Magazinrundschau

Das Rascheln des Rivalen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.11.2017. In der New York Review of Books erkennt Charles Simic mit Czeslaw Milosz die Tragik des polnisches Dichters. In Eurozine folgt Sergei Lebedew dem unheimlichen Instinkt des Gulag-Forschers Yuri Dmitriew in den Norden. Tablet fragt, warum die muslimischen Opfer des Attentäters Mohamed Merah so allein dastehen. In 168 ora wünschen sich Lilla Sárosdi und Arpad Schilling ein Ungarn, in dem Taten Konsequenzen haben. Le Monde diplomatique beobachtet Geparden bei der Jagd auf Nilpferde. The Atlantic lernt von Liu Cixin die Ohren im dunklen Wald zu spitzen. Und der New Statesman weiß, wer sich Fötenzellen in die Pobacken spritzen ließ.

New Statesman (UK), 14.11.2017

Ewiges Leben, Verjüngung, Erschaffung des Supermenschen - in den letzten hundert Jahren haben sich die Vorstellungen von der Zukunft nicht wesentlich geändert, stellt John Gray nach der Lektüre von Peter Bowles "History of the Future" fest, die untersucht, wie unterschiedliche Zukunftsvorstellungen in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts Literatur, Wissenschaft und öffentliche Wahrnehmung prägten. In dem an interessanten Anekdoten reichen Buch, erfährt Gray nicht nur, dass der Schweizer Arzt Paul Niehans in den sechziger Jahren Fötengewebe von frisch geschlachteten Schafen in die Pobacken von Somerset Maugham, Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Thomas Mann, Konrad Adenauer oder Papst Pius XII spritzte, sondern er liest hier auch, dass viele progressive Denker die neuen Technologien gern aufnahmen, um sie für regressive Zwecke zu nutzen, wie Bowler am Beispiel von H.G. Wells Einstellung zur Eugenik zeigt: "Wie Bowler bemerkt, freute sich Wells auf eine Zukunft, in der 'die Unfähigen schmerzlos beseitigt, die psychisch Kranken zum Selbstmord aus Pflichtgefühl ermuntert und die unterlegenen Rassen der Welt aussterben würden'. Als er in seiner 1901 erstmals veröffentlichten, wissenschaftlichen Studie 'Anticipations' über die Zukunft der 'Schwärme von schwarzen und gelben und braunen Menschen', die aus Gründen der Effizienz in einem wissenschaftlich geordneten Weltstaat 'nicht gebraucht' würden, nachdachte, kam Wells zu dem Schluss, dass diese und andere 'ineffizienten' menschlichen Gruppen verschwinden müssten: 'Die Welt ist keine gemeinnützige Einrichtung, und ich nehme an, sie werden gehen müssen.' Hier drückte Wells eine Sicht auf den menschlichen Fortschritt aus, die er nie revidierte."

Tablet (USA), 14.11.2017

Im März 2012 tötete Mohamed Merah in Toulouse den französischen Soldaten Imad Ibn-Ziaten, vier Tage später die Soldaten Mohamed Legouad und Abel Chenouf, er schoss auch auf Loïc Liber, der als einziger überlebte. Zwei Tage später baute er sich vor der Ozar ha Torah Schule in Toulouse auf und erschoss einen Vater und drei Kinder. Mohamed wurde später von einem Sicherheitskommando getötet. Seinem Bruder Abdelkader, einem fanatischen Islamisten, wurde in Toulouse der Prozess gemacht. Marc Weitzmann hört die Zeugenaussagen und ist entsetzt, wie die muslimischen Hinterbliebenen vom Staat, ihren eigenen Imamen und linken Weltverbesserern behandelt wurden: Die Polizei behandelte sie als Verdächtige. "Ein anderer Grund für ihre Einsamkeit war die fehlende Unterstützung durch andere Muslime. Nicht ein Repräsentant der muslimischen Organisationen in Frankreich zeigte Solidarität und kondolierte ihnen. Nicht einer besuchte den Prozess oder machte auch nur die kleinste öffentliche Geste in ihre Richtung. Der Gegensatz zu den jüdischen Familien hätte nicht frappierender sein können ... Nein, die Juden, die so allein in der französischen Gesellschaft sind, waren nicht allein im Gerichtssaal. Aber die muslimischen Familien waren es. Kein Imam zeigte sich. Keiner der Linken, die so eifrig gegen 'Islamophobie' protestieren und den Rassismus und die soziale Diskriminierung verteufeln, schrieb auch nur ein einziges Wort der Unterstützung für Ibn Ziaten und die Lagouen Familien."

In einem zweiten, ebenfalls sehr lesenswerten Artikel beschreibt Weitzmann das an Berlin erinnernde totale Versagen der französischen Behörden im Fall Merah.
Archiv: Tablet

New York Review of Books (USA), 23.11.2017

Charles Simic blickt auf das Leben des polnischen Dichters, Diplomaten, Exilanten und Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz, dessen Lebensgeschichte die gesamten Verwerfungen des 20. Jahrhunderts erfasst, wie er auch in Andrzej Franaszeks Biografie nachlesen kann: die beiden Weltkriege, die Russische Revolution, den Nationalsozialismus, das besetzte und das kommunistische Polen. Dass Milosz dichterisch auf Distanz zur Moderne blieb und auf den Realitätsgehalt eines Gedichts pochte, kann Simic bei einer Biografie nur zu gut verstehen, in der es immer ums Ganze ging: "Ich erinnere mich, mit meiner Frau bei einem älteren, sehr kultivierten polnischen Paar in new Hampshire vor ungefähr vierzig Jahren. Wir verstanden uns hervorragend, bis mir entfuhr, wie sehr ich Czeslaw Milosz liebe. Sie erstarrten. 'Er war Abschaum', knurrte der freundliche alte Herr, sichtlich erregt. Ich hatte gehört, um die Reaktion zu verstehen: dass Milosz sich geweigert hatte, 1944 am Warschauer Aufstand gegen die Nazis teilzunehmen, und dass er nach dem Krieg Diplomat für die kommunistische Regierung wurde und als Kulturattaché in New York, Washington und Paris diente. Für die meisten Polen war der Aufstand, den die polnische Exilregierung in London angeordnet hatte, ein heroisches Aufbegehren, nobilitiert durch den Kult patriotischer Tapferkeit. Aber der Aufstand führte zum Tod von zweihunderttausend Menschen in Straßenkämpfen und zur Zerstörung Warschaus. Für Milosz war er ein sinnloser Akt, der unschuldige Menschen das Leben kostete. Aber mehr noch, er glaubte, ihm sei ein anderes Schicksal beschiedene. Laut einem Freund hatte er zu seiner Frau gesagt, 'dass es für ihn darauf ankomme, den Krieg zu überleben: Seine Aufgabe sei es zu schreiben, nicht zu kämpfen.' Da auch meine Familie wie so viele in Osteuropa gespalten, die einen wollten überleben, die anderen kämpfen. Heute verstehen ich nur zu gut die unmögliche Situation der Polen und denke, dass beide auf tragische Weise recht und unrecht hatten."

Benjamin Nathans liest Yuri Slezkines Saga der Russischen Reolution "The House of Government". Frances FitzGerald bespricht noch einmal Ken Burns und Lynn Novicks Dokumentation "The Vietnam War".
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Eurozine (Österreich), 14.11.2017

Eurozine hat einen Essay des russischen Autors Sergei Lebedew ins Englische übersetzt, der die Arbeit des Gulag-Forschers Yuri Dmitriew zum Thema hat. Dmitriew hat den unheimlichen Instinkt jener, die in Katastrophengebieten Opfer suchen, so Lebedew: "Sie fühlen, ahnen, sehen vorher, wo eine Gruppe gestorben sein könnte, was sie getötet haben könnte. Anderenfalls würde man sie nie finden, die Taiga ist zu riesig. Dmitriews Gabe, zusammen mit seinen erstaunlichen Fähigkeiten als Archivar und der Beharrlichkeit des Forschers mit dem entwickelten Gespür des Taiga-Spezialisten, ist von dieser Art. Diese Gabe ist ein Ruf und eine traurige Pflicht zu suchen; man kann sie nicht ablehnen, sublimieren, in etwas anderes umleiten. Solche Menschen sind lebende Radare; jeder auf einer bestimmten Wellenlänge. Sie können schwierig sein im Leben; die Gabe gibt nicht nur, sie nimmt auch. Sie kümmern sich nicht um wichtige Dinge und verstehen das Offensichtliche nicht. Sie wissen nicht, wie man aufhört, wie man seine Gefühle und Aktionen einteilt. Manchmal sind sie so selektiv blind wie sie selektiv sehend sind, fähig zum Hellsehen und zu Visionen. Sie sind die legendären Figuren des Nordens, Protagonisten der professionellen Folklore, Lokalhelden. Sie wissen wie man die disparaten kleinen Wörter des Nordens findet und zu etwas Ganzem zusammensetzt. Die Forscher und Scouts sind die ersten Agenten der Zivilisation, die Pioniere, die die Straßen bauen. Yuri Dmitriew bringt die Zivilisation zurück zu Orten, wo sie einst gewesen ist, in der kranken und antizivilisatorischen Form des Gulags, der nur die verborgenen Geschwüre der namenlosen Lagergräber hinterließ."

Außerdem: Manfred Sapper und Volker Weichsel schreiben anlässlich des 100. Jahrestags der Oktoberrevolution über die russische Erinnerungspolitik. Naubet Bisenov erzählt, dass die Annexion der Krim die russlandfreundlichen Kasachen vorsichtig gemacht hat.
Archiv: Eurozine

168 ora (Ungarn), 13.11.2017

Auch Ungarn diskutiert sexuelle Übergriffe im Kunstbetrieb, nachdem die Schauspielerin Lilla Sárosdi öffentlich gemacht hat, dass sie vor einigen Jahren von Regisseur László Marton sexuell belästigt wurde. Als auch andere Frauen von ähnlichen Fällen berichteten, trat Marton von seinen Ämtern an der Hochschule für darstellende und Filmkünste zurück, das Budapester Vígtheater beurlaubte ihn als Generaldirektor. Es wurde aber auch bekannt, dass schon vor zwei Jahren ein Theater in Toronto die Zusammenarbeit mit Marton wegen ähnlicher Vorfälle beendet hatte. Im Doppel-Interview sprechen Lilla Sárosdi und ihr Mann, der Regisseur Árpád Schilling über die Vorfälle. Schilling etwa fordert mehr Konsequenz: "Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, dass die Täter nicht davon kommen. Die Taten sollen Konsequenzen haben. Das wollen wir doch, oder? Gleichzeitig müssen wir weitere Belästigungen verhindern. Ein Berufsanfänger - Tänzer oder Schauspieler - soll nicht damit rechnen müssen, dass ein mächtiger Direktor ihn oder sie schlagen oder belästigen kann... Die Zeit, in der einige nach Lust und Laune andere verunglimpfen können, ist vorbei. Sie muss vorbei sein! In Kanada ist László Marton aufgefallen, weil sein Opfer kein Problem damit hatte, den dortigen Direktor um Hilfe zu bitten. Hierzulande kommen wir nicht weiter, wenn wir lediglich immer weitere verdorbene Karotten aus der Erde ziehen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Karotten verderben."
Archiv: 168 ora

Hospodarske noviny (Tschechien), 10.11.2017

Magdalena Čechlovská bespricht eine Ausstellung im Prager Museum Kampa, in der noch bis 11. Februar Werke des tschechischen Künstlers Emil Filla und seiner Zeitgenossen gezeigt werden. Während Filla vor allem als wichtiger Vertreter des Expressionismus und Kubismus bekannt ist, war sein Bezug zum Surrealismus bislang noch nicht so deutlich gezeigt worden. Das Surreale komme besonders in der Darstellung des weiblichen Körpers zum Ausdruck, den Filla wie Picasso als organischen, formbaren Klumpen an der Grenze zum Grausamen, Krampfhaften gestaltete, schreibt Čechlovská, die auch an Fillas Schicksal erinnert. "Emil Filla, der es gewohnt war, in der ersten Reihe der um die Form der Kunst ringenden Intellektuellen zu stehen, kam auch bei den Verhaftungen als einer der Ersten an die Reihe. Die Gestapo holte ihn am 1. September 1939 ab. Die Nationalsozialisten verschleppten ihn, genau wie den Maler Josef Čapek, zunächst ins KZ Dachau, dann nach Buchenwald. Anders als Čapek hatte er das Glück, das Lager zu überleben."
Stichwörter: Emil Filla

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 09.11.2017

Olivier Piot stellt die Riege afrikanischer Superreicher vor, die sich gern auf den Titelseiten der Wirtschaftsmagazine als die Retter des Kontinents in Szene setzen lassen: der nigerianische Milliardär Tony Elumelu etwa, der schwarze Südafrikaner Patrice Mot­se­pe oder der einstige äthiopische Spitzenathlet Haile Gebrselassie: "Dank ihres Erfolgs, ihrer Medienpräsenz und ihrer Vorträge über das 'moderne Afrika' schneiden diese Milliardäre in der öffentlichen Meinung besser ab als die politischen Machthaber. Letztere behindern mit ihrer Schwerfälligkeit seit Jahrzehnten die Entwicklung des Kontinents. 'Pflichtvergessene Nilpferde' nennt sie deshalb der ghanaische Soziologe George Ayitey und umschmeichelt die reichen Wohltäter als 'Geparden'. Im Gegensatz zu den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit sind die Staaten und die großen ausländischen Privatinvestoren nicht mehr die einzigen Förderer der Entwicklung. Obwohl in Afrika nach wie vor Massenarmut herrscht, profitiert eine wachsende Zahl von Afrikanern von der Dynamik des Afrikapitalismus. In einzelnen Ländern und Regionen, aber auch auf dem ganzen Kontinent erleben afrikanische Unternehmen und Privatbanken einen Aufschwung, von Dangote Cement und der Guaranty Trust Bank in Nigeria über die RMB Holdings und Standard Bank in Südafrika bis zu der marokkanischen Attijariwafa Bank."

Weiteres: Sébastien Bauer versucht, den katalanischen Knoten zu entwirren. Miguel de la Riva blickt auf die rechtskonservative Melange, die sich in Wien zusammenbraut.

New Yorker (USA), 20.11.2017

Nathan Heller betrachtet das Erbe der legendären Chefredakteurin Tina Brown, die in ihren "Vanity Fair Diaries" darüber schreibt, wie sie New Yorks Hochglanzmagazinen die richtige Mischung verpasste. "Jeder New Yorker Bildungsroman hat im Grunde denselben Plot. Eine etwas naive Außenseiterin begibt sich halb beängstigt, halb belustigt unter die weltläufigen, gesättigten Löwen der Stadt, wohlwissend, dass sie nicht zu diesen mächtigen, alteingesessenen irgendwie schrecklichen New Yorkern gehört, bis sie eines Tages aufwacht und entdeckt, dass sie zu diesen mächtigen, alteingesessenen, irgendwie schrecklichen New Yorkern gehört. In Browns Version kommt ein Gefühl hinzu, das sie von Beginn an spürt und nie ablegen wird: Sie schwelgt in der Überzeugung, dass ihr wahres kreatives Leben anderswo schlummert. 'Amerika ist zu groß, zu reich, zu getrieben', schreibt sie. 'Amerika muss redigiert werden.'"

In der aktuellen Technik-Ausgabe des New Yorker ventiliert Sheelah Kolhatkar das eklatante Ungleichgewicht in Macht und Bezahlung zwischen Männer und Frauen im Silicon Valley. Der Schriftsteller Junot Diaz erinnert sich, wie er als Kind in Santo Domingo Spider Man sah. Taylor Clark erklärt, wie man mit dem Spielen von Online-Games reich wird. Hua Hsu schreibt über das Videospiel "Football Manager". Leo Robson liest Joseph Conrad. Und Anthony Lane sah im Kino Kenneth Branaghs "Murder on the Orient Express" und Joachim Triers "Thelma".
Archiv: New Yorker

New York Times (USA), 12.11.2017

In der neuen Ausgabe des Magazins dreht sich alles ums Auto. Bill Wasik erzählt, wie Amerika zur Autonation wurde und wie es nun weitergeht. In diesem Sommer überstieg Teslas Marktwert mit mehr als 60 Milliarden Dollar den von Ford und General Motors, obwohl das Unternehmen noch nie einen Jahresgewinn gemacht hat. In einem anderen Beitrag des Dossiers konkretisiert Jon Gertner diese Aussicht anhand von Teslas hochfahrenden Zukunftsplänen, die eher auf die grüne Technologie zielte als auf die fahrerlose Zukunft: "Elon Musk zielt mit Tesla auf ein Auto, das 'für dich Geld verdient, während du es nicht benutzt'. In anderen Worten, der Tesla der Zukunft könnte Teil einer Sharing-Netzwerks sein und Fremde herumfahren, während sein Besitzer arbeitet oder schläft. Die meisten Pkw stehen 95 Prozent der Zeit herum, anders ein Tesla. Wenn der E-Tesla das Auto effizienter gemacht hat, könnte ein solches Netzwerk auch die Auslastung des Fahrzeugs effizienter machen." Wie weit die Selbstfahr-Technologie wirklich ist und wie genau sie aussehen soll, darüber gehen die Meinungen allerdings noch recht weit auseinander, erklärt Gertner.

En attendant Nadeau (Frankreich), 13.11.2017

Milenka Jaksic stellt ein Buch des Soziologen Yannick Barthe vor, in dem es um Mitarbeiter französischer Atomtests geht, die an Krebs erkrankt sind und den Staat verklagen. Das Buch „"Les retombées du passé - Le paradoxe de la victime" setzt sich darum zugleich auch näher mit dem Begriff des Opfers auseinander: Denn „Opfer zu werden“ habe nichts Selbstverständliches: Die Opfer "müssen zunächst beweisen, dass sie keinerlei Verantwortung an dem Unglück haben, das über sie gekommen ist: Ihr Krebs kommt aus einem Kontakt mit Radioaktivität bei einem Aufenthalt in der Sahara oder der Südsee. Diese Arbeit der 'Ent-Verantwortung' setzt zugleich die Benennung eines Schuldigen voraus. Diese Entkleidung von einer Eigenverantwortung ist insofern problematisch, als sie das Opfer in einer Passivität einschließt... Das Opfer muss zeigen, dass es für den Schaden nichts kann. Passivität aber ist zugleich stigmatisierend und herabsetzend."

The Atlantic (USA), 01.12.2017

Sollte es denn tatsächlich irgendwo im All weitere Intelligenzen geben und sollte es irgendwann einmal tatsächlich dazu kommen, dass Signale von ihnen auf der Erde identifiziert werden, dann hält es Ross Andersen in einer epischen Reportage für gut möglich, dass entsprechende Meldungen aus China kommen werden, wo man in der astronomischen Forschung in den letzten Jahren aufgeschlossen hat. Besonders lesenswert ist diese Reportage aber gar nicht wegen des Staunens über technologische Wunderwerke, sondern durch die Art, wie Andersen dieses Staunen verbindet mit einer handlichen Politik- und Militärgeschichte des west-östlichen Verhältnisses und einem philosophischen Gespräch mit dem auch im Westen erfolgreichen chinesischen Science-Fiction-Autor Liu Cixin. Der nämlich ist äußerst skeptisch, was Szenarien des Ersten Kontakts betrifft: "Keine Zivilisation sollte seine Anwesenheit jemals dem Kosmos offenbaren, sagt er. Jede andere Zivilisation, die davon erfährt, werde deren Anwesenheit als Expansionsandrohung wahrnehmen - wie es alle Zivilisationen tun, die ihre Konkurrenten eliminieren, bis sie selbst auf eine andere stoßen, deren Technologie überlegen ist und die sie dann eliminiert. Diese düstere Sichtweise auf den Kosmos nennt man auch 'Dunkler-Wald-Theorie', weil darin 'jede Zivilisation im Universum als Jäger aufgefasst wird, der sich in einer mondlosen Waldlandschaft verbirgt, die Ohren gespitzt nach dem ersten Rascheln des Rivalen."
Archiv: The Atlantic