Magazinrundschau
Die Mutter der Schönheit
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
24.09.2024. 2045 - dann verschmelzen unsere neuronalen Netzwerke mit denen der Maschinen und wir werden unsterblich, lernt New Republic von KI-Pionier Ray Kurzweil. Inzwischen streben China und Russland eine Feudalisierung der Welt an, warnt Desk Russie. Der Guardian berichtet über die illegalen Geschäfte des französischen Baukonzerns Lafarge mit dem IS. Der New Yorker blickt mit dem italienischen Priester Luigi Ciotti und der Mafia in ein Glas Säure.
New Republic (USA), 23.09.2024

OVD Info (Russland), 26.07.2024
Die russisch-orthodoxe Kirche hat sich unter dem Patriarchen Kyrill ganz dem "Heiligen Krieg" gegen die Ukraine verschrieben, Priester, die gegen den Krieg sind, müssen mit Sanktionen rechnen oder fliehen ins Ausland. Marina Majja-Gowsman spricht für OVD-Info (hier mehr Informationen und die deutsche Übersetzung bei Dekoder) mit einigen von ihnen. "'Ganz zu Beginn haben wir noch nicht verstanden, was vor sich geht. Es gab ja keine massenhafte Verfolgung von Priester'", sagt der Priester Walerian. "'Dass wegen der Haltung gegen den Krieg Verbote ausgesprochen werden, Gottesdienst zu feiern oder die Priesterwürde entzogen wird, hatte noch nicht begonnen. Das begann alles 2023. Anfangs gab es spontanen Protest von Priestern, die sagten, dass der Krieg den Geboten, der Heiligen Schrift und dem Willen Gottes widerspreche. Es sei Frevel und Gotteslästerung, den Krieg mit geistlichen Begründungen zu rechtfertigen. Es gibt Menschen, die einen Krieg begonnen haben, und es gibt einen Staat, der den Krieg entfesselt hat. Es gibt Fakten, die das belegen. Was soll man mit Menschen tun, die die Fakten leugnen? Für sie beten, weil sie fehl gegangen sind und der Lüge folgen.'"Osteuropa (Deutschland), 23.09.2024
Russlands Verfassungsgericht hat auf Antrag des Justizministeriums am 7. Juni 2024 eine angebliche "Antirussländische separatistische Bewegung" als "extremistisch" eingestuft, zu der auch die Zeitschrift Osteuropa gehören soll, wie die beiden Chefredakteure Manfred Sapper, Volker Weichsel in ihrem Editorial zum neuen Heft schreiben. Zwar gibt es so eine Bewegung nicht, aber einfach abtun kann man die Sache auch nicht, erklären die beiden: "Einige unserer Autorinnen und Autoren stellten daraufhin ihre Zusammenarbeit ein. Die Einstufung der DGO als 'extremistische Organisation' hat eine neue Qualität. Sie kann für manche Leute zu einer existenziellen Gefahr werden. Wer nun mit der DGO und Osteuropa zusammenarbeitet, begeht nach russländischem Recht eine Straftat und kann mit mehrjähriger Haft belegt werden."Der Historiker Johannes Rohr stellt im Interview mit Osteuropa fest, dass die Liste auch eine Reihe indigener kleiner Völker des Nordens umfasst, die manchmal nur ein paar Dutzend Menschen umfassen. "Möglicherweise spielt es eine Rolle, dass Russland der Arktis eine strategische und ökonomische Bedeutung beimisst. Oder dass die kleinen Völker des Nordens international als indigene Völker und somit als Träger von Kollektivrechten, insbesondere des Rechts auf Selbstbestimmung, in Erscheinung getreten sind. In jedem Fall ist der Vorgang ein Grund zu großer Sorge. Zustandegekommen ist die Liste vermutlich auf die übliche Art und Weise: Von oben kommt der Auftrag, eine bestimmte Anzahl von 'Volksfeinden' zu identifizieren. Vermutlich waren es hier 50, und da in Russland eine Übererfüllung der Quote so selbstverständlich erwartet wird, wie in den USA das Trinkgeld, wurden zehn Prozent draufgeschlagen."
Desk Russie (Frankreich), 23.09.2024
"Die Vorstellung, dass sich Russlands Kriegsziele auf ein neues 'Noworossija' (die Bezeichnung für die von Katharina II. eroberten Gebiete) beschränken, d. h. auf den Osten und Süden der Ukraine von Charkiw bis Odessa, ist nicht haltbar" und naiv, hält Jean-François Bouthors fest. Um zu verstehen, was im Falle einer Niederlage der Ukraine passieren wird, müssen westliche Politiker endlich beginnen, die Absichten Putins in einen globalen Kontext zu stellen und auch die Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges ernst nehmen. Denn Putin und Xi Jinping verfolgen strategisch nichts geringeres als eine "Feudalisierung der Welt", meint Bouthors: "Was Putin und Xi Jinping tun - wobei ersterer für letzteren weitgehend die Kastanien aus dem Feuer holt - ist ein strategischer Paradigmenwechsel. Sie haben gewissermaßen die machiavellistischen Lehren aus der Globalisierung gezogen, indem sie die Konfrontation zwischen den Mächten nicht mehr lokal, sondern systemisch denken. Die USA sehen sich noch immer als Führungsmacht und sind weitgehend auf die Herausforderung durch China fokussiert, ohne zu verstehen, dass diese nur durch eine breitere Sicht auf das geopolitische Spiel überwunden werden kann. Die Europäer stammeln noch immer von einer gemeinsamen Außenpolitik, während die Verteidigung in der Zuständigkeit der einzelnen EU-Mitgliedstaaten verbleibt, so dass auch sie hinter den Auswirkungen der Globalisierung zurückbleiben, die sie nur unter wirtschaftlichen - und im Gegensatz zu den Amerikanern nicht einmal unter technologischen - Gesichtspunkten betrachtet haben. ... Die westlichen Politiker und viele unserer diplomatischen Analysten sind also noch nicht auf dem Laufenden über diesen Wandel, der jedoch nicht aus dem Nichts kommt: Schon die Sowjetunion praktizierte auf dem ganzen Planeten allgemein destabilisierende Operationen, und Putin übernimmt, reaktiviert und erweitert das, was er tat, als er in den 1970er Jahren in den KGB eintrat. Neu ist unter dem wachsenden Einfluss Pekings, wo die Geopolitik wie ein riesiges Go-Spiel gedacht wird, die Systematisierung von Allianzen und Partnerschaften und vor allem die Koordination von Opportunismen. Dies ist umso leichter, wenn nicht-demokratische Akteure zum Spiel eingeladen werden, deren Entscheidungen in sehr kleinen Zirkeln getroffen werden. Eine solche Situation ist natürlich eine der Auswirkungen der Globalisierung und der technischen Hilfsmittel, die sie möglich gemacht haben. Hinter diesem Paradigmenwechsel ist es nicht schwer zu erkennen, dass sich das Projekt einer Feudalisierung der Welt abzeichnet, die Peking als Oberherr und Moskau als erster Vasall beherrschen wollen."Auch Mykola Riabtchouk beschäftigt sich mit dem verhängnisvollen Zögern des Westens bei der Hilfe für die Ukraine, das vor allem einen Grund hat: Die Angst vor einem Atomschlag. Dass dieser erfolgt, ist indes höchst unwahrscheinlich, hält Riabtchouk fest, denn erstens würde Putin eine solche Eskalation nicht viel nützen und wäre strategisch unratsam. Putin sei "weder verrückt genug, um Selbstmord zu begehen (wie seine außergewöhnlichen Vorsichtsmaßnahmen während der Covid-Pandemie beweisen), noch ist er so dreist und mutig, wie er vorgibt zu sein (man denke nur an seine schüchterne Reaktion auf verschiedene Krisen und Herausforderungen). Und natürlich kann selbst ein selbstmörderischer Anführer nicht allein eine globale Apokalypse auslösen, da er mindestens mehrere ebenso selbstmörderische Vollstrecker braucht." Allerdings benötigten die meisten Menschen "in Situationen wie dieser eine 100-prozentige Gewissheit, dass es zu keinem Atomkrieg kommt, und nicht eine 99-prozentige oder 99,999-prozentige Gewissheit. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, dies zu erreichen. Ein Weg, den der Westen heute weitgehend verfolgt, besteht darin, den Tyrannen zu besänftigen und auf seine dreisten Forderungen zu reagieren. Die andere Möglichkeit besteht darin, den Spieß umzudrehen und den Erpresser zu zwingen, die roten Linien zu respektieren und selbst eine mögliche Eskalation zu befürchten. Wie Stephen Blank scharfsinnig feststellt, ermöglicht das Fehlen einer westlichen Strategie 'Putin, die eskalierende Dominanz und damit einen Großteil der strategischen Initiative zu behalten."
Guardian (UK), 24.09.2024
HVG (Ungarn), 19.09.2024
Die Übersetzerin Ágnes Tótfalusi spricht im Interview mit Tamás Ligeti Nagy anlässlich des anstehenden Internationalen Buchfestivals in Budapest über ihren Beruf: "Ich sage normalerweise nicht, dass ich eine literarische Übersetzerin bin. Normalerweise sage ich nur, dass ich Übersetzerin bin. Es gibt alle Arten von Übersetzern, Fachübersetzer, Sprachdolmetscher und viele andere. Es gibt keine Hierarchie oder Rangordnung, jeder unterstützt auf seine Weise diejenigen, die die jeweilige Fremdsprache nicht beherrschen. (…) Ich nenne es Fließband-Bildhauerei. Es ist definitiv eine kreative Kunst, aber weil es ein sehr schlecht bezahlter Beruf ist, übertreiben es viele von uns, und manchmal geht das leider auf Kosten der Qualität. Oder man verpasst immer wieder die gesetzten Abgabetermine - so wie ich. (…) Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, dass wir Übersetzer den Schriftsteller besser kennen als sein Ehepartner, besser als er sich selbst kennt. Wir müssen uns so oft in seine Sätze vertiefen, sie drehen, sie so oft anschauen, dass eine enge Beziehung entsteht."London Review of Books (UK), 26.09.2024
Das Editorial Board wirft anlässlich des Todes des marxistischen Literaturwissenschaftlers und Philosophen Frederic Jameson einen Blick ins eigene Archiv, das zahlreiche Jameson-Texte enthält. Zur Lektüre empfohlen wird unter anderem ein Beitrag aus dem Jahr 2012 zu creative-writing-Programmen an amerikanischen Universitäten, beziehungsweise - bei Jameson geht es schließlich selten nur um ein Thema gleichzeitig - zum Selbstverständis amerikanischer Intellektueller: "Moderne amerikanische Schriftsteller wollten sich immer als unschuldig betrachten, was das künstliche Ergänzungsmittel zum wirklichen Leben betrifft, das die Hochschulbildung allgemein, vor allem aber die creative-writing-Kurse darstellen. Diejenigen, die schreiben können, tun es; die, die es nicht können, unterrichten. Man denke an die Lobreden europäischer Intellektueller wie Sartre und Beauvoir auf die großen amerikanischen Schriftsteller, die nicht lehrten, nicht zur Schule gingen, sondern als Lastwagenfahrer, Barkeeper, Nachtwächter, Hafenarbeiter und alles Mögliche arbeiteten, nur nicht als Intellektuelle, während sie 'den ständigen Strom von Menschen über einen ganzen Kontinent hinweg, den Exodus eines gesamten Dorfes zu den Obstplantagen Kaliforniens' und so weiter festhielten. Es gibt das Reale, und dann gibt es die Universität; und natürlich ist die Universität in einem bestimmten Sinne (dem besten Sinne) ein großer Urlaub, der dem echten Leben vorausgeht - Geldverdienen, eine Familie gründen, sich unlösbar in der Gesellschaft und ihren Institutionen verankert zu finden. Der Campus ist irgendwie exterritorial; und das Leben der Studenten ist ein Leben der Freiheit (sofern sie es nicht opfern müssen, um die Studiengebühren aufzubringen) - Freiheit von Ideologie (Klasseninteressen haben sich noch nicht wie ein eisernes Gefängnis um einen geschlossen), Freiheit der Entdeckung - Sexualität, Kultur, Ideen - und in einem subtileren Sinne vielleicht Freiheit von Nationalität, von der Schuld der Klasse und davon, Amerikaner zu sein."Außerdem: Mark Ford liest die Briefe des Dichters Wilfred Owen von der Westfront im Ersten Weltkrieg. Joanna Biggs liest Sally Rooneys neuen Roman "Intermezzo". T.J. Clark liest die Fanon-Biografie von Adam Shatz. Irina Dumitrescu besucht die Ausstellung "Welterbe des Mittelalters. 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau" im Badischen Landesmuseum.
Elet es Irodalom (Ungarn), 20.09.2024
Wer braucht schon Medaillen, fragt der Sprachwissenschaftler István Kenesei und beklagt die falsch gesetzten Prioritäten in der Finanzierung des ungarischen Haushalts zulasten von Bildung, Forschung und Kultur. "Soeben wurden die neuesten Ergebnisse der Förderung durch den Europäischen Forschungsrat (ERC) veröffentlicht. Die gute Nachricht ist, dass sich darunter vier ungarische Stipendiaten befinden. Die schlechte Nachricht ist, dass keiner von ihnen seine Forschungsergebnisse in eine ungarische Einrichtung einbringen wird. Obwohl sie ihren Abschluss in Ungarn gemacht haben, sind sie jetzt alle im Ausland und werden dort bleiben. Von den 494 Grants, die mit 780 Millionen Euro finanziert wurden, ist kein einziges aus Ungarn. (…) Finnland hat bei den Olympischen Spielen in Paris keine einzige Medaille gewonnen, jedoch 18 ERC-Stipendien zugesprochen bekommen (bei halb so großer Bevölkerung wie Ungarn). Da stelle ich mir die - zugegebenermaßen egoistische, sogar demagogische - Frage: Was bringt die Welt weiter, ein um eine Hundertstelsekunde verbessertes Sprintergebnis oder ein mRNA-basierter Krebsimpfstoff? Ein millionenteures Leichtathletikstadion, das irgendwo im Lande verstaubt, oder ein landwirtschaftliches Forschungslabor, das die Getreideproduktion auf Dürrezeiten vorbereitet? Bereits jetzt läuft die neue Olympia-Kampagne, um den einstigen Plan von Genosse Rákosi, der die Spiele 1960 nach Budapest holen wollte, bis 2036 endlich zu verwirklichen. Damals wusste man allerdings noch nicht, dass ein Land wie Ungarn im Falle einer Durchführung den Bankrott riskieren würde, wie die Olympischen Spiele 2004 in Athen gezeigt haben."Blätter f. dt. u. int. Politik (Deutschland), 01.09.2024

New Yorker (USA), 23.09.2024
Der italienische Priester Luigi Ciotti hat sein Leben dem Kampf gegen die Mafia gewidmet, D.T. Max hat ihn und seine Organisation Libera besucht, die sich die Aufgabe gegeben hat, Frauen aus Mafiafamilien den Ausstieg zu ermöglichen. Eine von ihnen ist L.. Sie lernt ihren Mann mit vierzehn kennen und wird mit fünfzehn Mutter. Schnell hält Gewalt Einzug in die Beziehung, erfahren wir. Als er wegen seiner Tätigkeiten in der Mafia verhaftet wird, flieht sie: "Nach Ciottis Meinung unternimmt die italienische Regierung nicht genug, um Frauen wie L. zu schützen. Männer in der Mafia stellen für gewöhnlich sicher, dass sie ihre illegalen Geschäft außerhalb der Hörweite ihrer Familie besprechen, sodass Frauen wie L. meistens niemals direkt Zeuginnen der Verbrechen werden - so können sie nicht ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden. Weil sie dem Staat nicht helfen können, hilft der Staat ihnen nicht. Trotzdem war L. in unmittelbarer Gefahr. Die Frauen von Mafiosi, die ihre Familien verlassen, werden als Verräterinnen gesehen und manche werden ermordet. Die dreizehnjährige Maria Concetta Cacciola wurde mit einem Mafiamitglied verheiratet, ihre Eltern waren ebenfalls in der 'Ndrangheta involviert. 2011 floh sie schließlich aus Calabrien in Richtung Norditalien und ließ ihre drei Kinder zurück. Cacciolas Mutter hat sie mit den Kindern als Druckmittel nach Hause gelockt. Weniger als zwei Wochen darauf haben ihre Eltern sie in den Keller gerufen, wo ein Gefäß mit Säure stand. Höchstwahrscheinlich wurde sie gezwungen, die Säure zu trinken - eine der Strafen der Mafia für Verräter. Cacciola wurde im Krankenhaus für tot erklärt; ihr Vater erzählte der Polizei, sie sei durch Suizid zu Tode gekommen."Rebecca Mead isst im Kopenhagener Restaurant Alchimist rohe Quallen und gefriergetrocknetes Lammhirn in einer Schädelattrappe, während an der Decke Videos über den Klimawandel laufen, yummy! Daniel Alarcon stellt den kolumbianischen Komponisten und Musiker Eblis Alvarez vor. Louis Menand liest einige neue Bücher, die die Verfassung der USA in Frage stellen. Jia Tolentino hört Musik der verstorbenen Sängerin Sophie. Lesen dürfen wir außerdem eine Kurzgeschichte von Allegra Goodman und Aufzeichnungen des Neurologen Oliver Sacks über Patienten, die an der europäischen Schlafkrankheit litten.
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