Magazinrundschau

Postmodern mit Herzschlag

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
09.09.2008. Der New Yorker erzählt die Geschichte eines Helden, des Polizisten James Zadroga. In El Pais Semana sucht Javier Cercas das Glück. Der Figaro erklärt den Unterschied zwischen Snob und Dandy. Nepsabadsag staunt, wie serbische Nationalisten mit der Zeit gehen. Die Blätter für deutsche und internationale Politik erklären den ready-made-war im Kaukasus. In der Gazeta Wyborcza bewundert Ivan Krastev die sanfte Kraft des Papiertigers. Przekroj hütet das Geheimnis der Westerplatte. Die London Review of Books widmet sich der Malaise der Parteipolitik. Der Spiegel bespricht schon den Geheimfilm "Der Baader Meinhof Komplex". Und in L'Espresso fordert Umberto Eco neue Gesetze zur Benennung von Straßen.

New Yorker (USA), 08.09.2008

Der Polizist James Zadroga gilt als erstes Opfer, das - 2006 - an den Nachwirkungen der 9/11-Aufräumarbeiten gestorben ist. Eine erste Autopsie kam zum Ergebnis, dass die Giftstoffe in der Luft seine Lunge zerstört haben. Massive Zweifel an der Version kamen auf, als der Chefpathologe von New York zum Schluss gelangte, dass die Schäden durch Medikamentenmissbrauch verursacht wurden. Minutiös und sehr spannend erzählt Jennifer Kahn Zadrogas Geschichte, wägt Für und Wider, ohne zu einem ganz eindeutigen Ergebnis zu kommen. Sie meint: "Die Frage, was James Zadroga nun wirklich umgebracht hat, wird von den öffentlich damit befassten Stellen immer widerstrebender beantwortet. Es scheint, als ginge es in der Debatte rund um den Fall inzwischen auch weniger um wissenschaftliche Beweise als um die Gefühle der Öffentlichkeit. So sieht das jedenfalls der Soziologe Brian Monahan, der an einem Buch über 9/11 arbeitet. 'Nach dem 11. September', sagt er, 'tauchten plötzlich all diese perfekten Helden auf, die gegen bin Laden standen, den perfekten Schurken.' Zadroga sei da eine passende Ikone gewesen: jung, der erste, der starb, ein Vater. Sich mit einem Helden zu identifizieren', fügt Monahan hinzu, 'ist eine bequeme Weise, ein kompliziertes Ereignis zu verarbeiten und einen Standpunkt zu gewinnen, an dem nicht zu rütteln ist.'"

Weitere Artikel: Anlässlich einer Ausgabe seiner gesammelten Schriften schreibt Claudia Roth Pierpont ausführlich über Leben und Werk des Niccolo Macchiavelli. David Denby bespricht in seiner Kino-Kolumne den kurz nach seiner Uraufführung in Venedig schon in den USA anlaufenden Coen-Film "Burn After Reading" und die Hurrikan-Katrina-Doku "Trouble the Water". Musikkritiker Sasha Frere-Jones schildert, was man heute so alles mit Laptops auf der Bühne anstellen kann.
Archiv: New Yorker

London Review of Books (UK), 11.09.2008

In einer sehr politischen Ausgabe sinniert Ross McKibbin über die Gründe für den Niedergang von New Labour - benennt dabei allerdings nicht zuletzt die Malaise der parteipolitischen Gegenwart überhaupt: Die Politikerin, der Politiker von heute "'weiß, wie Politik funktioniert' - was heißt, dass er oder sie sich mit den Mechanismen der Politik auskennt, nicht unbedingt mit den Ideen. Das hat zur Folge, dass die Mechanismen wichtiger werden als die Ideen und das Kurzfristige wichtiger als das Dauerhafte. Politik ist, was die Daily Mail heute schreibt; langfristige Erwägungen befassen sich damit, was die Daily Mail morgen schreiben könnte. Die entscheidenden Beziehungen sind heute die zwischen Politiker, Journalist und 'Berater'."

Weitere Artikel: In einem außerordentlich umfangreichen und für den, der die Zeit findet, sehr lesenswerten Artikel erklärt der Historiker Perry Anderson so ziemlich alles, was man über die Geschichte der Türkei, den Kemalismus und die Argumente für und gegen einen EU-Beitritt des Landes wissen muss. Tony Wood erläutert die Hintergründe des Südossetien-Kriegs.

Zur Kultur im engeren Sinn: Ein begeistertes Plädoyer hält Jenny Turner für ein Buch, das nicht nur sehr dick, sondern auch radikal modernistisch ist - und obendrein noch keinen Verleger hat: Helen deWitts und Ilya Gridneffs Roman "Your Name Here". Michael Wood hat im Kino James Marshs Dokumentarfilm "Man on Wire" gesehen, in dem es um Philipp Petit geht, der im Jahr 1974 mehrfach auf dem Hochseil zwischen den Türmen des World Trade Center hin- und herlief. John Lanchester wundert sich über das geringe Interesse an neuesten Erkenntnissen zur Beschaffenheit unseres Nachbarplaneten Mars.

El Pais Semanal (Spanien), 07.09.2008

Der spanische Schriftsteller Javier Cercas macht sich Gedanken über das Glück: "Eine schlechte Angewohnheit der Philosophen ist es, unbedingt interessant sein zu wollen. Altmodisch, wie ich offenkundig bin, glaube ich immer noch, die Philosophie ist nicht dazu da, dem herrschenden Diskurs zu widersprechen, sondern dazu, die Wahrheit zu sagen, und die Wahrheit ist nicht immer interessant. Zu sagen, dass alle Menschen nach Glück streben, ist langweilig und wenig originell, das sagen die Philosophen mindestens seit Aristoteles, es stimmt aber, was kein geringer Vorteil ist. Origineller ist natürlich, wie etwa der Philosoph Boris Groys, Unglück, Krankheit und Alter zu feiern, um sich von der alles beherrschenden Feier der Jugendlichkeit abzusetzen. Der Nachteil ist, dass sich solch ein Unfug unmöglich aufrechterhalten lässt, wenn man ihn mit seiner persönlichen Erfahrung abgleicht: Wie jedermann war ich mit 18 ein furchtloser Prinz, während ich heute mit meinen 46 Jahren bloß noch ein Bettler bin, der, wie Cioran gesagt hat, versucht, seine Ängste in Sarkasmus zu verwandeln."
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Guardian (UK), 06.09.2008

Der Man Booker Preis wird vierzig Jahre alt (hier die diesjährige Longlist), und der Guardian wartet mit einem liebevoll arrangierten Geschenk auf. Aus jedem Jahrgang befragte die Redaktion einen der Juroren nach ihren Erinnerungen. 1970 etwa verpasst Antonia Fraser die Chance, mit einem künftigen Nobelpreisträger zu flirten. "Ich saß in einem Taxi mit meinem Jurykollegen Saul Bellow. Es war eine lange, lange Fahrt von irgendwo in der Stadt. Er war fesch hergerichtet, in einem blassgrünen Seidenanzug, einem blauen Hemd und einer grünen Krawatte mit großen blauen Punkten drauf. Sein silbernes Haar und seine schrägen, großen dunklen Augen ließen ihn so aussehen, als sei er ein Filmstar der Dreißiger, der einen Edelgangster spielt. Plötzlich lehnte er sich vor und fragte mich: 'Hat Ihnen eigentlich schon mal jemand gesagt, dass Sie eine sehr attraktive Frau sind?' Ich überlegte eine passende Antwort, bescheiden aber doch ermutigend. Aber nachdem er gesprochen hatte, schloss der Meister die Augen und schlief offenbar für den Rest der Fahrt."

Der Kalte Krieg wurde auch im Konsumbereich geführt, wie eine Ausstellung im Victoria & Albert Museum in London vorführt. "Cold War Modern: Design 1945-1970" macht Frances Stonor Saunders deutlich, welche Schlachten mit Autos, Kleidern und in der Küche geschlagen wurden. "Zum Schauplatz des ideologischen Konflikts wurde die Küche in der 'Küchendebatte' zwischen dem US-Vizepräsidenten Nixon und dem sowjetischen Premier Chruschtschow während der Amerikanischen Nationalschau 1959 in Moskau. Der Schlagabtausch - vor einer zitronengelben Küche von General Electric - ist nach wie vor einer der ikonischen Momente des Kalten Kriegs. 'Wäre es nicht besser 'wir würden uns an der Güte unserer Waschmaschinen messen und nicht an der Stärke unserer Raketen? Ist das die Art von Wettbewerb, die sie wollen?', forderte Nixon Chruschtschow heraus. 'Wir haben so was auch', prahlte Chruschtschow, wobei er vergaß zu erwähnen, dass das bei weitem nicht für alle galt."
Archiv: Guardian

Figaro (Frankreich), 04.09.2008

Ghislein de Diesbach bespricht ein Buch des Autors und Rechtsprofessors Frederic Rouvillois, der neben zahlreichen juristischen und politischen Büchern 2006 bereits eine Kulturgeschichte der Höflichkeit verfasste, und nun eine "Geschichte des Snobismus" vorlegt. Augenmerk richtet der Autor dabei auch auf den Anti-Snobismus, der im Allgemeinen noch schlimmer ausfallen könnte als der Snobismus, gegen den er sich richtet. Interessant ist Rouvillois' Unterscheidung von Snob und Dandy, die landläufig gern miteinander gleichgesetzt würden, die man aber nicht verwechseln sollte: "Der Dandy passt Gruppe und Gesellschaft gerne seiner Person an, während der Snob seine tatsächliche Persönlichkeit, seine wahren Wünsche und Geschmäcker ohne Bedauern der Gruppe opfert, der anzugehören er erträumt. Kurz gesagt, auch wenn beide ihrem Erscheinungsbild die gleiche Bedeutung beimessen, strebt der Dandy danach, vor anderen in Erscheinung zu treten, dem Snob dagegen geht es nur darum, überhaupt in Erscheinung zu treten."
Archiv: Figaro
Stichwörter: Dandy

Spiegel (Deutschland), 08.09.2008

Manches Erstaunliche im Spiegel dieser Woche. Zum einen war das Magazin - wie dem Artikel "Das Wagnis" zu entnehmen ist - in die Entscheidungsfindung zu Frank-Walter Steinmeiers Kanzlerkandidatur offenbar früher eingeweiht als beispielsweise Fraktionschef Peter Struck.

Aber auch die Baader-Meinhof-Titelgeschichte birgt manche Überraschung. Etwa die, dass der in gewaltigem Unfrieden gegangen wordene Ex-Chef Stefan Aust jetzt wieder für den Spiegel schreibt, als wäre nichts gewesen - nämlich gemeinsam mit Helmar Büchel über Abhöraktionen in Stammheim. Dirk Kurbjuweits Titelgeschichte selbst wiederum bestätigt die schlimmsten Befürchtungen über die Machenschaften der Firma Constantin, die den Film "Der Baader Meinhof Komplex" produzierte. Vor einigen Wochen hatte sie den exklusiv eingeladenen Kritikern einer Vorabaufführung jedes Interview zum, jede Äußerung über den Film vor dem 12. bzw. 17. September bei einer Strafe von 100.000 Euro untersagt (hier die Meldung der SZ) - mit dem nachgereichten Argument, es solle da niemand bevorzugt werden. Kurbjuweit freilich berichtet nun nicht nur von den Dreharbeiten und Gesprächen mit den Beteiligten, sondern schreibt ganz fröhlich - und natürlich positiv - auch über den Film selbst, unter anderem dies: "Ein Kino in Hamburg, der Film beginnt. Er beginnt am Strand von Sylt, Ulrike Meinhof macht Urlaub mit ihrer Familie. In den folgenden Minuten wird Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen, und Rudi Dutschke wird von einem rechtsradikalen Spinner angeschossen, und man kennt das alles. Noch zwei Stunden. Aber dann passiert etwas mit diesem Film, und am Ende stellt sich das Gefühl ein, dass es ein Gewinn war, ihn gesehen zu haben, nicht nur wegen der großartigen Darsteller."
Archiv: Spiegel

Nepszabadsag (Ungarn), 06.09.2008

Den süd- und ostserbischen Dörfer laufen die Frauen davon. Der Staatssekretär im serbischen Sozialministerium Zeljko Vasiljevic hat daher den "Import" von etwa 100.000 Frauen aus christlich-orthodoxen Ländern befürwortet - oder buddhistischen, da "der Buddhismus eine ähnlich sanftmütige Religion sei wie die Orthodoxie". Nicht mehr die Hautfarbe sei in dieser dramatischen Situation von Bedeutung, sondern dass so viele serbische Kinder wie möglich zur Welt kämen. Der in der serbischen Vojvodina lebende ungarische Schriftsteller Laszlo Vegel staunt: "Vor zehn Jahren hätte man die Äußerung von Vasiljevic wahrscheinlich nicht wegen ihrer Frauenfeindlichkeit, sondern wegen Vergehens an der Nation kritisiert. Denn: Wie kann man einen Vorschlag machen, der die Reinheit der nationalen Identität in Frage stellt? Aus dem aktuellen Vorstoß für die Rettung der Nation wird aber deutlich, dass sich die Welt doch verändert, auch der Nationalismus ist nicht mehr der alte. Die klassische Zwickmühle: Untergang der Nation oder Multikulti?"
Archiv: Nepszabadsag

Przekroj (Polen), 04.09.2008

Große Aufregung herrscht in Polen über das Kriegsdrama "Das Geheimnis der Westerplatte", das die polnischen Verteidiger nicht als reine Helden, sondern als normale Soldaten mit Hang zu Alkohol und Frauen darstellen will. Das Polnische Filminstitut hat entschieden, die Finanzierung auszusetzen und weitere Gutachten von Historikern abzuwarten, schreibt Igor Ryciak. "Es ist der erste Fall nach 1989, wo Politiker sich so offen eingemischt haben. Es schien, als seien die Zeiten, als Parteiaktivisten und Zensoren über die Realisierung von Drehbüchern entschieden haben, schon längst vorbei. Nein - es ist noch schlimmer. Im Sozialismus haben die Zensoren wenigstens gelesen, was ihnen vorgelegt wurde. Die Kakophonie um den Film über die Verteidigung des polnischen Armeepostens erlaubt es kaum, Wahrheit und Gerücht auseinander zu halten".

Im Windschatten der Kaukasuskrise hat sich "die letzte Diktatur Europas", Weißrussland, zu öffnen begonnen. Kaum wurden politische Gefangene freigelassen, kündigte die EU neue Verhandlungen mit Alexander Lukaschenkos Regime an. Aber von wegen Tauwetter!, schreibt dazu Joanna Wozniczko-Czeczott. Lukaschenko hat einfach nur einen neuen PR-Berater angeheuert: Timothy Bell, der nach eigener Aussage bereits im Falle Margaret Thatchers "aus einer Hausfrau einen Staatsmann" gemacht hat. "Hinter unserer Ostgrenze findet also ein Spektakel statt. In Wirklichkeit geht es natürlich nur ums Geld: westliche Investitionen, westliche Kredite, und eine besser Verhandlungsposition gegenüber Russland, wenn nächstes Mal der Gaspreis neu bestimmt wird".
Archiv: Przekroj
Stichwörter: Alkohol, Geld, Weißrussland

Blätter f. dt. u. int. Politik (Deutschland), 01.09.2008

Kaukasus-Experte Uwe Halbach stellt klar, dass es in Georgien nicht um amerikanische Interessen geht: "Mag die US-Unterstützung für das kleine Georgien sowohl materiell als auch moralisch beträchtlich gewesen sein, der Brennpunkt einer Ost-West-Auseinandersetzung war der Kaukasus bisher nicht. Für die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik gibt es andere Prioritäten und Baustellen, die ihre Kraft voll in Anspruch nehmen.? Ihn sorgen vielmehr Russlands Strafmaßnahmen in sezessionistischen Territorien. "In der von massiver Kriegspropaganda benebelten Öffentlichkeit Russlands denkt kaum noch jemand daran, eine Verbindung zu dem russischen Sezessionsfall Tschetschenien herzustellen. War da nicht was? Kaum noch, der tschetschenische Separatismus wurde effektiv zerbombt und seine Bekämpfung sodann relativ erfolgreich dem Kadyrow-Klan überantwortet."

William Pfaff kommentiert die Kette an Anschuldigungen und Komplikationen, die sich in Folge des absehbaren "ready-made-war" im Kaukasus abzeichnen. Genau wie die Ukraine könne auch Georgien kaum auf eine Inschutznahme durch die NATO oder Nordamerika bei der Lösung ihrer Konflikte hoffen, ohne zum Spielball globaler Meinungskämpfe zu werden. "In beiden Fällen handelt es sich um ethnisch und kulturell gespaltene Nationen, deren ganze Geschichte der Kampf zwischen ihren Bestandteilen oder innerhalb derselben durchzieht."

Im Print: Volker Perthes analysiert den Konflikt um das iranische Atomprogramm. Heribert Prantl rollt die aktuelle Debatte um Überwachung, Abhörgesetze und Datenschutz auf. Die Finanzkrise auf dem Immobilienmarkt nimmt Wirtschaftswissenschaftler James K. Galbraith zum Anlass, eine Kritik am Monetarismus darzulegen und auf die intellektuelle Überlegenheit des Keynesianismus hinzuweisen (englische Originalversion hier).

Economist (UK), 05.09.2008

In einem Technik-Sonderteil ist unter anderem zu erfahren, dass die Internetnutzung über Mobiltelefone in China und vielen Ländern Afrikas enorme Zuwachsraten verzeichnet, ja, dass das Internet in vielen Entwicklungsregionen der Welt eine Sache mobiler Zugänge ist und erst recht werden wird: "In diesem Jahr hat China die USA als das Land mit den meisten Internetnutzern überholt - es sind im Moment mehr als 250 Millionen. Und China hat auch rund 600 Millionen Handy-Benutzer, mehr als jedes andere Land der Welt - so dass das Potenzial für das mobile Internet riesig ist. Firmen, die ihren Ruf darauf stützen, an der vordersten technischen Front zu sein, haben das begriffen. Im letzten Jahr hat Lee Kai-fu, der Google-Chef für China, angekündigt, dass Google seine Produkte umbauen werde, um einem Markt gerecht zu werden, in dem 'die meisten Nutzer von mobilen Internet-Zugängen gar keinen PC mehr haben werden'."

Besprochen werden unter anderem ein Buch von Ronen Bergman über Israels seit dreißig Jahren andauernden "Geheimen Krieg gegen den Iran" und der Versuch des MIT-Physikers und Nobelpreisträgers Frank Wilczek, in einem Band mit dem schönen Titel "Die Leichtigkeit des Seins" zu erklären, dass Materie und Vakuum nicht die Gegensätze sind, für die man sie hielt.
Archiv: Economist

HVG (Ungarn), 08.09.2008

Miklos Haraszti, Leiter der OSZE-Zentrale für Pressefreiheit, spricht im Interview mit Zsuzsa Földvari über die Frage, wie weit die Pressefreiheit geht: "Überall in Osteuropa ist der öffentliche Umgangston rauher geworden, dem gegenüber die Grenzen der Pressefreiheit klar abgesteckt werden müssen. Meiner Ansicht nach reichen die diesbezüglichen Gesetze in Ungarn aus, da hetzerische Rede, die zu Gewalt, Diskriminierung und Rechtsbruch anstiftet, als Straftat gilt. Was es also braucht, ist nicht die Verschärfung der bestehenden Gesetze hinsichtlich der Medien, sondern die Durchsetzung dieser Gesetze durch Staatsanwälte und Richter. Der Mut der ungarischen Richter wird aber nicht größer werden, solange die stärksten Kräfte im Parlament nicht in der Lage sind, extreme Meinungsäußerungen gemeinsam zu verurteilen. Solange können nämlich Staatsanwälte und Richter den Eindruck haben, dass die Bestrafung der Hetzrede ihrerseits eine politische Tat wäre."
Archiv: HVG

Gazeta Wyborcza (Polen), 06.09.2008

"Amerikaner sind vom Mars, aber Russen auch. Die Angst, als Schwächlinge zu erscheinen, dominiert den Umgang beider Seiten in der Kaukasuskrise. Die harte Rivalität der früheren Supermächte des Kalten Krieges wird zur banalen Konfrontation", schreibt der bulgarische Politologe Ivan Krastev. Demgegenüber habe der vermeintliche Papiertiger Europa seine "soft power" richtig eingesetzt: "Kaufen Sie doch mal einen aktuellen Kinderfilm, zum Beispiel 'Shrek III', und lassen Sie sich davon überzeugen, dass in der heutigen Welt Papiertiger effektiver sind als richtige Tiger, oder gar böse Bären. Papiertiger sind freundlich, clever und haben weder Minder- noch Höherwertigkeitskomplexe. In der postmodernen Populärkultur sind sie es, die zu Helden werden, die Prinzessin retten, und zu Königen aufsteigen."

In einen Eklat mündete das Filmprojekt über die Verteidigung der Westerplatte durch polnische Soldaten im September 1939. Nachdem anstößige Szenen bekannt geworden waren, zog das Kulturministerium die Fördermittel zurück. Roman Pawlowski sieht den Fehler im System der öffentlichen Filmfinanzierung: "Die Mobilisierung der Branche und die Ankündigung großzügiger öffentlicher Förderung haben dem historischen Kino bisher nicht zum Durchbruch verholfen. Statt guter Filme haben wir jetzt eine Diskussion, ob die Soldaten Heiligenbilder oder Nacktfotos in der Uniform trugen. Trotz aller Stasi-Diskussionen entstand kein Film, der dem deutschen 'Das Leben der Anderen' nahe käme... Nach dem neuerlichen Streit wird sich jeder Drehbuchschreiber fünf Mal überlegen, bevor er eine Szene schreibt, die auch nur einen Millimeter vom traditionellen Geschichtsbild abweicht", so Pawlowski."

Außerdem wird daran erinnert, wie sich Ryszard Siwiec vor vierzig Jahren im Protest gegen die Invasion in die Tschechoslowakei vor 100.000 Menschen und laufenden Kameras im Warschauer 10-Jahres-Stadion verbrannte.

Literaturen (Deutschland), 01.09.2008

Die Buchmesse wirft bereits ihre Schatten voraus, Literaturen verlegt seinen Schwerpunkt auf das Gastland Türkei. Für den Aufmacher hat Frauke Meyer-Gosau - ausgerechnet - den deutschen Autor Feridun Zaimoglu in Ankara besucht. Neben einer Schreibmaschine statt einem PC fand die Besucherin einen Haufen Gartenzwerge in der Zweitwohnung des Schriftstellers, der die Verschiedenheit seiner 3000 Kilometer voneinander entfernten Wohnsitze Kiel und Ankara schätzt: "Schauplatz hedonistischer Zerstreuungen wie Hort familienmythologischer Stoffe ist das Herkunftsland, Deutschland das von Ablenkungen weitgehend unbehelligte Arbeits-Gebiet."

Leider nicht online ist das Gespräch, das Meyer-Gosau mit dem türkischen Verlagslektor und Übersetzer Tanil Bora führte. Man erfährt darin, welche Klischees über die aktuelle türkische Literatur herrschen, warum die politische Literatur in der Türkei größtenteils schlecht ist und was sich Bora von der Frankfurter Buchmesse verspricht. Sigrid Löfflers Reise durchs literarische Istanbul ist ebenso wie die Besprechung neuer Romane von Zülfü Livaneli, Murathan Mungan und Oya Baydar nur in der Printausgabe nachzulesen.

Weitere Artikel: Franz Schuh versucht sich in seiner Krimi-Kolumne an einem angemessenen Nachruf auf Janwillem van de Wetering, Helmut Böttiger lobt an Uwe Timms Roman "Halbschatten" die Ästhetik des Nachhorchens, mit der er die Fliegerin Marga von Etzdorf als Produkt und Opfer der deutschen Kriegsgeschichte zeigt. Erst mit Unterstützung von Francois Rabelais versteht Dieter Thomä Thomas Pynchons karnevalesken Roman "Gegen den Tag" und Sibylle Berg versöhnt sich mit dem lange als Großeltern-Urlaubsort gemiedenen Tessin. Außerdem bespricht Manuela Reichart Bücher über Romy Schneider, die am 28. September 70 geworden wäre.
Archiv: Literaturen

Spectator (UK), 05.09.2008

"The Shack" ist ein Bestseller, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Dreißig Verlage lehnten den von spirituellen Fragen durchzogenen Roman ab, deshalb veröffentlichte ihn William Paul Young im Eigenverlag und bewarb es mit einer selbstgebastelten Website. Zwei Millionen verkaufte Exemplare später fragt sich Mary Wakefield, was hier passiert. "Natürlich haben die USA einen bodenlosen Appetit nach spiritueller Selbsthilfe. Je zuckriger desto besser. Aber auch wenn Paul nicht gerade C.S. Lewis ist, und sein Prosastil manchmal recht schwächlich daherkommt, ist sein Buch doch erstaunlich wirksam. Und auch wenn 'The Shack' eines dieser Gottesbücher, ist es gleichzeitig recht seltsam. Es ist kein Standardmist. Wie sich herausstellt, ist der Allmächtige eine fette schwarze Lady namens 'Papa'. ('Mich Dir als weißer Großvater mit wallendem Bart zu offenbaren würde nur Deine Vorurteile bestätigen', sagt Sie). Jesus ist klein und hässlich und der Heilige Geist ist ein Chinese. Allerdings ist William P. Young, auch wenn er so amerikanisch wie nur sonst etwas lebt, kein gewöhnlicher Mann. 'Ich bin das Kind eines Missionars', sagt er. 'Ich bin in den Hochebenen von Neuguinea aufgewachsen, beim Stamm der Dani. Christen und Kannibalen - diese Kombination kann einen ganz schön verhunzen.'"
Archiv: Spectator

Times Literary Supplement (UK), 06.09.2008

Paul Auster kann auch Spaß machen! Stephen Abell ist erst überrascht, wie flockig sich der neue Roman "Man in the Dark" liest und genießt es dann in vollen Zügen "Postmodern mit Herzschlag", schwärmt er: "Die Hauptgeschichte dreht sich um Owen Brick, der eines Morgens erwacht und feststellt, dass er sich in einem parallelen Amerika befindet, in dem die Wahl des Jahres 2000 zur Teilung und zur Gründung der Unabhängigen Staaten von Amerika geführt hat, die jetzt mit den restlichen Vereinigten Staate Krieg führen. Ihm wird gesagt, dass er den Krieg beenden muss, indem er den Mann umbringt, der ihn verursacht hat. Vielleicht nicht überraschend heißt dieser Mann August Brill, der im 'anderen Amerika' lebt. 'Alles was passiert oder passieren wird befindet sich in seinem Kopf. Eliminiert man diesen Kopf, dann hört der Krieg auf. So einfach ist das.'"

Weiteres: Germaine de Stael and Benjamin Constant kamen intellektuell besser miteinander aus als in romantischer Hinsicht, erfährt Biancamaria Fontana aus Renee Winegardens großer Doppelbiografie der beiden Geistesgrößen. Und Paula Marantz Cohen begutachtet gleich drei neue Hitchcock-Biografien.
Stichwörter: Paul Auster

Espresso (Italien), 05.09.2008

Umberto Eco hat genug von der alljährlichen Diskussion, ob man nicht einmal wieder eine Straße nach Mussolini benennen könnte oder nach Bettino Craxi. Eco sind beide ein Gräuel, und er fordert ein Gesetz, dass als Namenspatron für Straßen und Plätze nur Personen herangezogen werden dürfen, die schon mehr als hundert Jahre tot sind. Nach hundert Jahren wisse sowieso keiner mehr, was los war. Außerdem "ist die Benennung einer Straße nach jemandem oft der einfachste Weg, ihn dem öffentlichen Vergessen und einer quirligen Anonymität anheimfallen zu lassen. Abgesehen von einigen seltenen Fällen wie Garibaldi oder Cavour weiß doch keiner, wer die Leute waren, nach denen die Straßen und Plätze heißen - und wenn sich mal einer erinnert, dann ist aus einer Person im öffentlichen Gedächtnis eine Straße geworden, und das war es dann."
Archiv: Espresso
Stichwörter: Anonymität, Umberto Eco