Magazinrundschau

Privatsphäre ist Diebstahl

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
05.11.2013. Die NYT fragt, wie das Internet die Literatur verändert. Das TLS lernt, was eine ideale Übersetzung ist. The New Republic vermisst die Malerinnen in einer Ausstellung amerikanischer Nachkriegsmaler. The Nation zeigt, wie China mit seinen Konfuzius-Instituten sein Image manipuliert. In Rue89 wartet Ai Weiwei immer noch auf seine formale Anklage. Elet es Irodalom findet heraus, dass viele junge Ungarn am liebsten in einer Diktatur leben würden. Die LRB lernt das erste Gebot für einen Spion kennen: Finde eine Frau.

New York Review of Books (USA), 21.11.2013

"Privatsphäre ist Diebstahl", lernt Margaret Atwood aus Dave Eggers Roman "The Circle", der in die eisige Glaswelt von Google und Facebook führt: Jede Wahl wird aufgezeichnet und bewertet, jeder Geschmack gnadenlos bewertet. Der Kunstkritiker John Ruskin - von dem das berühmte Diktum stammt: ' Sagen Sie mir, was Sie mögen, und ich sage Ihnen, wer Sie sind' - betrachtete schlechten Geschmack als moralischen Angriff, und die jungen Leute aus dem Circle unterschreiben dieses Dogma umstandslos: Nichts lässt einen schneller abblitzen als ein Paar uncooler Jeans. Utopia ist offenbar ziemlich genau wie Highschool, nur mit noch mehr Hausaufgaben."

Außerdem u.a.: Kenneth Roth fragt, wie Syriens Diktator Assad eigentlich das Signal verstehen soll, das ihm der Westen gegeben hat: "Rotes Licht für Chemiewaffen, grünes Licht für konventionelle?" Masha Gessen schreibt über die russische Küche. Mark Lilla bespricht den Hannah-Arendt-Film von Margarete von Trotta.

Online ist jetzt auch Sue Halperns Text über Big Data, Soziale Medien und die schwindende Privatsphäre. Nach Lektüre mehrerer Bücher zu dem Thema kann sie immer noch nicht glauben, wie unbekümmert wir das "größte Überwachungssystem aller Zeiten" mitgeschaffen haben: "Aus freien Stücken verwenden die Leute Mobiltelefone, obwohl die Ortungssysteme sie zu erstklassigen Geräten des Aufspürens machen. Wie erstklassig, das wurde deutlich, als der Spiegel berichtete, dass die NSA den Großteil aller sensiblen Daten anzapfen kann, die auf Smartphones gespeichert sind, inklusive Kontakten, SMS, Notizen und Informationen darüber, wo sein Nutzer sich aufgehalten hat. Aber wen kümmert die NSA - GAP weiß, dass wir in der Nähe sind und bietet uns 20 Prozent Rabatt auf einen Kaschmir-Pullover!"

Times Literary Supplement (UK), 01.11.2013

"The Cahiers Series" ist eine Edition kleiner Büchlein, die auf jeweils um die 40 Seiten vom Schreiben, vom Übersetzen und dem weiten Feld dazwischen handeln. Margaret Jull Costa, selbst Übersetzerin, hat mit großem Interesse vor allem die Essays der Übersetzer gelesen: Bernard Turles "Diplomat, Actor, Translator, Spy", Alan Jenkins' "Drunken Boats" oder Simon Leys' "Notes from the Hall of Uselessness". Letzterer kommt ihrer Auffassung ziemlich nahe, was eine gute Prosaübersetzung sei, und so zitiert sie Ley: "Die Suche nach dem natürlichen und passenden Ausdruck ist die Suche nach etwas, das sich nicht mehr wie eine Übersetzung anfühlt. Es ist erforderlich, dass man dem Leser den Eindruck vermittelt, er habe direkten Zugang zum Original. Der ideale Übersetzer ist unsichtbar. Seine Kunst ist vergleichbar mit einer Glasscheibe. Wenn das Glas perfekt ist, sieht man es gar nicht, sondern nur die Landschaft dahinter. Nur wenn das Glas Makel aufweist, wird man sich der Dicke der Scheibe bewusst, die dich von der Landschaft trennt."
Stichwörter: Simon Leys

Gatopardo (Kolumbien), 02.11.2013

"Die Wüste lebt." María Fernanda Ampuero schildert die unglaubliche Erfolgsgeschichte der spanischen Buchhandelskette "La Central". Die erste Filiale eröffneten der Kolumbianer Antonio Ramírez und seine Geschäftspartnerin Marta Ramoneda vor 17 Jahren in Barcelona, seither kamen, inmitten der schweren Wirtschaftskrise, drei weitere Filialen in Barcelona sowie nochmals drei in Madrid dazu. Einkauf und Bestellung verantworten "drei Frauen, deren Vornamen mit M beginnt: Marta Ramoneda, Meritxell Ral und Mireya Valencia". Antonio Ramírez erzählt: "Unser Ausgangspunkt war: Wir sind keine Bestseller-Buchhandlung und wir machen nicht das, wozu Vertreter oder Verlage uns raten. Egal, was die Zeitungen schreiben oder welche Titel von den Verlagen als Spitzentitel präsentiert werden - wir empfehlen unseren Kunden die Bücher, die uns gefallen, unabhängig davon, wer sie verlegt hat, soll heißen: Wenn wir es für richtig halten, machen wir einen Verkaufsstapel von einem Buch, das nur in einer Auflage von 300 Exemplaren erschienen ist. In so schwierigen und komplizierten Zeiten muss man ein Zeichen setzen."
Anzeige
Archiv: Gatopardo
Stichwörter: Barcelona

New York Times (USA), 02.11.2013

Verändert das Internet die Literatur, die Geschichten, die erzählt werden? Diese Frage stellt die New York Times Book Review einer Reihe von Autoren. Aber klar, antwortet als erste Margaret Atwood, "hier ein Praxistest: Schreiben Sie Edgar Allan Poes Erzählung 'Der entwendete Brief' neu und ersetzen Sie die alten durch heutige Kommunikationsmittel. Im Original wurde ein 'Brief' auf 'Papier', geschrieben mit 'Tinte' und verschlossen mit einem 'Siegel' versteckt, indem er wie ein ganz unwichtiger Brief offen in eine Ablage gelegt wurde. Der Brief musste für die Suchenden unsichtbar sein, aber in der Nähe liegen, damit er wenn nötig schnell hervorgezogen werden konnte. Legen Sie los. Ich bin sicher, es gibt hundert brillante Auflösungen des Rätsels um 'Die entwendete Email'."

In einem ziemlich weitschweifigen Artikel über die NSA stellt sich Scott Shane auch die Frage, wie nutzbringend dieser ganze gigantische Überwachungsapparat eigentlich ist. "Die flächendeckende Überwachung in Afghanistan - laut den Snowden-Dokumenten werden die Verstecke zweitrangiger Taliban genauso überwacht wie Regierungsstellen - hat bisher keinen Sieg gegen den technisch unterlegenen Feind gebracht. Die Agency beobachtete, wie Syrien sein Arsenal chemischer Waffen aufbaute, aber dieses Wissen wurde nicht genutzt, um das grausame Schlachten im August bei Damaskus zu verhindern. Die Dokumente zeigen, wie die Agency ihre Erfolge aufbläst, den Pfusch und die Schwächen dagegen gern auslässt: Eine Flut von kostspieligen Informationen, die nicht ausgewertet werden, Abhörprotokolle, die mangels Sprachkenntnissen nicht gelesen werden, und Computer, die - sogar bei der NSA - wie so oft verrückt spielen."

Buzzfeed (USA), 31.10.2013

Die Verbindung von Horrorfilmen und schwuler Lebenskultur ist vielleicht nicht auf den ersten Blick evident - doch Louis Peitzman von Buzzfeed macht die hohe Affinität zwischen beiden in einem persönlichen Essay auf sehr anschauliche Weise deutlich: Für ihn figurieren die Monster des Horrorfilms als Personifikationen homosexuellen Begehrens: "'Man kann auf vielfältige Weise darlegen, dass Freddy Krueger im Grunde eine Drag Queen ist', erklärt mir der queere Horror-Host Joshua Grannell. 'Er bringt die zickigsten Sprüche. Er hat die fantastischsten Accessoires. Sein Make-Up ist völlig schrill. ... Sich mit diesen ikonischen Schurken zu identifizieren, bedeutet die eigenen Position außerhalb der Mainstreamgesellschaft zu akzeptieren und sie ins Extreme zu überhöhen. Man kann als Schwuler nicht dazugehören, also sticht man als Freddy Krueger, Hannibal Lecter oder - in der ultimativen Verschmelzung von queerer und Horrorkultur - Dr Frank-N-Furter aus der 'Rocky Horror Picture Show' heraus. Die Gesellschaft hat Angst vor Dir und statt diese Ängste zu beschwichtigen, trägst Du Deine erschreckende Queerness als Ehrenabzeichen vor Dir her. Und wenn das dann die Leute zum Ausflippen bringt, ist es deren Problem."
Archiv: Buzzfeed

New Republic (USA), 11.11.2013

Jed Perl ist absolut entsetzt über die Schau "See It Loud: Seven Post-War American Painters" im National Academy Museum in New York. Keine einzige Malerin, statt dessen "Macho Man Routine": "Selbst die, die die ausgestellten Gemälde bewundern, sollten platt sein, dass Nell Blaine, Lois Dodd, Jane Freilicher, Grace Hartigan, Mercedes Matter und Louisa Matthiasdottir übersehen wurden. Mit 'See It Loud' hat die National Academy die unglaubliche Leistung vollbracht, eine Nachkriegsbewegung, in der Frauen genauso prominent waren wie Männer in einen reinen Männerclub zu verwandeln. Das ist nicht nur politisch inkorrekt, das ist historisch inkorrekt. Frauen waren Anführerinnen im malerischen Realismus der Nachkriegszeit. Sicherlich waren Blaine, Freilicher, Hartigan und Matthiasdottir sehr viel bekannter als einige der Männer in der Schau - wie kann die Geschichte also ohne sie erzählt werden?" (Bild: Louisa Matthiasdottir, "Self Portrait with Red Kerchief", ca. 1990)

Ägypten entwickelt sich wieder zu einem Polizeistaat. Vor allem die jungen Ägypter geben die Hoffnung auf Veränderung langsam auf, berichtet Laura Dean, obwohl ihre Lage besonders miserabel ist. "Fünfundsiebzig Prozent der Ägypter sind unter 25, und Ägypten lässt sie im Stich: die Arbeitslosigkeit stieg in diesem Mai auf 13,2 Prozent. Was Schulbildung angeht, liegt Ägypten laut dem World Economic Forum's Global Competitiveness Report auf dem letzten Platz. Viele jungen Leute, die die Revolution im Januar 2011 entscheidend vorangetrieben haben, sehen keinen Platz mehr für sich in der Politik. In vielen Familien verteidigt die ältere Generation vollmundig den General Abdel Fattah el Sisi, den de-fakto-Herrscher Ägyptens, und nennt jeden 'Anhänger der Muslimbrüder', der nicht zustimmt. Es gibt nichts dazwischen."
Archiv: New Republic

Al Ahram Weekly (Ägypten), 30.10.2013

Nehad Selaiha hofft immer noch, dass nach dem Fall Mubaraks und Mursis endlich die "lange und schwierige Auseinandersetzung um unser ganzes kulturelles Erbe beginnen kann und wir uns von den Elementen befreien können", die beide an der Macht hielten. Mehrere Theaterpremieren haben ihr gezeigt, dass sie mit diesem Wunsch nicht allein dasteht: Shadi Al-Dalis Stück "A Plastic Dream" im Al-Tali'a Theater zum Beispiel, das im Ägypten nach dem arabischen Frühling spielt, zeigt "die Gedanken und Gefühle der jungen Ägypter heute, es zeigt ihr schmerzhaftes Bewusstsein der Absurditäten und Widersprüche der heutigen Gesellschaft, ihrer erstickenden Traditionen und rigiden, versteinerten Ideen. Es dramatisiert ihr Leiden unter dem niederschmetternden Gewicht eines erdrückenden kulturellen Erbes, das blinden Gehorsam und Uniformität hochschätzt, Freiheit und Wandel fürchtet, Neues und Anderes ablehnt, Kreativität und Vorstellungskraft unterdrückt, die Liebe verleugnet und den menschlichen Körper mit Scham, Ablehnung und tiefem Misstrauen betrachtet."

Nepszabadsag (Ungarn), 03.11.2013

Vergangenheitspolitik, mal wieder. Ein offizielles Geschichtsinstitut mit dem sektenähnlichen Namen "Veritas" soll in Ungarn gegründet werden - Ziel: "die würdige Vorstellung der ungarischen Traditionen im Interesse der Stärkung des nationalen Zusammenhalts, sowie die authentische, unverzerrte und das nationale Bewusstsein stärkende Aufarbeitung der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der letzten anderthalb Jahrhunderte." Der Politologe György Földes meint dazu im Interview mit Róbert Friss: "So wird die Nation in die Vergangenheit eingesperrt... Die Erinnerungspolitik hat sich in ihrem Wesen nicht geändert: die rechte Tradition bildet ihre alleinige Grundlage. Sie macht aus dem Ersten Weltkrieg so etwas wie einen Präventivkrieg, der Trianon vermeiden sollte. Und der Grund für Ungarns Teilnahme im Zweiten Weltkrieg ist - nach dem verdienstvollen Kampf gegen die Türken -, dass wir Europa vor dem Kommunismus beschützen wollten. Diese Erinnerungspolitik ist die Politik des kalten Bürgerkriegs."

Archiv: Nepszabadsag

Vice (USA), 01.11.2013

Auch die Syrer bekommen den Machtwechsel in Ägypten zu spüren, berichtet Eleonora Vio. Unter Mursi wurden syrische Flüchtlinge mit offenen Armen aufgenommen, jetzt brauchen sie zum ersten Mal in der Geschichte ein Visum: "Ein Nebeneffekt dieser Politik ist, dass Flüchtlinge aus Syrien jetzt auf Misstrauen, Diskriminierung und Gewalt stoßen. Thair, ein syrischer Vater zweier Kinder, erzählt, dass seit dem 30. Juni Ägypter, die seinen syrischen Akzent bemerkt hatten, das Gerücht streuen, er sei Anhänger der Muslimbrüder, die jetzt als Staatsfeinde betrachtet werden. Unter dem Verdacht, die Muslimbrüder zu unterstützten, wurden Syrer und Palästinenser Opfer 'systematischer und verbaler Attacken', berichtet Marwa Hesham von der UNHCR. Viele Syrer haben ihre Jobs verloren, in Kairo und Damietta wurden Läden von Syrern zerstört."
Archiv: Vice

Espresso (Italien), 30.10.2013

Fabrizio Gatti hat für sein Blog im Espresso die Fotos aller syrischen Kinder gesammelt, die bei dem großen Schiffsunglück vor Lampedusa ums Leben kamen, und schreibt dazu: "Der Europäische Rat hat nach Abschluss seiner Sitzung am 24. und 25. Oktober beschlossen, sich Zeit zu nehmen. Bis zum 14. Juni 2014 hat er das Projekt einer 'langfristigen Reflexion über die Einwanderungspolitik' vertagt. Eine Frist von acht Monaten, die lange nach den Wahlen für das Europaparlament im März endet. Eine politische Schandtat, um die Wählerschaft nicht zu verärgern. Und es geht nur um langfristige Reflexion. Nicht um eine Entscheidung." Das Foto zeigt eines der Kinder, Mohamad Samer Ali.
Archiv: Espresso

The Nation (USA), 18.11.2013

Ziemlich unheimlich liest sich in dem sehr ausführlichen Artikel des Anthropologen Marshall Sahlins, wie China seine Soft Power nutzt, um an mehr und mehr Universitäten in der ganze Welt seine Konfuzius-Institute zu unterzubringen. Es nutzt dafür die wirtschaftliche Abhängigkeit vieler Universitäten von chinesischen Studenten, die volle Studiengebühren zahlen - in den USA studieren über 200.000 Chinesen. Unter anderem lehren die Institute Chinesisch in den vereinfachten Zeichen der Schriftreform. Damit bekommen sie laut dem Experten Michael Churchman ein Problem, das auch viele Chinesen in der Volksrepublik haben: Sie können die traditionellen Langzeichen nicht lesen - und sind damit von Traditionen und Informationen abgeschnitten: "Unfähig, die Klassiker zu lesen, außer in Versionen, die in der Volksrepublik übersetzt und zugelassen wurden, abgeschnitten von dissidenter und populärer Literatur anderer chinesischer Communities, können Studenten der Konfuzius Institute nicht einmal 'den großen und wachsenden Korpus von Material über die Geschichte der Kommunistischen Partei rezipieren, der zwar von Festlandchinesen zusammengetragen, aber in Hongkong oder Taiwan veröffentlicht wird'".

Greg Grandin schreibt einen ziemlich brillanten - aber desillusionierten, ja finsteren - Essay über die mexikanisch-amerikanische Grenze. Er folgt dem Autor Harel Shapira zu einer Miliz, die den Mexikanern an der Grenze auflauert, aber er verknüpft das Thema auch mit dem amerikanischen Diskurs der Frontier, der zugleich mit den großartigen Verheißungen des amerikanischen Traums und mit den Brutalitäten von Siedlungspolitik verknüpft ist - amerikanischer Mainstream, so Grandin. Republikaner und Demokraten handeln hier in tief inniger Einigkeit. "Die Demokraten sind die Partei der Einwanderungsreform, aber sie haben die Debatte jenen überlassen, die auf einer 'effektiven Sicherheit' als Vorbedingung für die Legalisierung von elf Millionen illegalen Einwanderen beharren. Das im Juni verabschiedete Gesetz des Senats ist 'hart wie Beton', sagt sein Miterfinder, der New Yorker Senator Charles Schumer. Weitere Milliarden werden für Eindämmung, Zäune, Ausweisungen ausgegeben, und nicht ein Penny für Wassertanks oder bessere Handyabdeckung, die an der Wüstengrenze Leben retten könnten."
Archiv: The Nation

Rue89 (Frankreich), 03.11.2013

Im Gespräch mit Pierre Haski informiert Ai Weiwei, der immer noch unter Hausarrest lebt, über die Fortschritte im Prozess gegen ihn. Aber eigentlich gibt es keine: "Es gibt kein juristisches Verfahren gegen mich, hat es übrigens nie gegeben. Selbst nach meiner Festnahme oder nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis, es hat nie ein Dokument gegeben, das aufführte, warum man mich festgehalten hat, keinerlei Anschuldigung. Öffentlich hat man vor allem gegenüber dem Westen erklärt, dass ich Steuerprobleme hätte. Aber es ist nie Anklage erhoben worden. Sie haben eine Firma verklagt, mit der ich gearbeitet habe, aber auch das war eine reine Konstruktion." Der Hausarrest bleibt trotzdem bestehen, Ai Weiwei hat nach wie vor keinen Reisepass.
Archiv: Rue89
Stichwörter: Ai Weiwei, Rue89

Elet es Irodalom (Ungarn), 31.10.2013

Seit den ersten einschlägigen Erhebungen aus dem Jahre 2008 wird deutlich, dass nur 40 Prozent der befragten jungen Ungarn Demokratie als das beste politische System betrachten. Eine immer stärker anwachsende Gruppe an den Universitäten und Hochschulen befürwortet sogar explizit die Diktatur, ergaben Studien der Forschungsgruppe "Aktive Jugendlichen" der MTA. Andrea Szabó, Leiterin der Forschungsgruppe, bietet im Interview mit Eszter Rádai eine Erklärung an: "Die jungen Ungarn möchten Konsens. Konsens, Einheit und einheitliches Denken ... Sie hassen Diskussionen, denn da müssen sie ihren Standpunkt verteidigen, und sie lernen nicht, wie sie ihren Standpunkt verteidigen können. In der Schule lernen sie nur, dass Konflikte schlecht sind. Konfliktmanagement wird in Ungarn nicht gelehrt."

Es könnte auch daran liegen, dass viele junge Ungarn, die anders denken, ihr Land am liebsten verlassen. Das gilt übrigens auch für Ungarn in Rumänien, laut einer in HVG zitierten Studie, die nicht mehr nach Ungarn, sondern viel lieber nach Deutschland oder Österreich emigrieren.
Stichwörter: Hochschulen, Rumänien

The Atlantic (USA), 01.11.2013

Macht Google uns dumm, fragte Nicholas Carr vor fünf Jahren und stieß damit eine weitreichende Debatte an. Die nächste Marke auf dem Weg zum Untergang des Abendlandes erblickt er jetzt in der umfassenden Automatisierung von Arbeitsabläufen, die aus einst kompetenten Handarbeitern Datenverwalter und Bildschirmarbeiter macht, denen zusehends die Welt und die Befähigung zum aktiv planenden Handeln abhanden kommt. Was sie noch überflüssiger macht. "Wenn die Fähigkeiten der Computer sich so rasant verbessern und wenn im Vergleich dazu die Leute langsam, tappsig und anfällig für Fehler wirken, warum sollte man dann nicht makellose, unabhängige Systeme bauen, die fehlerfrei arbeiten, ganz ohne Überwachung oder Eingriff eines Menschen? Warum sollte man nicht den menschlichen Faktor aus der Gleichung nehmen? ... Die Medizin für unzulängliche Automatisierung heißt totale Automatisierung. Die Idee ist verführerisch, doch keine Maschine ist unfehlbar. Früher oder später wird selbst noch die avancierteste Technologie zusammenbrechen", und dann wird niemand mehr wissen, wie man eine Raumstation mit Alupapier aus der Zigarettenschachtel und Spucke zusammenhält.

Außerdem: James Somers unterhält sich mit Douglas Hofstadter, Physiker, Informatiker und Kognitionswissenschaftler, über die Forschung zur Künstlichen Intelligenz.
Archiv: The Atlantic

Guardian (UK), 30.10.2013

Die 16-jährige pakistanische Menschenrechtlerin Malala Yousafzai erlangte traurige Berühmtheit, nachdem sie von einem Taliban in den Kopf geschossen worden war. Nun hat sie ein Buch mit dem schlichten Titel "I Am Malala" veröffentlicht. Während sie in der westlichen Welt für ihren Mut und ihre Entschlossenheit bewundert wird, schlägt ihr in ihrem Heimatland Verachtung entgegen, berichtet Fatima Bhutto: "Obwohl Malala sogar beteuert, sie hasse den Mann nicht, der auf sie geschossen hat, ist die Wut auf diese ambitionierte junge Aktivistin so groß wie noch nie. Es herrscht die ernsthafte Sorge, dass die Aussagen, die dieses außergewöhnliche Mädchen mutig und unmissverständlich macht, von der ein oder anderen Macht heimtückisch für die eigenen Ziele missbraucht werden. Sie ist jung und die Kräfte um sie herum sind stark und oft hinterhältig, wenn es um ihre Vorhaben für die südlichen Länder geht. Es gibt schließlich einen Grund, warum wir Malalas Geschichte kennen, nicht aber beispielsweise die von Noor Aziz, einer Achtjährigen, die bei einem Drohnenangriff in Pakistan ums Leben kam."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Westliche Welt

London Review of Books (UK), 07.11.2013

Katrina Forrester informiert sich in Rob Evans' und Paul Lewis' neuem Buch "Undercover: The Story of Britain's Secret Police" (beim Guardian gibt es ein Blog zum Buch) über Geschichte und Praxis der Undercover-Ermittlungen seit den späten 60er Jahren insbesondere im Milieu linker Aktivisten. Was sie von ihrem Lektürerlebnis berichtet, liest sich nicht nur wie ein Thriller in nuce, sondern holt auch einige äußerst schmutzige Details der Ermittlerarbeit ans Tageslicht: So gilt der Ermittler Bob Lambert, heute Professor für "Terrorism Studies", als besonders leuchtendes Beispiel für gute Spitzelarbeit, obwohl - oder gerade weil - er zur Wahrung seiner Doppelidentität eine langjährige Liebesbeziehung mit einer Aktivistin simulierte und ein Kind zeugte. "Der Ermittler Peter Francis erinnert sich an seine Ratschläge. Wie kann ein neuer Undercover Cop das Vertrauen einer Gruppe erlangen? Finde eine Frau. Wie kann er eine Frau davon abhalten, zu anhänglich und damit zu einem Problem für seine Arbeit und seine Deckung zu werden? 'Knall 'ne andere ... Es ist erstaunlich, wie wenig es Frauen ausstehen können, wenn Du mit einer anderen ins Bett gehst.' Und wie beendet man seinen Einsatz? Knall wieder eine andere. Aber denke daran, immer ein Kondom zu benutzen."

Außerdem: Andrew O'Hagan erinnert sich auf sehr persönliche Weise an Norman Mailer und Christian Lorentzen liest Jeff Guinns Biografie über Charles Manson (dazu passend: ein ausführliches Radiogespräch mit dem Autor beim NPR).