Magazinrundschau

Wie eine riesige Ouvertüre

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
08.09.2015. Im New Yorker erklärt John McPhee, wie man einen inspirierten Sachtext schreibt. In der London Review guckt John Lanchester auf die Sachbuch-Bestenliste der Amerikaner und stellt fest: Die glauben an neue Sachen. In Nepszabadsag fordert Gáspár Miklós Tamás vollkommene Gerechtigkeit für Flüchtlingen und Roma. Im Guardian erklärt Salman Rushdie, warum ihm der Begriff "Islamophobie" falsch erscheint. Michel Houellebecq meint dagegen: Angst kann man haben. Der Espresso beugt sich über die Katastrophe des Mezzogiorno. In Guernica erklärt Filmregisseur Hubert Sauper: Nur der Dokumentarfilmer ist frei.

New Yorker (USA), 14.09.2015

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker verrät uns John McPhee, seit 1963 als Autor beim New Yorker tätig, das Geheimnis eines inspirierten Sachtextes: "Schreiben bedeutet Auswahl. Du wählst Wörter, Sätze, Absätze, Kapitel, Fakten, du entscheidest, was reinkommt und was nicht. Dafür gibt es nur ein Kriterium: Was dich interessiert, kommt rein, was nicht, bleibt draußen. Eine etwas grobe Methode, aber zwingend. Vergiss Marktforschung. Schreibe über Themen, für die du dich genug interessierst, um über all die Unterbrechungen, Verzögerungen und Neuanfänge, die das Schreiben mit sich bringt, hinauszugelangen. Idealerweise sollte ein Text gerade so lang werden, wie es das Material verlangt … Das kreative Moment liegt in der Auswahl des Themas, darin, wie du es angehst, im Arrangement, in der Fähigkeit und im Ton, mit dem du Personen beschreibst und sie zu Charakteren machst, im Rhythmus deiner Sprache, in der Komposition, der Anatomie des Textes (steht er auf eigenen Beinen, läuft er?), schließlich darin, inwieweit es dir gelingt, die Geschichte aus dem Material herauszuarbeiten. Kreatives Schreiben von Sachtexten bedeutet nicht, sich etwas auszudenken, sondern das Beste aus dem Material herauszuholen."

Außerdem: Patrick Radden Keefe porträtiert die Richterin Judy Clarke, die einen der Urheber des Anschlags auf den Boston Marathon verteidigt. Und Alexander Stille berichtet, wie Papst Franziskus die Kurie reformiert.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Papst Franziskus

London Review of Books (UK), 10.09.2015

Was hat es zu bedeuten, dass die amerikanische Sachbuch-Bestsellerliste von zwei Biografien über Pioniere angeführt wird: David McCulloughs Geschichte der Luftfahrt-Gebrüder Wright und Ashlee Vances Porträt des Elektromobilitäts- und Raumfahrtunternehmers Elon Musk, fragt sich John Lanchester: "Eine Bestsellerliste ist kein Rorschachtest, aber sie verrät etwas über die Themen, die eine Nation gegenwärtig beschäftigen. Die Gegenüberstellung der Geschichten der Wrights und von Musk legen nahe, dass Amerika über Innovation und neue Technologien nachdenkt und dass es möglicherweise zutiefst an die neue Sache glauben will, daran glauben, dass die neuen Erfindungen so folgenreich sein werden wie die alten. Das ist die Krux... Der kaum vorstellbare Maßstab von Vermögen und Ressourcen, den Musk in seinen Firmen einsetzt, zeigt, wie schwierig es ist, in diesen Industrien Neuerungen einzuführen. Zwei Bastler veränderten die Welt mit einer Erfindung, die sie in ihrer Freizeit in der Werkstatt zusammengeschustert hatten. Musk investiert Dutzende Milliarden Dollar an Kapital und enormen Intellekt und bereitet damit eine Menge Vergnügen und Unterhaltung, aber was dabei herauskommt, ist noch die Frage."

(Zum Vergleich: Auf der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher stehen ganz oben "Der Appell des Dalai Lama an die Welt", aufgezeichnet von Franz Alt, und "Inside IS. 10 Tage im "Islamischen Staat"" von Jürgen Todenhöfer. Man möchte gar nicht darüber nachdenken, was das über Deutschland aussagt.)

Außerdem bespricht Fredric Jameson eine philosophische Studie von David Wittenberg über Zeitreisen-Narrative. Joanna Biggs stellt Elena Ferrantes ins Englische übersetzten neuen Roman "Storia della bambina perduta" vor, der in der englischsprachigen Welt einiges Aufsehen erregt hat. Gary Indiana liest Masha Gessens Porträt der Attentäter von Boston.

Nepszabadsag (Ungarn), 05.09.2015

Entsetzt von der Entwicklung in den vergangenen Wochen fordert der Philosoph Gáspár Miklós Tamás die Aufnahme von Flüchtlingen auch in Ungarn und gleichzeitig Verbesserungen für die Roma und weitere gesellschaftliche Randgruppen: "Ungarn muss mit dem Schüren von Hass gegen die Flüchtlinge aufhören und diese Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, mit Liebe und Anteilnahme empfangen. Und das wichtigste: Auch Ungarn muss einige zehntausende Flüchtlinge aufnehmen. Zweifelsohne wäre das nur dann vollkommen gerecht, wenn endlich auch etwas gegen die Diskriminierung der ungarischen Roma unternommen würde und wenn in Sachen Steuer-, Beschäftigungs-, Sozial- und Wohnungspolitik endlich Hilfe für die im Elend lebenden Millionen in Ungarn käme."
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Archiv: Nepszabadsag

Espresso (Italien), 03.09.2015

Die italienischen Medien haben so eine Art sich nur mit italienischen Themen zu befassen. Aber der Anfang der Titelgeschichte des Espresso liest sich doch recht eindrucksvoll: "Versteppung der Industrie. Fehlen menschlicher, unternehmerischer und finanzieller Ressourcen. Armutsrisiko. Und demografischer Zusammenbruch: "Im Jahr 2014 sind nur 174.000 Geburten registriert worden, ein historischer Minusrekord seit Aufzeichnung der Geburten nach der Einheit Italiens vor 150 Jahren. Der Süden wird in den nächsten Jahren von einem demografischen Absturz heimgesucht, einem Tsunami mit unabsehbaren Folgen." Dauerhafte Unterentwicklung. Der Bericht des Wirtschaftsforschungsinstituts Svimez hat die Katastrophe des Mezzogiorno nach siebzig Jahren Republik aufgezeichnet. Ein armes Land in einem reichen Land. Stillstand in einem Land, das sich verändert."
Archiv: Espresso
Stichwörter: Mezzogiorno

Guardian (UK), 07.09.2015

Im Gespräch mit Fiona Maddocks im Guardian erklärt Salman Rushdie, warum ihm der Begriff "Islamophobie" falsch erscheint: "Der Punkt mit Ideen ist, dass sie miteinander kommunizieren müssen und sich nicht abzäunen dürfen. Das ist ganz etwas anderes, als sich gegen ethnische Vorurteile über Menschen zu wenden. Die Farbe der Haut ist ein Faktum. Ein religiöser Glaube ist eine Meinung. Es scheint mir legitim, das man Gegenmeinungen zu Meinungen äußert, ohne dass man gleich mit Schimpfnamen belegt wird."

Daneben gibt"s großes Lob von SF-Autorin Ursula K Le Guin für Rushdies neuen Roman "Two Years Eight Months and Twenty-Eight Nights": "Dieses Buch ist eine Fantasiegeschichte, ein Märchen - und eine brillante Reflexion der und ernsthafte Meditation über die Wahlmöglichkeiten und Agonien in unserem Leben auf dieser Welt. Die Wahlmöglichkeiten werden vereinfacht dargestellt, wie im Comic, als Wahl zwischen absolut gut und absolut böse. Die Agonien werden wie Katastrophenfilme gezeichnet, so schrecklich, dass der Leser sie leicht abschütteln kann, wenn es ihm zuviel wird. Rushdie ist ein großzügiger und gutmütiger Autor, der seine Leser lieber umwirbt und verführt, als ihnen die gallige Wahrheit in den Rachen zu stopfen."

Auch in Angelique Chrisafis" Houellebecq-Porträt gibt"s einen Dialog über das Wort "Islamophobie": "Er nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Mit ihm zu sprechen ist oft, wie eine Muschel aus der Schale zu holen, die langen Pausen, die zum Schutz verschränkten Arme. Anders als bei den meisten anderen Autoren, gibt es hier keinerlei vorbereitetes Spiel. Ist er islamophob? "Ja, wahrscheinlich. Angst kann man haben", erwidert er. Ich frage nochmal: Sie sind wahrscheinlich islamophob? "Wahrscheinlich, ja, aber das Wort Phobie bedeutet eher Furcht als Hass." Wovor hat er Angst? "Dass es im Westen schief geht." Meint er Terrorismus? Er nickt. Manche sagen, es handelt sich um eine kleine Minderheit... "Ja, aber sehr wenige Leute können eine sehr große Wirkung haben. Oft sind es die entschlossensten Minderheiten, die Geschichte machen.""

Außerdem im Guardian: ein Auszug aus einem Buch des Historikers Simon Schama über Porträts großer Briten in Geschichte und Gegenwart.
Archiv: Guardian

La regle du jeu (Frankreich), 03.09.2015

Bernard-Henri Lévy war vorletzte Woche, begleitet von einem Filmteam, mit kurdischen Peshmerga unterwegs, die den IS bekämpfen. In seinem Bericht erklärt er mit einer Serie von Argumenten, warum der IS diesen Krieg nicht gewinnen kann. Eines davon lautet, dass man niemals gewinnen könne, wenn man Zivilisten zu menschlichen Schutzschilden mache. Und ein weiteres: "Sie werden besiegt werden, weil der IS Verräter in den eigenen Reihen hat, die die Peshmerga über dessen Bewegungen informieren und ihnen so ermöglichen, vorsorgliche Maßnahmen zu ergreifen. Sie werden besiegt werden, weil man im Gebiet um Gwer (zufällig?) auf ihre Radiofrequenz stößt und ins Träumen gerät, dass sie enden werden wie die Roten Khmer, indem sie sich in allergrößter Konfusion gegenseitig umbringen."

Außerdem findet Bernard Schalscha bei den Äußerungen einiger französischer Intellektueller und Politiker, darunter Michel Onfray, Tariq Ramadan und Marine Le Pen, zur Flüchtlingskatstrophe und der angeblichen europäischen Verantwortung erstaunliche Ähnlichkeiten.

MicroMega (Italien), 24.08.2015

Mario Sesti setzt sich in Micromega interessant mit der Dramaturgie der neueren anspruchsvollen Fernsehserien auseinander und kommt dabei auch auf das italienische Beispiel "Gomorra" nach Roberto Saviano zu sprechen (gerne würde man die Serie auch hierzulande sehen!): "Die ganze Serie ist angelegt wie eine riesige Ouvertüre. Wer sie bis zum Schluss gesehen hat, weiß, dass sie zu ihrem Beginn zurückkehrt, wie ein Orgelpunkt, der vom Protagonisten Marco Damore gesetzt wird, wie eine musikalische Struktur, die am Ende auf den Einzelnen hinausläuft. Wie Saviano erklärt hat, gibt es aus dieser Szenerie kein Entrinnen. Die Erzählung des Manns hat keinen moralischen Kontrapunkt, es gibt keinen Widerspruch gegen das kriminelle Schicksal, keinen narrativen Gegengesang, der etwa die Institutionen oder den Staat ins Spiel bringt." Bei den Romanischen Studien gibt es einen langen, eher akademischen Artikel über die Serie.
Archiv: MicroMega

Guernica (USA), 01.09.2015

Sein Dokumentarfilm "Darwins Alptraum" hat ihm eine Oscarnominierung eingebracht - und im Anschluss jede Menge Ärger. Anlässlich des US-Kinostarts seines neuen Films "We Come As Friends" (unsere Kritik hier) hat sich Darrell Hartman mit dem Regisseur Hubert Sauper unterhalten. Unter anderem geht es dabei auch um das rigorose Selbstverständnis und Ethos, das er als Dokumentarfilmemacher an den Tag legt: "Man kann sich nicht von einem Milliardär finanzieren lassen und diesen dann in einem Film schlecht dastehen lassen. Ich denke daher, dass die Finanzierung aus öffentlichen Mitteln enorm wichtig für freie Meinungsäußerung ist. Während Charlie Hebdo machte in Frankreich dieses Mantra von der Meinungsfreiheit die Runde, die jedem wichtig war. Doch wer verfügt heutzutage schon noch darüber? Cartoonisten und vielleicht noch Dokumentarfilmemacher? Nicht gerade viele. Ich tue noch immer das, was ich will, oder zumindest denke ich das. Ich werde nicht von unterschwelligen Interessen ferngesteuert. Ich erhalte Geld von Regierungen, die sagen, dass sie mir vertrauen, weil ich Künstler bin. ... Der Dokumentarfilm ist eines der letzten Refugien der Meinungsfreiheit. Ehrlich gesagt, ziehe ich den Begriff "nicht-fiktional" vor, da "Dokument" diesen hässlichen Beiklang hat: Der Beweis, der Stempel. In Frankreich haben die Nazis Leute auf der Straße angehalten und "Dokument!" gerufen. Ein Wort, das vielen Franzosen durch Mark und Bein geht, selbst heute noch."
Archiv: Guernica