Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.07.2003. Die Welt veröffentlicht eine Übersetzung von Robert D. Kaplans "zehn Regeln für das amerikanische Imperium des 21. Jahrhunderts". In der SZ plädiert Gerd Koenen für die RAF-Ausstellung der Berliner Kunst-Werke. Ähnlich sieht es die NZZ. Dort meditiert ferner Drago Jancar über Ostdeutschland vor dem Mauerfall. In der FR verlangt der amerikanische Soziologe Amitai Etzioni, dass wir Osama bin Laden zuhören.

NZZ, 26.07.2003

Joachim Güntner plädiert dafür, der schon im Vorfeld umstrittenen Schau der Berliner Kunst-Werke über den "Mythos RAF" erst mal eine Chance zu geben: "Beruhigenderweise denken die Berliner Kunst-Werke .. gar nicht daran, bloß künstlerische Verarbeitungen des Terrorismus und der Terroristenverfolgung zu zeigen, wie etwa Gerhard Richters berühmten Bildzyklus ' 18. Oktober 1977'. Die Schau soll ein wissenschaftliches Unterfutter erhalten, und dafür zeichnet Wolfgang Kraushaar verantwortlich. Wenn es jemanden gibt unter den Zeithistorikern, der resistent gegen Mythologisierung und Mystifikation ist, dann dieser Kenner der linken Protest- und Gewaltgeschichte der Bundesrepublik."

Carole Gürtler besucht für einen "Schauplatz Libanon" die Stadt Saida, deren Wiederaufbau und -belebung durch den Irak-Krieg gelitten hat. Touristen kommen kaum. "Zu stark belastet die blutige Vergangenheit die Region, zu beängstigend ist für viele die Gegenwart. Beteuerungen, dass ein Besuch ungefährlich sei, treffen meist auf taube Ohren, wenn sie auch wahr sind. Der Ruf der von liberalen Sunniten beherrschten Stadt leidet unter dem Einfluss schiitischer Kräfte in der Region, unter dem Nahostkonflikt und unter der Präsenz palästinensischer Flüchtlinge."

Ferner stellt Claudia Schwartz die deutsche Diskussion über einen Filmkanon vor (hier die Diskussion der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema). Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken des französischen und russischen Kubismus im Hannoveraner Sprengel-Museum, eine Ausstellung über Rilke und Worpswede in der Bremer Kunsthalle, heitere Klavierabende in Verbier ("Auf acht Konzertflügeln spielten und tobten sich acht Pianisten durch Rossinis Ouverture zu 'Semiramis'") und Bücher, darunter Dennis Bocks Roman "Blüten aus Asche" (mehr hier).

In einem sehr schönen Text für Literatur und Kunst, einem Mittelding aus Erzählung und Essay erinnert sich der slowenische Autor Drago Jancar an das Ostdeutschland und Osteuropa des Jahres 1979: "Die kommunistischen Welten Osteuropas sind zusammengestürzt, in den Trümmern der einstigen Volksrepubliken und Volksdemokratien sind spezifische Unterschiede nur schwer auszumachen. Aus heutiger Sicht liegt im Osten eine einzige Landschaft in ein und derselben ökonomischen, ethischen, kulturellen, geistigen Verwüstung. Und doch war es anders in Polen und anders in Tschechien, anders in Ungarn und anders in Rumänien, war es anders in Bulgarien und anders in Albanien, selbst in Leningrad war es nicht so wie in Moskau."

Kodjo Attikpoe beschäftigt sich aus afrikanischer Sicht mit den bis heute spürbaren "Nachwirkungen der ethnologischen Konstruktion". Der Anfang seines (oder ihres?) Artikels: "Die Frage, warum Afrikaner schwarz sind, beschäftigte viele europäische Gelehrte bei ihren ersten Begegnungen mit dem afrikanischen Kontinent. Theorien wurden aufgestellt und entwickelt, um diese 'Entdeckung' zu ergründen. Allerdings wurde nicht im Gleichen gefragt oder wissenschaftlich erforscht, weshalb Europäer weiß sind." Diesem Essay sind zwei weitere Artikel zugesellt: Angela Schader bespricht Janos Riesz' Buch "Blick in den schwarzen Spiegel" über das "Bild des Weißen in der afrikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts". Und Heinz Hug liest Erzählungen der Sudanesin Leila Aboulela.

Ferner begibt sich Andreas Breitenstein auf eine Reise nach Danzig und durch Masuren: " Wo in Westeuropa finden sich noch derart ursprüngliche Landschaften und unberührte Gewässer wie hier unter dem weiten Himmel Nordostpolens?"

SZ, 26.07.2003

Nicht weniger als die Abschaffung des Copyrights fordert der niederländische Politologe Joost Smiers. Das käme vor allem den Künstlern zugute. Denn dann "hätte jeder die Möglichkeit, Werke zu adaptieren, damit zu improvisieren, sie kreativ zu verändern. Die 'Produkte' der Kulturindustrie wären weniger exklusiv. Diese könnte nicht länger das Umfeld ihrer 'Produkte' kontrollieren. Das hätte weit reichende Folgen. Die Kulturindustrie würde ihren Krakengriff um die Kunstwerke verlieren, viele Künstler hätten erheblich mehr Gelegenheit als bisher, kreativ zu sein, mit dem Publikum zu kommunizieren und ein angemessenes Einkommen für ihre Arbeit zu erzielen. Sie würden nicht länger von der Kulturindustrie marginalisiert." (Ein noch ausführlicherer Artikel von Smiers zu dem Thema hier).

Gerd Koenen (mehr hier) erklärt, warum die RAF-Ausstellung notwendig ist. "Die Geschichte der RAF ist der unverdaubare Rest" der Geschichte der 68-er, "der sich nicht säuberlich aus dem veredelten Bild der Jugendrevolte dieser Jahre heraustrennen lässt - wie das für die 'Stasi-Debatten' der früheren DDR-Bürger in anderer Weise ebenfalls gilt. (...) Es ist ein Gebot der Selbstaufklärung einer demokratischen Gesellschaft, sich mindestens im Nachhinein über die tieferen Motive derer, die sie in solche extremer Weise - bis hin zur als Mord getarnten Selbsttötung - herausgefordert haben, klarer zu werden."

Weitere Artikel: Ulrich Raulff beweifelt, dass die Iraker jemals an den Tod der beiden Hussein-Söhne glauben werden: "In der neuen Welt des 21. Jahrhunderts können alle wiederkommen." Raulff kommentiert auch einen Brief von Erich von Kahler an Albert Einstein aus dem Jahr 1945. C. Bernd Sucher meldet sich aus einem Cafe in Salzburg, voller Festspiellaune "O wie ängstlich, o wie feurig!" pfeifend. Andrian Kreye erklärt, warum eine Erbengemeinschaft die Metropolitan Opera in New York auf fünf Millionen Dollar verklagt: Dieter Dorns "Tristan und Isolde" wäre die Spende nicht wert gewesen. Christopher Schmidt verfasst eine kleine Kulturgeschichte des Zahns, bevor der Zahnarzt jetzt wieder zum Entrepeneur wird. "pst" sieht eine Zeit heraufkommen, in der das gesundheitsschädigende Konzept des Urlaubs verboten wird. "bru" gratuliert dem wiederauferstandenen Mick Jagger zum Sechzigsten, auch wenn ihn ein Gesicht wie kalte Pizza ziert. "vobr" staunt darüber, dass sogar "Westend-Freudianer und Ostend-Marxisten" ins Frankfurter Literaturhaus gekommen ist, um Teddy Adorno im Fernsehen zu sehen. Thomas Thieringer schreibt zum Tod des Intendanten und Regisseurs Arno Wüstenhöfer. Gemeldet wird, dass es im kommenden Jahr einen Durchbruch im deutsch-russischen Beutekunst-Streit geben könnte, dass die Werke Isaac Newtons nun im Internet gelesen werden können und dass Arno Münsters umstrittene Bloch-Biographie jetzt im Philo-Verlag erscheint.

Auf der Medienseite beschreibt Titus Arnu, wie gut Casting-Agenturen mittlerweile an den Scharen von Kindern verdienen, die vor die Kamera wollen. Christopher Keil sinnt darüber, warum Jan Ullrich ARD und ZDF über das Sommerloch hinwegrettet.

Besprochen werden Norbert Gstreins Herausforderung an die Reportage in Romanform "Das Handwerk des Tötens", eine Retrospektive Heimo Zobernigs in Düsseldorf , das großartige Stück "The Cost of Living" von Lloyd Newson und dem DV8 Physical Theatre in Essen, der Almauftrieb der Klassik-Stars zum 10-jährigen Bestehen des Verbier Festivals, und Bücher, darunter der neue Comic der Crumb-Familie "Schmutzige Wäsche" sowie zwei beachtenswerte Studien über das deutsche Bildungssystem im Jahr Eins nach Pisa (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende porträtiert ein launiger Helmut Schödel den "spirligen" Butler von Michael Aufhauser, dem unkonventionellen tierlieben Revoluzzer der österreichischen Upper Class. "'Sind noch Wünsche offen, Herr Schöttl?', fragte Herr Günther stets und umsorgte meinen Hund mit der selben Grandezza, die ihn ein wenig atemlos machte. Dieses vorzeitige Erschöpftsein, das beim wahren Aristokraten ein Ausdruck von Melancholie ist, dieser kleine Riss in der Contenance, dieses seelische Bäuerchen nach der schweren Kost der Privilege - das alles hatte dieser Butler drauf und servierte Tommy Bio-Pute, Reis und Möhren. 'Leicht anpüriert, Herr Schöttl!'"

Außerdem: Willi Winkler resümiert die römisch-germanischen Beziehungen, um erleichtert festzustellen, dass wir uns gegenseitig nichts schuldig geblieben sind. Peter Fahrenholz tut es fast ein wenig leid, dass die SPD und ihr sympathischer Franz Maget mal wieder verlieren werden im Kampf um die Macht in Bayern. Hanns Zischler stellt heimatkundig das Altmühltal vor. Und Schauspieler Tobias Moretti plaudert bei Wurstsalat über seinen Anarchistenverein, die Seelenlandschaft des Theaters und Roms lange Nase.

Weitere Medien, 26.07.2003

Die Welt veröffentlicht heute die Übersetzung von Robert D. Kaplans "zehn Regeln für das amerikanische Imperium des 21. Jahrhunderts", einen Essay, der zuerst in Atlantic Monthly erschien, dort aber online nicht freigestellt wurde. Der etwas pathetische Schluss dieses hochinteressanten Textes: "Winston Churchill sah in den Vereinigten Staaten einen würdigen Nachfolger des britischen Empire, ein Land, das die eigene liberalisierende Mission fortführen würde. Wir dürfen nicht ruhen, bis etwas ebenso Wertvolles und Konkretes entstanden ist wie das, was Churchill sah, als er über den Atlantik blickte."
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FR, 26.07.2003

Der amerikanische Soziologe Amitai Etzioni (mehr hier) spricht im Interview über Amerika, den fernen Westen und den Nahen Osten. Etzioni vertritt einen kommunitaristischen Liberalismus, der Werte wie Gemeinwesen, Familie, Tugend und Moral betont. Dabei stützt er sich auf unerwartete Allierte. "Nehmen Sie Osama bin Laden und hören, was er dem Westen sagt: Wir seien hedonistisch, sexbesessen, voll mit Drogen und Alkohol, wir schätzten Güter mehr als Gott und sind moralisch leer. Sie können sich nicht über alles, was er sagt, lustig machen..." Auch bei den Reformern im Iran könne der Westen noch einiges lernen. "Das Erste, was sie mir sagten, war, dass sie keine Zivilgesellschaft wollen, sondern eine religiöse Gesellschaft. Eine, in der niemand zu einer bestimmten Religion gezwungen wird, aber alle ihrem religiösen Bedürfnis nachgehen können. Was soll daran falsch sein?"

Ein Hoch auf die Macht ruft der französische Philosoph Jean Baudrillard (mehr, neuere Werke) in seinen Betrachtungen über den kulturellen Selbstmord aus, ursprünglich in einem Artikel für die Tageszeitung Liberation. Der Staat habe aus Verblendung den Gehaltsstreit mit den 'intermittents' so prächtig eskalieren lassen und damit die Mechanismen der Orgie der Kreation und kulturellen Konsumtion freigelegt. "Man weiß, dass Kultur, die "wahre", für nichts gehalten wird. Sie ist gleichzeitig unschätzbar und überflüssig, ohne jeden Wert. Was also bleibt ihr anderes übrig, als zu gegebener Zeit sich in nichts zu verwandeln und Selbstmord zu begehen, um damit ihr Verschwinden zu dokumentieren?"

Weiteres: Marcia Pally kündet im neuen Flatiron Letter von der zunehmenden Verflechtung von Politik und Konzernen, die in den USA bevorsteht und Europa noch Kopfzerbrechen machen wird. Karin Ceballos Betancur annonciert Popdeurope in Berlin, acht Bands aus europäischen Metropolen, an den Spätsommerwochenenden in Berlin. Renee Zucker bringt in Zimt Medikamentenwahnsinn und Sesambrötchen elegant zusammen und fordert "Von deutschem Boden soll nie wieder Unwohlsein ausgehen!". Gemeldet wird unter anderem, dass man sich zu Salzburg über einen nackten Mann erregt und dass der vierte Harry Potter von einem Briten verfilmt werden soll.

Auf der Medienseite beschreibt Jutta Heess die Arbeit des professionellen Geräuschemachers Max Bauer. Markus Brauck klärt uns auf, warum wir die Fotos der toten Hussein-Söhne nicht sehen müssen.

Besprochen werden die verschmitzt charmante Berliner Ausstellung "Kunst in der DDR", in deren Katalog "bizarrerweise" viele Bilder viel zu dunkel abgedruckt sind, eine umfassende Schau über den dänischen Designer Arne Jacobsen, der gar kein Avantgardist war, und Bücher, etwa Martin Walsers Wiederaufnahme der Selbstbetrachtungen "Meßmers Reisen", Eva Riegers einfühlsame Doppelbiographie "Minna und Richard Wagner" und Jim Heinemanns großherzige Fotobände der "All-American Ads" vom Taschen-Verlag.

Im Magazin erfahren wir vom italienischen Philosophen und marxistischem Erneuerer Antonio Negri (mehr, übersetzte Werke) in einem langen und interessanten Gespräch über die Geschichte der Linken Italiens und die Anomalie Berluscioni. "Ich habe einen Freund in der engsten Entourage von Berlusconi. Er erzählte, dass Berlusconi und seine Parteifreunde, als sie 1994 die Regierung verlassen mussten, jeden Tag mit ihrer Verhaftung rechneten. Sie erlebten einen Albtraum. Damals haben sie sich geschworen: Das wird uns nicht mehr passieren. Und genau so regieren sie jetzt. Italien ist das Land der Korruption. Katholisch eben."

Außerdem: Schriftsteller Frank Goosen (Bücher) erzählt die Geschichte einer Liebe. "Ich saß am Frühstückstisch und arbeitete irgendein Feuilleton durch, da bemerkte ich, dass die Frau, der ich vor etwa anderthalb Jahren begegnet war, mir immer noch gegenüber saß." Silke Hohmann berichtet von der absurden Wiedereröffnungsparty eines texanischen Geisterdorfes. Denn in Lobo suchen Deutsche die Freiheit. Steffen Hebestreit stellt uns ein Guatemala vor, das sich nach 36 Jahren Bürgerkrieg langsam aufrichtet.

TAZ, 26.07.2003

In "rassistisch grundierten" Gesellschaften wie Österreich braucht es gar keine Rassisten, stellt Robert Misik anlässlich des Eklats um den polizeilich mitverantworteten Tod eines Mauretaniers fest. "Er wurde beamtshandelt, bis er tot war. Der Fall empört jetzt das Land, weil ein Anrainer die Szene auf Video aufgenommen hat. Das Band, am Montag im ORF-Fernsehen gezeigt, erinnert an den Fall Rodney King: Während Cheibani W. mit dem Tod rang, standen zwei Sanitäter mit vollem Gewicht auf seinem Körper, ein Arzt schaute, die Hände in den Hosentaschen, gelangweilt ins Leere. (...) Wenn die Angehörigen der weißen Mehrheit einem solchen Schwarzen als Ärzte oder Sanitäter gegenübertreten, besteht - das haben uns graustichige bewegte Bilder nun gezeigt - ein Risiko für Leib und Leben; kommt die Polizei dazu, höchste Lebensgefahr."

Der Ausstellung "Kunst in der DDR" widmet die taz eine ganz Tagesthema-Seite. Brigitte Werneburg unterhält sich dabei unter anderem mit dem Galeristen und DDR-Kunst-Kenner Gerd Harry Lybke. "Was eine Retrospektive angeht, fände ich es interessanter, wenn man gesagt hätte, man zeigt einmal die Zeitspanne von 1950 bis 1960", meint Lybke. "Was ist da in Deutschland passiert? Und zwar in beiden Deutschlands. Jetzt aber eine freiwillige Ausgrenzung zu machen, ohne zu beachten, dass sich die Kunst in der DDR und der Bundesrepublik doch immer aneinander gerieben haben, sich vor und zurück bewegt haben, finde ich absurd. Das ist eine Spezifizierung wie 'die Kunst aus dem Kongo'." In ihrer Kritik erklärt Werneburg im Anschluss, warum die Schau mehr über die Kunst in der BRD aussagt als über die der DDR.

Weiteres: Brigitte Werneburg erklärt sich Hans-Christoph Buchs "schwarzseherischen" Welt Artikel "Big Sister" über die Feminisierung der Literatur damit, dass er doch nur sexy sein wolle. Frank Schäfer hält es in seinen Betrachtungen zur neu überarbeiteten Ausgabe von Ian Flemings "James Bond" Thrillern für geradezu gespenstisch, dass sich die Welt schon so kurz nach Faschismus und Staatsterror für einen Agenten ohne moralische Skrupel begeistern konnte.

Auf der Medienseite diskutiert Winfried Urebe, ob die EU auch noch die Werbung reglementieren muss. Silke Burmester meditiert darüber, wie die Medien uns politikgerecht konditionieren - mit der Vornamenstrategie. Von Florian Klenk erfahren wir, wie die österreichische Kronen Zeitung sich unliebsamer Leserbriefschreiber erwehrt - durch Veröffentlichung von Name und Telefonnummer.

Besprochen werden Ibrahim Ferrers "rauschhaftes" Konzert in Berlin und Martin Walsers milde Einübung in die Standpunktlosigkeit "Meßmers Reisen".

Im tazmag versucht uns die Kunsttheoretikerin Isabelle Graw den Inhalt ihres neuen Buchs Die bessere Hälfte zu erklären, in dem sie darlegt, wie Künstlerinnen von Konventionen beeinflusst werden. Des weiteren lesen wir einen Auszug aus Martin Schachts neuem Roman "Straßen der Sehnsucht": "Immer wieder tritt sie mit den spitzen Metallabsätzen auf den leblosen Körper ein und gibt dabei ein gutturales Gurgeln von sich, das sich, als Hanno näher kommt, als Schimpfkanonade auf Italienisch entpuppt."

Außerdem: Thomas Schmid blickt zurück auf Castros größte Stunde: den Sturm auf die Moncada-Festung vor 50 Jahren. Monika Ermert weiß nach dem Treffen der Internet Engineering Task Force, wie das Netz von Morgen aussehen wird. Susanne Klinger singt ein Hohelied auf das ungemein aussagekräftige und obendrein praktische T-Shirt.

Schließlich Tom.

FAZ, 26.07.2003

Edo Reents gratuliert Mick Jagger zum Sechzigsten. Lorenz Jäger liest eine jüngst (hier) edierte Denkschrift Ernst Jüngers zu Geiselerschießungen während der Pariser Besatzungszeit ("dass Jünger die Erschießungen verabscheute, steht außer Zweifel"). "rik" benennt in der Leitglosse eines der Urgesetze der Tour de France: "Fahrend sind Recke und Rad eine Einheit, zu Boden fallen sie stets getrennt." Der Sammler Heinz Berggruen verrät in einer seiner hübschen Kolumnen, wo er wohnt - man hat ihm im Stülerbau gegenüber dem Charlottenburger Schloss, wo seine Sammlung heute hängt, eine kleine Wohnung eingerichtet. Der evangelische Theologe Klaus Berger wendet sich gegen gemeinsame Kommunionfeiern mit den Katholiken. Günther Rühle schreibt zum Tod des Theatermannes Arno Wüstenhöfer. Andreas Rossmann stellt die Pläne der Deutschen Oper am Rhein für die nächste Saison vor. Gemeldet wird, dass Nicole Kidman aus Lars von Triers "Dogville"-Trilogie aussteigt. Ingeborg Harms wirft einen Blick in deutsche Zeitschriften. Christian Schwägerl flaniert über den neuen Spreeplatz in der Nähe des Paul-Löbe-Hauses und des Reichstags. Martin Kämpchen beklagt in einem kurzen Bericht aus Indien, dass die hinduistischen Mörder der Massaker an den Moslems von Gujarat im letzten Jahr gerichtlich nicht belangt werden.

In den Ruinen von Bilder und Zeiten meditiert Gerhard Schulz über "Geschichte im Zeitalter der Globalisierung". Und Eleonore Büning klagt: Selbst nach dreizehn Jahren Wiedervereinigung können die Sing-Akademie zu Berlin und die Berliner Singakademie nicht zusammen kommen.

Auf der Medienseite schildert Raimund Weiß die Lage der Medien in Kambodscha - die Presse ist einigermaßen frei, Radio und Fernsehen unterstehen direkt dem Informationsminister. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um Aufnahmen von Sinfonien des Beethoven-Schülers Ferdinand Ries, um CDs der deutschen Gruppen Spillsbury und Wir sind Helden, um alternative Country-Musik von Jay Farrar, um neue Jazz-CDs des Marsalis-Clans und um Giacinto Scelsi.

Besprochen werden die Ausstellung "Gold und Kunst der Bronzezeit" im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, eine Franz-West-Ausstellung im Kunsthaus Bregenz und natürlich Bücher, darunter David Albaharis Roman "Götz und Meyer" und der Briefwechsel zwischen Hans Christian Andersen und Lina von Eisendecher (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Ruth Klüger das Gedicht "Winterhafen" von Theodor Kramer vor:

"Moses Vogelhut, den semmelblassen, des Hausierens in den Häfen matt, führte einst sein Rundgang aus den Gassen bis zum Winterhafen vor die Stadt..."