Sally Rooney
Intermezzo
Roman

Claassen Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783546100526
Gebunden, 496 Seiten, 24,00 EUR
ISBN 9783546100526
Gebunden, 496 Seiten, 24,00 EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Zoë Beck. "Intermezzo" ist die Geschichte zweier ungleicher Brüder. Peter, Anfang dreißig, ist ein charismatischer, desillusionierter Menschenrechtsanwalt; Ivan, zehn Jahre jünger, ein ernsthafter und introvertierter Schachspieler. Als Ivan klein war und Peter ein Teenager, standen die beiden sich nahe, später wurden sie einander immer fremder. Nun haben sie ihren geliebten Vater verloren, was alte Wunden aufs Neue aufreißt. Dann lernt Ivan Margaret kennen, deren Ehe gerade zerbrochen ist. Die Zuneigung zwischen ihnen ist echt, doch ihr Altersunterschied droht ihre Liebe zu zersprengen. Unterdessen verliert Peter seinen Halt. Er ist mit Naomi zusammen, einer jungen Studentin, doch er kann das frühere Leben mit Sylvia, seiner ersten Liebe, nicht hinter sich lassen...
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.10.2024
Rezensentin Paula Keller hält Sally Rooneys neuen Roman für ihren bislang besten. Denn die Autorin geht hier weiter als in ihren bisherigen Werken und ist dabei reifer geworden, meint Keller. Sie lässt ihre Figuren nicht mehr lediglich mit "Sex und Klassenkampf jonglieren", sondern traut sich, größere Themen in Angriff zu nehmen, so Keller, auch Alter und Trauer. Worum gehts genau? Zwei sehr ungleiche Brüder müssen den Tod ihres Vaters verarbeiten, Ivan ist sozial etwas inkompetent und nerdig, sein Bruder Peter ein gutaussehender erfolgreicher Anwalt. Gerade diese Figur ist für die Rezensentin faszinierend, denn Rooney schaffe es diesem eigentlich gar nicht sympathischen Charakter, "Seelentiefe" zu verleihen. Manchmal liest Keller noch einen Hauch "marxistischer Zuversicht" aus dem Text heraus, aber auf "große Manifeste" verzichtet Rooney, schließt sie.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.10.2024
Rezensent Paul Jandl sympathisiert mit Sally Rooneys konservativer Trostliteratur für Millenials, in der Sex eine todernste Angelegenheit ist und eher therapeutische als erregende Funktion hat. Gut gemacht sind ihre Bücher, ist auch ihr neues Buch, meint Jandl, in dem zwei Brüder im Zentrum stehen, der 22-jährige Ivan und der zehn Jahre ältere Peter. Peter ist beruflich erfolgreich, erfahren wir, und hat eine Beziehung mit einer jungen Hausbesetzerin, Ivan hingegen schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und beginnt etwas mit einer älteren Frau. Die in eine bedächtigen Sprache geschriebenen Passagen zu Ivan gefallen Jandl besser als die in kurzen, abgehackten Sätzen daherkommende Peter-Prosa, insbesondere, weil der ältere Bruder allzu nah am Klischee entworfen ist, ebenso wie seine Lolita-artige Freundin. Insgesamt zeigt sich Jandl beeindruckt von einem Buch, das von der Sehnsucht nach Geborgenheit in einer von Entfremdung geprägten Gesellschaft erzählt.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 05.10.2024
Sally Rooney ist für den Rezensenten Simon Sahner eine Autorin, deren Bücher gut in den frühen Herbst passen. So auch ihr vierter Roman, der wieder mal in eine ähnliche Kerbe schlägt wie die vorangegangenen: Auch hier spielen Beziehungsgeflechte wieder eine wichtige Rolle, auch hier spielt sich die Handlung wieder zwischen einigen wenigen Figuren ab, die allesamt in ihrem irischen Landleben recht privilegiert wirken. Die Geschichte dreht sich um den Tod des Vabers der Brüder Peter und Ivan, genauso wie um die Dreiecksbeziehung zwischen der Studentin Naomi, Peter und der Dozentin Sylvia. Eine wichtige Rolle spielt auch der "sehr gute Sex", den alle Figuren haben, außerdem Fragen nach Identität - Themen, die Sahner zufolge so langsam dann auch auserzählt sind. Er fragt sich abschließend, ob sich Rooney erzählerisch noch einmal weiterentwickeln wird.
Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.10.2024
Rezensentin Hannah Lühmann zweifelt ein bisschen an der Güte von Sally Rooneys Texten. Wieso die Autorin als politisch gilt, wenn sie in ihren Romanen doch die Gegenwart ausblendet, so gut sie kann, ist Lühmann ein Rätsel. Rooneys neuer Roman unterscheidet sich da für die Rezensentin auch nicht von seinen Vorgängern. Zwei ungleiche Brüder, tief verunsichert und in komplizierten Beziehungen, das ist die Konstellation, so Lühmann, und wieder walzt die Autorin die Probleme ihrer Protagonisten so beharrlich aus, dass die Rezensentin sich selber wundert, warum sie weiterliest. Auf irgendeine Art unterhaltsam scheint es das Buch jedenfalls zu sein.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 01.10.2024
Mit Sally Rooneys Haltung gegenüber Israel kann Rezensentin Marie Schoeß nichts anfangen, mit dem neuen Roman umso mehr, wenngleich die Kritikerin ihn nicht ganz so enthusiastisch bespricht, wie ihre KollegInnen. Die Geschichte der zwei ungleichen Brüder Ivan und Peter, die mit der Beerdigung des Vaters einsetzt und den Leser direkt in Peters Kopf führt, besticht durch die "leisen" Töne, mit denen Rooney immer wieder unmittelbare Nähe zu ihren Helden zu erzeugen vermag, versichert die Kritikerin. Psychogramme von Millennials schreibt Rooney wie keine zweite, meint Schoeß, auf die klassischen Dramen im Roman, wie Prügeleien oder Beziehungsstress, hätte sie indes verzichten können.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.09.2024
Darauf, dass Sally Rooney das Erscheinen ihres Romans "Schöne Welt, wo bist du" in Israel verhinderte, möchte Rezensentin Christiane Lutz lieber nicht weiter eingehen. Lieber widmet sie sich dem neusten, lang erwarteten Roman der Irin, den die Kritikerin für Rooneys besten hält: "Wärmer, komplexer, reifer" als die Vorgänger erscheint ihr die Geschichte um zwei ungleiche Brüder, deren nicht erst nach dem Tod des Vaters angespannte Beziehung das Grundgeräusch des Romans bildet. Dazu kommen drei Frauen, klärt die Rezensentin auf: Peter, der 33jährige erfolgreiche, aber selbstzerstörerische Anwalt steht zwischen Studentin Naomi und der chronisch kranken Professorin Sylvia, Ivan, der 22jährige, Fingernägel kauende Schachnerd wird begehrt von der 36jährigen Margaret. Die Figuren eint ihre emotionale Versehrtheit und die ständige Reflexion, fährt Lutz fort, versichert aber: Der Roman wird, anders als die Vorgänger, nie anstrengend. Im Gegenteil: Geradezu meisterhaft durchleuchte Rooney die Unsicherheit am Anfang von Beziehungen, die "emotionale Not" ihrer Figuren packe sie dabei in einer "atemlosen" Sprache, exzellent übersetzt von Zoe Beck, lobt die Kritikerin. Und wie die Autorin ihr HeldInnen wie auf "einem Schachbrett" hin- und herschiebt, findet Lutz schlicht virtuos.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.09.2024
Susanne Romanowski kann nur staunen: Da verweigert sich Sally Rooney in ihrem neuen Roman jeder Dramatik, reduziert die Dialoge und entwirft reichlich neurotische Protagonisten und dennoch funktioniert der Text. Große Literatur nennt Romanowski das sogar, auch wenn die Figurenkonstellation und das Setting erst mal durchaus klischeehaft aussehen: Zwei sehr unterschiedliche Brüder mit recht konventionellen Beziehungen, die nach dem Tod des Vaters die Introspektion pflegen. Es geht also diesmal nicht um Liebesbeziehungen, sondern darum, wie man mit dem Tod eines nahen Menschen umgeht oder was Menschen einander schulden, erklärt die Rezensentin. Dass sich der Text dabei erlaubt, im Fluss zu bleiben und immer wieder die Perspektive zu wechseln, gehört für Romanowski zu seinen Stärken. Der Hauptgrund für die Leselust, die das Buch auslöst, liegt im Realismus der Figurenzeichnung, beteuert die Rezensentin. Den Figuren mit ihren Eigenheiten folgt man gern, meint sie.
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