Magazinrundschau - Archiv

The Walrus Magazine

28 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 3

Magazinrundschau vom 14.10.2025 - Walrus Magazine

Während es früher viele Lektoren und Verleger gab, die Autoren auch beispielsweise nach einem schlecht verkauften Debütroman oder einem sonstigen Verkaufsflop die Treue hielten, einfach weil sie an deren Literatur glaubten, herrscht heute ein so enormer Erfolgsdruck in der Branche, das für viele Autoren ein Fehltritt das Ende der Karriere bedeuten kann, erklärt Tajja Issen. Die Entscheidungen von Verlegern, gerade bei den "Big Playern" wie Penguin Randomhouse oder Harper Collins, beruhen oft auf dem sogenannten "Track", auf der Erfolgs- oder eben Misserfolgsgeschichte eines Schriftstellers: "Die eigenen Verkaufszahlen im Blick zu behalten, verschafft Erstautoren einen gewissen Vorteil. Debüts sind für Verlage äußerst attraktiv, denn, wie die Autorin und Forscherin Laura McGrath es ausdrückt, 'es gibt nichts als Potenzial. Wenn Ihr Track bei Null liegt, kann es nur in eine Richtung gehen.' Der Vorschuss für das Buch wird daher durch die Gewinnerwartung bestimmt. Die Höhe des Gebots wird ermittelt, indem McGrath, die sich mit Verlagsanalysen beschäftigt, 'weiche Daten' bewertet - ein Strauß von Annahmen über Leserschaft, Autorenschaft, Märkte und Genre. Diese Annahmen werden dann 'in etwas verwandelt, das den Anschein erweckt, es sei streng ermittelnt worden', sagt sie, 'aber das ist es nicht.' Wenn genügend Bieter von einem Projekt überzeugt werden - oder durch die Blutgier einer Auktion - kann der Preis in den sechs- oder siebenstelligen Bereich getrieben werden. Das Buchgeschäft mag zwar in New York angesiedelt sein, aber die Logik ist typisch Las Vegas."

Magazinrundschau vom 27.08.2024 - Walrus Magazine

Der Chemiker Frederik Vanmeert hat mit der makroskopischen Röntgendiffraktometrie eine Methode entwickelt, die chemische Beschaffenheit von Farbpigmenten zu untersuchen, ohne Gemälde zu beschädigen, berichtet Adnan R. Khan für The Walrus. Sein besonderes Interesse gilt Vermeer: Welche Pigmente hat er benutzt, was wollte er damit zum Ausdruck bringen - das sind so die Fragen, die er sich stellt. "Vanmeert und sein Team haben zwei Arten von Bleiweißpigmenten im 'Mädchen mit dem Perlenohrring' gefunden. Der vorherrschende Typus bestand aus einem kristallinen Bleicarbonat names Hydrocerrusit. Es wurde in den Glanzlichtern im Gesicht des Mädchens, ihrer Kopfbedeckung und ihrem Kragen gefunden, aber auch in der Grundierung des Gemäldes, wo es mit Kreide vermischt war. Hydrocerussit, das im Delft des 17. Jahrhunderts das am breitesten erhältliche Bleiweißpigment war, besteht aus relativ großen hexagonalen Kristallen, die sich, wie Vanmeert mir erklärt, gut ausrichten, wenn sie auf die Leinwand gebracht werden. 'Das ist der Schlüssel zu Vermeers Glanzlichtern', meint er. 'Je nachdem, wie groß die Kristalle sind, und wie gut sie sich auf der Oberfläche des Gemäldes ausrichten, können sie mehr Licht reflektieren, um ein strahlenderes Weiß abzubilden.' Vermeer konnte natürlich nicht über dieses Detailwissen über Hydrocerussitkristalle verfügen. Er wusste auch nicht, dass man, wenn man Hydrocerussit mahlt und wäscht, ein weiteres Bleicarbonat namens Cerussit produzieren kann. Was Vermeer aber wahrscheinlich wusste, ist, dass diese Form von Bleiweiß eine feinere, durchscheinendere Farbe produziert. Diese hat er für die halbschattenen Übergänge zwischen Licht und Schatten benutzt."
Stichwörter: Vermeer, Jan, Alte Meister, Farben

Magazinrundschau vom 20.04.2021 - Walrus Magazine

Über einen interessanten Aspekt der kanadischen Einwanderungspolitik schreibt Kelly Toughill: Einwanderer werden mehr und mehr (inzwischen sind es fast 30 Prozent) nicht von der Zentralregierung ausgesucht, sondern von lokalen Regierungen oder sogar gesellschaftlichen Gruppen, zum Beispiel Gewerkschaften. Grundlage dafür sind mehr als hundert übers ganze Land verstreute Programme: "Es gibt Wege zur Daueraufenthaltsgenehmigung und Staatsbürgerschaft, die speziell für Metzger, Pilzsammler und Gärtner entwickelt wurden; eines für Reinigungskräfte in Sudbury; eines für Fernfahrer in British Columbia; andere für internationale Studenten, die in New Brunswick, Nova Scotia oder Saskatchewan ein Unternehmen gründen wollen; und noch mehr für Dutzende anderer eng definierter Gruppen von Arbeitern in bestimmten Teilen des Landes. Die Programme ändern sich ständig: Die Bundesregierung versucht nicht einmal, eine aktuelle Liste zu führen. Dieses Sammelsurium an Nischenprogrammen war nicht geplant. Es wuchs aus politischem Druck und wirtschaftlicher Not heraus, ohne dass es eine nationale Abstimmung gab. Und es gibt Probleme. Es ist ineffizient - Einwanderungsbürokratien verlassen sich oft auf Personen mit schockierend wenig Ausbildung. Es ist anfällig für Betrug. Und nicht immer landen die Einwanderer dort, wo sie am meisten gebraucht werden. Aber Kanadas dezentralisiertes Einwanderungssystem mag ein Grund dafür sein, dass dieses Land den globalen Wettbewerb um Arbeitskräfte gewinnt. Es mag auch ein Grund dafür sein, dass Kanada die höchste öffentliche Unterstützung für Einwanderung von allen Ländern der Welt hat."

Magazinrundschau vom 28.04.2020 - Walrus Magazine

J.A. Cameron erzählt, wie er und seine Tante Pamela, beide mit sehr christlichem Hintergrund, durch die Arbeit in einem Sexshop lernten, dass Sex etwas völlig normales ist und in vielen Varianten praktiziert werden kann. Beide lernten das Metier in Toronto bei Lovecraft. J.A. - keine 1,60 Zentimeter groß, als er den Laden erstmals betrat, "in einem zu großen Hemd und mit der Zahnspange sah ich eher wie ein katholisches Schulkind aus, das sich auf einer Exkursion verlaufen hatte, als wie der neueste Mitarbeiter eines Sexshops" - in den 90ern, Pamela schon in den 80ern: "Ein großer Teil von Pamelas Arbeit bestand darin, den Menschen zu vermitteln, dass Sexualerziehung, Selbsterkundung und selbstbestimmtes Vergnügen akzeptabel und normal sind. Einmal betrat eine Frau in ihren Siebzigern den Laden, von Kopf bis Fuß in beige gekleidet, und erzählte Pamela, dass sie ihren Mann vor einigen Monaten verloren hatte. Nach einigem sanften Seufzen gab sie zu, dass sie noch nie einen Orgasmus gehabt habe. Einige Stunden später trottete die Dame mit einer Tasche voller Spielzeug hinaus, grinsend wie ein Kind an Weihnachten. Pamela hielt später verdeckte Vorträge vor Müttergruppen im Keller der Leaside Church und anderen Kirchen in Toronto. Sie schleppte einen Einkaufswagen mit Waren herein und sorgte dafür, dass jedes Spielzeug aufgeladen war. Manchmal kicherten die Damen lange, und sie musste wie eine Lehrerin warten, bis sie sich beruhigt hatten. Diese Frauen kehrten oft als Kundinnen zurück. 'Alles, was sie brauchten', behauptet Pamela, 'war jemand, der auf ihre Bedürfnisse hörte.'"
Stichwörter: Spielzeug, Beige

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - Walrus Magazine

Die Meeresbiologin Laura McDonnel von der McGill University in Montreal hat beschlossen, keinen Fisch mehr zu essen. Grund dafür sind zum einen falsche Etikettierungen in der Fischindustrie, weshalb Fischsorten falsch gelagert und verwertet werden und folglich Unverträglichkeiten oder Vergiftungen beim Konsumenten verursachen können. Gravierender findet sie jedoch das Mikroplastik, das mit den Fischen auf unseren Tellern landet: "Der große pazifische Müllstrudel, eine Strömung, in der der größte Teil des im Pazifik entsorgten Mülls endet, ist auf Fotos meist als eine beständig vor sich hin treibende Müllinsel zu erkennen. Dabei ist ein Großteil der Plastikabfälle eigentlich eine Anhäufung winziger Partikel, die sich mit der Zeit von größeren Plastikteilen lösen und als Mikroplastik bekannt sind. Das den pazifischen Müllstrudel umgebende Wasser ist von Mikroplastikteilchen getrübt und größere, lose Plastikstücke treiben nahe der Insel oder sinken unter die Oberfläche, wo sie Unterwassermüllberge bilden. Im Unterschied zu der einen riesigen und erkennbaren Müllinsel ist Mikroplastik überall."

Magazinrundschau vom 28.11.2017 - Walrus Magazine

In Kanada arbeiten derzeit etwa 300.000 Menschen als Lastwagenfahrer. Es ist die zweithäufigste Beschäftigung bei Männern. Doch mit selbstfahrenden Wagen werden diese Arbeitsplätze - wenn auch vielleicht nicht so schnell, wie manche glauben - wegfallen. Und sie sind nicht die einzigen, schreibt Sharon J. Riley, die für ihre Reportage einen Trucker begleitet hat. Nach einer Studie des Brookfield Instituts 2016 könnten in den nächsten zwanzig Jahren 40 Prozent aller Jobs in Kanada der Automatisierung zum Opfer fallen: LastwagenfahrerInnen, KassiererInnen, VerkäuferInnen stehen ganz oben auf der Liste. Aber nicht nur diese Routinejobs sind gefährdet, erklärt der in Oxford arbeitende Wissenschaftler Logan Graham der Reporterin: "Laut Graham sehen wir bereits Spuren einer 'technologiebeförderten Ungleichheit'. Automatisierung, sagt er, könnte die Ungleichheit ganz sicher noch vergrößern. Aber nicht nur Jobs für Geringqualifizierte stehen auf dem Spiel. Nach einer Oxford-Studie von 2016 könnten weltweit 140 Millionen sogenannte 'Wissensarbeiter' - Übersetzer, Rechtsberater, sogar Ärzte und Krankenschwestern - ihre Arbeit verlieren. Was danach für sie kommt, ist ungewiss. Ja, es wird neue Berufe geben, aber braucht die Welt Millionen neuer App-Entwickler?"

Magazinrundschau vom 16.05.2017 - Walrus Magazine

Früher waren Schriftsteller oft Einzelgänger. Heute dagegen gehören sie oft festen Gruppen an und bewässern den Garten ihrer "community", klagt Autor Jason Guriel. Wenn Autoren Angst haben vor dem Alleinsein, vor dem Herausstechen, dann werden auch die Diskussionen steriler, so Guriel, denn dann diskutiert man nicht mehr über ästhetische Fragen, sondern darüber was gut oder schlecht ist für die Gruppe. Guriel hält es da lieber mit Fran Leibowitz: "Als sie kürzlich gefragt wurde, welche drei Autoren sie zu einer literarischen Dinnerparty einladen würde, offenbarte die Autorin Fran Lebowitz die definitive Liste für die einsame Insel: 'Niemanden. Ich würde das niemals tun. Meine Vorstellung von einer großartigen literarischen Dinnerparty ist Fran, die allein isst und ein Buch liest. Das wäre meine ideale literarische Dinnerparty.'"

Magazinrundschau vom 07.10.2014 - Walrus Magazine

Zu Lebzeiten hatte der vor den Nazis nach Kanada geflohene Kunsthändler Max Stern (1904-1987) keine rechtliche Handhabe, seine in Deutschland zwangsversteigerten Kunstwerke zurückzuerlangen. Erst als der Kunsthistoriker Clarence Epstein damit betraut wurde, Sterns Erbe zu verwalten, setzte in der Kunstwelt ein Umdenken in der Beurteilung von Zwangsverkäufen ein, schildert Sara Angel: "Fragen nach kulturellem Eigentum und Kunsterwerb sind im Begriff, gründlich neu verhandelt zu werden. Wenn Institutionen wie das Stadtmuseum Düsseldorf den Prozess überarbeiten, wie sie Kunstobjekte beschreiben und katalogisieren, dann wird die gesamte Vorstellung, was ein Museum ausmacht, einer grundsätzlichen Prüfung unterzogen. Mit jeder Rückgabe an die Erben von Max Stern sinkt die öffentliche Toleranz für die Verschleierung von Provenienzen durch die Kunstwelt. "Wir hoffen", sagt Epstein, "dass es eines Tages ethisch unhaltbar sein wird, ein Museum zu besuchen, an dessen Wänden gestohlene Kunst hängt.""

Magazinrundschau vom 31.07.2012 - Walrus Magazine

Emily Landau stellt die kanadische Dichterin Pauline Johnson (1861-1913) vor, eine Art Madonna des viktorianischen Zeitalters, die halb indianischer Abstammung war und unter dem Namen Tekahionwake auftrat. Johnson war eine schlechte Dichterin, aber ihre Bühnenshow war vergleichbar mit modernen Performances. Sie hatte sich bei der Hudson Bay Company ein indianisches Kleid aus Hirschleder bestellt, das sie mit Kaninchenfell und einem Jagdmesser besetzte. In diesem Kleid trat sie auf in einer Zeit, als Indianer nur als Stereotypen gesehen wurden: "Eine ihrer beliebtesten Geschichten, 'A Red Girl's Reasoning', erzählte von einer jungen Halbindianerin, die ihren Ehemann verlässt, weil er sich weigert, die Rechtmäßigkeit der Rituale ihres Stammes anzuerkennen. Eine andere Heldin, die Halb-Cree Esther in 'As It Was in the Beginning', tötet ihren treulosen weißen Liebhaber. Während sie ihre Monologe sprach, nutzte Johnson die ganze Bühne, rannte, kauerte, kroch, während sie ihr verzücktes Publikum mit Geschichten von verlassenen Heldinnen und feigen Männern ergötzte. Sie stieß Kriegsschreie aus, gebieterischen Magnetismus ausstrahlend. Das Publikum war vielleicht gekommen, um Pocahontas zu sehen, vorgeführt wurde ihnen jedoch ein ganz anderes Bild indianischer Weiblichkeit. Nach einer kurzen Pause kam sie zurück auf die Bühne, diesmal mit kunstvoll hochgestecktem Haar und in einem Seidenkleid. So gelang ihr etwas noch erstaunlicheres: Sie stellte dem Publikum einen anderen Aspekt ihrer Person vor, vermittelte eine neue, variable Annäherung an Identität und demonstrierte, das sie die Kontrolle über ihr öffentliches Bild hatte."

Außerdem: Jeet Heer stellt die Bücher zweier kanadischer Journalisten arabischer Herkunft vor, die sich sehr kritisch mit dem aufsteigenden politischen Islam in der arabischen Welt auseinandersetzen. Sarah Milroy porträtiert den Inuit-Künstler Tim Pitsiulak. Lesen darf man außerdem Kurzgeschichten von Heather O'Neill, von Joseph Boyden und von Margaret Atwood.

Magazinrundschau vom 03.01.2012 - Walrus Magazine

Es gibt eine Prophezeiung, die stets eintrifft - nämlich die, dass Propheten so gut wie immer irren, schreibt Daniel Baird im Walrus Magazine nach Lektüre eines guten Dutzends apokalyptisch gestimmter Bücher. Einige von ihnen wurde von einst durchaus seriösen Autoren verfasst. Lawrence E. Joseph schrieb für die New York Times über Wissenschaft und Religion und scheint jetzt geneigt, an das vom Maya Kalender annoncierte Weltende in diesem Jahr zu glauben. Aber wie gesagt: "Die Schwierigkeit mit Prophezeiungen - ob sie nun auf der Bibel, alten Kalendern, Klimastudien, Wirtschaftswissenschaft oder Visionen mongolischer Schamanen beruhen - ist, dass sie fast unfehlbar falsch liegen. Menschen sind erstaunlich schlecht darin, sogar kurzfristige Ereignisse anzusagen, etwa das Wetter am Montag oder den Goldpreis am Freitag, um so weniger das Schicksal der Menschheit."