Magazinrundschau - Archiv

Hospodarske noviny

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Magazinrundschau vom 15.05.2018 - Hospodarske noviny

Sie fotografierten ihre Texte ab oder stellten schlichte Siebdrucke her - die Verleger der verbotenen Samizdat-Literatur in der kommunistischen Tschechoslowakei der 70er- und 80er-Jahre. Die literaturbegierigen Studenten wiederum tippten die Werke auf Schreibmaschine ab oder liehen sie sich über Nacht zum Lesen aus, bevor sie zum nächsten Interessenten weiterwanderten. Irena Jirků war eine von ihnen und hat in ihrer Reportage für das Wochenmagazin Ego der Hospodarske noviny nach den Verlegern von damals gesucht. Aleš Lederer ist einer der wenigen, der noch einen Verlag besitzt - Prostor - und erzählt, wie er damals über die Vermittlung des Exiltschechen Pavel Tigrid und der westdeutschen Botschaft ein modernes Kopiergerät bekam: "Dadurch konnten wir die Prostor-Revue in einer Auflage von 100 bis 200 Exemplare herausgeben und auf einem grafisch so professionellen Niveau, dass viele der Charta-Unterzeichner, denen wir die Zeitschrift lieferten, erst dachten, es handele sich um eine Fälschung der Sicherheitspolizei." Die größere Verbreitung machte allerdings die Tarnung schwieriger: Das Kopiergerät wechselte ständig die (geheime) Adresse, und die ganze Familie samt Kindern musste beim Vervielfältigen mithelfen. In der zweiten Hälfte der 80er kam ein Computer dazu und Lederer begann, Hrabal und Kundera zu publizieren. Der Verleger Alexander Tomský wiederum publizierte seine Paperbacks im Londoner Exil, zum Teil winzige Miniaturausgaben, die in Waschmittelpackungen versteckt wurden. "Das war eine bewährte Schmuggelmethode. Das Problem war, dass man so kleine Bücher mit der Lupe lesen musste. Aber das haben die Tschechen gern auf sich genommen." Die Amerikaner unter Reagan förderten damals jedes Buch, das Tomský in die ČSSR schicken konnte, und finanzierten auch die Reisekosten der Schmuggelkuriere. "Die Spesenrechnungen musste ich einem CIA-Agenten vorlegen, der jedes Jahr zur Kontrolle kam." Tomský kehrte sofort nach der Samtenen Revolution nach Prag zurück. "Mein Leben spiegelt ziemlich genau die Entwicklung des Buchmarkts wieder. Von 1985 bis etwa 2007 war ich reich. Dann kam der Bruch." Die enorme Bedeutung, die die Literatur für die Tschechen und Slowaken in Zeiten der Unterdrückung besessen habe, sei nun einmal unwiederbringlich vorbei. Aleš Lederer ist optimistischer, was die Lesefreude der Tschechen betrifft. Allerdings hat er auch Elena Ferrante in seinem Programm

Magazinrundschau vom 17.04.2018 - Hospodarske noviny

Nachdem letzte Woche der tschechische Filmregisseur und KZ-Überlebende Juraj Herz starb ("Der Leichenverbrenner"), ist die Filmwelt um eine weitere Größe ärmer: Vor wenigen Tagen starb Miloš Forman, dessen amerikanische Produktionen ("Einer flog übers Kuckucksnest", "Hair", "Amadeus" u.a.) ihn international berühmt machten und dessen tschechisches Frühwerk ("Der schwarze Peter", "Die Liebe einer Blondine", "Der Feuerwehrball") es immer neu wieder zu entdecken gilt. Kamil Fila resümiert, Forman habe sich eindeutig um den tschechischen Staat verdient gemacht, denn dank ihm wüssten Millionen Menschen im Ausland, "dass es da ein seltsames kleines Land in Europa gibt, in dem man Feuerwehrbälle veranstaltet und die Tombola plündert." Fila erinnert aber auch daran, dass viele von Formans Filmen kommerzielle Misserfolge waren. Dass ausgerechnet der im 18. Jahrhundert in Österreich spielende "Amadeus" in den USA so ein Hit wurde, habe damit zu tun, dass "Mozart auf seine Weise ein Comic-Superheld ist, mit musikalischen Superkräften begabt". Formans Lebensthema sei der Kampf der Außenseiter gegen die Institutionen gewesen. "Uns Tschechen schenkte er während des letzten Regimes mit seinen in der Emigration gedrehten Filmen die Hoffnung, dass wir vielleicht eines Tages dem Irrenhaus entkommen würden."

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - Hospodarske noviny

Der tschechische Ökonom und Publizist Tomáš Sedláček denkt darüber nach, wie sich uns einst durch Software wie Windows passend zum Namen "Fenster" in die digitale Welt öffneten, die man nun allmählich in "Doors" umbenennen könnte, da wir zunehmend in diese virtuelle Welt nicht mehr nur hineinschauen, sondern selbst eintreten. Seine frühere Lieblingsband 'The Doors' habe ihren Namen nach Aldous Huxleys Essay 'The Doors of Perception' gewählt, entsprechend dem uralten Bedürfnis des Menschen, auf spirituelle Weise, durch Rituale oder mit Hilfe von Psychedelika in eine andere, fiktive Welt einzutauchen. Womöglich, so Sedláček, wird es irgendwann umgekehrt sein: dass wir nur noch durch kleine Fenster in die reale Welt eintauchen. So wie wir uns die jahrtausendelang prägende, beschwerliche Arbeit irgendwann in wohltuender homöopathischer Dosis gönnen werden. "Schauen wir uns die Landwirtschaft an - früher arbeiteten die meisten Menschen den Großteil ihrer Zeit unter der Sonne auf dem Feld. Heute arbeitet fast niemand mehr auf dem Feld, aber haufenweise Leute haben ihr Gärtchen, in dem sie - als Hobby, zum Vergnügen, für ihre Seelenruhe - ein paar Tomaten ziehen. Vielleicht wird es mit der Realität selbst ebenso werden? Dass aus der Notwendigkeit eine freiwillige Wahl wird, dass die Realität zu einem Event zusammenschrumpft, zu einem Ausschnitt, etwas, das nur noch als Teilmenge wahrgenommen wird? So wie die wilde Natur zu Zoos oder Reservaten zusammengeschrumpft ist."

Und als kleines Schmankerl: Kurz vor den tschechischen Präsidentschaftswahlen gibt der zur Mediengruppe Economia gehörende Video-Nachrichtenkanal DVTV allen Präsidentschaftskandidaten die Gelegenheit für ein 20-minütiges Interview. Der amtierende (notorisch launisch-unzuverlässige) Staatspräsident Miloš Zeman hat jedoch das Gespräch verweigert, worauf der Kanal zwanzig Minuten lang das "Exklusiv-Interview" mit einem leeren Stuhl zeigt.
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Magazinrundschau vom 18.12.2017 - Hospodarske noviny

Im Gespräch mit Daniel Konrád erinnert sich der Schriftsteller Salman Rushdie an seine Begegnungen mit Václav Havel, der ihn, kaum tschechischer Staatspräsident, von Anfang an unterstützt habe. "Es war kurz nach der samtenen Revolution, und Havel hatte kein Vertrauen zur Tschechischen Botschaft, wo offenbar weiterhin Leute aus Sowjetzeiten arbeiteten, deshalb bekam ich eine private Telefonnummer. Ich rief dort an und fragte, ob ich mit Präsident Havel sprechen könnte. Der Mann am Hörer antwortete mir: 'Tut mir leid, aber der Herr Präsident ist gerade auf der Toilette.' Diese unglaubliche Unförmlichkeit gefiel mir ungemein. Es war für mich der Beweis, dass in der Tschechoslowakei wirklich eine Revolution passiert war."

Magazinrundschau vom 21.11.2017 - Hospodarske noviny

Anlässlich des hundertsten Jahrestags der Oktoberrevolution bemerkt der Ökonom Tomáš Sedláček in seiner Kolumne: "Wenn man sich Marx' Ziele anschaut, die er im Kommunistischen Manifest formulierte (kostenfreie Gesundheitsfürsorge, kostenfreie Bildung, Schutz der Arbeitenden), so wurden diese eher vom Kapitalismus realisiert als durch die von ihm vorgeschlagenen Methoden. Der demokratische Kapitalismus hat also den Kommunismus mit seinen eigenen Waffen geschlagen - er konnte dessen Träume erfüllen, ohne seine Methoden zu übernehmen. Ist der demokratische Kapitalismus fehlerlos und nicht zu verbessern? Natürlich nicht! Aber wer möchte heute schon nach Nordkorea emigrieren? Nicht einmal Marx würde es wollen, wenn er noch lebte."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - Hospodarske noviny

Magdalena Čechlovská bespricht eine Ausstellung im Prager Museum Kampa, in der noch bis 11. Februar Werke des tschechischen Künstlers Emil Filla und seiner Zeitgenossen gezeigt werden. Während Filla vor allem als wichtiger Vertreter des Expressionismus und Kubismus bekannt ist, war sein Bezug zum Surrealismus bislang noch nicht so deutlich gezeigt worden. Das Surreale komme besonders in der Darstellung des weiblichen Körpers zum Ausdruck, den Filla wie Picasso als organischen, formbaren Klumpen an der Grenze zum Grausamen, Krampfhaften gestaltete, schreibt Čechlovská, die auch an Fillas Schicksal erinnert. "Emil Filla, der es gewohnt war, in der ersten Reihe der um die Form der Kunst ringenden Intellektuellen zu stehen, kam auch bei den Verhaftungen als einer der Ersten an die Reihe. Die Gestapo holte ihn am 1. September 1939 ab. Die Nationalsozialisten verschleppten ihn, genau wie den Maler Josef Čapek, zunächst ins KZ Dachau, dann nach Buchenwald. Anders als Čapek hatte er das Glück, das Lager zu überleben."

Magazinrundschau vom 24.10.2017 - Hospodarske noviny

Nach dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat Margaret Atwood in Prag den Franz-Kafka-Preis erhalten und in der Václav-Havel-Bibliothek eine Lesung gehalten, wie die Hospodářské noviny berichten. Dabei riet sie jungen Studenten, nicht den Politikern zu glauben, die behaupteten, Geisteswissenschaften seien zu nichts nütze. Diese Politiker wollten nur die Bürger vom kritischen Denken abhalten, das die Menschen dazu bringe, die Aussagen der Politiker in Zweifel zu ziehen. "Eine geisteswissenschaftliche Ausbildung lehrt einen, kritisch zu denken und Geschichten zu analysieren. Gerade heute, wo Fake News die Welt beuteln, haben Absolventen der Geisteswissenschaften die besten Voraussetzungen, zu erkennen, welche von diesen Geschichten wahr sind und welche nicht", meinte Atwood. Der tschechische Staatspräsident Miloš Zeman hatte in der Vergangenheit vorgeschlagen, geisteswissenschaftliche Fächer mit Gebühren zu belegen, da deren Absolventen nur auf dem Arbeitsamt landen würden, und davor gewarnt, wenn "jeder Vergil im Original lese", werde die Tschechische Republik ihre Konkurrenzfähigkeit verlieren.

Magazinrundschau vom 10.10.2017 - Hospodarske noviny

Vergangene Woche starb mit 95 Jahren der große tschechische Dichter František Listopad. Die Hospodářské noviny erinnern an dessen bewegtes europäisches Leben: Seine Mutter starb, als er elf Jahre alt war, seinen jüdischen Verleger-Vater und seine Schwester schickten die Nationalsozialisten ins Konzentrationslager - er selbst entging der Deportation nur knapp, indem er untertauchte und sich einer Widerstandsgruppe anschloss. "Am 9. Mai 1945 drang er mit einer Waffe in der Hand in die deutsche Redaktion des Prager Tagblatts in der Panská ulice, wo er zusammen mit anderen zuerst die Zeitung und später den Verlag Mladá fronta gründete. Von der ersten freien Nachkriegszeitung der Tschechoslowakei habe er innerhalb weniger Stunden auf der Straße 150.000 Exemplare verkauft." Listopad gehörte damals zu der freien Dichtergruppe des sogenannten Dynamoarchismus. 1947 ging er als Korrespondent nach Paris, wo er nach dem kommunistischen Umsturz in seiner Heimat auch blieb und fürs französische Fernsehen arbeitete, in den 50ern zog er weiter nach Portugal, wo er unter dem Namen Jorge Listopad als Theaterregisseur und Universitätsprofessor eine feste Größe der portugiesischen Kultur wurde und wo er bis zuletzt lebte. Seine Gedichte jedoch schrieb er immer nur auf Tschechisch. "Nachts, wenn meine portugiesischen Kinder schliefen", habe Listopad einmal gesagt, "wenn meine Frau schlief, wenn Portugal schlief - dann habe ich ein wenig diese tschechischen Dinge geatmet, den Rhythmus tschechischer Verse, tschechische Worte. Tschechische Worte sind wie ein Schuss für jemanden, der Sehnsucht hat."

Magazinrundschau vom 07.02.2017 - Hospodarske noviny

Bata-SiedlungBata-Siedlung in Zlin. Foto: Michal Růžička, MAFRA
Für ihr neues Buch hat sich die Schriftstellerin Markéta Pilátová mit der faszinierenden Gestalt des tschechischen Schuhfabrikanten der Zwischenkriegszeit Jan Antonín Baťa beschäftigt. Als Großunternehmer ließ er in den Dreißigern im mährischen Zlín von Funktionalisten wie Le Corbusier eine moderne Modellstadt errichten. Dann kamen die Nazis, Baťa flüchtete nach Brasilien und gründete dort mitten im Dschungel Städte nach gleichem Muster, die fast alle den Wortteil "Bata" in ihrem Namen tragen und in denen viele tschechische Exilanten lebten und arbeiteten. Pilátová versucht dem von den Nazis vergraulten und den Kommunisten verleumdeten Fabrikanten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. "Baťa hatte ein großes Ideal im Kopf. Die Ideen, die er in der Heimat verwirklichen konnte, versuchte er auch auf das Chaos des Dschungels zu übertragen, so wie auch das Ideal des Weltbürgers, des moralisch einwandfreien, leistungsfähigen modernen Menschen", schreibt sie. Obwohl die geschichtlichen Ereignisse seine Bemühungen zunichte machten, "hat das Ideal der 'Batamanen' überlebt", meint Pilátová, die selbst in Brasilien Nachfahren der damaligen Emigranten in Tschechisch unterrichtet, "es ist in unserem kollektiven tschechischen Unterbewusstsein immer noch gegenwärtig."

Magazinrundschau vom 29.11.2016 - Hospodarske noviny

Ein höchst aufschlussreiches Gespräch führt Zuzana Válková mit der weißrussischen Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch über die Frage, ob Freiheit für die Menschen in Russland und andernorts überhaupt noch interessant ist. Alexijewitschs Fazit ist ernüchternd: "Nach allem, was ich gehört und gesehen habe, glaube ich, dass die Menschen die Freiheit nicht brauchen. Sie ist ihnen eine Last, was sich an vielen Dingen ablesen lässt. Als nach dem Wechsel des Regimes in Russland auf einmal eine Menge von Zeitungen erschienen, waren die Leute nicht froh - es hat sie verwirrt. Davor hatten sie ein einziges Blatt gelesen, und alles war klar. (…) In Putins Russland ist es wenigstens noch gelungen, eine Höhlenversion des Kapitalismus einzuführen. In Weißrussland dagegen ist die Zeit komplett stehengeblieben. Dort hat sich nichts verändert. Die Weißrussen haben zwar jetzt ein anderes Auto und geringfügig bessere Lebensbedingungen, doch ihre Haltung zum Leben ist immer noch die gleiche. Es sind dieselben sozialistischen Menschen." Alexijewitsch führt es darauf zurück, dass es in Weißrussland kein kollektives Freiheitsgedächtnis gebe. "Die Tschechen haben ein Gedächtnis, das Erinnerungen an freie Zeiten beinhaltet - die Großmutter, die ein Restaurant besaß, der Onkel, der Hotelier war. Aber zum Beispiel mein Vater hatte völlig andere Erinnerungen. Er erzählte mir etwa, wie er als Journalistikstudent nach den Ferien in die Hochschule zurückkehrte und die Hälfte seiner Professoren plötzlich verhaftet waren."