Magazinrundschau
Worte, die auf den Akkorden tanzen
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
25.02.2025. Die New York Review of Books fragt sich, was Trump mit seinem bürokratiefressenden DOGE-Programm erreichen will: Den schlanken Staat? Den gefesselten Staat? Oder gar den handlungsunfähigen Staat? Harper's Magazine ist dagegen überzeugt: Die Bürokratie überlebt alle, auch Trump. Aktualne erinnert an den slowakischen Abenteurer, Erfinder und Mitbegründer der Tschechoslowakei Milan Rastislav Štefánik. Opernlibrettist Gene Scheer erklärt in der Paris Review, warum die Oper einem Stummfilm ähnelt. Die Europäer sind etwas vorschnell im postherorischen Zeitalter angekommen, meint der litauische Philosoph Simas Čelutka in Eurozine. Der New Yorker untersucht am Beispiel Korea, welche Folgen der weltweite Geburtenrückgang haben kann.
New York Review of Books (USA), 13.03.2025
Was genau steckt hinter Donald Trumps von Elon Musks Department of Government Efficiency (DOGE), das Einfluss und Umfang der staatlichen Bürokratie der USA radikal zu beschränken soll? Quinn Slobodian identifiziert drei unterschiedliche intellektuelle Strömungen, die sich in DOGE vereinigen: "Diese Strömungen stammen aus unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Quellen: dem Wall-Street-Silicon-Valley-Komplex der schuldenbasierten Startup-Kultur; konservativen Denkfabriken, die den New Deal endgültig begraben wollen; und der online vernetzten Welt des Anarchokapitalismus und des right-wing-Akzelerationismus. Innerhalb der neuen Regierung bemüht sich jede dieser Strömungen, ihre Ziele zu verwirklichen. Die erste strebt einen schlanken Staat an, der sich darauf beschränkt, die Kapitalrendite zu maximieren; die zweite einen gefesselten Staat, der nicht in der Lage ist, soziale Gerechtigkeit zu fördern; und die dritte und radikalste, einen handlungsunfähigen Staat, der die Regierungsgewalt an konkurrierende Projekte privater, dezentraler Herrschaft abtritt. Wir sind dabei herauszufinden, wie gut sie zusammenarbeiten und sich gegenseitig stärken können. Der zukünftige Zustand der Regierung - und damit des Landes - hängt davon ab, wie weit die Dynamik der aktuellen Situation trägt." Was wird am Ende dabei herauskommen? Vielleicht, mutmaßt Slobodian, in der Tat eine Art Revolution: "Die staatliche Souveränität der USA wird bis zu einem gewissen Grad erodiert sein, wenn sich der Staub des Silicon-Valley-Leninismus gelegt hat und die Computer der Bürokratie mit leerem Bildschirm hochfahren. Diese Aussicht beunruhigt mit Recht diejenigen, die an checks and balances und an die Notwendigkeit eines Staates glauben, der mehr tut, als Waffensysteme zu finanzieren, KI-Datenzentren zu subventionieren und Gehälter für Grenzpolizisten auszuzahlen. In wohlwollenden Beobachtern hingegen wecken die Vorgänge in Washington dieselbe Euphorie, die der anarchokapitalistische Ökonom Murray Rothbard empfand, als er den Zerfall der Sowjetunion verfolgte. Es sei, sagte er, 'ein besonders wunderbares Ereignis, das sich direkt vor unseren Augen abspielt - der Tod eines Staates.'"Harper's Magazine (USA), 01.03.2025
Anders als Quinn Slobodian in der New York Review glaubt Andrew Cockburn nicht daran, dass DOGE am Status quo viel ändern wird. Insbesondere verweist er darauf, dass nicht nur Trump selbst in seiner ersten Amtszeit, sondern auch eine lange Reihe früherer Präsidenten beider Parteien mit dem Versprechen angetreten sind, Bürokratie abzubauen. Gelungen ist es bisher keinem einzigen. Und das hat Gründe: "Das zentrale Problem besteht darin, dass niemand außerhalb der Bürokratie ihre inneren Abläufe auf operativer Ebene verstehen kann. Die Handbücher der Regierungsbehörden enthalten komplexe Richtlinien und Verfahren, die in ihrer Gesamtheit ein einschüchterndes Dickicht an Regeln darstellen - Regelwerke, die die Bürokratie nutzen kann, um ihr Handeln oder auch ihre Untätigkeit zu rechtfertigen. Es ist schwer vorstellbar, wie Außenstehende, so ideologisch überzeugt sie auch sein mögen, sich durch diese verborgenen Pfade navigieren könnten. Das 'Alternative Personnel System Operating Procedures Manual' des Handelsministeriums beispielsweise umfasst 105 Seiten. Das Ministerium für Innere Sicherheit widmet acht Seiten den Vorschriften zur korrekten Verwendung des offiziellen Briefkopfs der Behörde. Tief verborgen auf der Website des Gesundheitsministeriums findet sich die 15-seitige Richtlinie 'Human Subject Regulations Decision Charts: 2018 Requirements'. Das Amt für öffentliches und indigenes Wohnungswesen im Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung hat ein 13-seitiges Dokument erstellt, das die 'Verfahren für das Bargeldmanagement und den Abschluss von Fördermitteln für das Programm 'Gutschein für Notunterkünfte' sowie ergänzende Informationen' abdeckt." Was also wird passieren? "Ein ehemaliger einflussreicher Regierungsbeamter, der anonym bleiben will, um nicht den Zorn der Administration auf sich zu ziehen, gibt eine vernichtende Prognose für die Aussichten von DOGE ab: 'Sie werden zwei oder drei Maßnahmen ergreifen, von denen sie glauben, dass sie alle Probleme lösen - und die dann vor Gericht gekippt werden', sagte mir der Beamte nach der Bekanntgabe von Musks Ernennung. 'Ich nehme an, das erste, was sie versuchen werden, ist eine Art Einstellungsstopp. Nach drei Monaten werden sie merken, dass die Behörden begonnen haben, Wege zu finden, diesen zu umgehen. Dann werden sie versuchen, das zu unterbinden - und es wird ihnen nicht gelingen. Anschließend werden sie versuchen, die Leute dazu zu zwingen, fünf Tage die Woche ins Büro zu kommen. Das wird schwierig, weil viele dieser Behörden gar keine Büroräume mehr für diese Leute haben. Ich denke, es wird ein Problem nach dem anderen geben, und nach vier Jahren ist die Zahl der Mitarbeiter um zwei Prozent gesunken - vielleicht.'"Aktualne (Tschechien), 20.02.2025
Paris Review (USA), 21.02.2025
Im März hat an der Met Jake Heggies "Moby Dick" Premiere. Das Libretto dieser Oper, die 2010 in Dallas uraufgeführt worden war, hat Gene Scheer geschrieben. "Oper hat viel mit dem Stummfilm gemeinsam", erklärt Scheer im Interview mit Sophie Haigney seine Arbeit. "In Stummfilmen sind die Gesten viel größer als in späteren Filmen. Die Subtilität in einem Stummfilm kommt hauptsächlich von der Kameraführung. Bei der Oper ist es ganz ähnlich. Denken Sie an die opernhafte Geste, die große dramatische Geste. Im ersten Akt von 'La Bohème' kommt Mimi die Treppe hinauf, in der Hand eine unbeleuchtete Kerze. Rodolfo sieht sie und zündet die Kerze an, und dann lässt sie ihren Schlüssel auf den Boden fallen. Er nimmt den Schlüssel und steckt ihn in seine Tasche, weil er nicht will, dass sie geht, und dann tut er so, als würde er den Schlüssel suchen, und nimmt ihre Hand. All das ist Teil des Librettos, nicht Teil der Inszenierung. Dann singt Rodolfo 'Che gelida manina'. Er singt die Arie, aber alles wird durch die Handlung vorbereitet, die ich gerade beschrieben habe. Sie können sich vorstellen, dass in einem Stummfilm all dies ohne Worte geschehen könnte - eine Person kommt, um ihre Kerze anzuzünden, der Mann sieht sie, sie lässt die Schlüssel auf den Boden fallen, alles. Der Stummfilm war gewissermaßen mein Nordstern. ... Das Problem vieler Libretti, insbesondere derjenigen, die in den letzten dreißig Jahren entstanden sind, besteht darin, dass sie sich zu sehr auf die Sprache verlassen, um die Geschichte zu erzählen. Sie werden eher zu Drehbüchern als zu Libretti. Und dann hat man eine Menge Worte, die auf den Akkorden tanzen. Das ist, glaube ich, nicht die beste Formel, um eine wirklich fesselnde Oper zu schreiben." Letztlich, so Scheer, wird die "Kraft jeder Oper, davon abhängen, wie es der Musik gelingt, die Geschichte zu erzählen. Denn warum sollte man überhaupt singen? Das ist eine der großen Fragen. Warum singen diese Menschen, anstatt zu sprechen? Weil sie die Musik brauchen, um auszudrücken, was in ihren Herzen vorgeht und was in ihrem Leben auf dem Spiel steht. Deshalb sind die Einsätze in Opern in der Regel sehr hoch - wir müssen also das, was auf dem Spiel steht, in den Text, in die Szenen hineindestillieren, damit die Musik das Mark der Opernerfahrung sein kann."Hier eine frühe Bühnenprobe:
HVG (Ungarn), 20.02.2025
Der Regisseur und Schauspieler Pál Mácsai ist scheidender Intendant des Budapester Örkény Theater, das nach dem Regierungswechsel 2010 durch große Anstrengungen die Unabhängigkeit bewahren konnte. Mácsai spricht nun in der Wochenzeitschrift HVG u.a. über das Verhältnis der darstellenden Künste zur Politik und erklärt, warum er sich nie offen für die Opposition gegen Victor Orban engagiert hat: "Grundsätzlich glaubt die Politik gerne - die jetzige allerdings mehr als andere - dass die darstellenden Künste ihre Handlanger seien. Wer ihre Ideologie in der einen oder anderen Form propagiert, bekommt Geld, wer souverän ist, geschweige denn sich kritisch äußert, der wird nicht berücksichtigt. So primitiv einfach ist das. In dieser Hinsicht ist die Gegenwart nicht anders als die 1960er und 1970er Jahre. Das untergräbt freilich das unabhängige Denken, das Herzstück unseres Berufes. (…) Sicherlich akzeptiere ich es, wenn sich jemand für seine Überzeugungen auf die Bühne der Opposition stellt, denn dazu gehört heute eine gewisse Portion Mut, aber auch hier verlasse ich mich auf meine bescheidene Fähigkeit, nein zu sagen. Ich habe zu viele Beispiele für den Verlust der persönlichen Souveränität in der Politik gesehen. Und ich denke, mein ganzes Schaffen sagt genauso viel aus wie es eine politische Rede von mir täte."Le Grand Continent (Frankreich), 24.02.2025
New Lines Magazine (USA), 24.02.2025
Wenn die iranische Regierung Regimegegner nicht mehr physisch terrorisieren kann, weil sie ins Ausland geflohen sind, dann wird der Terror in die digitale Sphäre verlegt, berichtet Meghan Davidson Ladly. Gerade iranische Aktivistinnen sehen sich einer Flut von digitaler Belästigung ausgesetzt, dazu gehören die Verbreitung von "Deepfake-Pornografie - bei der Bilder von betroffenen Frauen in bereits vorhandene oder von KI generierte sexuell eindeutige Inhalte eingefügt werden". Aber auch Drohungen und Einschüchterungen aller Art gehören zu den Strategien - das Vorgehen der Online-Mobber ist geschlechterspezifisch, betont Ladly, Frauen wird beispielsweise mit Vergewaltigung gedroht. Die Miaan Group, eine NGO, die iranische Regimegegner im In- und Ausland unterstützt, deckte auf, dass die Islamische Republik nicht einmal davor zurückschreckt, Kinderpornografie zu instrumentalisieren, indem sie "ein Netzwerk von Telegram-Kanälen nutzt, um regierungsfeindliche Aktivisten anzugreifen und Desinformationen zu verbreiten: Die Kanäle locken Personen an, die nach Kinderpornografie suchen, und vermischen dann sexuell anschauliche und schädliche Inhalte mit regierungsfreundlichen Desinformationen und Aufrufen, Regimekritiker zu schikanieren und ihre persönlichen Kontaktinformationen weiterzugeben. 'Die Islamische Republik oder ein staatlicher Akteur nutzt diese Art von Methode, um eine Gruppe von Menschen zu mobilisieren - eine Armee aus [einer] Gruppe von Menschen zu machen - die nicht auf der Gehaltsliste stehen müssen, aber bereit sind, etwas für den staatlichen Akteur zu tun, um Kinderpornografie zu erhalten', sagt Amir Rashidi von Miaan."Außerdem: Sean Williams und Kevin Knodell erzählen, wie Lateinamerikas Drogenkartelle die Staaten im Pazifik mit ihren Drogen fluten.
Pitchfork (USA), 24.01.2025
Eurozine (Österreich), 24.02.2025
Der ukrainische Schriftsteller Mykola Riabchuk beugt sich über die Ungeheuerlichkeiten, die Trump in Richtung Ukraine geäußert hat. Teil davon ist ein Vertrag, der Präsident Selensky vorgelegt wurde und den der Daily Telegraph als "ein neues Versailles" bezeichnete: "Der US-Vertrag scheint eher von privaten Anwälten als vom US-Außen- oder Handelsministerium geschrieben worden zu sein. Dem durchgesickerten Dokument zufolge verlangt es von der Ukraine eine 'Rückzahlung' in Höhe von 500 Milliarden Dollar, die weit über die US-Kontrolle über die kritischen Mineralien des Landes hinausgeht und Häfen, Infrastruktur, Öl- und Gasvorkommen und andere Ressourcen abdeckt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Ukraine in absehbarer Zukunft in der Lage sein wird, 500 Milliarden Dollar zu zahlen, aber es gibt ein noch entmutigenderes Problem, das im Vertrag nicht angesprochen wird: Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Selenski kündigte das Abkommen trotz des starken, an Erpressung grenzenden Drucks der USA." Trumps Zahlen, zeigt Riabchuk, sind völlig imaginär, so belief sich die tatsächlich geleistete US-Hilfe "laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft bis Dezember 2024 auf insgesamt 114,2 Milliarden Dollar, verglichen mit 132,3 Milliarden Dollar, die von den europäischen Ländern bereitgestellt wurden. Zwar übersteigt die US-Hilfe in Bezug auf militärische, finanzielle und humanitäre Zuweisungen tatsächlich die aller anderen Länder, aber diese Zuweisungen machen nur 0,5 Prozent des amerikanischen BIP aus, während eine Reihe europäischer Länder bis zu zwei Prozent ihres BIP für die Hilfe für die Ukraine bereitstellen."Die Europäer sind etwas vorschnell im postherorischen Zeitalter angekommen, meint der litauische Philosoph Simas Čelutka mit Blick auf den Ukrainekrieg. "Es kann der Eindruck entstehen, dass Europa sich als ein großer sicherer Raum versteht, in dem man nur auf gleichgesinnte Liberale oder zumindest auf respektvolle Gegner trifft, die danach streben, eine gemeinsame Basis und schließlich einen Konsens zu finden. In diesem Bild der gesellschaftlichen Realität werden nicht nur Politik und Geschichte obsolet, sondern auch die Bedeutung der Freiheit verändert sich unweigerlich - sie wird von der Verantwortung entkoppelt. Freiheit wird zum reinen Negativum - fass mich nicht an, misch dich nicht ein, halt dich fern von mir, ich verfolge meine eigenen Interessen, und niemand kann mir etwas vorschreiben. In Litauen und vielen anderen europäischen Ländern ist es immer noch sehr schwierig, über die Wehrpflicht zu sprechen - die Menschen glauben, dass sich in Krisenzeiten jemand anderes für ihr Heimatland opfern wird. Warum sollte ich das sein? Wie kann sich der Staat das Recht anmaßen, mich aus meinem Leben zu nehmen und 'meine Karriere zu ruinieren'? Das Vorherrschen dieser egozentrischen Weltsicht bestätigt, dass wir den Sinn für positive Freiheit verlieren - nicht die Freiheit von, sondern die Freiheit zu etwas Sinnvollem, zur Sorge um unsere gemeinsame Welt, zum verantwortungsvollen Handeln, zum Aufbau und zur kreativen Gestaltung unserer Zukunft. Ich behaupte, dass dies das Geschenk der Ukraine an uns alle ist: eine einmalige Chance, wieder zu historischen und verantwortlichen Akteuren zu werden, anstatt passive und ängstliche Zuschauer oder noch schlimmer: gleichgültige Konsumenten zu bleiben. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, auf die moralische und politische Philosophie von zwei bahnbrechenden Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts zurückzukommen: Hannah Arendt und Jan Patočka ..."
New Yorker (USA), 24.02.2025
2023 könnte das Jahr sein, in dem erstmals die Geburtenzahlen auf der Welt unter die Reproduktionsschwelle gesunken sind. Die Gründe dafür sind so vielfältig, dass es, um sie zu erklären, einen Nobelpreisträger bräuchte - in Literatur. Die üblichen Gründe, die dafür genannt werden, erklären diesen Rückgang nicht mehr, erklärt Gideon Lewis-Kraus: Frauen, die arbeiten, steigender Wohlstand, zu wenig Geld, mangelnde Kinderbetreuung: "Diese Trends lassen sich nicht auf haushaltspolitische Erwägungen zurückführen. Die Kinderbetreuung ist in Wien praktisch kostenlos und in Zürich extrem teuer, aber die Österreicher und die Schweizer haben die gleiche Geburtenrate." Die weltweit niedrigste Geburtenrate hat übrigens Korea mit 0,7 Prozent, so Lewis-Kraus, der dort feststellt, dass viele Koreaner damit kein Problem haben: "Viele sagten mir, dass sie sich auf eine Gesellschaft mit weniger Wettbewerb freuen - eine kleinere, sanftere Welt mit einem größeren Anteil an Ressourcen für alle." Aber es könnte natürlich auch ganz anders kommen. "Der überzeugendste Aspekt des technologischen Pro-Natalismus ist nicht, was wir theoretisch durch eine größere Bevölkerung gewinnen könnten. Es ist die Vorahnung dessen, was wir mit einer verringerten Bevölkerung verlieren könnten. Der Evolutionsanthropologe Joseph Henrich hat das Beispiel der tasmanischen Ureinwohner angeführt, die vor etwa zehntausend Jahren vom australischen Festland abgeschnitten wurden. Ihre Bevölkerung war zu klein und zu zerstreut, um ihr Wissen zu bewahren, und sie haben offenbar vergessen, wie man komplexe Werkzeuge herstellt, wie man warme Kleidung anfertigt und sogar wie man fischt. Und die schiere Zahl ist nur ein Teil der Geschichte. Damit sich eine Kultur entwickeln kann, braucht sie viele verschiedene Arten von Menschen - eigensinnige, verrückte Menschen mit ausgefallenen Ideen. Die schrägsten Menschen sind fast immer Kinder. Demografen befürchten oft, dass die Beschäftigung mit Science-Fiction-Spekulationen die Regierungen ungewollt zu drakonischen Maßnahmen veranlassen könnte. Dennoch gibt die Demografin Leslie Root zu, dass sie sich manchmal fragt: 'Ist es möglich, dass wir uns tatsächlich so entwickelt haben, dass wir zu klug für unser eigenes Wohl sind, und dass wir einfach zu sehr an anderen Dingen interessiert sind, um den Blödsinn mitzumachen, dass wir genug Kinder haben müssen, um die Spezies zu erhalten? Ich weiß es nicht! Vielleicht?' Sie sammelte sich und fügte dann hinzu: 'Was mich am meisten interessiert, wenn ich darüber nachdenke, wie es sein könnte, eine stabile menschliche Bevölkerung aufrechtzuerhalten, ist, dass es eine sehr reale Möglichkeit gibt, dass wir die Gesellschaft neu erfinden müssen.'"1 Kommentar