Magazinrundschau

Orgien der Untreue

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
28.05.2013. Im New Yorker spielt David Sedaris Gästezimmer-Gambit. In El Pais Semanal hat Javier Cercas andere Sorgen als die Monarchie. Der Rolling Stone besucht Daft Punk. Verehrung für den ältesten Sohn kann tödlich sein, stellt die NYRB mit Blick auf Mutter und Vater Tsarnaev fest. In National Geographic träumt Phyllis Batumbil vom traditionellen Aboriginesleben, aber mit Webseite. MicroMega findet in Italien keinen Arzt für eine Abtreibung. Der Economist verschlüsselt jetzt auf Photonenbasis. Wieviel sexuelle Lust darf eine Frau haben, bevor die Gesellschaft zerspringt, fragt die NYT.

National Geographic (USA), 01.06.2013

Michael Finkel hat sich sehr wohl gefühlt in Matamata, einem Dorf mit 25 Einwohnern irgendwo in der Wildnis von Australien. Es gibt dort nichts außer Sandflöhen, Familie und der Schildkrötenjagd. Sehr ruhig, findet Finkel, voller echter alter Aborigines-Traditionen. Aber Clanchefin Phyllis Batumbil hat, obwohl sie der Zivilisation misstraut, globale Träume: "Batumbils Malerei auf Rinden, in komplexer Kreuzschraffur, die Pigmente aus weißer Tonerde selbst hergestellt, verkauft sich für 1.500 Dollar. Ihre mit Vogelfedern verzierten Einkaufstaschen kosten 500 Dollar. Ihr Traum ist es, Satelliteninternet abonnieren zu können - was bald möglich sein wird - und eine Website aufzubauen, auf der sie ihre Arbeit selbst online verkaufen kann, ohne Kunstgalerien eine Provision bezahlen zu müssen."

Prospect (UK), 24.05.2013

Martin Innes und Dennis O'Connor unterziehen jüngere Methoden der Polizeiarbeit einer eingehenderen Betrachtung und stellen dabei fest, dass die Polizei neben der klassischen Ermittlerarbeit nach einem Verbrechen sich auch zusehends für Konzepte zur Verbrechensverhinderung durch prognostische Tools interessiert. Kann die Polizei also bald in die Zukunft sehen, wie es sich das Science-Fiction-Kino schon lange vorstellt? "Neue Methoden des Data-Minings und verbesserte Analysewerkzeuge gestatten mittlerweile deutlich frühere Interventionen, zum Beispiel anhand von Berichten verdächtiger Tätigkeiten auf dem Feld der Verbrechensfinanzierung. ... Zwar entspricht dies kaum den 'pre-crime'-Methoden aus 'Minority Report', wohl aber einer Verlagerung weg von der Problemlösung hin zum Problemaufspürung. ... Für die Polizei geht dieser Wandel mit großen Herausforderungen einher, darunter etwa, wie manmit sich unweigerlich ergebenden 'Falschpositiven' (die falsche Prognose, dass ein Verbrechen stattfinden wird) und 'Falschnegativen' (die falsche Prognose, dass kein Verbrechen stattfinden wird) umgehen soll. Auch gibt es das Phänomen, das der Philosoph Ian Hacking 'die Loopeffekte der Menschheit' genannt hat: Menschliches Verhalten passt sich den Interventionen an und reagiert darauf, mit der Folge, dass die Effektivität erfolgreicher Präventionsmaßnahmen im Laufe der Zeit abnimmt."
Archiv: Prospect
Stichwörter: Hacking, Polizeiarbeit

Monde (Frankreich), 23.05.2013

Le Monde hat ein ganzes Dossier zur Interpretation der Proteste gegen die Schwulenehe in Frankreich zusammengestellt - das selbst allerdings eher die Sackgassen des politischen Diskurses in Frankreich aufzeigt. Zwischen 150.000 (Polizei) und einer Million (Veranstalter) Menschen protestierten am Sonntag noch einmal gegen das bereits verabschiedete Gesetz, und die Intellektuellen versuchen das Phänomen zu fassen.

Zwei Artikel liefern die erwartbaren Reaktionen: Ludivine Bantigny (hier) und François Cusset (hier) beklagen vor allem, dass die Protestbewegung um die ehemalige Komikerin Frigide Barjot den 68ern das Copyright auf gewisse Protestformen und Slogans geraubt habe. Die Philosophin Chantal Delsol tritt dagegen aus offenbar linkskatholischer Sicht für die Protestbewegung ein und wünscht sich eine Linke, die die "totalitäre" Schwulenehe aus Gründen einer "Ökologie des Menschen" ablehnt. Allein der Soziologe Jean-Pierre Le Goff findet auch ein paar kritische Worte für die gerade in den französischen Medien hegemonialen 68er: Diese Altlinken würden sowohl übersehen, dass die neue Protestbewegung kein Remake des Faschismus ist und dass unter den Demonstranten viele junge Leute seien. "Statt diese Fragen anzugehen, kuschelt sich die wohlmeinende Linke in ihrem Gemeinschaftsgefühl ein und weist sich selbst die schöne Rolle des Antifaschisten zu. Währenddessen zerfällt die französische Gesellschaft immer mehr - nicht nur aus ökonomischen und sozialen, sondern gerade auch aus kulturellen Gründen."
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Archiv: Monde

New Yorker (USA), 03.06.2013

Haben Sie auch manchmal Wochenendgäste? Dann kennen Sie das Problem. Autor David Sedaris spielt Gästezimmer-Gambit, aber er hat es leicht: "'Wenn Sie statt einer Badewanne eine Dusche vorziehen, kann ich Sie oben im zweiten Gästezimmer unterbringen', sagte ich. 'Es gibt dort auch eine Kofferablage.' Ich höre diese Worte aus meinem puppenförmigen Mund kommen und erschauere vor mittelalter Zufriedenheit. Ja, mein Haar ist grau und wird dünn. Ja, mein Penis ist undicht und lässt mich Urin tröpfeln, lange nachdem ich den Reißverschluss meiner Hose hochgezogen habe. Aber ich habe zwei Gästezimmer."
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Mittelalter

El Pais Semanal (Spanien), 26.05.2013

Javier Cercas erwartet sich wenig von einer Abschaffung der Monarchie: "Ich bin kein Monarchist - niemand, der auch nur einen Funken Verstand besitzt, ist Monarchist, zumindest nicht in dem fast religiösen Sinn, mit dem man herkömmlicherweise Monarchist war. Trotzdem glaube ich nicht, dass die große politische Frage Spaniens zurzeit die Entscheidung Monarchie oder Republik ist. Im Gegenteil, dadurch blendet man, wie mir scheint, unsere wirklichen Probleme nur aus, genau wie man die wirklichen Probleme Kataloniens ausblendet, indem man ernsthaft die katalanische Unabhängigkeit erwägt. Mir ist eine Monarchie innerhalb einer funktionierenden Demokratie - wie etwa in Schweden - tausendmal lieber als eine Republik in einer Demokratie, die nicht funktioniert - wie etwa in Syrien. Ich behaupte nicht, dass eine Monarchie die Probleme Syriens lösen würde - aber warum sollte eine Republik anstelle einer Monarchie die gegenwärtigen Probleme der spanischen Demokratie lösen? Monarchie hin, Republik her, entscheidend ist doch, ob wir in einer besseren oder einer schlechteren Demokratie leben."

Economist (UK), 25.05.2013

Ein Hauch von Science Fiction: Mit steigender Rechenleistung könnten auch bislang als zuverlässig geltende kryptografische Verfahren hinfällig werden. Abhilfe sollen neue Möglichkeiten der Verschlüsselung auf Photonenbasis schaffen, erfährt man hier anhand des Beispiels von Alice und Bob, in deren Kommunikation Eve Mäuschen spielen will: "Die am weitesten entwickelten Form von quantenbasierter Kryptografie (...) basiert darauf, einen Angriff im Vollzug abzuwehren statt eine Entschlüsselung zu verhindern. Auch hier bildet eine riesige Nummer den Schlüssel - eine mit hunderten von Ziffern, würde man sie im Dezimalsystem darstellen. Diese schickt Alice in Form einer Serie von Photonen, den Lichtpartikeln, an Bob bevor sie die verschlüsselte Nachricht selbst schickt. Um diese Übermittlung lesen und den Schlüssel abgreifen zu können, müsste Eve einige Photonen zerstören. Da Bob der Verlust dieser Photonen natürlich auffallen würde, müsste Eve identische Photonen erschaffen und an Bob übermitteln, um nicht aufzufliegen. Doch Alice und Bob (beziehungsweise die Ingenieure, die an dem Equipment arbeiten) können dies unterbinden, indem sie zwei verschiedene Quantengrößen nutzen, etwa die Polaritäten des Photons, um die Einser und Nuller zu kodieren, auf denen der Schlüssel basiert. Gemäß der Heisenbergschen Unschärferelation kann aber nur eine dieser beiden Größen gemessen werden. Eve kann die Photonen also nicht rekonstruieren ohne dabei Fehler zu machen. Doch wenn Bob diese Fehler bemerkt, kann er Alice darum bitten, die eigentliche Nachricht besser erst zu übermitteln wenn die Verbindung sicher ist."

Außerdem drängt der Economist die EU, ihre Krise endlich zu bewältigen, schreibt Obamas zweite skandal- und krisengeschüttelte Amtsperiode noch nicht völlig ab und empfiehlt den Besuch des wiedereröffneten Lenbachhauses in München.
Archiv: Economist

Nepszabadsag (Ungarn), 25.05.2013

Der Soziologe Csaba Gombár kritisiert den unverantwortlichen Umgang mit Minderheiten in der Gesellschaft: "Was wissen wir über uns selbst als Gesellschaft oder über Ungarn? Soviel vielleicht doch, dass in dieser Gesellschaft immer wieder von unglaublich reichen Menschen gesprochen wird und von unzähligen Armen. Aber auch, dass selbst Regierungsvertreter innerhalb eines Satzes den Unterschied zwischen Juden und Ungarn oder zwischen Zigeunern und Ungarn herstellen können, statt einfach von ungarischen Staatsbürgern zu sprechen. So lernt man, den Nation kreierenden Staat mit der imaginierten, den Staat kreierenden Nation zu verwechseln."
Archiv: Nepszabadsag

Buzzfeed (USA), 24.05.2013

Warum sitzt John McTiernan, mit Filmen wie "Stirb Langsam" und "Jagd auf Roter Oktober" jahrelang einer der gefragtesten Actionfilmregisseure Hollywoods, seit April eine einjährige Haftstrafe ab? Michael Hastings rollt den höchst sonderbaren Fall um schmutzige Privatdetektive, hektische Telefonanrufe und einen Ermittler, der womöglich seine gescheiterte Schauspielkarriere rächen will, detailliert auf. Zum Hintergrund des Falls schreibt er: "McTiernans Ärger rührt noch vom Fall Anthony Pellicano her, bei dem das FBI in die Geschäfte eines schmutzigen Privatdetektivs mit zahlreichen Stars unter seinen Kunden, der Angewohnheit, Telefone abzuhören, und, unter anderem, einer Vorliebe, neugierigen Journalisten mit Gewalt zu drohen, stach. Eine Riesengeschichte zu Beginn des letzten Jahrzehnts, bei der die FBI-Ermittler ankündigten, dass jeder große Name in Hollywood, von Tom Cruise bis Michael Jackson, sein blaues Wunder erleben würde. So groß waren die Ausmaße der Untersuchungen, dass Vanity Fair seinerzeit orakelte, dass in ihrem Verlauf 'einige der wichtigsten Köpfe der Stadt rollen' würden, und Namen von einflußreichen Produzenten, Schauspielern und Geschäftsführern der größten Agenturen auf einer Liste möglicher Ziele nannte. 'Nichts in Hollywood wird so sein wie zuvor', berichtete das Magazin 2006. ... Pellicano and vier Mitangeklagte ohne Starruhm wurden 2008 schuldig gesprochen, der Privatdetektiv wurde zu 15 Jahren verdonnert. Wie die Los Angeles Times seinerzeit zusammenfasste: (...) 'Die Mächtigen würden fallen, dachten einige - eine Warnung an die Industrie. Doch nichts dergleichen geschah.' Mit einer Ausnahme."
Archiv: Buzzfeed

MicroMega (Italien), 27.05.2013

Eine geradezu unglaubliche Geschichte erzählt Maria Novella De Luca: Obwohl laut Paragraf 194 des italienischen Gesetzbuches seit 1978 legale Abtreibungen durchgeführt werden dürfen, ist es für Frauen in Italien heute kaum mehr möglich, einen Arzt zu finden. Gynäkologen lehnen es aus angeblichen Gewissensgründen ab. Inzwischen hat die chinesische Mafia übernommen, und in U-Bahn-Gängen wird illegal mit Abtreibungspillen gehandelt: "Aber wie ist es dazu gekommen, dass ein staatlich garantiertes Recht rückgängig gemacht wurde?", fragt De Luca die Aktivistin Silvana Agatone von der Liga für das Recht auf Abtreibung (Laiga), "ist es legal, dass ganze Krankenhäuser keine Abtreibung nach Paragraf 194 mehr durchführen?" Agatones Antwort: "Nein, es ist nicht legal, darum sind wir als Laiga zum Europarat gegangen, und unsere Beschwerde wurde bereits angenommen. Ärztinnen und Ärzte wollen nicht mehr abtreiben, weil sie in ihrer Karriere behindert werden und man sie zwingt, nur noch Abtreibungen und nichts anderes mehr zu machen." De Luca zählt auf: "Im Latium, der Region um Rom, verweigern 91 Prozent der Gynäkologen aus Gewissensgründen, in Bari haben die beiden letzten Ärzte, die Abtreibungen durchführten, aufgegeben. In Neapel wird der Dienst nur mehr von einem einzigen Krankenhaus aufrecht erhalten."
Archiv: MicroMega

New York Review of Books (USA), 06.06.2013

Nach dem Bombenanschlag auf den Boston-Marathon rätselt die Öffentlichkeit über die Motive der Attentäter. Christian Caryl zeichnet ein Psychogramm der Brüder Tsarnaev und beschreibt in der New York Review of Books den verhängnisvollen Einfluss des älteren Tamerlan auf seinen jüngeren Bruder Dzhokhar: "Jede Analyse muss mit Tamerlan beginnen. Aus Gesprächen mit seinen Bekannten ergibt sich das Bild eines Mannes, der der Leitstern seiner Familie war. Besonders seine Mutter Zubeidat scheint ihn geradezu krankhaft verehrt zu haben. Während ihrer Presskonferenz in Dagestan, wo sie mittlerweile lebt, schreckte sie die Journalisten mit Vorhaltungen über seine Schönheit auf und verglich ihren Sohn mit Herkules. Beide Eltern erachteten ihn zweifellos als ihr wichtigstes Erbe an die Welt. Der Vater, ein ehemaliger Boxer, trieb ihn zu einer Sportlerkarriere an und fuhr oft auf dem Fahrrad nebenher, wenn sein Sohn trainierte. "Er stand an der Spitze der Familie", erinnert sich ein Jugendfreund. 'Er war der größte, der stärkste, der meistgeliebte. Jeder lachte über seine Witze.'"

Außerdem: Sheryl Sandbergs Buch "Lean In" ist keine feministische Lektüre, sondern ein branchentypischer Ratgeber für beruflichen Erfolg, meint Anne Applebaum. Mark Ford liest neue Bücher zu Nabokovs "Lolita". Jerome Groopman lobt ein Buch der Autistin Temple Grandin über das autistische Hirn. Jenny Uglow vertieft sich in eine Kulturgeschichte der Gabel. Und James Gleick lernt von dem Physiker Lee Smolin, dass Zeit doch etwas ganz Reales ist.

HVG (Ungarn), 15.05.2013

Mit der anstehenden Fusion von Libri und Bookline erreicht der Prozess der Konzentration auf dem ungarischen Büchermarkt einen Höhepunkt, schreibt HVG. "Die zwei bedeutendsten Handelsfirmen für Bücher und Druckerzeugnisse haben ihre bevorstehende Fusion verkündet. Die Libri Buchhandels GmbH und das größte ungarische Online-Kaufhaus, Bookline von der Unternehmensgruppe Shopline AG, warten auf die Zustimmung der nationalen Kartellbehörde. Zu der neuen Unternehmensgruppe werden die Onlineportale Port.hu (Filmkritik, Kino- und Fernsehprogramm - Anm. der Red.) und Fidelio.hu (Theater- und Konzertprogramm, Kritik - Anm. der Red.) gehören, die Printmagazine Fidelio und Bóbita (Kindermagazin), das Magazinportfolio der Libri Medien GmbH, das mehrere Verlage beinhaltende Portfolio der Libri Buchverlags GmbH, sowie die Hälfte des größten Representanten des ungarischen E-Bookhandels, die eKönyv Magyarország GmbH."
Archiv: HVG

New Republic (USA), 27.05.2013

Hat die Architektin Denise Scott Brown den Pritzkerpreis mitverdient, der 1991 an ihren Ehemann Robert Venturi verliehen wurde. Ja selbstverständlich, meint Sarah Williams Goldhagen mit Blick auf eine Petition im Netz, die fordert, dass Scott Brown der Preis rückwirkend verliehen wird. "Anders als in vielen professionellen Partnerschaften von Eheleuten, wo man zwischen Blaupausen und Bettlaken herumkriechen muss, um Beiträge zuordnen zu können, ist es einfach, den Beitrag von Scott Brown für Venturi zu entschlüsseln. Wir wissen, welche Gebäude er gebaut und welche Theorien er veröffentlicht hat, bevor sie sich trafen. Wir kennen ihre intellektuelle Orientierung und ihr Training, bevor sie sich trafen. Und wir wissen, welche Art von Arbeit die beiden produziert haben, nachdem sie in den Sechzigern angefangen haben zusammenzuarbeiten. Wer was zu dieser Partnerschaft beigetragen hat, ist klar." Und es beweist, so Goldhagen, dass Scott Brown "buchstäblich die bessere Hälfte der Firma" ist.

In der Titelgeschichte watscht Evgeny Morozow erwartungsgemäß Eric Schmidt und Jared Cohen für ihr Buch "The new digital age" ab. Und Sam Carter stellt drei Romane lateinamerikanischer Autoren vor, die fast noch Kinder waren, als in ihren Ländern die Diktatur fiel: "Ways of Going Home" des Chilenen Alejandro Zambra, "My Fathers' Ghost Is Climbing in the Rain" des Argentiniers Patricio Prons und und "The Sound of Things Falling" des Kolumbianers Juan Gabriel Vásquez.
Archiv: New Republic

Eurozine (Österreich), 21.05.2013

Es ist die pure Entspannung, John Gray auch mal auf Deutsch zu lesen. Vielleicht liegt es aber auch am Gesprächspartner Rene Scheu, der ihn im Interview mit dem Schweizer Monat - von Eurozine online gestellt - nicht allzusehr fordert, dass Gray hier geradezu sozialdemokratisch milde klingt, wenn er weder Marx noch Hayek empfiehlt, sondern den dem Einzelfall angemessenen Mittelweg: "Es gibt keine einfachen Rezepte. Mit Ordnungspolitik nach Lehrbuch kommen Sie nicht weiter. Im Gegenteil - solcher Utopismus wäre im höchsten Masse gefährlich. Dafür fehlt heute vielen Liberalen das Bewusstsein, und dafür fehlte Hayek in den angespannten 1930er Jahren das Gespür. Wenn Sie nur ökonomisch argumentieren, nehmen Sie große gesellschaftliche Verwerfungen in Kauf. [...] Die meisten EU-Bürger erkennen durchaus die Vorteile und Potentiale eines geeinten Europa. Darum bin ich überzeugt, dass der Union harte Jahre bevorstehen, dass sie aber zugleich gerüstet ist, sie erfolgreich zu meistern. Negative Utopisten, sprich Untergangspropheten, werden sich ein weiteres Mal täuschen."

Frederik Stjernfelt, der sich immer als Linker gefühlt hat, stellt in The New Humanist fest, dass Kritik an Religion - an islamischer ebenso wie an christlicher - selbst einen Dänen heute zwischen alle Stühle setzt: "Wer einen klassischen Aufklärungsstandpunkt vertritt, ist heute einem Zweifrontenkrieg ausgesetzt - gegen die Multikulturalisten auf der Linken und die Monokulturalisten auf der Rechten - beide behaupten, Sie stünden im jeweils anderen Lager. In der jetzigen Debatte ist es daher eine Hauptaufgabe, eine dritte Position zu behaupten, eine universale aufklärerische Position, die den autoritären Trend der anderen beiden zurück weist."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: John Gray, Tausch

Port (UK), 22.05.2013

David Hellqvist porträtiert den 27jährigen Internet-Unternehmer Carl Waldekranz, der Tictail mitbegründet hat, ein Dienst, der das Tumblr des E-commerce werden soll. "Tictail, das im schwedischen Stockholm seinen Sitz hat, gehört zu einer neuen Generation von Netzwerk-Seiten des E-Commerce, die kleinere Firmen in die Lage versetzen, ihre Geschäfte online zu machen. Wie viele Einzelhändler wissen, ist es nicht nur kompliziert, einen Internet-Shop zu eröffnen, sondern auch eine kostspielige Operation. Heute erlauben einem eine Reihe von Seiten, einer einfachen Programm-Vorlage zu folgen und gleich mit dem Handel anzufangen, ganz ohne oder nur mit geringen Kosten. Alles, was man braucht, sind die Waren und ein Paypal-Konto. Für Waldekranz, der mit der demokratisierten Idee des Internets aufgewachsen ist, besteht kein Zweifel, dass so der Weg für kleine und mittlere Firmen aussieht, wenn sie sich online etablieren wollen - an sich ein Muss für jedes Geschäft mit dem Willen zu überleben."
Archiv: Port

Rolling Stone (USA), 06.06.2013

Auch der Rolling Stone ist vom grassierenden Daft-Punk-Fieber befallen. Für eine tolle Homestory haben die sonst zurückgezogen von der Öffentlichkeit werkelnden Musiker hinter den Roboter-Masken, Thomas Bangalter und Guy-Manuel De Homem-Christo, Jonah Weiner einen Besuchstermin in ihrem von allerlei popkulturellen Ephemera gezierten Pariser Studio gewährt. Dabei erfährt Weiner nicht nur, dass die stets gut maskierten Musiker ganz unbehelligt mit der Pariser Metro fahren können, sondern auch, warum die von der Elektro-Szene allseitig gefeierten Disco-House-Pioniere mit heutiger, rein elektronischer Musik mittlerweile ihre Probleme haben und ihr Album deshalb mit echten Musikern eingespielt haben: "Die Idee bestand darin, den eigenen Sound bei intakt bleibender DNA zu überarbeiten und die Nachfolger noch zu übertrumpfen. 'Die heutige elektronische Musik befindet sich in einer Identitätskrise', sagt Bangalter. 'Man hört einen Song: Doch wessen Track ist er? Es gibt keine Signatur. Jeder, der elektronische Musik macht, verfügt über die selben Werkzeugkästen und Blaupausen. Man hört sich das an und denkt, das kriegt jeder auf einem iPad hin.' Er schüttelt sich. 'Wenn jeder die Tricks kennt, ist die Magie dahin.' Dann zeigt mir Bangalter ganz nebenbei etwas Magie. Er stöpselt einen Oszillator in den mächtigen Synthesizer und ein stechendes Dröhnen erklingt. Er geht auf die Knie, verbindet mit einem Kabel einen Aus- mit einem Eingang, dreht einen Knopf einen Millimeter weit. Kratzende Verzerrungen zerstrubbeln die Kanten des Signals. Er fummelt noch ein bisschen weiter und das Dröhnen schlägt um in einen hypnotischen Schluckauf, dann weiter in fett stampfende House-Music. Bangalter strahlt wie ein Kind über einem Chemiebaukasten."

Auf Youtube lernen wir unterdessen, wie man am besten zur ersten Single "Get Lucky" tanzt:

Open Democracy (UK), 21.05.2013

Am 18. Mai scheiterte der Versuch, ein Gesetz durch das afghanische Parlament zu bringen, das Gewalt gegen Frauen - auch in der Ehe und auch gegen Töchter - verurteilt. Torunn Wimpelmann erklärt den Hintergrund: "Seit Jahren hat die Frage, ob das EVAW-Gesetz (pdf) zur Ratifizierung ins Parlament gebracht werden soll, die Frauenbewegung in Afghanistan gespalten. Die Mehrheit war dagegen. Statt dessen, erklärten ihre Vertreter, solle das Gesetz, das 2009 von Präsident Karzai unterzeichnet worden war, als Dekret des Präsidenten belassen werden, weil es niemals in akzeptabler Form vom Parlament ratifiziert würde. Der verfassungsrechtliche Boden für diesen Kurs ist wacklig. Doch die Tatsache, dass es die bevorzugte Strategie war, wirft ein Licht auf die Spannungen und Schwierigkeiten, die die Förderung von Frauenrechten in Afghanistan seit 2001 plagen."

New York Times (USA), 25.05.2013

Die Brigham Young University in Provo, eine Kaderschmiede der Mormonen in Utah, hat sich darauf verlegt, "familienfreundliche" Animationsfilme herzustellen oder für Hollywood-Filme die DVDs entsprechend von Zigaretten, Schimpfwörtern und anderem Unanständigen zu säubern. Nachdem sich ein Pixar-Chef wohlmeinend über die begabten Tugendwächter geäußert hatte, versank der Dekan R. Brent Adams in Bewerbungen. Aber natürlich kommen nur die Besten durch, erzählt Jon Mooallem: "Adams schickte allen den Ehrenkodex der Universität: Studenten müssen regelmäßig zum Gottesdienst. Kein Sex außerhalb der Ehe ("Führe ein keusches und tugendsames Leben"). Kein Alkohol oder Kaffee (Es gibt nicht einmal koffeinhaltige Getränke im Automaten). Kein Fluchen. Kein Abweichen von den peinlich genauen Körperpflege-Standards (Wenn für einen Bart eine Ausnahme gewährt wurde, muss eine neue Studenten-ID ausgestellt werden) ... Das Programm der B.Y.U. soll eine Art ethisches Gegengewicht darstellen: Sie versucht, wertorientierte Regisseure in die Branche zu bringen, um diese dann zu sensibilisieren. 'Wir wollen', erklärt Adams, 'ohne zu predigen, etwas zur Kultur beitragen und die Leute zum Nachdenken bringen, wie sie bessere Menschen werden können: produktiver, freundlicher, versöhnlicher.'"

Die Titelgeschichte des New York Times Magazines ist passenderweise der Suche nach einer sexuelle Lust stimulierenden Pille für Frauen gewidmet, die der Pharmaindustrie laut Daniel Bergner ebenfalls ein Tugendproblem beschert: "Was, wenn sich in Versuchen ein Medikament als zu wirksam erweist? Mehr als ein Branchenberater erklärte mir, dass Firmen die Aussicht beängstigt, die Ergebnisse ihrer Studien könnten zu gut sein und die FDA eine Anwendung ablehnen, aus Angst, dass ein Stoff zu weiblichen Exzessen führen könnte, zu Orgien der Untreue, gesellschaftlicher Zersplitterung. 'Man möchte gute Ergebnisse, aber nicht zu gute', sagt Andrew Goldstein, der die Studie in Washington durchführt. 'Wir haben viel darüber diskutiert', berichtet er von seiner Beteiligung an der Entwicklung von Flibanserin, 'wichtig war zu zeigen, dass wir Frauen nicht in Nymphomaninnen verwandeln'. Er staunt immer noch über die tief verwurzelten Vorstellungen von Sittlichkeit, die aus dem sprachen, was er zu hören bekam. 'Es gibt Befangenheit - eine Angst davor, die sexuell aggressive Frau zu schaffen.'"