Magazinrundschau

Die Mutter der Schönheit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
24.09.2024. 2045 - dann verschmelzen unsere neuronalen Netzwerke mit denen der Maschinen und wir werden unsterblich, lernt New Republic von KI-Pionier Ray Kurzweil. Inzwischen streben China und Russland eine Feudalisierung der Welt an, warnt Desk Russie. Der Guardian berichtet über die illegalen Geschäfte des französischen Baukonzerns Lafarge mit dem IS. Der New Yorker blickt mit dem italienischen Priester Luigi Ciotti und der Mafia in ein Glas Säure.

New Republic (USA), 23.09.2024

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Wie die besten Futuristen war Ray Kurzweil immer beides: Botschafter und aktiver Erfinder, der 61 seiner 76 Lebensjahre an der Entwicklung von KI gearbeitet hat, schreibt Alexander Zaitchik, der in seinem ausführlichen Artikel Kurzweils Weg bis hin zu seinem neuen Buch "The Singularity Is Nearer" (auf Deutsch: Die nächste Stufe der Evolution"). Darin bekräftigt er seine alte These, dass wir kurz davor stehen, menschliche und künstliche Intelligenz zu verschmelzen, was er als "Singularität" bezeichnet. Unsterblichkeit ist das Ziel, 2045 soll es soweit sein. Es ist nicht so leicht, darüber zu lachen, wenn man sieht, wie oft Kurzweil mit seinen Vorhersagen ins Schwarze traf. Dass seine "Idee einer siliziumverstärkten, cloudbasierten menschlichen Selbstverwirklichung die Antithese des Humanismus ist", stört Kurzweil nicht, notiert Zaitchik. "Er kann mit der seiner Meinung nach antiquierten Kritik an der Technologie ebenso wenig anfangen wie mit romantischen Oden an die Sterblichkeit. Für ihn ist der Tod nicht die Mutter der Schönheit, wie Wallace Stevens schrieb, sondern ihre Nemesis." Auch "dass die wohlhabenden Staaten und Individuen, die die Vervielfältigung menschlicher Gehirne finanzieren, möglicherweise auch ihre eigene Macht vervielfältigen und festigen wollen - indem sie exponentielle Raten des technologischen Fortschritts einsetzen, um eine exponentielle Ausweitung der sozialen Kontrolle zu erreichen - beunruhigt ihn nicht sonderlich." Auch die Unsterblichkeit macht Fortschritte, lesen wir. "Im Mai veröffentlichte Alphabets Firma DeepMind eine aktualisierte Version für bioglogische Vorhersagen, die dynamische Modelle von Millionen von DNA- und RNA-Molekülen erstellt. Zu verstehen, wie sich diese Proteine falten, bringt die Medizin der Vorbeugung degenerativer Krankheiten näher. Es passt auch zu Kurzweils Vorhersage, dass wir in diesem Jahrzehnt die 'Fluchtgeschwindigkeit der Langlebigkeit' erreichen werden - für jedes verlorene Jahr gewinnen wir mehr als ein Lebensjahr hinzu. Wenn es um diese Front der Singularität, die Exponentialkurve des medizinischen Fortschritts, geht, nimmt Kurzweil die Verteidiger von Krankheit und Tod gerne mit einer transhumanistischen Version des Atheisten aufs Korn. Wenn es hart auf hart kommt und man die Wahl hat, zieht die große Mehrheit der Menschen, die nicht unter unerträglichen Schmerzen leiden, das Leben vor, behauptet er. 'Warum', fragt er, 'würde sich jemand für den Tod entscheiden?' Im Gegensatz zur Natur des Bewusstseins ist dies ein Aspekt der Singularität, von dem ich vermute, dass viele von Kurzweils schärfsten Kritikern ihn gerne, wenn auch nur heimlich, testen würden."
Archiv: New Republic

OVD Info (Russland), 26.07.2024

Die russisch-orthodoxe Kirche hat sich unter dem Patriarchen Kyrill ganz dem "Heiligen Krieg" gegen die Ukraine verschrieben, Priester, die gegen den Krieg sind, müssen mit Sanktionen rechnen oder fliehen ins Ausland. Marina Majja-Gowsman spricht für OVD-Info (hier mehr Informationen und die deutsche Übersetzung bei Dekoder) mit einigen von ihnen. "'Ganz zu Beginn haben wir noch nicht verstanden, was vor sich geht. Es gab ja keine massenhafte Verfolgung von Priester'", sagt der Priester Walerian. "'Dass wegen der Haltung gegen den Krieg Verbote ausgesprochen werden, Gottesdienst zu feiern oder die Priesterwürde entzogen wird, hatte noch nicht begonnen. Das begann alles 2023. Anfangs gab es spontanen Protest von Priestern, die sagten, dass der Krieg den Geboten, der Heiligen Schrift und dem Willen Gottes widerspreche. Es sei Frevel und Gotteslästerung, den Krieg mit geistlichen Begründungen zu rechtfertigen. Es gibt Menschen, die einen Krieg begonnen haben, und es gibt einen Staat, der den Krieg entfesselt hat. Es gibt Fakten, die das belegen. Was soll man mit Menschen tun, die die Fakten leugnen? Für sie beten, weil sie fehl gegangen sind und der Lüge folgen.'"
Archiv: OVD Info

Osteuropa (Deutschland), 23.09.2024

Russlands Verfassungsgericht hat auf Antrag des Justizministeriums am 7. Juni 2024 eine angebliche "Antirussländische separatistische Bewegung" als "extremistisch" eingestuft, zu der auch die Zeitschrift Osteuropa gehören soll, wie die beiden Chefredakteure  Manfred Sapper, Volker Weichsel in ihrem Editorial zum neuen Heft schreiben. Zwar gibt es so eine Bewegung nicht, aber einfach abtun kann man die Sache auch nicht, erklären die beiden: "Einige unserer Autorinnen und Autoren stellten daraufhin ihre Zusammenarbeit ein. Die Einstufung der DGO als 'extremistische Organisation' hat eine neue Qualität. Sie kann für manche Leute zu einer existenziellen Gefahr werden. Wer nun mit der DGO und Osteuropa zusammenarbeitet, begeht nach russländischem Recht eine Straftat und kann mit mehrjähriger Haft belegt werden."

Der Historiker Johannes Rohr stellt im Interview mit Osteuropa fest, dass die Liste auch eine Reihe indigener kleiner Völker des Nordens umfasst, die manchmal nur ein paar Dutzend Menschen umfassen. "Möglicherweise spielt es eine Rolle, dass Russland der Arktis eine strategische und ökonomische Bedeutung beimisst. Oder dass die kleinen Völker des Nordens international als indigene Völker und somit als Träger von Kollektivrechten, insbesondere des Rechts auf Selbstbestimmung, in Erscheinung getreten sind. In jedem Fall ist der Vorgang ein Grund zu großer Sorge. Zustandegekommen ist die Liste vermutlich auf die übliche Art und Weise: Von oben kommt der Auftrag, eine bestimmte Anzahl von 'Volksfeinden' zu identifizieren. Vermutlich waren es hier 50, und da in Russland eine Übererfüllung der Quote so selbstverständlich erwartet wird, wie in den USA das Trinkgeld, wurden zehn Prozent draufgeschlagen."
Archiv: Osteuropa

Desk Russie (Frankreich), 23.09.2024

"Die Vorstellung, dass sich Russlands Kriegsziele auf ein neues 'Noworossija' (die Bezeichnung für die von Katharina II. eroberten Gebiete) beschränken, d. h. auf den Osten und Süden der Ukraine von Charkiw bis Odessa, ist nicht haltbar" und naiv, hält Jean-François Bouthors fest. Um zu verstehen, was im Falle einer Niederlage der Ukraine passieren wird, müssen westliche Politiker endlich beginnen, die Absichten Putins in einen globalen Kontext zu stellen und auch die Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges ernst nehmen. Denn Putin und Xi Jinping verfolgen strategisch nichts geringeres als eine "Feudalisierung der Welt", meint Bouthors: "Was Putin und Xi Jinping tun - wobei ersterer für letzteren weitgehend die Kastanien aus dem Feuer holt - ist ein strategischer Paradigmenwechsel. Sie haben gewissermaßen die machiavellistischen Lehren aus der Globalisierung gezogen, indem sie die Konfrontation zwischen den Mächten nicht mehr lokal, sondern systemisch denken. Die USA sehen sich noch immer als Führungsmacht und sind weitgehend auf die Herausforderung durch China fokussiert, ohne zu verstehen, dass diese nur durch eine breitere Sicht auf das geopolitische Spiel überwunden werden kann. Die Europäer stammeln noch immer von einer gemeinsamen Außenpolitik, während die Verteidigung in der Zuständigkeit der einzelnen EU-Mitgliedstaaten verbleibt, so dass auch sie hinter den Auswirkungen der Globalisierung zurückbleiben, die sie nur unter wirtschaftlichen - und im Gegensatz zu den Amerikanern nicht einmal unter technologischen - Gesichtspunkten betrachtet haben. ... Die westlichen Politiker und viele unserer diplomatischen Analysten sind also noch nicht auf dem Laufenden über diesen Wandel, der jedoch nicht aus dem Nichts kommt: Schon die Sowjetunion praktizierte auf dem ganzen Planeten allgemein destabilisierende Operationen, und Putin übernimmt, reaktiviert und erweitert das, was er tat, als er in den 1970er Jahren in den KGB eintrat. Neu ist unter dem wachsenden Einfluss Pekings, wo die Geopolitik wie ein riesiges Go-Spiel gedacht wird, die Systematisierung von Allianzen und Partnerschaften und vor allem die Koordination von Opportunismen. Dies ist umso leichter, wenn nicht-demokratische Akteure zum Spiel eingeladen werden, deren Entscheidungen in sehr kleinen Zirkeln getroffen werden. Eine solche Situation ist natürlich eine der Auswirkungen der Globalisierung und der technischen Hilfsmittel, die sie möglich gemacht haben. Hinter diesem Paradigmenwechsel ist es nicht schwer zu erkennen, dass sich das Projekt einer Feudalisierung der Welt abzeichnet, die Peking als Oberherr und Moskau als erster Vasall beherrschen wollen."

Auch Mykola Riabtchouk beschäftigt sich mit dem verhängnisvollen Zögern des Westens bei der Hilfe für die Ukraine, das vor allem einen Grund hat: Die Angst vor einem Atomschlag. Dass dieser erfolgt, ist indes höchst unwahrscheinlich, hält Riabtchouk fest, denn erstens würde Putin eine solche Eskalation nicht viel nützen und wäre strategisch unratsam. Putin sei "weder verrückt genug, um Selbstmord zu begehen (wie seine außergewöhnlichen Vorsichtsmaßnahmen während der Covid-Pandemie beweisen), noch ist er so dreist und mutig, wie er vorgibt zu sein (man denke nur an seine schüchterne Reaktion auf verschiedene Krisen und Herausforderungen). Und natürlich kann selbst ein selbstmörderischer Anführer nicht allein eine globale Apokalypse auslösen, da er mindestens mehrere ebenso selbstmörderische Vollstrecker braucht." Allerdings benötigten die meisten Menschen "in Situationen wie dieser eine 100-prozentige Gewissheit, dass es zu keinem Atomkrieg kommt, und nicht eine 99-prozentige oder 99,999-prozentige Gewissheit. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, dies zu erreichen. Ein Weg, den der Westen heute weitgehend verfolgt, besteht darin, den Tyrannen zu besänftigen und auf seine dreisten Forderungen zu reagieren. Die andere Möglichkeit besteht darin, den Spieß umzudrehen und den Erpresser zu zwingen, die roten Linien zu respektieren und selbst eine mögliche Eskalation zu befürchten. Wie Stephen Blank scharfsinnig feststellt, ermöglicht das Fehlen einer westlichen Strategie 'Putin, die eskalierende Dominanz und damit einen Großteil der strategischen Initiative zu behalten."
Archiv: Desk Russie

Guardian (UK), 24.09.2024

Samanth Subramanian beschäftigt sich noch einmal mit dem Skandal un den französischen Konzern Lafarge, der in Syrien 2013 bis 2014 allen Boykotten zum Trotz mit dem IS Geschäfte machte. Konkret flossen Bestechungsgelder, die es der Firma ermöglichten, Zement im Land zu verkaufen und unliebsame Konkurrenten auszuschalten. Derzeit untersucht ein französisches Gericht, ob die Firma sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat zuschulden kommen lassen - ein Schuldspruch würde in juristisches Neuland führen. Subramanian rekonstruiert, wie eng die Verstrickung des Konzerns in die Ökonomie des IS tatsächlich war: "Nachdem der IS im Januar 2014 Raqqa erobert hatte, fielen große Teile des Gebiets um Jalabiya unter seine Kontrolle. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lafarge bereits begonnen, Kraftstoff und Rohstoffe von vom IS genehmigten Lieferanten und Steinbrüchen zu kaufen. (Eine der E-Mails an Lafarge kam, laut Signatur, vom 'Emir des Investitionsbüros des Islamischen Staates im Irak und Sham'.) Zu den monatlichen Zahlungen fügte Lafarge eine 'Umsatzbeteiligung' hinzu, die auch die Zahlung an den IS für jede verkaufte Tonne Zement beinhaltete - ein Anreiz für die Milizen, den Weg des Zements zu den Kunden zu erleichtern. Im Mai 2014 schlug der IS vor, den Import von türkischem Zement vollständig zu stoppen, und fragte Lafarge, was dabei für sie herausspringen könnte. In einer E-Mail legte (Lafarges damaliger Syrien-Chef) Pescheux das Geschäftskonzept dar: Eine hohe Abgabe auf türkische Importe würde nicht nur eine neue Einnahmequelle für den IS schaffen, sondern auch die Verkäufe von Lafarge steigern - und damit auch die an den IS zu zahlenden Gebühren. Lafarge lockte den IS mit einem Anteil an den Firmengewinnen. In einer internen E-Mail im Juli 2014 schrieb Christian Herrault, Lafarges Executive Vice President of Operations mit Sitz in Paris: 'Wir müssen das Prinzip beibehalten, dass wir bereit sind, den 'Kuchen' zu teilen, wenn es einen 'Kuchen' gibt."
Archiv: Guardian

HVG (Ungarn), 19.09.2024

Die Übersetzerin Ágnes Tótfalusi spricht im Interview mit Tamás Ligeti Nagy anlässlich des anstehenden Internationalen Buchfestivals in Budapest über ihren Beruf: "Ich sage normalerweise nicht, dass ich eine literarische Übersetzerin bin. Normalerweise sage ich nur, dass ich Übersetzerin bin. Es gibt alle Arten von Übersetzern, Fachübersetzer, Sprachdolmetscher und viele andere. Es gibt keine Hierarchie oder Rangordnung, jeder unterstützt auf seine Weise diejenigen, die die jeweilige Fremdsprache nicht beherrschen. (…) Ich nenne es Fließband-Bildhauerei. Es ist definitiv eine kreative Kunst, aber weil es ein sehr schlecht bezahlter Beruf ist, übertreiben es viele von uns, und manchmal geht das leider auf Kosten der Qualität. Oder man verpasst immer wieder die gesetzten Abgabetermine - so wie ich. (…) Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, dass wir Übersetzer den Schriftsteller besser kennen als sein Ehepartner, besser als er sich selbst kennt. Wir müssen uns so oft in seine Sätze vertiefen, sie drehen, sie so oft anschauen, dass eine enge Beziehung entsteht."
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 26.09.2024

Das Editorial Board wirft anlässlich des Todes des marxistischen Literaturwissenschaftlers und Philosophen Frederic Jameson einen Blick ins eigene Archiv, das zahlreiche Jameson-Texte enthält. Zur Lektüre empfohlen wird unter anderem ein Beitrag aus dem Jahr 2012 zu creative-writing-Programmen an amerikanischen Universitäten, beziehungsweise - bei Jameson geht es schließlich selten nur um ein Thema gleichzeitig - zum Selbstverständis amerikanischer Intellektueller: "Moderne amerikanische Schriftsteller wollten sich immer als unschuldig betrachten, was das künstliche Ergänzungsmittel zum wirklichen Leben betrifft, das die Hochschulbildung allgemein, vor allem aber die creative-writing-Kurse darstellen. Diejenigen, die schreiben können, tun es; die, die es nicht können, unterrichten. Man denke an die Lobreden europäischer Intellektueller wie Sartre und Beauvoir auf die großen amerikanischen Schriftsteller, die nicht lehrten, nicht zur Schule gingen, sondern als Lastwagenfahrer, Barkeeper, Nachtwächter, Hafenarbeiter und alles Mögliche arbeiteten, nur nicht als Intellektuelle, während sie 'den ständigen Strom von Menschen über einen ganzen Kontinent hinweg, den Exodus eines gesamten Dorfes zu den Obstplantagen Kaliforniens' und so weiter festhielten. Es gibt das Reale, und dann gibt es die Universität; und natürlich ist die Universität in einem bestimmten Sinne (dem besten Sinne) ein großer Urlaub, der dem echten Leben vorausgeht - Geldverdienen, eine Familie gründen, sich unlösbar in der Gesellschaft und ihren Institutionen verankert zu finden. Der Campus ist irgendwie exterritorial; und das Leben der Studenten ist ein Leben der Freiheit (sofern sie es nicht opfern müssen, um die Studiengebühren aufzubringen)  - Freiheit von Ideologie (Klasseninteressen haben sich noch nicht wie ein eisernes Gefängnis um einen geschlossen), Freiheit der Entdeckung - Sexualität, Kultur, Ideen - und in einem subtileren Sinne vielleicht Freiheit von Nationalität, von der Schuld der Klasse und davon, Amerikaner zu sein."

Außerdem: Mark Ford liest die Briefe des Dichters Wilfred Owen von der Westfront im Ersten Weltkrieg. Joanna Biggs liest Sally Rooneys neuen Roman "Intermezzo". T.J. Clark liest die Fanon-Biografie von Adam Shatz. Irina Dumitrescu besucht die Ausstellung "Welterbe des Mittelalters. 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau" im Badischen Landesmuseum.

Elet es Irodalom (Ungarn), 20.09.2024

Wer braucht schon Medaillen, fragt der Sprachwissenschaftler István Kenesei und beklagt die falsch gesetzten Prioritäten in der Finanzierung des ungarischen Haushalts zulasten von Bildung, Forschung und Kultur. "Soeben wurden die neuesten Ergebnisse der Förderung durch den Europäischen Forschungsrat (ERC) veröffentlicht. Die gute Nachricht ist, dass sich darunter vier ungarische Stipendiaten befinden. Die schlechte Nachricht ist, dass keiner von ihnen seine Forschungsergebnisse in eine ungarische Einrichtung einbringen wird. Obwohl sie ihren Abschluss in Ungarn gemacht haben, sind sie jetzt alle im Ausland und werden dort bleiben. Von den 494 Grants, die mit 780 Millionen Euro finanziert wurden, ist kein einziges aus Ungarn. (…) Finnland hat bei den Olympischen Spielen in Paris keine einzige Medaille gewonnen, jedoch 18 ERC-Stipendien zugesprochen bekommen (bei halb so großer Bevölkerung wie Ungarn). Da stelle ich mir die - zugegebenermaßen egoistische, sogar demagogische - Frage: Was bringt die Welt weiter, ein um eine Hundertstelsekunde verbessertes Sprintergebnis oder ein mRNA-basierter Krebsimpfstoff? Ein millionenteures Leichtathletikstadion, das irgendwo im Lande verstaubt, oder ein landwirtschaftliches Forschungslabor, das die Getreideproduktion auf Dürrezeiten vorbereitet? Bereits jetzt läuft die neue Olympia-Kampagne, um den einstigen Plan von Genosse Rákosi, der die Spiele 1960 nach Budapest holen wollte, bis 2036 endlich zu verwirklichen. Damals wusste man allerdings noch nicht, dass ein Land wie Ungarn im Falle einer Durchführung den Bankrott riskieren würde, wie die Olympischen Spiele 2004 in Athen gezeigt haben."

Blätter f. dt. u. int. Politik (Deutschland), 01.09.2024

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Es ist zwar nur ein Auszug aus Maximilian Steinbeis' neuestem Buch "Die verwundbare Demokratie", aber der Text ist von so brennender Aktualität, dass hier ausdrücklich auf den Vorabdruck der Blätter hingewiesen sei. Steinbeis hat mit seinem Verfassungsblog schon sehr frühzeitig darauf hingewiesen, wie Rechtspopulisten, wenn sie nur ein Zipfelchen Macht erringen, demokratische Institutionen aushöhlen. Steven Levitsky und Daniel Ziblatt hatten es zuerst in ihrem epochalen Buch "Wie Demokratien sterben - Und was wir dagegen tun können" beschrieben, auf das Steinbeis sich auch bezieht - und die rechtspopulistischen Regierungen in Ungarn und Polen hatten es vorgemacht. Steinbeis' Text ist noch vor den Wahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg geschrieben, aber er wittert, dass die AfD in Thüringen und Brandenburg ein Drittel der Sitze erlangen würden - und damit alle Entscheidungen der Landesparlamente blockieren können, die eine Zweidrittelmehrheit erfordern würden. Welche eine zerstörerische Macht Höcke jetzt schon hat, zeigt sich in einer Passage über die Parlamentarische Kontrollkommission in Thüringen: "Dieses fünfköpfige Gremium hat laut Verfassung für den Landtag die Tätigkeit des Landesamts für Verfassungsschutz zu überwachen. Der Inlandsgeheimdienst muss alle Informationen geben, die sie von ihm anfordert. Die Mitglieder der Kommission sind zwar zur Geheimhaltung verpflichtet, dürfen aber ihren Fraktionsvorsitzenden - das wäre im Fall der AfD dann wohl Björn Höcke - über die 'wesentlichen Inhalte der Beratungen unterrichten'. Mit anderen Worten: Wenn die AfD in diesem Gremium säße, dann wüsste eine vom Verfassungsschutz beobachtete und als gesichert rechtsextrem eingestufte Organisation, was der Verfassungsschutz in Thüringen über sie und überhaupt über die rechte Szene in Thüringen weiß."

New Yorker (USA), 23.09.2024

Der italienische Priester Luigi Ciotti hat sein Leben dem Kampf gegen die Mafia gewidmet, D.T. Max hat ihn und seine Organisation Libera besucht, die sich die Aufgabe gegeben hat, Frauen aus Mafiafamilien den Ausstieg zu ermöglichen. Eine von ihnen ist L.. Sie lernt ihren Mann mit vierzehn kennen und wird mit fünfzehn Mutter. Schnell hält Gewalt Einzug in die Beziehung, erfahren wir. Als er wegen seiner Tätigkeiten in der Mafia verhaftet wird, flieht sie: "Nach Ciottis Meinung unternimmt die italienische Regierung nicht genug, um Frauen wie L. zu schützen. Männer in der Mafia stellen für gewöhnlich sicher, dass sie ihre illegalen Geschäft außerhalb der Hörweite ihrer Familie besprechen, sodass Frauen wie L. meistens niemals direkt Zeuginnen der Verbrechen werden - so können sie nicht ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden. Weil sie dem Staat nicht helfen können, hilft der Staat ihnen nicht. Trotzdem war L. in unmittelbarer Gefahr. Die Frauen von Mafiosi, die ihre Familien verlassen, werden als Verräterinnen gesehen und manche werden ermordet. Die dreizehnjährige Maria Concetta Cacciola wurde mit einem Mafiamitglied verheiratet, ihre Eltern waren ebenfalls in der 'Ndrangheta involviert. 2011 floh sie schließlich aus Calabrien in Richtung Norditalien und ließ ihre drei Kinder zurück. Cacciolas Mutter hat sie mit den Kindern als Druckmittel nach Hause gelockt. Weniger als zwei Wochen darauf haben ihre Eltern sie in den Keller gerufen, wo ein Gefäß mit Säure stand. Höchstwahrscheinlich wurde sie gezwungen, die Säure zu trinken - eine der Strafen der Mafia für Verräter. Cacciola wurde im Krankenhaus für tot erklärt; ihr Vater erzählte der Polizei, sie sei durch Suizid zu Tode gekommen."

Rebecca Mead isst im Kopenhagener Restaurant Alchimist rohe Quallen und gefriergetrocknetes Lammhirn in einer Schädelattrappe, während an der Decke Videos über den Klimawandel laufen, yummy! Daniel Alarcon stellt den kolumbianischen Komponisten und Musiker Eblis Alvarez vor. Louis Menand liest einige neue Bücher, die die Verfassung der USA in Frage stellen. Jia Tolentino hört Musik der verstorbenen Sängerin Sophie. Lesen dürfen wir außerdem eine Kurzgeschichte von Allegra Goodman und Aufzeichnungen des Neurologen Oliver Sacks über Patienten, die an der europäischen Schlafkrankheit litten.
Archiv: New Yorker