Magazinrundschau

Im Wahnsinn gibt es kein System

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
04.03.2025. Warum hat es Trump so eilig, Putin seine Loyalität zu beweisen, fragt Garri Kasparow in The Atlantic. Wie eine Hilfshyäne tanzt Trump um die Ukraine herum, um Putin zu gefallen, notiert auch HVG. Helen Sullivan schickt der  London Review of Books eine große Reportage über illegalen Goldabbau in Südafrika und stößt auch hierauf die Spuren Russlands. David Leonhardt fährt für das NYT Magazine nach Dänemark und fragt: Gibt es eine progressive Art, Migranten an der Grenze abzuweisen?  

The Atlantic (USA), 01.03.2025

In einem bemerkenswerten Essay kommt Garri Kasparow auf Trumps und Musks Aktivitäten in den letzten Wochen zurück. Er setzt Elon Musks Schleifen der Institutionen mit Trumps totaler Lossage von Selenski und Europa in Zusammenhang. Eigentlich, schreibt Kasparow, "habe ich Verständnis für diejenigen, die die Macht von Regierung einschränken und begrenzen wollen. Aber sie durch eine Junta aus nicht rechenschaftspflichtigen Eliten zu ersetzen - das Putin-Modell - ist keine Verbesserung." Die Hauptfrage aber ist, so Kasparow: "Warum hat Trump Putins Agenda zu seiner obersten Priorität gemacht? Den genauen Grund, warum Trump auf so perverse Art loyal zu Putin ist, werden wir vielleicht nie erfahren... Aber die Dringlichkeit ihres Handelns verstehe ich, und sie ist eine ernste Warnung. Dies sind keine Handlungen von Menschen, die damit rechnen, in naher Zukunft oder überhaupt an Macht zu verlieren. Sie rasen auf einen Punkt zu, an dem sie es sich nicht mehr leisten können, die Kontrolle über die Mechanismen zu verlieren, die sie nach ihrem Bilde neu gestalten und umgestalten. Was solche Menschen tun werden, wenn sie glauben, dass ein Staatsstreich das geringste Risiko für ihr Vermögen und ihre Macht darstellt, lässt sich nicht vorhersagen."
Archiv: The Atlantic
Stichwörter: Kasparow, Garri

HVG (Ungarn), 27.02.2025

Der Publizist Árpád Tóta W. kommentiert die Neupositionierung der USA, und das shockingly respektlos: "Trumps Auftrag lautet, Amerika wieder groß zu machen und die Interessen Amerikas in den Vordergrund zu stellen. Damit ist er bereits gescheitert. Amerika ist auf dem Weg, der Clown der Welt zu werden, an dem sich schläfrige Diktatoren ihre Stiefel abwischen. Er demütigt die Ukraine, die seit drei Jahren heldenhaft gegen die Russen kämpft - doch Amerika war groß, als es die Supermacht Sowjetunion mit Wettrüsten, Wirtschaft und klug rationierten Waffenlieferungen in Afghanistan demütigte. Mit Kultur. Mit Freiheit. Jetzt tänzelt es wie eine Hilfshyäne um ein zerbombtes kleines Land herum, beugt sich und lässt Russland vor, damit es weiterbomben kann. Ronald Reagan dislikes it. (...) Es ist keine neue Weltordnung, denn im Wahnsinn gibt es kein System. Er ist ein Systemfehler. Die Republikanische Partei ist die erste, die das in Ordnung bringen muss, aber wenn sie es nicht tut, werden die Wähler das übernehmen. Und sie werden es nicht wegen der Ukraine oder der ausbleibenden Unterstützung der freien ungarischen Presse tun, sondern weil Amerika so nicht wieder groß wird. Und das Leben nicht billiger."
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 06.03.2025

Helen Sullivan berichtet über das Leid in den illegalen Goldminen Südafrikas. Im Zentrum der Reportage steht das unbarmherzige Vorgehen des Staates bei den Versuchen, im Rahmen der Aktion "Vala Umgodi" Minenarbeiter aus einem weitläufigen Minensystemen nah der Stadt Stilfonstein zu vertreiben, indem man ihnen den Nachschub an Wasser und Lebensmitteln abschneidet. "Wie Tausende von südafrikanischen Minenschächten wurden auch diese drei Schächte von den Unternehmen, denen sie gehörten, geschlossen, als sie nicht mehr rentabel waren. Sie enthielten zwar noch Gold, aber nicht genug, um die Kosten für den sicheren Abbau zu decken. Der formelle Bergbau in Südafrika wird immer sicherer - 2024 wurde die niedrigste Zahl von Todesfällen in der Geschichte verzeichnet -, aber Lepheana und die anderen waren informelle Bergleute, bekannt als zama-zamas, oder 'try-try' in isiZulu: diejenigen, die ein Risiko eingehen. Südafrika war bis Mitte der 2000er Jahre der größte Goldproduzent der Welt, dann begann ein steiler Niedergang der Branche. Als die Minen geschlossen wurden, wandten sich immer mehr Menschen dem informellen Bergbau zu, ein Trend, der sich mit dem Anstieg des Goldpreises noch beschleunigte. Im Jahr 2016 lag der Wert von Gold bei etwa 1.200 Dollar pro Unze. Heute liegt er bei 2.900 Dollar. Man geht davon aus, dass etwa dreißigtausend Zama-Zamas in mehr als sechstausend verlassenen Minen in Südafrika arbeiten. Die meisten von ihnen sind undokumentierte Migranten aus Mosambik, Lesotho oder Simbabwe. ... Was als 'informeller' Bergbau bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit ein hoch organisiertes, wenn auch extrem gefährliches Geschäft. Viele der stillgelegten Goldminen Südafrikas sind riesige, miteinander verbundene Systeme mit Schächten auf mehreren Ebenen. Einige der Bergleute arbeiten in kleinen Gruppen, aber es gibt auch Hunderte von Teams, die von bewaffneten Banden kontrolliert werden. Die Minenarbeiter verkaufen an die Bandenbosse, die wiederum an die Syndikatsbosse verkaufen, die den Transport des Goldes nach Übersee arrangieren - oft über die Vereinigten Arabischen Emirate oder Indien, die laxe Gesetze für den Goldtransport haben. Gold ist nicht zuletzt deshalb so begehrt, weil es sich nicht zurückverfolgen lässt. Die Wagner-Gruppe, die jetzt im Wesentlichen eine Fassade für den russischen Staat ist, hat seit dem Einmarsch in die Ukraine 2,5 Milliarden Dollar mit dem illegalen Goldabbau verdient."

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Rosemary Hill bespricht ein Buch Anne Higonnets über drei Frauen, deren Kreationen während der Zeit der Französischen Revolution nicht nur die Fashion-Geschichte nachhaltig beeinflussten, sondern auch eine neue Form der Weiblichkeit hervorbrachten. Hill zeichnet entlang des Buches die bewegten Biografien Joséphine Bonapartes, Madame Récamiers und Térézia Talliens nach und geht auf eine der zentralen Modeinnovationen der Revolutionsjahre ein, die mit den vorher dominierenden, einengenden, Korsett-basierten Dreiteilern brachen: "Joséphine und Térézia kombinierten ihr Talent und ihre Erfahrung und entwickelten eine Kleidungsart, die den Körper befreite und die weibliche Figur neu zeichnete. Zwei Jahre später wurde das Ergebnis präsentiert: Ein hoch tailliertes, einteiliges Kleid aus leichtem Stoff, das ohne Reifröcke oder Korsetts getragen wurde und freie Bewegungen ermöglichte, wobei die Konturen von Bein und Hüfte deutlich sichtbar waren. Es war eines der einflussreichsten fashion statements, die je gemacht wurden (...). Das Mutigste daran war seine Konzeption. Es war eine Adaption des Gefängnishemds: Marie-Antoinettes Demütigung auf dem Karren (in dem sie vor ihrer Hinrichtung durch Paris gezogen wurde) wurde zurückgewiesen und neu gedacht als eine Antwort auf Robespierre von den Frauen, die ihn überlebt hatten. Die Verbindung wurde von Térézia in einem Porträt, das sie von sich selbst in Auftrag gab, ausdrücklich dargestellt. Sie ist als Gefangene in La Force zu sehen, ihre abgeschnittene Haarpracht nun ordentlich frisiert, und das grobe Leinenhemd wurde in feinen Musselin verwandelt."

Außerdem: Tom Stevenson widmet sich der Entzifferung der 4 000 Jahre alte Schrift Linear Elamite durch den französischen Archäologen François Desset. John Gallagher liest ein Buch mit dem provozierenden Titel: "'La Langue anglaise n'existe pas': C'est du français mal prononcé" (das hat jedenfalls Clemenceau behauptet). Anne Carson schreibt einen Essay über Hände und Handschrift.

Meduza (Lettland), 03.03.2025

Meduza reist durch die gesamte Ukraine und fragt die Menschen: Könnt ihr an einen Frieden mit Russland glauben? In Charkiw treffen sie auf eine Familie, die ein Theater leitet. "In Charkiw sprachen vor der russischen Invasion etwa 80 Prozent der Einwohner im Alltag Russisch. In Lwiw, wo Varvara vor kurzem zum ersten Mal Urlaub machte, waren es elf Prozent. Lwiw gefiel ihr sehr gut, aber die Einstellung zum Russischen verwirrte sie. 'Wir gingen in ein schickes Opernhaus', erinnert sich Varvara, 'und am Eingang stand [die Aufschrift]: 'Das Gebiet ist frei von der Sprache des Besatzers'.' Ein bisschen hart? Ja. Ist es mir nahe? Nein. Wir geben uns große Mühe, Ukrainisch zu lernen, glauben Sie mir. Aber unter so großem Druck?' Varvara glaubt, dass diese Aufschrift die Freiheit einschränkt: 'Unsere Charkiwer Kinder haben nicht nur Respekt verdient, sondern auch das Recht, die Sprache zu sprechen, die sie für richtig halten. Sie leben weiterhin unter solchen Bedingungen - und damit haben sie bereits ihren Patriotismus bewiesen.'"
Archiv: Meduza

New Yorker (USA), 10.03.2025

Die amerikanischen Ivy League-Universitäten stecken in einer Krise, konstatiert Nathan Heller für den New Yorker, die Auseinandersetzungen über Antisemitismus und Freedom of Speech seit dem 07. Oktober 2023 sind nur das Symptom eines größeren Problems. Nicht erst Donald Trumps zweite Amtszeit macht deutlich, dass eine Universitätsadministration in den USA vor allem ihren Geldgebern gegenüber verpflichtet ist und weniger dem Ideal einer hehren, debattenoffenen Wissenschaft, die Begegnungen zwischen Pro-Israel- und Pro-Palästina-Lagern ermöglicht, statt jegliche politische Betätigung im Keim zu ersticken. Als Nexus des Problems identifiziert Heller die Präsidenten der Unis: "Angestellte an vier unterschiedlichen Institutionen haben mir mitgeteilt, dass Universitätspräsidenten in diesem administrativen Zeitalter kaum für Furchtlosigkeit und Redlichkeit ausgewählt werden. (…) 'Sie sind vorsichtiger geworden', sagte mir ein Professor, 'Ich denke, das liegt an Social Media und daran, dass die Gefahr, sich den Ruf zu schädigen omnipräsent ist.' (…) Unis, die sich damit konfrontiert sehen, ihre Finanzierung zu verlieren, sind gezwungen, sich umso mehr mit Geldgebern und Regierungsbeamten auseinanderzusetzen." Um einen solchen Verwaltungsposten zu übernehmen, kommt es nicht mehr darauf an, sich als Mitglied der Fakultät hochzuarbeiten, sondern darauf, sich möglichst gut zu vernetzen."
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Ivy League, Social Media

Elet es Irodalom (Ungarn), 28.02.2025

Das neue Buch des Schriftstellers, Literaturhistorikers und Verlegers Krisztián Nyári erzählt von der historischen Symbiose der Kaffeehäuser und der Literatur. Im Interview mit Réka Moklovsky spricht er darüber, was sich seitdem verändert hat: "Als um die Jahrtausendwende einige ehemals angesehene Literaturcafés wieder eröffnet wurden, weil es Investoren gab, die das Geld hatten, sie zu renovieren, gab es die Erwartung, dass die frühere Kaffeehaus-Kultur auf einmal wieder aufleben würde, aber das ist aus tausend Gründen nicht geschehen. (…) Dennoch besteht es kein Zweifel, dass diese Orte, insbesondere die neu eröffneten, eine wichtige Funktion haben, vor allem für das literarische Publikum. Die traditionellen Kanäle für dieses Publikum verschwinden, und das Medium, das wir als Kulturpresse bezeichnet haben, ist vor unseren Augen geschrumpft. Es gehört, obgleich es eine breite Masse von Menschen erreichen konnte, der Vergangenheit an; genauer ist es wieder zum Medium einer schmalen Elite geworden. Literarische Sendungen in auflagenstarken Medien wie Fernsehen oder Radio gibt es keine und wenn Schriftsteller zu irgendetwas befragt werden, dann ist es in der Regel nicht die Literatur, sondern die Politik, das öffentliche Leben, aber meistens nicht einmal das. Vor fünfzehn Jahren gab es in jeder Regionalzeitung an den Wochenenden eine Literaturbeilage, (…). Das ist nicht mehr der Fall, und so hat der Literaturbetrieb, vor allem die Verlage, begonnen, fieberhaft nach Ersatzlösungen zu suchen. Dadurch sind diese Treffpunkte entstanden, weil es einfach wieder wichtig wurde, eine Verbindung zwischen Stammlesern und Autoren zu haben."

Merkur (Deutschland), 01.03.2025

Das erste Jahr ohne René Pollesch liegt hinter dem deutschen Theaterbetrieb - und jetzt? Ekkehard Knörer schreibt mit größerer Distanz zum überraschenden Tod des Berliner Theaterlieblings noch einmal über Leben und Werk, zeichnet Linien der Arbeitsweisen nach, die von Polleschs frühen Studientagen bis in die Gegenwart seiner letzten Inszenierungen führen. Aber Ausblick? So einen wie Pollesch gab es vielleicht wirklich nur einmal. "Ein Jahr nach seinem Tod laufen die letzten Pollesch-Inszenierungen an der noch immer intendanzlosen Volksbühne mit großem Erfolg weiter. Aber die im Theater immer virulente Frage, was - außer Erinnerungen, Kritiken und Aufzeichnungen - bleibt, ist in Polleschs Fall besonders interessant. Sein Werk liegt in einer recht einzigartig mittleren Lage zwischen einer Kunst, die mit ihrer Performance für immer vergeht und sich gegen jede Wiederholbarkeit sperrt, und einer Dramatik, die auf Texten basiert, die sich immer neu aufführen lassen. (Dass das bei zeitgenössischen Stücken eher selten passiert, steht auf einem anderen Blatt.) Nun gibt es bei Pollesch zweifellos Texte, sie sind zum nicht geringen Teil in Büchern gedruckt. Weil diese Texte im konkreten Kontext ihrer Erarbeitung mit den jeweiligen Partnerinnen und Partnern entstanden, weil sie für ihn eher Zeugnis und Halbzeug als aus ihren Kontexten lösbares Stück und damit Vorlage für weitere Aufführungen waren, hat Pollesch die Rechte zur Inszenierung oder Reinszenierung (mit wenigen Ausnahmen) aber nicht freigegeben. Es ist, auch wenn von einer testamentarischen Verfügung nichts bekannt ist, nicht davon auszugehen, dass sich an dieser Rechtslage mit seinem Tod etwas ändert. Pollesch, seine Texte, seine Inszenierungen bleiben dadurch mutmaßlich für immer an ihre Zeit, ihren Kontext und ihren Autor gefesselt."
Archiv: Merkur

New York Times (USA), 24.02.2025

David Leonhardt, "Senior Writer" der New York Times hat sich auf Migrationsthemen spezialisiert. Für eine sehr lange Magazin-Reportage besucht er Dänemark, wo er auch mit der Premierministerin Mette Frederiksen spricht. Sie ist bekanntlich Sozialdemokratin und hat es geschafft, mit einer rigiden Migrationspolitik die Rechtspopulisten in die Schranken zu weisen. Leonhardt stimmt ihr im wesentlichen zu: Sie habe nicht wirklich sozialdemokratische Prinzipien aufgegeben. Sie höre nur nicht mehr auf die Einflüsterungen der "Brahmanen-Linken", die in einer Allianz mit dem Neoliberalismus zu liberal in der Migrationspolitik waren. "Sie kam immer wieder auf die Idee zurück, dass die Sozialdemokraten ihre Position nicht aus taktischen Gründen geändert haben, sondern aus Prinzip. Sie glauben, dass eine hohe Einwanderung zu wirtschaftlicher Ungleichheit führt und dass sich Progressive vor allem um die Verbesserung der Lebensbedingungen der schwächsten Mitglieder ihrer eigenen Gesellschaft kümmern sollten." Hyggelichkeit ist also die Leitlinie: soziales Denken ja, aber für die Hiesigen (was die anwesenden Bürger mit Migrationshintergrund einschließt). Man müsse übrigens sehen, dass Migranten heute nicht mehr aus schierer Not kämen, es sei gerade das Gegenteil der Fall: "Migration in ein neues Land erfordert Ressourcen, die den Ärmsten der Armen fehlen. Heutzutage haben viel mehr Menschen das Geld und die Fähigkeiten, wie zum Beispiel die Lese- und Schreibfähigkeit, um die Reise anzutreten, als früher. Moderne Autobahnen und Fluggesellschaften sind ebenfalls ein Faktor. Ebenso wie die sozialen Medien. TikTok-Videos von Migranten und Schmugglern geben Tipps, wie man die Reise durch Mittelamerika oder über das Mittelmeer antreten kann. Sobald die Menschen in einem neuen Land angekommen sind, können sie ihre Verwandten und Freunde über WhatsApp ermutigen, es ebenfalls zu versuchen."
Archiv: New York Times