Magazinrundschau

Allegorien der Liebe

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Freitag Mittag
04.04.2014. Die NYT entdeckt die französische Küche neu. Die LRB besucht Veronese. Eurozine dokumentiert die Gender-Diskussion in Polen. Der Merkur erzählt die Geschichte des weißen südafrikanischen Antiapartheidkämpfers Edward Vincent Swart. La vie des idées beobachtet die Rückkehr des biologischen Rassekonzepts. Vanity Fair bringt eine Reportage über die größte Privatarmee der Welt, die G4S.

New York Times (USA), 30.03.2014

Kann es sein, dass der Niedergang der französischen Küche noch zu stoppen ist? Das vielleicht nicht. Aber es gibt Zeichen für einen Neuanfang, schreibt Michael Steinberger in einem nützlichen und ausführlichen Artikel im Magazin der New York Times. Die Anstöße kommen ausgerechnet zum großen Teil von ausländischen Köchen in Paris - die französisch und nichts anderes kochen wollen. Steinbrenner stellt eine ganze Reihe von Restaurants vor, eines sei herausgegriffen: "Abri ist eine der schwierigsten Reservierungserfahrungen in Paris. Vielleicht ist es auch das verrückteste Restaurant in Paris, nur wenig größer als ein Schuhkarton, und die offene Küche auf einer Seite des engen Raums sieht aus wie bei einem Imbiss. Die gesamte Equipe ist japanisch, keiner spricht Englisch, und ihr Französisch ist ebenfalls recht lückenhaft. (Aber das macht nichts, sie gehen ohnehin nie ans Telefon und antworten nicht auf E-Mails. Ich bin überhaupt nur reingekommen, indem ich vorbeiging und mich auf eine Warteliste setzen ließ, zwei Tage später um 11 Uhr kam ein Anruf, dass ich einen Tisch für Mittags halb zwei haben kann.) Der rätselhafte Geist hinter dem Abri ist Katsuaki Okiyama, der bei dem berühmten Joel Robuchon lernte und im Taillevent, einem der Restaurants der vornehmen alten Garde gearbeitet hatte, bevor er sich selbständig machte. Er sagt, dass er keine Lust hatte, nach Japan zurückzugehen. Er wollte "französisch für Franzosen" kochen." Mehr übers Abri auch hier. Die beiden Zeitschriften, die man in Frankreich lesen muss, um auf dem laufenden zu sein sind: Le Fooding (Website) und Omnivore (Website).

Außerdem im Magazin: Carina Chocano porträtiert den 15-jährigen Chefkoch Flynn McGarry, der nicht nur Jugend und herausragendes Talent hat, sondern auch noch umwerfend gut aussieht. Und Jonah Weiner stellt zwei Brüder vor, die das beste Bier in Dänemark brauen, aber zutiefst verfeindet sind - eineiige Zwillinge eben, mit Bärten!

Weiteres: Im Kulturteil berichtet Noam Cohen, dass immer mehr Organisationen wie etwa Museen die Wikipedia entdeckenund Wikipedianer zu "edit-a-thons" einladen, um bisher unerschlossene Wissensbereiche zugänglich zu machen. In der Book Review bespricht Peter Bogdanovich die John-Wayne-Biografie von Scott Eyman, Hari Kunzru schreibt über Teju Coles Buch "Every Day Is for the Thief", Judith Shulevitz bespricht Simon Schamas Geschichte der Juden und der Autor Daniel Woodrell stellt Amy Greenes "Long Man" vor.

London Review of Books (UK), 03.04.2014

Bashar Al-Assads Baath-Regimes mag streng säkular sein und die Muslimbrüder brutal unterdrückt haben, doch den Dschihad haben die syrischen Geheimdienste seit Beginn des Irak-Krieg nach Kräften unterstützt, erklärt Peter Neumann in einem kenntnisreichen Report der London Review of Books. Einerseits um die Islamisten loszuwerden, andererseits um die alliierten Truppen zu schwächen: "Bashar al Assad beschuldigt meist das Ausland - insbesondere die Türkei und die Golfmonarchien -, Geld und Einfluss zur Unterstützung des Aufstands bereitgestellt zu haben, die Rebellen zu bewaffnen und fremde Kämpfer zu rekrutieren. Das ist sicherlich richtig, aber nur die eine Hälfte der Geschichte. In den Jahren vor dem Aufstand waren Assad und seine Geheimdienste der Ansicht, dass der Dschihad gefördert und genutzt werden könnte, um den Zwecken der syrischen Regierung zu dienen. Damals kamen die ersten Dschihadisten ins Land und halfen die Strukturen und Versorgungslinien aufzubauen, die jetzt dem Kampf gegen die Regierung dienen. In der Hinsicht bekämpft Assad einen Feind, den er selbst mitgeschaffen hat."

Außerdem: T.J. Clark widmet sich in einem epischen Text Veroneses "Allegorien der Liebe" anlässlich einer großen Ausstellung in der National Gallery. Geoff Dyer erzählt von seinem Schlaganfall. Der Maler Julian Bell besucht die Ausstellung "Cezanne und die Modernen" im Ashmolean Museum in Oxford. Rosemarie Hill besichtigt Ruinen in der Tate Britain. Sheng Yun informiert über den Stand der Übersetzung von "Finnegans Wake" ins Chinesische. Und Helen Vendler liest die Briefe in der neuen Gesamtausgabe des Werks von Gerard Manley Hopkins.

Eurozine (Österreich), 28.03.2014

Seit einigen Monaten tobt in Polen eine hitzige Debatte über die Aufweichung von Geschlechterrollen. Im Interview mit Lukasz Pawlowski in Kultura Liberalna (auf Englisch in Eurozine) empört sich die Regisseurin Agnieszka Holland über die katholische Kirche, die das Thema mit ideologischem Furor auf die Tagesordnung gesetzt hat. Noch schlimmer findet sie allerdings die geringe Gegenwehr, auf die die Kirche dabei stößt: "Ich nehme es der Regierung, den meinungsbildenden Kreisen und den öffentlichen Medien übel, dass sie keine gemeinsame Position beziehen, dass sie nicht erklären, analysieren und die Leute damit vertraut machen, dass die Welt heutzutage nicht homogen ist. Dass es nicht mehr die einzig respektable Lebensform ist, ein weißer, heterosexueller, konservativer, katholischer Pole zu sein."

Das Interview ist Teil einer kleinen Serie in Kultura Liberalna über die "Gender-Diskussion" in Polen (alles auf Englisch bei Eurozine).
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Archiv: Eurozine

Vanity Fair (USA), 01.04.2014

Leben und Sterben in Amerika - so lautet die Überschrift zu dieser atmosphärischen Reportage in Vanity Fair und nichts könnte passender sein. Nancy Sales und Jonas Karlsson erzählen von einer handvoll junger iranischer Rockmusiker, die nach Amerika kamen um zwei Dinge zu tun: Musik machen und Party feiern. Am Ende schoss einer von ihnen mit einer halbautomatischen Schnellfeuerwaffe auf die anderen und tötete drei Menschen: "Seit dem Tag der Schießerei, als der Polizeichef Ray Kelly sie als das Ergebnis "einer Auseinandersetzung ... über Geld" beschrieb, hat die New Yorker Polizei über die Waffe nur mitgeteilt, dass sie erstmals legal 2006 in einem nun geschlossenen Waffenladen in New York gekauft wurde. Iraner, die die Opfer kennen, sind perplex, wie ihren Freunden die Freiheit, die sie in Amerika gesucht hatten, durch einen Schützen genommen wurde. Wie konnte Ali Akbar Rafie - arbeitslos, arm und Immigrant mit einem abgelaufenen Visum - ein Sturmgewehr in die Hand bekommen, fragen sie. "Man hört solche Geschichten nicht im Iran, dass Leute verrückt werden und ihre Freunde oder Familie in die Luft jagen", sagt der Autor Hooman Majd. Die Eltern von Ali Eskandarian sprachen den Eltern der anderen Opfer auf der Facebookseite ihres Sohnes ihr Beileid aus. "An Ali Rafie", schrieben sie, "wir verzeihen dir vom Grunde unseres Herzens.""

Außerdem: William Langewiesche schickt eine Reportage über die nahe London ansässige G4S, die größte Privatarmee der Welt und mit 620.000 Angestellten der drittgrößte private Arbeitgeber der Welt (nach Walmart und Foxconn).
Archiv: Vanity Fair

Merkur (Deutschland), 01.04.2014

Holger Schulze gibt eine Einführung in die Sound Studies und zeichnet anhand mehrerer Neuerscheinungen nach, wie das Hören seinen ephemeren Charakter verlor und etwas Materielles und Körperliches wurde. Zum Beispiel lernt man von Julian Henriques, wie jamaikanische Sound Systems funktionieren: "In Resonanz einer Crew aus MC, Platten-Selector und einem Toningenieur mit den Tanzenden und mit den Lautsprecherboxen. Ein Gefüge von Akteuren im Klang, das weder auf Modelle des konzertant-sitzenden, pietistischen Hörens seit dem 19. Jahrhundert noch auf Modelle des choreografierten und eheanbahnende Tanzens bei einem Ball oder einer Diskothek der 1970er zurückzuführen ist. Die räumliche, akustische und situative Verbindung von technisch musizierenden, sozial interagierenden und sich tänzerisch artikulierenden Körpern um ein Sound System herum erzeugt einen kaum auflösbaren musikalisch-tänzerischen Zusammenhang der "sonic bodies"."

Außerdem: Francis Nenik erzählt die Geschichte des weißen südafrikanischen Antiapartheidkämpfers Edward Vincent Swart.
Archiv: Merkur

Bookforum (USA), 01.04.2014

Doug Henwood geht anhand von Thomas Pikettys voluminöser und, wie Henwood findet, enorm wichtiger Studie "Capital in the Twenty-First Century" der Frage nach, wo sich innerhalb der Gesellschaft in den vergangenen zwei Jahrhunderten bevorzugt Kapital gebildet und vermehrt hat. Henwood gefällt, dass der Autor die 400 Forbes-Kandidaten in seine Darstellung mit aufnimmt, die meist durch alle Statistiken rutschen, weil sie so VIP sind. Ansonsten beschränkt Piketty sich allerdings im Wesentlichen auf die USA, England, Frankreich, Deutschland und Japan, wenn er Konstanten, wie die Kapitalakkumulation beim berühmten einen Prozent der Bevölkerung, und Veränderungen festhält wie diese hier: "Gehörten zu dem einen Prozent früher vor allem Rentiers, wird es heute von den großen CEOs dominiert, die so selbstgefällig sind anzunehmen, sie würden für ihre außerordentlichen Talente entlohnt … Das alte Kapital ist allerdings ausdauernd. Zwar gibt es die neuen Reichen. Bill Gates und Mark Zuckerberg kommen nicht aus dem Geldadel. Dennoch schätzt Piketty, dass die Hälfte der großen Vermögen aus Erbbesitz stammen. Meine Vermutung war übrigens immer, dass die treibende Kraft hinter der Aufhebung der Vermögenssteuer die Tech-Mogule waren, die sich um ihr Vermächtnis sorgten. Damit schließt sich der Kreis." (Piketty selbst warnt in einem Interview mit der SZ vor den Folgen der immer größer werdenden Ungleichheit.)

Außerdem in dieser Ausgabe: Geoff Dyer erkennt in August Sanders Fotografien verloren gegangene Gesichter. Und David Marcus beobachtet, wie der Schriftsteller Benjamin Kunkel stramm nach links rückt.
Archiv: Bookforum

Espresso (Italien), 26.03.2014

Die Italiener lesen kaum noch, stellt ein tief besorgter Roberto Saviano fest und zitiert die Studie "L"Italia dei libri 2011-2013" (hier als pdf), die herausgefunden hat, dass nurmehr 20 Prozent der Italiener in der Lage seien, komplexere Sachverhalte lesend zu rezipieren. Ein Heilmittel könnte ausgerechnet das Fernsehen sein, meint Saviano und weist nicht ganz uneitel auf die erfolgreiche Gesprächssendung "Che tempo che fa" hin, die er im italienischen Staatsfernsehen moderiert hat. "Als ich auf Rai 3 über Warlam Schalamows Gulag-Erfahrungen sprach, als ich die Geschichte von Ken Saro Wiwa erzählte, als ich Gedichte von Wisława Szymborska vorlas oder über Anna Politkowskaja sprach, wurden unglaublicherweise die Bücher in den Tagen nach der Sendung in die Regale der Buchläden gestellt."
Archiv: Espresso

Daily Beast (USA), 30.03.2014

Der 20. Februar war der gewalttätigste Tag in der ukrainischen Geschichte seit dem Mauerfall. Mehr als hundert Demonstranten auf dem Maidanplatz wurden getötet, die meisten davon offenbar von Scharfschützen, denn sie hatten auffällig präzise Wunden in Kopf- oder Herznähe. Jamie Dettmer bringt Belege, dass die Scharfschützen aus einer Eliteeinheit des ukrainischen Geheimdiensts SBU kamen. Er bezieht sich auf Fotomaterial ukrainischer Bürger, das zeigt, wie sich Geheimdienstler in ihrem Hauptquartier versammeln und verkleiden: "Der SBU ist Nachfolger des ukrainischen Zweigs des KGB aus Sowjetzeiten und hat bis heute außerordentlich enge Beziehungen zu Moskau. Lange Zeit "kamen führende SBU-Beamte vom KGB", sagt Boris Volodarsky, ein früherer russischer Geheimdienstler und Autor des Buchs "The KGB"s Poison Factory". Nach seinen Angaben hat der heutige russische Geheimdienst über Jahre sichergestellt, dass er in sein ukrainisches Gegenstück einbezogen ist und dass "Agenten und Ansprechpartner vor Ort bleiben". Dies war unter der Präsidentschaft des Russland-Freunds Janukowitsch leicht zu bewerkstelligen."
Archiv: Daily Beast

La vie des idees (Frankreich), 31.03.2014

Deutet sich ein Paradigmenwechsel beim Begriff der Rasse an, fragen Claude-Olivier Doron und Jean-Paul Lallemand-Stempak und sichten zur Einordnung mehrere - interdiziplinäre - Beiträge zum Thema. Bei Juristen, Anthropologen und Soziologen sei jedenfalls seit einigen Jahren ein Anstieg von Untersuchungen zur Rückkehr des biologischen Rassekonzepts in der medizinischen, rechtsmedizinischen oder genealogischen Forschung zu verzeichnen. Und oft werde die Neudefinition von den Minderheiten selbst betrieben, betonen die Autoren: "Catherine Bliss zeigt, dass diese Logik der freiwilligen Inklusion in der Medizin und Genetik von engagierten Forschern ausgeht, die aus den Minderheiten kommen und ihre Forschung mit einem politischen Engagement verbinden, um gesundheitliche Nachteile auszugleichen, unter denen ihre Gruppen leiden. Auf diese Weise erscheinen die Begriffe "Rasse" oder "Ethnie" nicht mehr als negative Begriffe und Vehikel der Hegemonie, sondern "positive" strategische Instrumente, die es erlauben Ungleichheiten anzuprangern und zu bekämpfen."

New York Magazine (USA), 24.03.2014

Das New York Magazin feiert 100 Jahre Popmusik in New York. In der Coverstory fragt Jody Rosen, ob es so etwas wie einen typischen Sound der Stadt gibt: "Hier wurde aus Folk Pop und dann wiederum Folk. 1886 starteten die Teenager Isidore, Julius und Jay Witmark ihren Musikverlag aus einer Ladenzeile in der West 40th Street, der Beginn des modernen Popsong-Geschäfts … Der Straßenhändlerstil war charakteristisch für das Geschäft mit Populärmusik damals in New York. Später wurde Boston zu einem Hauptort. Die Musikverleger dort waren europhil und viktorianisch mit einem Hang zur Wiener Operette. In New York ging es weniger hochfahrend zu - frech, grell, zeitgemäß und ohne Scheu vor dem Markt. Diese Musik wurde wie Schuhe oder Duschvorhänge angeboten und verkauft. In anderen Worten: New York City Music."

Zum Artikel gibt es eine Karte mit den Orten in New York, an denen Popmusikgeschichte geschrieben wurde, vom Bamville Club bis zum Studio 54. Außerdem eine umfangreiche Slideshow mit Fotos und Texten über die Protagonisten, von Irving Berlin und den Gershwins über Patti Smith, Bob Dylan und Madonna bis Lady Gaga.

Buzzfeed (USA), 09.03.2014

Vor zwei Jahren ging "KONY 2012" online, eine Kurzdokumentation, in der Jason Russell von der Aktivistengruppe "Invisible Children" seinem fünfjährigen Sohn von ugandischen Kindersoldaten erzählt. Der Clip wurde in wenigen Tagen hundertmillionenfach gesehen und avancierte zum viralsten Video aller Zeiten (mehr hier). Es folgten ein Shitstorm und ein Nervenzusammenbruch, danach wurde es still um "Invisible Children". Doch der Rebellenführer Joseph Kony ist noch immer auf freiem Fuß, und "Invisible Children" arbeitet noch immer daran, das zu ändern, berichtet Jessica Testa in einer ausführlichen Reportage in Buzzfeed: "Die zehn Jahre, die sie sich mit ausgestelltem Idealismus diesem Thema gewidmet haben, haben bei den Mitarbeitern einen Zustand permanenter Antizipation hervorgerufen. Sie glauben fest daran, dass Kony jeden Tag irgendwo gesichtet werden könnte. Zu dieser Erwartung gesellt sich die noch stärkere Hoffnung auf Rehabilitation. "Es wäre großartig. Die Leute würden zu uns zurückkommen und sagen: Ich habe euch von Anfang an unterstützt. Ich wollte auch, dass Kony geschnappt wird", sagt Russell. "Wir sind uns absolut bewusst, dass wir diesen Sieg brauchen, und dass die Zukunft von "Invisible Children" und das Ziel unserer Arbeit vollkommen davon abhängen, dass wir wissen, dass dieser Sieg unmittelbar bevorsteht. Ich glaube nicht, dass wir das Narrativ sonst noch sehr viel länger aufrechterhalten können."" Womöglich ist das Ziel tatsächlich in Reichweite: wie die Washington Post meldet, hat Barack Obama gerade 150 Soldaten mit Spezialflugzeugen zur Suche nach Kony abkommandiert.
Archiv: Buzzfeed