Magazinrundschau

Die Reichen und die Diebe

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
04.06.2013. Manchmal sind sogar Zeitungen dafür, das Urheberrecht zu vereinfachen, lernt der Economist. Nur die Medien glauben, die Aufständischen hätten den Bürgerkrieg in Syrien schon gewonnen, meint die London Review of Books. In Osteuropa überlegt Olga Radetzkaja, warum der nationalbolschewistische Autor Zakhar Prilepin im deutschen Literaturbetrieb so wohlige Schauer auslöst. In Nepszabadsag sieht Laszlo Vegel eine Befriedung der serbischen Nationalisten aufschimmern. In Le Monde sieht Boualem Sansal schwarz für Algerien. Die Financial Times sieht gar nicht schwarz für Somalia. Die New York Review of Books möchte keine Kreuzfahrt nach Venedig machen, danke.

Economist (UK), 01.06.2013

Mehr und mehr Newsoutlets greifen auf Fotos und Videos von Bürgerjournalisten zurück. Der Economist berichtet von den Problemen und Herausforderungen, die damit einher gehen: Zum einen laden die Nutzer ihre Aufnahmen mittlerweile lieber eigenständig ins Netz als sie bei Sendern und Zeitungen einzureichen, zum anderen frisst die Gegenrecherche die oft knapp bemessene Zeit im Konkurrenzkampf der Medienhäuser. Und "Journalisten, die diese Hürden meistern, müssen noch immer die Rechte für das gefundene Material einholen. Dies kann die größere Herausforderung darstellen, sagt Liz Heron, die Verantwortliche des Wall Street Journal für soziale Medien. Üblicherweise fordern die Urheber eine Namensnennung, ohne auf einer Bezahlung zu bestehen. Doch ist es zuweilen schwierig, sie ausfindig zu machen. Die Nachrichtenredakteure verlieren viel Zeit damit, auf Antworten zu warten. Viele Journalisten sehnen sich deshalb nach einfacheren Lizenzierungsregeln. Sie wünschen sich, dass Youtube und Twitter seinen Nutzer einfachere Möglichkeiten bietet, Medienunternehmen Nutzungsrechte zu gewähren - etwa indem sie ein Häkchen bei einer entsprechenden Box setzen."

Außerdem wägt der Economist die Chancen für eine privatwirtschaftliche Marsbereisung oder sogar -kolonialisierung ab, schaut sich die neuen Arbeitsbeziehungen im Cloud-Zeitalter näher an und stellt die, im übrigen profitorientierte, Aktivismusplattform change.org vor.
Archiv: Economist

London Review of Books (UK), 06.06.2013

Gängige Auffassungen, dass das Assad-Regime im syrischen Bürgerkrieg in den letzten Zügen liegt, zerstreut Patrick Cockburn in alle Winde: Eher werde der Krieg noch weitere Kreise ziehen als sich in absehbarer Zeit zugunsten der Rebellen zu entscheiden. Das Missverhältnis zwischen internationalen Einschätzungen und der Situation vor Ort - Cockburn berichtet etwa, dass sich die Strecke zwischen Damaskus und Homs ohne Patrouillenabsperrungen zurücklegen lässt und die Rebellen ohnedies nur einzelne Erfolge vorweisen können - erklärt er sich durch die Bildmacht der digitalen Medien: "Den ikonischen Bildern zum Trotz stand Bagdad weder 1991 noch 2003 massiv unter Beschuss. Viel schwerer als in Irak oder 2001 in Afghanistan wiegt im Fall Syrien allerdings das Problem, dass die dramatischsten Aufnahmen zuerst auf Youtube landen und größtenteils von politischen Aktivisten beigesteuert werden. Das Fernsehen zeigt sie mit üblichen Warnhinweisen, für ihre Gültigkeit nicht einstehen zu können, doch nehmen die Zuschauer an, dass der Sender sie wohl nicht zeigen würde, wenn sie nicht echt wären. Es wird immer schwieriger, echte Augenzeugen aufzutreiben, da selbst noch wenige Straßen von den Auseinandersetzungen in Damaskus entfernt wohnende Leute ihre Informationen aus Internet und TV beziehen. Nicht alle Youtube-Beweise sind verdächtig. ... Doch Youtube kann einem nicht sagen, wer den Krieg gewinnt. Die Wahrheit lautet: Keiner gewinnt."

Außerdem: In einer ziemlich launigen Reportage über Deutschland wirbt ein beim SPD-Parteitag vom "Geruch von Bratwurst, Senf und deutschem Kaffee" umwehter Neal Ascherson für ein wenig mehr Sympathie für Peer Steinbrück und erklärt dabei noch, wie ihm das Vogelgezwitscher vor seinem Hotel verrät, dass Berlin niemals zu einer wirklichen Hauptstadt aufsteigen wird. David Runciman liest den ersten (bereits stolze 859 Seiten zählenden) Band der offiziellen Biografie von Margaret Thatcher. Christian Lorentzen überlegt, warum er die kanadische Schriftstellerin Alice Munro nicht mag: "Weil ich ein Riesenchauvinist bin? Oder ein Misogynist? Oder autistisch?" Ganz überwältigt berichtet Iain Sinclair von seinem Besuch einer Ausstellung mit Bildern von Leon Kosof (unten seine Zeichnung "City of Rooftops" von 1957), während Michael Wood nochmals Rossellinis Film "Reise nach Italien" schaut.


HVG (Ungarn), 03.06.2013

Der israelische Autor Amir Gutfreund spricht im Interview über sein gerade auf Ungarisch erschienenes Buch "Unser Holocaust", in dem zwei Kinder herauszubringen versuchen, was ihre Eltern ihnen verheimlichen: "Sie fangen an zu ermitteln und was sie nicht in Erfahrung bringen können, ersetzen sie einfach mit einer Fantasiewelt. (...) Meine Eltern waren während der Zeit des Holocaust kleine Kinder. Für sie war somit ein 'Neuanfang' leichter als für die damals Zwanzigjährigen. Letztere erlebten ein solches Trauma, dass sie ihr Leben nie wieder unbedacht genießen konnten. Sie konnten ihre neuen Ehepartner und ihre Kinder - die klassische zweite Generation - nicht streicheln, ohne an ihre verschwundenen Familien zu denken. Wir können glücklicher, normaler leben. Dies ist der Unterschied einer halben Generation."
Anzeige
Archiv: HVG

Osteuropa (Deutschland), 01.06.2013

Die russischen Behörden setzen gerade das renommierte russische Levada-Zentrum unter Druck. Dessen Leiter, der Soziologe Lev Gudkov, beschreibt in einem recht bitteren Text, wie der sowjetische Totalitarismus in Putins Autoritarismus überging: "Zentrale Pfeiler der sowjetischen totalitären Herrschaft wie die Geheimdienste, die Armee, die Staatsanwaltschaft und das Gerichtswesen bestehen fort. Auf ihnen gründet der autoritäre Staat, der unter Putin entstanden ist. Die Schule, die zentralen Medien und die Wehrpflichtarmee reproduzieren Werte und Praktiken der Sowjetunion. Auf Rechtsnihilismus und Gewalt reagieren die Menschen wie in der Vergangenheit: mit Anpassung." Hier kann man gegen die Etikettierung des Instituts als feindlichen Agentenapparat protestieren.

In einem hochkonzentrierten Essay macht sich der Historiker Gerd Koenen (leider nicht online) daran, den Kommunismus in seiner Zeit und Vielgestaltigkeit zu verorten. Eine seiner vielen Beobachtungen: "Kommunisten haben in keinem Land der Welt auf der Grundlage von Klassenkämpfen industrieller Arbeiterschaften gegen die kapitalistischen Ausbeutung und Verelendung oder auf Grund der krisenhaften Ausweglosigkeit und 'Fesselung der Produktivkräfte' durch eine herrschende Kapitalistenklasse - kurzum: auf Grund all der Phänomene, an die die Revolutionserwartungen eines marxistisch inspirierten Sozialismus historisch geknüpft waren - irgendwelche bedeutenden Erfolge oder gar die politische Macht errungen ... Die wirklichen Sternstunden der Kommunisten aller Länder waren die beiden Weltkriege. Ohne die imperialistischen Weltkriege kein Weltkommunismus."

Die Berliner Übersetzerin Olga Radetzkaja versucht sich die Faszination zu erklären, die der nationalbolschewistische Autor und früheren Tschetschenien-Kämpfer Zakhar Prilepin auf den hiesigen Literaturbetrieb ausübt - doch ganz gelingen kann es ihr nicht: "Stichwort 'Revolution und Sex'. Einerseits gilt Prilepin als einer der prominentesten und entschiedensten Oppositionellen in Russland - 'er hasst Putin' früher Teil des Systems - und zwar nicht irgendwie, sondern im Krieg, unter Einsatz seines Lebens. Wenig ist für den westlichen Kulturbetrieb so reizvoll wie echte Waffenträger -die RAF-Ikonen Baader, Meinhof, Ensslin sind dafür ein Beispiel -, und politisch ist man dabei umso weniger wählerisch, je weiter das Land, in dem die betreffende Revolte sich vollzieht oder vollziehen soll, entfernt ist."
Archiv: Osteuropa

Merkur (Deutschland), 01.06.2013

Mit Blick auf die Umwälzungen bei ThyssenKrupp und RWE hofft Claus Leggewie auf eine Patriarchendämmerung im Ruhrgebiet, denn mit modernem Unternehmertum haben die Ruhrbarone seiner Meinung nach schon lange nichts mehr zu tun: "So etwas kann man Feudalismus nennen, genau wie im Bankenwesen und auch nicht viel anders als bei postkommunistischen Oligarchen und in der fossilen Energiewirtschaft rund um den Globus. Es darf nicht sein, dass solche Omnipotenz für den wirtschaftlichen Erfolg und die Leistungsfähigkeit ganzer Branchen, Regionen und Nationalökonomien ausschlaggebend ist und sich das Publikum die Dramen der Entfremdung alter Herren bei Hofe höchstens entgeistert, gerührt oder schadenfroh ansehen darf. Verlangt werden darf, dass sich die Wirtschaft vom Kommandositz entfernt und wieder ins gesellschaftliche Gesamtgefüge einbettet. Wir mögen in einer kapitalistischen Wirtschaft arbeiten, wollen aber überwiegend nicht in einer kapitalistischen Gesellschaft leben."

Die Frankfurter Juristin Ute Sacksofsky nimmt die Familienförderung unter die Lupe und fragt unter anderem, ob die Erhöhung der Geburtenrate tatsächlich eine obligatorische Staatsaufgabe sein kann: "Jede Funktionalisierung von Menschen ist problematisch, auch wenn es um Rentensicherung statt um Landesverteidigung geht." Im Print zu lesen sind außerdem Texte von Michael Rutschky, Wolfgang Kemp und Niels Werber.
Archiv: Merkur

Nepszabadsag (Ungarn), 01.06.2013

Der in der serbischen Vojvodina lebende Autor László Végel blickt hoffnungsvoll auf neue, pro-europäische Entwicklungen in der von Nationalisten bestimmten serbischen Politik: "Die serbischen Nationalisten kämpften zwei Jahrzehnte gegen die Europäische Union, nun führen sie ihren 'Freiheitskampf' für die EU-Mitgliedschaft. Danach verkörpern nicht mehr die Liberalen und die pro-europäischen Demokraten die größte Gefahr, sondern die Rechtsextremen. ... Nach Ansicht der Regierungskoalition (mehr hier) bedarf es einer neuen nationalen Einheit. Die Abweichler verletzen die serbischen nationalen Interessen - so die neuen Stimmen. Die harte nationalistische Rhetorik bleibt, doch sie wird mit neuen Inhalten gefüllt. Manche sagen, der serbische Nationalismus sei am Ende. Das ist sicherlich eine Übertreibung, hier geht es eher darum, dass er befriedet wurde, die Rhetorik wechselte, er sucht seinen Platz in der Nähe der politischen Mitte, was sicherlich eine neue Qualität darstellt."

Zoltán Trencsényi skizziert die neue Welt, die auf der Römischen Promenade entsteht, einem Uferabschnitt der Donau, der von den Budapestern zur Erholung genutzt und von der Stadtverwaltung gerade neu gestaltet wird: "In der jüngsten Vergangenheit entstanden immer eleganter Restaurants, Sportstätte, Hotels. Sie griffen die alte Romantik noch in ihren Namen auf, doch die früheren Besucher und die Alteingesessenen spüren, dass sie nicht wirklich die neue Zielgruppe darstellen. (...) Eine seltsame Mischung aus Plattensee, der Fußgängerzone in der berühmten Váci Straße, aus Erholungsort und Villenviertel, ein wenig Vergangenheit, sehr viel Gegenwart. Teures belgisches und günstiges heimisches Zapfbier. Aufwändiges Gourmet-Essen und Bohnengulasch. Und natürlich Bratfisch, Lángosch und Eis überall. Unweit die wunderschöne Natur, Kiesstrände, alte Bäume, und ein Fluss, der in den vergangenen Jahren immer sauberer wurde. Bald wird sich entscheiden, wem dieses Römische Reich gehören wird."
Archiv: Nepszabadsag

Monde (Frankreich), 30.05.2013

Le Monde des Idées hat die überaus erfreuliche Angewohnheit entwickelt, Woche für Woche zu den wichtigsten Debattenthemen Dossiers zusammenzustellen. Das Dossier dieser Woche befasst sich mit der Frage, was nach einem möglichen Tod Abdelaziz Bouteflikas, der in Paris im Krankenhaus liegt, aus Algerien werden soll. Auch Friedenspreisträger Boualem Sansal schreibt - und nimmt kein Blatt vor den Mund: "Ehrlich gesagt, die Aussicht, einen Artikel über Algerien zu schreiben, macht mich nicht gerade an", eröffnet er eben diesen Artikel. Und bitter bleibt der Ton. Mag Bouteflika sterben - längst haben sich die Kinder der Funktionäre breit gemacht: "Ihre Kinder sind schön, brillant, vielsprachig und effizient wie Manager multinationaler Konzerne. Sie handeln mit der ganzen Welt, mit den Chinesen, den Russen, den Hindus, den Türken und dem unvermeidlichen Dubai. Man hat Vertrauen zu ihnen, sie arbeiten nie mit der internationalen Justiz zusammen. Das Geld verdienen sie hier, aber sie geben es im Westen aus, wo die Demokratie die Reichen und die Diebe zu schützen weiß."

Weitere Artikel in dem Dossier: Der Politologe Mohamed Chafik Mesbah fürchtet eine Implosion des Landes nach Bouteflikas Tod. Ähnlich sieht es sein Kollege Luis Martinez, der sogar einen Rückfall in die entfesselte Gewalt der neunziger Jahre an die Wand malt.
Archiv: Monde

Financial Times (UK), 31.05.2013

Nur wenige Länder in Afrika sind derart krisengeschüttelt wie Somalia in den letzten 22 Jahren. Noch gezeichnet von den jüngsten islamistischen Attentaten zeigt das Land dennoch ermutigende Spuren der Erholung, erzählt Katrina Manson in einer langen Reportage: "Gewerkschaften sprechen von einer Wiederbelebung der Landwirtschaft, des Hotelgewerbes und der Hafenaktivitäten. Ihre Mitglieder haben Gefängnis und die Bedrohung durch die islamistische al-Shabaab überstanden und regelmäßig Informationen veröffentlicht über die schwankenden Preise von Kamelmilch, Ölkanistern, Ziegen und importiertem roten Reis auf Mogadischus Markt Bakara. Heute hat Somalia über 52.000 Gewerkschaftsmitglieder."

Point (Frankreich), 30.05.2013

Bernard-Henri Lévy warnt in seiner Kolumne für Le Point vor Deutschenhass. Zwar findet er, "dass Mme. Merkel und die Deutschen im allgemeinen eine nicht geringe Verantwortung für die unendliche Krise Europas tragen". Aber dennoch bezeichnet er heutige Deutschlandbasher als Abkömmlinge jener Deutschenfeindlichkeit, die einst mit der Dreyfus-Affäre und später mit der Kollaboration verbunden war, im letzteren Fall auf recht paradoxe Art: "Ich denke an all jene Theoretiker und Praktiker der Infamie, die im Jahr 1940 vom Abscheu auf die 'Boches' auf die Verzückung über das Dritte Reich umgeschwenkt sind (aber war das ein Umschwenken? Waren sie nicht gleichzeitig antideutsche Nationalisten und für die Nazis? Liegt das ganze Paradox der Geschichte nicht darin, dass sie bis zum niederträchtigsten Moment der Unterwerfung ihrer Phobie gegen das Deutschland Goethes und Hegels treu blieben?)"
Archiv: Point

Salon.eu.sk (Slowakei), 30.05.2013

Die Gazeta Wyborcza hat den Preis "Frau des Jahres" an die "tapfere und kluge" kubanische Bloggerin Yoani Sánchez verliehen, die die Lügen des Castroregimes aufdeckt. In der Begründung erklärt Adam Michnik, warum der Kampf gegen linke Lügen und rechte Lügen immer auch ein Kampf für die Demokratie ist: "Demokratie ist die Kunst des Kompromisses und des Pluralismus, während Autoritatismus die Kunst des Krieges und des Diktats ist. Das sind Fähigkeiten, die die heutigen Feinde liberaler Werte hoch entwickelt haben. Es ist kein Faschismus, es ist ein originales Projekt, aber eins, das auf den Stereotypen und Praktiken der 30er Jahre aufbaut. Jede Sphäre des Lebens wird nach den Parteiinteressen beurteilt. Ethische Werte, Wissenschaft und Kunst müssen ständig bekämpft werden. Die Vergangenheit wird neu geschrieben und aus Lügen zusammengesetzt. Darum ist auch die Zukunft auf Lügen aufgebaut. Diese Leute kennen keine Kompromisse."
Archiv: Salon.eu.sk

Eurozine (Österreich), 04.06.2013

Frederik Stjernfelt beklagt zunehmende Angriffe von gläubigen Fundamentalisten auf die Meinungsfreiheit. Vor allem ist ihm ein Dorn im Auge, dass die UN jedes Jahr, und jedes Jahr schärfer, die "Herabsetzung der Religion" verurteilt: "Das bildet den offiziellen Hintergrund für eine wachsende Zahl von Fällen, in denen Galerien nach Drohungen gezwungen sind zu schließen, Universitäten ihre Vorträge abzusagen, Verlage bedroht werden, Autoren angegriffen, Karikaturisten und Künstler unter Druck geraten, wenn nicht tatsächlich ermordet werden - und dies geschieht in der westlichen Welt ebenso wie in muslimischen Ländern. Kaum eine Woche vergeht ohne einen neuen Fall dieser Art. Rechtsextreme Christen, extremistische Juden, Hindu-Nationalisten lernen schnell von den Islamisten - und tragen zu einem gemeinsamen - zum Teil sogar koordinierten - extrem rechten Angriff auf auf die Pressefreiheit durch gläubige Fundamentalisten bei, auch wenn sie ihnen nur gemein ist, dass sie die Standards der Moderne und Aufklärung ablehnen."
Archiv: Eurozine

Elet es Irodalom (Ungarn), 29.05.2013

Der Historiker Ferenc Laczó (Imre Kertész Kolleg, Jena) untersucht die Hintergründe der aktuellen ungarischen Erinnerungspolitik und vergleicht diese mit deutschen und mit polnischen Praktiken. "Es wäre vollkommen ausreichend, wenn wir uns eingestünden, dass das rechte Regime unter der Regierung von Horthy zwischen 1919 und Herbst 1944 zwar keine Diktatur hervorbrachte, doch seine Verantwortung für den Genozid an den Juden in Ungarn erstrangig war. Während dessen muss anerkannt werden, dass, auch wenn die ungarischen Kommunisten keine mit den Grausamkeiten und Opferzahlen des Holocausts vergleichbare Verbrechen gegen die Menschheit verübten (...), betrieben sie doch eine Diktatur, welche die Gesellschaft mit Gewalt umwandelte. Mit diesen zwei gleichzeitig getätigten Aussagen könnte man einen minimalen Konsens bezüglich der jüngeren Vergangenheit herstellen. So könnten wir beide Formen der Gewalt gleichzeitig bennen und doch differenziert verurteilen, damit einen Wettbewerb der Erinnerungen an die Opfer vermeiden, denn das führt ins Leere. (...) Aus dieser doppelten Anerkennung folgte auch ein Minimum der nationalen Selbstkritik und die Akzeptanz der grundlegenden Bedeutung der Demokratie."

New York Review of Books (USA), 20.06.2013

Immer mehr und immer größere Kreuzfahrtschiffe fahren durch Venedig. Anna Somers Cocks sieht die Stadt in Gefahr, da die Hafenbehörde unter ihrem mächtigen Chef Paolo Costa weder die Folgen noch die Kosten für die Stadt beachtet: "Costa bestreitet, dass die Passage der Schiffe Auswirkungen auf die Gebäufe der Stadt oder die Qualität der Luft hat, doch seine Kritiker behaupten, dass keine echte unabhängige Studie durchgeführt wurde. Fest steht nur, dass aus den 200.000 Kreuzfahrt-Touristen, die 1990 in Venedig an Land ging, im Jahr 2000 bereits 337.000 geworden sind und 2011 sogar 1,8 Millionen. Silvio Testa führt die lautstarke Kampagne 'Keine großen Schiffe' an (ihre Anhänger haben Transparente an die Ufer des Giudecca-Kanals gehängt, mit denen sie die Kreuzfahrer wissen lassen, was sie von ihnen halten) und er hat mir gesagt, dass an einem einzigen Tag im Juli 2011 sechs dieser Schiffe im Hafen festmachten und auf einen Schlag 35.000 Touristen ausspuckten."

David Cole rauft sich die Haare über die Erfolge der amerikanischen Waffen-Lobby, die nicht eimal Überprüfungen zulassen wollte, damit Waffen wenigstens nicht mehr an Kriminelle, Wahnsinnige und Gewalttäter verkauft werden dürfen: "Jedes Jahr sterben in den USA zweimal so viele Menschen durch Schusswaffen wie bei Terroranschlägen weltweit."

Weiteres: David Bromwich warnt vor einer Intervention in Syrien und erinnert an den katastrophalen Irakkrieg, die auch nicht sonderlich erfolgreiche Intervention in Libyen, Al Qaida und die Tatsache, dass in Syrien ein Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten stattfindet. Richard Dorment übt scharfe Kritik an der Praxis der Andy Warhol Foundation, auf der Rückseite eines nicht anerkannten Werks mit unlöschbarer roter Tinte und ohne Angabe von Gründen das Wort "Abgelehnt" zu stempeln.