Magazinrundschau

The Gr8 Db8

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
14.10.2008. Der Observator Cultural stellt mit Stelian Tanase einen der Weltmeister im Geschichtenerzählen vor. In ResetDoc verkündet der ägyptische Blogger Wael Abbas sein Credo. In der Lettre erzählt eine Russin, wie sie im Straflager aufwuchs. In Esquire beschreibt Michail Chodorkowski die russische Nomenklatura als Prozess der natürlichen Vernichtung. In Dissent erzählt Carlos Fraenkel, wie er Philosophie in Indonesien lehrte. In Elet es Irodalom blickt Laszlo Varga vom anderen Ende auf die Wende. Im Guardian singt Margaret Atwood ein Loblied auf Alice Munro. Walrus besucht Josef Skvorecky. Przekroj stellt Jacek Dukaj, den neuen Stanislaw Lem vor. Der Economist wittert ein Großes Geschäft.

Observator Cultural (Rumänien), 13.10.2008

Wir haben vor einiger Zeit schon mal auf das phantastische Übersetzungsprojekt der rumänischen Kulturzeitschrift Observator Cultural hingewiesen. Inzwischen sind die Dinge vorangeschritten - und zwar auf Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch und Polnisch. Die erste Ausgabe war dem Schriftsteller Stefan Banulescu gewidmet, die zweite Gheorghe Craciun - mit einem Auszug aus Craciuns Roman "Pupa Russa" und einem Essay von Caius Dobrescu, der Craciun als "Bertrand Russell Wagner'schen Odems" vorstellt.

Die nunmehr dritte Ausgabe ist dem Autor Stelian Tanase gewidmet. Es gibt einige Dinge, "die ein potentieller Leser rumänischer Literatur gerne wüsste", behauptet einleitend und völlig zu Recht die Übersetzerin und Autorin Jean Harris, zugleich Direktorin des Übersetzungsprojekts. Zum Beispiel, dass "Rumänien Weltmeister im Geschichtenerzählen (ist), weil es Weltmeister der Regimewechsel ist". Bevor Harris konkret auf den Schriftsteller Stelian Tanase eingeht, gibt sie einen kurzen Abriss der rumänischen Geschichte und Grundvoraussetzung der rumänischen Literatur: "Langfristig betrachtet zählt die Feststellung, dass das rumänische Problem immer schon war, 'wie man es schafft, zu überleben'. Oft genug war es 'wie man es schafft, nicht zu sterben'. Und oft war es auch 'wie man stirbt' - wie man eine geistige Haltung findet, durch die man sich den Tod zum Freund macht. In diesem Kontext ist das Geschichtenerzählen auf mehreren Ebenen mit einer Erlösung gleichzusetzen." Bei Tanase speist sich diese geistige Haltung aus dem Blues.

Außerdem: eine kurze Vorstellung von Tanases Roman "Leuchtkörper" und eine Leseprobe.

Al Ahram Weekly (Ägypten), 09.10.2008

"Es sieht so aus, als hätte das Cairo International Festival for Experimental Theatre (CIFET) sich in diesem Jahr endlich entschieden, die Bewegung Unabhängiger Theater zu bemerken und ihre wertvollen Beiträge zu früheren Festivals anzuerkennen", spottet Nehad Selaiha. Es soll ein Symposium zum Thema geben. Und der Vorsitzende des Festivals, Fawzi Fahmi, habe der Bewegung in einer Ansprache bescheinigt, "sie 'stelle neue Stücke vor, trenne Theater von Literatur, gehe auf ganz neue Art mit dem Repertoire um, widersetze sich der Zensur und fordere finanzielle Unterstützung'. Die Repräsentanten des Unabhängigen Theaters in Ägypten tun gut daran, das am Runden Tisch zu zitieren, um den Kulturminister so zu beschämen, dass er auf ihre legitimen Forderungen antwortet. Es ist natürlich möglich, wie einige Zyniker behaupten, dass das ganze nur eine Show für die ausländischen Gäste ist, um ihnen die Idee anzudrehen, das ägyptische System und seine Kulturpolitiker unterstützten die freie Meinungsäußerung und regierungsferne Initiativen."

ResetDoc (Italien), 13.10.2008

Der ägyptische Journalist Wael Abbas, Gründer des Blogs MisrDigital@l, erklärt im Interview, was Blogs für Ägypten bedeuten, aber auch für Marokko oder Bahrain und warum in Algerien die Radiosender wichtiger sind als Blogs. Sein ganz persönliches Credo: "Ich war schon als Kind von den politischen Parteien enttäuscht. ... Einige meiner Idees sind liberal, manche links, manche islamistisch, manche nationalistisch und diese Kombination - das bin ich. Ich und meine politischen Ansichten. Ich muss keiner Regel der Linken, der Liberalen oder der Islamisten gehorchen."

Außerdem: Amr Hashem Rabie, politischer Analyst am Ahram Centre for Political and Strategic Studies in Kairo erklärt in einem kurzen Interview, warum es keine Entwicklung - auch keine wirtschaftliche - ohne politische Veränderung sprich Demokratisierung in Ägypten geben wird. Und Mohammed Helmy, Forscher am Kairoer Institute for Human Rights Studies und Director des Magazins Ruwaq Arabi, analysiert im Interview das Kidnappinggeschäft in Ägypten.
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Archiv: ResetDoc
Stichwörter: Algerien, Bahrain, Marokko

Lettre International (Deutschland), 01.10.2008

Die weißrussische Journalistin Swetlana Alexijewitsch hat zwei lange Interviews mit Russen geführt, einer Mutter, die in stalinistischen Arbeitslagern aufgewachsen ist, und ihrem Sohn, einem Offizier, der in Afghanistan gekämpft hat und heute italienische Sanitärtechnik verkauft. Die Mutter erzählt: "Bis ich drei wurde, lebte ich bei meiner Mutter im Lager. Alle Kleinkinder waren bei ihren Müttern. Das erfuhr ich später von meiner Mutter ? Sie erzählte mir, daß kleine Kinder oft starben. Im Winter wurden die Toten in große Tonnen gesteckt, darin lagen sie bis zum Frühjahr. Die Ratten nagten an den Körpern. Im Frühling wurden die toten Kinder dann begraben ? Das, was von ihnen noch übrig war ? Mit drei Jahren kamen die Kinder in die Kinderbaracke. Mit vier, nein, eher mit fünf setzt meine Erinnerung ein ? Ich erinnere mich an einzelne Episoden ? Morgens sahen wir durch den Stacheldrahtzaun, wie unsere Mamas antraten und gezählt wurden. Sie wurden gezählt und zur Arbeit gebracht. Nach draußen, wo wir nicht hin durften. Wenn mich jemand fragte: "Woher kommst du denn, Kleine?" antwortete ich: "Aus dem Lager". "Draußen", das war eine andere Welt, etwas Unbegreifliches, Erschreckendes, etwas, das für uns nicht existierte."

William Dalrymple untersucht die Verbindung von Liebeskunst und Spiritualität in Indiens Kultur, die offenbar einen wohltuenden Einfluss auf die Muslime hatte: "Interessanterweise bedeutete die islamische Herrschaft aber keinen Bruch mit der langen indischen Tradition des erotischen Schrifttums. Das "Kamasutra" überstand diese Zeit nicht nur, sondern es bekehrte mit der Zeit auch die ursprünglich prüden muslimischen Herrscher Indiens zu einem lustvollen Leben." Erst die christlichen Briten machten damit Schluss.

Auszüge lesen darf man außerdem aus Sergio Benvenutos Rückblick auf Paris im Jahr 1968. Iain Sinclairs Reportage über den Londoner Osten, der gerade den Olympischen Spielen 2012 zum Opfer fällt. Pascal Dusapins Antrittsvorlesung am Lehrstuhl für künstlerische Kreation am College de France. Georg Stefan Trollers Überlegungen zur Kunst des Interviews. Candace Allens leidenschaftlichem Plädoyer für Barack Obama.

Esquire (USA), 01.10.2008

Für die russische Ausgabe des Esquires hat der Schriftsteller Boris Akunin den in Sibirien inhaftierten Öl-Magnaten und Dissidenten Michail Chodorkowski interviewt, wofür dieser prompt in Einzelhaft gesteckt wurde. Akunin beschreibt die Verurteilung Chodorkowskis als den Fall, "bei dem wir die Unabhängigkeit unserer Justiz verloren haben". Chodorkowski selbst sagt dazu: "Die heutige Nomenklatura bildet sich nach dem Gesichtspunkt, ob kompromittierendes Material gegen jemanden vorliegt, also die Möglichkeit, ihn zu vernichten, wenn er aus der Reihe tanzt. Kann das gut sein? Es ist widerwärtig. Befördert werden diejenigen mit der schmutzigsten Weste, und ihre verdrehten moralischen Prinzipien übertragen sich nach unten und in die Gesellschaft. Was kann man über solche Menschen sagen? Bemitleidenswerte Geschöpfe, die in ihrem Alter Todesangst ausstehen werden. Was sich mir in dem Prozess aber am meisten einprägte, war etwas anderes. Die Staatsanwaltschaft hatte mehr als 1500 Menschen befragt, vielen mit Anzeigen gedroht (und einige tatsächlich angezeigt). Für den Prozess haben sie 80 ausgewählt, und von diesen Menschen, die wirklich um ihr Schicksal Angst haben mussten, hat niemand Schuld auf sich geladen. Kein einziger hat gegen mich oder Platon ausgesagt."
Archiv: Esquire

Plus - Minus (Polen), 11.10.2008

In den höchsten Tönen lobt Pawel Lisicki Jaroslaw Maria Rymkiewiczs Essayband "Kinderszenen". Faszinierend und zugleich kontrovers liest sich dessen Interpretation des Warschauer Aufstandes: "Das Polentum entsteht im Zusammenprall mit sinnlosem Sterben, mit dem Nichts, mit der Furie des deutschen Tötens. Es ist die extreme Bedrohung durch den Untergang - wir hätten auch nicht überleben können, und dass macht unsere Identität aus."

Einen Parforceritt durch die jüngste polnische Literatur - von Olga Tokarczuks "Läufer", über Janusz Anderman, Jerzy Pilch und der Polit-Fiction der Publizisten Maciej Rybinski, Bronislaw Wildstein und Rafal Ziemkiewicz - unternimmt Krzysztof Maslon, um am Ende Inga Iwasiows Roman "Bambino" zu loben (das tut die Gazeta Wyborcza übrigens auch!): "Vielleicht ist das 'kleiner Realismus', aber ich war immer Befürworter solcher Literatur, die nicht von Regierenden und Mediengurus handelt, sondern von den Menschen in Plattenbauten, Betrieben und Bars, die etwas von der schwierigen, versteckten, schmerzlichen Wahrheit über uns offenbart. Wenn polnische Prosa heute etwas braucht, dann ist es so viel von diesem kleinen Realismus wie möglich, weil das Heute und das Gestern immer noch nicht beschrieben sind."
Archiv: Plus - Minus

American (USA), 01.10.2008

Wer verstehen will, was die wachsende Ungleichheit in Amerika vorantreibt, sollte sich Sergey Brin ansehen, Mitbegründer von Google, 35 Jahre alt, 18 Milliarden Dollar reich, schreiben Arnold Kling und Nick Schulz. Brin ist ein Paradebeispiel für den "Der Gewinner nimmt alles"-Typ: "Immer mehr Amerikaner entwickeln eine Art Spielernatur bei der Wahl ihrer Beschäftigung. Sie entscheiden sich immer häufiger für einen 'Der Gewinner nimmt alles'-Wettkampf, zum Beispiel um den Aufbau der führenden Internetsuchmaschine. Aber für jeden Sergey Brin gibt es tausende von Software-Ingenieuren, die im Suchmaschinenwettkampf mitgespielt und verloren haben."
Archiv: American
Stichwörter: Sergey Brin, Ungleichheit

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 10.10.2008

Bei der Frage, ob die Türkei in die EU aufgenommen werden soll, sollte man unbedingt die Wirkung der türkischen Soap "Noor" in der arabischen Welt beachten. Es geht um ein verheiratetes Paar, das allerlei gefährliche Situationen bestehen muss, erfahren wir vom französischen Kulturattache im Jemen, Julien Clec'h. Nicht nur der schöne Hauptdarsteller Kivanc Tatlitug entzückt die Zuschauer, es ist "vor allem die Beziehung zu seiner Frau, die das Publikum betört. Denn das Fundament der Ehe von Nur und Mohannad ist Liebe, Sensibilität und Gleichberechtigung. Die entzückende Nur, gespielt von Songül Öden, ist eine moderne Frau: selbstbewusst, unabhängig und mutig. Die beiden sind ein vorbildliches Paar, das durch Gesprächsbereitschaft, Respekt und die Fähigkeit, einander Zugeständnisse zu machen, verbunden ist. Arabische Frauen, die für Zeitungen zu 'Nur' befragt wurden, äußerten sich einhellig begeistert über die dargestellte Traumbeziehung, die von ihrer eigenen Realität Lichtjahre entfernt ist."
Stichwörter: Gleichberechtigung, Jemen

Dissent (USA), 12.10.2008

Carlos Fraenkel, Philosophieprofessor an der McGill University in Montreal, schickt einen sehr spannenden Bericht über drei Wochen, die er an der Alauddin State Islamic University in Makassar unterrichtet hat. Makassar ist die Hauptstadt der indonesischen Provinz Sulawesi. Aber wozu braucht man in Indonesien Philosophen? "Tatsächlich kann Philosophie eine wichtige Rolle spielen im größten muslimischen Land der Welt (von 240 Millionen Einwohnern sind 88 Prozent Muslime, so viel wie im ganzen Nahen Osten). Das heutige Indonesien, zumindest wie es sich mir präsentierte, ist ein riesiges intellektuelles und politisches Labor, in dem der Islam nicht nur versucht, ein Arrangement mit der Demokratie zu finden, sondern auch mit dem langjährigen Verständnis von religiösem Pluralismus, Modernisierung und der Konstruktion einer nationalen Identität. Um friedlich mit den Spannungen umgehen zu können, die dieser Prozess hervorbringt, erfordert eine Menge kreatives Denken. Dafür können die Werkzeuge der Philosophie hilfreich sein." Diskutiert werden Platon, Harun Nasution, Aristoteles, al-Farabi, Maimonides und Nurcholish Madjid. (Beim Suchen der Links finde ich den Artikel leicht gekürzt auch auf Deutsch, natürlich in der kosmopolitischen NZZ.)
Archiv: Dissent

Folio (Schweiz), 06.10.2008

Das neue Folio widmet sich dem Thema "Gratis" und guckt, was uns neuerdings alles geschenkt wird: Musik, Informationen, Speicherplatz etc.. Aber umsonst ist natürlich nicht umsonst. Steffan Heuer stellt klar: "Die wenigsten Verbraucher bemerken dabei, wie viel Mehrwert die Unternehmen aus ihrer vermeintlichen Großzügigkeit ziehen. Webmail ist ein gutes Beispiel. Dank den gegen null tendierenden Betriebskosten lässt sich inzwischen ein Nutzer mit einer schier unbegrenzten Mailbox für 1 Dollar im Jahr bedienen, während sich mit demselben Nutzer Werbeeinnahmen von rund 12 Dollar erzielen lassen. Zumindest in den USA sind der Aufbewahrung und der Weitergabe von Kundendaten nur wenige Grenzen gesetzt. Selbst Kabelfirmen verkaufen den sogenannten Click Stream ihrer Kunden an Marktforscher weiter."

Weitere Artikel: Karl Lüönd erzählt wie Gratiszeitungen Schweizer Verleger das Fürchten lehren. Lukas Egli schaut sich bei Youporn um. Fee Annabelle Riebeling beschreibt den "ausschließlich politisch motiviertem" Trend bei Menschen mit Geld, sich aus Mülltonnen ernähren. Und in der "Duftnote" materialisiert sich vor Luca Turin ein betörendes Gardenienhologramm.
Archiv: Folio
Stichwörter: Geld, Karl Lüönd

New Yorker (USA), 20.10.2008

Louis Menand bespricht eine Studie über das SMS-Schreiben: "Txtng: The Gr8 Db8" des Linguisten David Crystal. Seine gegen Kulturpessimisten gerichtete Kernthese: SMS-Schreiben sei "in Teilen ein Spiel. Es ist wie ein Sonett schreiben (na gut, so irgendwie): Die Anforderung besteht darin, die Botschaft festen formalen Auflagen anzupassen. So darf ein Sonett nicht mehr als vierzehn Zeilen haben, eine Handy-Nachricht nicht mehr als 140 Bytes, was gewöhnlich auf 160 Zeichen hinausläuft. Das ist eine Herausforderung, Einfallsreichtum zu zeigen, keine Einladung zur Anarchie."

Weiteres: Malcolm Gladwell untersucht unter der Überschrift "Spätzünder" zwei Typen von Kreativität und warum wir Genialität mit Frühreife gleichsetzen. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Sleep" von Roddy Doyle und Lyrik von Fred Seidel, Gary Snyder und Donald Hall.

Jeffrey Frank bespricht das erst jetzt in den USA erscheinende Romandebüt "Sehnsucht nach Sibirien" des norwegischen Schriftstellers Per Petterson. Und Anthony Lane sah im Kino Madonnas Regiedebüt "Filth and Wisdom", den Krimi ihres Mannes Guy Ritchie "Rockn'Rolla" und die Komödie "What Just Happened?" von Barry Levinson.
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 10.10.2008

Vor einigen Wochen hat die sogenannte Kenedi-Kommission (um den Soziologen Janos Kenedi), die ein Jahr lang das Schicksal der Stasi-Akten in Ungarn nach der Wende untersucht hat, ihren Bericht vorgelegt. Der Historiker und Kommissionsmitglied Laszlo Varga findet das Ergebnis ernüchternd: Viele Akten sind in der ersten Hälfte der 90er Jahre verschwunden - viel mehr, als ursprünglich angenommen. "Unter 'normalen Umständen' hätte jede einzelne Behauptung des Kenedi-Berichts für einen Skandal gesorgt. In ihrer Gesamtheit spiegeln sie jedoch einen verblüffenden Vorgang wider, der kein Komplott ist, sondern vielmehr der Beweis für das ununterbrochene Weiterleben der alten Reflexe. Bis zum heutigen Tag. Die Kenedi-Studie macht einen Historiker wie mich stutzig. ... Man müsste 'die Wende' neu interpretieren. Sie kann nicht mit einem bestimmten Augenblick verknüpft werden. Ihre Quelle (oder ihr erster Schritt?) ist die niedergeschlagene Revolution von 1956, ihr entscheidendes Vorspiel die jeweiligen 'Reformen', deren Scheitern und Weiterleben. Nähert man sich ihr jedoch vom anderen Ende, kann man überhaupt nicht von einem plötzlichen Wechsel von der Diktatur in die Demokratie sprechen, so dass wir also nicht einmal nach 20 Jahren am 'Ende' der Wende angelangt sind. Wir befinden uns immer noch mitten drin. Inklusive der Kenedi-Kommission."
Stichwörter: 90er, Stasi

Guardian (UK), 11.10.2008

"Alice Munro gehört zu den größten zeitgenössischen Autoren englischer Literatur." Aber es hat ziemlich lange gedauert, bis sie berühmt wurde, schreibt Margaret Atwood in einer umfassenden Würdigung ihrer Kollegin und Landsmännin. Munro kommt aus einer schottisch-presbyterianischen Familie, die im - stark protestantisch geprägten - kanadischen Sowesto zu Hause ist. Farmen, Kleinstädte, Kirchen aus dem 19. Jahrhundert und ein starkes Bewusstsein dafür, wo man "hingehört", prägen diesen Landstrich. "Monros Geschichten haben Sowestos Huron County neben Faulkners Yoknapatawpha County gestellt. Beides sind Landstriche, die legendär wurden durch die Exzellenz der Schriftsteller, die sie gefeiert haben. Obwohl in beiden Fällen 'gefeiert' nicht ganz das richtige Wort ist. 'Seziert' würde Munros Arbeit eher treffen, obwohl sogar dieser Begriff zu klinisch ist. Wie sonst sollen wir die Kombination nennen aus besessener Prüfung, archäologischer Freilegung, präziser und detaillierter Erinnerung, dem sich Wälzen im Dreckigen und Engherzigen und dem eher Nachtragenden der menschlichen Natur, dem Ausplaudern erotischer Geheimnisse, der Nostalgie für verschwundenes Elend und der Erholung in der Fülle und Buntheit des Lebens, und das alles zusammengerührt?"
Archiv: Guardian

Walrus Magazine (Kanada), 01.10.2008

Randy Boyagoda hat den seit 1969 in Kanada lebenden tschechischen Schriftsteller Josef Skvorecky besucht, der gerade seinen neuen Roman "Ordinary Lives" veröffentlicht hat. Er spielt in dem kleinen tschechischen Städtchen Kostelec, in dem schon andere Romane Skvoreckys spielten. "Wie Faulkners Yoknapatawpha, Marquez' Macondo und Hardys Wessex ist Skvoreckys Kostelec eine grandiose Neuschaffung seiner Heimatstadt, der äußeren Erscheinung nach ein unbedeutender Ort, für Autor ergiebig genug. Ich frage ihn, war er in den Jahrzehnten seines Schreibens in die Vergangenheit von Kostelec zurückgekehrt ist. 'Weil einem als Teenager alles neu erscheint', sagt er. 'Die Eindrücke sind viel stärker. Sich verlieben zum Beispiel. Ich habe mich in mein erstes Mädchen verliebt, als ich in der Prima war (der ersten Klasse eines Gymnasiums). Ein neues Mädchen, das ich später im Roman Irene nannte, kam in unsere Stadt. Es war, als hätte Gott ein strahlendes Licht angeknipst in dem Himmel über unserer düsteren Kriegswelt.'"
Stichwörter: Kanada, Josef Skvorecky

Przekroj (Polen), 09.10.2008

In den letzten Wochen wurden in Polen einige wichtige Literaturpreise verliehen. Der diesjährige Koscielski-Preis ging an Jacek Dukaj, dessen tausendseitiger Roman "Eis" von Kritikern und Publikum sehr gut aufgenommen wurde. Die Auszeichnung bedeutet aber nach Mariusz Herma auch etwas mehr: "Jacek Dukaj ist, nach Stanislaw Lem, der zweite polnische Fantasy-Schriftsteller, der vom Mainstream akzeptiert wird." Außergewöhnlich sei an Dukaj auch, dass er auch keine Scheu davor habe, "große Themen" in seinen Büchern anzusprechen: "Ich habe mich nie von diesem Minimalismus anstecken lassen, dass ein wahrer Schriftsteller über die Blumen in seinem Garten oder Spaziergänge mit seinem Hund schreibt, während sich nur Möchtegernautoren über Gott, das Universum, Geschichts- und Naturgesetze auslassen. Theologie und Religion sind darüber hinaus sehr wenig erforschte Themen der zeitgenössischen Literatur, und solche unbewohnten Inseln ziehen mich an", zitiert Herma den Schriftsteller. Nur in der Onlineversion gibt es auch ein Interview mit Dukaj.

Bei "Przekroj" online zwar nicht zu sehen, aber auf der Webseite des Autors wiedergefunden: Christopher Herwigs surreale Bilder sowjetischer Bushaltestellen in Mittelasien. Wirklich klasse!
Archiv: Przekroj

Times Literary Supplement (UK), 10.10.2008

Total hin und weg ist Nicholas Stargardt vom "meisterhaften" dritten Band der "Geschichte des Dritten Reichs" von Richard J. Evans. Anders als etwa Joachim Fest unterstellt habe, zeige Evans, dass der Krieg nicht wegen Hitlers inkompetenter Einmischung in militärische Angelegenheiten verloren wurde, nein, die deutschen Generäle waren einfach nicht auf Zack. "Professor Evans ist kein Bewunderer von Hitlers Intelligenz, aber er zeigt doch sorgfältig auf, dass dessen militärische Interventionen nicht besonders irrational waren. Zwei viel diskutierte waren die Verschiebung des Angriffs auf Moskau und der Rückzug aus der Schlacht um Kursk zwei Jahre später. Evans zeigt, dass die deutschen Generäle keine besseren Pläne hatten: Auch sie dachten, dass die Sowjetunion viel leichter zu besiegen sein würde als Frankreich. Und über allem hingen sie der preußischen Tradition an, nach der entscheidenden Schlacht zu suchen, die jede Gegenwehr zerstören würde. Auch sie trieben rücksichtslos an, statt zu verlangsamen und Vorbereitungen für den Winter in Russland zu treffen."

Nouvel Observateur (Frankreich), 09.10.2008

Hat die Republik überhaupt noch Ideen?, fragen Aude Lancelin und Elisabeth Vigoureux im Titeldossier über die "intellektuelle Kraft Frankreichs". Seit den Zeiten von Sartre und Aron seien die großen ideologischen Lager und das intellektuelle Milieu nie zersplitterter gewesen. Die öffentlichen Intellektuellen meldeten sich kaum noch zu Wort, "und viele von ihnen müssen sich, wie etwa Andre Glucksmann oder Max Gallo vorwerfen lassen, ihre Rolle abgestreift zu haben, indem sie Sarkozy auf seinem Weg zur Macht und zu einem Rechtsruck begleiteten. 'Adieu Jean-Paul' betitelte die australische Tageszeitung The Age ihren Abgesang auf die Sartre-Jahre: die eines rebellischen Frankreichs. Als ob das französische Denken, einst ganz verliebt in die 'Entrüstung', keine Ausnahme mehr darstelle." Flankiert wird der Artikel von einer Liste der 50 französischen "Denkerstars" und einem Verzeichnis der zentralen intellektuellen Institutionen, Bastionen und Tummelfelder.

Weiteres: In einem Gespräch anlässlich des 11. Historikertreffens in Blois plädieren der Regisseur Claude Lanzmann und der Historiker Pierre Nora für die Unabhängigkeit der Zunft und verwahren sich gegen die in Frankreich zunehmende staatliche Verordnung von Erinnerungsformen und -inhalten. Während Lanzman unter anderem besonders "die Idee einer Konkurrenz der Opfer" abstößt, findet Nora, dass Inhalte des Geschichtsunterrichts eine Sache "für den klassischen Behördenweg, also für Lehrausschüsse" sei, und nicht per Gesetz geregelt werden dürften.

Wilson Quarterly (USA), 01.10.2008

Winifred Gallagher stellt zwei Bücher vor, die sich mit der Geschichte der Sauberkeit befassen. "Clean" von Virginia Smith und "The Dirt on Clean" von Katherine Ashenburg. Am schlimmsten, lernt sie, war die Zeit zwischen zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert. Es war das "lange Zeitalter der Großen Ungewaschenen. Sogar Adlige waren unter ihren Juwelen, Brokatstoffen und Pelzen dreckig und voller Läuse. In England erklärte Elisabeth I. sie bade einmal im Monat, 'ob ich es nötig habe oder nicht'. In Spanien, während der Inquisition, erzählt Ashenburg, konnten Juden und Muslime gleichermaßen durch die fürchterlichen Worte verdammt werden 'bekannt dafür, dass er badet'. Auch in Frankreich galt Hygiene nichts, die Fäkalien in den Hallen von Versaille wurde einmal die Woche weggemacht."
Stichwörter: England, Versailles, Pelz

Economist (UK), 09.10.2008

In ihrem Buch "Das große Geschäft: Die unaussprechliche Welt menschlicher Ausscheidung und Warum sie wichtig ist" leistet Rose George, lobt der Economist kurz, genau das, was der Titel in gewählteren Worten verspricht: die Beschreibung einer Ökonomie, die die Menschen in die Scheiße reitet. "Die Nebenprodukte der Verdauung sind ein so heikler Gegenstand der Konversation - von pubertären Scherzen mal abgesehen -, dass die Symptome von Darmkrebs oft viel zu lange ignoriert werden. Wie Rose George in ihrem faszinierenden und elegant geschriebenen Buch erklärt, gibt es eine Menge über das Thema Ausscheidung zu sagen, das kein bisschen lustig ist. Zwei Fünftel der Weltbevölkerung können nirgendwo anders defäkieren als auf den Boden. Das macht 2,6 Milliarden Menschen, deren Trinkwasser die eigenen Fäkalien und die der Nachbarn enthält; deren Nahrungsmittel von den Fliegen besiedelt sind, die ihre Eier in menschliche Ausscheidungsprodukte legen. Es macht 2,6 Milliarden Menschen, die im Dreck leben und sehr oft daran sterben. Dennoch wird dieser Fluch der Armut oft genug übersehen."

In weiteren Artikeln geht es um die in nachwachsenden Generationen offenbar rapide zunehmende Freude an papierloser Organisation des Arbeitsalltags und um Phänomene wie künstliche Knappheit und Oligopolbildung auf dem Feld wissenschaftlicher Publikationen. Besprochen werden unter anderem Simon Schamas neues, offenbar eher durchwachsenes Buch "Die Zukunft Amerikas: Eine Geschichte" (Website), Edmund Whites "Rimbaud"-Biografie (Verlagswebsite), die Ausstellung "Picasso und die Meister" und eine große Emil-Nolde-Schau ("Entdeckung eines expressionistischen Meisters" freut sich der Kritiker), beide in Paris (Picasso hier, Nolde da).

Auf dem Titel saust - physikalisch etwas fragwürdig - ein Globus unter der Überschrift "Das System Retten" nach unten: Neben der Titelgeschichte gibt es eine Fülle von Artikeln zur Finanzkrise, dazu kommt ein "Sonderteil zur Weltwirtschaft" (hier die komplette Inhaltsübersicht).
Archiv: Economist
Stichwörter: Emil Nolde

Espresso (Italien), 10.10.2008

Das Land fällt auseinander, schließt Edmondo Berselli aus der mittlerweile offen zutage tretenden Fremdenfeindlichkeit in Italien. "Wie Zygmunt Bauman schreibt, greift man auf die Identität zurück, wenn die Gemeinschaft zerbricht. Im Norden gründet sich der Erfolg der Lega jenseits der alarmistischen Anti-Ausländer Rhetorik vor allem darauf, dass hier versucht wurde, eine Reihe von 'reaktiven Gemeinden' zu gründen, die sogenannten 'Völker' des Nordens. Sie zeichnen sich durch einen gewissen Grad an Selbstschutzmechanismen aus und wirken nach außen zunehmend feindselig. Einmal nannten die Angehörigen der Lega das untereinander auch schon Sezession. Die Gegenwart in Italien zeichnet sich durch eine Ungeduld gegenüber jeder Art von Gemeinschaft aus, was betont wird, sind die zersetzenden Vorgänge. Auch der steuerliche und institutionelle Föderalismus führt dazu, allein die Unterschiede zu betonen (politisch bringt er gar nichts, zumindest in seiner milden kooperativen Form)."
Archiv: Espresso

New York Times (USA), 12.10.2008

Das New York Times Magazine ist ganz dem Essen gewidmet. Samantha M. Shapiro informiert uns in einer wunderbaren Reportage über die jüdische Lebensmittelbewegung. Sie beginnt so: "An einem sonnigen Tag im späten August fuhr Andy Kastner von seinem Apartement in Riverdale, Bronx, zu Yonkers First Live Poultry Market, einem Laden, der lebende Hühner, Tauben, Wachteln und Kaninchen verkauft, die in altmodischen Metallkäfigen gehalten werden. Normalerweise schlachten die Arbeiter bei Yonkers die Tiere für ihre Kunden, aber Kastner fuhr hin, weil er sein Huhn selbst töten wollte."

Im Aufmacher schreibt Michael Pollan einen Brief an den zukünftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Er möchte sich bitte um die Lebensmittelpolitik kümmern. Dabei gehe es nicht nur um die Preise, vielmehr "muss das gesamte Lebensmittel-System reformiert werden: Bevor Sie das nicht getan haben, werden Sie keinen nennenswerten Fortschritt in der Gesundheitsvorsorge, unabhängiger Energie oder dem Klimawandel machen. Zu diesen Fragen haben Sie sich in Ihrer Wahlkampagne geäußert, nicht aber zur Lebensmittelkrise. Wenn Sie sich dieser Krise zuwenden, werden Sie schnell entdecken, dass die Art, wie wir gegenwärtig in Amerika Lebensmittel anpflanzen, verarbeiten und essen ins Herz aller drei Probleme zielt. Lassen Sie mich das erklären." Das tut Pollan dann auf ausgedruckt 13 Seiten.

Außerdem: Was tut ein Unternehmen, um seine Produkte an den Mann zu bringen? Anzeigen schalten? War gestern. Heute stellt es eine Seite ins Internet, die nicht nur über die Produkte, sondern auch über alles drumrum informiert. Und so den Kunden zum Fan macht. "FreshDirect ist ein perfektes Beispiel", verkündet Virginia Heffernan. Deborah Solomon interviewt den Dokumentarfilmer Robert Kenner zu seinem Film "Food Inc.", der laut Variety "für die Supermärkte das sei, was 'Der weiße Hai' für die Strände war".
Stichwörter: Klimawandel