Magazinrundschau

Er glaubt an Monopole

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
16.09.2008. Süße Rache will Rupert Murdoch an der New York Times nehmen, glaubt Vanity Fair. Der New Yorker beschreibt die schwierige Situation der Putin-kritischen Radiostation Ekho Moskvy. Der Spectator beschreibt die unmögliche Situation der Putin-kritischen inguschetischen Webseite ingushetiya.ru. The New Statesman beschreibt die demnächst lebensgefährliche Situation der Blogger im Iran. Le Monde diplomatique druckt einen nachgelassenen Text von Jacques Derrida über Schurkenstaaten. Outlook India feiert Indiens offizielle Anerkennung als Atommacht. Der Merkur fördert die Freude am X.

Vanity Fair (USA), 15.09.2008

Neun Monate traf sich Michael Wolff jede Woche mit Medienmogul Rupert Murdoch. Eine gute Voraussetzung, um dessen neuestes Vorhaben einzuschätzen, nach dem Wall Street Journal nun auch die New York Times zu kaufen. Was andere jüngst als liberalen Imagewechsel werteten, bleibt für Wolff nur Ausdruck puren Herrschaftsstrebens. "Es ist offensichtlich unwiderstehlich für ihn. Ich habe ihn bei den Kalkulationen gesehen, beim Planen der Hinterzimmer-Verhandlungen, beim Fantasieren über Massen-Kündigungen, sobald er den heiligen Tempel betreten würde. Es wäre eine süße Rache, hat die New York Times ihn doch lange Zeit zum vulgären Buhmann gemacht. Und wie wunderbar, nicht nur eine von Amerikas wichtigsten Zeitungen zu besitzen, sondern beide (er glaubt an Monopole)."

Wie ein Fang-und Versteckspiel mutet der unberechenbare, aus dem Hinterhalt geführte Krieg in den abgelegenen Gebieten Afghanistans an. Reporter und Schriftsteller Sebastian Junger berichtet von den Niederlagen, die US-Truppen trotz militärischer Überlegenheit gegen die Taliban verzeichnen müssen. Dennoch führen die US-Amerikaner ihre Strategie in kleinen Militärbasen fort, um besser in Kontakt mit der Bevölkerung zu gelangen. Junger mutmaßt: "Das ist kein Krieg, in dem Soldaten gefangen genommen werden: Wenn ein Stützpunkt gestürmt wird, wird jeder Amerikaner im Gefecht umgebracht. Verwundete werden auf der Stelle getötet, oder schlimmer. Die Taliban müssen zwar astronomische Verluste hinnehmen, aber sie rechnen damit, dass die amerikanische Öffentlichkeit nach ein oder zwei entsprechenden Zwischenfällen ein Ende der small-base strategy in Afghanistan verlangt".

Außerdem: Sam Kashner verspricht neue Einblicke in Marilyn Monroes sagenumwobene Persönlichkeit. Anlass dazu geben die Fotografien Mark Andersons, die Marilyns geheime Besitztümer dokumentieren. Diese Abbildungen sind jetzt der Öffentlichkeit zugänglich, und der Hype nimmt abermals seinen Lauf.
Archiv: Vanity Fair

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 15.09.2008

In einem aus einer postumen Essaysammlung vorabgedruckten Text denkt Jacques Derrida mit Hilfe von Niccolo Machiavelli über Schurkenstaaten nach - und findet in Machiavellis Beschreibungen des Tiers im Menschen die Empfehlung des Stratcom (US Strategic Command) der USA zum Umgang mit diesen wieder: "Man dürfe sich nicht als zu 'rational' zeigen, heißt es in dieser Richtlinie, wenn es um die Bestimmung dessen geht, was dem Feind am kostbarsten - und folglich zu bedrohen ist. Mit anderen Worten, man soll sich seiner Sinne nicht mächtig zeigen, zu verstehen geben, dass man seiner Sinne nicht mächtig sein und in der Bestimmung seiner Ziele wie ein Tier agieren kann, nur um Angst zu erzeugen und glauben zu machen, dass man zu allem bereit ist, dass man wahnsinnig wird, wenn vitale Interessen berührt sind. Man muss vortäuschen, dass man wahnsinnig, verrückt, irrational, also zum Tier werden kann. Es sei 'schädlich' ('it hurts'), lautet eine der Stratcom-Empfehlungen, uns selbst als zu rational und beherrscht darzustellen. 'Dagegen ist es für unsere Strategie 'nützlich' (beneficial), gewisse Elemente als 'außer Kontrolle' (out of control) erscheinen zu lassen."

Tygodnik Powszechny (Polen), 14.09.2008

Eine achtseitige Sonderbeilage ist dem Krakauer Festival "Sacrum Profanum" gewidmet, dessen diesjährigen Schwerpunkt die deutsche Musik des 20. Jahrhunderts darstellt. Darin: ein Interview mit Ute Lemper, ein Porträt von Karlheinz Stockhausen, ein Hintergrundartikel zu deutscher elektronischer Musik - neben Stockhausens Werken bildet ein "Kraftwerk"-Konzern den Höhepunkt des Festivals - und einer zu den Beziehungen zwischen Musik und Theater. Den programmatischen Artikel liefert aber Daniel Cichy ab, der die deutsche Nachkriegsmusik kurz als "ästhetisch fortschrittlich, technisch makellos und mit philosophischem Hintergrund" subsumiert.

Die Titelgeschichte (nur im Print) ist der Danziger Werft gewidmet, die ein weiteres Mal in ihrer jüngsten Geschichte - diesmal wegen unerlaubter öffentlicher Subventionen, wie die Europäische Kommission entschieden hat - kurz vor dem Bankrott steht.
Anzeige

The Atlantic (USA), 01.10.2008

Jed Perl verabschiedet Philippe de Montebello, der mit 72 Jahren in den Ruhestand geht und dessen Erfolgsrezept als Chef des New Yorker Metropolitan Museum darin bestand, das Publikum nicht zu unterschätzen. "Dies war ein goldenes Zeitalter, obwohl die staatlichen und privaten Zuwendungen schrumpften und die Überzeugung unter den Kulturkoryphäen wuchs, dass sich die Öffentlichkeit eher um die neueste Pop-Sensation scharen werde als um die Kunst der Vergangenheit. De Montebello gehörte aber nicht zu den Pessimisten. Er hielt nichts von der Idee, dass Leben und Sterben eines Museums von einigen massiv beworbenen Blockbuster- Veranstaltungen abhängt. Wie er mir im Mai sagte, operierte er unter der Maßgabe, dass 'das Publikum viel schlauer ist als andere ihm zubilligen. Die Öffentlichkeit ist intellektuell neugierig. Und die Leute wissen sehr wohl zwischen einer ernsthaften Ausstellung und reiner Augenwischerei zu unterscheiden.'"

Weiteres: James Fallows reist durch den Westen Chinas, zusammen mit zwei taiwanesischen Geschäftsmännern, die sich vorgenommen haben, diesen rückständigen Landstrich mit seinen 300 Millionen Einwohnern ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Benjamin Schwarz reibt sich vor Freude die Hände über Christian Landers Blog "Stuff White People Like", das die Trends im Lager progressiver weißer Mittelschichtsschichtsliberaler festhält. Große Momente der Menschheitsgeschichte fasst Eric Hanson zusammen, von Prousts erstem Asthma-Anfall über Hitlers ersten "Lohengrin" bis zu Ronald Reagans Eintritt bei den Republikanern.
Archiv: The Atlantic

Espresso (Italien), 12.09.2008

In der gerade in Deutschland anlaufenden Verfilmung von Roberto Savianos Reportage "Gomorra" ist das einer der Handlungsstränge: die Camorra schafft hochgiftige Abfälle in illegale Deponien rund um Neapel und verdient dabei Milliarden. Jetzt hat Gaetano Vasallo ausgepackt, der das schmutzige Geschäft vor zwanzig Jahren erfunden hat. Gianluca Di Feo und Emiliano Fittipaldi zitieren aus dem Geständnis, dass der ehemalige Boss und mittlerweile reuige "Pentito" diktiert hat. "Ich fürchte um mein Leben und deshalb habe ich mich entschieden, mit der Justiz zusammenzuarbeiten und alles zu sagen, was mich betrifft, die Straftaten inklusive. Im Besonderen will ich auf die illegale Entsorgung von speziellem, giftigem und gesundheitsschädlichem Müll eingehen, angefangen von 1987/1988 bis 2005. Die Entsorgung fand in Höhlen, unbebauten Landstrichen und nicht genehmigten Deponien statt."
Archiv: Espresso
Stichwörter: Abfall, Neapel, Roberto Saviano

Times Literary Supplement (UK), 13.09.2008

Sehr begrüßen kann der Bio-Ethiker Peter Singer das Buch "Ethics and the Environment", in dem sich sein Kollege Dale Jamieson gründliche und überfällige Gedanken zum Thema macht. "Ein Beispiel: Biodiversität wird oft als ein Wert an sich angesehen - aber ein kleines Abwasserrohr, das in einen zuvor unberührten Bach verlegt wird, kann in Sachen Vielfalt Wunder wirken, wenn wir die Mikroorganismen in der Gesamtsumme mitzählen. Ist also nur natürliche Biodiversität gut? Das wiederum führt uns zu John Stuart Mills Warnung in seinem Essay 'On Nature', dass die Verwendung des Begriffs 'natürlich' die reichhaltigste Quelle für falschen Geschmack, falsche Philosophie, falsche Moral und sogar schlechte Gesetze ist'."
Stichwörter: Peter Singer

New Yorker (USA), 22.09.2008

David Remnick beschreibt die schwierige Situation eines der letzten kritischen Medien in Russland: der Radiostation Ekho Moskvy und seines Chefredakteurs Aleksei Venediktov. 2001 lud Putin Venediktov zu einem Treffen in der Kreml-Bibliothek ein. Ihn gleichzeitig umarmend und warnend sprach Putin lange über den Unterschied zwischen Feinden und Verrätern. 'Das ist ein wichtiger Unterschied für Putin', sagte Venediktov. 'Er sagte, >Feinde stehen direkt vor dir, du liegst im Krieg mit ihnen, dann vereinbart ihr einen Waffenstillstand und alles ist klar. Ein Verräter muss zerstört werden, zerschmettert.< Das ist seine Philosophie von der Welt. Und dann sagte er: >Weißt du, Aleksei, du bist kein Verräter, du bist ein Feind.<' Ich stellte Venediktov die wahrscheinlich dumme Frage, ob Putin gelächelt habe, als er dies sagte. 'Gelächelt?' sagte Venediktov. 'Putin lächelt nie. Er hat nur klargemacht, in welchem Sinne ich für ihn existiere.'"

In einem Brief aus Alaska beschreibt Philip Gourevitch diese "sonderbare politische Landschaft" und porträtiert deren Gouverneurin und republikanische Vize-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin, die dort politisch groß wurde. "Alaska wird wegen seines kollektiven Ressourcenbesitzes manchmal als der sozialistische Staat von Amerika bezeichnet - eine Regelung, die es ermöglicht, Dividenden aus den Öllizenzen des Staates an seine festen Bewohner auszuschütten. Palin hatte das Glück, den Staat in einer Zeit von Rekordölpreisen zu regieren, was bedeutete, Dividendenschecks ausstellen zu können: 2000 Dollar für jeden Bürger von Alaska. Und weil hohe Ölpreise an einem so kalten Ort auch schwindelerregende Heizkostenrechungen bedeuten - und es politisch immer gut ankommt, Wählern Geld zu schenken - brachte Palin das Parlament dazu, jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind in Alaska zusätzlich einen Scheck über 1200 Dollar zu schicken."

Ergänzend dazu wundert sich Steve Coll über zwei seltsam anbiedernde Medieninterviews mit Palin, hofft aber zugleich, dass Journalisten sie in den verbleibenden 45 Tagen bis zur Wahl vielleicht doch noch "in vollem Umfang politisch überprüfen, was McCain ja nicht getan hat". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Noble Truths of Suffering" von Aleksandar Hemon und Lyrik von Marilyn Hacker sowie zwei Gedichte von Bob Dylan (hier und hier).

Weiteres: "Überragend und wichtig" findet Jill Lepore "The Hemingses of Monticello: An American Family" (Norton) von Annette Gordon-Reed, die Geschichte einer Sklavenfamilie, welche dem dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten, Thomas Jefferson, gehörte, einem der größten Sklavenhalter in Virginia. Peter Schjeldahl führt durch eine Ausstellung mit Stilleben von Giorgio Morandi im Metropolitan Museum of Art. Und Anthony Lane sah im Kino die Komödie "The Women" von Diane English und den Thriller "Lakeview Terrace" von Neil LaBute.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Bibliothek

New Statesman (UK), 15.09.2008

Die neue Ausgabe widmet sich ausführlich dem Iran. Dazu berichtet Asieh Amini über die Bloggerszene, die seit ihrer Entstehung vor gut sieben Jahren Bürger- und Frauenrechtsinitiativen, wie "Change for Equality", hervorbringt oder im Netz freie Pressearbeit leistet. Doch Amini wie auch die anderen Blogger haben unter der massiven staatlichen Repression und Zensur zu leiden. Mittlerweile hat zwar selbst Präsident Ahmadinejad einen Blog, aber der Druck auf die freien Blogger erhöht sich stetig: "Im Juli begann die Regierung, ein Gesetz gegen "Online-Kriminalität" auszuarbeiten. Das Parlament muss dem Gesetzesentwurf noch zustimmen, aber dann könnte Bloggern und Webmastern im Falle einer Verurteilung wegen 'Förderung der Korruption, Prostitution und Apostasie' die Todesstrafe drohen."

Weitere Artikel: Maziar Bahari sammelt in Teheran Eindrücke seines zwiegespaltenen Landes und sprach mit Akbar Etemad, einem langjährigen Berater des Shahs, der Verständnis für das iranische Atomprogramm zeigt. Und Robert Tait erklärt, dass nur noch die sprudelnden Einnahmen aus dem Ölgeschäft die iranische Wirtschaft vor dem Kollaps retten. Schließlich analysiert der Labour-Abgeordnete Denis MacShane das Siechtum der europäischen Sozialdemokratie und fragt sich, ob Frank Steinmeier der richtige Kandidat für harte Entscheidungen ist.

Outlook India (Indien), 22.09.2008

Als weltpolitische Machtverschiebung historischen Ausmaßes feiert Outlook India - ungewöhnlich patriotisch gestimmt - die offizielle Anerkennung Indiens als sechste Atommacht der Welt. "Alle, die nur auf ihren politischen Nabel schauen, erkennen nicht, um welch eine tektonische Veränderung es sich dabei im Rahmen des versteinerten Denkens einer Status-Quo-Welt handelt, in der die Arrivierten mit den Nachrückenden kaum je auf Augenhöhe sprechen und in der die Bevorteilten sich sehr darum bemühen, alle, die draußen sind, zu ignorieren, abzuweisen und abzuurteilen... Premierminister Manmohan Singh ... hat sich seinen Platz in der Geschichte als der Führer verdient, der zwei Kronen trägt: Er hat Indien innenpolitisch durch ökonomische Reformen von seinen Fesseln befreit und außenpolitisch aus der nuklearen Apartheid geführt."

Economist (UK), 15.09.2008

Die letzte Bastion der Anglizismusfeindlichkeit ist dabei, geschleift zu werden - glaubt jedenfalls der Economist: "Die Gesetze zur Abwehr des Englischen existieren fort - und sind ein Hindernis für neue Musiker, die wegen der Quoten für französische Texte nicht im Radio zu hören sind. Im Zeitalter von Globalisierung und Internet scheinen die Franzosen aber zu begreifen ..., dass einzig sie selbst zu den Verlierern gehören, wenn sie sich weiter weigern, Englisch zu lernen - und dass sie nicht weniger französisch dadurch werden, dass sie es sprechen können. Sogar Minister wagen sich heute zu einem chat in le web. Zum Teil verdankt sich das Nicolas Sarkozy, der ... den atavistischen Anti-Amerikanismus zurückweist, der der Feindschaft gegenüber dem Englischen oft zugrundeliegt. Da passt es ins Bild, dass auch auf dem neuen Album 'Comme si de rien n'etat' seiner Frau Carla Bruni ein englischsprachiger Song zu finden ist."

Besprochen werden unter anderem Bernard-Henri Levys Bekenntnis zum Linksbleiben "Left in Dark Times", das alles andere als makellos, aber dennoch notwendig sei, weil "die Politik Intellektuelle dringend braucht" sowie John Carlins Buch "Playing the Enemy", in dem der Autor erklärt, warum Nelson Mandelas Aufstieg ohne Rugby kaum möglich gewesen wäre.

Und dann muss der Economist auch mal gepriesen werden für seine unverbrüchliche Treue zum Kalauer in der Überschrift - in der aktuellen Ausgabe etwa mit der Frage "Kim Jong Ill or Kim Jong Well?".
Archiv: Economist

Nepszabadsag (Ungarn), 13.09.2008

Auf die Frage, ob es von Bedeutung war, als Osteuropäer zum Präsidenten der UNO-Vollversammlung gewählt zu werden, sagt der am Montag aus seinem Amt scheidende mazedonische Wirtschaftswissenschaftler Srgjan Kerim im Interview mit Andras S. Takacs: "Mit diesem Hintergrund erkennt man es vielleicht besser, wann Kompromisse nötig sind, man ist eher geneigt, gemeinsame Lösungen zu erzielen und will Herr über die endlosen politischen Debatten und Pattsituationen werden. Auch deshalb denke ich, dass es wichtig ist, ein aktiver Partner zu werden. Heute teilt sich die Welt nicht mehr in große und kleine Länder, sondern in aktive und passive Teilnehmer. Die UNO ist mit ihren unzähligen Herausforderungen ein Forum, wo die Mitgliedstaaten einzeln und auch mit anderen kooperierend eine aktive Rolle spielen können. Wir müssen die Möglichkeit wahrnehmen, Osteuropa zu einer der fünf großen regionalen Gruppen in der Organisation aufzubauen. Wenn wir aktiver werden, könnten wir erreichen, dass die UNO die Perspektive unserer Region mehr berücksichtigt, wenn sie über die großen gemeinsamen Fragen dieser Welt entscheidet."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: UNO

Point (Frankreich), 11.09.2008

In einem Interview mit Elisabeth Levy und Franz-Olivier Giesbert spricht Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel über seinen neuen Roman "Le cas Sonderberg" ("Der Fall Sonderberg"; hier eine Inhaltsangabe von Arte), in dem es um die Identitätssuche eines New Yorker Journalisten jüdischer Herkunft geht, die angestoßen wird durch den Prozess gegen einen deutschen Studenten, der auf die Nazivergangenheit seinen Großvaters stieß und wegen Mordes an seinem Onkel zugleich auf "schuldig und nicht schuldig" plädiert. Wiesel reiche mit diesem Roman den unschuldigen, sich aber dennoch schuldig fühlenden "Kindern der Schlächter", die Hand. Er spricht daher auch über sein verändertes Verhältnis zu Deutschland. "Es stimmt, dass ich mich von Deutschland fern gehalten habe. Nicht weil ich an den kriminellen Charakter eines ganzen Volkes oder einer Kultur geglaubt hätte. Das hieße, das Böse wieder zu banalisieren: Wenn alle schuldig sind, dann ist keiner schuldig. Aber so war es. Ich habe Deutschland nicht verstanden. (...) Man hat dort damals nicht viel über die Vergangenheit gesprochen. Heutzutage wird sie überall unterrichtet, in Büchern und Filmen behandelt. Deutschland hat die Erinnerung wiedergefunden."
Archiv: Point
Stichwörter: Elie Wiesel

Merkur (Deutschland), 11.09.2008

Das jüngste Doppelheft nähert sich dem Thema "Neugier: Vom europäischen Denken", und zwar, wie es sich für ein liberal-konservatives Magazin gehört, mit neuerungsfreundlicher Skepsis gegenüber allzu großer Fortschrittsbegeisterung. Die Herausgeber Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel erläutern das im Editorial so: "Will das Heft ein Plädoyer für das Prinzip des Neuen, für die Kapazität der Neugier halten? Durchaus. Aber unter einer Voraussetzung: dem Bewusstsein, dass es sich um ein gemischtes, ja dialektisches Prinzip handelt. Das Alte bleibt immer präsent, die Sehnsucht nach ihm ist geradezu die Bedingung des Neuen in der Moderne."

Der Kulturtheoretiker Norbert Bolz denkt über die Technik nach, die den Menschen zum "Prothesengott" macht. Und er preist das Prinzip der "Serendipity": "In einem Brief von Horace Walpole an Sir Horace Mann vom 28. Januar 1754 taucht erstmals der schöne Neologismus 'Serendipity' auf. Er benennt den Weg zum Neuen durch blinde Variationen - man ist opportunistisch und lässt sich vom Interessanten verführen. Die spezifische Neugier der Prinzen von Serendip verbindet Überraschungserwartung, Problemlösungsverhalten und den Reizhunger aufs Neuer ... In der Vorrede zur 'Fröhlichen Wissenschaft' hat Nietzsche in einer Reflexion über die Liebe zum Problem die schönste Übersetzung für Walpoles Zauberwort Serendipity gefunden: 'die Freude am X'."

Der Philosoph Volker Gerhardt bewegt sich in seiner frei durch Zeit und Raum schwebenden "Kleinen Apologie des Neuen" zurück bis zum Urknall, Jörg Lau erklärt das "Fortschritts-Paradox", und die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny erinnert in ihrem Essay zur "Kulturellen Vielfalt der Neugier" an Albert Einstein, der meinte: "Ich bin nicht besonders talentiert, sondern nur leidenschaftlich neugierig."

Im Heft, aber nicht online gibt es außerdem Aufsätze unter anderem von den Historikern Christian Meier ("Das Neue und die Grenzen der Polis") und Alexander Demandt ("Neuerungen in der Spätantike"), vom Philosophen Martin Seel ("Neugier als Laster und als Tugend") und vom Ethnologen Karl-Heinz Kohl ("Erstbegegnungen").
Archiv: Merkur

Przekroj (Polen), 11.09.2008

Adam Michnik ist ja nicht gerade als Fan der Kaczynski-Brüder bekannt. Doch jetzt überraschte er mit der Aussage, dass der polnische Präsident sich in der Georgienkrise nicht nur richtig verhalten hat, ja - er habe Michnik mit Stolz erfüllt. Im Gespräch mit seinem einstigen Zögling Piotr Najsztub in "Przekroj" spricht er sich jedoch gegen eine Konfrontation mit Moskau aus: "Die Demokratie in Russland als Zukunftsprojekt aufzugeben ist schädlich und dumm. Genau so, wie die Sprache des kalten Krieges wieder zu benutzen. Vielleicht geht Russland in die Richtung, und wird uns diese Sprache aufzwingen, aber wir sollten es nicht tun. Putin ist nicht Stalin, er ist ein KGB-Unterleutnant, der für viele Russen als effektiv gilt. Man muss wissen, mit wem man redet, aber man muss reden".

Einige Sonderseiten sind dem Thema Ökologie im Alltag gewidmet. Neben Anleitungen zum "ethischen Leben" des britischen Journalisten Leo Hickman und der energiepolitischen Ernüchterung von Piotr Stanislawski - an Atomstrom führt mittelfristig in Polen kein Weg vorbei - kann man online nachlesen, wie sich Arkadiusz Bartosiak auf die Suche nach "organischer Baumwolle" gemacht hat. Und auch hier die ernüchternde Bilanz: wenn man sich etwas Mühe macht, kann man, insbesondere in den Filialen der großen internationalen Bekleidungskonzernen, entsprechende Produkte finden. Nur: in Polen fragt noch kaum jemand danach.
Archiv: Przekroj
Stichwörter: Adam Michnik, Stalin

The Nation (USA), 29.09.2008

D.D. Guttenplan bespricht zwei Neuerscheinungen zum Thema Comic - David Hajdus Geschichte der konservativen Comic-Abwehr "The Ten-Cent Plague" und Douglas Wolks Untersuchung "Reading Comics". Beide Bücher haben für Guttenplan ihre Stärken und Schwächen, das eigentlich interessante, findet er, ist aber die Allgegenwart der Comics in der Gegenwart: "Neu ist das Ausmaß, indem der Kosmos des Comic heute unsere Welt ist. Früher waren da nur Superman und Lois Lane (oder Batman und Robin) in ihrem DC-Multiversum oder Reed Richards und Sue Storm in ihrem Marvel-Universum. Heute sind Comics überall. Von 'Persepolis' auf der Leinwand zum Fernsehit 'Heroes' ... bis zur 'Superheroes'-Ausstellung im Metropolitan-Museum oder der respektvollen Besprechung einer vierbändigen Sammlung der späten Werke von Jack Kirby in der New York Times - den das Rekord-Einspiel von 'The Dark Knight' nicht zu vergessen. Comics sind damit kein Randphänomen mehr, sondern vielleicht die dominierende kulturelle Form. Millionen Menschen, die nie ein Buch von Raul Hilberg aufschlagen würden, lesen 'Maus' - und manche, deren historische Neugier und moralische Fantasie von Spiegelmans Theater der Grausamkeit angeregt wurde, werden es nach der Lektüre eben doch tun."
Archiv: The Nation

Spectator (UK), 13.09.2008

Tom Parfitt erzählt eine Geschichte aus dem Krieg Russlands in Inguschetien. "Unter den erste-Klasse-Passagieren, die am Nachmittag des 31. August von Moskau kommend auf dem Magas-Flughafen in Inguschetien landeten, saßen zwei grauhaarige Männer in Anzügen. Das Paar vermied jeden Blickkontakt. Einer war Murat Zyazikov, 50, ein früherer KGB-Offizier und jetzt Präsident von Inguschetien, der kleinen muslimischen Republik, die im südlichen Russland an Tschetschenien grenzt. Der andere war Magomed Yevloyev, 36, ein offener Kritiker der brutalen russischen Herrschaft in Inguschetien, Gründer der Webseite ingushetiya.ru und Zyazikovs Nemesis. Die Schicksale des regierenden Bürokraten und des Regierungskritikers, die so eng miteinander verbunden waren, sollten sich jetzt trennen. Als das Flugzeug gelandet war, wurde Zyazikv in einen wartenden Mercedes geschoben und fuhr weg. Yevloyev währenddessen wurde von einem Team bewaffneter Polizisten erwartet. Sie zwängten den Protestierenden in einen Wagen und fuhren davon. 20 Minuten später hatten man Yevloyev in die Schläfe geschossen. Sein fast lebloser Körper wurde vor ein Krankenhaus geworfen, wo er Stunden später starb. Beamte in Moskau und Inguschetiens Polizei behaupten, Yevloyevs Tod sei auf einen Schuss zurückzuführen, der sich versehentlich gelöst habe, als versehentlich ausgelösten Schuss zurückzuführen, als Yevloyev nach der Waffe eines Offiziers gegriffen habe. Aber in Inguschetien sind zu viele unbewaffnete Menschen wegen 'bewaffnetem Widerstand' gestorben, um das noch glauben zu können."

Clemency Burton-Hill porträtiert den amerikanischen Dramatiker Christopher Shinn, dessen Stücke, in denen es ausnahmslos um die USA geht, meist in London zuerst gespielt werden. Shinns neuster Streich "Now Or Later" handelt von der Präsidentenwahl. Als der demokratische Kandidat John Rowe, "seine Familie und sein Team sich in einem Hotel versammeln, um die Geschehnisse zu verfolgen, läuft alles zunächst wie geschmiert. Er nimmt Ohio, Florida scheint unausweichlich. 'Vielleicht ist einigen Leuten ja schon zum Feiern zumute', flötet seine Frau. Ein Augenblick perfekter dramaturgischer Ironie. Denn jetzt passiert etwas Unerwartetes. Ein verschwommenes Foto vom Sohn des Kandidaten John junior auf einer Unifeier taucht im Internet auf. Bald gibt es ein Video dazu. In wenigen Augenblicken beginnen die kontroversen Bilder durch die Blogosphäre und das Universum der sozialen Netzwerke zu fliegen, so wie es tatsächlich der Fall sein würde. Im Hotel bricht Panik aus."
Archiv: Spectator

New Republic (USA), 24.09.2008

Auf eine paradoxe Weise ist die Bush-Regierung sogar an den kaltschnäuzigen Reaktionen vieler angeblicher Linksliberaler auf die russische Strafaktion gegen Georgien schuld, findet David Greenberg in der New Republic. Sie verteidigten mit Blick auf Russland einen kruden Machtrealismus, der ihren hehren Prinzipien sonst doch widerspreche. Und so schafft man es auch noch, dieses Versagen auf Bushs Konto zu verbuchen: "In der Vorbereitungszeit des Irak-Kriegs kidnappte die Bush-Regierung das liberale Vokabular von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten. Dann führte sie diese Rhetorik ad absurdum, indem sie der UNO eine Nase drehte, bürgerliche Freiheiten daheim einschränkte und Verdächtigte folterte. Aus Scham angesichts dieser Taten im Namen ihrer Grundwerte wandten sich die Liberalen nicht nur gegen Bush sondern gegen diese Grundwerte selbst. Sie überließen sie den Neocons und entfernten sich so weit sie konnten von jedem außenpolitischen Idealismus."
Archiv: New Republic
Stichwörter: Georgien, Irak, UNO