Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 28.10.2025 - n+1

Zugegeben, das Album ist schon im September erschienen. Und gestorben ist Michael Hurley im April. Aber wenige Musiker sind so unbekannt und wurden so geliebt. Und einer der von Devendra Banhart, Yo La Tengo und Cat Power geliebt wird, der verdient diese Liebe! Sam Dembling nimmt Hurleys letztes Album nochmals zum Anlass, um in die einsamen Loblieder einzustimmen. Hurley ist ein bisschen wie ein Tom Waits, der sich zeit seines Lebens anstrengte, nur nicht so berühmt zu werden wie der. Seine Songs haben sehr häufig dieselbe lädierte Schönheit. Seine Stimme ist allerdings ganz anders, heller. Kleine Kiekser zeigen, dass er hätte jodeln können wie Jimmie Rodgers, und wie bei Jimmie Rodgers ist sein Folk im Blues geerdet, was man noch im ersten Stück seiner letzten Platte hört.



Dembling schreibt: "In seiner selbst gewählten Obskurität war er ein Weltklasse-Vagabund, eine Art professioneller Faulenzer - 'Nur ein Tramp, nenn mich, wie du willst', sang er -, der paradoxerweise immer äußerst produktiv war. So hatte das Etikett 'Freak', das er stets ablehnte, doch etwas Wahres: Es konnte sowohl einen beruflichen Weg weg von Ambitionen bezeichnen als auch eine Rolle, die man annimmt und ausfüllt. Selbstbewusst projizierte er sich in eine Reihe solcher Persönlichkeiten: 'Snock', 'Jocko', der 'Werwolf', 'Light Green Fellow', 'Blue Navigator', 'Ol' Ratface', 'Mr. Whiskerwits'. ('Ich bin das, was man einen CC nennt: einen colorful character', bemerkte er in einem Lied.) Welche dieser Figuren ein echter Spitzname und welche eher fiktiv waren, war schwer zu sagen, was ihren Reiz noch verstärkte. Was alle diese Figuren gemeinsam hatten, war ein Gefühl der Delinquenz. Sie waren allesamt Faulenzer, Trinker, Wanderer, manchmal auch Frauenhelden. Sie waren schlecht darin, Arbeit zu finden, und noch schlechter darin, sie zu behalten. Sie waren faul, aber auch ruhelos." In der FAZ hatte vor ein paar Wochen Ulrich Rüdenauer Hurleys "anrührende Beiläufigkeit" gepriesen. In der taz hatte es einen Nachruf gegeben, und auch in der New York Times.

Sein meistgespielter Song ist "I Paint a Design".

Stichwörter: Hurley, Michael

Magazinrundschau vom 24.06.2025 - n+1

Hiroshi Sbimizu: "Children of the Beehive" (1948), Szenenbild.


Alex Kong beherrscht die höchste Kunst eines Filmkritikers. Er schafft es, einen Film so zu beschreiben, dass sich - ohne Trennung von Erzählung und Interpretation sein Sinn erschließt. In New York gab es bereits vor einem Jahr eine Retrospektive des japanischen Filmklassikers Hiroshi Shimizu, dessen Werk sich in zwei Hälften aufteilt, vor dem Krieg und nach dem Krieg. Immer, so Kong, charakterisiert Shimizu eine Leichtigkeit und Heiterkeit: Er ist ein Regisseur der Düfte. Das schließt ernste Themen nicht aus. "Shimizus Nachkriegsfilme versuchen, eine bereits zerrissene Gesellschaft wiederherzustellen. 'Kinder aus dem Bienenstock' (1948) beispielsweise begleitet eine Gruppe von Kindern, die im Krieg zu Waisen geworden sind und durch das Land ziehen. Der Film enthält eine erstaunliche Sequenz, die inmitten der zerbombten Ruinen von Hiroshima spielt - gedreht vor Ort, aber unter Aufsicht der amerikanischen Besatzungsbehörden, die verhindern wollten, dass Shimizu zu viel von der zerstörten Stadt zeigt. In den Trümmern zerstörter Gebäude spielt sich ein Versteckspiel zwischen einem der Waisenkinder und einer jungen Frau ab, die die Rolle einer Ersatzmutter übernommen hat. Sie muss nach Tokio aufbrechen, aber das Waisenkind verfolgt sie in die Ruinen, als sie versucht, ihn zurückzulassen. Er huscht zwischen Trümmern hin und her, die seinen kleinen Körper überragen, während er vergeblich versucht, sie inmitten des Labyrinths aus Schutt zu finden. Die Kamera spiegelt seine Orientierungslosigkeit wider, indem sie teilweise verdeckte Ansichten aus den Ecken und Winkeln zeigt, die er verzweifelt durchsucht, während die beiden in Miniaturform den Versuch nachstellen, einen Weg durch ein vom Krieg verwüstetes Land zu finden."

Den ganzen Film kann man auf Youtube sehen, mit englischen Untertiteln. vorausgesetzt, man kann die palästinensische Fahne in der Ecke unten rechts übersehen. Auf archive.org auch ohne Flagge!

Magazinrundschau vom 07.01.2025 - n+1

Erinnert sich noch jemand an das kurze Zeitfenster, als Streamingdienste wie Netflix oder Amazon wie ein sicherer Hafen für den Autorenfilm wirkten und es kurzzeitig so wirkte, als könnte Netflix für den Indepentfilm das sein, was in den Neunzigern die Videotheken waren? Wie konnte es passieren, dass sich dieses Zeitfenster so schnell wieder schloss und Netflix stattdessen heute eine ästhetische und erzählerische Snack-Kultur bedient, bei der langweilige Filme ohne kulturelles Gewicht den Content zum Nebenbei-Wegflimmern bieten? Will Tavlin erzählt diese filmkulturelle Niedergangsgeschichte aus falschen Versprechungen, fingierten Statistiken und aggressivem Marktgebaren detailliert und analytisch. "Filmstudios haben immer Blindgänger veröffentlicht: Filme, die nicht verfangen und im Studioarchiv begraben werden, wo sie in die Obskurität hinabsinken. Noch bis vor kurzem galt ein vergessener Film für die meisten Studios als Zeichen des Scheiterns. Aber Netflix scheint es auf einzigartige Weise auszukosten, seine Filme so schnell wie möglich nach ihrer Veröffentlichung verschwinden zu lassen, indem sie sie einfach auf ihrer Plattform absetzen und so wenig wie möglich tun, um sie hervorstechen zu lassen. ... Der hohe Output alleine kann dabei nicht der einzige Grund für die Müllqualität von Netflix sein. Studios wie Paramount oder Warner Bros. brachten in den Zwanzigern und Dreißigern an die 70 Filme pro Jahr heraus. Miramax versuchte in den Neunzigern, als sie ihren größten Erfolg hatten, fast jede Woche einen Film in die Kinos zu bringen. Der Unterschied zwischen Netflix und seinen Vorgängern besteht darin, dass das Geschäftsmodell der älteren Studios kinematografisches Können und Handwerk belohnte. Bei Netflix hingegen arbeiten unbeleckte Geschäftsführer, die für ihre Filme keinen Plan haben und ihnen mit Geringschätzung begegnen. ... Quellen erzählten mir von zwei hochrangigen leitenden Angestellten, die dafür bekannt waren, Projekten grünes Licht zu geben, ohne das Drehbuch überhaupt gelesen zu haben. ... Diese Art schludrigen Filmemachens funktioniert bestens für das Streaming-Modell, da das Wohnzimmerpublikum oft nur wenig Aufmerksamkeit aufbringt. Wie mir diverse Drehbuchautoren, die für den Streamer gearbeitet haben, erzählten, lautete eine gängige Notiz von oben: 'Lass diese Figur verkünden, was sie tut, damit auch die Zuschauer, die das im Hintergrund laufen lassen, noch folgen können.'"

Magazinrundschau vom 14.11.2023 - n+1

Einen ganz guten Überblick über die Ansichten der postkolonialen Linken zum Krieg in Gaza bekommt man bei n+1: Für Jaskiran Dhillon lässt sich das "völkermörderische Projekt des Siedlerkolonialismus" in Gaza "in Aktion erleben - eines, das eng mit ähnlichen Kämpfen gegen Unterdrückung und gewaltsame Landbesetzung in der ganzen Welt verbunden ist. Am besten schließe ich meinen Beitrag mit den Worten der indigenen Aktivistin und Schriftstellerin Winona Laduke, die uns eindringlich daran erinnert, dass 'wir nicht über Israel sprechen können, weil wir nicht über Wounded Knee sprechen können. Weil wir nicht über Sand Creek oder die Carlisle Internatsschule" sprechen können. Weil wir nicht über Zwangssterilisationen oder Pockendecken oder Kit Carlson und seine Politik der verbrannten Erde im Südwesten sprechen können. Weil wir Andrew Jackson auf unserem Zwanzig-Dollar-Schein haben. Weil wir eine einzige riesige Siedlung auf gestohlenem Land sind.'"

Hadeel Assali bemerkt bitter, dass die Hamas von den USA natürlich als Terrorgruppe eingestuft wird, obwohl sie "ein integraler Bestandteil der palästinensischen Gesellschaft ist - und das nicht nur im Gazastreifen", weshalb der Krieg der Israelis keiner gegen die Hamas sei, sondern gegen die Palästinenser und gegen alle Schwarzen. Die amerikanischen Medien und die Gesellschaft würden das nicht verstehen, obwohl sie involviert seien: "Ein Teil des Problems besteht darin, dass es in diesem Land [den USA] keine Antikriegsbewegung gibt. Sind sich die Amerikaner so wenig bewusst, dass die US-Kriegsmaschinerie in Somalia, im Sudan, in Afghanistan und im Irak Millionen von Menschen getötet hat - zu viele, um sie aufzuzählen? Vielleicht liegt es daran, dass die Kriege anderswo stattfinden, aber dieselben Waffen werden von der hochmilitarisierten Polizei und in Form von Massenerschießungen auch gegen unsere eigenen schwarzen Gemeinschaften eingesetzt. Ein afghanischer Freund erinnerte mich daran, als Obama seine Truppen aus Afghanistan abzog: Was glauben Sie, wo all diese Waffen gelandet sind?"

Bruce Robbins will "nicht als Jude sprechen, sondern als Sohn eines Veteranen des Zweiten Weltkriegs", der mit seiner Flugzeugstaffel unter anderem Halberstadt bombardierte, "wobei etwa 2500 Zivilisten getötet wurden. Als ich darüber nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass selbst in einem gerechten Krieg die Tötung einer großen Zahl von Zivilisten als Gräueltat zu werten ist, und zwar nicht im Sinne des technischen Vokabulars der Menschenrechte, sondern im Sinne meiner eigenen groben Vorstellung von menschlichem Anstand. Was hat das mit dem zu tun, was jetzt in Gaza passiert? Im Moment ziehe ich zwei Schlussfolgerungen. Die erste ist, dass die Tötung von israelischen Zivilisten am 7. Oktober eine Gräueltat war. Die zweite ist, dass die Tatsache, dass eine Gräueltat, die von der Hamas begangen wurde und in gewisser Weise von Zivilisten, die durch die von der Hamas geschaffenen Öffnungen im Zaun kamen, die palästinensische Sache nicht weniger gerecht macht." Was die Israelis derzeit in Gaza tun, ist für Robbins wiederum "kein 'Krieg', wie die Medien ihn immer wieder nennen. Es ist eine Schießbude, mit Zivilisten als Zielscheiben. Es ist eine Ausrottung."

Und Andrew Ross geißelt die Unterbrechung der Wasserversorgung Gazas durch die Israelis als "Kolonisierung durch Austrocknung. ... In den letzten Wochen haben wir durch die Belagerung des Gazastreifens einen Vorgeschmack auf das bekommen, was kommen wird. Obwohl die Unterbrechung der Wasserversorgung für den Feind eine uralte militärische Taktik ist, stellt sie einen Verstoß gegen moderne Kriegsregeln dar, insbesondere wenn Wasser als Waffe gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt wird. Insbesondere ist es für eine Besatzungsmacht illegal, sich die natürlichen Ressourcen eines Volkes unter militärischer Herrschaft anzueignen. Es ist ein weitaus schwerwiegenderes Verbrechen, ihnen den Zugang zu diesen Ressourcen zu verwehren. Doch Israel operiert schon so lange außerhalb des Völkerrechts, dass das ultimative Tabu - die Begehung von Völkermord - sich als nur eine weitere zu überschreitende Grenze herausgestellt hat."

Magazinrundschau vom 02.10.2018 - n+1

Navtej Singh Dhillon ist homosexuell, lebt in Amerika, hat einen Geliebten mit muslimisch-pakistanischem Hintergrund. Auch sein Vater lebt im Westen, doch als er an Krebs erkrankt, bittet er seinen Sohn, ihn nach Hause zu bringen, nach Indien. Für Singh - indischer Ursprung hin oder her - keine ganz leichte Übung, erzählt er: "Das war Punjab im Jahr 2013, wo in Dörfern wie Khanpur, sieben Autostunden von Delhi entfernt, der Feudalismus intakt geblieben ist. Die Dorfbewohner betrachten den ganzen Ort als Jagir meiner Familie, ein Landgeschenk, das wir in den frühen 1800er Jahren vom Maharadscha Ranjit Singh erhalten hatten. Damit stehen wir an der Spitze der Hierarchie. Bauern und Arbeiter nannten meinen Vater Sardar, ihren Herrn. Seit drei Generationen haben die Männer meine Familie hauptsächlich im Westen gelebt, aber sie waren gegen Ende ihres Lebens nach Khanpur zurückgekehrt.'Bring mich zurück nach Indien', hatte mein Vater an einem regnerischen Londoner Abend zu mir gesagt, als wir nach seinem letzten Arzttermin nach Hause fuhren ... Ich ärgerte mich über diese Störung meiner Karriere und meines Privatlebens. Ich machte mir vor allem Sorgen darüber, was die Krankheit meines Vaters über mich verraten könnte. Ich war 36 Jahre alt und unverheiratet. Jahrelang stand jedes Mal, wenn ich fortging, Nina in der Einfahrt - die Familienmagd aus Bihar, die rosa-grüne Armreifen an Händen trug, die wie die Rinde eines toten Baumes gehärtet sind - und bot mir ihren Enkel zur Adoption an. 'Dieses Haus', würde sie sagen und auf das Dach zeigen, 'hat noch keinen Tag der Freude erlebt.'"
Stichwörter: Delhi, Adoption

Magazinrundschau vom 07.11.2017 - n+1

Dank viel Lobbyarbeit  - im Jahr 2016 gaben sie allein 1,6 Millionen Dollar in den USA aus -  können sich Uber und Lyft nicht nur über die für Taxifahrer geltenden Gesetze hinwegsetzen, sondern sie haben durch eine Strategie, die die Idee des Verbrauchers über die Idee des Bürgers stellt, auch eine gespaltene Gesellschaft mit zwei unterschiedlichen Klassen von Arbeitern und Verbrauchern geschaffen, berichten Nikil Savals und Dayna Tortorici: "Die größte Gruppe von Uber-Fahrern ist weiß (40 Prozent), schwarze Nicht-Hispanics machen die zweitgrößte Gruppe aus (19,5 Prozent); die größte Gruppe von Taxifahrern ist hingegen schwarz (über 30 Prozent), mit weißen Fahrern auf Platz zwei (26 Prozent). Die meisten Uber-Fahrer sind jünger und haben einen Hochschulhintergrund, viele haben Abschlüsse; die meisten Taxifahrer sind älter, verheiratet und haben noch nie ein College besucht. Obwohl Uber im Allgemeinen billiger ist, ist seine Fahrgastschaft jünger und reicher als diejenige der Taxis, wobei  die meisten mit ungefähr 45.000 Dollar pro Jahr in den 'mittleren 50 Prozent' der Einkommen liegen; der Prozentsatz von Senioren, Behinderten und Armen unter Taxikunden ist größer als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung."

Weiteres: Ebenfalls im n+1magazine erzählt Nikil Savals, wie Amazon die vor allem auf lebenswerte Nachbarschaften setzende Idee des Urbanismus, auf die es sich einst berufen hatte, in den Bankrott trieb.

Magazinrundschau vom 25.04.2017 - n+1

Es gibt nichts, woraus Amerikaner nicht eine Religion machen könnten, an die sie dann mit Inbrunst glauben. Die neueste Variante - aber auch schon älter, als man denkt - ist der Transhumanismus: der Glaube, dass man seinen Geist in die Maschine verpflanzen wird können und somit unsterblich wird (sofern der Strom nicht zusammenbricht). Ein Hauptvertreter ist der Google-Mann Ray Kurzweil, aber auch der Tesla-Gründer Elon Musk und der Investor und Trump-Unterstützer Peter Thiel bekennen sich dazu. In einem wunderbaren, sehr persönlichen Essay schreibt Meghan O'Gieblyn, wie sie zuerst von ihrem evangelikalen Glauben abfiel, um sich dem transhumanen zuzuwenden, bis sie sich auch davon löste (was sie heute im Fitness-Studio kompensiert): "Transhumanismus bot eine Vision der Erlösung ohne das dornige Problem der göttlichen Gerechtigkeit. Er war eine Annäherung an die Eschatologie aus evolutionärer Perspektive, in der die Menschheit die finale Glorifizierung des Körpers selbst übernahm und nicht dafür verantwortlich gemacht werden konnte, wenn der Weg zur Erlösung holprig oder ineffektiv war. Monate nach meiner Begegnung mit Kurzweils Schriften tauchte ich völlig in die transhumane Philosophie ein. Es war früher Dezember, und die Tage wurden dunkler. Die Stadt wurde von frühen Winterstürmen belagert, Schnee lagerte sich auf den Fensterbänken ab und dämpfte die Geräusche."

Magazinrundschau vom 09.02.2016 - n+1

Kamel Daouds Roman "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung", der in diesen Tagen in Deutschland erscheint (Vorgeblättert im Perlentaucher) war in Frankreich im letzten Jahr der Favorit für den Prix Goncourt, der ihm dann von Mathias Enard weggeschnappt wurde. Aber auch so dürfte klar sein, dass er zu den wichtigsten aktuellen französischsprachigen Romanen zählt. Namara Smith liefert eine epische Analyse des Romans, die man wegen der vielen Nacherzählung erst nach der Lektüre des Romans selbst lesen sollte. Unter anderem weist sie darauf hin, dass sich Daouds Roman nicht nur an Camus' Roman "Der Fremde", sondern auch an der zyklischen Form von Camus' letztem Roman "Der Fall" orientiert: "Wie im 'Fall' ist Daouds Selbstbefragung sowohl nach innen als auch nach außen gerichtet. Es geht nicht nur um das Trauma der kolonialen Vergangenheit Algeriens, sondern auch um die Lähmung des Landes in der Gegenwart. Daoud nutzt die zyklische Form von Camus' Roman, um zu zeigen, dass Algeriens Unabhängigkeit nicht den vollständigen Bruch mit der kolonialen Vergangenheit darstellte, den Frantz Fanon imaginiert hatte, sondern zu einer Reaktion auf die französische Herrschaft führte, die ihre Gewalt in umgekehrter Form widerspiegelte. Die Desillusionierung des Erzählers Harun über die Heldengeschichte, die ihm in der Kindheit erzählt worden war, ist eine Parallele zum Abstieg des Landes in eine Einparteien-Diktatur."

Magazinrundschau vom 18.08.2015 - n+1

Im Mai behauptete Seymour Hersh in einem großem Report in der LRB, dass Osama bin Laden nicht von der CIA über erfolgreiches Foltern in Guantanamo aufgespürt worden war, sondern dass er von der pakistanischen Regierung seit 2006 in Abottabad gefangen gehalten und 2011 bei der SEAL-Operation in Absprache mit Islamabad getötet wurde. Dass abgesehen von der NYT-Korrespondentin Carlotta Gall fast alle Journalisten Hershs Version beiseite wischten, ohne selbst zu recherchieren, zeigt für n+1, wie wenig Journalisten noch ihre Rolle kennen - und das in Zeiten von Edward Snowden: "Eine Aufgabe von Journalisten ist es, verrückte Verschwörungstheorien zu entlarven, doch eine andere, schwierigere Aufgabe ist, die wahren Verschwörungen aufzudecken. In den 60er und 70er Jahren förderte die allgemeine Skepsis gegenüber den amerikanischen Abenteuern in Südostasien eine umfassende Kultur des Widerspruchs und der Recherche und ein Goldenes Zeitalter des investigativen Journalismus. Als der Kalte Krieg vorbei war, änderte sich die öffentliche Meinung und der Journalismus fiel in seine bequeme Position auf dem Diwan des amerikanischen Triumphalismus zurück. Zeichen dieser neuen Konformität waren bereits Anfang der neunziger Jahre zu erkennen, die Kontroverse um Gary Webbs Serie "Dunkle Allianz" in den San Jose Mercury News bildete sozusagen den Vorgänger der Affäre Hersh. Webb, ein Anhänger der paranoiden Schule des investigativen Journalismus, behauptete, dass Geld für die Contras nach Nicaragua floss, das aus Drogengeschäften der CIA in Kalifornien stammte. Anstatt Webbs Berichten nachzugehen, die sich im Laufe der Zeit als absolut richtig erwiesen, gab es unablässig Versuche, Webbs Charakter und seine Methoden zu diskreditieren. Der Subtext war eindeutig: So etwas tun wir nicht mehr, das Zeitalter der Verschwörungen ist zu Ende. Geächtet und ohne Aussicht, bei einer größeren Zeitung Arbeit zu finden, nahm sich Webb schließlich das Leben."

Magazinrundschau vom 12.05.2015 - n+1

Mark Greif denkt in einem langen Essay über Aufgabe und Wesen der Polizei nach. Wenn man mit Polizisten zu tun bekommt, stellt er fest, wird man ständig berührt. Polizisten beherrschen in genauesten Abstufungen die Technik der kontrollierten Berührung, ohne selbst berührt werden zu dürfen: "Der Zweck der Berührung besteht darin, die Person berührbar zu machen. Die Berührung bereitet weitere Berührungen vor. Die Hemmung, in unserer Gesellschaft einen Menschen anzugreifen, vor alle einen Bürger, der keine unmittelbare Gefahr für andere darstellt, ist ziemlich hoch. Für die meisten Formen von Gewalt, die zivile Normen durchbricht, braucht es selbst bei denen, die es als Kunst oder Beruf betreiben, eine schrittweise Gewöhnung. Die "plötzliche" Verhaftung bei einer Demonstration kommt fast nie plötzlich, wenn man die Polizisten längere Zeit beobachtet. Die Veränderung bei einem Beamten, der jemanden zu Boden werfen will, richtet sich nicht unbedingt auf das Ziel, sondern scheint innerlich vorzugehen: der Gesichtsausdruck verändert sich - meist im Moment des Zurücktretens, am Ende des Austauschens oder Verhandelns -, man kann spüren, wie sich vor dem Zugriff die Erreichbarkeit verändert."
Stichwörter: Polizei, Polizeiarbeit