Magazinrundschau

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Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
17.11.2009. In Open Democracy verzweifelt die Moskauer Lyrikerin Tatiana Shcherbina an der russischen Stalin-Obsession. Polityka freut sich über einen Film, in dem es endlich mal keine Schande ist, kein Held gewesen zu sein. Die London Review of Books liest mit Vergnügen Roland Barthes. Im Espresso schlägt Umberto Eco vor, künftig nur das nackte Kreuz in die Klassenzimmer zu hängen. In der New York Review of Books überlegt Timothy Garton Ash, was die Samtene Revolution von anderen Revolutionen unterschied. Magyar Narancs will einmal ganz offen über die Roma zu reden. Der New Yorker begleitet eine Michelin-Testerin ins Jean Georges. In Letras Libres erklärt der Schriftsteller Cesar Aira, warum er nichts von offizieller Leseförderung hält: sie verstößt gegen die Freiheit. Mit den USA als Land der Erfindungen geht es bergab, glaubt Newsweek.

Open Democracy (UK), 13.11.2009

Voller Verzweiflung schreibt die Moskauer Lyrikerin Tatiana Shcherbina über die Stalin-Obsession im putinistischen Russland: Russland isoliert sich, schreibt sie: "Der Reichtum des Lebens verdampft vor unseren Augen." Und: "Es gibt keinen Sauerstoff heute, keinen Sinn für die Zukunft, nur eine zerspaltene Gesellschaft, die fühlt, dass sie getäuscht und erniedrigt wurde und hilflos und oberflächlich reagiert. Darum wühlt sie immer neu in der Vergangenheit, in der es ebenfalls an Sauerstoff mangelte... Der menschliche Weg funktioniert nicht, also lass es wieder blutig und grausam sein. Aber wir müssen irgendwie rauskommen aus unserem heutigen Morast. Und dann kommt natürlich die Verschwörungstheorie: Wir sind umzingelt von Feinden, niemand liebt uns. Und wir werden's ihnen zeigen."

Polityka (Polen), 14.11.2009

Der überraschende Gewinner des Festivals des Polnischen Films in Gdingen, "Rewers", kommt in die Kinos und die Kritiker sind einheilig begeistert. Der Film - Drama? oder schwarze Komödie? - spielt in Warschau zu Zeiten des Stalinismus, doch von Politik ist nicht die Rede. Darin genau liegt das Brisante des Films, schreibt Janusz Wroblewski. "'Rewers' zeigt auf listige Art das, was das polnische Kino über ein halbes Jahrhundert lang nicht zeigen konnte. Nicht nur wird den normalen Menschen Recht gegeben, die mit dem Heldentum der kämpfenden Opposition nichts zu tun hatten. Es wird auch bewiesen, dass beide Erfahrungen nicht voneinander zu trennen sind". Die surreale Story wird mit postmodernen Methoden erzählt, doch macht sie auch klar, dass die Volksrepublik sich nicht einfach aus dem Gedächtnis tilgen lässt, schreibt Wroblewski. Man müsse lernen, mit diesem Virus zu leben, wozu solche Filme taugten.

20 Jahre Mauerfall - die Zeit ist reif für ein Resümee der deutschen Wiedervereinigung. Was unterschiedliche Mentalitäten von ost- und Westdeutschen angeht, hat Adam Krzeminski keine Sorgen: "Das heutige Ostdeutschland hat mit der ehemaligen DDR wenig gemeinsam. Die Generation 89 denkt nicht daran, in jener Vergangenheit zu verwurzeln. Für sie ist ihr 'Ossitum' kein Deckname für Sehnsucht nach der DDR, sondern es bezeichnet das Bewusstein einer anderen Erfahrung mit ihrem Zwischenstatus - nach dem Verschwinden der DDR, und dem Noch-nicht-Ankommen im vereinigten Deutschland. (...) Die Unzufriedenheit der Ostdeutschen ist lediglich ein psychisches Unbehagen, kein Pulverfass. Der von einigen prophezeite Generationenkrieg findet nicht statt - nicht heute, nicht in fünf Jahren, nicht 25 Jahren nach der Einigung." Krzeminski erinnert außerdem daran, dass in Polen schon 1989 niemand der DDR nachgeweint oder sich der Wiedervereinigung in den Weg gestellt hat.

Nur im Print nachzulesen: Der Anthropologe Piotr Szarota hat eine Kulturgeschichte der polnischen Mode geschrieben. Seine Schlussfolgerungen sind wenig erbaulich, vor allem in Hinblick auf die Männer: "Die Mehrheit kann sich nicht überwinden, sich mit dem eigenen Aussehen zu beschäftigen, sich freimutig nach Kleidung umzuschauen oder sie anzuprobieren. Alte Komplexe, Vorurteile, Gewohnheiten spielen eine große Rolle bei der inneren Blockade der Mehrheit der polnischen Männer. Indem sie sich gegen die Mode wehren, haben sie das Gefühl, ihre Männlichkeit zu verteidigen". Daran haben zwanzig Jahre bunter Kapitalismus (noch) nicht viel geändert, so Szarota.
Archiv: Polityka

London Review of Books (UK), 19.11.2009

Michael Wood nimmt zwei neue Bände mit Texten von Roland Barthes zum Anlass, nach der anhaltenden Faszination des Denkers zu fragen: "Ein unreines Subjekt, so nennt er sich am Ende selbst, 'ein offenkundig unreiner Kerl'. Und dann sagt er etwas, das auf einen Schlag klar macht, warum die Barthes-Lektüre so ein Vergnügen ist und warum all seine Vorbehalte und Ambiguitäten solch offensichtliche Tugenden sind. Er wird nun, fährt er in seiner Dankesrede zur Aufnahme ins College de France fort, nicht mehr weiter über die Ehre nachdenken, die die Zuerkennung einer Professur am College bedeutet und sich stattdessen auf seine Freude über diese Gelegenheit konzentrieren, 'denn eine Ehre kann unverdient sein, Freude niemals'. Man muss nur einen Satz wie diesen lesen und weiß, dass man einen Freund gefunden hat. Und man versteht auch das Konzept der Freude besser als zuvor."

Weitere Artikel: Slavoj Zizek spekuliert in einem "Post-Wall" überschriebenen Denkstück über den neuen Anti-Kommunismus, das autoritär-kapitalistische Erfolgsmodell China - und fragt, ob nicht ein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eine weitere Chance verdient hätte. Tariq Ali denkt über die verfahrene Lage in Afghanistan nach und schließt mit der eher verzweifelten Frage: "Wie kann das gut ausgehen?" Hal Foster besucht eine Ed-Ruscha-Ausstellung in der Londoner Hayward Gallery. Besprochen werden eine Geschichte des britischen Geheimdienstes MI 5 und eine Studie über die Psychologie des Ökonomischen, die John Gray zwar einleuchtend scheint, aber weit weniger originell, als ihre Verfasser glauben.
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Espresso (Italien), 13.11.2009

Seit der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einer Mutter Recht gegeben hat, die Kreuze in den italienischen Klassenzimmern ihrer zwei Kinder als Einschränkung der Religionsfreiheit empfand, steht Italien Kopf. Auch Umberto Eco schaltet sich ein, er hält das Kreuz für gar kein vorwiegend religiöses Zeichen. "Selbst wenn man die religiösen Symbole aus der Schule verbannt, dämmt das nicht die religiösen Gefühle. An unseren Universitäten geht es nicht um das Kruzifix in der Aula, sondern um die Scharen von Studenten, die sich "Communione e Liberazione" anschließen. Umgekehrt sind wenigstens zwei Generationen von Italienern in Klassenzimmern aufgewachsen, in denen das Kruzifix zwischen König und Duce hing. Und aus den dreißig Absolventen einer Klasse sind die einen Atheisten, die anderen Antifaschisten geworden, und wieder andere, ich denke die Mehrheit, haben die Republik gewählt." Warum nicht ein Kreuz ohne Jesus, meint Eco als Kompromissvorschlag. "Das Kreuz ist ein Gegenstand der Kulturanthropologie, der in der Gesellschaft wurzelt. Wer hierher einwandert, muss sich auch mit den Empfindlichkeiten des Gastlands vertraut machen. Ich weiß, dass man in muslimischen Ländern keinen Alkohol trinken darf, und deshalb gehe ich auch nicht vor einer Moschee auf und ab und schwenke einen Whisky."
Archiv: Espresso

New York Review of Books (USA), 03.12.2009

Im zweiten Teil seines Essays zu 1989 untersucht Timothy Garton Ash nun, was die Samtene Revolution und ihre diversen Nachfolger (Orange in der Ukraine, Rosen in Georgien, Safran in Birma) ausgezeichnet hat. Sie haben nicht nur Systeme, sondern auch die Revolution revolutioniert: "Das - durchaus mit einem dicken Pinsel gezeichnete - Idealbild der 1989-artigen Revolution kann man einem Idealtypus der 1789-artigen Revolution gegenüberstellen, der sich in der Russischen Revolution von 1917 und in Maos Chinesischer Revolution fortsetzte. Der 1789er Typus ist gewalttätig, utopisch, angeblich auf eine Klasse gestützt und durch eine Radikalität gekennzeichnet, die im Terror endet. Eine Revolution ist keine Dinnerparty, lautet Maos berühmtes Zitat... Eine Revolution ist ein Aufstand, ein Akt der Gewalt, mit dem eine Klasse die andere stürzt. Der Idealtyp von 1989er Typus ist dagegen gewaltlos, anti-utopisch, nicht auf eine einzige Klasse, sondern eine breite soziale Koalition gestützt und gekennzeichnet von massivem gesellschaftlichen Druck - der Macht des Volkes -, um die Machthaber zu Verhandlungen zu bewegen. Wenn der Totem von 1789 die Guillotine war, dann ist der von 1989 der Runde Tisch." (Ohne dem Terror das Wort reden zu wollen: Aber Frankreich ist das einzige Land der Welt, in dem sich die Regierenden vor ihrem Volk fürchten. Das daraus entstehende "stolze, bedrohliche Selbstvertrauen" hat letzte Woche Neal Ascherson den Osteuropäern empfohlen.)

Außerdem: Die Autorin Paula Fox erinnert sich an ihren Umzug von Manhattan nach Brooklyn 1967 und wie sie dort L. J. Davis kennenlernte, dessen Roman "A Meaningful Life" gerade wieder aufgelegt wurde. Die in Rom lehrende Kunsthistorikerin Ingrid R. Rowland schildert anschaulich die neuesten Skandale um Silvio Berlusconis. Besprochen werden Philip Roth' neuer Roman "The Humbling" (es geht um einen Schauspieler, der nach dem Ende seiner Karriere und einer Affäre mit einer Lesbe in immer tiefere Depressionen versinkt) und Haleh Esfandiaris Bericht über seine Haft in Teherans berüchtigtem Evin-Gefängnis.

Magyar Narancs (Ungarn), 12.11.2009

Heutzutage neigen ungarische Politiker, Medienpersönlichkeiten und andere Personen der Öffentlichkeit dazu, "ganz offen" über Roma zu reden. Der Bildungsexperte Gabor Sarközi schließt sich dieser neueren Mode an und behauptet, alle Roma seien geisteskrank - er selbst inbegriffen - denn die Diskriminierung und Demütigungen, die den Roma tagtäglich zuteil werden, könne man nicht überstehen, ohne geistigen Schaden zu nehmen: "Man braucht Glück und eine unglaubliche Geisteskraft, um in einer solchen Gesellschaft überhaupt existieren zu können. Um an dem unermesslichen Kummer und den unzähligen Enttäuschungen, die jeder Roma erlebt, geistig nicht zugrunde zu gehen - nun, dafür sind kaum noch Reserven vorhanden. Natürlich bleibt Armut und Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung und Kummer auch der Mehrheitsgesellschaft nicht erspart. Nur hat Letztere weniger Gründe zu glauben, dass sich das ganze System gegen sie vereint habe, um sie dauerhaft in Armut zu halten."
Stichwörter: Diskriminierung, Roma

The Nation (USA), 30.11.2009

Mit großem Interesse wird in den USA ein Erzählband des fast vergessenen russischen Autors Sigismund Krzyzanowski aufgenommen, der seit den zwanziger Jahren im kommunistischen Russland Erzählungen verfasste, aber so gut wie nie veröffentlichte. Elaine Blair fühlt sich an Kafka erinnert, den Krzyzanowski aber erst 1939 "mit Überraschung" entdeckte. In einer interessanten Passage legt Blair dar, warum surrealistische und später postmoderne Erzählweisen gerade in den sozialistischen Ländern so einleuchteten: "Krzyzanowski begreift, dass die sowjetische Revolution mehr war als ein Umsturz von Regierung, Wirtschaft, sozialem Status, Arbeit. Sie war ein Angriff auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Gesetze der Logik konnten von der Presse außer Kraft gesetzt werden, offensichtliche Lügen gingen als Wahrheit durch. Das Ausmaß dieses Angriffs wurde Krzyzanowski wie den meisten Russen erst nachträglich bewusst, Jahre nach der Revolution, als Stalin die Liste der verbotenen Themen immer mehr verlängerte und immer mehr falsche Anschuldigungen und Geschichtsrevisionen der jüngsten Vergangenheit publizierte."
Archiv: The Nation
Stichwörter: Stalin

Monde (Frankreich), 16.11.2009

Die größten Gefahren für die Demokratien, schreibt der in Paris lebende Schriftsteller Tzvetan Todorov auf der Meinungsseite, gehen von ihnen selbst aus. In Frankreich sieht er derzeit vor allem Verstöße gegen das Prinzip der Gewaltenteilung. Beispielsweise in den Medien. "Frankreich hat noch nicht den Grad an Unübersichtlichkeit erreicht, wie man ihn aus Italien kennt, wo der Premierminister mehrere öffentliche Fernsehsender kontrolliert obwohl ihm einige Privatkanäle gehören? Allerdings ist es aufgrund einer kürzlichen Änderung der Vorschriften inzwischen die Regierung und nicht eine autonome Instanz, die die Intendanten der öffentlichen Medien auswählt. Die Begründung für diese Änderung ist drollig: Sie sei dazu da, heißt es, Heuchelei zu vermeiden, da die 'autonome' Instanz ohnehin Weisungen folge. Man weiß sehr gut, dass Heuchelei eine Verbeugung des Lasters vor der Tugend ist, aber man kann sie auf zwei unterschiedliche Arten ausschalten: das Laster zur Schau tragen oder versuchen, es zu beseitigen. Die Ernennungen, die dieser Entscheidung folgten, wurden jedenfalls als mit persönlichen Interessen verknüpfte wahrgenommen."
Archiv: Monde
Stichwörter: Vorschriften, Autonome

New Yorker (USA), 23.11.2009

Ein Themenheft übers Essen! John Colapinto hat eine Michelin-Testerin bei einem ihrer Undercover-Restaurantbesuche begleitet. Ziel war das Jean Georges im Erdgeschoss des Trump International Hotel in Manhattan, das mit seinem Küchenchef Jean-Georges Vongerichten zu den höchstbewerteten Restaurants der Welt gehört. Die anonym bleibende Testerin aus New York geht mehr als 200 mal im Jahr mehrgängig essen, isst dabei immer ihren Teller leer und wird dank eines glücklichen Stoffwechsels trotzdem nicht dick. Anhand eines Gangs - ein Klecks pürierte Entenleber mit einem filigranen Netz aus karamellisiertem Zucker auf knusprigem Toast, flankiert von Kirschen und Pistazien und einer klaren Sauce aus weißem Portweingelee - erklärt sie ihm, worum es bei der Beurteilung und Bewertung solcher Gerichte geht: "Das hat nichts mit 'schmeckt' oder 'schmeckt nicht' zu tun. Es ist eine Analyse. Man isst es und schaut sich die Qualität der Produkte an. Auf diesem Niveau muss es Topqualität sein. Dann schaut man: War jedes einzelne Element absolut perfekt und technisch einwandfrei zubereitet? Anschließend untersucht man die Kreativität: Hat es funktioniert? Stimmte die Balance der Bestandteile? Gab es eine gute Textur? Passte alles zusammen? Hat irgendein Bestandteil einen anderen überwältigt? Passte irgendwas nicht zu etwas anderem? Diese Pistazien - alles war perfekt."

Außerdem: Adam Gopnik beschäftigt sich mit unserem ungebrochenen Hunger auf Kochbücher. Peter Schjeldahl führt durch die Ausstellung "1969" im P.S.1. Paul Goldberger besichtigt das Gebäude 100 Eleventh Avenue, den neuen Bau mit Luxuseigentumswohnungen von Jean Nouvel. Anthony Lane sah im Kino Pedro Almodovars "Broken Embraces" und Roland Emmerichs jüngstes Weltuntergangsepos "2012". Online lesen kann man außerdem die Erzählung "Indianapolis (Highway 74)" von Sam Shepard und Lyrik von Liz Waldner und James Longenbach.
Archiv: New Yorker

Przekroj (Polen), 10.11.2009

Nur in der gedruckten Fassung kann man das Interview mit der Schauspiellegende Andrzej Lapicki lesen, der seinen 85. Geburtstag feierte und sich an seine besten Zeiten erinnert: "Wir lebten in einer Unwirklichkeit. Das Theater war unwirklich, und wir verließen das Theater fast nie. Uns interessierte damals nur, gut zu spielen, selbst wenn man Lenin oder Dscherschinski spielen musste - wo war das Problem? Das war zweitrangig, das waren nur Rollen. Das Theater hatte damals eine hohe Stellung, besonders nach dem Umbruch 1956, bis zur 'Solidarnosc'. Ein goldenes Vierteljahrhundert des polnischen Theaters; ein unübetreffliches Niveau und soziales Bedürfnis. Das Publikum rannte uns das Haus ein."

Außerdem: Einen untypischen Blick auf die Zeit des Kommunismus in Polen wirft der Film "Rewers" des Regisseurs Borys Lankosz, der von einigen Kritikern mit Pedro Almodovar oder David Lynch verglichen wird. So auch Bartosz Zurawiecki, der Lankosz' Spielfilmdebüt "brillant, intelligent, witzig, und mit Gefühl gemacht" findet. Malgorzata Sadowska begeistert sich für neu erschienene DVD-Ausgaben von Werken des Animations- und erotischen Autorenfilmers Walerian Borowczyk. Sie unterschieden sich erheblich von dem, was in den 60ern und 70ern sonst so in Polen gezeigt wurde: "Politik, moralische Dilemmata und eskapistische Märchen - die Beschäftigung mit Sex galt in diesen schweren Zeiten als unangebracht. Ganz abgesehen davon, dass das kommunistische System an sich sehr prüde war. Nur ein Regisseur war bereit, das Tabu zu brechen: Walerian Borowczyk." (Er tat es allerdings in Paris!)
Archiv: Przekroj

Guardian (UK), 14.11.2009

Martin Amis huldigt ausführlich Vladimir Nabokov als oberstem Poeten unserer Träumer und unseres Wahnsinns. Um dann aber trotzdem das aus dem Nachlass herausgegebene Romanfragment "Das Modell für Laura" zu verschmähen - als ein "horrendes Gebräu aus Frömmigkeit, Buchstäblichkeit, Vulgarität und Philistertum": "Das ist das kleine schmutzige Geheimnis der Literatur. Schriftsteller sterben zweimal: Einmal stirbt ihr Körper, und einmal stirbt ihr Talent. Nabokov komponierte 'Das Modell für Laura' gegen die tickende Uhr des Verhängnisses (eine Serie von schweren Krankheiten, Infektionen und dann der bronchiale Kollaps). Es ist kein Roman in Fragmenten, wie der Titel behauptet, es ist sofort zu erkennen als eine längliche Kurzgeschichte, die darum kämpft, eine Novelle zu werden... Selbst seinen leidenschaftlichsten Lesern mutet Nabokov hier einiges zu."
Archiv: Guardian

Letras Libres (Spanien / Mexiko), 15.11.2009

Der argentinische Schriftsteller Cesar Aira hält wenig von offizieller Leseförderung: "Ich glaube, die Literatur ist für die Gesellschaft nicht besonders wichtig. Im Gegenteil, ich glaube, die Literatur war immer schon etwas für eine Minderheit, für ein ganz paar Leute. Und ich finde, was die Literatur angeht, sollte man in seiner Wahl völlig frei sein. Viele meiner Kollegen verkünden lautstark, Literatur müsse einen verbindlichen Charakter haben, man müsse die jungen Leute dazu bringen, dass sie lesen. Mir gefällt das nicht. In unserer Gesellschaft wird allmählich so gut wie alles zur Pflicht - lassen wir es den Leuten doch freistehen, ob sie sich mit Literatur beschäftigen oder nicht. Es sollen die lesen, die Lust dazu haben. Das wird ihnen viele glückliche Augenblicke in ihrem Leben bescheren, aber auch wer nicht liest, kann sehr glücklich sein. Leseförderung ist in der letzten Zeit sehr in Mode gekommen, es gibt sogar Stiftungen zu diesem Zweck. Mein Verdacht ist, dass diejenigen, die für gutes Geld dort arbeiten, niemals lesen. Wir, die wirklichen Leser, neigen viel weniger dazu, das Lesen zu propagieren. Vielleicht, weil wir gelernt haben, dass es die freieste Tätigkeit ist, die man überhaupt ausführen kann."
Stichwörter: Cesar Aira, Geld

New Statesman (UK), 12.11.2009

Nicky Gardner schickt einen melancholischen Report aus dem Berliner Hinterland, dem Kohl "blühende Landschaften" versprochen hatte. "Fast zwanzig Jahre später warten viele Gemeinden im östlichen Deutschland immer noch auf Kohls Nirvana. Sicher, neue Namen bevölkern jetzt die ökonomische Wüste, die die Staatsbetriebe der DDR hinterlassen hat. Aber die Neuankömmlinge - multinationale Firmen wie Oracle, eBay, DHL, Mercedes Benz, Rolls Royce Aerospace, Pratt & Whitney, Bombardier und die Daimler AG - zieht die grüne Wiese an. Sie mögen Betonarchitektur und Glasbüros, die von jungfräulichen Wäldern umgeben sind. Oder Lagerhäuser aus Aluminium auf grüner Flur. Bei ihrem Umzug in Brandenburgs Business-Korridor haben viele Firmen Steuervorteile von einer Landesregierung erhalten, die behauptet, keine Ressourcen zu haben, um den Verfall der Städte aufzuhalten."

Außerdem: Terry Eagleton überprüft Walter Benjamins These, wir könnten die Vergangenheit ändern.

Elet es Irodalom (Ungarn), 06.11.2009

Der Journalist Ivan Lipovecz kritisiert seine Kollegen: Es fehle ihnen an Handwerk und Mut. Die Presse sei auf dem besten Weg, wieder die Rolle als "Dienstmagd der Macht" zu übernehmen, ganz wie in kommunistischen Zeiten: "In diesem Jahrzehnt (vor allem in dessen zweiten Hälfte) wurde - parallel zur totalen Spaltung der Gesellschaft und damit der Medien - das Primat der Fakten aufgehoben, der Verkündigungsjournalismus kehrte zurück. Dass die faktischen Wahrheiten zunehmend von den verbalen abgelöst werden (wie dies zu Zeiten des Parteistaates typisch war), liegt zum großen Teil daran, dass die Presse ihre Rolle als Kontrolleur zu verlieren beginnt und sich damit begnügt, (weitgehend unkontrollierte) Informationen weiterzureichen."

Newsweek (USA), 14.11.2009

Die amerikanische Kultur soll technischen Erfindungen besonders förderlich sein? Das war mal, meint Fareed Zakaria. "Es gibt noch keine gute Methode, das zu messen, aber es scheint klar zu sein, dass, während die Chancen in China, Indien und anderen aufstrebenden Staaten wachsen, weniger Wissenschaftler sich aus ihrem Land und ihrer Kultur entwurzeln wollen oder müssen, um ein besseres Leben zu führen. In den frühen 1980er Jahren landeten etwa 75 Prozent aller Absolventen des Indischen Instituts für Technologie in den Vereinigten Staaten. In den letzten Jahren gingen weniger als 10 Prozent nach Amerika. Die amerikanische Kultur ist offen und innovativ. Aber sie wurde kraftvoll geformt und verbessert durch einen Reihe von Regierungsmaßnahmen. Silicon Valley ist nicht in einem Vakuum entstanden. Es wuchs in den 1950ern in einem Staat, der das beste öffentliche Erziehungssystem der Welt hatte, eine vorzügliche Infrastruktur und eine unternehmerfreundliche Umgebung, die Verteidigungs- und Ingenieurindustrien anzog. Heute baut Kalifornien Gefängnisse, keine Schulhöfe."
Archiv: Newsweek