Magazinrundschau

Unsere Frauen sind einfach dumm

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.02.2008. Exzellente Ausbeute diese Woche! Nigerianische Frauen gehören bestraft, denn sie denken nur an Öl, erfährt The Atlantic. In Elet es Irodalom feiert Peter Esterhazy den Maler Istvan Nadler in Fellbach. Nepszabadsag staunt: Fast hätte Jan T. Gross gegen das Türkentum der Polen verstoßen. Der Kolumbianer Hector Abad Faciolince erblickt in der Schweiz den Konservatismus mit menschlichem Antlitz. Barack Obama ist der neue Othello, behauptet der Spectator. Das Prekariat ist die heutige Arbeiterklasse, verkündet Telerama. Al Ahram stellt einen Schönheitssalon für verschleierte Frauen vor. Denis Johnson bekommt in Irakisch-Kurdistan Geschenke für Amerika.

Atlantic (USA), 01.03.2008

Eliza Griswold erzählt die große Geschichte von Öl und Religion - und zwar aus Nigeria. Hier liegen die zehntgrößten Ölreserven der Welt und die Frontlinie zwischen Islam und evangelikalen Christen. In der Stadt Yelwa kam es bei den letzten Wahlen zu einem Massaker mit 78 Toten. "Danach gaben die Christen ein Edikt heraus, dass christlichen Mädchen verbot, sich mit einem muslimischen Jungen sehen zu lassen. 'Wir hatten ein Problem mit gemischten Ehen', sagt Pastor Sunday Wuyep, ein Kirchenführer in Yelwa. 'Weil unsere Frauen ganz einfach dumm sind und auf Geld aus sind', seufzt er. Die Ökonomie begründet im Kern die Feindschaft zwischen den beiden Gruppen: als Händler und Hirten waren die muslimischen Jarawa viel wohlhabender als die christlichen Tarok und Goemai. Aber Pastor Sunday glaubt wie viele andere auch, dass die Muslime die Christen auslöschen wollen, indem sie sie über die Heirat konvertieren lassen. 'Es ist ein biblischer Kampf', sagt Sunday. Und deshalb haben er und andere Altvorderen beschlossen, die Frauen zu bestrafen."

Weiteres: Alan Wolfe gibt einen sehr instruktiven Abriss der Religion in der Weltgeschichte: "Jeder neue Ausbruch religiöser Leidenschaft, hat, während er einige für Offenbarung und Ekstase bedeutete, etablierte Loyalitäten zerstört, Intoleranz gefördert und zu Gewalt zwischen den Auserwählten und Verdammten geführt." James Fallows berichtet, dass China während der Olympisches Spiele seine Internetzensur lockern will, so dass ausländische Besucher nicht mitbekommen, was eigentlich alles verboten oder blockiert ist. Und Christopher B. Leinberger sagt eine Rückkehr zum urbanen Leben in den USA und den Niedergang von Surburbia voraus.
Archiv: Atlantic

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.02.2008

Fahren Sie nicht nach Berlin, fahren Sie nach Fellbach bei Stuttgart. In der dortigen Stadtgalerie wird nämlich gerade eine Ausstellung des Malers Istvan Nadler gezeigt, wirbt der Schriftsteller Peter Esterhazy. "Nadler stellt Fragen, die auch die Fragen der Literatur, auch meine Fragen sind. Wie können wir von der Beobachtung unser selbst zur Erkenntnis der von uns unabhängigen Wirklichkeit gelangen? Und nun: was ist die Wirklichkeit? Wenn es stimmt, dass wir nur das zu sehen imstande sind, was wir auch verbildlichen können, was sehen wir dann? Das Abstract von etwas, um mich missverständlich auszudrücken. Wir neigen dazu, zu vergessen, dass das abstrakte Bild nicht nur nonfigurativ ist, sondern dass auch das Objekt des (per definitionem ohnehin abstrakten) Denkens, das sich hinter diesem Bild verbirgt, abstrakt ist. Dieses Denken stimmt mit der persönlichen Meinung des Künstlers nicht überein. In dieser Hinsicht sind bildende Künstler interessanter als Schriftsteller, weil letztere, da das Wort ihr Metier ist, sich besser verbergen können, und natürlich (im Prinzip) wissen, was sich gehört und was nicht, vielmehr noch, was sich gerade jetzt gehört und was nicht. Demgegenüber sind bildende Künstler unschuldig, und das ist an sich schon enorm."

Vor einem Jahr hat Jean-Pierre Frommer, Mitarbeiter im französischen Umweltministerium und Veranstalter der Les Mardis hongrois de Paris eine europaweite Unterschriftenaktion für die Erhaltung des jüdischen Viertels von Budapest gestartet. Im Interview mit Julia Cserba zeigt er sich überrascht, dass sein "offener Brief in der ungarischen Presse auch antisemitische Reaktionen hervorgerufen hat. Dabei sind die Hausmauern nicht jüdisch, vielleicht waren es nicht mal ihre Architekten, in dem Viertel wohnen viele Leute anderer Konfession. Die Ungarn müssen verstehen, dass dies keine jüdische Angelegenheit ist, sondern eine Angelegenheit Budapests, des ganzen Landes. Hier steht das Schicksal eines gemeinschaftlichen Wertes auf dem Spiel, der in Europa beinahe einmalig ist. Vielleicht trägt auch die Bezeichnung 'jüdisches Viertel' dazu bei, dass jene, die nicht dort leben, glauben, es gehe sie nichts an. Viele mag es sogar stören, und sie würden sich freuen, wenn es spurlos verschwände. Daran dachte ich, als ich erfuhr, dass der letzte Rest der einstigen Ghettomauer abgerissen und ihre Ziegel verkauft wurden. In Berlin hat man an mehreren Stellen die Mauer erhalten, obwohl auch sie an eine nicht gerade ruhmreiche Epoche erinnert."
Stichwörter: Peter Esterhazy

Polityka (Polen), 23.02.2008

Edwin Bendyk fragt 160 Jahre nach der Entstehung des "Kommunistischen Manifests", warum sich der Text im Westen weiterhin solcher Popularität erfreut. "Als Theoretiker der Revolution hat sich Marx schlecht bewährt, aber er bleibt ein brillanter Forscher des Kapitalismus. In seinem Denken fehlt allerdings der entscheidende Hinweis, dass sich dieser von seiner Kritik nährt, sie zu seinem Antrieb macht. So hat der Kapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts die Slogans der großen Revolte von 1968 - Persönlichkeitsentfaltung und Individualismus - als Argument für größere Flexibilität der Märkte und Abbau der Sozialsysteme genützt." Für Bendyk muss "das Manifest heute wie eine griechische Tragödie gelesen werden: kein Marx ohne Schalamow; aber Schalamow macht die Fragen, die uns Marx heute stellt, nicht irrelevant. Diese Tragödie hat kein Ende, keine Katharsis, sie ist eine doppelte Frage ohne Antwort."

"Dissidenten in Amerika?", fragt Daniel Passent nach der Lektüre von Artur Domoslawskis Interviewband "Ameryka zbuntowana" (Rebellisches Amerika). "Das stabile demokratische System Amerikas schaukelt sanft von der demokratischen zu republikanischen Seite und zurück. Tief unter dem Deck, in engen aber bequemen, mit Büchern vollgestellten Kajüten, hat das System unzufriedene, eierköpfige Passagiere eingeschifft, die den Kurs des Kreuzers 'USA' ändern wollen. Niemand verfolgt sie, sie dürfen schreiben, lesen und diskutieren so viel sie wollen. Der Kreuzer fährt weiter". Die Gespräche Domoslawskis mit Noam Chomsky, Richard Rorty, Howard Zinn, Loic Wacquant, Tony Judt u.a. seien eine "Pflichtlektüre" für alle an Amerika Interessierten, so Passent. Aber etwas weniger Demut vor den Dissidenten hätte dem Band gut getan.
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Archiv: Polityka

Weltwoche (Schweiz), 25.02.2008

In der Schweiz und in Liechtenstein ist Steuerhinterziehung keine Straftat, sondern eine Art Ordnungswidrigkeit, informiert uns Ralph Pöhner, der überhaupt kein Verständnis dafür hat, wie in Deutschland mit "Fahnderkolonnen" gegen Steuersünder vorgegangen wird. "Wenig Verständnis gibt es indes dafür, dass andere Nationen ein anderes Verhältnis von Untertan und Obrigkeit (respektive Bürger und Staat) pflegen - und dass sich dieses Verhältnis zwangsläufig im Steuerrecht niederschlägt: Liechtenstein oder die Schweiz gewichten die Diskretion und die Privatsphäre des Individuums höher als das Interesse des Staates an steuerlicher Vollabschöpfung; sie erachten eine Hinterziehung als minder schweres Vergehen; und sie setzen mehr Vertrauen in ihre Steuerzahler. Steuergeld ist hier nicht a priori ein Gut des Staates, vielmehr eine Gabe der Bürger."

Weitere Artikel: Peter Holenstein nimmt die "Schwindelgrotte von Lourdes" auseinander. Und Hanspeter Born stellt den wenig sympathischen Dr. Gachet vor, der erst unfähig war, Vincent van Gogh nach seinem Bauchschuss zu retten, dann 13 Bilder einsackte und schließlich auch noch einige davon kopieren ließ.
Archiv: Weltwoche

Nepszabadsag (Ungarn), 23.02.2008

"Polen hat es gerade noch vermieden, in einem Atemzug mit der Türkei genannt zu werden", kommentiert der Journalist Gabor Miklos die Entscheidung der Krakauer Staatsanwaltschaft vom 11. Februar, doch keine Anklage wegen Schmähung des Polentums gegen den polnisch-amerikanischen Historiker Jan T. Gross zu erheben. Gross hat in seinem Buch "Fear" den Antisemitismus der Polen nach Auschwitz beschrieben, was in Polen nicht gut aufgenommen wurde. Gabor Miklos hofft nun auf eine positive Entwicklung: "Von meinen Freunden höre ich, das Buch werde sogar in Einkaufszentren verkauft, gleich neben der Kasse. Die Menschen interessieren sich auch für die dunklen Seiten ihrer Geschichte. Wer weiß, wohin sie das führt... Was die Nationalkatholiken mit den Kommunisten vereinte, war der Mythos der nationalen Schuldlosigkeit. Deutschland betrat 1968, vor 40 Jahren den Weg der nationalen Selbstprüfung. Mit der Wende in Mittelosteuropa wurden auch die mörderischen Mythen von einst zum Leben erweckt. Deshalb ist das Buch von Jan Tomasz Gross für viele so unangenehm. Sie haben Angst. Sie haben Angst vor den Gespenstern und vor der Geschichte. Sie haben Angst vor dem Verlust der falschen Mythen nationaler Vollkommenheit."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Jan T. Gross, Krakau

Gazeta Wyborcza (Polen), 23.02.2008

Von den politischen Problemen des Kulturzentrums "Kronika" in Bytom (Beuthen) berichtet Aleksandra Klich. Der Leiter Sebastian Cichocki, ein international renommierter Kunstkurator wurde von konservativen Kreisen in der oberschlesischen Stadt beschuldigt, die Kultur des ehemaligen Ostpolens, aus dem viele Nachkriegsbewohner stammen, zu vernachlässigen, den lokalen Kontext zu wenig zu berücksichtigen und zu einseitig die zeitgenössische Kunst zu fördern. Cichocki zieht sich zurück, konstatiert aber: "Hier in der Peripherie existiert ein Potenzial, man sieht manche Dinge besser. Für Künstler aber ist es ein hartes Stück Brot. Denn Bytom hat Angst vor seinen Geistern: vor den ehemaligen jüdischen und deutschen Einwohnern, vor Andersartigen. Solange die Stadt sich damit nicht auseinandersetzt, wird sich nichts ändern".

Telerama (Frankreich), 21.02.2008

In einem ausführlichen Interview spricht der französische Schriftsteller Yves Pages anlässlich des Erscheinens seines achten Buchs ("Le Soi-disant", Verticales) über das Schreiben, seine Verlegertätigkeit, das Intime und das Obszöne und den gesellschaftlichen Stellenwert der Arbeit. "Die Arbeit! Sie ist die einzige wichtige Frage! (...) Wir müssen fragen, wie sich die Arbeit verändert. Meine Generation erlebt eine verrückte Revolution und hat keine Kategorien, um sie zu durchdenken. Der klassische Arbeitnehmer, die ständige Vollzeitbeschäftigung sind abgeschafft. Muss man dem nachtrauern? Ich tue das nicht. Aber wer in prekären Verhältnissen lebt, sollte Rechte haben. Studenten, die Teilzeit arbeiten, sind Arbeiter, die nirgendwo vorkommen. Sie sind voll in den Arbeitsmarkt integriert, aber nicht anerkannt. Politiker und Gewerkschafter tun nichts, verstehen das nicht oder wollen es nicht. Die Leiharbeiter, das Prekariat, sind nicht die Feinde der Arbeiterklasse. Sie sind die heutige Arbeiterklasse."
Archiv: Telerama

Semana (Kolumbien), 23.02.2008

"So schön kann Konservativismus sein", staunt der Kolumbianer Hector Abad Faciolince (s. a. hier) nach einer Reise durch die Schweiz, zu der die Schweizer Regierung eingeladen hatte. "Viele, vor allem Ausländer, betonen stets, wie konservativ die Schweiz doch sei, und das stimmt vielleicht auch, aber dann im besten Sinne des Wortes, denn 'konservativ' bedeutet hier keineswegs das Gleiche wie in Kolumbien - also sexuelle Verdruckstheit, Verteidigung der Privilegien der Großgrundbesitzer, religiöser Fanatismus. Auch wenn der Calvinismus in der Schweiz erfunden wurde, sahen sich die verstocktesten Puritaner dennoch gezwungen, in die Neue Welt auszuwandern - zu unbehaglich fühlten sie sich offenbar angesichts des hier schon so lange herrschenden Klimas religiöser Toleranz. Konservativ sein heißt für einen Schweizer dagegen, eine Reihe von Traditionen verteidigen, die sich seit Jahrhunderten als probates Mittel für die Aufrechterhaltung eines friedlichen Zusammenlebens bewährt haben. Borges hat vorausgesagt, dass vielleicht eines Tages die ganze Welt wie die Schweiz sein werde. Auch wenn wir nicht die Jahrhunderte, sondern die Jahrtausende werden warten müssen, die die Schweizer uns voraus sind: Hoffentlich hat er Recht gehabt."
Archiv: Semana
Stichwörter: Hector Abad, Borgen, Kolumbien

Literaturen (Deutschland), 01.03.2008

Als Markstein in der Geschichte des Comic feiert Jens Balzer Alison Bechdels "Fun Home", in dem sie die Geschichte ihres Coming-Out und der über Jahre verborgenen Homosexualität ihres Vaters erzählt: "Dass sie keine unmittelbare Sprache besitzt, um mit ihrem Vater zu reden - und zu uns, ihren Lesern, über ihn -, das ist Ausdruck der größten Tragödie. Und Grundlage der berührendsten Kunst. In der Reflexion auf die eigenen Mittel bebildert dieser Comic unablässig die eigene Unzulänglichkeit, eine Unzulänglichkeit, die jene des Lebens spiegelt. In der Enthüllung seiner intimsten Geheimnisse weist 'Fun Home' über alles hinaus, was in den Comics bislang gewagt wurde. Dieses Coming-out wird uns lange ein Maßstab sein."

Weitere Artikel: Unwiderstehlich und irgendwann sogar lesenswert findet Franz Schuh die Kombination aus "unsinnigem Sex" und Oxford-Milieu in Tony Strongs Kriminalroman "Katzenzungen". Hingerissen zeigt sich Heinrich Detering vom "Stil gewordenen Widerstand gegen die Versuchung, sich auszuruhen in einer sprachlich geordneten Welt", als den er Peter Handkes Erzählung "Die morawische Nacht" begreift. Der Schriftsteller Nicholas Shakespeare verrät, was er gerade so liest, von "Josefine Mutzenbacher" bis Cormac McCarthy. Besprochen werden außerdem Nick Hornbys neuer Roman "Slam", Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung", Irina Liebmanns Biografie ihres Vaters "Wäre es schön? Es wäre schön!", neue Hörbücher und Robert Swicords Film "Der Jane Austen Club".

Die Titelgeschichte "Goethe Reloaded", die online nicht zugänglich ist, widmet sich neuen Goethe-Büchern, unter anderem von Sigrid Damm und von Martin Walser.
Archiv: Literaturen

Spectator (UK), 23.02.2008

Barack Obama ist der neue Othello, glaubt Venetia Thompson. Der Vorwurf, ihm fehle es an politischer Substanz, sei substanzlos und ein Ausdruck der Angst des weißen Mannes vor dem schwarzen Supermann. "Barack Obama wird gefürchtet. Wegen seiner Fähigkeit zu begeistern, seiner Hoffnung für die Zukunft, des Willens zur Veränderung und, um zu Othello zurückzukehren, wegen 'der Gefahr, durch die er gegangen ist'. Dazu zählt nicht der offene Rassismus, dem er als Heranwachsender begegnete und von dem er in 'Dreams from My Father' spricht, oder der Autounfall, bei dem sein Vater und beinahe Obama selbst starb, sondern die Gefahr, das ist der weitaus gefährlichere Mix aus Dinnerparty-Rassismus, der sich hinter einem Schleier aus Wohlwollen tarnt. Der weiße Mann, der fröhlich daherredet, wie wundervoll er Obama findet, dass ein schwarzer Präsident eine tolle Idee wäre und dass er ihn sehr gerne unterstützen würde - aber dass er es leider nicht kann, weil er politisch einfach zu leichtgewichtig ist, zu wenig Kontur hat. Ob seine Furcht für den Rassismus verantwortlich ist oder umgekehrt, darüber sollte man mal sprechen."

Tony Blair möchte EU-Präsident werden. Da gibt es nur ein kleines Problem: "Auf den Straßen von Europa traut man ihm nicht weiter als Sie oder ich spucken können", erklärt Rod Liddle. "Niemand scheint ihn zu wollen, doch gleichzeitig wird sein Sieg als unvermeidlich angesehen. Er ist, wissen Sie, ein großer Kommunikator; er hat Statur. Es wird behauptet, er überbrücke die Teile des Alten und Neuen Europas oder hüpfe zumindest zwischen den zwei Teilen hin und her wie eine Fliege auf einer heißen Herdplatte: die eine Woche offeriert er den Polen Beistand, in der nächsten Woche gibt er ihnen eins aufs Maul. Seine Präsidentschaft ist entweder eine Herausforderung für die französisch-deutsche Dominanz in der EU oder sie gewährleistet erst ihr Überleben; suchen Sie sich was aus. Beide Interpretationen wurden vorgeschlagen und das ist in gewisser Weise Mr. Blairs Triumph als Politiker, dass er alle Dinge für alle Leute ist, während er in Wahrheit gar nichts ist."

Und Douglas Murray unterhält sich mit dem Historiker Michael Burleigh, der gerade eine Kulturgeschichte des Terrorismus veröffentlicht hat: "Blood and Rage".
Archiv: Spectator

Espresso (Italien), 22.02.2008

Der Wahlkampf in Italien ist in vollem Lauf, und Umberto Eco möchte die Kontrahenten, die weider das Blaue vom Himmel versprechen, in seiner Bustina di Minerva an ihre Sterblichkeit erinnern. Bescheidenheit hat Eco von seinem Musiklehrer, dem Salesianerbruder Don Celi gelernt. "Am 5. Januar 1945 bin ich ganz aufgedreht zu ihm hin und meinte: 'Don Celi, ich bin jetzt dreizehn Jahre alt'. Mürrisch kam es zurück: 'Und hast nichts draus gemacht.' Was wollte er mit diesem Retourkutsche erreichen? Das ich in diesem ehrwürdigen Alter nun langsam anfangen sollte, mein Gewisen zu erforschen? Dass ich nicht erwarten könne, für eine simple biologische Tatsache gelobt zu werden? Vielleicht war es nur die piemontesische Haltung, die sich in einer Ablehnung aller Floskeln zeigt, sogar denen der Höflichkeit. Ich glaube aber, dass Don Clei sehr gut wusste und mir beibringen wollte, dass ein Lehrer seine Schüler immer zurückstutzen sollte, um sie nicht über Gebühr aufzustacheln." Berlusconi hat Don Celi offenbar nicht unterrichtet.
Archiv: Espresso
Stichwörter: Umberto Eco, Wahlkampf

La vie des idees (Frankreich), 21.02.2008

Der Historiker Jean-Marc Dreyfus liest für das sehr schön gemachte Internetmagazin La vie des idees mehrere Bücher über den "Holocaust durch Kugeln" in der Ukraine, unter anderem "Porteur de memoires" des Paters Patrick Desbois, der mit eine Equipe junger Leute in die Ukraine reiste, um die Berichte letzter Augenzeugen zu sammeln: Sie "zeigen ihm, wo die Massengräber liegen, sie erzählen ihm, was sie gesehen haben, wenn sie die Massaker erlebt haben. Der Pater interviewt sie sehr ausführlich. Sie sprechen zum ersten Mal und wahrscheinlich auch zum letzten Mal. Hunderte Stunden von Zeugenaussagen sind bereits auf Video festgehalten."

Economist (UK), 22.02.2008

In einem ausführlichen Artikel werden die - sehr langsamen - Fortschritte Hollywoods in Richtung legaler Download-Angebote vorgestellt. Der Durchbruch dieses Vertriebswegs steht keineswegs unmittelbar bevor, aber immerhin tut sich was: "Zweifellos wird Hollywood noch ein paar Jahre brauchen, bis es genau weiß, wie es Filme im Internet anbieten will. In der Zwischenzeit bereiten sich Studios und Läden darauf vor, Film-Download-Kioske einzurichten, die mit Flash-Memory funktionieren. Eine Reihe von Firmen... haben die Download-Zeiten auf wenige Minuten reduziert, Porto Media aus Irland behauptet, sie schafften einen Film in siebzehn Sekunden. Die Idee besteht darin, solche Kioske in Läden, Flughäfen und an Tankstellen zu platzieren. Bei Porto Media werden die Filme auf winzige Geräte geladen, die man dann in eine Docking-Station am Fernseher stecken kann. Die Kioske würden mehr Titel als herkömmliche Videoläden bereithalten und es wäre niemals ein Film ausverkauft."

Besprochen werden unter anderem "Eine Welt ohne Armut", Muhammad Yunus' Buch über soziales Unternehmertum, Tim Harfords "Die Logik des Lebens", eine populärwissenschaftliche Einführung in die ökonomischen Grundlagen des Alltags sowie Nick Davies' Abrechnung mit dem Berufsstand der Journalisten "Nachrichten von der Erdscheibe", die man im Economist etwas zu schwarzmalerisch findet: "Es gibt eine merkliche Sehnsucht nach einem goldenen Zeitalter, das niemals wirklich existiert hat."

In der Titelgeschichte "Castros Erbe" beklagt der Economist die vom Castro-Regime angerichteten Schäden und fordert die Aufhebung des Embargos gegen Kuba.
Archiv: Economist
Stichwörter: Irland, Kuba

Al Ahram Weekly (Ägypten), 21.02.2008

In Kairo hat ein neuer Schönheitssalon für verschleierte Frauen für Aufruhr gesorgt, berichtet Gihan Shahine. Säkulare Medien wettern dagegen, dass etwa christliche Frauen ausgeschlossen werden. Die Besitzerin differenziert. "'Wir haben nie gesagt, dass sie nicht kommen dürfen', sagt Tork. 'Wir haben nur gesagt, dass wir unverschleierten Frauen nicht das Haar machen - ob sie nun Muslime oder Christen sind - weil wir uns nicht an ihrer Sünde beteiligen wollen [dass sie unverschleiert auf die Straße gehen]. Das stammt natürlich alles nicht von uns. Wir haben drei religiöse Gutachten von drei verschiedenen Religionsgelehrten bekommen, bevor wir uns entschieden haben, das zu tun. Es ist doch ganz einfach: in einem chinesischen Restaurant kann man kein Koshari bestellen, und man kann das Restaurant nicht dafür verantwortlich machen, nur eine bestimmte Art von Essen zu servieren.'"

ResetDoc (Italien), 21.02.2008

Im Interview mit Amara Lakhous antwortet Ernesto Ferrero, Chef der Turiner Buchmesse, auf die Boykottaufrufe, die unter anderen von Tariq Ramadan oder Dario Fo lanciert wurden, weil in diesem Jahr Israel das Gastland ist: "Wir laden doch keine Staatsschreiber ein. Ramadan argumentiert rein politisch, während wir uns für die kulturellen Aspekte interessieren. Es scheint, als wüsste er nicht, was eine Buchmesse ist. Dabei war er im letzten Jahr selbst zu Gast, obwohl er eine sehr umstrittene Figur ist. Er konnte frei sprechen und ihm wurde interessiert zugehört. Jetzt sollte er auch andere zu Wort kommen lassen." Zu den Forderungen, auch palästinensische Autoren einzuladen, sagt er: "Wir haben doch Schriftsteller wie Ibrahim Nasrallah, Suad Amiry und Sahra Khalifeh eingeladen. Aber sie haben abgelehnt, mit der Begründung, dass sie nicht die al-Nakba (die Katastrophe der Vertreibung) oder Apartheid feiern möchten. Darum haben wir aber auch nicht gebeten."

Außerdem: Daniele Castellani Perelli schildert, wie sich die Lage um den Boykottaufruf seiner Einschätzung nach darstellt. Und Mohamed Salmawy, Generalsekretär des notorischen arabischen Schriftstellerverbands (mehr hier), droht schon mit "Konsequenzen" für das nächste Jahr, wenn Ägypten dann Gastland der Buchmesse werden soll.
Archiv: ResetDoc

Figaro (Frankreich), 21.02.2008

In einem Gespräch erklärt der italienische Diplomat Maurizo Serra, weshalb er in seinem Essay "Les freres separes - Malraux, Aragon, Drieu face a l'histoire" den Gaullisten, den Kommunisten und den Faschisten als eine zusammengehörende Gruppe porträtiert. "Es sind drei Persönlichkeiten mit sehr starken Affinitäten, die als wechselnde Strömungen wiederkehrten. Denken Sie an die Zeichnung auf dem Umschlag meines Buchs. Am Ende seines Lebens hat Aragon, der den Namen Drieu seit dreißig Jahren öffentlich nicht mehr ausgesprochen hatte, es für nötig befunden, ein Porträt seines Jugendfreunds Drieu zu zeichnen. Was Malraux angeht, so hat dieser viel dafür getan, dass Drieu bei Gallimard neu aufgelegt werden konnte. Vereinfachungen drängen sich auf, sind jedoch zwangsweise reduzierend. Der Eine erklärt sich nicht allein durch Faschismus, der andere nicht allein durch Stalinismus und der Dritte nicht ausschließlich durch Gaullismus. Drieu, Aragon und Malraux durchdringen die gesamte französische und europäische Ideologie des 20. Jahrhunderts."
Archiv: Figaro

Portfolio (USA), 01.03.2008

"The Kurdistan region is Paul Wolfowitz?s wet dream". Der Schriftsteller Denis Johnson ist für Portfolio nach Irakisch-Kurdistan gefahren und staunt nicht schlecht - die Wirtschaft boomt, es gibt so etwas wie Demokratie, und die Amerikaner werden geliebt: "Liebe. Liebe! Investoren fliegen aus allen Richtungen des Globus heran, und Ausländer gibt es in der Stadt Erbil viele, aber wenn man schüchtern erwähnt, dass man Amerikaner sei, dann wird einen der Cafe- oder Ladenbesitzer zur Seite nehmen, in die Arme greifen und mit der leidenschaftlichen Ernsthaftigkeit eines volltrunkenen Onkels sagen: 'Ich spreche nicht nur für mich, sondern für alle Kurden. Bringen Sie bitte die US Army dauerhaft hierher. Sie sind willkommen. Nein, selbstverständlich akzeptiere ich Ihr Geld nicht, bitte nehmen Sie diese Dinge als ein Geschenk an Amerika an.'"

Außerdem: Der Schriftsteller Jay McInerney schwimmt mit den ganz großen Fischen durch die Art Basel Miami Beach.
Archiv: Portfolio