Magazinrundschau

Queere Morphologie

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
30.04.2019. In der NYRB bewundert Colm Toibin das Action Painting Tintorettos. Das Artforum feiert die zweideutigen Charaktere der Künstlerin Nicole Eisenman. HVG darf nicht mehr auf Budapester Litfasssäulen werben. Die London Review analysiert das Ergebnis der Wahlen in Nigeria. In Respekt seitzt die Moskauer Elektropop-Band Ic3peak ihr Vertrauen in den russischen Citoyen. Die Hindustan Times amüsiert sich mit dem pakistanischen Autor H.M. Naqvi und dem Kosaken Abdullah in "Currachee". The Ringer erinnert an den großen Sci-Fi-Autor Gene Wolfe.

New York Review of Books (USA), 09.05.2019

Jacopo Tintoretto: Das letzte Abendmahl, circa 1563-1564, Chiesa di San Trovaso, Venedig


Anlässlich einer Schau in der National Gallery of Art in Washington untersucht der irische Schriftsteller Colm Tóibín die Wildheit Tintorettos:  "Während die Ausstellung in der Nationalgalerie versucht, Tintoretto als Maler mit vielen Gesichtern neu zu interpretieren, geht es ihr nicht nur darum, ihn als Porträtmaler und religiösen Maler mit klar vorgestellten dramatischen Szenen im neuen Licht zu präsentieren. Dies sind nur Aspekte eines Talents, das sich nicht begrenzen lässt. Die Ausstellung erinnert auch daran, dass Ruskin Recht hatte, wenn er von der Wildheit Tintorettos sprach. Sie wird sichtbar in einer Reihe von Gemälden, die ruhelos wirken, deren Muster nicht leicht zu erkennen ist, deren Wirkung aber dennoch kraftvoll und schockierend ist, weil das Auge nicht weiß, wo es sich niederlassen soll. Jeder Farbton, jede Farbe, jedes Gesicht, jedes Objekt fordert Aufmerksamkeit, ohne dass wir daran zweifeln, dass das Bild einen einzigen Moment an einem einzigen Ort darstellt. Es handelt sich um Action Paintings, belebt von theatralischem Eifer. Sie veranlassten Théophile Gautier, Tintoretto 'le roi des fougueux' zu nennen (den König der Feurigen, der Ungestümen)." Als Beispiel nennt Tóibín Tintorettos "Letztes Abendmahl" aus den Jahren 1563-1564: "Die Szene ist völlig chaotisch, als ob eine Explosion stattgefunden hätte. Christus befindet sich im Zentrum im oberen Teil des Bildes, hinter ihm ein Torbogen und der Blick auf eine Landschaft. Er allein wirkt fest, gelassen und unter Kontrolle. Er gestikuliert mit der rechten Hand. Er spricht. Die Apostel wirken wie unter Schock, in heller Aufregung, wie sie sich auf den Tisch stützen, die Arme ringen oder sich abwenden. Es hat die Aura einer weltlichen Szene, nichts Heiliges oder Anmutiges. Während Tintoretto um das Haupt Christi einen vagen Heiligenschein legt und er eindeutig als Führer identifizierbar ist, dem man zuhört, scheint es eher unwahrscheinlich, dass er mit dem bunten Haufen um ihn herum die Welt erlösen wird."

In einem anderen Text geht Coco Fusco der Thematisierung sexueller Gewalt gegen Frauen in der amerikanischen Kunst seit 1970 nach, wie sie ein Buch von Vivien Green Fryd ("Against Our Will: Sexual Trauma in American Art Since 1970") vornimmt: "Fryd konzentriert sich auf feministische Kunst, die die Allgegenwart von Vergewaltigungen in den Vordergrund stellt, und preist diese Kunst wegen ihrer Fähigkeit, die Überlebenden und das öffentliche Bewusstsein zu stärken. Sie konzentriert sich darauf, wie die Erfahrung der Überlebenden und nicht das Handeln des Täters dargestellt wird und wie das den Betrachter beeinflusst. Ihre Studie ist teils soziologisch, indem sie die Beziehung zwischen feministischen Kunstprojekten und feministischem politischem Aktivismus aufzeigt und ihre Auswirkungen auf öffentliche Debatten und Gesetze gegen sexuelle Belästigung und Missbrauch. Ungewöhnlich für eine kunsthistorische Studie ist, dass sich Fryd der 'Traumatheorie' bedient, und zwar sowohl für die Diskussionen der Rolle des Publikums als auch für ihre Analyse feministischer Kunst."

HVG (Ungarn), 30.04.2019

Nach dem die Firma Mahir, welche die Budapester Litfasssäulen besitzt, von einem regierungsnahen Oligarchen aufgekauft hatte, wurde der Vertrag zur wöchentlichen Werbung mit dem aktuellen Titelblatt der Wochenzeitschrift HVG einseitig gekündigt. Die Titelblätter von HVG gehörten in den vergangenen 40 Jahren regelmäßig zum Straßenbild von Budapest, unabhängig vom politischen System und Couleur der Regierung. Jetzt wird es für unabhängige Medien noch schwieriger, ihre Botschaften in der Öffentlichkeit zu platzieren, wobei dieser Schritt auch einen symbolischen Charakter hat, meint Ibolya Jakus, Chefredakteurin von HVG: "Die Titelseiten von HVG waren seit Jahrzehnten Woche für Woche auf den Straßen. Jetzt geht die Paranoia der Macht so weit, dass sie den Schnipser, die Pointe von den öffentlichen Plätzen verbannt und jeden Quadratzentimeter mit von Kriegsverbrechern geklauter Hasspropaganda füllt, die nur vorübergehend leiser gedreht wurde. Orbán setzt den bekanntesten Straßenbetrug bei der Kampagne ein: das Hütchenspiel. Der Migrant ist hier, der Migrant ist da - es gibt keinen Migranten. Er tut all dies unter Berufung auf die Verteidigung der christlichen Kultur. Darunter versteht er, dass selbst der Vater, der Sohn und der Scheinheilige jederzeit zu märchenhaftem Reichtum kommen können und dass das Gebot 'du sollst nicht stehlen' jederzeit mit einer Zweidrittel-Mehrheit außer Kraft gesetzt werden kann."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn, Pressefreiheit

London Review of Books (UK), 29.04.2019

In Nigeria hat sich der frühere Militärherrscher Muhammadu Buhari gerade erneut als Präsident bestätigen lassen, mit einer kläglichen Wahlbeteiligung von 35 Prozent. Dass er sich gern zum Kämpfer gegen Korruption und Disziplinlosigkeit stilisiert, hat ihm also wenig genutzt. Denn meist erfordern die messianischen Kriege gegen Korruption, weiß der britisch-nigerianische Adewale Maja-Pearce, enorme Summen an schmutzigem Geld: "Die Wähler, die Buhari kaufen musste, stammen überwiegend aus dem Südosten Nigerias. In Lagos State lebt eine große christlich geprägte Igbo-Community. Zusammen mit anderen benachbarten Minderheiten im Öl produzierenden Süden - wir nennen ihn Südsüd -, machen sie vierzig Prozent der zwanzig Millionen Bewohner des Bundesstaates aus. Die meisten von ihnen sind Händler, die die großen Märkte versorgen. Für die Buhari-Kampagne war das Problem nicht, dass die Igbo sich für seinen Kontrahenten Atiku begeisterten, sondern dass sie Buhari verabscheuen und in ihm einen unerbittlichen Islamisten sehen (er hat sich Anfang der zweitausender Jahre leidenschaftlich für die Einführung der Scharia eingesetzt). Buhari hat seinerseits die Igbo immer verachtet. Als Brigademajor der nigerianischen Armee kämpfte er im Biafrakrieg gegen sie und erklärte noch 2015 im Wahlkampf, 'er schulde ihnen keine Rechenschaft'. Nach seinem Wahlsieg versuchte er nie, Brücken zu bauen. In einem Interview mit dem amerikanischen Institute of Peace sagte er: Ich hoffe, Sie haben eine Kopie der Wahlergebnisse. Die Wahlkreise, in denen ich fünf Prozent bekam, kann ich ja nicht ernsthaft so behandelt werden wie die, in denen ich 97 Prozent bekam.'"
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Stichwörter: Nigeria, Buhari, Muhammadu

Slate.fr (Frankreich), 29.04.2019

Claire Levenson denkt in einem Essay über Glenn Greenwald nach, der zugleich dezidiertest linker Kritiker etwa der Trumpschen Migrationspolitik ist und dennoch permanent in Sendern wie Fox auftritt, weil er sich mit Trump über das Versagen der "Mainstream"-Presse einig ist und etwa den Mueller-Bericht als einen Super-Gau der etablierten Medien ansieht, obwohl der Bericht vieles bestätigt, was Medien zuvor recherchiert hatten. Greenwald weiß sich hier einig mit Figuren wie Noam Chomsky oder dem Trump-Unterstützer Julian Assange, deren eigentliche Hassfiguren Hillary Clinton und die Demokratische Partei sind: "In Frankreich wird diese radikale Medienkritik von Le Monde Diplomatique aufgenommen, die von einem 'Tschernobyl der Medien' und einer 'spektakulären Ohrfeige für praktisch alle großen amerikanischen Medien' gesprochen hat. (...) Für Journalisten wie Greenwald, die sich als Alternative zu den 'Mainstream-Medien' sehen, ist es essenziell, die anderen Medien zu diskreditieren, zu sagen, dass ein alt-right-Medium wie Breitbart auch nicht so anders sei als die Washington Post (...) Dieser diskreditierende Diskurs von Medien, die sonst Trump scharf ablehnen, wird von Trump und seinen Weggenossen regelmäßig genutzt, um ihre eigenen Lügen zu verteidigen."
Archiv: Slate.fr
Stichwörter: Greenwald, Glenn

Artforum (USA), 30.04.2019

Nicole Eisenman, Portrait of Eileen Myles as a Man, 2015, courtesy Anton Kern Gallery
Johanna Fateman stellt die neorealistische amerikanische Malerin und Bildhauerin Nicole Eisenman vor: "In drei Jahrzehnten des Zeichnens, Malens und Druckens hat Eisenman eine Welt aus allen möglichen kunsthistorischen Formen der Figuration erschaffen und sich mit leichter Hand und auf oft komische Weise bei Stilen und Techniken bedient. In ihrem äußerst vielseitigen Werk gibt es eine sensibel beobachtete queere Morphologie, harte Flächen mit weichen Körpern und umgekehrt. Frisuren, T-Shirts, Schuhe, Kostüme, gekrümmte Silhouetten entziehen sich einer eindeutigen Kategorisierung. In der Vergangenheit haben Eisenmans eigene Sexualität und geschlechtsneutrale Haltung zu bestimmten Interpretationen geführt - mehrdeutige Charaktere wurden als Lesben gelesen - doch wer kann sagen, welche Identität ihre Figuren haben? In unserem Gespräch vermenschlicht sie ihre 'guys' von sich aus, als wollte sie behaupten, es läge an ihnen zu entscheiden." Fateman unterhält sich mit der Künstlerin auch über ihre Arbeit für die Skulptur Projekte Münster, die mit Hakenkreuzen beschmiert wurde: "Als wir auf 'Sketch for a Fountain' von 2017 kommen, spricht Eisenman von der Schwierigkeit, sich eine geschlechtsneutrale Figur (hier sogar fünf) im realen Raum vorzustellen. Die Körper sind 'groß, stark, schwer und, obwohl mich das Wortes langweilt, queer', erklärt sie. Die Suche nach Körper-Positionen oder Haltungen für diese nackten Zwischenwesen war eine Herausforderung … Am Vorabend der Bundestagswahl, mit der die AfD erstmals ins Parlament einzog, wurde Eisenmans Brunnen mit einem Hakenkreuz und einem Penis  beschmiert, Gesichter und Schritt der Figuren mit grellem Blau angemalt."
Archiv: Artforum
Stichwörter: Eisenman, Nicole, AfD

Elet es Irodalom (Ungarn), 26.04.2019

Die Bauarbeiten, mit denen der Budapester Kossuth Platz, der zentralen Platz vor dem ungarischen Parlamentsgebäude, in den Zustand aus dem Jahr 1944 versetzt wurde, waren im vergangenen Jahr beendet worden. Kurz vor Ostern wurden Pläne der Regierung bekannt, die zum hundertsten Jahrestag des Friedensvertrages von Trianon - ein Teil der Versailler Verträge nach dem ersten Weltkrieg, bei dem Ungarn zweidrittel seines Territoriums verlor - von dem Platz aus ein hundert Meter langes und vier Meter breites und tiefes, begehbares Mahnmal des nationalen Zusammenhalts errichten will, an dessen Wände die Ortsnamen Ungarns von 1913 eingemeißelt werden sollen. Der Kunsthistoriker József Mélyi interpretiert den durch dieses Mahnmal entstehenden Raum: "Das Mahnmal des Nationalen Zusammenhalts ist an sich die Illustration des Gesetzes über den Tag des Nationalen Zusammenhalts, welches die Orbán-Regierung nach ihrer Konstituierung 2010 als erstes verabschiedete. Gleichzeitig ist es ein symbolischer Raum, welcher die natürliche Einheit betont und den vor Trianon existierenden 'nationalen Zustand' wiederherzustellen anvisiert, wobei er mit allen neuen und rekonstruierten Symbolen die Opferrolle betont und Ausdruck einer ethnisch begründeten Nationen- und Geschichtspolitik ist. Der Kossuth Platz und seine Umgebung ist die Ableitung einer Ideologie der nationalen Sakralität einer homogenen religiösen Gemeinschaft, die als erstrebenswert, ja gar als gegeben betrachtet wird und deren zentrales Element die im Parlament platzierte Heilige Stephanskrone ist. All dies ist nicht neu, denn das nationale Glaubensbekenntnis, die Präambel des 'granitharten' Grundgesetzes enthält dies ebenfalls."

Times Literary Supplement (UK), 29.04.2019

Der Reporter Robert Caro hat mit seinen Biografien über den Stadtplaner Robert Moses und Präsident Lyndon Johnson Maßstäbe gesetzt. In seinem Band "Working" gibt er nicht unbedingt Anleitungen zum Biografieschreiben, räumt Ruth Scurr ein, dennoch zeigt ihr Caro, worauf es ankommt: Stil und Rhythmus, aber vor allem Recherche: "Dem Autor geht es nicht um große Männer, sondern um politische Macht. Caro ist kein Hagiograf oder Heldenverehrer. Er will verstehen, wie Macht wirklich funktioniert, nicht theoretisch, sondern praktisch. Er will wissen, wie ökonomische Stärke in politische Potenz umgewandelt wird, und welche menschlichen Kosten mit dieser Alchemie verbunden sind. Um Macht zu verstehen, betont Caro, muss man die Machtlosen verstehen, über die Macht ausgeübt wird. In 'The Power Broker' geht es um Stadtplanung. Wir konnte Robert Moses (1888-1981), der niemals in ein öffentliches Amt gewählt wurde, dieses in einer Demokratie unbekannte Maß an Macht ansammeln, um sieben Brücken zu bauen, fünfzehn Schnellstraßen und sechzehn Autostraßen und damit aus einer Ansammlung mehrerer Inseln das moderne New York schaffen? In 'The Years of Lyndon Johnson' geht es um nationale Macht. Lyndon Baines Johnson (1908-73), argumentiert Caro, erreichte etwas, was - zumindest in den hundert Jahre zuvor - niemandem sonst gelungen war: Er brachte den Senat zum Funktionieren."

Respekt (Tschechien), 25.04.2019

Anlässlich ihres Auftritts in Prag unterhält sich Petr Horký mit der Moskauer Elektropop-Band Ic3peak, die in Russland keine Konzerte mehr geben darf. Vor allem eines ihrer Musikvideos, "Den Tod gibt es nicht mehr", das auf Youtube über 24-Millionen-mal abgerufen wurde, bewirkte das Verbot. Der Clip beginnt vor dem russischen Regierungssitz, wo die Sängerin Anastasia Kreslina rapt: "Ich gieße mir Petroleum in die Augen, alles soll niederbrennen. Ganz Russland beobachtet mich, alles soll niederbrennen." An anderen Stellen verzehrt sie rohes Fleisch vor dem Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz oder sitzt vor dem Gebäude des Geheimdienstes FSB auf den Schultern eines Einsatzpolizisten. In der Folge wurden ihre Konzerte durch Polizisten gestört. "Vor dem Konzert in Perm erschienen FSB-Agenten in der Kulisse und erklärten uns, sie würden keine Leute in den Club lassen. Den Clubbesitzer nahmen sie fest. Und sie erklärten uns, wir sollten die Stadt verlassen, wir seien hier nicht willkommen", berichtet Bandmitglied Nikolaj Kostyljev. "Wir riefen unsere Anwältin an. Sie wollten sie nicht zu uns lassen, aber schließlich gelang es ihr. Man wollte uns einfach aus der Stadt rauswerfen. Wir weigerten uns, also beschlossen sie, uns nachzufolgen. Wir haben über Uber ein Taxi gerufen und dem Fahrer gesagt, er soll uns durch die Stadt fahren. Das Auto des FSB war immer direkt hinter uns, wie in einem Kriminalfilm. Als wir zu unserem Hotel kamen, blieb das FSB-Auto die ganze Nacht über vor dem Gebäude stehen. Wir wurden sie erst los, als wir am nächsten Tag am Bahnhof in den Zug stiegen und die Stadt verließen. Aber auf der Tournee haben sie noch andere Konzerte verhindert. Meistens haben sie nicht uns bedrängt, sondern die Clubbesitzer, denen sie schon länger Druck gemacht hatten, die Veranstaltung abzusagen."



Wer hinter all dem genau steckt, weiß Kostyljev selbst nicht zu sagen: "Das ganze System erscheint mir sehr chaotisch. Von befreundeten Journalisten haben wir erfahren, dass einige Leute im Staatsapparat nichts gegen uns haben, andere schon. Es gibt nicht die eine Stimme." Sängerin Kreslina meint: "Ich glaube, sie haben Angst vor uns, weil wir die junge Generation sind, die anders denkt als sie. Wir denken unabhängig und haben viele Fans. Und nicht nur wir, auch andere junge Musiker, deren Konzerte verhindert wurden. Sie beobachten das. Sie wissen, dass in ein paar Jahren wir dieses Land leiten werden. Und sie haben Angst, dass sie ihre Macht verlieren. Ich glaube, so einfach ist das." Es sei fast unmöglich, in diesen Zeiten nicht politisch zu sein. Und Kostyljev ergänzt: "Es muss sich etwas ändern. Schließlich können doch nicht alle jungen Leute emigrieren. Eine strengere Regulierung des russischen Internets steht bevor, nach dem Vorbild Chinas und seiner riesigen Firewall. Die Gesetze dazu sind schon verabschiedet und auch das Budget. Das begann vor einem Jahr, und wir konnten es zuerst nicht glauben - und jetzt sehen wir, dass es geschieht. Ich glaube jedoch, die Leute werden etwas dagegen unternehmen."
Archiv: Respekt
Stichwörter: Ic3peak, Russland

The Nation (USA), 22.04.2019

Der Politologe Jan-Werner Müller, selbst Autor eines viel gehandelten Buchs über Rechtspopulismus, mokiert sich über die "democracy-defense industry", womit er all jene Bücher von Politologen und Historikern meint, die dem Sinn nach schreiben: "Die Demokratie liegt im Sterben, aber Sie können sie retten… indem sie mein Buch kaufen." Zwei Büchern erweist er dennoch die Ehre einer Besprechung, "How Democracies Dies" von Steven Levitsky und Daniel Ziblatt (das auch schon auf Deutsch erschienen und vielfach besprochen ist) und "How Democracy Ends" von David Runciman. Beiden attestiert er gewisse Verdienste. Aber Ziblatt und Levitsky wirft er Elitismus vor, während er Runciman, der die Gefahr in Facebook und China sieht, eher zustimmt. Wie tiefschürfend Müller eigene demokratietheoretische Erwägungen sind, mag man mit folgenden Sätzen ermessen: "Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Demokratie nur funktioniert, wenn man nett ist oder es einen Konsens über die Einhaltung von Normen gibt - als ob es in Ordnung wäre, einen Apartheidstaat zu führen, solange höfliche Herren aus den Südstaaten es tun. Entscheidend ist nicht, wie man Konflikte verhindert, sondern wie man sie versteht."
Archiv: The Nation

Hindustan Times (Indien), 26.04.2019

Man muss schon bis zurück zu Salman Rushdies "Mitternachtskindern" gehen, um eine ähnlich wilde Mischung zu finden wie in H.M. Naqvis "The Selected Works of Abdullah the Cossack", meint Vivek Menezes in einer schwungvollen Besprechung des neuen Romans des aus Karatschi - oder "Currachee", wie er selbst es nennt - stammenden Autors: "In den 'Gesammelten Werken von Abdullah, dem Kosaken' gibt es jede Menge Wendungen und Geheimnisse, aber davon soll hier nichts verraten werden. Dennoch sollten Sie wissen, dass der Roman oft mutig ist. Als seine Bankkassierer 'Allah-Hafiz' zu ihm sagt, weist der Kosake sie zurecht, 'Khuda-hafiz. Der richtige Gebrauch ist Khuda-hafiz.' 'Aber Khuda könnte jeder Gott sein', zwitschert sie.... Ich fauche zurück: 'Und ich könnte jeden Glauben haben. Ich könnte Ram, Zarathustra, Taus Melak verehren. Als Muslimin solltest du doppelt, nein dreifach darauf bedacht sein, anderen entgegenzukommen.' Anderswo, wenn er von einem 'lupine lad' angesprochen wird, der 'Tum musalman ho?' verlangt, explodiert der Kosake: 'Das ist Currachee! Das ist meine Stadt! Ich könnte katholisch, protestantisch, pfingstlich, Hindoo, Amil, Parsee sein. Ich könnte Schiit, Sunnit, Ismaili, Bohra, Barelvi, Sufi, Chisty, Naqshbandy, Suhrawady, Wajoodi, Malamati, Dehria, alles, alles sein. Wenn du solche Fragen stellen willst, dann geh zurück nach Kabul!'"

The Ringer (USA), 25.04.2019

Der am 14. April verstorbene Science-Fiction-Autor Gene Wolfe war in erster Linie das, was man im englischsprachigen Raum einen "writer's writer" nennt. In Deutschland ist er kaum bekannt (deutsche Ausgaben sind lediglich antiquarisch erhältlich), in den USA galt er als, wenn auch gefeierter, Außenseiter. Insbesondere mit seinen erzählerisch experimentellen "Büchern der Neuen Sonne" hat sich Wolfe als Literat in der Tradition der klassischen Moderne erwiesen, schreibt Brian Phillips in einem großen Abriss von Leben und Werk dieses Autors, der im Brotjob lange Zeit für die Chips-Marke Pringles und als Redakteur für ein Gärtner-Fachmagazin arbeitete, während er sich in seiner Freizeit nicht so sehr Genrekost, sondern vor allem die großen Klassiker des westlichen Literaturkanons einverleibte. "Die vier 'Bücher der Neuen Sonne' stellen einen dergroßen, sonderbaren Triumphe der amerikanischen Phantastik dar: eine Geschichte, die Science-Fiction mit Pulp-Fantasy verschmilzt und beides dann wiederum mit modernistischen narrativen Techniken, katholischer Theologie und Proust'scher Meditation (die New York Times ergänzte das noch um 'Spenser'sche Allegorie, Swift'sche Satire, Dickens'sches gesellschaftliches Bewusstsein und Wagnerianische Mythologie' und das aus gutem Grund). ... Hätten Henri Bergson und St. Augustine gemeinsam eine Ausgabe des Pulpmagazins Weird Tales aus den 30ern zusammengestellt, wäre das Ergebnis diesem Text wohl ziemlich nahe gekommen. Es ist sonderbar genug, dass er überhaupt von irgend jemandem geschrieben wurde. Dass er von dem Typen geschrieben wurde, der sich seinen Kopf über die Zubereitung von Pringles-Chips zerbrochen hat, ist nicht viel aufregender als jede andere Möglichkeit. 'New Sun' wird von Severian erzählt, einem Lehrling aus der Gilde der Folterer, der gemeinsam mit seiner Gilde in einer mysteriösen Festung namens 'die Zitadelle' lebt. Zunächst scheint das Buch in einer mittelalterlichen Fantasywelt angesiedelt zu sein. Doch allmählich wird klar, dass Urth, die Welt dieses Buchs, tatsächlich eine Welt weit in der Zukunft darstellt, deren gegenwärtige Zivilisation sich lediglich in mancher Hinsicht (und, was rasch klar wird, in manch anderen nicht) mittelalterlicher Technologie annähert. Diese Zivilisation ist gebaut auf den Trümmern zahlloser anderer. Die Zitadelle selbst scheint eine Art zerstörtes Raumschiff zu sein. ... Die Sprache des Buchs ist reich, sonderbar, wunderschön und oft buchstäblich unverständlich."
Archiv: The Ringer