabi Rauch-Kneer vom Management der Frankfurter Buchmesse berichtet, wie das eine Jahr Arbeit aussieht, das in fünf Tagen Messe steckt. In der Glosse von Paul Ingendaay geht es um die arabische Welt, aus der Perspektive von "The Cure" und Antonio Banderas. Nadja Geer resümiert die Berliner Popkomm. In deutschen Zeitschriften hat Ingeborg Harms unter anderem über die Abwehr des Neuen bei indigenen Völkern gelesen. Joseph Hanimann porträtiert Pierre Deshusses, der gerade den Übersetzerpreis der Kulturstiftung des Landes Nordrhein-Westfalen erhalten hat. Auf der Medienseite stellt Henning Hoff Tina Browns ambitioniertes Internetprojekt The Daily Beast vor.

Besprochen werden Katharina Wagners "Rienzi"-Inszenierung in Bremen (die Jürgen Kesting ungeheuer ermattet hat), Katja Wolfss Inszenierung von Mathias Faldbakkens "Nora"-Version in Stuttgart, die deutsche Erstaufführung von David Mamets Komödie "November" am Berliner Renaissance-Theater, die Ausstellung "Nedko Solakov - Emotions" in Bonn, ein Konzert mit als eine Art musikalischer Reisebericht komponierten Istanbul-"Stadtmusiken" von Beat Furrer, Vladimir Tarnopolski, Samir Odeh-Tamimi und Mark Andre und Bücher, darunter zwei zum hundertsten Geburtstag des Rowohlt-Verlags erschienene Bände (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 13.10.2008

"Der Thraker gilt heute als die graue Maus der Antike", stellt Ingo Petz fest. Das soll sich jetzt ändern, denn der bulgarische Architekt Jeko Tilew will die Thrakerstadt Sewtopolis, die auf dem Grunde eines Stausees liegt, für Besucher zugänglich machen: "Mit einem monströs riesigen, aber zumindest im Modell elegant wirkenden 20 Meter hohen Beton-Zylinder will er Sewtopolis trocken legen und für Besucher über Aufzüge und Boote zugänglich machen. Ein gewaltiger in den See gebauter Beton-Wall soll dies möglich machen - Durchmesser: 430 Meter, Länge: 1300 Meter. Die Wall-Innenseiten sollen mit Terrassen und hängenden Gärten bebaut werden. Um diese künstliche Insel in der Mitte des Sees möglich zu machen, muss der Wasserstand um rund zwei Prozent abgesenkt werden. Das gewaltige Bauwerk soll schätzungsweise rund 100 Millionen Euro kosten, die Fertigstellung rund anderthalb Jahre dauern und Tilew hofft, dass die Stätte dann das Prädikat 'Unesco-Welterbe' erhält."

Kai Strittmatter wandert durch Istanbuler Buchhandlungen und guckt, was die Türken so lesen. Sie lesen fast überhaupt nicht, erfährt er vom Buchhändler Ibrahim Yilmaz: "Die Sprache kommt auf Gerichtsurteile aus der jüngsten Zeit. Ein Mann in der Provinz Rize hatte seine Frau verprügelt; jetzt muss der Mann ein Jahr lang Bücher lesen über 'Wege zum Familienglück' und bei der Staatsanwaltschaft fünfseitige Exzerpte abliefern. Oder der rechtspopulistische Unternehmer und Politiker Cem Uzan. Er hatte in einer Rede den Premier beleidigt. Das Urteil: Zwangslektüre von fünf Büchern über Aggressionsbewältigung. Der Buchhändler und Kleinverleger Yilmaz lächelt maliziös: 'Nur in der Türkei kann Lesen eine Strafe sein.'"

Weitere Artikel: Christoph Neidhart berichtet über das 13. Festival des asiatischen Films in Pusan. Bankenpleite, Staatsbankrott - das kennen die Isländer schon, aus den Büchern von Halldor Laxness, schreibt Erik Helmerson. Niklas Hofmann schickt Nachrichten aus dem Netz: diesmal geht's um erhellende Seiten zur Finanzkrise. Thomas Steinfeld grübelt über Roger Willemsens "Knacks". Alexander Kissler war dabei, als in München der "1. Kunstpreis Blasphemie - Frecher Mario 2008" verliehen wurde. Jonathan Fischer hat sich die neue Ausgabe des Magazins Dummy angesehen und findet nur Provokation als Selbstzweck. Michael Portillo plaudert im Interview über seine Arbeit als Vorsitzender der Booker-Preis-Jury.

Auf der Medienseite berichtet Hans Hoff über die Gala zum Deutschen Fernsehpreis, die offenbar so peinlich platt war, dass Marcel Reich-Ranicki wütend den Ehrenpreis ablehnte. Gott sei Dank konnte er "dann aber von einem glänzend eingreifenden Thomas Gottschalk in einen vorläufigen Frieden gedrängt (werden) und (verließ) doch noch mit der gläsernen Trophäe den Saal". Daneben steht ein Interview mit Thomas Gottschalk "über sein gelungenes Krisenmanagement".

Besprochen werden Katharina Wagners Inszenierung des "Rienzi" in Bremen ("viel zu ungenau und schlampig hingerotzt", meint Reinhard J. Brembeck), Shakespeares "Was ihr wollt" am Schauspiel Essen, die deutsche Erstaufführung von Matias Faldbakkens "Noras Baby" in Stuttgart, einige DVDs und Bücher, darunter Diarmaid MacCullochs Geschichte der Reformation (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).