Magazinrundschau

Die unvermeidliche Eruption

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
01.09.2015. Im Merkur erklärt Ernst-Wilhelm Händler, welche Frage den Kunstbetrieb wirklich umtreibt. Flüchtlinge sind Kandidaten für die Freiheit, ruft BHL in La regle du jeu. Die Ungarn zögern, das so zu sehen. The Nation entdeckt die Literatur der Levante. Der New Yorker porträtiert den arabisch-israelischen Autor Sayed Kashua. Der Economist bestaunt die neue Virtual Reality. In Eurozine erklärt Bodó Balázs, warum Schwarzkopien manchmal ein Akt der Notwehr sind.

The Nation (USA), 17.09.2015

Adina Hoffman stellt einige (vielleicht auch für deutsche Verleger) interessante Wiederentdeckungen aus der Literatur der "Levante" vor - Bücher aus der Zeit vor der Gründung Israels und der arabischen Staaten. Da ist einmal Olivia Manning, die in ihrem Romanzyklus "The Levant Trilogy" mit britische Hochnäsigkeit, aber auch Präzision über Kairo und Jerusalem schreibt. Fast noch interessanter Jacqueline Kahanoff, eine jüdische Autorin aus Kairo, die aus einer europäisch orientierten Familie kam und auf Englisch schrieb. Sie erinnert sich auch an die Buntheit Kairos vor den heutigen Konflikten: "So utopisch die Erzählung über eine so genial plurastische Gesellschaft klingt, so erstickend war das Ägypten, in dem sie aufwuchs und so klar war es für sie und ihre Zeitgenossen, dass es explodieren würde. Sie verstand die Gründe für die unvermeidliche Eruption, deren Resultate sie ausschließen würden. Wie sie später schrieb: "Obwohl wir mit den muslimischen Nationalisten sympathisierten, glaubten wir nicht, dass sie fähig wären, die realen Probleme der ägyptischen Gesellschaft zu lösen. Und das konnten sie uns nicht verzeihen.""

Außerdem: Sasha Abramsky erinnert sich an seinen Großvater, den Rabbiner-Sohn und bekennenden Atheisten Chimen Abramsky, der die "größte Bibliothek mit sozialistischer Literatur" zusammengestellt hat. Und André Naffis-Sahely liest den kubanischen SF-Autor Yoss.
Archiv: The Nation

Merkur (Deutschland), 01.09.2015

Wie definiert man heute Kunst, überlegt der Autor Ernst-Wilhelm Händler, wenn universelle ästhetische Kategorien schlicht nicht mehr existieren und die Kunstkritik tot ist. Der einzelne Galerist oder Kurator, selbst wenn er Gagosian oder Obrist heißt, kann niemanden allein zum großen und damit begehrten Künstler adeln, meint er. Auch wenn die meisten Menschen das kaum glauben mögen: "Der Kunstbetrieb ist eine im Vergleich zu anderen Feldern völlig einmalige Kombination von Geld und Machtlosigkeit. Nirgendwo sonst hat so viel Geld so wenig Macht. ... Natürlich würden viele Akteure gerne Geld machen, indem sie zukünftig teure Kunst jetzt billig kaufen. Aber dieses Ziel bildet nicht den eigentlichen Fokus der Kunstszene. Das Angeben mit Kunst ist ein weitverbreiteter niederer Instinkt. Doch eigentlich möchte der Sammler gar nicht mit dem Preis, mit der Berühmtheit der von ihm erworbenen Kunst prahlen. Nichts kann sich mit der Aura eines Sammlers messen, der in der Zeit Kunst zu vertretbaren Preisen erworben hat, die später berühmt und teuer geworden ist. Was der Sammler tatsächlich möchte: Dass man sagt, er verstehe wirklich etwas von Kunst. Wird diese Kunst erfolgreich sein? Das ist die zentrale Frage, die alle Beteiligten des Kunstbetriebs umtreibt. "

Für den argentinischen Schriftsteller Cesar Aira lässt sich Kunst dagegen in einem Satz definieren: "Das Werk wird heute Kunstwerk, sobald es nur seiner Reproduzierbarkeit einen Schritt voraus ist."
Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 31.08.2015

Ruth Margalit porträtiert den arabisch-israelischen Autor Sayed Kashua als Ausnahmeerscheinung in Israel: ein arabischer Israeli, der auf Hebräisch schreibt, dessen Kolumnen in israelischen Zeitungen erscheinen und der eine höchst erfolgreiche Fernsehserie geschrieben hat - eine Komödie über die jüdisch-arabischen Beziehungen am Beispiel eines Arabers, der alles tut, um von der israelischen Gesellschaft als Gleicher akzeptiert zu werden und immer wieder scheitert. Die Sendung lief zur Prime Time im israelischen Fernsehen, obwohl die Hauptfigur hauptsächlich Arabisch (Hebräisch untertitelt) spricht. Inzwischen lebt Kashua mit seiner Familie in den USA, weil er die Situation in Israel unerträglich findet: Auf der einen Seite immer fanatischere Israelis, auf der anderen Seite Araber, die ihn als Kollaborateur betrachten. "Feigenblatt-Schau" nannte Amal Jamal, Politikwissenschaftler an der Universität von Tel Aviv, die Serie. "Andere attackierten Kashua persönlich. Eine Zeitung, verbunden mit der Islamisten-Bewegung, nannte ihn einen "Sklaven der jüdischen Meister". In seinem Heimatort Tira kursierten Pamphlete, die ihn als "jüdisches Schwein" beschimpften. ... Die Kritik und Verunglimpfung reflektierend, sagt er: "Man hört solche Dinge und denkt: Mist, für wen trage ich denn diese Lasten?" Gleichzeitig fragt er sich, ob seine arabischen Kritiker nicht Recht haben. "Wissen Sie, was mir stinkt? Mit dieser Straße, die ich genommen habe? Langsam und vorsichtig, wie in dieser Serie? Ich sage, ja, durch die Kultur werden sie langsam verstehen. Aber das stimmt nicht. Und die Israelis können diese Wahrheit nicht ertragen.""
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Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 27.08.2015

Nach einer umstrittenen Plakatkampagne, einer breit angelegten Befragung der Bevölkerung über "Einwanderung und Terrorismus", sowie dem Bau einer Grenzanlage entlang der ungarisch-serbischen Grenze, soll das ungarische Parlament in der kommenden Woche ein neues Gesetz verabschieden, nach dem der illegale Grenzübertritt wie auch die Beschädigung des Zauns mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden soll. Für Gábor Gadó sind diese Schritte lediglich populistische Abwehrversuche gegen die Flüchtlinge. Doch verlangt die Ineffektivität immer weitergehende Maßnahmen, erklärt er: "Die Regierung verbreitet mit den in Gesetzen gegossenen unmenschlichen Regelungen die Nachricht: Sie ist bereit, die durch Vorurteile hoch gekochten Emotionen zu befriedigen. Migranten, die nach Europa fliehen, erwartet das Gefängnis. Was bleibt aber zu tun, wenn nach den Äußerungen des konservativen Ex-Ministerpräsidenten Péter Boross über "unterschiedliche Hautfarben, uneuropäische Instinkte, biologische und genetische Gegebenheiten", der ermutigte Wähler zu dem Schluss kommt, dass die Verschärfung der Gesetze auch nicht ausreicht? Für eine getriebene, populistische Regierung gibt es kein Entkommen: Sie muss die Gunst der Wähler mit neuen, noch schärferen Sanktionen suchen."

The Atlantic (USA), 28.08.2015

In einem sehr persönlichen Text erinnert sich Bobby Ghosh an das Selbstmordattentat auf die irakische Imam-Ali-Moschee in Nadschaf im April 2003, die er als Reporter für Time zufällig miterlebte. Über hundert Menschen kamen ums Leben, darunter Abdul-Majid al-Khoei, der Anführer der Schiiten im Irak, von dem nur eine Hand wiedergefunden wurde. Lange Zeit, so Ghosh, verstanden weder er noch die Weltöffentlichkeit, was dieses Attentat eigentlich bedeutete. Aber schon damals schnappte er einen Dialog eines Arztes und eines iranischen Milizionärs auf: "Sie haben einen Krieg gegen uns angefangen." Später stellte sich heraus, dass Abu Musab al-Zarqawi für dieses Attentat verantwortlich war, einer der Vorläufer des Islamischen Staats. Für Ghosh ist dieses Attentat heute das, was die Schüsse Gavrilo Princips für den Ersten Weltkrieg waren: "Es lassen sich gerade Linien ziehen von der Nadschaf-Bombe zum Blutblad in Syrien, wo der Krieg der beiden Sekten in sein fünftes Jahr geht und über 250.000 Menschen tötete, und zum Aufstieg des Islamischen Staats, zu den Gaza-Kriegen von 2012 und 14 mit der Hamas, dem Stellvertreter des Irans, und zum Aufstieg der Houthi-Bewegung im Jemen, jenes anderen Stellvertreters Irans, der nun einen Krieg gegen eine sunnitische Allianz unter Führung Saudi-Arabiens führt. Es ist erschreckend zu denken, dass der Konflikt, der von Princips Kugeln ausgelöst wurde, über drei Jahrzehnte dauerte und die Menschheit in zwei Weltkriege zog."

Außerdem meldet Kalev H. Leetaru im Atlantic Zweifel am weiteren Aufstieg von Twitter an.
Archiv: The Atlantic

La regle du jeu (Frankreich), 28.08.2015

Auch Europa schlägt das letzte Stündchen, wenn es nicht kapiert, dass die allermeisten Flüchtlinge aus politischen, und nicht aus wirtschaftlichen Gründen kommen und darum ein Recht haben, als Personen behandelt zu werden, schreibt Bernard-Henri Lévy in seiner wöchentlichen Kolume. Er weist auch darauf hin, das nur eine Minderheit nach Europa kommt - der Libanon und Jordanien haben eine viel größere Last zu tragen. "Was die Minderheit angeht, die doch nach Deutschland, Frankreich, Skandinavien, Großbritannien, Ungarn aufbricht, scheint sich niemand bewusst zu werden, dass sie keine Feinde sind, die uns zerstören oder auf unsere Kosten leben wollen, sondern Kandidaten für die Freiheit, die uns als gelobtes Land sehen, die auf unser Gesellschaftsmodell setzen und "Europa Europa" rufen, so wie Millionen Europäer einst auf Ellis Island "Amerika Amerika" riefen."

Magyar Narancs (Ungarn), 01.09.2015

Zsuzsanna Mohár, Sprecherin der spontan über soziale Netzwerke entstandene Flüchtlingshilfe Migration Aid, spricht mit Zsófia Fülöp über die angespannte Flüchtlingssituation, die Negativkampagne der Regierung und die Motivation der freiwilligen Helfer: "Die zahlreichen Freiwilligen haben ein gemeinsames Ziel: die Migrationssituation zu entspannen, so dass die Positionen der Einwohner wie auch die der Asylsuchenden gehört werden können. Schwierig ist es für beide Seiten. (...) Dass die Einwohner uns helfen, sehe ich als stillen Protest an: Die Menschen schämen sich für die Negativkampagne der Regierung und wollen mit ihr nichts zu tun haben. Ob ihnen das bewusst ist, das weiß ich nicht, doch wer hilft, wirkt erleichtert."

Economist (UK), 29.09.2015

Der Economist - Headset auf den Ohren, Kontroller in den Fingern - ist tief beeindruckt, welchen Fortschritt die Virtual Reality seit den 90ern gemacht hat. Die ansteckende Experimentierlust erinnert ihn an die spannende Entwicklung des Smartphones. Aber wozu ist das ganze gut? Pornografie, okay. Und sonst? "Zweifellos wird die neue Generation der ersten VR-Software hauptsächlich für Spiele sein. Aber die Antreiber in der Industrie weisen darauf hin, dass es viele andere Verwendungsmöglichkeiten gibt. Eine ist Film. All die angekündigten Headsets kommen mit Kinoapps, die den User in einem virtuellen Bilderpalast mit gewöhnlichem Flachbildschirm platzieren. Aber immersive Filme, die den Zuschauer ins Zentrum der Aktion rücken, und die mit speziellen Panoramakameras gedreht sind, wären auch möglich. Der Film "Clouds over Sidra", der das Leben in einem Flüchtlingslager in Jordanien aufzeichnet, hat sich online bereits als Hit erwiesen." (Mehr zu dem von der UN gedrehten Film hier)
Archiv: Economist

Eurozine (Österreich), 27.08.2015

Gigantische Datenbanken mit wissenschaftlichen, aber auch literarischen Texten sind in Russland in den letzten Jahrzehnten angewachsen. Bodó Balázs sieht in Visegrad Insight (online in Eurozine) ihren Ursprung im Samisdat. Sie sind natürlich illegal, aber das heißt nicht, dass sie nicht eine Funktion haben: "Entwicklungsländern fehlt häufig der Zugang zu Werken der Wissenschaft und Literatur, da sie nur zu Preisen zu haben sind, die für ihre lokalen Märkte unbezahlbar sind. Auch Infrasktruktur spielt hier eine Rolle: Öffentliche und Forschungsbibliotheken kämpfen mit unzureichenden Subventionen. Offizielle und legale Versuche, besseren Zugang zu schaffen, wie die Open-Access-Bewegung und Creative Commons, sind zwar ehrenwerte, aber auch langsame Initiativen, und ihre praktische Wirksamkeit ist bisher begrenzt. Piratenbibliothken gehen radikaler heran und suchen auch illegale Wege, um klassische, gelehrte und literarische Werken weltweit zur Verfügung zu stellen."
Archiv: Eurozine

New York Times (USA), 30.08.2015

Im Magazin der New York Times überlegt Scott Shane, welche Alternativen es zur Ermordung des extremistischen Imams Anwar al-Awlaki gegeben hätte, der heute so populär scheint wie nie. Der aus New Mexico stammende, streng religiöse Awlaki, eine durchaus respektierte Persönlichkeit, in dessen Moschee jedoch einige der Attentäter des 11. September verkehrten, hatte regelmäßig Kontakt zu Prostituierten, das FBI wusste davon: "Awlakis Handeln scheint nicht von der Feindschaft der Amerikaner gegen Muslime nach 9/11 bestimmt gewesen zu sein. Vielmehr scheint er realisiert zu haben, dass sein eigener unislamischer Lebenswandel seine Karriere in Gefahr brachte. Wenn das FBI ihn angeklagt oder seine Akte veröffentlicht hätte, wären seine moralische Autorität und seine Argumentation gegen den Afghanistankrieg und Guantanamo in sich zusammengebrochen. Hätte das FBI nur mit einer Veröffentlichung gedroht, um ihn auf seine Seite zu ziehen - umso schlimmer. Binnen weniger Tage wäre er verschwunden und nicht wieder in die USA zurückkehrt. Trotz der Gefahr, die von dem FBI-Dossier ausging, wollte Awlaki die Möglichkeit, sein amerikanisches Leben wieder aufzunehmen, nicht gleich aufgeben." Hätte es da nicht Anknüpfungsmöglichkeiten gegeben? Was ist überhaupt mit der Soft Power der USA, fragt sich Shane.