Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 02.10.2018 - n+1

Navtej Singh Dhillon ist homosexuell, lebt in Amerika, hat einen Geliebten mit muslimisch-pakistanischem Hintergrund. Auch sein Vater lebt im Westen, doch als er an Krebs erkrankt, bittet er seinen Sohn, ihn nach Hause zu bringen, nach Indien. Für Singh - indischer Ursprung hin oder her - keine ganz leichte Übung, erzählt er: "Das war Punjab im Jahr 2013, wo in Dörfern wie Khanpur, sieben Autostunden von Delhi entfernt, der Feudalismus intakt geblieben ist. Die Dorfbewohner betrachten den ganzen Ort als Jagir meiner Familie, ein Landgeschenk, das wir in den frühen 1800er Jahren vom Maharadscha Ranjit Singh erhalten hatten. Damit stehen wir an der Spitze der Hierarchie. Bauern und Arbeiter nannten meinen Vater Sardar, ihren Herrn. Seit drei Generationen haben die Männer meine Familie hauptsächlich im Westen gelebt, aber sie waren gegen Ende ihres Lebens nach Khanpur zurückgekehrt.'Bring mich zurück nach Indien', hatte mein Vater an einem regnerischen Londoner Abend zu mir gesagt, als wir nach seinem letzten Arzttermin nach Hause fuhren ... Ich ärgerte mich über diese Störung meiner Karriere und meines Privatlebens. Ich machte mir vor allem Sorgen darüber, was die Krankheit meines Vaters über mich verraten könnte. Ich war 36 Jahre alt und unverheiratet. Jahrelang stand jedes Mal, wenn ich fortging, Nina in der Einfahrt - die Familienmagd aus Bihar, die rosa-grüne Armreifen an Händen trug, die wie die Rinde eines toten Baumes gehärtet sind - und bot mir ihren Enkel zur Adoption an. 'Dieses Haus', würde sie sagen und auf das Dach zeigen, 'hat noch keinen Tag der Freude erlebt.'"

Magazinrundschau vom 07.11.2017 - n+1

Dank viel Lobbyarbeit  - im Jahr 2016 gaben sie allein 1,6 Millionen Dollar in den USA aus -  können sich Uber und Lyft nicht nur über die für Taxifahrer geltenden Gesetze hinwegsetzen, sondern sie haben durch eine Strategie, die die Idee des Verbrauchers über die Idee des Bürgers stellt, auch eine gespaltene Gesellschaft mit zwei unterschiedlichen Klassen von Arbeitern und Verbrauchern geschaffen, berichten Nikil Savals und Dayna Tortorici: "Die größte Gruppe von Uber-Fahrern ist weiß (40 Prozent), schwarze Nicht-Hispanics machen die zweitgrößte Gruppe aus (19,5 Prozent); die größte Gruppe von Taxifahrern ist hingegen schwarz (über 30 Prozent), mit weißen Fahrern auf Platz zwei (26 Prozent). Die meisten Uber-Fahrer sind jünger und haben einen Hochschulhintergrund, viele haben Abschlüsse; die meisten Taxifahrer sind älter, verheiratet und haben noch nie ein College besucht. Obwohl Uber im Allgemeinen billiger ist, ist seine Fahrgastschaft jünger und reicher als diejenige der Taxis, wobei  die meisten mit ungefähr 45.000 Dollar pro Jahr in den 'mittleren 50 Prozent' der Einkommen liegen; der Prozentsatz von Senioren, Behinderten und Armen unter Taxikunden ist größer als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung."

Weiteres: Ebenfalls im n+1magazine erzählt Nikil Savals, wie Amazon die vor allem auf lebenswerte Nachbarschaften setzende Idee des Urbanismus, auf die es sich einst berufen hatte, in den Bankrott trieb.

Magazinrundschau vom 25.04.2017 - n+1

Es gibt nichts, woraus Amerikaner nicht eine Religion machen könnten, an die sie dann mit Inbrunst glauben. Die neueste Variante - aber auch schon älter, als man denkt - ist der Transhumanismus: der Glaube, dass man seinen Geist in die Maschine verpflanzen wird können und somit unsterblich wird (sofern der Strom nicht zusammenbricht). Ein Hauptvertreter ist der Google-Mann Ray Kurzweil, aber auch der Tesla-Gründer Elon Musk und der Investor und Trump-Unterstützer Peter Thiel bekennen sich dazu. In einem wunderbaren, sehr persönlichen Essay schreibt Meghan O'Gieblyn, wie sie zuerst von ihrem evangelikalen Glauben abfiel, um sich dem transhumanen zuzuwenden, bis sie sich auch davon löste (was sie heute im Fitness-Studio kompensiert): "Transhumanismus bot eine Vision der Erlösung ohne das dornige Problem der göttlichen Gerechtigkeit. Er war eine Annäherung an die Eschatologie aus evolutionärer Perspektive, in der die Menschheit die finale Glorifizierung des Körpers selbst übernahm und nicht dafür verantwortlich gemacht werden konnte, wenn der Weg zur Erlösung holprig oder ineffektiv war. Monate nach meiner Begegnung mit Kurzweils Schriften tauchte ich völlig in die transhumane Philosophie ein. Es war früher Dezember, und die Tage wurden dunkler. Die Stadt wurde von frühen Winterstürmen belagert, Schnee lagerte sich auf den Fensterbänken ab und dämpfte die Geräusche."
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Magazinrundschau vom 09.02.2016 - n+1

Kamel Daouds Roman "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung", der in diesen Tagen in Deutschland erscheint (Vorgeblättert im Perlentaucher) war in Frankreich im letzten Jahr der Favorit für den Prix Goncourt, der ihm dann von Mathias Enard weggeschnappt wurde. Aber auch so dürfte klar sein, dass er zu den wichtigsten aktuellen französischsprachigen Romanen zählt. Namara Smith liefert eine epische Analyse des Romans, die man wegen der vielen Nacherzählung erst nach der Lektüre des Romans selbst lesen sollte. Unter anderem weist sie darauf hin, dass sich Daouds Roman nicht nur an Camus' Roman "Der Fremde", sondern auch an der zyklischen Form von Camus' letztem Roman "Der Fall" orientiert: "Wie im 'Fall' ist Daouds Selbstbefragung sowohl nach innen als auch nach außen gerichtet. Es geht nicht nur um das Trauma der kolonialen Vergangenheit Algeriens, sondern auch um die Lähmung des Landes in der Gegenwart. Daoud nutzt die zyklische Form von Camus' Roman, um zu zeigen, dass Algeriens Unabhängigkeit nicht den vollständigen Bruch mit der kolonialen Vergangenheit darstellte, den Frantz Fanon imaginiert hatte, sondern zu einer Reaktion auf die französische Herrschaft führte, die ihre Gewalt in umgekehrter Form widerspiegelte. Die Desillusionierung des Erzählers Harun über die Heldengeschichte, die ihm in der Kindheit erzählt worden war, ist eine Parallele zum Abstieg des Landes in eine Einparteien-Diktatur."

Magazinrundschau vom 18.08.2015 - n+1

Im Mai behauptete Seymour Hersh in einem großem Report in der LRB, dass Osama bin Laden nicht von der CIA über erfolgreiches Foltern in Guantanamo aufgespürt worden war, sondern dass er von der pakistanischen Regierung seit 2006 in Abottabad gefangen gehalten und 2011 bei der SEAL-Operation in Absprache mit Islamabad getötet wurde. Dass abgesehen von der NYT-Korrespondentin Carlotta Gall fast alle Journalisten Hershs Version beiseite wischten, ohne selbst zu recherchieren, zeigt für n+1, wie wenig Journalisten noch ihre Rolle kennen - und das in Zeiten von Edward Snowden: "Eine Aufgabe von Journalisten ist es, verrückte Verschwörungstheorien zu entlarven, doch eine andere, schwierigere Aufgabe ist, die wahren Verschwörungen aufzudecken. In den 60er und 70er Jahren förderte die allgemeine Skepsis gegenüber den amerikanischen Abenteuern in Südostasien eine umfassende Kultur des Widerspruchs und der Recherche und ein Goldenes Zeitalter des investigativen Journalismus. Als der Kalte Krieg vorbei war, änderte sich die öffentliche Meinung und der Journalismus fiel in seine bequeme Position auf dem Diwan des amerikanischen Triumphalismus zurück. Zeichen dieser neuen Konformität waren bereits Anfang der neunziger Jahre zu erkennen, die Kontroverse um Gary Webbs Serie "Dunkle Allianz" in den San Jose Mercury News bildete sozusagen den Vorgänger der Affäre Hersh. Webb, ein Anhänger der paranoiden Schule des investigativen Journalismus, behauptete, dass Geld für die Contras nach Nicaragua floss, das aus Drogengeschäften der CIA in Kalifornien stammte. Anstatt Webbs Berichten nachzugehen, die sich im Laufe der Zeit als absolut richtig erwiesen, gab es unablässig Versuche, Webbs Charakter und seine Methoden zu diskreditieren. Der Subtext war eindeutig: So etwas tun wir nicht mehr, das Zeitalter der Verschwörungen ist zu Ende. Geächtet und ohne Aussicht, bei einer größeren Zeitung Arbeit zu finden, nahm sich Webb schließlich das Leben."

Magazinrundschau vom 12.05.2015 - n+1

Mark Greif denkt in einem langen Essay über Aufgabe und Wesen der Polizei nach. Wenn man mit Polizisten zu tun bekommt, stellt er fest, wird man ständig berührt. Polizisten beherrschen in genauesten Abstufungen die Technik der kontrollierten Berührung, ohne selbst berührt werden zu dürfen: "Der Zweck der Berührung besteht darin, die Person berührbar zu machen. Die Berührung bereitet weitere Berührungen vor. Die Hemmung, in unserer Gesellschaft einen Menschen anzugreifen, vor alle einen Bürger, der keine unmittelbare Gefahr für andere darstellt, ist ziemlich hoch. Für die meisten Formen von Gewalt, die zivile Normen durchbricht, braucht es selbst bei denen, die es als Kunst oder Beruf betreiben, eine schrittweise Gewöhnung. Die "plötzliche" Verhaftung bei einer Demonstration kommt fast nie plötzlich, wenn man die Polizisten längere Zeit beobachtet. Die Veränderung bei einem Beamten, der jemanden zu Boden werfen will, richtet sich nicht unbedingt auf das Ziel, sondern scheint innerlich vorzugehen: der Gesichtsausdruck verändert sich - meist im Moment des Zurücktretens, am Ende des Austauschens oder Verhandelns -, man kann spüren, wie sich vor dem Zugriff die Erreichbarkeit verändert."
Stichwörter: Polizei, Polizeiarbeit

Magazinrundschau vom 14.10.2014 - n+1

Anlässlich der Grammy-Verleihung und der traditionellen Vorabend-Party des legendären Musikproduzenten Clive Davis reist David Samuels ins Herz der amerikanischen Musikindustrie nach Los Angeles. In einer lesenswerten, anekdotenreichen Reportage beschreibt er eine Branche im Umbruch, die noch die Genies des zwanzigsten Jahrhunderts feiert, während ihr Geschäftsmodell - das Verkaufen von Musik - unüberhörbar ans Ende gekommen ist: "Dass Songwriter zur Zeit das meiste Geld mit Radio-Airplay verdienen, wirkt sich deutlich auf die Art von Songs aus, die zu schreiben für sie interessant ist. Ein Nummer-Eins-Hit in Amerika spielt wohl zwischen 1,5 und 2 Millionen Dollar durch Airplay ein, während ein Song auf einem Platin-Album - also von einem Album, das sich über eine Million mal verkauft hat, was mittlerweile sehr selten geworden ist - nur rund 90.000 Dollar einbringt."

Magazinrundschau vom 28.03.2014 - n+1

Tja, die neue Stadt in den USA, wo man leben sollte, wenn man irgendwie alternativ drauf ist, scheint ähm ... Boise in Idaho zu sein. Ryann Liebenthal, der aus der Stadt kommt, erzählt, wie es dazu kam, und wie ein kleines Kulturprogramm der Stadt half, neue Bevölkerung anzuziehen: "Vielleicht segelt Boise ein bisschen im Windschatten des Phänomens, das Portland vor zehn Jahren hervorbrachte. Oder Austin. Oder Asheville. Oder Seattle in den Neunzigern. Oder andere Städte, die in Lifestyle-Magazinen für ihre authentische lokale Kultur gepriesen werden. Vielleicht ist es sinnnvoll, der nivellierenden Internet- und Megacity-Kultur tatsächlich mit solchen Ameisenhügeln kultureller Aktivität zu begegnen. In Boise war dieser Prozess langsam und mühsam, und so fühlt es sich immer noch frisch und aufregend an, wenn deine Lieblingsband berühmt wird - aber ich fürchte auch den Goldrausch." Wenn die ganze Stadt so angenehm entspannt, psychedelisch und rau ist wie die Musik von Built to Spill, die aus Boise kommen, sollte man vielleicht tatsächlich hinziehen.

Magazinrundschau vom 07.03.2014 - n+1

Greg Afinogenov analysiert die ersten 16 Minuten der russischen Nachrichtensendung Vesti nedeli vom 16. Februar (Video), die beispielhaft ist für den offiziellen russischen Umgang mit oppositionellen Stimmen. Angegriffen werden vom Moderator Dmitrii Kiselev in den ersten Minuten der liberale Journalist Viktor Shenderovich und der Dichter Igor Irten"ev, dessen eigentlicher Name, wie Kiselew enthüllt, Rabinovich ist. "In Nazideutschland, erklärt Kiselev finster, wären beide in Konzentrationslager verschleppt worden. Es lohnt sich, darauf näher einzugehen. Die Beschwörung des Jüdischseins beider Autoren dient der Aktivierung einer ganzen Reihe von Reflexen, die in den Pathologien von Nachkriegsrussland begründet liegen. Das Stereotyp lautet, dass die Juden wurzellose Kosmopoliten sind, ohne echte Anhänglichkeit an ihr Land, willens jeden zu verraten, wenn es ihnen nützlich erscheint. Sie sind schwache Feiglinge, die sich vor dem Kriegsdienst drückten, als echte Russen für sie starben, die aber gern das Opfer spielen. Über all dem sind sie eng verbunden mit der angeblich liberalen Ära der 1990er Jahre, als russische Politik vor allem von jüdischen Oligarchen dominiert war. All diese Assoziationen sind für den russischen Zuschauer sofort erkennbar, der diese Narrative sehr gut kennt, auch wenn er selbst kein Antisemit ist."

Magazinrundschau vom 14.02.2014 - n+1

"Wenn einer von uns an einer Überdosis stirbt, hält er wahrscheinlich zehn andere davon ab", zitiert der Drehbuchautor Aaron Sorkin den an einer Heroin-Überdosis gestorbenen Schauspieler Philip Seymour Hoffman. Ob sich Hoffmans Prognose bewahrheitet, hängt davon ab, welche Schlüsse aus seinem Tod gezogen werden, schreibt Christopher Glazek. Um den gegenwärtigen Heroin-Boom - die Zahl der Konsumenten hat sich in den USA seit 2007 fast verdoppelt und ist so hoch wie nie zuvor - in den Griff zu kriegen, plädiert Glazek gegen eine härtere Drohenpolitik und für die Betreuung von Heroinsüchtigen mit geeigneten Ersatzstoffen: "Viele betreute Opiatabhängige erfahren eine geringere Zerrüttung ihres täglichen Lebens als Konsumenten von Chemikalien wie Crack und Meth, die zwar weniger tödlich sind, aber stärker verrückt machen. Selbst mit unkontrollierter Abhängigkeit und schwankender Versorgung mit Opiaten gelang es Hoffman, einen Zeitplan einzuhalten und eine Produktivität an den Tag zu legen, die für viele nüchterne Menschen eine Herausforderung wäre. Darin liegt jedoch das große Paradox von Heroin: Wer es einnimmt, geht im Vergleich zu anderen Drogen ein geringeres Risiko ein, sich durch unberechenbares Verhalten als Süchtiger zu stigmatiseren. Aber er geht ein höheres Risiko ein, von der Droge getötet zu werden."