Magazinrundschau

Ein Essay über die Unendlichkeit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
15.07.2008. Der Observator Cultural stellt in einem ambitionierten und hochwillkommenen Übersetzungsprojekt wichtige Autoren in Rumänien vor: Zuerst Stefan Banulescu. Vanity Fair untersucht den mutmaßlichen Mord an Bear Sterns. Die ungarischen Magazine setzen sich intensiv mit der Gewalt gegen ungarische Homosexuelle auseinander. Im New Statesman erklärt die muslimische Rapperin Deeyah, warum Bescheidenheit nichts nützt. David Remnick verteidigt in der Huffington Post sein umstrittenes New-Yorker-Cover mit den Obamas als Terroristen. In der fiktiven Welt gibt es keinen Relativismus, ruft Umberto Eco im Espresso.

Observator Cultural (Rumänien), 14.07.2008

Die rumänische Zeitschrift nimmt ein ambitioniertes Übersetzungsprojekt in Angriff. In nicht weniger als sieben Sprachen - von Polnisch bis Spanisch, auch Deutsch - sollen wichtige Autoren des Landes vorgestellt werden. In der ersten Ausgabe porträtiert Paul Cernat den Schriftsteller Stefan Banulescu (1926-1998), "einen der wichtigsten und bedeutendsten Prosaautoren Nachkriegsrumäniens", und charakterisiert seine Werke so: "Obwohl er vom Kern des Wirklichen ausgeht und den Ton des Reportagenhaften, Tagebuchmäßigen oder Memorialistischen nicht scheut, ist Banulescu kein realistischer Schriftsteller, wie er andererseits auch kein voll und ganz phantastischer Autor ist. Doch enthalten seine Prosastücke eine gewisse Dosis des reflexiven 'Unaussprechlichen', Geheimnisvollen, wo das Gesagte dazu da ist, das Nichtgesagte zur Geltung zu bringen: die Menschen sprechen anspielungsreich, 'in Rätseln', mit bedeutungsschweren Schweigeeinlagen."

Außerdem gibt es die Übersetzung eines Auszugs aus dem ersten Band des unvollendet gebliebenen Großprojekts "Das Buch des Millionärs".

Vanity Fair (USA), 01.08.2008

War es ein natürlicher Tod? War es Mord? Die Vanity Fair geht in einem Artikel, der sich ausgedruckt auf 16 eng bedruckte Seiten streckt, dem "vielleicht größten Finanzskandal in der Geschichte" nach - der Pleite und Rettung der Bank Bear Stearns. Es geschah am Montag, den 10. März, schreibt Bryan Burrough: "Es war ein ereignisloser Morgen. (Finanzchef) Sam Molinaro saß in seinem Eckbüro im sechsten Stock mit Blick auf die Madison Avenue und nahm sich Papiere vor, die sich in der letzten Woche nach einer Reise zu europäischen Investoren gestapelt hatten. Dann, gegen 11 Uhr, geschah etwas. Was genau, weiß bis heute niemand. Aber Bears Aktien gingen in den Tiefflug. Als Molinaro seine Handelsbüros in den unteren Stockwerken anrief, hörte er zum ersten Mal das Gerücht: Bear hätte Liquiditätsprobleme. So sagt die Wall Street, wenn sie meint, dass eine Firma kein Geld mehr hat. Molinaro schnitt eine Grimasse. Da war kein Liquiditätsproblem. Bear hatte etwa 18 Milliarden Dollar an Barreserven. Aber dieser Hauch eines Gerüchts wuchs sich über Stunden zu einem Orkan der Spekulation aus und sorgte dafür, dass eine Firma, die seit 1923 an der Wall Street gedieh, innerhalb einer Woche zusammenbrach..."
Archiv: Vanity Fair
Stichwörter: Geld

Elet es Irodalom (Ungarn), 11.07.2008

Homosexuellen-Paraden haben am vergangenen Wochenende nicht nur in Budapest, sondern auch in anderen europäischen Metropolen wie London oder Madrid stattgefunden. Weshalb wurden die Umzüge im Westen nicht mit Molotow-Cocktails und Steinen beworfen, fragt sich Istvan Vancsa und stellt fest, dass ungarische Nazis ihren europäischen Kollegen um einiges voraus sind: "Gibt es denn keine Skinheads in London? Und ob es sie gibt, schließlich ist diese ganze Skinhead-Sache eine englische Erfindung. Sind etwa die aufrechten Faschisten aus Spanien verschwunden? Sind sie nicht, im Gegenteil, sie erfreuen sich guter Gesundheit, würde man ihre verschiedenen Gruppen und Parteien aufzählen wollen, bekäme man diese Spalte hier voll. Wie ist es dann möglich, dass der Homosexuellen-Umzug weder in London noch Madrid Widerstand hervorgerufen hat? Es ist insofern möglich, als den patriotischen Kräften in England wie in Spanien der hiesige geistige Hintergrund fehlt", spottet Vancsa. Nur in Ungarn sei man überzeugt, dass die Homosexuellen nicht für sich streiten, sondern "auf den Verderb des Ungarntums zielen".
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Stichwörter: Cocktails, England

Nepszabadsag (Ungarn), 12.07.2008

Abgesehen von der beispiellose Gewalt gegen die Homosexuellen war das schlimmste für den Medienwissenschaftler Peter György bei der Demo, dass die Gegendemonstranten die ungarische Mittelschicht widerspiegelten. György im Interview mit Dora Matalin: "Das sind konsolidierte Menschen, die Familie und einen Arbeitsplatz haben, und die am Samstag Nachmittag auf die Straße gegangen sind, um andere zu demütigen. Ihr Problem ist nicht, dass diese Menschen schwul sind. In Ordnung, sollen sie doch schwul sein, sagt der Ungar, sie sollen aber nicht noch gute Laune dabei haben und vor allem sollen sie nicht stolz darauf sein. Denn das ärgert jeden, der frustriert ist - und die ungarische Mittelschicht ist ziemlich frustriert. Sie ist frustriert, weil sie ununterbrochen Angst vor der Verarmung hat, weil sie ihre frühere Sicherheit verloren hat. Weil sie einst in einem geschlossenen, auch kulturell überschaubaren Land gelebt hat, dessen Maßstäbe inzwischen zerfallen sind. Deshalb können diese Ungarn das Anderssein der anderen nur ertragen, solange diese sich verstecken."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Mittelschicht

Magyar Narancs (Ungarn), 11.07.2008

Angesichts der Gewalt gegen Schwule in Budapest forderte Ungarns Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany jetzt einen Schulterschluss der Gesellschaft zur Verteidigung der Demokratie und kündigte für den Herbst eine Großdemonstration an. Denn die Institutionen und Gesetze böten offensichtlich keinen ausreichenden Schutz für Minderheiten. Die Wochenzeitung Magyar Narancs stimmt der Diagnose zu - was das Heilmittel angeht, ist sie jedoch skeptisch: "Die juristische Regelung der Hetze in Ungarn bietet der Hassrede einen weiten Spielraum: Sie ist zulässig, solange sie nicht zu unmittelbarer Gewalt führt oder keine unmittelbare und offensichtliche Gefahr dieser Gewalt besteht. Das Kriterium des 'clear and present danger' aber interpretieren die Gerichte sehr eng. Wenn man von ihnen Rechenschaft darüber verlangt, zeigen sie auf den Gesetzgeber, der Gesetzgeber zeigt auf das Verfassungsgericht und das Verfassungsgericht zeigt irgendwo hinter sich oder über sich, wer weiß." Es sei jedoch nicht Aufgabe der Zivilgesellschaft, andere vor Gewalt zu schützen. "Im Gegenteil, das Problem besteht ja gerade darin, dass ein Teil der Zivilgesellschaft selbst für 'Recht und Ordnung' sorgen will: seit einiger Zeit beansprucht er das Recht zur Gewaltausübung ungestraft und unbehelligt für sich - während die Institutionen der Republik sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben" und nichts tun.
Stichwörter: Hassrede

New Statesman (UK), 11.07.2008

Vic Motune beschreibt die Schwierigkeiten weiblicher muslimischer Rapper wie Neelo fer Mir, Muneera Rashida (mehr hier) von Poetic Pilgrimage, Lady Dizzla, Angel MC Shay, Lyrical Lailah oder Deeyah, eine in Norwegen geborene Muslimin. Trotz großer Erfolge in Norwegen musste sie das Land verlassen, nachdem sie und ihre Familie bedroht worden waren: Sie sei ein schlechtes Vorbild und kleide sich zu sexy. "Sie kam nach London in der Hoffnung, dass hier die Dinge anders wären, aber die Probleme holten sie ein. Als in einem asiatischen Musikkanal das Video für ihre Single 'Plan of My Own' zeigte, in dem sie verführerisch mit einem Mann tanzt, fingen die Todesdrohungen und Schikanen wieder an. Sie lebt jetzt in den USA und braucht fortlaufend Schutz von Bodyguards. 'Leute sagen zu mir, wenn du etwas bescheidener auftreten würdest, deinen Akt etwas abschwächen würdest, wäre alles ok. Und wissen Sie was? Ich habe versucht, traditionelle Kleidung auf der Bühne zu tragen und war immer noch die Hure."

Außerdem: Ryan Gilbey langweilt sich in dem Abba-Musicalfilm "Mamma Mia!" Roger Scruton empfiehlt die Rieslings der Schönborns.
Stichwörter: Norwegen, Vice

New Yorker (USA), 21.07.2008

Ray Lizza liefert ein 18-seitiges Porträt von Barack Obama als Meister des politischen Insiderspiels. Schon das dürfte vielen Demokraten, die in Obama den revolutionären Außenseiter sehen wollen, nicht schmecken. Noch viel weniger schmeckt ihnen das Coverbild von Barry Blitt, dem der Versuch, alle rechten Klischees über die Obamas auf einem Bild zu vereinen, vielleicht eine Spur zu gut gelungen ist. Die Huffington Post berichtete über den Titel am 13. Juli, 6.20 p.m., knapp 24 Stunden später hatte sie sensationelle 1.817 Kommentare (heute morgen sind 4.778). Wo ist hier die Ironie?, fragen viele entsetzt. New Yorker Chefredakteur David Remnick verteidigt das Cover in der Huffington Post: "Natürlich würde ich ein Cover nicht nehmen, nur um Aufmerksamkeit zu erregen. Ich habe mich für dieses Cover entschieden, weil ich fand, dass es etwas zu sagen hat. Ich glaube, es zeigt wie in einem Spiegel die Vorurteile und dunklen Bilder über Barack Omabas Vergangenheit - die beider Obamas - und ihrer Politik..." Die Vorstellung, der New Yorker könnte wörtlich die Dinge meinen, die das Cover zeigt", findet Remnick absurd. "Das ist einfach nicht Teil dessen, was wir tun und was wir sind..."

Weiteres: Jill Lepore erzählt von einer Schlacht, welche die amerikanische Kinderliteratur von Grund auf veränderte. In ihrem Zentrum steht die Bibliothekarin Anne Carroll Moore, die 1895 in New York quasi die Kinderbibliothek erfand, und ihr Kampf gegen den Kinderbuchklassiker "Stuart Little" von E.B. White. Elizabeth Kolbert stellt einen amerikanischen Klassiker der Landschaftsgärtnerei und Rasenpflege vor: Andrew Jackson Downings "Treatise on the Theory and Practice of Landscape Gardening" von 1841. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Band mit Schriften von und zu Vladimir Mayakowsky ("Night Wraps The Sky", Farrar, Straus & Giroux). Und David Denby sah im Kino den neuen Batman-Film "The Dark Knight" von Christopher Nolan und die Pixar-Animationskomödie "WALL-E" von Andrew Stanton. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Yurt" von Sarah Shun-Lien Bynum und Lyrik von Robert Bly und Marcus Jackson.

Nur im Print: ein Porträt des Einkaufsparadieses Shanghai.
Archiv: New Yorker

Espresso (Italien), 11.07.2008

Umberto Eco kommt nach einem halben Jahr des Nachdenkens nochmal auf Pierre Bayard zurück, der behauptet, das Lesen eines Buchs sei mindestens so kreativ wie das Schreiben desselben und dass es deshalb so viele verschiedene Varianten von Emma Bovary gibt wie Leser. Eco widerspricht. Ausgerechnet in der fiktiven Welt hat der Relativismus nämlich seine Grenzen, meint er. "Es ist doch so: die Erzählungen, so wie sie dastehen, werden vom Leser als unverrückbare Wahrheit akzeptiert, natürlich immer innerhalb des Möglichkeitsraums eines Romans. Das ist auch die schreckliche Schönheit einer jeden Geschichte: Emma Bovary stirbt durch die eigene Hand, und wie sehr man diese Tatsache auch verabscheut, können wir nichts dagegen tun, bis in alle Ewigkeit. Wir könnte natürlich einen anderen Roman schreiben, in dem die Bovary ermordet wird, wie es Doumenc getan hat, aber was den Reiz (oder das Dilemma) dieser Alternativ-Literatur ausmacht, ist doch die Tatsache, dass wir alle darin übereinstimmen - und da kann Bayard sagen was er will - dass in der Welt von Flaubert die Arme Selbstmord begeht, und dass wir dabei alle von dem 'gleichen Buch' reden."
Archiv: Espresso

London Review of Books (UK), 14.07.2008

John Lanchester hat die in erstaunlicher Zahl erschienenen Memoiren prominenter New-Labor-Protagonisten gelesen - und erkennt darin das Symptom der desaströsen Folgen gegenwärtiger Strukturen von Macht und Öffentlichkeit: "Cherie Blair und John Prescott waren vielleicht nicht die unbeliebtesten Figuren in Blairs Regierung, aber sie waren die beiden mit der schlechtesten Presse. Beide verbrachten viel Zeit im heutigen Äquivalent des Prangers; eine Erfahrung, die Spuren hinterlässt - und bei beiden hat sie Spuren hinterlassen. Wenn wir sie im Licht ihrer eigenen neuen Offenbarungen im Gedächtnis behalten, dann geben wir ihnen wenigstens einen Teil der Kontrolle über ihre Geschichte zurück, weil wir sie für das im Gedächtnis behalten, was sie mit voller Absicht zu offenbaren entschieden haben. Nur ist daran etwas Trauriges und Verzweifeltes und es macht einem klar, was für eine trostlose, alles verschlingende Sache die öffentliche Aufmerksamkeit werden und welches Gefühl der Ohnmacht sie auslösen kann. Sogar, oder sogar ganz besonders, bei den Mächtigen."

Jeremy Harding hat den Kosovo besucht und stellt fest: "Keiner hätte sich vorstellen könnten, dass ein europäisches UN-Protektorat voller NGOs und reich an Spendenquittungen, in einem derart desolaten Zustand sein könnte. Der Kosovo zeigt geringes Wachstum, keine Inflation und kaum Anzeichen einer entstehenden Volkswirtschaft."

Weitere Artikel: Thomas Jones weiß Neues über Spione im wirklichen und im fiktionalen Leben. Benjamin Kunkel bespricht mit ziemlich gebremstem Enthusiasmus den bisher meist begeistert rezensierten Roman "Netherland" von Joseph O'Neill, Andrew O'Hagan hat in M. Night Shyamalans "The Happening" einen der "interessantesten" Filme des Jahres gesehen, allerdings auch einen der "schlechtesten".

Semana (Kolumbien), 12.07.2008

"Ich glaube nicht, dass die Zeitungen verschwinden werden, erklärt im Interview Juan Luis Cebrian, Mitbegründer von El Pais und Präsident der PRISA-Gruppe, kurz: der mächtigste Mann der spanischsprachigen Medienwelt. "Allerdings werden sie von ihrer zentralen Vormachtstellung ein wenig an den Rand gedrängt werden. Wenn ich heute El Pais noch einmal gründen müsste, würde ich das im Internet machen, und auf der Grundlage dieser Internetzeitung eine Ausgabe auf Papier herausgeben. Warum? Eine Tageszeitung auf Papier ist und bleibt einfach etwas, was es so im Netz nicht gibt. Die digitale Gesellschaft tendiert dazu, jegliche Art von Vermittlungsprozessen auszuschalten, und das wird jetzt eine ganze Weile so bleiben. Aber Vermittlung zwischen der Wirklichkeit und den Bürgern, Interpretation, Analyse, das alles wird es wieder geben - ich glaube immer noch, dass ein Journalist jemand ist, der den anderen erzählt, was los ist."

"Nach der Entführung beginnt das nächste Drama." Ana Maria Catano Blanco schildert am Beispiel eines Soldaten, der als Rekrut für mehrere Jahre in FARC-Geiselhaft geriet, die völlig unzureichende psychologische Betreuung vieler kolumbianischer Soldaten nach ihrer Befreiung.
Archiv: Semana
Stichwörter: Der die Mann

Mediapart (Frankreich), 12.07.2008

Seit Kaiserin Eugenie hat keine premiere dame die Franzosen so beschäftigt wie Carla Bruni. Die neue französische Internetzeitung Mediapart weicht sogar von ihrer strikten Aboregel ab und stellt einen Artikel frei. Marine Turchi kann es in dieser mit Zitaten, Links und Videos gespickten Analyse kaum fassen, zu welcher Vermischung der Sphären es in der französischen Politik gekommen ist. Angekurbelt wurde das Rad nochmal durch Brunis CD über ihre dreißig Verflossenen vor Nicolas. Turchi konstatiert eine Vermischung "von Privatem und Öffentlichem, von Musik und Politik, Information und PR, gewichtigen Dossiers wie der Gründung der Mittelmeerunion am 13. Juli mit eher leichten Ereignisssen wie dem 14. Juli und dem Orden für Ingrid Betancourt bis hin zu Promi-Events wie der Platte von Carla Bruni am 11. Juli." Turchi prangert dabei auch die lustvolle Kooperation der Medien vom Staatsfernsehen bis Liberation an: "Carla Bruni verkauft nicht ihre Platte, sondern ihren Gatten, den Präsidenten." (Eugenie - hier gemalt von Franz Xaver Winterhalter - war darin übrigens auch nicht schlecht.)
Archiv: Mediapart

Economist (UK), 14.07.2008

Wie in der nicht so guten alten Zeit wird im Westen wieder eifrig Kreml-Astrologie betrieben. Hier ein ganz aktuelles Beispiel: "Vladimir Putin kann immer noch als Präsident zurückkehren. Aber vielleicht will er gar nicht. Es ist genausogut möglich, dass er sich Schritt für Schritt von der Macht entfernen wird und Medwedew die Kontrolle überlässt... Putin scheint kein besonderes Interesse an seinem neuen Job zu zeigen. Er kommt kaum öfter als einmal die Woche in sein Büro und sieht meist gelangweilt und verärgert aus, wenn man ihn im Fernsehen bei der Beschäftigung mit Alltagsproblemen erlebt. Frühere Mitarbeiter sagen, er sehne sich in Wahrheit nach einem luxuriösen Lebensstil, nicht nach der Auseinandersetzung mit dem Milchpreis. Aber warum ist er dann noch da? Eine Erklärung ist, dass die Sicherheitsrisiken für ihn und den engsten Kreis seiner Freunde zu hoch sind. Er ist im Amt sicherer. Schließlich ist er als Ministerpräsident immun gegen Strafverfolgung."

Reich an Informationen, erfahren wir, ist Lewis H. Siegelbaums Geschichte des Sowjet-Automobils "Autos für Kameraden", Überhaupt keinen Spaß hatte der Rezensent mit Simon Critchleys möchtegerngeistreichem "Buch der toten Philosophen". Kurzer Prozess gemacht wird mit drei kapitalismusskeptischen Büchern, darunter George Soros' "Das neue Finanzmarkt-Pardigma": sie werden alle mehr oder vollständiger Ahnungslosigkeit geziehen.
Archiv: Economist

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 11.07.2008

Colette Braeckman schickt eine Reportage aus Kongos Provinz Katanga, in der sich Investoren aus aller Welt auf die Vorkommen an Kupfer und Kobalt stürzen: "Jeden Monat machen in Lubumbashi neue Verkaufsbuden auf, Fastfood-Imbisse und Läden mit chinesischem Plunder, die auch gepanschten Fusel im Angebot haben, der billiger ist als Bier. Doch im Armenviertel Kenia sterben die Menschen immer noch an Cholera. Die Luft ist dreckig. Alle leiden unter einem ständigen Hustenreiz. Seit die Regierung den Rohstoffexport in die Raffinerien von Sambia verboten hat, schießen die Kleinstbetriebe wie Pilze aus dem Boden. Die Besitzer kommen aus China, Indien oder den Golfstaaten. Oft haben sie die zuständigen Beamten bestochen, um die langwierigen Genehmigungsverfahren zu umgehen."

Raf Custers berichtet, dass sich einige Länder Afrikas darauf geeinigt haben, die Förderung von Rohstoffen neu zu regeln: "Es geht um viel: 57 Prozent des im Tagebau geförderten Kobalts, 46 Prozent der Diamanten, 39 Prozent des Mangans, 31 Prozent der Phosphate, 21 Prozent des Goldes und 9 Prozent des Bauxits kommen aus Afrika. Seit 2002 steigen die Kurse unaufhörlich. Der Geldsegen kommt jedoch kaum bei den Staaten an, und erst recht nicht bei der Bevölkerung. Schlimmer noch: Trotz ihrer Bodenschätze rangieren diese Länder im Human-Development-Index des UN-Entwicklungsprogramms UNDP meist weit hinten."

Weiteres: Serge Quadruppani schätzt das Potenzial des italienischen Krimis ab, das Medium der italienischen Vergangenheitsbewältigung zu werden. Und Bruno Preisendörfer konstatiert zur politischen Lage des Landes wohl eher enttäuscht: "Viel linkes Gefühl überall, kein linker Gedanke nirgends."

Guardian (UK), 12.07.2008

Der Autor Adam Thirlwell hat noch einmal "Die Elenden" gelesen und stellt fest, dass die Länge, die Langsamkeit und die Abschweifungen kein Nachteil des Roman sind, sondern sein existenzielles Fundament: "Als das Buch fertig war, versuchte Victor Hugo, ein Vorwort zu schreiben - und scheiterte. Das Vorwort hätte folgendermaßen beginnen können: 'Dieses Buch wurde verkehrt herum komponiert. Die Idee erzeugt die Charaktere, die Charaktere produzieren das Drama - das ist im Grunde das Gesetz der Kunst. Wenn wir das Ideal Gott anstelle der Idee als Erzeuger haben, sehen wir, dass es die gleiche Funktion wie die Natur erfüllt. Schicksal und besonders das Leben, Zeit und besonders dieses Jahrhundert, die Menschheit und besonders das Volk, Gott und besonders die Welt - das ist, worüber ich in diesem Buch schreiben wollte. Es ist eigentlich ein Essay über die Unendlichkeit.'"

Allen Spielern, Glücksrittern und Propheten empfiehlt Tim Radford Leonard Mlodinows Buch "The Drunkard's Walk" über Zufall und Wahrscheinlichkeit, dessen erste Lektion laute, "lass es, die Chancen stehen gegen dich": "Ein amerikanischer Fachmann sagte für 18 von 19 Jahren richtig die Entwicklung der Aktienmärkte voraus. Er beanspruchte keinerlei Ehre für seine Fähigkeiten: er hatte seine Vorhersagen davon abhängig gemacht, wie ein bestimmtes Football-Team beim Superbowl abschnitt. Er hätte auch eine Münze werfen können."
Archiv: Guardian

Gazeta Wyborcza (Polen), 12.07.2008

65 Jahren nach den Massakern von Wolhynien ist die Wunde zwischen Ukrainern und Polen noch längst nicht verheilt. Zur Vorgeschichte: Polen hatte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Friedensvertrag von Riga mit der Sowjetunion eine neue Ostgrenze ausgehandelt. Dabei wurden dem polnischen Staat auch Gebiete einverleibt, die mehrheitlich von Ukrainern bewohnt waren, deren Unabhängigkeitsbestrebungen die Polen unterdrückten. Als die Deutschen Mitte 1941 auch Ostpolen besetzten, gab es von 1943-44 entsetzliche Massaker - vor allem in Wolhynien - von ukrainischen Nationalisten an der polnischen Zivilbevölkerung mit bis zu 50.000 Toten. Auch die Vergeltungsaktionen der polnischen Heimatarmee forderten tausende von Opfern. (Mehr hier und hier) Das ist bis heute nicht vergessen. Der Lemberger Historiker Taras Wozniak sagt dazu: "Die ukrainischen Eliten haben die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ernst genommen". In Polen dagegen habe "die Erinnerung an die Ereignisse in Wolhynien die Gestalt eines bestimmten Rituals: Man vergisst den historischen Kontext, die damalige Realität, man sucht nicht nach Ursachen, will nicht verstehen. Es bleibt nur das ukrainische Verbrechen."

Und: Die Wyborcza trauert um den am Sonntag gestorbenen ehemaligen Außenminister Bronislaw Geremek. "Wir fühlen uns verwaist. Er war unser Rückhalt, unsere Autorität, unser Anführer, als die wichtigsten Fragen für Polen entschieden wurden."

Spectator (UK), 12.07.2008

Charles Leadbeater kürt das Internet zur konservativsten Kraft des Planeten, weil so viel archiviert werde wie nie zuvor. Die Auslagerung unseres Gedächtnisses auf Festplatten und soziale Netzwerke birgt aber auch unbekannte Risiken: "Die Ausweitung unseres gemeinsamen Gedächtnisses in Millionen von Mini-Archiven sollte allseits willkommen sein, besonders in einer alternden Gesellschaft mit Millionen von Menschen, die ihr Erinnerungsvermögen in den nächsten Jahrzehnten verlieren werden, und damit das Gefühl für sich selbst. Eine wachsende Gruppe an nachdenklichen Skeptikern - die Neurowissenschaftlerin Susan Greenfield, der Technologiekritiker Nicholas Carr - behauptet jedoch, dass das Netz unsere Hirne nicht unterstützt, sondern im Gegenteil zerstört, das Erinnerungsvermögen eingeschlossen. Carr argumentiert, dass das Netz uns in eine Kultur der Ablenkung einschließt, in der es unmöglich wird, sich zu konzentrieren und klar zu denken."

In letzter Zeit haben zwei "Stützen der Gesellschaft" in England, der oberste Richter Lord Phillips of Worth Matravers und der Erzbischof von Canterbury Rowan Williams die Einführung bestimmter Aspekte der Scharia befürwortet. Aber die Mehrheit der britischen Muslime will das gar nicht, erklären Stephen Schwartz and Irfan Al-Alawi, die gerade eine Feldstudie zu dem Thema durchgeführt haben: "Die überwältigende Mehrheit der Befragten - wir schätzen ein Minimum von 65 Prozent lehnen die Einführung der Scharia in Britannien brüsk ab, sie sind sogar verstimmt über die Einmischung eines Individuums wie den Erzbischof in britisch-muslimische Angelegenheiten."
Archiv: Spectator