Magazinrundschau

Die Idee der Unschärfe

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
18.02.2025. Die Trump-Regierung setzt auf einen "kompetitiven Autoritarismus", dessen Bekämpfung den Einzelnen kosten wird, warnt der Politologe Steven Levitsky in Foreign Affairs. Trump ist mehr Elagabal als Caesar, denkt der Kunsthistoriker Konstantin Akinscha in Eurozine. New Lines lässt sich erzählen, wie die eritreische Armee Menschen zu Soldaten foltert. In Dlf verteidigt Hans von Trotha das Feuilleton gegen seine Verächter. Die London Review of Books taucht ein in den "Fall Messiaen".

Foreign Affairs (USA), 11.02.2025

Steven Levitsky hat zusammen mit Daniel Ziblatt 2018 das Buch "Wie Demokratien sterben" vorgelegt, das heute zu den Standardwerken über den sich überall verfestigenden Rechtspopulismus und -extremismus zählen dürfte. In Foreign Affairs legt der Lateinamerikakundler und Politologe zusammen mit seinem Kollegen Lucan A. Way einen Essay unter dem Titel "Der Weg zum amerikanischen Autoritarismus" vor. Trump wird den Staat umbauen und zu einer Waffe formen, so die beiden Autoren - er hat ja längst damit angefangen. Er wird Behörden schließen, Beamte, wenn möglich, feuern und durch loyale Kräfte ersetzen. Das Regime, in das Amerika abdriftet, beschreiben die beiden als "kompetitiven Autoritarismus", das heißt, dass Demokratie nicht völlig außer Kraft gesetzt ist, aber überall, wo es geht, geschwächt wird. Vorbilder sind für Trump lateinamerikanische Autokratien (auch Venezuela), besonders aber Ungarn, das die Methoden wie in einem Labor bereits getestet hat. "Der kompetitive Autoritarismus wird das politische Leben in den Vereinigten Staaten verändern. Wie Trumps erstes Bündel verfassungsrechtlich zweifelhafter Verordnungen deutlich gemacht hat, werden die Kosten für öffentlichen Widerstand erheblich steigen: Spender der Demokratischen Partei könnten ins Visier des Finanzamtes geraten; Unternehmen, die Bürgerrechtsgruppen finanzieren, könnten sich einer verschärften steuerlichen und rechtlichen Kontrolle ausgesetzt sehen oder von den Aufsichtsbehörden in ihren Unternehmungen behindert werden. Kritische Medien werden wahrscheinlich mit kostspieligen Verleumdungsklagen oder anderen rechtlichen Schritten sowie mit Vergeltungsmaßnahmen gegen ihre Mutterfirmen konfrontiert werden. Die Amerikaner werden sich der Regierung immer noch widersetzen können, aber Gegnerschaft wird schwieriger und risikoreicher sein, was viele Bürger zu der Entscheidung führen wird, dass sich der Kampf nicht lohnt. Wird jedoch kein Widerstand geleistet, könnte dies den Weg für eine autoritäre Verfestigung ebnen - mit schwerwiegenden und dauerhaften Folgen für die globale Demokratie." Und das ist auch das Resümee der Autoren: Widerstand muss geleistet werden, wo es geht - auch wenn das Risiko steigt.
Archiv: Foreign Affairs

Le Grand Continent (Frankreich), 17.02.2025

Der Westen hat die Psychologie des Krieges der Russen noch nicht verstanden, schreibt der französische Osteuropaexperte Michel Foucher, der an der renommierten Ecole Normale Supérieure und an Sciences Po lehrt. Es geht nicht einfach darum, die Ukraine zu schlucken. Es geht eher um die Destabilisierung von Nationalstaaten, zumindest solchen an den Grenzen Russlands. Russland denkt sich selbst als ein stets expandierendes Gebilde, innere Stabilität bewahrt es nur, wenn es sich nach außen ausdehnt, so Foucher: "Der Krieg festigt ein autokratisches System, das keinen internen oder externen Gegenpart hat. Bis heute hat keine Gruppe russischer Exilanten ein alternatives Machtzentrum gebildet. Im Inneren herrscht ein Regime der freiwilligen Knechtschaft, das ohne die Beteiligung derjenigen, die sich damit abfinden und es akzeptieren, nicht möglich ist. Die russische Geschichte lehrt, dass nur militärische Niederlagen zu politischen Brüchen führen: Die Niederlage auf der Krim 1856 führte 1862 zur Abschaffung der Leibeigenschaft; die Zerstörung der russischen Flotte durch Japan bei Tsushima führte zur Revolution von 1905; dasselbe gilt für die Niederlage gegen die deutsche Armee im Februar 1917 und den Rückzug aus Afghanistan 1989, der den Zusammenbruch der Sowjetunion selbst einleitete." Ein Nachgeben gegenüber Russland würde darum zu ständiger Instabilität in Europa führen, prognostiziert Foucher. "Wer behauptet, dass jeder Konflikt am Verhandlungstisch beendet wird, vergisst, dass dies weder 1919 noch 1945 der Fall war, da die Bedingungen für den Frieden von den Siegern auferlegt wurden."

HVG (Ungarn), 13.02.2025

Anlässlich des 200. Geburtstags des Schriftstellers Mór Jókai spricht der Literaturhistoriker Márton Szilágyi im Interview mit Balázs Illényi über die Literatur des 19. Jahrhunderts und die Aktualität von Jókais Werken. Jókai ist bis zum heutigen Tage der wohl meist gelesene Schriftsteller in Ungarn. Seine Romane wie "Der Goldmensch" (1872 - erschien damals in Übersetzung sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch) sind bis zum heutigen Tag Pflichtlektüre an ungarischen Schulen. "Als ich 9 oder 10 Jahre alt war, lernte ich aus Jókais Texten, dass es sich lohnt, bestimmte Leseschwierigkeiten zu überwinden. Man sollte jungen Menschen beibringen, dass es in Ordnung ist, wenn sie etwas nicht verstehen, denn wenn sie einen Roman in einer Fremdsprache lesen, kennen sie ja auch nicht jedes Wort, manchmal müssen sie anhalten, nachschauen, nachdenken. Doch es geht dabei nicht nur um den Literaturunterricht. Es fällt vielen Kindern von heute auch schwer, Mathe- und Physikaufgaben zu lösen, weil sie nicht sorgfältig lesen können. Auch scheinen sich in letzter Zeit Schüler immer weniger der Ironie der Sprache bewusst zu sein, weil sie sich an die Vorstellung gewöhnt haben, dass etwas ironisch ist, wenn es einen Smiley am Ende hat. Mit Jókai lässt sich auch die Interpretation der Ironie gut üben."
Archiv: HVG

Mediazona (Russland), 16.02.2025

Mediazona erinnert an den Tod von Alexei Nawalny, der vor einem Jahr in einem russischen Straflager ermordet wurde. Das unabhängige Medium veröffentlicht außerdem die letzten Briefe, die von Nawalny an die Außenwelt drangen: Zum Beispiel an den Chefredakteur von Mediazona, Sergei Smirnow. "Ihr Brief kam am 2. Februar an. Der Test war also weitgehend erfolgreich. Und auch nicht zu langsam: 12 Tage ab Einlieferung. Die ersten Briefe über 'Zona' [dem Briefzusteller] brauchten 22-24 Tage", schrieb Nawalny an Smirnow und gab im daraufhin jede Menge Literaturhinweise. Smirnow schreibt darüber heute: "Nawalny hatte schon immer eine sehr eigenartige Art, Leute zu testen. Er sagte: Ich muss sicher sein, dass Sie wirklich Smirnow sind: Was haben Sie mir vor 7 Jahren auf Twitter in einer Antwort auf diesen und jenen Beitrag geschrieben? Oder: In welcher Reihe saßen Sie bei dieser oder jener Verhandlung? Und das wie immer mit dem unnachahmlichen Humor von Nawalny. Ich kann nicht sagen, dass die Korrespondenz besonders intensiv war. Viel Alltägliches: Bücher, Sprachen, wo die Kinder zur Schule gehen, wie hoch die Miete in Vilnius ist, was man in der Stadt sehen kann. Ganz gewöhnliche Themen. Aber es ging auch um Politik. So wie in diesem letzten Brief: Es war eine Fortsetzung unserer Diskussionen über die 1990er Jahre in Russland. Er fragte mich, was ich von seinem äußerst kritischen Beitrag über die 90er Jahre halte? Ich sagte: Einerseits hast du Recht, andererseits sehe ich das alles als Vorschau auf einen Plan für das zukünftige Russland. Dann tauschten wir weiter Bemerkungen über die 90er Jahre aus [...]. Diesen Brief erhielt ich zehn Tage nach seiner Ermordung. Eine sehr schmerzhafte und schwere Erfahrung. Schmerzhaft und schwer."
Archiv: Mediazona

New Lines Magazine (USA), 17.02.2025

Mohamed Gabobe spricht mit dem ehemaligen somalischen Soldaten Hersi, der ihm von schrecklichen Zuständen und Folter in einem eritreischen Militärlager erzählt. Aus finanziellen Gründen schloss Hersi sich als Zwanzigjähriger dem somalischen Militär an, um die Regierung im Kampf gegen die islamistische Terrororganisation Al-Shabaab zu unterstützen, die Teile Südsomalias kontrolliert. Hersi erwartete, zur militärischen Ausbildung nach Katar geschickt zu werden, stattdessen wurden er und seine Kameraden gegen ihren Willen in das eritreische Trainingslager "WiA" verschleppt: "'Die Hitze war unerträglich und die Misshandlungen unmenschlich', sagte Hersi. 'Es gab keine richtigen Mahlzeiten. Alle 12 Stunden bekamen wir Wasser. Die Ausbildung war qualvoll und diejenigen [somalischen Kadetten], die zu fliehen versuchten, wurden gefoltert und in manchen Fällen weggebracht, und wir haben sie nie wieder gesehen. Wir hatten eine Gruppe somalischer Soldaten in unseren Reihen, die Amharisch sprachen und sich mit den eritreischen Soldaten verständigen konnten.  So konnten wir unsere Botschaft vermitteln', sagte Hersi. Aber ihre Bemühungen waren vergeblich, also griffen sie zu verzweifelteren Maßnahmen: Sie zogen ihre langärmeligen Trainingsanzüge aus und begannen, Steine zu werfen. 'Dann hörten wir in der Ferne Fahrzeugmotoren dröhnen', sagte Hersi. 'Zwei Militärfahrzeuge fuhren auf das Gelände des Militärlagers in Wia und eine Gruppe Soldaten eröffnete wahllos das Feuer auf uns mit AK-47.' Als sich der Rauch verzogen hatte, lagen 14 somalische Kadetten tot in einer Blutlache und 21 weitere waren verwundet', sagte Hersi. 'Ich erinnere mich so lebhaft daran. Es war der 9. November 2021. Wenn ich alleine bin und daran denke, weine ich manchmal.'"
Stichwörter: Somalia, Eritrea, Al Shabaab, Katar

Eurozine (Österreich), 17.02.2025

Ein Moment von Trumps Amtseinführung überschattete alle anderen: der "römische Gruß" Elon Musks. Doch, so betont der Kunsthistoriker Konstantin Akinscha, es gibt auch andere Szenen, die sich während der Parade in der Capital One Area abspielten, die durchaus Aufmerksamkeit verdienten. Auch wenn Trump offensichtlich daran scheiterte, den großen imperialen Machtdemonstrationen eines Putin oder Xi Yinpin nachzueifern, denn das Spektakel hatte in weiten Teilen eher den Charakter eines "Zirkus", wie Akinscha bemerkt, gab es einen Moment, der dem Historiker durchaus Gänsehaut bereitete: "Nachdem Trump theatralisch eine Reihe von Executive Orders unterzeichnet hatte, begann er, Sharpie-Marker ins Publikum zu werfen und beobachtete mit unverhohlener Freude, wie seine Anhänger sich um die Präsidenten-Souvenirs stritten. Diese Filzstifte wurden speziell für die Unterzeichnung von Dokumenten hergestellt und mit Trumps Unterschrift in Gold verziert. Sie sind zu einem Symbol seiner überlebensgroßen Persönlichkeit geworden. Der Präsident muss seine Unterschrift offensichtlich aus der Ferne sichtbar machen und kann sich nicht auf Montblanc-Füllfederhalter verlassen, das bevorzugte Utensil der meisten Staatsoberhäupter. In diesem Moment benahm sich der demokratisch gewählte Führer des mächtigsten Landes der Welt wie ein römischer Kaiser. Im alten Rom nahm die Tradition des Congiarium - das Werfen von Münzen ins Publikum - verschiedene Formen an. Der Historiker Cassius Dio schrieb, dass 'Nero kleine Bälle in die Menge warf, von denen jeder eine entsprechende Inschrift trug, und die Gegenstände, die auf den Bällen verlangt wurden, denen überreicht wurden, die sie ergriffen hatten'. Der Kaiserbiograf Suetonius beschrieb, wie Caligula 'mehrere Tage hintereinander große Geldsummen vom Dach der Basilika Julia unter den Bürgern verstreute'. Kaiser Elagabal - ein weiterer berüchtigter Dekadenter, der als Erfinder der Orgien mit Rosenblättern in Erinnerung geblieben ist - war dafür bekannt, Gold- und Silberstücke in die Menge zu werfen."
Archiv: Eurozine

Dlf - Essay und Diskurs (Deutschland), 16.02.2025

Ob Deutschland gespalten ist oder nicht, sei "keine Frage für irgendein Feuilleton", verkündete Bundeskanzler Scholz letzten November zur aktuellen Lage vor dem Bundestag. Den Kulturhistoriker Hans von Trotha lässt solche Geringschätzung des Feuilletons sofort aufmerken: Das Feuilleton, nichts weiter als ein Glasperlenspiel im Elfenbeinturm? En contraire, findet von Trotha - und legt eine beeindruckend kenntnisreiche Geschichte des Feuilletons als Ort der Kritik, der Debatte, der Invention, mithin der Selbstverständigung einer Gesellschaft vor. Und die Gegenwart? "Objektiv lässt sich ein gewisser Niedergang des Feuilletons als Institution nicht übersehen: Der entsprechende Raum in den Zeitungen ist zusammen mit den dahinter stehenden Budgets deutlich schmaler geworden. Das befördert die Wahrnehmung als bloßes Beiblatt, wie sie die Scholzsche Formulierung 'irgendein Feuilleton' insinuiert. Das ändert aber nichts daran, dass in diesem womöglich vernachlässigten, aber immerhin noch existierenden, aktiven und gedanklich weiterhin ausgesprochen produktiven Publikationsraum mit immer noch vergleichsweise sehr hoher Reichweite eine Form des Schreibens und Denkens in jeweils spontaner Tateinheit betrieben wird, die gerade dann an Relevanz gewinnt, wenn die Lage unübersichtlich wird und sich Antworten auf diese Lage im politischen Raum immer eindimensionaler geben. In diesem politischen Raum führt die genannte Konstellation ein ums andere Mal zu derselben Reaktion: zu einer Adaption populistischer Argumentationen auch durch andere Parteien, um verlorene Stimmen zurückzugewinnen, fast immer ohne Erfolg. Mit zunehmender Lautstärke werden dann von allen Seiten die immer gleichen vermeintlichen Lösungen als Wahrheiten verkündet. Das ist die Stunde des Feuilletons, wenn vielleicht auch nicht zwingend als Zeitungsteil, so doch als Denkform, als Format, als publizistische Kulturtechnik. Es geht darum, Dinge nicht einfacher darzustellen, als sie sind, sondern, im Gegenteil, die Komplexität ihrer Hintergründe zu beleuchten, selbst da, wo sie einfach erscheinen mögen. Es ist die Form des feuilletonistischen Essays aus dem Geist der aufklärerischen Kritik, die hier gebraucht wird und nach neuen Formaten verlangt."
Stichwörter: Feuilleton, Trotha, Hans von

Elet es Irodalom (Ungarn), 18.02.2025

Der ehemalige ungarische Diplomat János Herman denkt über die Lage des Westens und der (liberalen) Demokratie nach, auch im Hinblick auf die Rolle und Auswirkungen der neuen Technologien: "Die größte Herausforderung besteht wohl darin, dass wir das heutige Demokratiemodell aus einer vergangenen Ära der Kommunikation geerbt haben. In einem Zeitalter der Massendigitalisierung, der öffentlichen Medien, der Algorithmen und der künstlichen Intelligenz kann es uns so kaum mehr zuverlässig dienen.  Jeder manipuliert jemanden, und jeder wird von jemandem manipuliert. Es ist schwierig, zwischen einem Like und einer Stimme zu unterscheiden. Es gibt keine Behauptung, die nicht verkauft werden kann. Eine bunte Lüge verbreitet sich leichter als die graue Wahrheit. Wo sind die gesichtslosen lateinamerikanische Diktatoren, die in ihren Palästen zurückgezogen leben? Die neuen Herren brauchen keinen Boten und keine Posaunen mehr, denn sie sind mit jedem Klick da. In einem Satz: Die Massendigitalisierung verwandelt die indirekte, repräsentative Demokratie in eine direkte Demokratie. Sie überschreibt sie damit auch, da sich die Richtung umkehrt. Die Masse (das Volk) tut nichts anderes, als den Impuls von oben zu reflektieren. Und die Folgen? Im antiken Athen, zur Zeit der direkten Demokratie, schrieb Platon, dass die Demokratie zur chaotischen Herrschaft des Pöbels und zur Inthronisierung von Autokraten führt."

London Review of Books (UK), 20.02.2025

Olivier Messiaen hatte einen enormen Einfluss auf die Musik der Nachkriegszeit. Adam Shatz wusste das schon, bevor er die neue Messiaen-Biografie von Robert Sholl las (die er nicht so doll fand). Doch trotz seines Einflusses war der französische Komponist stark umstritten, erzählt Shatz: "Der 'Fall Messiaen' löste die heftigste Kontroverse in der französischen Musik seit der Uraufführung von Strawinskys 'Sacre du Printemps' aus. Während kaum jemand Messiaens Bedeutung für die Musik des 20. Jahrhunderts in Frage stellen würde, wurde sein religiöser Modernismus stets mit dem Vorwurf der Idolatrie, der Unauthentizität und des schlechten Geschmacks belegt. Morton Feldman verglich seine 'verrückten FarbenÄ mit 'Disneyland'. Richard Taruskin, ein Bewunderer, verhöhnte seine Turangalîla-Symphonie (1949) als 'Sakroporn', eine Musik, die sich 'ständig am Rande des Kitsches bewegt'. Die Gründe dafür, dass Messiaen zu einem solchen 'Fall' wurde, hatte Virgil Thomson schon früh identifiziert. Messiaen war laut Thomson 'ein vollwertiger Romantiker' in einem postromantischen Zeitalter, in dem die Grenzen zwischen fortgeschrittener Komposition und wissenschaftlicher Forschung immer durchlässiger wurden, insbesondere in den akademischen Musikfakultäten." Als Modernist war Messiaen nicht sehr rigoros. "Er zog Strawinskys synkopische Neufassung der russischen Volksmusik der 'schleichend grauen' Musik Schönbergs vor. Messiaen selbst schrieb einige der furchterregendsten Werke des 20. Jahrhunderts - insbesondere den apokalyptischen 'Tanz des Zorns für die sieben Trompeten' im Quartett für das Ende der Zeit -, doch was er vermitteln wollte, war 'Licht, Freude und Herrlichkeit'. Für Messiaen wurde die wirkliche Revolution in der Musik des 20. Jahrhunderts nicht von einem österreichischen Juden, sondern von einem Franzosen, Claude Debussy, eingeleitet, der 'die Idee der Unschärfe nicht nur in der Harmonie und der Melodie, sondern vor allem im Rhythmus und in der Abfolge der Klangfarben einführte'."

Die Psychoanalytikerin Marion Milner passt für Clair Wills ziemlich gut in unsere Zeit: Sie lebte von 1900 bis 1998, ihre Bücher "A Life Of One's Own" und "An Experiment in Leisure" sowie David Russells aktuelle Biografie "Marion Milner: On Creativity" erzählen von einer Frau, die zu Zeiten praktiziert hat, als therapeutische Ethik weniger wichtig war als innovative, kreative Ideen. So hat sie die Tochter Donald Winnicotts behandelt, während sie und ihr Mann bei ihm in Analyse waren. Über diese analytischen Verstrickungen hinaus zeigen die Bücher eine introspektive Frau, die sich mehr dem Werden widmet als dem Sein: "Es sind seltsame Bücher, das Resultat von Milners Willen, eine Schriftstellerin zu sein, ohne zu wissen, worüber sie schreiben soll ('Ich will Bücher schreiben, sie gedruckt und gebunden sehen') und das Beste an ihnen ist das Nicht-Wissen. Das ist nicht leicht. Es gibt eine Spannung in ihrem Werk zwischen ihrer psychologischer Ausbildung - nicht nur der Glaube an die Entwicklungstheorien menschlichen Verhaltens, sondern die Überzeugung, dass diese Entwicklung messbar ist - und ihr Gefühl für die Launen des Unbewussten."

Weiteres: Colm Toibin denkt, mit Patrick Joyces Buch "Remembering Peasants: A Personal History of a Vanished World" über das Verschwinden der irischen Bauern nach. Vincent Bevins liest David Van Reybroucks "Revolusi: Indonesia and the Birth of the Modern World" (hier mehr zur deutschen Ausgabe). Und der Historiker Christopher Clark vertieft sich mit viel Sympathie in Angela Merkels Autobiografie (wie übrigens auch der Osteuropaexperte Neal Ascherson in Prospect).