Magazinrundschau

Das Licht sitzt nicht still

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
01.10.2024. New Lines überlegt, warum Syrien so still hält im Nahostkonflikt. Vot Tak staunt über russische Urlauber in Mariupol. Der New Yorker stellt einen Pionier der Rattenforschung vor,  John B. Calhoun, sowie eine Malerin des Lichts, Suzanne Jackson. In Elet es Irodalom skizziert der Historiker György Jakab die Versäumnisse der ungarischen Erinnerungspolitik. Harper's fürchtet eine Monopolkommission unter Donald Trump. Le Grand Continent unterhält sich mit dem ehemaligen Kulturminister des Libanons Ghassam Salamé über Israels Schlag gegen die Hisbollah.

New Lines Magazine (USA), 30.09.2024

Hassan Hassan geht den Interessen der syrischen Regierung auf den Grund, die sich in den vergangenen Monaten, während sich der Konflikt zwischen Israel, dem Iran und dem Libanon zuspitzte, erstaunlich ruhig verhielt. Syrien ist das einzige Mitglied der von Iran angeführten "Achse des Widerstands", das sich bisher aus dem Konflikt herausgehalten hat, bemerkt Hassan. Nicht nur blieb es an der Golanfront überraschend still, so Hassan, auch rhetorisch hielt sich das Assad-Regime sehr zurück, verzichtete beispielsweise auf die üblichen Unterstützungsbekundungen für die Hisbollah oder den Iran nach größeren Angriffen. Es scheint, als verfolge Assad eine bewusste Strategie, die zudem sowohl von Iran als auch von Moskau toleriert wird, sich aus diesem Krieg herauszuhalten. Ziel sei es, so Hassan, die Beziehungen zu alten Gegnern wieder zu normalisieren: "Assads Schweigen baut das Wohlwollen einiger seiner ehemaligen Gegner wieder auf, insbesondere in den Golfstaaten und möglicherweise sogar in Israel und den Vereinigten Staaten. Es könnte eine ältere Wahrnehmung Syriens wiederbeleben, die dem Aufstand und Bürgerkrieg von 2011 vorausging: die Überzeugung, dass das Assad-Regime der Ruhe an der Golan-Front Priorität einräumen würde. Seit dem Ausbruch des Syrienkonflikts sind die Entwicklungen entlang der israelischen Grenze für Israel und westliche politische Kreise ein wichtiges Anliegen. Die Furcht vor einem möglichen iranischen Aufmarsch in Syrien, ähnlich dem im Irak, hat den Westen veranlasst, mit Regimegegnern zusammenzuarbeiten und in dem Land Fuß zu fassen. Der Krieg im Gazastreifen ist daher die erste große Bewährungsprobe für Syriens Haltung, die Ruhe auf dem Golan zu bewahren und gleichzeitig die Beziehungen zum Iran auszubalancieren (...)Wenn die Golfstaaten und die Türkei nach Syrien zurückkehren, wird nach Ansicht des Assad-Regimes auch Europa folgen. Das Beste, was sich Assad von Washington erhoffen kann, ist, dass es diese Bemühungen nicht aktiv blockiert, indem es zum Beispiel Sanktionen verhängt oder seine Verbündeten davon abhält, sich in Syrien zu engagieren oder dort zu investieren."

Vot Tak (Russland), 09.09.2024

Vor zwei Jahren wurde Mariupol von Russland belagert und in Schutt und Asche gelegt. Heute baut die russische Besatzung den Ort zum Urlaubsziel um. Wassilissa Ostapenko vom unabhängigen russischen Sender Vot Tak (hier mehr Informationen und die deutsche Übersetzung bei Dekoder) fragt eine Familie aus Moskau, wie der Urlaub so ist. "Keiner von uns weiß, wann er sterben wird. Du kannst genauso zu Hause in der Badewanne ertrinken. Es gibt verschiedene Todesarten. Wir leben ins Blaue hinein und genießen es," erklärt der Familienvater Sascha am Strand. "Er fragt, ob ich einen Wodka mit ihm trinke. Ich lehne ab und bekomme Tee und Waffeln. 'Die Stadt wird neu gebaut', erzählt er. 'Aber die Bevölkerung ist nicht so offen, sag ich dir. Die Einheimischen sagen: Ihr habt uns noch gefehlt.' Oder: 'Fahrt doch in euer Sotschi oder nach Gelendshik', bekräftigt Katja. 'Gestern sitz ich in einer Bar, frage, ob sie froh sind, dass sie jetzt zur Russischen Föderation gehören', setzt Sascha fort. 'Drei Männer saßen da - alle drei dagegen. Sie haben viel verloren hier, sind wütend: Der eine seine Firma, der andere seine Familie, der nächste sein Haus. Das gibt sich wieder, aber es wird mit einem Jahr nicht getan sein. Das kostet Zeit und Geld.' 'Krieg macht natürlich niemanden froh. Es ist ein wenig unangenehm, aber wir können sie verstehen', sagt Katja versöhnlich. 'Was sollen wir denn tun? Noch sind wir in ihren Augen Besatzer. Noch. Mit der Zeit wird sich das einrenken.' 'Mariupol ist ja total zerstört, das habe ich beim Herfahren gesehen', erzählt Katja. 'Die Stadt war schon ein gewisser Schock, aber die Kinder haben geschlafen und nichts mitgekriegt.' Ich sehe mich um. Solange man den Strand nicht verlässt, kann man nur an der am Horizont hochragenden Ruine des Sanatoriums Sdorowje (dt. Gesundheit) erahnen, was vor zwei Jahren in Mariupol passiert ist. Aber stehen nicht in jeder Stadt sowjetische Ruinen?"
Archiv: Vot Tak

New Yorker (USA), 30.09.2024

Ratten können sich nicht erbrechen, deswegen sind sie sehr vorsichtig, was sie essen und es ist nicht leicht, sie zu vergiften, lernt Elizabeth Kolbert, die für den New Yorker zwei neue Bücher John B. Calhoun gelesen hat, einen Pionier der Rattenforschung. "Rat City: Overcrowding and Urban Derangement in the Rodent Universes of John B. Calhoun" von Edmund Ramsden und Jon Adams sowie "Dr. Calhoun's Mousery: The Strange Tale of a Celebrated Scientist, a Rodent Dystopia, and the Future of Humanity" von Lee Alan Dugatkin. Calhoun hatte in einem dystopisch anmutenden Experiment einen Wohnblock nachgestellt, anhand von dessen Rattenpopulation er herausfinden konnte, weshalb die Nagetiere eine bestimmte Populationsgrenze nicht überschreiten. Die Gründe sind brutal: "Nachdem er die Ratten so lange beobachtet hat, hatte Calhoun nun einen guten Überblick darüber, was das Bevölkerungswachstum hemmte. Die Ratten hatten sich in elf Clans aufgeteilt. Vier hatten Nester, die sich praktischerweise im Zentrum der Anlage befanden, in der Nähe der Nahrungsmittelbehälter. In diesen privilegierten Clans haben sich einige dominante männliche Ratten mit einer großen Zahl von Weibchen gepaart und sie beschützt. Obwohl diese Rattenmütter viele Jungen geboren haben, hat es nicht gereicht, um die Verluste der alternden und zunehmend streitenden Population auszugleichen. Die Ratten der banlieues haben ihrerseits unter konstantem Stress gelebt. Wenn sie versucht haben, zu den Nahrungsmitteln zu kommen, haben die fetten Ratten in der Mitte - oft erfolgreich - versucht, sie abzuwehren. An den Ecken der Anlage sind die statusniedrigen Männchen von Bau zu Bau gezogen und haben die Weibchen belästigt. Die Weibchen außerhalb des Machtzentrums waren so erschöpft, dass sie kaum je schwanger geworden sind, aber wenn sie doch geworfen haben, haben sie ihre Jungen oft verlassen. Calhoun veröffentlichte seine Ergebnisse in einer zweihundertachtundachtzig Seiten langen Monographie mit dem Titel 'The Ecology and Sociology of Norway Rats'. Wie Ramsden und Adams betonen, war die Verwendung des Wortes 'Soziologie' im Titel gewagt, da dieser Begriff normalerweise für das Studium des Menschen reserviert ist. Gegen Ende des Bandes machte Calhoun seine Absicht deutlich. 'Tierische Themen', so schrieb er, 'können bei der Erhellung einiger der sozialen Probleme, mit denen der Mensch heute konfrontiert ist, von Wert sein.'"

Suzanne Jackson, "Blooming" (1984). © Suzanne Jackson / Courtesy the artist / Ortuzar Projects


Hilton Als stellt die 80-jährige afroamerikanische Malerin Suzanne Jackson vor, "deren erhebende Ausstellung 'Light and Paper' (bei Ortuzar Projects) wenig mit unterdrückerischen Machtstrukturen und alles mit der Freude am Machen und der transformativen Kraft des Lichts zu tun hat", wofür die Black Panther laut Als in den 70ern kein Verständnis hatten. Bei Ortuzar sind jetzt "elf Arbeiten zu sehen, die alle zwischen 1984 und 2024 entstanden, und es gibt keine einzige, die sich nicht um Licht dreht und darum, wie man es darstellen oder seine flüchtige Natur einfangen kann. Eine Lektion, die man bei der Betrachtung von Jacksons Arbeiten lernt oder in Erinnerung behält, ist, dass natürliches Licht nicht stillsitzt und sich jedes Mal, wenn das Auge versucht, sich darauf auszuruhen - in einer Zimmerecke, in einem Garten, auf den Seiten eines Buches -, verschiebt und verändert, wodurch sich auch die Perspektive ändert. Licht durchflutet zum Beispiel 'Blooming' (1984). Es dringt nicht durch ein Portal in das Bild ein - es gibt keins -, sondern durch die Vorstellungskraft der Künstlerin. Man kann an der sanften Art, wie es die Blume in der Mitte des Bildes umhüllt, erkennen, dass es nicht ewig da sein wird - genau wie die Blüte."

Weitere Artikel: Ist ein Chat mit einem Bot wirklich eine Unterhaltung, fragt sich (hoffentlich nicht ernsthaft) Jill Lepore. Rebecca Mead liest eine Biografie über Queen Elizabeth II.. Amanda Petrusich unterhält sich mit Coldplay-Frontman Chris Martin. Und Alex Ross berichtet vom Musikfestival Mendelssohn on Mull.
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 27.09.2024

Die Mängel von Geschichtsunterricht wie Erinnerungskultur sind mitverantwortlich für die politische Situation im heutigen Ungarn, meint der Historiker György Jakab:
"Es scheint, dass wir jahrhundertelang nicht in der Lage waren, den Untergang von 'Großungarn' zu verarbeiten und zu betrauern - mit dem Ergebnis, dass sich die Missstände angehäuft haben und von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Dies zeigt sich nicht nur im grundlegenden Pessimismus des ungarischen Denkens sowie der passiven politischen Kultur, sondern auch in der für die Gemeinschaft charakteristischen extremen Art der emotionalen Bewältigung. Die auf ständige Verteidigung angelegte Lebens- und Denkweise hat zwangsläufig Angst vor unerwarteten Ereignissen und Veränderungen und flüchtet vor der schwierigen Realität in ritualisierte Traditionen, extreme Emotionen oder selbstberuhigende 'Traumwelten'. Man versucht verzweifelt, weitere Verluste zu vermeiden, aber in vielen Fällen ist dieser emotional eingeengte Zustand die Quelle für das Wiederaufleben vergangener Probleme. Die Tatsache, dass die politische Elite ein großes Interesse an einer Politik der Klage und der Aufrechterhaltung einer Opfermentalität hat, spielt bei der Weitergabe eines beschädigten nationalen Bewusstseins ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Menschen haben zu Recht Angst vor neuen Verlusten und akzeptieren daher bereitwillig paternalistische Machttechniken - Angstmacherei, Panikmache, Führerkult, Sündenbockdenken -, die über informelle und formelle Kommunikationskanäle, vor allem die Massenmedien und das Schulsystem, vermittelt werden."

La regle du jeu (Frankreich), 26.09.2024

Die Rabbinerin Delphine Horvilleur, deren Bücher auch in Deutschland erscheinen, eröffnet die neueste Nummer von Bernard-Henri Lévys Zeitschrift La Règle du Jeu mit einer Reflexion zum Jahrestag des 7. Oktober. Darin erzählt sie als erstes einen jüdischen Witz: "Treffen sich ein Pessimist und ein Optimist. 'Es kann einfach nicht mehr schlimmer werden', sagt der Pessimist. Antwortet der Optimist: 'Doch, glaub mir, es kann noch viel schlimmer werden.'" In dem Artikel kommt Horvilleur auf das neue Genre der wohlmeinenden Antisemiten zu sprechen, die von sich überzeugt sind, auf der richtigen Seite zu stehen, weil sie nur Antizionisten seien: "Judenhass hat in der Geschichte immer - zumindest sehr oft - Menschen heimgesucht, die sich für rundum gut hielten, die meinten, den richtigen Glauben, die richtige Theologie, die richtige Ideologie zu haben, und die davon überzeugt waren, dass nur der Jude ihre Familie, ihr Land oder die ganze Welt daran hinderte, in Frieden zu leben und sich zu entwickeln. Paradoxerweise wurde der Jude sehr oft im Namen der Nächstenliebe, des Weltfriedens oder der Sorge um die Einheit gehasst; das ist eine der Stärken dieses uralten Hasses, der in jeder Epoche mutieren kann. Man könnte es fast in einer Minute zusammenfassen, eine Art kleiner Schnellkurs in Antisemitismus machen, verständlich für jeden Studenten - sogar in Science Po!"
Archiv: La regle du jeu

Harper's Magazine (USA), 01.10.2024

Nicht mal Donald Trump macht dem Wirtschaftsjournalist Barry C. Lynn soviel Angst wie die Tech-Giganten "Google, Amazon, Microsoft, Facebook und Apple", die "die Macht haben, zu erschaffen und zu zerstören, zu zensieren und zu bestrafen, wen sie wollen", erklärt Lynn in einem Essay. Dass diese Unternehmen überhaupt zu so großer Macht kommen konnten, gehe auf die von Reagan geförderten Juristen Robert Bork und Richard Posner zurück, die reklamierten, einer "Antimonopolpolitik" sollte nicht die Freiheit der Bürger schützen, sondern das materielle Wohlergehen der Verbraucher. Damit "etablierten sie eine falsche Wissenschaft der wirtschaftlichen Effizienz, die es den Bürgern viel schwerer machte, die so konzentrierte Macht zu sehen und zu verstehen". Absolut bemerkenswert daher, dass Präsident Biden im Juli 2021 den Kampf gegen diese fehlgeleitete Politik ausgerechnet mit einem "Regierungserlass zur Förderung des Wettbewerbs" aufnahm, so Lynn: "Das 'Experiment', 'riesige Konzerne immer mehr Macht anhäufen zu lassen', sei eindeutig 'gescheitert', sagte er in einer Rede. Das Gesamtergebnis? 'Kapitalismus ohne Wettbewerb ist kein Kapitalismus', schloss Biden. 'Es ist Ausbeutung.' Mit einem Federstrich zerstörte Präsident Biden die intellektuellen Grundlagen des Systems privater Monopolkontrolle, das Reagan in den Achtzigern erstmals etabliert hatte. Anstelle dieses erzlibertären Regimes stellte er die ursprüngliche amerikanische Vision der Regierung als Instrument zur Zerschlagung aller Macht- und Kontrollkonzentrationen wieder her, die die individuelle Freiheit und Demokratie bedrohen. Es war der radikalste Wandel der politisch-ökonomischen Philosophie im Namen des Volkes, seit Louis Brandeis Präsident Wilson half, das amerikanische Freiheitssystem für das Industriezeitalter zu modernisieren." Was bei einer Wiederwahl Trumps auf dem Spiel steht, sind vor allem diese Maßnahmen Bidens, so Lynn. Denn mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs vom 1. Juli 2024 "reduzierten die neun Richter unsere Zukunft auf die Wahl zwischen zwei Formen der Autokratie.  In der einen wird ein zukünftiger US-Präsident - der Einfachheit halber stellen wir uns Donald Trump mit Stephen Miller an seiner Seite vor - herausfinden, wie er die neuen Immunitäten des Amtes nutzen kann, um Google und seine Kollegen für die eigenen Zwecke des Präsidenten zu manipulieren und die gesamte Macht dieser Unternehmen an sich zu reißen. Die andere? Dass die Chefs dieser Unternehmen einer solchen Falle leicht entgehen und sie Trump, selbst wenn er im November gewinnen sollte, nur so lange tolerieren, bis er aufhört, ihre oberste Marionette zu sein. Und dass wir alle, jeder Amerikaner jeder politischen Couleur, in gleichem Maße Googles persönlichem Rechtssystem unterworfen sein werden."

Le Grand Continent (Frankreich), 17.09.2024

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Wenn es eine Journalistin gibt, die die Franzosen für die bekannteste Journalistin der Welt halten, dann ist es sicher Léa Salamé - kaum eine Show, Talkshow oder Radiosendung der Staatssender in Frankreich, die nicht von ihr moderiert würden. Salamé ist mit Raphaël Glucksmann liiert, ihr gemeinsames Kind hat also André Glucksmann und Ghassam Salamé zu Großvätern. Letzterer wird in der aktuellen Nummer von Le Grand Continent interviewt. Ghassam Salamé, der im Libanon zur Bevölkerungsgruppe der Griechisch-Katholischen gehört, war mal Kulturminister im Libanon und ist einer der bekanntesten Intellektuellen des Landes, Autor des Buchs "La Tentation de Mars - Guerre et paix au XXIe siècle (Fayard, 2024)". Heute lehrt er in Paris. Das Gespräch, das Gilles Gressani mit ihm führt, ist arg geopolitisch, es wird ausschließlich mit den größten Bauklötzen gespielt - wie betrachtet China seine Rolle im Nahen Osten und solche Fragen. Es wurde noch vor dem Schlag gegen Nasrallah geführt, und Ghassan benennt unter anderem Israels technische Überlegenheit, die die Hisbollah nun zumindest für eine Zeitlang als Scheinriesen dekuvriert hat. Interessant auch die Passage über die arabischen Länder, die sich konsequent aus dem Konflikt heraushalten: "Das Osloer Abkommen bewirkte, dass sie sich aus dem Konflikt herausziehen konnten. Ab dem Zeitpunkt, an dem die Palästinenser von Rechts wegen ein Friedensabkommen mit Israel unterzeichnen oder nicht unterzeichnen können, sind die arabischen Länder nicht mehr Partei. Dieser Prozess ermöglichte es den Iranern, in den Konflikt einzusteigen. Die Entarabisierung führte zur asymmetrischen Kriegsführung zwischen Israel und den Palästinensern und der Wiederaneignung des Konflikts durch die Palästinenser, aber auch zur Unterstützung durch den Iran, dessen Ziel es ist, regionale Macht in der Levante zu erlangen, und durch den Konflikt mit Israel Legitimität gewinnen will."

HVG (Ungarn), 26.09.2024

Der Jazz-Musiker Mihály Dresch spricht im Interview mit Róbert Szatmári über traditionelle und klassische Strömungen in der ungarischen Musik sowie über die darin liegenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten über Generationen hinweg: "Ja, es gibt eine einheitliche ungarische Musiksprache, aber ich würde sie in zwei Teile aufteilen. Es gibt die Volksmusik, oder die Denkweise, die aus der Volkskultur kommt. Und es gibt Béla Bartók und Zoltán Kodály, mit ihrer Integration der ungarischen Volkslieder in die klassische Musik. Sie haben auch wissenschaftlich definiert, was eine Melodiereihe ungarisch macht, zum Beispiel die Pentatonik. Die früheren Generationen haben etwas geschaffen, jetzt müssen wir sehen, was wir hinzufügen können, wie wir unsere eigene lebendige Kultur erschaffen. Und wie viel davon ist traditionelle ungarische Kultur, wie viel angelsächsisch, amerikanisch? Denn ab den 1960er Jahren strömten diese mit großer Kraft nach Europa und Ungarn, trotz der kommunistischen Ära."

Was hier was ist, dürfte auch bei Dresch ziemlich mühsam herauszufummeln sein. Aber warum überhaupt, man kann auch einfach zuhören:

Archiv: HVG

Meduza (Lettland), 25.09.2024

Ksenia Morozova stellt den "Erleuchteten" Artur Sita vor, der eine Art russischer Attila Hildmann zu sein scheint. Nicht nur bietet Sita Online-Kurse und teure Retreats an, er ist auch noch Verschwörungstheoretiker und beutet seine Anhängerschaft in veganen Restaurants aus. "Sita lehnt die Evolutionstheorie ab und vertritt die Ansicht, dass 'die gesamte Weltgeschichte erfunden' sei." Außerdem behauptet er, "die 'Lösung' für Russlands Krieg in der Ukraine zu haben: Er argumentiert, dass sich die Ukraine gegen die Invasion 'nicht hätte wehren dürfen' und dass der Konflikt enden wird, wenn die NATO 'Russland einfach akzeptiert'. (...) Ihm gehört auch ein Netzwerk von veganen Cafés in Moskau mit Namen wie CoffeePita, GoodFoodBowl und PitaBurrito sowie ein veganer Essenslieferdienst in Dubai. (...) Alle diese Einrichtungen werden von Sitas Fans betrieben - und nach den Quellen von Meduza arbeiten fast alle von ihnen unentgeltlich. Es ist nicht nur eine Nebenbeschäftigung, die sie in ihrer Freizeit ausüben: Arbeitstage in Sitas Geschäften können bis zu 18 Stunden dauern, und die 'Freiwilligen' arbeiten in der Regel sieben Tage die Woche. Sie erhalten zwar kein Gehalt, werden aber mit Lebensmitteln und bei Bedarf mit einem Bett in einer Wohngemeinschaft versorgt. Die wertvollste Form der Entlohnung für die meisten von ihnen ist jedoch der Zugang zu Sita selbst. Die 'Angestellten' schreiben dem Guru häufig über Themen, die mit der Arbeit zu tun haben oder auch nicht, und er antwortet aktiv mit Feedback und Ratschlägen. Sita hat offen gesagt, dass er in seinen Cafés nur Leute einstellt, die an seinen Retreats und 'Satsangs' teilgenommen haben, weil er behauptet, dass dies die einzige Möglichkeit ist, ihnen 'seine Werte zu vermitteln'."
Archiv: Meduza
Stichwörter: Sita, Artur, Russland, Nato, Meduza

The Baffler (USA), 13.09.2024

Horrorfilme kamen immer schon in thematischen und ästhetischen Wellen und Zyklen, schreibt John Semley. Die Welle der letzten Jahre - von "The Witch" über "Get Out" und "Hereditary" bis zu "Longlegs" - nennt sich "Elevated Horror" und verspricht dem Publikum in Abgrenzung zu früheren Moden autorenfilmartige Arthouse-Legitimität beim Gruselgenuss sowie psychologische Tiefendeutungen mit einiger Gravitas. Semley ist davon alles andere als überzeugt: "Ist diese Sorte Film wirklich cleverer als die vorangegangenen Slasher, die seit den Siebzigern selbstreflexiv mit dem Genre gearbeitet haben ohne daraus eine große Show zu machen? 'Texas Chainsaw Massacre 2' (1986) formulierte eine eigene, augenzwinkernde bis cartoonhafte Kritik an seinem Vorläufer. Zuvor funktionierte bereits 'Slumber Party Massacre' (1982) - geschrieben von Rita Mae Brown, einer lesbischen Aktivistin und Autorin des klassischen queeren Bildungsroman 'Ruby Fruit Jungle' - als blutiges, sexuell aufgeladenes Slasher-Movie und gleichzeitig feministische Auseinandersetzung damit. Das solchem Amüsement zugeneigte Publikum hatte den Witz verstanden und war im Allgemeinen klüger als die Kritiker ihnen bescheinigen wollten. Der Rest konnte sich den niederen Freuden einer enormen Kettensäge oder einer schamlos herumgewirbelten Bohrmaschine hingeben, auch ohne über deren phallische Implikationen nachzudenken. Zahllose Filme denken sich durch die Vorgehensweise ihres Genres, ohne dies auszustellen. Weiterhin sind sie insofern enorm produktiv, als sie auf vielfältige Weise gelesen werden können. Ganz im Gegenteil dazu fühlen sich viele der postmodernen und elevierten Horrorfilme so an, als ob sie in sich verknotet sind. Sie sind hermetisch im negativen Sinn. Mit 'Scream', 'The Cabin in the Woods', 'Get Out' oder 'Midsommar' lässt sich nicht viel mehr anstellen außer zu sagen: 'Habs verstanden.' Während sich viele klassischen Horrorfilme so anfühlten, als ob sie Bedeutungen als Schmuggelware mit sich führten, erheben die jüngeren Wellen jeden vergrabenen Subtext auf die Ebene des Texts. Selbst wenn diese Filme von Fans obsessiv auseinandergenommen werden, führt diese Interpretationsarbeit fast immer zwangsläufig zurück zu grundlegenden, eindeutig ausgelegten Themen. ... Im schlimmsten Fall stellen diese Filme ihre thematische und intellektuelle Arbeit so in den Vordergrund, dass der Film, nun ja, keine Angst mehr macht."
Archiv: The Baffler
Stichwörter: Horrorfilm